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Full text of "Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden"

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o •' ^i 

FORSCHUNGEN 



ZÜE DEUTSCHEN 



LANDES- UND VOLKSKUNDE 



Di AUFTRAGE DER 



CENTRALKOMMISSION FÜR WISSENSCHAFTLICHE 
LANDESKUNDE VON DEUTSCHLAND 



UERAUSOEOEBEN VON 



D« A. KIRCHHOFP, 

PB0FE880R DER ERDKUNDE AN DER UNIVERSITÄT ZU HALLE. 



SIEBENTER BAND. 

' MIT 8 KARTEN, 8 LICHTDRUCKTAPELN UND 18 TEXTILLÜSTRATIONEN. 



■ ••.— »^^^s»— •• ■- 



^'STUTTGART. 
VERLAG VON J. ENGELHORN. 

1893. 



LSocnii.ls:^ 









Drndi d«r Unloa Deatach« yorUgagweUachmft in Statt^urt. 



Inhalt. 



Seite 

•' 1. Die Volksdichte im Grossherzogthum Baden. Eine anthropo- 
geographifiche Untersuchung, von Professor Dr. Ludwig Neu- 
mann in Freiburg i. B. Mit 2 Karten 1—172 

c 2. Die Verkehrsstrassen in Sachsen und ihr Einflnss auf die 
Städteentwickelung bis zum Jahre 1500, von Dr. A. Simon 
in Auerbach. Mit 1 Karte 173—272 

j 8. Beiträge zur Siedelungskunde Nordalbingiens, von Dr. 

Arthur Gloj in Kiel. Mit 2 Karten und 4 Teztillustrationen . 273—316 

^ 4. Nadelwaldflora Norddeutschlands. Eine pflanzengeographische 

Studie, von Dr. F. HOck in Luckenwalde. Mit 1 Karte . . . 317—372 

o 5. Rügen. Eine Inselstudie, von Professor Dr. Rudolf C^redner 
in Greifswald. Mit 2 Karten, 3 Lichtdrucktafeln und 14 Tezt- 
illustrationen 373—494 



J. 







DIE VOLKSDIGHTE 



IM 



GßOSSHERZOGlTUM BADEN. 



EINE ANTHR0P06E06RAFHISGHE ÜNTERSÜGHÜNa. 



VON 



D« LUDWIG NEUMANN, 

a.o. PROFESSOR DER GEOGRAPHIE AN dSR UNIVERSITÄT FREIBURG I. B. 



MIT EINER HÖHENSCHICHTENKARTE UND EINER VOLKSDICHTEKARTE 

BADENS IN 1 : 300 000. 



"••H$i3S$<-»»»' 



STUTTGART. 
VERLAG VON J. ENGELHORN. 

1892. 



L^oc^lh^S'T 



Drack der Umon Deutsche VerlagsgesellBCbaft in Stuttgart» 



Inhalt. 



Vorwort 

I. Litteraturverzeichnis 

II. Allgemeiner Teil . . 



1. Einleitung: Siedelungen, Volksdichte, Dichtekarten im 

allgemeinen 

2. Aufgabe der vorliegenden Arbeit. Umgrenzung und natflr- 

liehe Gliederung des Gebietes 

8. Klimatische Zustäjade der einzelnen Landesteile . . . 

4. Hydrographische Verhältnisse, besonders der Rheinebene 

5. Geschichtliche Uebersicht der Besiedelung des heutigen 

Badens 

6. Volksverteilung und zahlenmässige Darstellung derselben 

III. Tabellen über die Flächen, Volkszahlen und Volksdichten der 
Landestefle und Höhenstufen 



IV. Spezieller Teil 



1. Die Dichtekarte, ihre Herstellung und Aufgabe 

2. Die Volksdichte der einzelnen Landesteile . . 

A. Fränkische Stufenlandschaften 

B. Odenwald 

C. Kraichgauer Hügelland 

D. Schwarzwald 

a) östlicher 

b) nördlicher 

c) mittlerer 

d) südlicher, und Klettgau 

E. Baar 

F. Die weitere Umgebung des Bodensees . . . 

G. Rheinebene und Kaiserstuhlgebirge . . . . 



Seite 


5 


[5] 


7 


[7] 


11 


[11] 


11 


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19 

28 
42 


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45 
51 


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.51] 



71 [71] 

84 [84] 

84 [84] 

90 [90] 

90 [90] 

9(5 [96] 

101 [101] 

106 [106] 

109 [1091 

113 [113] 

119 [119] 

128 [128] 

139 [139] 

143 [143] 

151 [151] 

V. Schlussbemerkungen 168 [168] 



Vorwort. 



Schon im Jahre 1887, bald nachdem meine Orometrie des 
Schwarzwaldes erschienen war, beschäftigte ich mich mit dem Ge- 
danken, für dieses Gebirge eine Bevölkerungsdichtigkeitskarte zu ent- 
werfen, mit besonderer Berücksichtigung der Höhenlage der Wohnorte. 
Xach mancherlei üeberlegungen, Plänen und Entwürfen entschloss ich 
mich, die Arbeit auf ganz Baden auszudehnen, das mir in der Viel- 
gestaltigkeit seiner Bodenformen und klimatischen Verhältnisse eine so 
seltene Menge von Daseinsbedingungen und damit von Voraussetzungen 
für die verschiedenartigsten Entwickelungsstufen der Siedelungen im ein- 
zelnen und der Volksverteilung im ganzen zu bieten schien, dass es 
sich nach meiner Meinung wohl verlohnen dürfte, die Dichtegrade der 
Bevölkerung auf ihre geographischen Voraussetzungen zu prüfen und 
dabei in erster Reihe den Gesichtspunkt der Höhenlage im Auge zu 
behalten. 

Da die Grundlage der ganzen Untersuchung, die hier beigegebene 
Höhenschichtenkarte im Massstabe von 1 : 300 000, erst neu geschaffen 
werden musste (vgl. S. 23), und da hierzu keinerlei Hilfskräfte 
zur Verfügung standen, da ausserdem meine Zeit durch die früheren 
Verpflichtungen gegen die Schule neben denjenigen gegen die Universität 
sehr stark in Anspruch genommen war, so schritt die Arbeit nicht ge- 
rade rasch voran; doch war im Juli 1889 die Höhenschichtenkarte voll- 
endet, und es konnte nunmehr an die Verarbeitung des statistischen 
Materials gegangen werden. S. 52 ff. geben über die Art und den 
Umfang dieses zweiten Teiles der Arbeit, der gegen VP^eihnachten 1889 
abgeschlossen werden konnte, Aufschluss. Jetzt erst, nachdem also 
auch die Volksdichtekarte fertig vorlag, konnte der vorliegende Text 
geschrieben werden, und damit gelangte ich zum Abschluss kurz vor 
Ostern 1890. 

Die ganze Untersuchung war von vornherein den „Forschungen* 
zugedacht und versprochen ; denn als ein Beitrag zur deutschen Landes- 
und Volkskunde, was sie neben einem Beitrag zur Methodik der Volks- 
dichtekarten sein soll, gehört sie in diese verdienstvolle Sammlung. 



>> Ladwig Neumann, Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. Tg 

Xim stellten sich aber der VeröflPentlichung ganz ungeahnte Schwierig- 
keiten in den Weg, indem die technische Herstellung der beiden vom 
Text nicht zu trennenden Karten allzu grosse Opfer materieller Art 
Ton Seiten des Verlags der , Forschungen* erforderte. 

Das war der Grund, warum die Veröffentlichung sich so lange 
verzögerte, und sie wäre auch jetzt wohl noch kaum möglich geworden, 
wenn nicht das Grossherzoglich badische Statistische Bureau, unterstützt 
vom Ministerium des Innern und demjenigen der Justiz, des Kultus und 
Unterrichts, in grossherziger Weise Mittel flüssig gemacht hätte, um 
die diesen hohen Behörden wertvoll erscheinenden Karten herausgeben 
und somit auch weiteren Kreisen zugänglich machen zu können. 

Für dieses wichtige Entgegenkommen ist der Verfasser den ge- 
nannten Ministerien zu ebenso grossem Dank verpflichtet, wie er ihn 
dem Vorstande des Grossherzoglich badischen Statistischen Bureaus, 
Herrn Geheimerat Dr. Har deck in Karlsruhe, schuldet für die üeber- 
lassung vielfachen offiziellen Zahlenmaterials, für die Vermittlung un- 
entbehrlicher statistischer und kartographischer Hilfsmittel von Seiten 
der Regierungen der Nachbarstaaten, und endlich für seine Bemühungen 
um die Publikation der beiden Karten selbst. 

Während der Verhandlungen über die Art der Veröffentlichung 
ging nun die Zeit bis jetzt dahin. Kleinere Arbeiten und Aufsätze ver- 
wandten Inhalts, die vor 1892 erschienen, konnten im Text ab und zu 
noch nachträgliche Erwähnung finden. Doch verzichtete ich, um die 
Arbeit , so wie sie einmal fertig vorlag , nicht prinzipiell ändern zu 
müssen, und insbesondere in Rücksicht auf die Dichtekarte, die nicht 
mehr geändert werden konnte, darauf, im Text grössere Neueinschal- 
tungen zu machen, wie sie insbesondere durch das Erscheinen von 
Ratzeis Anthropogeographie , II. Teil , vielfach wünschenswert ge- 
worden wären. 

Möge die vorliegende Arbeit, wenn sie auch in ihrer gesamten 
Anlage nicht durchweg mit Ratzeis Ideen übereinstimmt, doch als eine 
geographische im Sinne der modernen Anthropogeographie aufge- 
nommen werden. Möge es ihr auch beschieden sein, anregend zu 
wirken auf dem Gebiete der speziellen Landeskunde, auf dem noch so 
viel zu thun ist und das einer der wichtigsten Grundsteine bildet am 
herrlichen Bau der Geographie. 

Freiburg, August 1892. 

Der Verfasser. 



L üebersiclit der benutzten litteratur. 



1. Ammon, Otto: lieber anthropologische Untersuchungen in Baden. Tage- 
blatt der Heidelberger Naturforscherversammlung von 1889, S. 279 ff. (Der 
Bericht ist bedeutend gekürzt ; der Vortitiff selbst und die ausgestellten Karten 
boten fär die angeregte Frage wesentlich mehr.) 

'2, Ammon, Otto: Verschiedene Aufsätze zur Anthropologie Badens. Beilage 
zur Münchner Allgemeinen Zeitung 1888: Nr. 27. 31. 34. 39; 1890: Nr. 10. 
184. 300. 

3. Andree, R., und Peschel, 0.: Physikalisch-statistischer Atlas des Deut- 
schen Reiches. Bielefeld und Leipzig 1878. Darin Blatt 15: Dichtigkeit 
der Bevölkerung im Deutschen Reiche von J. J. Eettler, 1: 3000000, nebst 
Text, S. 38—43. 

4. Andrian, Freiherr F. v. : Ueber den Einfluss der vertikalen Gliederung 
der Erdoberfläche auf menschliche Ansiedelungen. Mitteil. d. anthropolog. 
Ges. zu Wien, Bd. VI, Nr. 1 u. 2. Wien 1876. 

5. Baden: Das Grossherzogtum Baden in geographischer u. s. w. Hinsicht. 
Karlsruhe 1885. 

6. Baden: Beiträge zur Hydrographie des Grossherzogtums Baden. Heraus- 

gegeben vom Centralbureau für Meteorologie und Hydrographie. 2. Heft: 
de Niederschlagsverhältnisse. Karlsruhe 1885. 3. Heft: Die Korrektion des 
deutschen Oberrheins. Karlsruhe 1885. 

7. Baden: Beiträge zur Statistik der inneren Verwaltung des Grossherzogtums 
Baden. Herausgegeben vom Handelsministerium. Heft 39: Gemeinde- und 
Ortsverzeichnis nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1875. Karlsruhe 1878. 
Heft 44: Berufsstatistik. Karlsruhe 1885. 

S. Baden: Beiträge zur Statistik des Grossherzogtums Baden. Herausgegeben 
vom Statistischen Bureau. Neue Folge, 2. Heft: Die Volkszählung vom 
1. Dezember 1885. Ortsverzeichnis. Karlsruhe 1889. 

9. Baden: Jahresbericht des Gentralbureaus für Meteorologie und Hydrographie 
im Grossherzogtum Baden. Karlsruhe 1883 u. ff. 

10. Baden: Neue topographische Karte vom Grossherzogtum Baden in 1 : 25 000, 
170 Blatt in Kupferstich, 3 Farben und Höhenkurven von 10 zu 10 m. Karls- 
ruhe 1875-1886. 

11. Baden: Statistisches Jahrbuch für das Grossherzogtum Baden. XVU, 1886; 
XX, 1889 ; XXI, 1890. 

12. Baden: Statistische Mitteilungen Über das Grossherzogtum Baden. Bd. V, 
1886/87; Bd. VI, 1888/89; Bd. VII, 1890/91. 

13. Baldow, W.: Ansiedelungen an der mittleren Oder. Diss. Halle 1886. 

14. Becker, F.: Höhenschichtenkarte vom Grossherzogtum Hessen. Heraus- 
gegeben von der grossh. hess. Centralstelle für Landesstati-stik. Darm- 
stadt 0. J. 



8 Ludwig Neumann, Tg 

15. Behm und Wagner: Die Bevölkerung der Erde II; Petermanns Geogr. 
Mitteil. Ergänzungsheft 35, Gotha 1874; daraus besonders wichtig: Behm,. 
Die Verteilung der Menschen über der Erde (S. 91—102); dito IV, Ergän- 
zungsheft 49, Gotha 1876, nebst Karte: Die Dichtigkeit der Bevölkerung in 
Vorderindien. 

16. Behm: Die Landschaften des Deutschen Reiches nach ihrer Volksdichtigkeit. 
Petermanns Geogr. Mitteil. XX, Gotha 1874, S. 1 ff. ; mit Karte. 

17. Berichte: veröffentlicht vom Verein für Sozialpolitik, XLI, 3. Bd.: Aus 
der Hausindustrie im südwestlichen Schwarzwald. Leipzig 1889. Darin: 

a) Muth: Die Bürst^nfabrikation, S. 65—78; 

b) Hubbuch: Die ührenindustrie, S. 79—102; 

c) Schott: Die Holzschnitzerei, S. 103—112. 

18. Bezzenberger, Prof. Dr. A.: Die kurische Nehrung und ihre Bewohner. 
Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde III, 4. Stuttgart 1889. 

19. Bücher: Prof. Dr. Karl, Die Bevölkerung des Kantons Basel-Stadt am 
1. Dez. 1888. Mit 8 Karten. Basel 1890. 

20. Burgkhardt, Dr. J. : Das Erzgebirge. Eine orometrisch-anthropogeogra- 
phische Studie. Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde UI, 3. 
Stuttgart 1888. 

21. Chavanne: Die Verteilung und Bewegung der Bevölkerung Frankreichs 
in ihrer Wechselbeziehung zum Boden des Landes. Deutsche Rundschau 
f. Geographie u. Statistik V. Wien 1883. 

22. Cotta, V. B.: Deutschlands Boden, 2. Ausgabe. Leipzig 1858. 

23. Delitsch, Prof. Dr. : Kartographische Darstellung der Bevölkerungsdichtig- 
keit von Westdeutschland auf Grund hypsometrischer und geognostischer 
Verhaltnisse. Nebst 4 Karten in Buntdruck. Leipzig 1866. 

24. D i e t e r i c i , C. F. W. : Die Bevölkerung der Erde. Petermanns Geogr. Mitteil. 
1859, S. 1 ff. Besonders beachtenswert das Kärtchen von A. Petermann und 
dessen Anmerkung S. 1 u. 2. 

25. Eck, Dr. H.: Geognostische üebersichtskarte des Schwarzwaldes. 2 Blatt 
in 1:200000. Lahr 1887. 

26. F r a a s , Dr. Oskar : Geognostische Wandkarte von Württemberg, Baden und 
Hohenzollem. 1 : 280 000. Stuttgart 1882. 

27. Gelbke, C. : Volksdichte des Mansfelder See- und des Saalkreises. Diss. 
Halle 1887. 

28. Görcke, M. : Beiträge zur Siedelungskunde des Mansfelder See- und des 
Saalkreises. Diss. Halle 1889. 

29. Gothein, Prof. Dr. E. : Die Naturbedingungen der kulturgeschichtlichen 
Entwicklung in der Rheinebene und im Scmwarzwald. Verh. d. VlI. deutsch. 
Geographentages zu Karlsruhe, S. 53—93. Berlin 1887. 

80. Gülden pennig, Dr.: Ueber die Besiedelung der Meerbusen. Progr. 
Pyritz 1883. 

81. Hahn, Prof. Dr. F. G. : Die Städte der norddeutschen Tiefebene. For- 
schungen zur deutschen Landes- und Volkskunde I, 3. Stuttgart 1885. 

32. Hessen: Grossh. Topographische Karte von, 1:50000. Blatt 25—31. 

33. Hoff mann, Prof. Dr. H.: Vergleichende Phänologische Karte von Mittel- 
europa. Petermanns Geogr. Mitteil. 1881, S. 19 ff., sowie Tafel 2. 

34. Honsell, M. : Der natürliche Strombau des deutschen Oberrheins. Verh. 
des VII. deutschen Geographentags zu Karlsruhe, S. 33 — 52. Berlin 1887. 

35. Jansen, Prof. Dr. K. : Die Bedingtheit des Verkehrs und der Ansiedelungen 
der Menschen durch die Gestaltungen der Erdoberfläche, nachgewiesen an 
der cimbrischen Halbinsel. Kiel 1861. 

36. Jans e n , Prof. Dr. K. : Poleographie der cimbrischen Halbinsel. Forschungen 
zur deutschen Landes- und Volkskunde I, 8. Stuttgart 1886. 

37. Jordan, Prof. Dr. W. : üebersichtshöhenschichtenkarte von Baden und 
Württemberg nebst Hohenzollem. 1 : 400 000. 2. Aufl. Karlsruhe 1878. 

38. Kirchhoff, A.: Länderkunde des Erdteils Europa, L Bd., I.Hälfte. Wien 
und Prag 1887. Darin: 

Penck, A. : Das Deutsche Reich. 

39. K h 1 , J. G. : Der Verkehr und die Ansiedelungen der Menschen in ihrer Ab- 
hängigkeit von der Gestaltung der Erdoberfläche. Dresden und Leipzig 1841. 



9] Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 9 

40. Krön es, Prof. Dr. F. v.: Die deutsche Besiedelung der östlichen Alpen- 
länder. Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde III, 5. Stutt- 
gart 1889. 

41. Küster, Dr. Emil: Zur Methodik der Volksdichtedarstellung. Ausland 1891, 
S. 154—158; 166—170. 

42. Küster, Dr. Emil: Die deutschen Buntsandsteingehirge, ihre Oberflächen- 
gestaltung und anthropogeographischen Verhältnisse. Forschungen zur deut- 
schen Landes- und VolksKunde IV, 4. Stuttgart 1891. 

43. Löwl, Prof. Dr. F.: Siedelungsarten in den Hochalpen. Forschungen zur 
deutschen Landes- und Volkskunde II, 6. Stuttgart 1888. 

44. Lüddecke, Dr. R.: Entwickelung der Besiedelung der Vereinigten Staaten. 
Petermanns Geogr. Mitteil. Bd. 34, Gotha 1888, S. 129 ff.; mit Karte. 

45. Mayr, G.: Zur Verständigung über die Anwendung der geographischen 
Methode in der Statistik. Zeitschr. d. Königl. bayr. Statistischen Bureaus. 
München 1871. 

46. Mayr, G.: Gutachten über die Anwendung der graphischen und geographi- 
schen Methode in der Statistik. Zeitschr. des Königl. bayr. Statist. Bureaus. 
München 1874. 

47. Müllner, J. : Die Bevölkerungsdichte Tirols. Bericht des XV. Vereinsjahrs 
des Vereins der Geographen an der Universität Wien. Wien 1889. 

48. Müllner, J. : Die Verteilung der Bevölkerung Tirols nach den Höhen- 
verhältnissen der bewohnten Fläche. Ber. d. XVI. Vereinqahrs d. Geogr. 
a. d. Univ. Wien. Wien 1891. 

49. Näher, J. : Ueber den Kulturzustand des oberen Rheinthaies zur Römer- 
zeit. Zeitschr. f. wissensch. Geogr. IL Lahr 1881. 

oO. Neumann, Prof. Dr. L. : Orometrie des Schwarzwaldes. Geogr. Abhand- 
lungen, herausg. von Prof. Dr. A. Penck, I, 2. Wien 1886. 

51. Neumann, Ptof. Dr. L. : Orometrische Studien im Anschluss an die Unter- 
suchung des Kaiserstuhlgebirges. Zeitschr. f. wissensch. Geogr. Bd. VI. 1889. 

52. Oppermann, Dr. K. : Die Thäler des Taunus und ihre anthropogeogra- 
phische Bedeutung. Jahresber. d. Frankf. Ver. f. Geographie u. Statistik. 
51. u. 52. Jahrgang. Frankfurt 1888. 

53. Penck, Prof. Dr. A. : Der Flächeninhalt der österreichisch-ungarischen 
Monarchie. Sitzungsber. d. Kaiserl. Akad. d. Wissensch. zu Wien, Bd. XCVIH. 
Wien 1889. 

54. Platz, Prof. Dr. Ph. : Geologische Karte des Grossherzogtums Baden in 
1:400000. (Beilage zu: Das Grossherzogtum Baden. Karlsruhe 1885.) 

55. Platz, Prof. Dr. Ph. : Orographisch-geologische Uebersicht des Schwarz- 
waldes. Deutsche geogr. Blätter, herausg. von der Geogr. Gesellschaft zu 
Bremen, Bd. X, Heft 3. 1887. 

56. Ratzel, Prof. Dr. Fr. : Anthropogeographie, 1. Bd., Stuttgart 1882; 2. Bd., 
Stuttgart 1891. 

57. Ratzel, Prof. Dr. Fr. : Höhengrenze und Höhengürtel. Zeitschr. d. Deutsch, 
u. Oesterr. Alpenvereins, Bd. aX. Wien 1889. 

58. R a v n : Statistik Tabelvaerk, udgivet af det Statist. Bur. Ny Raekke, Bd. XII. 
Kjöbenhavn 1857. 

59. Regel, Dr. Fr.: Die Entwickelung der Ortschaften im Thüringer Wald. 
Petermanns Geogr. Mitteil. Ergänzungsheft 76. Gotha 1884. 

60. Rheinstrom, der, und seine wichtigsten Nebenflüsse. Im Aufkrag der 
Reichskommission zur Untersuchung der Rheinstromverhältnisse herausgegeben 
vom Centralbureau f. Met. u. Hydrogr. im Grossh. Baden. Berlin 1889. 

61. Riel, W. H.: Land und Leute. Stuttgart 1861. 

62. Röscher, W. : Die geographische Lage der grossen Städte. Im Neuen 
Reich 1871, Nr. 7. Leipzig 1871. 

63. Schimmer, G. A. : Die Ergebnisse der Bevölkerungsbewegung in Nieder- 
Oesterreich, Tirol und Vorarlberg im Jahre 1885 nach der Höhenlage der 
Wohnorte. Dem IV. intemat. demogr. Kongress in Wien vorgelegt von der 
k. k. Statist. Centralkommission. Wien, Holder, 1887. 

64. Schneider, P.: Die Siedelungen an Meerbusen. Diss. Halle 1882. 

65. Sprecher von Bernegg, H. : Die Verteilung der bodenständigen Be- 
völkerung im rheinischen Deutschland im Jahre 1820. Diss. Göttingen 1887. 



10 Ludwig Neumann, Die Volksdicbte im Grossherzogtum Baden. [10 

66. Steinhauser, A. : lieber Einführung der Quadratminute und Quadrat- 
sekunde als Einheiten des geographischen Flächenmasses bei Ausmittelung 
der Bevölkerungsdichte. MitteiL d. k. k. geogr. Ges. zu Wien. 1863. 

67. Steinhauser, A.: Die Verteilung der Bevölkerung Niederösterreichs nach 
der Höhe der Wohnorte. Blätter d. Ver. f. Landeskunde von Niederöster- 
reich, neue Folge, XIX. 1885. 

68. Steinhauser, A. : Ueber relative Bevölkerung und ihre Darstellung auf 
Karten. Deutsche Rundschau f. Geographie u. Statistik IX, 3. 1887. 

69. Träger, E.: Die Volksdichtigkeit Niederschlesiens. Zeitschr. f. wiss. Geogr. 
Bd. VL Weimar 1888. 

70. T r e n k 1 e , J. B. : Geschichte der Schwarzwälder Industrie. 1874. 

71. Walker, Francis, A. : Ninth Gensus; Vol. IL Statistiks of the population 
of the United States. Compiled from the original retums of the ninth 
census (June, 1, 1870), IV. Washington 1872. 

72. Wagner, Dr. E. : Archäologische Karte des Grossherzogtums Baden. Karls- 
ruhe 1888. 

73. Württemberg, Das Königreich Württemberg. Eine Beschreibung von 
Land, Volk und Staat. Stut^art 1882—1886. 

74. Württemberg, Horizontalkurvenkarte vom Königreich Württemberg, 
1 : 25 000. Herausg. von der Königl. württemb. Eisenbahnbaukommission. 
(Von 600 Blättern etwa 70 fertig.) 

75. Württemberg, Höhenschichtenkarte in l : 200 000, Terrainstufen von 100 m 
Vertikalabstand, 2 Blatt, umfassend die Atlasblätter: 

a) Freudenstadt, Horb, Tübingen, Obemdorf, Balingen, Ehingen; 

b) Schwennin^en, Tuttlingen, Friedingen, Hohentwiel, beide nur im Manu- 

skript, nicht im Druck vorhanden. 

76. Württemberg, Topogr. Atlas in 1:50000, Blatt 14. 15. 16. 2L 22. 23. 
24. 29; ebenfalls mit eingezeichneten farbigen Höhenschichten von 100 m 
Distanz ; Manuskriptkarten. 



n. Allgemeiner Teil. 



1. Einleitung: Siedelungen, Yolksdiehte, Dichtekarten im 

allgemeinen. 

Wenn wir immer wieder und wieder auf längst begangenen Pfaden 
die seit den frühesten Tagen der Kindheit bekannten Gaue d^s Heimat- 
landes durchwandern und dabei auch für die Lage und Art von dessen 
Siedelungen offenes Auge haben, handle es sich nun um ein einsames 
Gehöfte inmitten seiner Ackerfluren, Wiesen, Weiden und Wälder, um 
eine Mahl- oder Schneidemühle am rauschenden Bergbach, um einen 
kleinen Weiler, ein Dorf, ein Landstädtchen oder um eine grössere 
Stadtanlage, so werden wir auf die Frage nach den Gründen, welche 
den ersten Ansiedler zur Wahl gerade dieser jeweils vor uns liegenden 
Oertlichkeit und nicht einer andern in der näheren oder weiteren Umgebung 
für seine Niederlassung bestimmt haben können, nur sehr selten die 
Antwort schuldig bleiben müssen. Ja noch mehr. Wir werden nicht 
nur Gründe für die Zweckmässigkeit der betreffenden Ortswahl anzu- 
geben in der Lage sein, wir werden vielmehr, sobald unser Blick für 
derartige Untersuchungen nur einigermassen geübt, und unsre allge- 
meinen landeskundlichen Kenntnisse umfangreich genug geworden sind, 
bald zu der Einsicht kommen, dass diese Wahl im gegebenen Falle 
die bestmögliche war, d. h. wir werden erkennen, dass jede Einzel- 
siedelung gerade da, wo sie sich findet, besser begründet ist als an 
irgend einer andern Stelle ihrer näheren Umgebung, einzelne Ausnahmen 
natürlich zugegeben. 

Da fast alle Ansiedelungen in dem Gebiete, von dem im folgenden 
allein die Rede sein wird, nach der Zeit ihrer Entstehung auf viele 
Jahrhunderte zurückgehen, so sind naturgemäss auch die Lockmittel, 
welche zu ihrer Gründung führten, sehr einfache. In einem Gebiete, 
dessen Boden ausreichenden Lebensunterhalt für den Ansiedler und seine 
Angehörigen gewährleistet, ist zunächst einer solchen Stelle der Vorzug 
einzuräumen gewesen, welche mehr als andre Schutz gegen die Ele- 
mentargewalten z, B. des Wassers, Schutz gegen schädliche klimatische 



12 Ludwig Neumann, [12 

Einflüsse und Sicherheit gegen räuberische und feindliche Nachbarn 
bot; die Rücksicht auf die Möglichkeit des Verkehrs mag sich bei den 
ersten und ältesten Siedelungen nur in sehr bescheidenen Grenzen Geltung 
verschafft haben. 

Treffen wir auf eng begrenztem Gebiete zahlreiche und in ge- 
deihlichem Zustande befindliche Niederlassungen einander nahe gerückt, 
so schliessen wir niemals fehl, wenn wir dieselben als durch das glückliche 
Zusammenwirken mehrerer oder vieler dieser begünstigenden Umstände 
begründet auffassen, und genaueres Zusehen wird uns diese Gründe 
jeweils offenbaren. Auch die kräftigere Entwickelung aufblühender und 
die weitere Umgebung wirtschaftlich wie politisch beherrschender Haupt- 
orte, soweit diese nicht ihr Bestehen auf den Zufall einer Herrscherlaune 
zurückzuführen haben, findet zumeist in einer Begünstigung durch ört- 
liche Verhältnisse ihre ungezwungene Erklärung. Stets musste eine 
ertlichkeit mit besserer orographischer, hydrographischer und klimato- 
logischer Ausstattung, mit ergiebigerem Boden, an günstigerer Verteidi- 
gungs- und Verkehrslage mehr Ansiedler anziehen und damit besser 
gedeihen als eine weniger gut qualifizierte benachbarte Ansiedelung. So 
mussten sich sehr frühe schon die Hauptunterschiede herausbilden, die 
wir heute noch sehen. Wenn auch nach der Zeit und der Art ihrer 
ersten Anlage nicht wesentlich verschieden, sind doch die einen der 
ursprünglichen Einzelgehöfte oder kleinen Dorfanlagen bis zur Stunde 
solche geblieben, an andern Orten haben sich dieselben zusammen- 
geschart, verdichtet und vergrössert, aus dem Gehöfte wurde ein Weiler, 
aus dem Weiler ein kleines, aus diesem ein grosses Dorf. Eine jegliche 
Kultursteigerung hat zur unumgänglichen Voraussetzung die Volksver- 
dichtung ; wo diese letztere sich vollzog, da musste es bald zur Arbeits- 
teilung, und damit zum Gewerbebetrieb und zum Handel kommen, und 
jetzt erst trat die Rücksicht auf die Mittelpunkte von Gewerbe und 
Handel und auf die Wege des weiterblickenden Verkehrs in den Vorder- 
grund der Siedelungsfrage, während sie zuvor nur eine untergeordnetere 
Bedeutung gehabt hatte. 

Sind auch durch Naturgewalten — Murbrüche, Bergschlipfe, Erd- 
beben, Wasserfluten — , sodann durch Zerstörung im Kriege, auch durch 
freiwilliges Verlassen (Auswanderung) manche ältere Besiedelungen zu 
Grunde gegangen und nicht mehr aufgebaut worden, so ist die Zahl 
dieser Fälle im Vergleich zu der Anzahl der aus alten Zeiten zu uns 
übergekommenen Siedelungen, wenn wir nämlich unsre Betrachtung auf 
Deutschland, und für diese Arbeit speziell auf Südwestdeutschland be- 
schränken, jedenfalls verhältnismässig gering; die Anzahl und Ver- 
teilung der vorhandenen Siedelungen giebt uns daher ein im 
Aeusseren zutreffendes Bild auch von dem ursprünglichen 
Umfang der Besiedelung überhaupt. 

Nach einer Hinsicht allerdings ist dieses Bild nicht genau. Denn 
im Laufe der Geschichte hat sich, wenn auch die Lage und die Zahl 
der Wohnorte von einem gewissen Zeitpunkt ab nicht stark schwankte, 
doch ihre Grösse sehr verändert, bald aufwärts, bald abwärts. Würden 
wir also, um den hier auftretenden Gegensatz uns bildlich vor Augen 
zu führen, auf ein und derselben kartographischen Grundlage die Siede- 



131 I^iG Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 13 

langen etwa am Ende des 13., des 16. und des 19. Jahrhunderts ein- 
tragen, so würden wir im grossen und ganzen für diese in Wirtschafts- 
fülu-ung und Kultur so verschiedenen Epochen dieselbe Karte erhalten. 
Die geographische Verteilung der Siedelungen hat sich in ihren Grund- 
zügen unverändert erhalten. Würden wir aber für die genannten drei 
Zeitpunkte Volksdichtekarten entwerfen, vorausgesetzt, dass uns einiger- 
massen brauchbares Zahlenmaterial zur Verfügung stünde, so erhielten 
wir nicht nur graduell, sondern ihrem inneren Wesen nach verschiedene 
Darstellungen; je weiter wir uns von den Zeiten der ersten, ursprüng- 
lichen Niederlassungen gegen unsre Tage hin entfernen, desto mehr 
treten zu den einstens in erster Reihe massgebenden Gründen der Orts- 
wahl und Ursachen der Ortsentwickelung andre hinzu, die eben selbst 
wieder in der sich langsam steigernden Volksdichte, und von dieser 
bedingt in der schon früh, und je später um so eindringlicher als 
zweckmässig erkannten Arbeitsteilung und in der natumotwendigen 
Herausbildung von Industrie und Handel mit ihren Mittelpunkten und 
Verkehrsstrassen gelegen sind. 

Eine Volksdichtekarte, für welche wir die Bevölkerungs- 
zahlen der Gegenwart zu Grunde legen, muss daher, wenn sie anders 
nach geographisch richtigen Gesichtspunkten entworfen ist, die Ver- 
teilung der Bewohner eines Landes nach Massgabe der sie 
bedingenden natürlichen Ursachen zur Anschauung bringen, 
Ursachen, welche zum Teil seit den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart 
fortwirken — diese sind in erster Reihe zu erkennen in der räumlichen 
Verteilung der Siedelungen — , und andere, welche erst später, vielleicht 
erst in der Gegenwart hinzugekommen sind, also wesentlich die neu- 
zeitliche Ausgestaltung des Fabrikbetriebes in Technik und Industrie 
und der grossartige, moderne Verkehr; diese finden ihren beredten Aus- 
druck in der Volkszahl der Siedelungen 

Die Siedelungslehre, als deren Begründer wir wohl in Rücksicht 
auf zahlreiche seiner Hinweise auf die Naturbedingtheit der Anlage und 
Geschichte menschlicher Niederlassungen Karl Ritter ansehen dürfen, 
ist in unsern Tagen vielfach gepflegt und neuerdings in manchen wert- 
vollen Einzelbeiträgen gefördert worden. Es möge hier nur an die 
Werke und Arbeiten von von Cotta, Kohl, Ratzel, Riel; Baldow, 
Bezzenberger, Görcke, Gtildenpennig, Hahn, Jansen, Löwl, 
Regel, Röscher, Schneider u. a. m. erinnert werden, wobei noch 
zu bemerken ist, dass diese Liste durchaus keinen Anspruch darauf 
erhebt, vollständig zu sein. Die Titel der hierher gehörigen Veröffent- 
lichungen der genannten Verfasser sind in dem Litteraturverzeichnis 
S. 7 — 10 genau angegeben. 

Der vorliegenden Arbeit ist nun nicht das Ziel gesteckt, nach dem 
Muster von Kohl und im Sinne von Hahn oder Regel für jede 
Einzelsiedelung oder jede Siedelungsgruppe Badens die Ursachen auf- 
zudecken, welche geschichtlich erwiesenermassen zu ihrer Gründung 
geführt oder ihr mehr oder weniger lebhaftes Aufblühen bewirkt, oder 
welche, wenn die Geschichte uns im Stich lassen sollte, nach dem 
Gesamtbilde ihrer Lage und Anlage ihr zu Dasein und Blüte verholfen 
haben können. Eine derartige, gewiss sehr verdienstliche Arbeit liegt 



14 Ludwig Nenmann, [14 

nicht in der Absicht des Verfassers. Derselbe hat sich vielmehr eine 
andere, allgemeinere Aufgabe gestellt, welche wesentlich in der Her- 
stellung und kritischen Beleuchtung einer Volksdichte- 
karte seines Heimatlandes besteht. Dass diese Arbeit keine kleine und 
uninteressante sei, möge den folgenden Blättern darzuthun gelingen! 

Unter Bevölkerungsdichtigkeit oder Volksdichte, auch relativer 
Bevölkerungszahl eines Gebietes verstehen wir bekanntlich die durch- 
schnittliche oder mittlere Zahl der Bewohner auf der Flächeneinheit, 
am bequemsten also auf dem Quadratkilometer. Dieselbe findet sich 
mühelos als Quotient der absoluten Volkszahl des zu untersuchenden 
Gebietes durch den Flächeninhalt, und hiemach ist ihre Ermittelung 
eine ganz elementare Rechnungsoperation. So hat nach der Volks- 
zählung vom 1. Dezember 1885 das Grossherzogtum Baden bei 
15081,20 qkm und 1601255 Einwohnern eine Volksdichte von 106 
pro qkm ^), das Königreich Sachsen eine solche von 212, Mecklenburg- 
Strelitz 34, Belgien 200, Russland 16 u. s. w. Schon derartige einfache 
Angaben haben ihren Wert; denn sie bilden einen bequemen zahlen- 
mässigen Ausdruck der anthropogeographischen Wirkungen gewisser, 
allbekannter Verhältnisse; ohne Nötigung und Zwang denken wir bei 
vorstehender Zahlenreihe an die reichen Bodenschätze und die gewaltig 
entwickelte Industrie Belgiens und Sachsens, an die klimatischen Schärfen 
Russlands, an den Gegensatz von Klima, Bodenform, Bodenbebauung 
und Verteilung des Grundbesitzes in Süd- und Norddeutschland. 

Eine Dichtigkeitskarte des Deutschen Reiches, in welcher die 
relativen Volkszahlen der 26 Einzelstaaten durch verschiedene Farben 
angedeutet wären, würde mit einem Blick gewisse der oben bezeichneten 
Gegensätze zur Anschauung bringen und gewisse Hauptgrundlagen des 
Volkstums in Klima, Bodenform, Bodenbeschafi^enheit u. s. w. in ihren 
ursächlichen Zusammenhängen hervortreten lassen. Aber doch nur sehr 
unvollkommen I Denn die politischen Grenzen umschliessen zumeist 
überaus verschiedenartige Gebiete, aber keine geographischen Einheiten. 
Ausserdem kommt in den angeführten Fällen bei der grundverschiedenen 
Grösse der 26 Einzelstaaten hinzu, dass wir bei den kleinen und kleinsten 
derselben in unsem Relativzahlen recht spezielle, bei den grösseren und 
grössten sehr verallgemeinerte Werte vor uns haben, so dass beide 
Gruppen überhaupt kaum miteinander verglichen werden können. 
Diesem Uebelstande lässt sich aber abhelfen und ist oft abgeholfen 
worden, indem man nicht die Staaten als Ganzes sich gegenüberstellt, 
sondern deren kleinste Verwaltungseinheiten, die Kreise, Bezirke oder 
Aemter, d. h. im allgemeinen gleichartige und gleichwertige Grössen, 
bei denen eine vergleichende Gegenüberstellung zulässig erscheint. 

Bis zu einem gewissen Grade lässt sich diesen politischen Einheiten 
wenigstens im Flachlande auch die geographische Homogenität nicht 
absprechen ; (eine Volksdichtekarte mit Zugrundelegung der Bezirke wird 
also die Verteilung der Bevölkerung wohl schon besser darstellen, sie 
wird schon zu anschaulicheren und überzeugenderen Ergebnissen führen ; 



*) Am 1. Dezember 1890 war die Volkszahl in Baden auf 1656817 Ein- 
wohner, die Dichte also auf 110 (genau auf 109,86) gestiegen. 



15] I^ie Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 15 

allein die wirkliche, natürliche Yolksverteilung kann sie eben doch noch 
nicht geben, yielmehr wird sich ihre Darstellung von derselben um so 
weiter entfernt halten, je weniger sich die Bezirkseinteilung an die 
natürlichen Bodenformen und Elimabedingungen anzuschmiegen ver- 
standen hat, je weniger die Verwaltungseinheiten geographische Ein- 
heiten, d. h. natürlich begrenzte Länderindiyiduen sind. 

Zwei Beispiele, die dem im folgenden zu behandelnden Stoffe 
entnommen sind, mögen das ausführlicher darthun. Im Kreise Eonstanz 
liegt das Bezirksamt Engen mit einer mittleren Volksdichte von 55 auf 
das Quadratkilometer. Dieser politische Bezirk breitet sich quer durch 
das fruchtbare Gebiet des Hegaus und über den unwirtlichen Rücken 
des Jura hinüber bis zum Donauthal und an dessen Nordgehänge aus. 
Er umfasst also vier nach Bodenbeschaffeuheit , Höhenlage und Klima 
verschiedene Teile, deren Volksdichte, wie sich später (S. 75 ff.) er- 
geben wird, der Reihe nach 88, 45, 122, 43 beträgt. Aus dem nach 
der politischen Umgrenzung gewonnenen Mittelwert 55 können wir aber 
auf die wirkliche Verteilung der Bevölkerung gar keinen Schluss ziehen. 
Dasselbe lässt sich an einem beliebigen derjenigen Bezirke zeigen, 
welche Gegenden der Rheinebene und des Schwarzwaldes zugleich um- 
fassen. Nehmen wir z. B. Achern (gegenüber von Strassburg); der 
Mittelwert der Volksdichte ist hier 124, aber die freie Rheinebene hat 
119, der Gebirgsfuss und die unteren Thalmündungen 276, die Schwarz- 
waldvorhügel 208, das Gebirge selbst von unten nach oben in Stufen 
von 100 zu 100 m 76, 45, 22, 10, 4, 0. 

Diese Beispiele genügen zu dem Erkenntnis, dass man, sobald es 
sich um eine — kurz gesagt — wissenschaftliche Volksdichtekarte 
handelt, auf die Zugrundelegung der Verwaltungsbezirke verzichten 
muss. Das ist eine verhältnismässig schon lange gewonnene Einsicht, 
aber trotzdem ist, weil eben alles statistische Urmaterial, die Volks- 
zahlen wie die Flächeninhalte, an die Verwaltungsbezirke geknüpft und 
von ihnen nur überaus mühsam loszuschälen ist, der Versuch noch nicht 
gerade oft und folgerichtig durchgeführt worden, unter völliger Be- 
freiung von politischen und Verwaltungsgrenzen eine Volksdichtekarte 
herzustellen. Oder, um das Kind beim richtigen Namen zu nennen, es 
ist verschiedenfach ähnliches wie soeben ausgesprochen worden, es wurde 
gegen die Zuhilfenahme politischer Rücksichten zu unsem Zwecken 
geeifert, um dann schliesslich durch irgend ein Hinterpförtchen dieselben 
doch wieder aufzunehmen und zur Grundlage der Arbeit zu machen. 
Für unser Gebiet ist in dieser Hinsicht zunächst zu erwähnen die 
Arbeit von Delitsch: „Kartographische Darstellung der 
Bevölkerungsdichtigkeit von Westdeutschland auf Grund 
hypsometrischer und geognostischer Verhältnisse. Nebst 
4 Karten in Buntdruck. Leipzig 1866." 

Ausgehend von der reichen geognostischen und orographischen 
Gliederung Deutschlands und anschliessend an die Wort« Cottas: „Der 
Boden, den wir bewohnen, ist nie ohne Einfluss auf unsre Zustände 
und Sitten; er ist eine der unveränderlichsten Ursachen der nationalen 
Entwickelung,* stellt sich der Verfasser die Aufgabe darzuthun, wie die 
Bevölkerungsdichtigkeit in natürlichem Zusammenhang mit Bodenhöhe, 



Xg Ludwig Neumann, MO 

Bodenform und geoguostischer Beschaffenheit steht. Im Berichte fiber 
die herzustellende Dichtekarte bespricht er sodann die einzuschlagenden 
Wege, von denen der erste, nämlich die Zerlegung in Einzelgebiete 
von mathematischer Form, als ganz ungeeignet sofort fallen gelassen 
wird; der zweite Weg, die Abgrenzung der Bezirke nach den Höhen- 
verhältnissen oder den geognostischen Formationen, wird in üeberein- 
stimmung mit Steinhauser zwar als lohnend durch die Resultate, die 
er liefert, aber als mühsam, zeitraubend und am wenigsten lukrativ 
bezeichnet. Durchgeführt wird diese zweite Methode trotz des Titels 
der Arbeit nicht, vielmehr wird die Volksdichte einfach nach politischen 
Bezirken oder nach Gruppen von solchen ermittelt. Wenn nun auch 
Delitsch durch die Art seiner Gruppierung natürlich Zusammengehöriges 
zu verbinden, natürlich Getrenntes auseinander zu halten suchte, so 
konnte das nach der gewählten Grundlage nur sehr unvollkommen 
gelingen. Die Dichtekarte zeigt nirgends einen inneren Zusammenhang 
mit der Höhenschichten- oder mit der geognostischen Karte. Es ist 
auf ihr z. B. unmöglich, Schwarzwald und Rheinebene zu trennen; 
denn die Dichtigkeitsgebiete gehen vom Rhein quer durch die Ebene 
bis zum Kamm des Gebirges oder über denselben hinüber; die Fläche, 
welche in der Umgebung von Karlsruhe mit einem einzigen Dichtigkeits- 
grad bezeichnet ist, umfasst vollständig unbewohnte Buntsandsteinhoch- 
flächen im Schwarzwalde neben dicht bevölkerten Thalgründen und Ebenen. 
Dasselbe gilt für alle andern seiner Flächen ebenso, die Karte entspricht 
daher jedenfalls nicht dem ihr vom Verfasser gesetzten Ziel, wobei aber 
zu bemerken ist, dass der die Karte begleitende Text in Auffassung 
und methodischer Anordnung diese Mängel so viel als möglich auszu- 
gleichen bemüht ist. 

Wie schon bemerkt, hat sich Delitsch nicht für die oben nur kurz 
angedeutete Art der Dichtigkeitsbestimmung mittels regelmässiger, Fi- 
guren, in welche das ganze zu untersuchende Gebiet eingeteilt wird, 
erwärmen können. Später ist diese Methode mehrere Male an- 
gewendet worden, nämlich von Kettler auf einem Teil seiner Dichte- 
karte des Deutschen Reiches (Text zum physikalisch- statistischen Atlas 
des Deutschen Reiches, S. 41), wo für Quadrate von je 4 Quadratminuten 
Inhalt die relative Dichte berechnet wird, von Gelbke (S. 5 ff.), der 
ein regelmässiges Sechseck von 7,2 qkm Flächeninhalt zu Grunde legt, 
und von Träger (S. 169 ff.), der ein Quadrat von 5 km Seitenlänge 
als Einheit benutzt. Selbstverständlich sind diese regelmässigen Figuren 
nur Mittel zum Zweck; ist für jede derselben die Dichte bestimmt, so 
werden diejenigen mit gleicher Dichte zusammengefasst und die so er- 
haltenen Gebiete durch „Kurven" umschlossen, welche nun so weit als 
möglich verallgemeinernd unter selbstverständlichem Verzicht auf die 
Form des Polygons sich an das Bodenrelief anzuschmiegen suchen. 
Sicherlich kommt man so unabhängig von der Verwaltungseinteilung 
zu Dichtegebieten, bei denen aber die Grösse, Lage und Gestalt der 
ursprünglichen Einheiten und die dem subjektiven Ermessen grossen 
Spielraum lassende Kurvenziehung eine gewisse Vorsicht in der Sclüuss- 
beurteilung auferlegt. 

Wir wenden uns nun zu einer Reihe von Arbeiten und Karten, 



171 Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 17 

welche alle die Grenzen ihrer Dichtigkeitsgebiete durch „Kurven" 
ziehen, die ihrerseits in der verschiedensten Art und Weise zu stände 
kommen. Die Geschichte und Litteratur der neueren Dichtigkeitskarten 
hängt aufs engste mit den Fortschritten zusammen, welche in der 
Legung der Kurven gemacht wurden. Zeitlich geordnet sind die wich- 
tigsten einschlägigen Arbeiten (vgl. Litt.-Verz. S. 7 — 10) diejenigen von 
Ravn, Steinhauser, Walker, G. Mayr, Behm und Wagner, Behm, 
Kettler, Sprecher von Bernegg, Lüddecke. Da besonders Kett- 
ler und Sprecher von Bernegg diese Geschichte ausführlich mit- 
teilen, soll dieselbe hier nicht nochmals erörtert werden ^), vielmehr sei 
nur kurz darauf hingewiesen, dass, „indem man die für möglichst kleine 
Verwaltungsbezirke ausgerechneten und auf die Karte aufgetragenen 
Dichtigkeitsziffern nur als Handhabe benutzte, um danach erst durch 
das Zeichnen der Kurven sich von den administrativen Grenzen los- 
zusagen, man es erreichte, die wirkliche geographische Verteilung der 
Bevölkerung, je nach der Grösse des Massstabes mit entsprechender 
Generalisierung, wiederzugeben ** . 

Die Hauptsache bei der Methode des Kurvenzeichnens ist bei 
Behm, Kettler und Sprecher von Bernegg das eingehende Studium 
zuverlässiger Terrainkarten — Sprecher benutzt sogar nur topographische 
Karten — um die Wohnorts- und Volksverteilung möglichst den Boden- 
verhältnissen anzupassen und nach diesen die Dichtigkeitsgrade ab- 
zustufen. 

„Bei der Bestimmung des Dichtigkeitsgrades gab die Dichtigkeits- 
ziffer des Bezirks direkt die Farbe an, da wo es sich um weite Gebiete 
von gleichmässiger Dichtigkeit handelte. In der Mehrzahl der Fälle 
aber, wo nämlich der Bezirk von mehreren Kurven geschnitten wird, 
gewährte jene Ziffer nur den ersten Anhaltspunkt, die wirkliche Dichte 
mit annähernder Sicherheit direkt aus der topographischen Karte heraus- 
zulesen. Hier tritt nun die letztere in ihrer Bedeutung für unsre 
Zwecke scharf hervor . . . Damit aber die hierbei nicht zu vermeidenden 
Fehler nach oben und unten auf möglichst enge Grenzen beschränkt 
würden, bildete eine Rechenprobe den Schluss.* (Sprecher S. 12.) 
Diese Probe wird an dem Beispiel des württembergischen Oberamtes 
Wangen im Algäu durchgeführt; sie scheint so bezeichnend, dass sie 
hier ausführlich mitgeteilt werden soll. 

„In dem genannten Bezirk lässt es das Studium der topographi- 
schen Karte rätlich erscheinen, fünf verschiedene Dichtigkeitszonen zu 
unterscheiden, für welche sich bei Abschätzung der Flächen und nach 



*) Nachdem die Höhenschichten- und Volksdichtekarte, welche diesen Unter- 
suchungen zu Grunde liegen, seit mehr als Jahresfrist vollendet waren und auch 
der vorliegende Text längst seinen Abschluss gefunden hatte ^ stiess, wie im Vor- 
wort bemerkt, die Veröffentlichung auf unerwartete Schwierigkeiten. In der Zeit, 
welche bis zur endlichen Drucklegung verstrich, erschien der Aufsatz von Dr. Emil 
Küster: Zur Methodik der Volksdichtendarstellung, Ausland 1891, S. 154 — 158, 
166—170, welcher ebenfalls ausführlich auf die Geschichte und Theorie der Dichte- 
karten eingeht und manchen Gesichtspunkt giebt, der von grossem Wert ist. Ich 
verweise hier gerne auf diese Kü st ersehe Untersuchung und ihre zahlreichen 
Litteraturangaben , welche mancher einschlägigen Arbeit gedenken, auf die oben 
keine oder nur nebensächliche Rücksicht genommen ist. 

ForBcImngen zur deutschen Landes- und Volkskunde. VIT. 1. 2 



18 Ludwig Neumann, [18 

Bestimmung des Dichtigkeitsgrades für dieselben folgende absolute 
Werte ergeben: Von Ost nach West folgen 

50 qkm mit dem Dichtigkeitston — 20, also ungefähr 10, giebt 500 Einwohner, 

20 , , , , 80-100, , . 90, , 1800 

100 „, , „ 40— 60, , , 50, , 8000 

40 , , , „ 20— 40, , „ 30, . 1200 

40 , , , , 60— 80, , . 70 . 2800 

zusammen 310 qkm und 14300 Einwohner. Da nun die wirklichen 
ZifiPem 360 qkm und 18000 Einwohner sind, so ist Areal sowohl als 
Dichtigkeit zu niedrig geschätzt. Ein erneutes Zurateziehen der topo- 
graphischen Karte bestimmt mich indes, den Verlauf der Kurven, bis 
auf einige unbedeutende Aenderungen im Südwesten, sowie die an- 
genommenen Dichtigkeitstöne beizubehalten, so dass zur Korrektur nur 
eine verbesserte Abschätzung der Flächen übrig bleibt. Es ergeben 
sich nunmehr für die Dichtigkeitsstufe von 

40—60 : statt 160 190 qkm, also 9500 Einwohner, 
60—80: , 40 50 , , B500 

Die oben durch Rechnung gewonnene Summe von 310 qkm und 
14 300 Einwohnern erhöht sich somit auf 350 qkm und 16500 Ein- 
wohner. Der noch verbleibende Fehler von 10 qkm und 1500 Ein- 
wohner kann he\ der Dehnbarkeit der wirklichen Dichtigkeit innerhalb 
der von 20 zu 20 fortschreitenden Zonen vernachlässigt werden, ohne 
dass zu besorgen ist, dass das Gesamtbild der Dichtigkeit des Bezirks 
und der ganzen Landschaft von der Wirklichkeit sich allzusehr entfernt. 

Bei dieser Methode liegt der Schwerpunkt durchaus auf geo- 
graphischem Gebiet, in der topographischen Karte, und dem statistischen 
Material fallen nur Hilfsdienste zu.'' 

Die Methoden des Kurvenziehens, welche „dem individuellen Moment 
einen überaus breiten Spielraum lassen*^, können jedenfalls nicht als genau 
in zahlenmässigem Sinn bezeichnet werden. Ist doch in obigem Beispiel 
Sprechers der Fehler in der Schlusssumme der Flächen 2,8 ®/o, in der- 
jenigen der Einwohner 8,3 %. Und dabei ist, entsprechend dem grösseren 
Kartenmassstab, Sprecher jedenfalls viel sorgfältiger vorgegangen alsBehm 
und Kettler, die nur Uebersichtskarten, aber keine topographischen für 
das Studium des Terrainbildes zu Rate gezogen haben. Wie weit die drei 
Bearbeiter die Volksverteilung als eine naturgemässe zur Darstellung 
brachten, zeigt ein Vergleich der Karten (Behm 1874, 1:3 700000; 
Kettler 1878, 1:3000000; Sprecher 1887, 1:1000000) auf den ersten 
Blick. Während bei Behm sich kein einziges der dicht bevölkerten 
Schwarzwaldthäler aus der menschenleereren gebirgigen Umgebung ab- 
hebt, ebensowenig das Neckar-, Main- und Tauberthal; während die 
Bodenseeufer ebenso dünn bevölkert erscheinen wie z. B. Randen und 
Jura, ist bei Kettler allerdings schon ein grösseres Eindringen in die 
topographischen Einzelheiten zu erkennen; Bodenseeufer und Kinzig- 
thal treten in ihrer Bedeutung hervor, aber Neckar-, Main- und Tauber- 
thal nicht; dagegen erscheint die Rheinebene in ihrer gegenüber der 
einfachen Darstellung bei Behm weit getriebenen Spezialberücksichtigung 
der Einzelzustände vollständig falsch aufgefasst. Sprecher kommt mit 



19] Die Volksdichte im Grosaherzogtum Baden. 19 

seiner steten Betonung der topographischen Karte der absoluten Wahr- 
heit viel näher als seine Vorgänger, besonders in den Einzelteilen der 
Ebene und am Gebirgsrand, der bei ihm zum erstenmal in seiner ganzen 
Bedeutung hervortritt. Sehr mangelhaft sind dagegen auch hier noch 
die inneren Gebirgslandschaften aufgefasst, die überall die etwas freie 
Behandlung des statistischen Urmaterials und trotz aller topographischen 
Karten ein mangelndes Eingehen auf Höhenverhältnisse und geologischen 
Bau durchblicken lassen. 

Trotzdem soll der Sprecherschen Arbeit die verdiente Anerkennung 
nicht vorenthalten werden. Sie ist nach all ihren Vorläufern ein höchst 
wertvoller ^^Beitrag zur Anthropogeographie des südwestlichen und west- 
lichen Deutschlands*^, aus dem gewiss sehr viele reichliche Anregung 
geschöpft haben ^). Und speziell das eine darf hier nicht verschwiegen 
werden, dass, abgesehen von dem in den allgemeinsten Grundzügen 
schon seit Jahren gehegten Plan, gelegentlich einmal der Frage nach 
der Abhängigkeit der Volksdichte von der Höhe näherzutreten, die 
Sprechersche Arbeit in erster Reihe dazu Veranlassung gegeben hat, 
diesen Plan so auszuführen, wie es in der hier vorliegenden Arbeit ge- 
schehen ist. 



2. Aufgabe der vorliegenden Arbeit. Umgrenzung und natürliche 

Gliederung des Gebietes. 

Die Aufgabe, deren Lösung hier versucht wird, ist die folgende: 
Wie verteilt sich die gegenwärtige Bevölkerung des 
Grossherzogtums Baden unter dem Einfluss der orographi- 
schen und hydrographischen Lage, der Höhe, des Klimas, der 
Bodenbeschaffenheit und Bodenbebauung, endlich unter Be- 
rücksichtigungdergrossen Verkehrsstrassen und der modernen 
Ausgestaltung der Grossindustrie? 

Nach dem Wortlaute dieser Fragestellung erwächst dem Verfasser 
zuvörderst die Pflicht, sich gegen den naheliegenden Vorwurf zu recht- 
fertigen, es Verstösse gegen frühere Ausführungen, wenn er die Be- 
völkerungsdichtigkeit eines Staates, nämlich des Grossherzogtums 
Baden, zum Gegenstand der Untersuchung mache, da bei einer der- 
artig bestimmten Aufgabe die Rücksichtnahme auf politische Grenzen 
nicht umgangen werden kann. Das ist, soweit nämlich nicht* der 
Bodensee und Rhein die wenigstens mit einigem Recht als natürlich 
zu bezeichnende Landesgrenze bilden, richtig. Allein das Missliche, 
was auf diese Weise den folgenden Untersuchungen immerhin anhaften 
mag, wird dadurch auf ein verschwindendes Mass beschränkt, dass dem 
Verfasser vom ganzen Gebiet des Landes eine beinahe vollständig zu 
nennende Kenntnis aus eigener Anschauung zur Verfügung steht, wäh- 
rend das von den Nachbarstaaten nicht in demselben Grade gesagt 



*) Auch Küster sagt a. a. 0. S. 169: Dass die Sprechersche Karte den 
Anforderungen, die wir an eine vollkommene Volks dich tekarte glaubten stellen 
zu müssen, am besten entspricht, leuchtet ein. 



20 Ludwig Neumann, [20 

werden kann, obschon die anstossenden Grenzgebiete aer Schweiz, des 
württembergischen und hohenzoUerischen Oberschwabens sowie des 
hessischen Odenwaldes als mehrfach von ihm durchstreift bezeichnet 
werden dürfen. Die Autopsie ist aber mit Recht als eine sehr wich- 
tige, in weitaus den meisten Fällen sogar als eine unentbehrliche Vor- 
aussetzung der geographischen, ganz besonders der landeskundlichen 
Litteratur zu betrachten, und es stünde um diese letztere vielleicht 
vielfach besser in Bezug auf ihre Gründlichkeit und Zuverlässigkeit, 
wenn manche Ergebnisse gelehrter Citate durch diejenigen eigenen 
Waiderns und Sehens ersetzt würden. Dieser Gesichtspunkt wirkte 
mit bestimmend auf die Beschränkung der vorliegenden Arbeit auf das 
Gebiet, dem sie gewidmet ist. 

Dazu kommt sodann noch ein weiterer Punkt. Das Urmaterial 
für Volksdichtestudien liegt, man mag die Sache anfassen wie man 
will, in der Statistik und in der Karte. Nun sind aber die Original- 
werte der statistischen Aufzeichnungen in den einzelnen Ländern viel- 
fach nach recht verschiedenen Gesichtspunkten gewonnen, verarbeitet 
und veröffentlicht, so dass es sich, da diese Urmaterialien für eine und 
dieselbe Untersuchung nach der ganzen Art ihres Ursprungs und ihrer 
Zusammenstellung möglichst einheitlich sein müssen — es wird das 
im folgenden besonders für die Wohnorte von Wichtigkeit sein — , 
empfahl, die Arbeit auf ein Gebiet zu beschränken, von dem völlig 
einheitliche statistische Werte zur Verfügung standen, also auf den 
einen politischen Staat Baden. Doch wurde, während also Text und 
Tabellen nicht über die Landesgrenzen hinausgehen, auf der Dichte- 
karte wenigstens versucht, die nächstliegenden Gebiete der Schweiz, 
Württembergs, HohenzoUerns, Hessens und Bayerns auf Grund der G e- 
meindebevölkerungszahlen mit zu berücksichtigen. Es konnte 
so das Gesamtbild anschaulicher gemacht werden. 

Und da die Dichtekarte die einzelnen Dichtegrade doch nur in 
grösseren Zwischenräumen zur Darstellung bringen kann, von 25 zu 
25 oder 50 zu 50 Einwohnern auf den Quadratkilometer, so besitzen 
die graphisch dargestellten, gemeindeweise gewonnenen Dichte werte 
der anstossenden Nachbargebiete genügende Genauigkeit. Auch für 
diese Regionen bis auf die Wohnorte zurückzugehen, dazu mangelte 
dem Verfasser, der all das gewaltige Karten- und Zahlenmaterial allein 
bewältigen musste, die Zeit. 

Bezüglich der kartographischen Grundlagen ist das Folgende zu 
bemerken : 

Für Baden hat man seit wenig Jahren in dem neuen topographi- 
schen Atlas in 1:25 000 ein prachtvolles, einheitliches Kartenwerk zur 
Verfügung, das insbesondere für die vorliegende Arbeit, in welcher der 
Höhenlage der Ansiedelungen ein ganz besonderes Augenmerk ge- 
schenkt werden soll, durch seine farbigen Höhenkurven von 10 zu 10 m 
eine unentbehrliche Voraussetzung war. Für Württemberg liegt eine 
gedruckte Höhenschichtenkarte nicht vor; die von der königl. württem- 
bergischen Eisenbahnbaukommission (bezw. von Oberbaurat von Mor- 
lok) bearbeitete und lierausgegebene Horizontalkurvenkarte in 1 : 25 000 
erscheint so langsam, dass erst etwa der achte Teil der Blätter vollendet 



21] Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 21 

ist. Ein gleicbmässiges Hinausgehen über die badischen Qrenzen war 
hiemach ein Ding der Unmöglichkeit (vgl. auch S. 20). 

Endlich fällt noch entscheidend in die Wagschale, dass sich das 
Grossherzogtum Baden infolge seiner reichen orographischen und geo- 
logischen Gliederung auf das denkbar einfachste und naturgemässeste 
in eine grössere Anzohl von deutlich hervortretenden und klar von- 
einander zu trennenden Länderindividuen mit den verschiedensten Natur- 
bedingungen zerlegen lässt, die nun, jedes einzelne für sich, als streng 
typisch für die Ansiedelung gelten können. Ihre gegenseitige Ab- 
grenzung aber kann überall ausschliesslich nach geographischen Ge- 
sichtspunkten durchgeführt vrerden, ohne dass auch nur an einer 
einzigen Stelle auf politische oder administrative Grenzen Rücksicht 
genommen zu werden braucht. Dass die so gewonnenen natürlichen 
Landesteile jeweils auf einer Seite an einen Nachbarstaat grenzen, 
thut der Allgemeinheit der Betrachtung und ihrer Resultate keinen 
Eintrag. 

Es wird im ganzen Verlauf der vorliegenden Arbeit innerhalb 
der natürlichen Gebiete, wie sie sich als Grundlage der verschiedenen 
Stufen der Volksdichte herausschälen, und in der Art, wie die Dichtig- 
keitsgrade ermittelt werden, nirgends auf die administrative Einteilung 
zurückgegangen werden; die beigegebene Volksdichtekarte ist also, 
ganz wie Behm, Kettler, Sprecher und Träger es anstrebten, nur 
der Ausdruck des Einflusses der natürlichen Voraussetzungen auf die 
Zahl der Landesbewohner. 

Durch diese kurzen Bemerkungen möge die Beschränkung der 
Arbeit auf ein politisch begrenztes Ländergebiet gerechtfertigt er- 
scheinen. 

Die beiliegende Dichtekarte sollte vor allem die Verteilung der 
Bevölkerung nach der Höhenlage zur Anschauung bringen. All- 
gemeine Gesichtspunkte über die Abhängigkeit des Menschen nach 
Volkszahl und Kultur von der Höhenlage der Wohnorte sind mehrfach 
entwickelt worden. 1876 hat Andrian (vgl. Litt.-Verz.) sich ganz 
speziell mit dem Einfluss der vertikalen Gliederung der Erdoberfläche 
auf menschliche Ansiedelungen beschäftigt und über die Ortswahl der 
frühesten Ansiedler in Tief- und Hochland, Gebirg- und Hügelland- 
schaft eine Reihe von Sätzen ausgesprochen, die sich grossenteils mit 
den allgemeinen Entwickelungen in der Einleitung zu den vorstehenden 
Ausführungen (S. 11 — 15) decken. Es möge gestattet sein, hier nur die 
folgenden herauszugreifen, welche besonders bedeutungsvoll erscheinen: 

»Wir können behaupten, dass die menschliche Arbeitskraft stets 
die Tendenz hat und gehabt hat, die relativ besten und fruchtbarsten 
Erdteile zuerst für sich auszubeuten. Zur Erklärung der Abweichungen 
von diesem Gesetz sind wir jedoch genötigt, einen andern Faktor ins 
Auge zu fassen, nämlich die Konkurrenz der Menschen untereinander. 
Zu allen Zeiten und in allen Ländern ist das Aufblühen der Ansiede- 
lungen abhängig von der Sicherheit des individuellen Besitzes. Für 
die Wahl des Siedelungspunktes giebt die Fruchtbarkeit nur dann den 
Ausschlag, wenn daselbst eine schwache Konkurrenz vorhanden ist, 
wenn dieselbe schon in die höhere Formen des Verkehrs übergegangen 



22 Ludwig Neumann, [22 

ist, oder wenn der Occupierende so übermächtig auftreten kann, dass 
jeder Widerstand leicht gebrochen werden kann.'* (Andr. S. 12 — 13.) 

Bezüglich der Siedelungsbedingungen, welche einzig und allein in 
den Verschiedenheiten des Bodenreliefs gegeben sind, f&hrt Andrian 
(S. 14 — 17) aus, dass Ebenen sich für die Nomaden besonders günstig 
gestalten wegen der grossen Leichtigkeit, welche sie der Fortbewegung 
und Verteidigung gestatten. Beim Uebergang zu festen Siedelungen 
führt die Rücksicht auf Sicherheit und Verteidigung früh zu grösseren 
Ortsanlagen, und die Wahl der jeweiligen Oertlichkeit richtet sich aus 
denselben (Gründen auf Punkte, welche in benachbarten Wäldern, Sümpfen, 
Seeen oder Flüssen einen Schutz gegen feindliche Annäherungen besitzen. 
Dem gegenüber begünstigt das Gebirge kleinere Einzelsiedelungen; je 
grösser die Unebenheiten, desto leichter und erfolgreicher die Ab- 
sonderung; in den natürlichen Verteidigungsmitteln des Bodenreliefs 
liegt der Grund für früh entwickelte feste Sitze, zu denen übrigens 
auch die Schwierigkeit der Fortbewegung drängt. Siedelungen an auf- 
fallend schwer zugänglichen Punkten sind in allen Gebirgsländem — 
man denke nur an die Alpen — überaus häufig, sie erklären sich nach 
den angedeuteten Gesichtspunkten mühelos. 

„Die volle Bedeutung der Plastik unsrer Erdrinde für die mensch- 
lichen Eulturformen — und hierher gehören in erster Reihe Art und 
Zahl der Siedelungen — tritt erst durch die Betrachtung des geo- 
graphischen Zusammenhanges der einzelnen Glieder hervor/ 

Dieser Gedanke erwies sich für die Art der Durchführung der 
vorliegenden Arbeit besonders fruchtbar. 

Des weiteren möge hier erinnert werden an Ratzeis ,,Anthropo- 
geographie**, besonders an Band I, S. 311 if., und an desselben Ver- 
fassers „Höhengrenze und Höhengürtel* (vgl. Litt.-Verz.). Der zweite 
Band der Anthropogeographie, welcher im Sommer 1891 erschien, sah, 
wie im Vorwort zu der vorliegenden Arbeit ausgeführt ist, das Manu- 
skript derselben seit mehr als Jahresfrist vollendet, und nach reiflicher 
Ueberlegung entschloss sich der Verfasser, an der abgeschlossenen Ar- 
beit nichts mehr zu ändern, obschon die Abschnitte über die Bevölke- 
rung der Erde, die Dichte derselben, die Wohnplätze der Menschen, 
die Lage der Städte, den Verkehr, die Wege in dem geistvollen Werke 
des Leipziger Geographen vielfach Gelegenheit gegeben hätten zu frucht- 
baren Bemerkungen. Besonders wäre hier einzugehen gewesen auf das 
Verhältnis der Statistik zur Geographie und auf die Methodik der Volks- 
dichte- oder Bevölkerungskarten, über welche Ratzel auch auf dem 
internationalen Geographen-Eongress in Bern (August 1891) an der 
Hand einer nach seinen Prinzipien (Anthropogeogr. II S. 190 fif.) her- 
gestellten Bevölkerungskarte Sachsens gesprochen hat. Die vorliegende 
Karte Badens hat nach des Verfassers Meinung neben den Batzelschen 
Ausführungen ihre volle Berechtigung. 

Mit der „Bevölkerungsbewegung" in ihrer Abhängigkeit von der 
Höhenlage der Wohnorte in Niederösterreich, Tirol und Vorarlberg be- 
fasst sich Schimmer (vgl. Litt. Nr. 63) in sehr verdienstvoller Weise. 
Da es hier weder beabsichtigt wurde, noch durchführbar war, neben 
den Bevölkerungszahlen auch die Zahlen der Trauungen, Geburten, 



23] I^ie Volkadichte im Grosaherzog^um Baden. 23 

Sterbfalle, der Kindersterblichkeit u. s. w. zu Rate zu ziehen, so mag 
nur kurz darauf hingewiesen werden^ dass die Schimmersche Arbeit 
sehr viel wertvolle Gesichtspunkte bietet, die dem Geographen ebenso 
interessant sein werden als dem Statistiker, und dass sie insbesondere 
das Verdienst hat, auf die medizinische Seite unsrer Frage und auf die 
einschlägige Litteratur aufmerksam zu machen, sowie in Deutschland 
die Bedeutung der grossen Arbeiten des Italieners Zampa^) ins rich- 
tige Licht gestellt zu haben. 

Um fUr Baden den Zusammenhang des Bodenreliefs und der Yolks- 
dichte zahlenmässig untersuchen und feststellen zu können, musste vor 
allen Dingen eine für die vorliegenden Zwecke benutzbare üebersichts- 
höhenschichtenkarte hergestellt werden. Zwar haben wir die Jordansche 
Höhenschichtenkarte (vgl. Litt.- Verz.) in 1 : 400000 mit Höhenkurven von 
200 zu 200 m, welches Werk seiner Zeit dem Verfasser als Grundlage 
für seine Orometrie des Schwarzwaldes diente. Allein bei mehrfachen 
Versuchen, in diese Karte die Wohnorte und ihre Bevölkerungszahlen 
einzutragen, erwies sich ihr Massstab als zu gering, und dann er- 
schien auch die Höhenstufe von 200 m zu gross für eine anschauliche 
Darstellung der Volksverteilung. Es musste also eine neue Karte mit 
niedereren Höhenstufen und in grösserem Massstab hergestellt werden. 
Zu diesem Zweck wurden zuerst von sämtlichen 170 Blättern des badi- 
schen topographischen Atlas in 1:25 000 ebensoviele Pausen gezeichnet, 
welche ausser den liandesgrenzen und den hauptsächlichen Flussläufen 
nur die Höhenkurven von 100 zu 100 m enthielten. Diese 170 Blätter 
mussten sodann auf ein einziges, für welches der Massstab 1:300000 
nach mehrfachen Versuchen als ausreichend gefunden worden war, 
reduziert werden, das autographisch vervielfältigt die kartographische 
Grundlage der weiteren Arbeit bildete. Ein Exemplar der so erhaltenen 
Kurvenkarte wurde als Höhenschichtenkarte koloriert, und dabei ergab 
sich selbstverständlich die Notwendigkeit, die Höhenkurven in die nächst- 
liegenden Teile der Nachbarländer, also über die Schweizer Grenze im 
Kanton Basel, Schaff hausen und Zürich, über die hohenzoUerische, 
württembergische, hessische und bayerische Grenze hinüber zu ziehen. 
Doch möge hier betont werden, dass die Niveaulinien ausserhalb Badens 
nur da den Anspruch auf Genauigkeit erheben dürfen, wo zu ihrem 
Entwürfe sichere Grundlagen geboten waren. Das war der Fall für 
den ganzen rechtsrheinischen Anteil der Schweiz, der vollständig auf 
den badischen topographischen Karten enthalten ist, für die tief in 
badisches Gebiet einspringenden Teile von Württemberg und Hessen 
aus demselben Grunde, sowie für alles eingezeichnete württembergische 
(und hohenzoUerische) Gebiet südlich von Pforzheim, für welches mir 
durch die Zuvorkommenheit des Königl. württemb. statistischen Landes- 
amtes die im Litt.-Verz. unter Nr. 75 u. 76 genannten, nur handschrift- 
lich vorhandenen Karten gütigst zur Verfügung gestellt wurden. 



^) Zampa, Dr. R. : 1. La demografia italiana, studiata piu specialmente. 
in riguardo all' azione dei monti e delle pianure sulla vita del uomo. 1881. 
2. Inchiesta sulle condizioni igieniche e sanitarie dei communi del Regno d'Italia 
1886. 



24 Ludwig Neumann, [24 

Für Hessen bot die Beckersche Höhenschichtenkarte mit 125 m 
Schichthöhe und der topographische Atlas keinen sicheren Anhalt, so 
dass für etwas weiter von der badischen Grenze abliegende Landes- 
teile ebenso wie für die kleinen bayerischen Grenzstreifen und die 
württembergischen Stufenländer zwischen Tauber und Enz unsre Zeich- 
nung nur Annäherungen bietet. Bei der sehr einfachen Gestaltung der 
Oberflächenformen in diesen Gegenden sind aber die Abweichungen 
jedenfalls keine grossen. 

In diese Höhenschichtenkarte wurden weiterhin zahlreiche Höhen- 
punkte und Höhenzahlen, sodann die Eisenbahnen und alle Gemeinden 
des Landes mit entsprechenden Signaturen für ihre Grösse (1 — 500 , 
501—1000, 1001—2000, 2001—6000, 6001—20000, 20001 und mehr 
Einwohner) eingetragen, um so einen ersten Ueberblick über die Ver- 
teilung wenigstens der Hauptsiedelungen nach ihrer Grösse und ihrer 
Höhenlage zu erhalten. Diese Höhenschichtenkarte bildet die erste Bei- 
lage dieser Arbeit. Bezüglich ihrer Höhenzahlen möge hier wie auf 
der Karte selbst daran erinnert werden, dass alle Angaben auf Normal- 
null (N.N) bezogen, also um 2,02 4 m oder rund 2 m kleiner sind, als 
die Angaben des topographischen Atlas. Da aber neuerdings alle Höhen- 
angaben im Eisenbahn-, Strassen- und Wasserbau ebenso wie in der 
meteorologischen Litteratur auf N.N bezogen werden, so schien es besser, 
hier sich der neuesten, offiziellen Werte zu bedienen, die die älteren 
doch in absehbarer Zeit aus allen Veröffentlichungen verdrängen werden. 

Auf unsrer Karte treten je nach der Erhebung, Gestalt und 
Flächenausdehnung der einzelnen Höhenstufen eine Reihe von oro- 
graphisch deutlich zu unterscheidenden Landesteilen klar hervor. Es 
sind dies 

1. Die nordöstliche Stufenlandschaft zwischen Main und 

Neckar; 

2. der Odenwald zu beiden Seiten des unteren Neckars; 

3. das Kraichgauer Hügelland im Süden des Odenwaldes 
i bis zum Schwarzwald; 

4. die Rheinebene; 

5. der Schwarzwald; 

6. die Hochebene der Baar im Osten des Schwarzwaldes und 

an der oberen Donau; 

7. der südliche Teil des badischen Jura im Klettgau zwischen 

dem Rhein und dem Schweizer Kanton SchafiFhausen ; 

8. der Jura längs der Donau vom Randen bis in die Gegend 

von Sigmaringen; 

9. die Hochebene des Hegau es zwischen Oberrhein und Jura; 
10. das Linzgauer Bergland im Norden des Bodensees. 

Auf einem anderen Blatte der Kurvenkarte wurden weiterhin nach 
Fraas, Platz und Eck die Grenzen der wichtigsten geologischen 
Formationen eingetragen, so dass der Zusammenhang der Bodenplastik 
mit dem Bodenbau anschaulich hervortrat. Jetzt war es nicht mehr 
schwierig, die oben aufgezählten, zunächst nur ganz allgemein nach 
dem orographischen Bau des Landes unterschiedenen 10 Gebiete auch 
geologisch zu definieren und durch Kombination der orographischen 



25] I^iö Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 25 

Gesichtspunkte mit den geologischen bestimmte Grenzlinien zwischen 
ihnen zu ziehen. 

Hiemach ist die nordöstliche Stufenlandschaft identisch mit dem 
badischen Anteil an der fränkischen Muschelkalkplatte; ihre 
Westgrenze ist dahin zu verlegen, wo die Muschelkalkbedeckung des 
Buntsandsteins ihr Ende erreicht, d. h. etwa an die Linie Wessenthal- 
Walldürn-Buchen-Bödigheim-Neckargerach, welche im Westen und Osten 
beinahe genau mit der Höhenlinie von 200 m, in der Mitte mit der- 
jenigen von 300 m zusammenfällt. Das Buntsandsteingebirge 
des Odenwaldes hebt sich von den fränkischen Terrassenlandschaften 
ab sowohl nach seiner besonders im Westen bedeutenderen Höhenent- 
wickelung, als im reicheren Relief und im Gesteinsmaterial. Die der 
Bodenbedeckung nach nicht wesentlich ausgedehnten Granite und 
Porphyre im westlichen Odenwald von Handschuchsheim bei Heidel- 
berg bis zur hessischen Grenze wurden nicht als besondere Gebirgsgruppe 
ausgeschieden. Im Süden vom Buntsandstein des Odenwaldes breitet sich 
von der Linie Neckargerach- Wiesloch an das sanftwellige Kraich- 
gauer Hügelland aus; eine niedrige, schwach gegliederte Muschel- 
kalk- und Keuperlandschaft, zum Teil mit diluvialen Bildungen, beson- 
ders mit Löss bedeckt; am Westrande bei LangenbrUcken zeigen sich 
auf engem Räume jurassische Bildungen. Als orographische Grenze 
dieser Landschaft gegen die in Form, Bodenbeschaffenheit und Höhe 
verwandten fränkischen Stufen ergiebt sich bequem das tief einschnei- 
dende Neckarthal, bezw. dessen Westrand von Neckargerach nach 
Süden bis zur Landesgrenze. 

Im Süden des Pfinzthales, längs der Linie Durlach-Pforzheim, 
steigt aus dem Hügelland rasch der in der Hauptsache aus Gneis und 
Granit aufgebaute Schwarzwald empor, dessen Grundgebirge beson- 
ders im Norden, sowie an den Rändern vielfach mit mesozoischen Bil- 
dungen bedeckt ist. Orographisch zerfällt derselbe deutlich in vier 
verschieden hohe und verschieden gestaltete Teile, den östhchen im 
Osten der Murg, den nördlichen zwischen Murg und Einzig, den 
mittleren zwischen Enizig, Dreisam und Wutach, den südlichen zwischen 
Dreisam, Wutach und Rhein. 

Während in der Orometrie des Schwarzwaldes die Grenzen dieser 
vier Gruppen genau den genannten Flüssen entlang gelegt wurden, er- 
gab die Rücksicht auf die nicht zu trennenden, dichten Thalbevölke- 
rungen, dass hier die Grenzen an den Thalgehängen entlang gezogen 
werden mussten. Die geologische Einzelcharakterisierung der Teile 
des Schwarzwaldes und die Darstellung des Einflusses der Boden- 
beschaffenheit auf die Besiedelung findet sich im zweiten Hauptteil 
S. 106 ff. 

Im Westen vom Odenwald, Kraichgauer Hügelland und Schwarz- 
wald breitet sich die Diluvial- und Alluvialebene des Rhein thales 
aus, als deren Ghrenze gegen die genannten höher gelegenen Landes- 
teile im Norden die Höhenkurve von 200 m, und vom Austritt des 
Elzthales ab diejenige von 300 m gewählt werden konnte. Aus der 
südlichen Rheinebene ragt inselartig das kleine Vulkangebirge des 
Kaiserstuhls auf, das ebenso wie einige niedere Bodenerhebungen 



26 Ludwig Neamami, [26 

in seiner Nähe, wie Tnniberg und Nimberg, mit diesen gemein- 
schaftlich zur Darstellung kommen soll. 

Die Hochebene der Baar lehnt sich yom Wutachthal ab längs 
der Linie Röthenbach-Zindelstein-St.-Georgen bis zum Schiltachthal an- 
nähernd der Höhenkurve von 900 m entlang im Osten an den mitt- 
leren Schwarzwald an und besteht ausser einem nicht sehr breiten 
Buntsandsteinstreifen am Schwarzwaldrand in der Hauptsache aus einer 
wenig gegliederten Muschelkalkplatte, die sich schwach nach Osten bis 
gegen den oberen Neckar und den Fuss des Jura hin senkt. 

Elettgau und Jura sind Landesteile, in welchen das Gebirgs- 
system des Tafeljura in höheren Stufen über das umliegende Gebiet 
aufragt. Im Hegau haben wir teils Molasselandschaft, teils das Ge- 
biet des alten Rheingletschers, vereinzelt auch vulkanische Böden; die 
ganze Gegend ist ein sanft vom Rheinthal gegen den Jura nach Nor- 
den ansteigendes Stufenland, überragt von einzelnstehenden Basalt- und 
Phonolithkegeln . 

Ganz ähnlich ist das Linzgauer Bergland im Norden des 
Bodensees (393 m) gestaltet, nur fehlen hier die vulkanischen Bildungen, 
und das Relief des Bodens ist bei mächtigerem Aufstreben in die Höhe 
kräftiger und gegliederter als im Hegau. Als Nordgrenze dieser bei- 
den letztgenannten Lande steile gegen den Jura kann die Höhenkurve 
von 700 m von der Schweizer Grenze im Norden von Schaffhausen 
(Wiechs), bis zur hohenzoUerischen Grenze im Norden von Messkirch 
(Engelwies) gelten, während Hegau und Linzgau durch die 500 m- 
Kurve, die von Ludwigshafen am Nordwest^nde des Ueberlinger Sees 
bis zur hohenzoUerischen Grenze bei Mahlspüren verläuft, voneinander 
getrennt werden. 

üeber die orographische Gestaltung der so umgrenzten 10 Gebiete 
mögen die folgenden zwei Tabellen I und II Auskunft geben. Dieselben 
enthalten die absoluten und die prozentisch ausgedrückten Flächeninhalte 
der einzelnen Höhenstufen jedes Landesteiles als Ergebnis planimetri- 
scher Vermessung auf Grundlage der beiliegenden Höhenschichtenkarte 
in 1 : 300 000 ; im Interesse grösserer Genauigkeit wurden die Inhalte 
der höchstgelegenen Teile des Odenwaldes über 500 m, die des nörd- 
lichen Schwarzwaldes über 1000 m, des mittleren über 1100 ra, des 
südlichen über 1200 m, sowie diejenigen der Hegauer Vulkankuppen 
auf den erwähnten Pausen der topographischen Karte in 1 : 25000 
planimetriert. 

Da es sich bei der vorliegenden Arbeit nicht darum handeln 
konnte, den Gesamtflächeninhalt des Grossherzogtums Baden kritisch 
zu untersuchen — dazu wäre die Auswertung der Inhalte aller 170 
Blätter der topographischen Karte durchaus erforderlich gewesen — , 
so wurde die auf Grund einer früheren Berechnung des alten topo- 
graphischen Atlas in 1 : 50 000 gewonnene und allgemein angenommene 
Zahl von 15081,9o qkm (nach Abrechnung des Anteils am Bodensee) als 
feststehend angesehen und durch Umfahren der Grenze auf der Höhen- 
schichtenkarte unter Einrechnung aller Exklaven im Auslande und nach 
Abrechnung aller ausländischen Enklaven im badischen Gebiet die 
planimetrische Einheit mit Zugrundelegung der oben angeführten 



271 I^ie Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 27 

Flächenzahl bestimmt, wonach es nun einfach war, die Inhalte der 
einzelnen Höhenstufen der zehn Landesteile zu ermitteln. 

Längs des Rheines von der Schweizer Grenze unterhalb Basel 
bis zur elsässisch-bayerischen Grenze bei Lauterburg wurde die Hoheits- 
grenze, d. h. der mittlere Lauf („Thalweg") des korrigierten Rheines 
festgehalten, und nicht die Gemarkungsgrenze, die an vielen Stellen 
über den Rhein herüber und hinüber greift, so dass viele badische 
Rheinufergemeinden kleinere Teile ihrer Gemarkung im Elsass, und 
elsässische Gemeinden ebensolche in Baden liegen haben. Auf Ueber- 
sichtskarten ist es immer schwierig, diese Zickzacklinien der Gemar- 
kungsgrenze genau einzutragen, die ihren Ursprung in dem schwanken- 
den Rheinlaufe vor der Korrektion haben. Zwischen Baden und Rhein- 
bayern fallen die Hoheits- und Gemarkungsgrenzen im Thalwege des 
Rheines zusammen; die Flusskorrektion hat daher hier mehrfache Ge- 
bietsaustausche beider Staaten nötig gemacht. So liegt auf der rechten 
Rheinseite ein kleiner Gebietsteil Bayerns, der in die Festungswerke 
von Germersheim einbegriflfen ist, und auf der linken Seite ist die 
frühere Kollerinsel badisch. (Vgl. Der Rheinstrom S. 288 ff. ; Das 
Grossherzogtum Baden, S. 6 und 7.) 

In den Arealen der Rheinebene sind auch diejenigen des Kaiser- 
stuhles enthalten; bei der Kleinheit dieses Gebirges schien diese Zu- 
sammenfassung zulässig, die eine weitergehende Zerlegung in kleinere 
Landesteile überflüssig machte. Da die Umgrenzung hier in einigen 
ganz unwesentlichen Punkten von der in den „Orometrischen Studien** 
(S. 368) gegebenen abweicht, da insbesondere die vom Kaiserstuhl 
etwas entfernt liegenden," isolierten Vulkanberge von Breisach und 
Limburg dem Hauptgebirge zugerechnet wurden, so erklärt sich hier- 
aus die etwas abweichende Angabe des Flächeninhaltes in der Höhen- 
stufe HI. 

Dass ebenso die Flächenzahlen der einzelnen Schwarzwaldgruppen 
und ihrer Höhenstufen von denen in der „Orometrie des Schwarz- 
waldes" (S. 224) mehrfach abweichen, erklärt sich für die höheren 
Stufen aus der hier gewählten und oben erwähnten Zugrundelegung 
genaueren Kartenmaterials, im übrigen aber daraus, dass hier überall 
der württembergische Schwarzwald ausgeschlossen, dass die Baar als 
selbständiges Gebiet in Rechnung gezogen ist, sowie dass die Westgrenze 
des Gebirges überall mit Höhenkurven zusammenfallt, was in der Oro- 
metrie nicht der Fall ist, und dass endlich auch die Umgrenzung der 
vier Teile des Gebirges, wie schon erwähnt, etwas anders als nach 
ausschliesslich orographischen Gesichtspunkten gezogen werden musste. 

Der Bodensee hat bei mittlerem Wasserstande eine Meereshöhe von 
393 m, während der Rhein oberhalb des Wasserfalles bei Schaffhausen 
eine solchä von 383 m besitzt. Es liegt demnach zwischen Rhein- und 
Bodenseeufer einerseits und zwischen der 400 m- Isohypse anderseits 
ein schmaler Landstreifen, dessen Breite an sehr vielen Stellen so ge- 
ring ist, dass sie bei nur einigermassen rasch ansteigendem Ufer nicht 
einmal auf der topographischen Karte in 1:25 000 zur Darstellung 
kommen konnte. Nur in der Gegend von Konstanz, von Radolfzell 
und an der Einmündung der Stockach in den Ueberlinger See ist die 



I 



28 Ludwig Neumann, r28 

Fläche zwischen dem Seeufer und der 400 m-Linie etwas grösser. 
Wegen der absoluten Kleinheit dieses Landstreifens und wegen der 
faktischen Unmöglichkeit, seinen Flächeninhalt genau zu ermitteln, 
wurde auf eine Grössenangabe für denselben verzichtet und im Hegau 
und Linzgau das gesamte Areal vom Ufer des Rheins und Bodensees 
ab bis zur 500 m-Kurve der Höhenstufe V zugerechnet. 

Es ist dieser Uferstreifen von Schaffhausen bis Immenstadt an der 
badisch- württembergischen Grenze die einzige Fläche des Landes, bei 
deren Inhaltbestimmung von der strengen Begrenzung durch Höhen- 
kurven abgegangen werden musste. In den folgenden Tabellen er- 
scheint hiernach im Hegau und Linzgau die Stufe V um ein kleines 
zu gross, und die Stufe IV ist gar nicht vorhanden; in der Wirkung 
auf die Gesamtsumme der Areale für das ganze Land ist dieser un- 
vermeidliche Fehler verschwindend klein. 

Die in der letzten Kolumne der Tabelle II angegebenen Mittel- 
höhen der betreff^enden Gebiete wurden auf graphischem Wege (vgl. 
,Orometrische Studien" S. 375) bestimmt, die gefundenen Werte aber 
stets auf die nächste durch 5 teilbare ganze Zahl abgerundet, da 
die so erzielte Genauigkeit für die hier vorliegenden Zwecke völlig 
ausreicht. 

3. Klimatische Zustände der einzelnen Landesteile. 

Die klimatischen Verhältnisse Badens (vergl. auch: Der Rhein- 
strom, S. 137 — 148) und seiner zehn Landesteile lassen sich durch die 
Ergebnisse der Untersuchungen an den badischen und an den benach- 
barten ausserbadischen meteorologischen Stationen ziemlich vollständig 
charakterisieren. Dieselben sind in erster Reihe abhängig von der Lage 
der Hauptgebirge zu den vorherrschenden Windrichtungen, sodann von 
der Höhenentwickelung der einzelnen Gebiete und von der flächenhaften 
Ausdehnung der verschiedenen Höhenstufen. Gegenüber den Wirkungen 
dieser Ursachen treten diejenigen des geographischen Breitenunter- 
schiedes durchaus zurück. Derselbe beträgt zwischen der südlichsten 
Station Meersburg am Bodensee und der nördlichsten Wertheim am 
Main 2® 04' oder rund 230 km, so dass, wenn wir 0,4® C. Wärme- 
abnahme für den Breitegrad in südnördlicher Richtung annehmen, die 
nördlichen Landesteile um 0,8 ® C. kälter sein müssteil als die südlichen 
unter sonst gleichen Voraussetzungen. Doch ist dieser Unterschied in 
keiner Weise nachweisbar, denn er wird mehr als ausgeglichen durch 
die wesentlich tiefere Lage der nördlichen Landesteile gegenüber den 
südlichen. Als herrschende Windrichtungen machen sich solche mit 
einer westlichen, und in zweiter Reihe solche mit einer östlichen Haupt- 
Komponente geltend, und unter diesen überwiegen wieder die reinen Süd- 
west- und Nordostwinde. Da nun Schwarzwald und Odenwald eine nur 
wenig von dem Meridian abweichende Hauptrichtung, nämlich die nord- 
nordöstliche haben, so liegen die fränkischen Stufenlandschaften, ferner 
Baar, Hegau, Linzgau und Jura im Windschatten für den Südwest, 
während sie umgekehrt dem Nordost viel mehr ausgesetzt sind als die 
Rheinebene. Diese letztere befindet sich sozusagen ganz unter der Ein- 



29] 



Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 



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Ladwig Netunann, 



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Gesamter 
6) Klettgau u. 

tachthal . . 
7)Baar . . . 

8) Hegau . . 

9) Jura . . . 
10) Linzgau . . 


5) Oestlicher 
Nördlicher 
Mittlerer 
Südlicher 


1) Frankische Stufen- 
landschaften . . 

2) Odenwald . . . 

3) Kraichgauer Hü- 
gelland .... 

4) Rheinebene u. Kai- 
serstuhl .... 


§ 


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31] Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 31 

Wirkung feuchtwarmer Südwestwinde und ist vor dem trockenen und 
kälteren Nordost mehr oder weniger geschützt. Dass Gebirgsthäler, 
welche der Richtung der Hauptwinde parallel laufen und an nicht allzu 
hohen Gebirgskämmen ihren Ursprung haben, den Austausch der Luft- 
strömungen zwischen den östlichen und westlichen Landesteilen erleich- 
tem, wie das ebenso auch bei dem niederen Eraichgauer Hügellande 
der Fall ist, versteht sich von selbst. 

Im allgemeinen kann man sagen, dass der grössere Teil Badens 
zu den klimatisch meistbegünstigten Gebieten Deutschlands gehört, wie 
das die Betrachtuog der unten folgenden Tabellen genauer erweisen wird. 
Für die Beurteilung der Wärmeverhältnisse sind diejenigen 
badischen meteorologischen Stationen beigezogen worden, welche in 
dem Sammelwerk ^Das Grossherzogtum Baden'' S. 73 aufgezählt sind. 
Von diesen sind in neuerer Zeit Schweigmatt und Badenweiler ein- 
gegangen, während Todtnauberg am Südwestabhang des Feldberges, 
1021 m hoch, und Gengenbach im Einzigthal, 181 m hoch, hinzu- 
getreten sind. Die Beobachtungen dieser zwei neuen Stationen er- 
strecken sich aber erst über einen so kurzen Zeitraum, dass sie nicht 
gut mit den übrigen zusammengestellt werden konnten. An württem- 
bergischen Stationen wurden nach dem Werke: „Das Eönigreich Würt- 
temberg, eine Beschreibung von Land, Volk und Staat', Bandl. S. 218, 
diejenigen in Hausen ob Verena im schwäbischen Jura, Freudenstadt 
im östlichen Schwarzwalde, Heilbronn im Neckarthal und Mergentheim 
im Tauberthal beigezogen. Danach verteilen sich die benutzten Sta- 
tionen folgendermassen : 

Meersburg, 408 m, Nordufer des Bodensees, Linzgau. 

Hausen ob Verena, 854 m, schwäbischer Jura. 

Donaueschingen, 692 m, Donaugebiet, Baar. 

Villingen, 717 m, Brigachgebiet, Baar. 

Höchenschwand, 1013 m, südlicher Schwarzwald, Hochfläche. 

Schopfheim, 385 m, südlicher Schwarzwald, Wiesenthal. 

Schweigmatt, 735 m, südlicher Schwarzwald, Bergabhang über Schopf- 
heim. 

Badenweiler, 421 m, südlicher Schwarzwald, Terrasse am Westabhang 
des Gebirges. 

Freiburg, 293 m, Rheinebene, Westfuss des Schwarzwaldes, Dreisam- 
thalmündung. 

Freudenstadt, 733 m, östlicher Schwarzwald, Hochfläche. 

Baden, 206 m, nördlicher Schwarzwald; unteres Oosthal nahe der 
Rheiuebene. 

Earlsruhe, 123 m, Rheinebene. 

Bretten, 189 m, Eraichgauer Hügelland, Saalbachthal. 

Mannheim, 117 m^), Rheinebene. 

Heidelberg, 123 m, Mündung des Neckarthals in die Rheinebene; 
Fuss des Odenwaldes. 



') Die meteorologische Station befand sich in der Zeit der hier zu verwendenden 
Beobachtungen im Gebäude des Realgymnasiums; der Boden der Stadt liegt nur etwa 
97 m hoch. 



32 



Ludwig Neumann, 



[32 



Heilbronn, 166 m, Neckarthal an der Grenze des Kraichgauer und 
fränkischen Hügellandes. 

Buchen, 332 m, fränkisches Stufenland, Hochfläche. 

Wertheim, 144 m, fränkisches Stufenland, Mainthal an der Tauber- 
mündung. 

Mergentheim, 221 m, fränkisches Stufenland, Tauberthal. 

Die folgende Tabelle UI zeigt die Wärmeyerteilung für das ganze 
Jahr und die einzelnen Jahreszeiten (Winter = Dezember, Januar, 
Februar u. s. w.) nach den Beobachtungen, welche an den badischen 
Stationen in den Jahren 1871 — 1880 angestellt und auf den Durch- 
schnitt von Karlsruhe für den Zeitraum 1841 — 1880 reduziert worden 
sind. Die Zahlen können daher als 40jährige Normalwerte angesehen 
werden. (Grossh. Baden, S. 74 — 76.) Diesem langjährigen Mittel gegen- 
über erschien es nicht notwendig, die neueren Beobachtungen von 
1881 — 1888 aus den Jahresberichten des Centralbureaus für Meteoro- 
logie und Hydrographie im Grossh. Baden mit zu berücksichtigen. Die 
württembergischen Stationen geben die Wärmeverteilung nach Reduktion 
auf das 50jährige Stuttgarter Mittel 1826—1875. (Kgr. Württ. I. Bd., 
S. 211—213.) 

Tabelle HL 



Wämievertellung (C®). 



Stationen 


Meeres- 
höhe (m) 


Winter 


Frühling 


Sommer 


Herbst 


Jahr 


Meersburg . . . 


408 


0,6 


9,. 


18,5 


10,1 


9,6 


Hausen ob Verena 


854 


— 1,2 


5,. 


13,9 


6,6 


6,8 


Donaueschingen . 


692 


-2,1 


6,5 


15,7 


7,1 


6,8 


Villingen .... 


717 


— 2,0 


6,5 


15,« 


7,0 


6,8 


Höcbenschwand 


1013 


— 1,1 


5,s 


14,6 


6,8 


6,5 


Scbopfheim . . . 


385 


0,1 


9,4 


18,8 


9,5 


9,8 


Schweigmatt 




735 


1,1 


8,2 


17,0 


9,5 


9,0 


Badenweiler . . 




421 


1,7 


9,5 


18,5 


10,8 


10,0 


Freiburg . . 




293 


2.1 


10,6 


19,8 


11,0 


10,9 


Freudenstadt 




733 


— 1,6 


6,0 


15,8 


7,0 


6,7 


Baden .... 




206 


1,5 


9,4 


17,9 


10,0 


9,7 


Karlsruhe . . 




123 


1,« 


10,2 


19,0 


10,8 


10,8 


Bretten . . 




189 


1,2 


9,7 


18,6 


9,9 


9,9 


Mannheim . 




112 


1,» 


10,9 


19,9 


10,9 


10,9 


Heidelberg . 




123 


2,2 


10,6 


19,1 


10,9 


10,7 


Heilbronn . . 




166 


0,2 


9,8 


18,0 


9,2 


9,2 


Buchen . . 




332 


— 0,8 


8,2 


17,2 


8,4 


8,4 


Wertheim 




144 


0,6 


9,8 


17,9 


9,2 


9,8 


Mergentheim 




221 


-0,4 


8,8 


18,0 


8,7 


8,8 



Aus der Vergleichung der tiefstgelegenen Station Mannheim mit 
der höchstgelegenen Höchenschwand ergiebt sich in fast genauer üeber- 
einstimmung mit den Resultaten der württembergischen Stationen (Kgr. 
Württ. I, S. 219; vgl. auch die Angaben für die Schweiz; der Rhein- 



SS] 



Die Volkadichte im Grossherzogtum Baden. 



33 



ström, S. 138); dass für je 100 m Erhebung die Temperatur ab- 
nimmt 

im Jahr um 0,5o® C, 

im Winter um 0,32^ C, 

im Frühling um 0,6o^ C, 

im Sommer um 0,6 o® C, 

im Herbst um 0,45® C. 
Hiernach sind die folgenden Normaltemperaturen der Höhenstufen 
des Grossherzogtums Baden berechnet worden: 



Tabelle IV. 



Normaltemperaturen der Höhenstufen (G®). 



Höhenstufe 
(m) 


Winter 


Frühling 


Sommer 


Herbst 


Jahr 


1500 


— 2,6 


2,6 


11,6 


4.. 


4,0 


1400 


-2,3 


3,2 


12,2 


5,0 


4,5 


1300 


— 2,0 


3,8 


12,8 


5,5 


5,0 


1200 


— 1,7 


4,4 


13,4 


5,9 


5,6 


1100 


-1,3 


5,0 


14,0 


6,4 


6,0 


1000 


-1,0 


5.« 


14,6 


6,8 


6,5 


900 


-0,1 


6,2 


15,2 


7,8 


7,0 


800 


-0,4 


6,8 


15,8 


7,7 


7,s 


700 


-0,1 


7,4 


16,4 


8,2 


8,0 


600 


0,3 


8.0 


17,0 


8,6 


8,5 


500 


0,6 


8,6 


17,6 


9,1 


9,0 


400 


0,9 


9,2 


18,2 


9,5 


9,6 


300 


1,2 


9,8 


18,8 


10,0 


10,0 


200 


U 


10,4 


19,4 


10.4 


10,5 


100 


1,9 


11,0 


20,0 


10,9 


11,0 



Aus vorstehenden Werten lässt sich nun leicht für die einzelnen 
meteorologischen Stationen die entsprechende Normaltemperatur ab- 
leiten. Die Vergleichung dieser Normalzahlen mit denjenigen der Ta- 
belle UI fuhrt auf eine Differenz, welche zweckmässig als lokale Ab- 
weichung bezeichnet wird, und die ein bequemes Mittel an die Hand 
giebt, die Wärmeverhältnisse der einzelnen Stationen und ihres Gebietes 
gegeneinander abzuwägen. Ein positiver Wert für die lokale Ab- 
weichung drückt aus, dass die betreffende Station nach ihrer Höhen- 
lage zu warm, eine negative, dass sie zu kalt ist. In der folgenden 
Tabelle V sind nur die badischen Stationen zusammengestellt, weil die 
württembergischen infolge des von den badischen abweichenden Zeit- 
raumes, über den sich die Beobachtungen erstrecken, in diesem Falle 
nicht ohne weiteres vergleichbar sind. 



Forschangen zur deutschen Landes- und Volkskunde. VII. i. 



34 



Ludwig Neumann, 



[34 



Tabelle T. 

Normaltemperaturen der badisclien Stationen nnd lokale 

Abweichungen (C). 







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Winter 


Frühling 


Sommer 


Herbst 


Jahr 








• 




• 




• 








Station 


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• 

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55 




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^ 








Meersburg .... 


408 


o,> 


— 0,3 


9,« 


-0,1 


18,2 


+ 0,3 


9,5 


+ 0,6 


9,5 


+ 0,1 


Donaueschingen . 




692 


-0,1 


— 2,0 


7,5 


-1,0 


16,5 


— 0,8 


8,2 


-1,1 


8,0 


-1,2 


Villingen . . . 




717 


-0,1 


-1,9 


7,3 


— 0,8 


16,8 


-0,7 


8.1 


-1.1 


7,9 


-1,1 


Höchenschwand 




1013 


-1,1 


0,0 


5,6 


0,0 


14,6 


0,0 


6,8 


0,0 


6,8 


0,0 


Schopfheim . . 




385 


0,» 


— 0,8 


9,3 


+0,1 


18,8 


0,0 


9,6 


-0,1 


9,6 


+ 0,8 


Schweigmatt . . 




735 


-0,. 


--1.B 


7,3 


+ 1,0 


16,2 


--0,8 


8.0 


-f-1,5 


7,8 


+1,2 


Badenweiler . 




421 


0,8 


--0,9 


9,1 


+ 0,4 


18.1 


-0,4 


9,4 


0,9 


9,4 


+ 0,6 


Freiburg . . 




293 


1.« 


--0,9 


9,9 


+ 0.7 


18,8 


-hl,o 


10,0 


1,0 


10,0 


+ 0,» 


Baden .... 




206 


1.» 


0,0 


10,4 


-1,0 


19,4 


-1,* 


10,4 


-0,4 


10,5 


— 0,8 


Karlsruhe . . 




123 


1.8 


-0,2 


10.9 


-0,7 


19,9 


— 0,9 


10,8 


— 0,5 


10,9 


— 0,6 


Bretten . . . 




189 


l,e 


-0,4 


10,5 


— 0,8 


19,5 


— 0,9 


10,5 


— 0,6 


10,6 


— 0,6 


Mannheim . . 




112 


1.» 


0,0 


10,9 


0,0 


19,9 


0,0 


10,9 


0,0 


10,9 


0,0 


Heidelberg 




123 


1.» 


-h0,4 


10,9 —0,8 


19,9 


-0,7 


10,8 


+ 0,2 


10,9 


-0,2 


Buchen . . . 




332 


1.1 


-1,4 


9,6—1,4 


18,8 


-1,3 


9.8 


-1,4 


9,8 


-1,4 


Wertheim . . 




144 


1.' 


-1,1 


10,7 


-1,4 


19,7 


-1,8 


10,7 


-1,5 


10,8 


-1,5 



Diese Uebersicht giebt zu folgenden Bemerkungen Anlass: 

Das Bodenseeufer im Linzgau und Hegau hat zwar etwas zu 
kalten Winter und Frühling, was sich aus der teil weisen, in seltenen 
Fällen auch vollständigen Eisbedeckung des Sees und aus der zum 
Schmelzen nötigen Wärmemenge erklärt; dagegen ist der Sommer um 
ein weniges, der Herbst aber beträchtlich zu warm, was seine Ursache 
in der dem Lande gegenüber langsamen Abkühlung der grossen Wasser- 
fläche hat; diese hohe Sommer- und Herbsttemperatur ist es, welche 
den Weinbau am ganzen Seeufer entlang ermöglicht und damit zur 
Erhöhung der Volksdichte dieses Gebietes wesentlich beiträgt. Als 
mittlere Jahrestemperatur des durchschnittlich 595 m hohen Linzgaues 
kann man 8,5 o C. annehmen, während dieser Wert im Hegau bei 505 m 
mittlerer Erhebung 9^ C. beträgt. 

Der Jura ist durch die Station Hausen ob Verena charakterisiert. 
Bei einer Mittelhöhe von 750 m kommt ihm eine Jahrestemperatur von 
etwa 7,5 ® C. zu ; die Sommer sind kühl, die Winter dagegen etwas ge- 
mildert ; es macht sich bei der die Stufenländer im Süden und Norden 
des Gebirges tiberragenden Höhenlage desselben die Temperaturumkehr, 
die bei dem höheren Schwarzwalde allerdings in viel stärkerem Grade 
zur Geltung kommt, wenigstens einigermassen bemerklich. 

Auf der im Mittel 770 m über dem Meer liegenden Hochfläche 
der Baar haben wir die Stationen Donaueschingen und Villingen. Alle 
Jahreszeiten, besonders aber die Winter, sind hier wesentlich kälter, 
als es der Höhenlage allein entspricht. Die Baar ist der rauheste Teil 



35] Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 35 

des Landes. Aehnlich wie sie ist das fränkische Stufenland im 
Nordosten beschaffen; auch hier erscheinen alle Jahreszeiten der ge- 
ringen Höhenlage gegenüber als zu kalt; doch tritt in dem Gegensatz 
von Wertheim und Buchen die Begünstigung des Main- und Tauber- 
thaies im Vergleich zur Hochebene deutlich hervor, üeber die Wärme- 
verhältnisse des Odenwaldes lässt sich nichts Zahlenmässiges aus- 
sprechen; denn die einzige in seinem Gebiet, bezw. an seinem Rande 
gelegene meteorologische Station, Heidelberg, ist eine Thalstation und 
teilt im wesentlichen die Eigenschaften der Rheinebene. Im ganzen 
scheint der östliche, wenig gegliederte und in seinen Bodenformen an 
die fränkischen Stufen erinnernde Odenwald auch deren Klima zu teilen; 
der westliche Gebirgsteil dagegen nimmt in seinen tieferen Lagen, be- 
sonders längs der Bergstrasse, Anteil an den Vorzügen der Rheinebene, 
während die der Fläche nach ganz geringfügigen höheren Gebirgsteile 
ziemlich rauh zu sein scheinen. 

Das Kraichgauer Hügelland (Bretten) bildet eine niedere 
Schwelle von 230 m Mittelhöhe zwischen Odenwald und Schwarz wald. 
Auch hier erscheinen, oflFenbar infolge des ungehindert von dem frän- 
kischen Plateau herüberwehenden und sich bei der fast gleichen Meeres- 
höhe beider Gebiete in seiner Natur nicht verändernden Nordostwindes 
alle Jahreszeiten als zu kühl, doch immerhin noch so temperiert, dass 
die Nähe der Rheinebene in ihren Wirkungen deutlich zu erkennen ist. 

Der Schwarzwald erhebt sich von 200 bis zu 1493 m. Die 
Wärmeverhältnisse sind also sehr ungleich; nimmt doch die mittlere 
Jahreswärme vom Gebirgsfuss bis zum Feldberggipfel um volle 6,5 ® C. 
ab, und die der vier Jahreszeiten in entsprechendem Massstab. Der 
Südwestrand des Gebirges (Badenweiler und Freiburg) erfreut sich durch 
alle Jahreszeiten einer ganz ausserordentlichen thermischen Begünsti- 
gung, die ihren Grund in dem Schutz vor Winden aus dem nordöst- 
lichen Quadranten und in der Nähe der burgundischen Pforte findet, 
jenes breiten Eintrittsthores für den wärmebringenden Südwest. Auch 
das Rheinthal von Basel (rund 250 m) bis zum Fusse des Rheinfalles 
bei Schaffhausen (ca. 360 m) erweist sich seiner tiefen und geschützten 
Lage entsprechend als sehr begünstigt. Der kühle Frühling und Sommer 
bei ganz normalem Winter in Baden-Baden wird auf die weit ausge- 
dehnten Wälder in der Umgebung zurückgeführt werden müssen. 
Bodenseegegend, Hegau, Klettgau, Rheinthal bis Basel und Südgehänge 
des Schwarzwaldes stehen noch merklich unter dem Einflüsse des Alpen- 
föhn, der zur Erhöhung der Temperaturen nicht unwesentlich beiträgt. 
(Siehe: Der Rheinstrom S. 141.) 

Die höheren Gebirgsteile stehen unter dem mildernden Einfluss der 
Temperaturumkehr, die erst seit dem abnormen Winter 1879/80 in 
ihrer ganzen Bedeutung erkannt, seither aber in jedem Winter kürzere 
oder längere Zeit hindurch beobachtet worden ist. Es mögen hier einige 
Mitteilungen des Centralbureaus für Meteorologie und Hydrographie 
im Grossherzogtum Baden (Karlsruher Zeitung, Beilage zu Nr. 45, 
15. Febr. 1889) Platz finden, und zwar zunächst die folgende Zusam- 
menstellung : 



\ 



r 



3G 



Ludwig Neuinanu, 



[36 



Höhe (m) 



Monatsmittel des Dezembers 
normal 1888 



Orösste Wärme 
des 1 S.Dez. 1888 



Höchenschwand 
Todtnauberg . 
Schopfheim . . 
Karlsruhe . . 



1013 

1021 

385 

123 



— 1.7 
-1.4 

— 0,9 
+ 0,8 



1,8 

+ 3,» 

-0,4 
+ 0,2 



-f 7,1 
-h 11,1 

+ 1.« 

- 2,5 



„Die Erklärung dieser abnormen Wärmeverteilung findet sich un- 
schwer, wenn man ins Auge fasst, unter welchen Umständen sie ein- 
tritt. Ein Gebiet mit hohem und gleichmässig verteiltem Barometer- 
stand verleiht der Atmosphäre das Gepräge des Ruhezustandes ; da nun 
ausserdem gleichmässige Verteilung hohen Barometerstandes meist von 
hellem Wetter begleitet ist, so bringt sie im Winter durch beträcht- 
liche Ausstrahlung der Wärme meist strengen Frost. Aus den Ge- 
bieten des hohen Luftdruckes fliesst die Luft am Boden nach allen 
Seiten hin ab, und zum Ersatz hierfür werden die oberen Schichten heran- 
gezogen, welche somit eine absteigende Bewegung annehmen müssen. 
Dabei verdichten und erwärmen sie sich. Dass diese Erwärmung sich 
nicht auch den Thälem mitteilt, erklärt sich ungezwungen aus dem 
Umstände, dass die Luft an den Hängen herabgleitend allmählich mehr 
und mehr eine wagrechte Bewegung annimmt und schliesslich über der 
durch Ausstrahlung erkalteten, also dichteren Luftschicht am Boden hin- 
fliesst. So ist es erklärlich, dass Kessellagen und von Höhen ein- 
gerahmte Hochflächen, in denen die kalte Luft, ohne abströmen zu können, 
liegen bleibt, seltener und schwächer an der wohlthätigen Erscheinung 
der Temperaturumkehr teilnehmen. Die Baar, eine breite und flache 
Thalmulde zwischen Schwarzwald und Jura, verdankt dieser Lage ihre 
harten Winter- Das rund 300 m höher gelegene Höchenschwand ist 
während des ganzen Winters wärmer als. die Baar, da von dem Höchen- 
schwander Berg die kalte Luft nach allen Seiten ungehindert abfliessen 
kann.** Auf dieselbe Weise ist der auffallende Wärmegegensatz des 
Winters von Schopfheim und Schweigmatt zu erklären, sowie die That- 
sache, dass sehr oft im Winter die Kuppen, Gehänge und freien Hoch- 
flächen des Gebirges höhere Wärme besitzen als die Thäler und die 
Ebenen am Fuss des Gebirges. Die regelmässig mehrmals in der kalten 
Jahreszeit sich einstellende Temperaturumkehr trägt ausserordentlich 
viel dazu bei, die Höhen — und das gilt vom Schwarzwalde in aus- 
gedehntester Weise — wohnlich zu machen und sie den Thälem mit 
ihren wochenlang andauernden Kälteperioden und dichten Nebeln gegen- 
über einladender erscheinen zu lassen. Betrug doch z. B. in der Zeit 
vom 14. bis zum 24. Dezember 1888 der Wärmeüberschuss der Schwarz- 
waldhöhen über die meist in dichte Nebel gehüllten Thäler im Mittel 
über 6^, und einigemale stieg er sogar bis auf 13^. Dasselbe wurde 
in den Wintern 1889 auf 1890 und 1890 auf 1891 wieder fest- 
gestellt. 

Die verhältnismässig dicht zu nennende, Bevölkerung der höheren 
Schwarzwaldteile, besonders im Süden des Gebirges, erscheint hiernach 



37] 



Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 



37 



klimatologisch betrachtet nicht so abnorm, wie das auf den ersten Blick 
der Fall sein möchte. 

Vom unteren Wutachgebiet und Klettgau liegen die nächsten 
meteorologischen Stationen ziemlich entfernt. Bei der Höhenlage und 
Exposition des Gebietes nach Süden nehmen die tieferen Lagen desselben 
an den Vorzügen des oberen Rheinthaies teil; die höheren Lagen von 
500 m Meereshöhe und mehr teilen das Klima des Hegaus. 

Für die Rheinebene kann als mittlere Jahrestemperatur 10 — 11°C. 
angegeben werden. Sie ist der wärmste Teil Badens und einer der 
begünstigtsten Deutschlands mit heissen Sommern und im allgemeinen 
milden Wintern. Der nördliche Teil um Mannheim ist der wärmste; 
dann scheint gegen Süden zu ein Gebiet sich einzuschieben, in welchem 
die Wirkung des niederen Kraichgauer Hügellandes in der Nähe sich 
geltend macht; wenigstens zeigt sich Karlsruhe in allen Jahreszeiten 
der berechneten Temperatur nach etwas zu kühl, wobei übrigens auch 
die grosse negative Abweichung im Frühling und Sommer ähnlich wie 
bei Baden durch den ausgedehnten Haardtwald, der die Stadt nach 
allen Seiten umgiebt, einen Teil ihrer Erklärung finden kann. Die 
Stationen Heidelberg und Freiburg, und noch mehr Baden, liegen zu 
nahe am oder zu tief im Gebirge, als dass sie die Verhältnisse der 
freien Ebene rein zur Darstellung brächten; sie repräsentieren die kli- 
matischen Zustände am Rande der Ebene, also in einer Landschaft, 
die in jeder Beziehung als der herrlichste Garten des Landes gelten kann. 

Was nun weiterhin die Niederschlags Verteilung betriflft, so 
sind in Tabelle VI nach dem 2. Heft der Beiträge zur Meteorologie 
und Hydrographie des Grossherzogtums Baden (S. 59) die Nieder- 
schlagsmittel flir 1871 — 83 zusammengestellt; da aber diese Periode 
als eine abnorm niederschlagsreiche bezeichnet werden muss, so sind 
die Werte nach den Ergebnissen der Karlsruher Beobachtungen auf den 
42jährigen Zeitraum von 1841 — 83 reduziert worden durch Verkleine- 
rung im Verhältnis 1140 : 876. Endlich giebt die Tabelle auch noch 
die jahreszeitliche Verteilung der Niederschläge, in Prozenten ausge- 
drückt, für die Jahre 1871-83. 



\ 



Tabelle VI. 

Niedersclilagsmengen in MilUmetem und ihre jahreszeitliclie Verteilung 

in Prozenten. 





Niederschi agsmen ge 


Jahreszeitliche Verteilung in Prozenten 


Station 


1871 
bis 

1883 


1841 

bis 

1888 


auf Mann- 
heim be- 
zogen 


Winter 


Frühling 


Sommer 


Herbst 


Meersburg . . 
Donaueschingen . 
VilUngen . . . 
Höchenschwand . 


1053 

958 

1018 

1687 


808 

716 

772 

12iy7 


1,07 
1,16 
1,88 

1 


18,1 

14,3 

16,1 

19,3 


28,4 
24,3 

21,8 

20,2 


86,4 
84,9 
84,4 

28,7 


27,1 
26,5 
27,7 

81,8 



r 



38 



Ludwig Neiunann, 



[38 





Niederschlagsmenge 


Jahreszeitliche Verteilung in Prozenten 


Station 


1871 


1841 


auf Mann- 












bis 


bis 


heim be- 


Winter 


Frühling 


Sommer 


Herbst 




1883 


1883 


zogen 










Schopfheim . . 


1458 


1119 


1,6S 


17,5 


22,8 


29,7 


30,0 


Schweigmatt . . 


1719 


1319 


1,98 


19.1 


23,8 


28,5 


28.6 


Badenweiler . . 


1241 


952 


1,43 


15,0 


22,8 


35,. 


27,1 


Freiburg . . . 


1273 


976 


1,46 


14.4 


26,0 


32.3 


27,4 


Baden .... 


1719 


1319 


1,9^ 


19,1 


22,4 


30,4 


28,1 


Karlsruhe . . . 


1140 


876 


1,81 


17,9 


21,8 


^tOj"^ 


26,8 


Bretten .... 


943 


704 


1,06 


18,0 


22,2 


32,6 


27.2 


Mannheim . . . 


864 


665 


1,00 


15,7 


19,7 


36,9 


27,7 


Heidelberg . . 


963 


720 


1,08 


19,1 


21.2 


31,8 


27,9 


Buchen .... 


1112 


854 


1,28 


21,6 


20,1 


28,3 


30,0 


Wertheim . . . 


993 


740 


1,11 


18,5 


19,8 


33,5 


28,7 



„Nun haben wir aber für die Beurteilung der Niederschlags- 
verhältnisse nicht nur die vorstehenden Stationen zur Verfügung, sondern 
viel mehr. Baden allein hat im ganzen 47 Regenbeobachtungsstationen, 
dazu können noch benutzt werden 24 nahe der badischen Grenze ge- 
legene ebensolche Stationen in Württemberg, 9 in Bayern, 4 in Hessen, 
25 im Elsass, 36 in der Schweiz, 1 in Vorarlberg und 3 in Hohen- 
zoUern. (Beiträge zur Hydrographie u. s. w., 2. Heft, S. 12.) Auf 
Grund dieses umfassenden Beobachtungsmaterials kann nun zunächst 
über die geographische Verteilung der Niederschläge in Baden 
das Folgende ausgesprochen werden, was sich wesentlich an die eben 
genannte Quelle (S. 12 ff.) und an die demselben Heft beigegebenen 
Regenkarten anlehnt, wobei noch bemerkt werden möge, dass die 
Regenhöhen des Textes nach dem Durchschnitt 1841 — 83 bestimmt 
sind. (Vergl. auch: Der Rheinstrom, S. 142 ff., und zugehörige Nieder- 
schlagskarte für die Jahre 1870 — 85.) Längs des Rheines dehnt sich 
ein schmaler Streifen von 450 — 600 mm jährlicher Niederschlagsmenge 
von Basel bis gegen Mannheim zu aus; östlich an diesen anschliessend 
finden wir eine Fläche von 600 — 750 mm ebenfalls als schmales Land 
in der Rheinebene von der Schweizer bis zur hessischen Grenze; ein 
breiterer Streifen derselben Niederschlagshöhe zieht sich durch Hegau, 
Jura und nördliches Linzgau. Relativ grosse Verbreitung hat das 
Gebiet mit 750 — 900 mm jährlicher Niederschlagshöhe; es breitet sich 
hauptsächlich am Westfuss des Schwarzwaldes, im Eraichgau, in den 
tieferen Lagen des Odenwaldes und des fränkischen Stufenlandes, endlich 
am Ostabfall des Schwarzwaldes, in der Baar und im Norden des 
Bodensees aus. Niederschlagshöhen zwischen 900 und 1050 mm zeigen die 
niedereren Gebirgsregionen des Schwarzwaldes, sowie die hochgelegenen 
Teile des westlichen Jura im Norden, des Odenwaldes und des fränki- 
schen Stufenlandes. Die Haupterhebungen des Schwarzwaldes sind durch 
inselförmige Gebiete mit rasch von 1050 — 1200, und von 1200 — 1350 mm 
und mehr zunehmender Niederschlagshöhe gekennzeichnet. Die Region 
der Maximalniederschläge liegt im Hauptmassiv des südlichen Schwarz- 
waldes um den Feldberg herum." 



39] 



Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 



39 



V Diese Verteilung der Niederschläge zeigt eine so deutliche Ab- 
hängigkeit von der Meereshöhe, dass die Regenkarte eine unverkennbare 
Aehnlichkeit mit der Höhenschichtenkarte besitzt. Auf die physikalische 
Ursache dieser ganz allgemeinen meteorologischen Erscheinung braucht 
hier nicht eingegangen zu werden; nur sei kurz darauf hingewiesen, 
dass die Zunahme der Niederschläge sich schon bei der Annäherung 
an das Gebirge deutlich zu erkennen giebt, wie die allgemeine Regen- 
Terteilung in der Rheinebene uns dies aufs genaueste vor Augen führt, 
wie es aber auch aus folgender Zusammenstellung zu ersehen ist, welcher 
die Niederschlagshöhen von 1875 — 79 für fünf von West nach Ost auf- 
einander folgenden Stationen zu Grunde liegen: 



Meereshöhe 
m 



Jährliche 
Niederschlags- 
menge 
mm 



Relative 
Niederschlags- 
menge 



Alt-Breisach . 
Auggen . . . 
Badenweiler 
Höchensch wan d 
Donaueschingen 



193 
290 
421 
1013 
692 



649 
1072 
1316 
1879 
1073 



100 
165 
203 
290 
165 



Die Rheinebene im Windschatten der Vogesen und ihrer nörd- 
lichen Fortsetzungen, ebenso die östlichen badischen Landesteile im 
Windschatten von Schwarzwald und Odenwald sind auffallend nieder- 
schlagsarm, und zwar die Rheinebene viel mehr als die Landschaften 
des Süd- und nordöstlichen Badens, entsprechend der grösseren Höhen- 
differenz zwischen Vogesenkämmen und Rheinebene einerseits, Schwarz- 
wald und seinen östlichen Vorlagen anderseits. Im Gegensatz zu 
Vogesen und Schwarzwald zeigt der in rein nordöstlicher Richtung ver- 
laufende Jura an seinen Hängen weder eine nasse noch eine trockene Seite ; 
nur die den Siidwestwiuden gegenüber exponierte Erhebung des Randen 
im Norden von Schaffhausen vermag am Südwestrande reichlichere 
Niederschläge zu veranlassen. Das kleine Gebiet reichlicheren Nieder- 
schlags am Nordufer des Bodensees endlich dürfte wohl sein Dasein 
ebenfalls dem Südwestwinde verdanken, welcher den auf der Seefläche 
aufgenommenen Wasserdampf an den hochgelegenen Stufen des Linz- 
gaues wieder abgiebt. Schliesslich mag es dahingestellt bleiben, ob nicht 
grosse Waldungen wenigstens lokal — im höheren Schwarzwalde, in der 
Umgebung von Baden-Baden , auch bei Karlsruhe u. a. 0. — insofern 
2ur Erhöhung der Niederschlagsmenge beitragen, als sie die bei nacktem 
Boden starke Insolation verringern, und als infolgedessen die geringere 
Wärmeausstrahlung der Kondensation des Wasserdampfes weniger ent- 
gegenwirkt, als dies auf kahlen Flächen der Fall sein würde.'' 

„Was weiterhin die jahreszeitliche Verteilung der Nieder- 
schläge betrifft, so liegt Baden in der grossen mitteleuropäischen 
Provinz der Niederschläge zu allen Jahreszeiten mit im allgemeinen 
Torherrschenden Sommerregen. Nur auf dem hochgelegenen südlichen 



r 



40 



Ludwig Neumann, 



[40 



Schwarzwaldmassiv (Höchenschwand, Schweigmatt, Schopfheim), auf dem 
höheren nördlichen Schwarzwald und auf den oberen Stufen der frän- 
kischen Terrassenlandschaft (Buchen) rückt das Niederschlagsmaximum 
in den Herbst und zwar dem Monat nach in den Oktober, in Buchen 
sogar in den November, offenbar unter dem Einfluss der im Herbst 
ganz besonders vorherrschenden Luftströmungen aus Südwest, welche^ 
da die Maximalzone der Niederschläge bei der sinkenden Temperatur 
nach unten gerückt ist, ihren Wasserdampf an den ihnen im Wege 
liegenden Höhen abgeben, während die tiefer liegenden Landesteile im 
Windschatten von Vogesen und Schwarzwald gelegen sind, also geringere 
Niederschlagsmengen empfangen als im Sommer. '^ 

Zur Charakterisierung des Klimas unsrer Gebiete ist wichtiger als 
die Schneemenge, auf die hier nicht eingegangen werden soU, die 
Zeitdauer der Schneefälle innerhalb der einzelnen Landesteile. Die 
folgende kleine Zusammenstellung (gekürzt aus: Der Rheinstrom, S. 146),. 
welcher Mittelzahlen der Reihe von 1879 — 1885 zu Grunde liegen, ist 
für unsre Zwecke sehr anschaulich: 



Gebiet 


Erster 


Letzter 


Zeit, inner- 
halb welcher 
Schnee fallt 

Tage 


Schneefreie 
Zeit 




Schnee fällt am 


Tage 


Bodenseegegend (Meersburg) 

Jura (Schopf loch) 

Südlicher Schwarzwald (Höchen- 

Bchwand 

Südliche Rheinebene (Basel) . . 
Nördliche Rheinebene (Frankfurt) 


4. Nov. 
20. Okt. 

14. Okt. 

1. Nov. 

10. Nov. 


9. April 
8. Mai 

21. Mai 

24. April 

5. April 


156 
200 

219 
174 
146 


209 
165 

146 
191 
219 



Betrachtet man im volkstümlichen Sinne als Winter die Zeit,. 
innerhalb welcher Schnee fällt, so zeigen unsre Zahlen, dass auf dem 
hohen Schwarzwald der Winter 2 V« Monate, auf dem Jura fast 2 Monate 
länger dauert als in der unteren Rheinebene, welche ihrerseits auch 
gegenüber der oberen Rheinebene noch um fast einen Monat kürzeren 
Winters begünstigt ist. Die Bodenseegegend erscheint auch bei dieser 
Betrachtungsweise wieder als ganz besonders durch langen und warmen 
Herbst ausgezeichnet. 

Die Dauer der schneefreien Zeit, in welcher sich die Fruchtreife 
und Ernte zu vollziehen hat, ist für den Anbau und die Besiedelung 
klimatisch wohl der wichtigste Faktor. Wir sehen, wie diese Periode 
trotz der Kleinheit unsres Gebietes in sehr weiten Grenzen schwankt, 
deren Extreme und wichtigste Daten oben zusammengestellt sind. Wir 
sehen auch deutlich, wie diese Grenzen in erster Reihe von der Höhen- 
lage, dann aber auch von den früher gekennzeichneten Verhältnissen 
der geographischen Wärmeverteilung und der Windrichtung, sowie von 
speziellen topographischen Zuständen (grosse Wasserfläche des Boden- 
sees) abhängen. 



41] Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 41 

Einen sehr bedeutungsvollen Gesamtausdruck findet der klimatische 
Zustand eines Gebietes in den phänologischen Erscheinungen, 
im Zeitpunkt des Aufblühens wichtigerer Gewächse. Ein systematisches 
phänologisches Beobachtungsnetz besteht in Baden nicht; es muss daher, 
um wenigstens einige Hauptdaten geben zu können, auf Hoffmanns 
Pbänologische Karte von Mitteleuropa (siehe Litt.) zurückgegriffen werden. 
Statt wie bei Hoffmann die Eintrittszeiten der Aprilblüten auf Giessen 
zu beziehen, sind dieselben unten auf Heidelberg bezogen worden. Die 
Zahlen geben an, um wie viel Tage sich die Aprilblüten gegenüber 
denjenigen von Heidelberg verfrühen (+) oder verspäten ( — ): 

Friedrichshafen, Bodenseegebiet — 6 Tage. 

Reichenau, » — 3 

Ochsenhausen, Linzgau — 21 

Schwenningen, Baar — 22 

Tuttlingen, Donauthal — 23 

Schaffhausen, Rheinthal — 6 

Rafz, Klettgau, nahe Schaffhausen — 9 

Lohn, Randen, „ „ — 20 

Basel, Rheinthal — 3 

Freudenstadt, östlicher Schwarzwald (Hochfläche) . . — 31 
Calw, östlicher Schwarzwald (Nagoldthal) .... — 3 

Heilbronn, Neckarthal 

Bruchsal, Westrand des Kraichg. Hügellandes . . 

Siedelbrunn, vorderer Odenwald, nördlich vom Neckar — 20 
Birkenau, » „ (Weschnitzthal) ... — 5 , 

Bensheim, „ „ Bergstrasse .... -|- 2 , 

Darmstadt, untere Rheinebene — 2 

Pfeddersheim, „ „ — 3 

Würzburg, fränkisches Stufenland (Mainthal) ... — 5 

Der Gebirgsfuss am Ostrande der Rheinebene erscheint nach dieser 
Zusammenstellung als der weitaus begünstigtste und geschützteste Landes- 
teil, in welchem die Blüte zuerst zur Entwickelung kommt, und zwar 
ist entsprechend der tieferen Lage der Norden (Bruchsal, Heidelberg, 
Bensheim) etwas früher daran als der höher gelegene Süden (Basel). 
Mit der Entfernung vom Gebirgsfuss tritt eine kleine Verspätung ein 
(Darmstadt, Pfeddersheim), während tief gelegene Thäler des westlichen 
Hügellandes (Heilbronn) an den Vorzügen der Bergstrasse teilnehmen. 
Je mehr man sich nach Osten von der Rhein ebene wegbewegt, desto 
mehr treten auch in den tieferen Thälem Verspätungen ein (Würzburg), 
und der Odenwald hat trotz seiner geringen absoluten Höhe und der 
grossen Nähe der Rheinebene sowohl in niederen wie in höheren Lagen 
Verspätungen (Birkenau, Siedelbrunn), die von unten nach oben rasch 
zu bedeutender Grösse anwachsen. Für den hohen Schwarzwald fehlen 
Beobachtungsstationen; doch zeigt das Verhalten von Freudenstadt, 
wie gross der Unterschied der Blüteneintrittszeiten zwischen Rheinebene 
und Gebirge ist. Der Gegensatz von Hochfläche und tiefer Thallage 
auch für den der Rheinebene gegenüber weniger günstigen Ostabhang 
des Schwarzwaldes tritt durch die Vergleichung von Freudenstadt und 
Calw klar zu Tage. 



n 

n 



•n 
n 



42 Ludwig Neumann, ["42 

Das obere Rheinthal und die Uferlandschaften des Bodensees 
(Basel, Schaffhauseu, Reichenau, Friedrichshafen) sind in ihrer Vege- 
tationsentwickelung trotz höherer Lage dem westlichen Qebirgsfuss 
gegenüber nicht sehr stark benachteiligt; es macht sich hier offenbar die 
südliche Exposition, vielleicht auch der Föhn günstig geltend. Sobald man 
aber die Hochflächen und Gebirge besteigt, so findet sich dasselbe 
Verhältnis wie in der Umgebung von Heidelberg. Hier fallen bei den 
geringen Entfernungen von Schaffhausen besonders das nicht sehr hoch 
gelegene Elettgau (Rafz) und der hohe Randen (Lohn) auf, dann ganz 
besonders die höheren Teile des Linzgaues (Ochsenhausen) und endlich 
die Baar, in welcher Donauthal und eigentliche Hochfläche (Tuttlingen 
und Schwenningen) gleich ungünstig daran sind. 

In diesen so verschiedenen Eintrittszeiten der Aprilblüten spiegelt 
sich die Strenge und Dauer des Winters, damit ein überaus wichtiger 
klimatischer Faktor sehr deutlich ab, ein Faktor, der wegen seiner 
Bedeutung für die Vegetationsdauer der Nährpflanzen in erster Reihe 
die Wirkung des Klimas auf die Siedelungen zum Ausdruck zu bringen 
geeignet ist. 

Durch diese kurz gefassten Ausführungen erscheinen die klima- 
tischen Bedingungen der einzelnen Landesteile so weit dargestellt, dass 
es möglich ist, bei den später folgenden Untersuchungen über die 
Ursachen der verschiedenen Volksdichtengrade auf dieselben zurück- 
zugreifen. 

4. Hydrographische Verhältnisse, besonders der Rheinebene. 

Die vorstehenden Entwickelungen haben die seit geschichtlicher 
Zeit als unverändert anzusehenden Grundzüge der Höhenverhältnisse 
und der orographischen Gliederung, des geologischen Baues und der 
klimatischen Zustände Badens in dem Umfange klarzulegen versucht, 
wie sie für die Besiedelung von Bedeutung sind. Die Fragestellung 
(S. 19), welche die Richtung und Ausdehnung dieser ganzen Arbeit 
bestimmt, führt nun naturgemäss weiter zu einer kurzen üebersicht der 
hydrographischen Beschaffenheit, die logischerweise als Folge- 
erscheinung der Niederschlagsverhältnisse aufzufassen ist. Die Entstehung 
der einzelnen Wasseradern und Thalrinnen ist hier nicht von Belang, 
sondern nur die Wirkung ihres Vorhandenseins auf die Besiedelung. 
Im Schwarzwald und Odenwald, in den östlichen Hügelländern und auf 
der Hochebene der Baar sind die Linien der Wasserläufe als bequemste 
Zugänge zuerst beschritten und zuerst besiedelt worden. An ihnen 
liegt auch heute die Mehrzahl aller Niederlassungen überall, wo nicht 
die Natur des Thalbaues dies verhindert hat und das ist in hervor- 
ragendem Masse nur der Fall im südlichen Schwarzwalde bei denjenigen 
Thälern, welche oberhalb Basel in den Rhein einmünden. Diese Thäler 
tragen den Charakter des Jugendlichen, Unfertigen deutlich zur Schau; 
sie kommen aus hochgelegenen, sanftgeneigten Thalmulden und ver- 
stärken ihr Gefälle nach unten, so dass sie in diesen unteren Thalstrecken 
tief und schluchtartig ausgesägt erscheinen und neben dem reissenden 
Strome kaum der Strasse genügenden Platz übrig lassen. Nur selten 



43] I^ie Yolksdichte im Grossherzogtum Baden. 43 

und vereinzelt finden sich in kleinen Ausweitungen zerstreute Wohn- 
stätten oder unbedeutende Dorfschaften; die grosse Mehrzahl der Sie- 
delungen liegt in dieser Gegend oben auf den sonnigen Hochflächen, 
die sich zwischen den Thalrinnen ausbreiten. Dass einmal, sobald 
überhaupt die Zahl der Siedelungen einige Grösse, also die Yolksdichte 
einen nennenswerten Grad erreicht hatte, die Frage des Verkehrs mächtig 
fördernd auf die Weiterentwickelung der Wohnorte einwirken musste, ist 
schon ausgesprochen worden. Dass wir also auch, abgesehen von der 
erwähnten Ausnahme, die grösseren und ansehnlicheren Niederlassungen 
des Gebirges und der Hügelländer im allgemeinen längs der natürlichen 
Verkehrswege der gangbaren Thäler finden, versteht sich von selbst, 
ebenso, wie es aus demselben Grunde nichts Verwunderliches hat, dass 
die Bodenseeufer und das obere Rheinthal vom Bodensee bis Basel in 
mächtiger Weise volksverdichtend gewirkt haben. 

Wie im einzelnen Exposition und Bestrahlung, Thalrichtung und 
Neigung, Steilheit der Gehänge, BeschafiFenheit der Thalsohle, Beziehung 
zwischen Thalrichtung und vorherrschender Windrichtung, Niederschlags- 
verhältnisse neben der Gesteins- und Bodenbeschaffenheit die Frucht- 
barkeit und Ergiebigkeit des Bodens und damit die Volksdichte be- 
stimmen, das hat in einem andern Gebiete Opp ermann (vergl. Litt.) 
sehr schön nachgewiesen. Für die wenigen Thäler und Thalgebiete 
des Taunus war es möglich, in betreff jeder einzelnen Gemeinde die 
Anbau Verhältnisse, die Ernte- une Obsterträgnisse zu ermitteln und 
hiemach in Verbindung mit dem Hinweis auf die mehr oder weniger 
entwickelten Verkehrsbeziehungen Schlüsse auf die Besiedelung jedes 
Thaies und auf seine Volksdichte zu ziehen, die durchaus befriedigend 
ausfallen. Für das ganz wesentlich grössere Gebiet Badens die Unter- . 
suchung in ähnlicher weitläufiger Weise durchzuführen, wäre für einen 
Einzelnen unmöglich; es kann aber als eine sehr lohnende Arbeit für 
Sonderuntersuchungen bezeichnet werden , die Siedelungsverhältnisse 
verschiedener Thalgebiete in den einzelnen Teilen Badens einer Bear- 
beitung im Sinne Oppermanns zu unterziehen. 

Sehr wichtig für unsre Frage gestaltet sich das hydrographische 
Moment in der Rheinebene zwischen Basel und der hessischen Grenze. 
Während nämlich, abgesehen von einzelnen Flusslanfverbesserungen, die 
seit alters her zum Zwecke der Entsumpfung, der Holzflösserei und 
auch der Schiffahrt (Neckar, Main), dann besonders erst in den letzten 
Jahrzehnten zur Sicherung und Verbesserung von Grund und Boden 
vorgenommen worden sind, innerhalb der Gebirge und des Hügellandes 
der hydrographische Gesamtzustand seit der geschichtlichen Zeit im 
Grunde unverändert blieb, ist die Rheinebene seit den Tagen der ersten 
Ansiedelung in ihrer ganzen Natur völlig umgestaltet worden. In vor- 
römischen Tagen, für welche nur von einer ziemlich dünn gesäten 
Bevölkerung gesprochen werden kann, ist natürlich keine Möglichkeit 
vorhanden gewesen, den natürlichen Lauf des Rheines und seiner Neben- 
flüsse innerhalb der Ebene künstlich zu beeinflussen. Wir können also ohne 
Einschränkung der Allgemeinheit unsrer Untersuchung die Zustände 
zur Römerzeit als die ursprünglichen ansehen. Ueber diese geben uns 
Näher und Honsell (vgl. Litt.-Verz.; siehe auch die hydrographische 



44 Ludwig Neumann, [^44 

Beschreibung des Rheiristromes, S. CO — 60 und 177 — 180) Auskunft. 
Nach den genannten Quellen floss der Rhein vor 1800 Jahren im all- 
ji^emeineii in demselben Bett, in welchem wir ihn zu Anfang unsres 
Jahrhunderts vor der grossen Rheinkorrektion finden. Als echter 
Wildstrom änderte er aber innerhalb seines breiten Ueberschwemmungs- 
gebietes seinen Wasserlauf vielfach; ist doch infolge solcher Strom- 
verlegungen die Bergstadt Breisach im Laufe der Geschichte wiederholt 
vom rechten aufs linke Flussufer geschoben oder zur Insel gemacht 
worden. 

Von Basel bis in die Nähe des Kaiserstuhls hat sich der Rhein 
in den von ihm aufgeworfenen Schuttkegel alpiner Geschiebe eine tiefe 
Rinne erodiert und so den Gegensatz zwischen dem Hochufer und dem 
tiefliegenden Ueberschwemmungsgebiet gebildet, wie wir ihn z. B. auf 
der Eisenbahnfahrt von Basel nach Norden, besonders in der Umgebung 
des Isteiner-Klotzes so scharf ausgeprägt sehen können. Auf dieser 
Strecke besitzt der Strom in seinem Ueberschwemmungsgebiet keine 
geschlossenen Ufer, vielmehr haben wir es mit einem Gewirr von Strom- 
armen und Giessen, Inseln und Kiesgründen mit zusammen 1 — 2 und 
mehr Kilometer Breite zu thun. Denselben Charakter des Stromlaufes 
finden wir auch dem Kaiserstuhl entlang auf der kurzen Strecke der 
indifferenten oder Nullarbeit des Rheines. Von hier ab und weiterhin 
verschwinden die Hochgestade bis unterhalb der Kinzigmündung, von wo 
ab sie wieder zum Vorschein kommen; ihre eigentliche Ausbildung 
finden sie aber erst weiter nördlich, etwa von der Rench ab bis zur 
hessischen Grenze. Auf dieser langen Erstreckung im Norden des 
Kaiserstuhls, wo bei vermindertem Gefälle nicht nur keine Erosion 
stattfindet, wo vielmehr der Fluss die von oben herab mitgebrachten 
Geschiebe ablagert, also sein Bett erhöht — daher das Fehlen der 
Hochufer — ändert er mit der Zeit den Charakter der eigentlichen 
Wasserrinne: er sammelt seine Fluten in ein geschlossenes Bett, das 
abwärts von der Murgmündung in weiten, vielfach scharf gebogenen 
Windungen die Niederung ausfüllt. Die Auswaschung der unteren 
Rheinniederung zwischen ihren Hochufern ist durch das wechselvolle 
Spiel dieser Serpentinen entstanden ; der ziemlich gleichmässige Abstand 
der beiden Hochgestade mit ihren Buchten und Landzungen, besonders 
zwischen Lauterburg und Germersheim, lässt erkennen, dass der Strom 
einst in viel weitern Windungen floss, die genau den jetzigen Biegungen 
des Hochufers entsprechen; dies letztere ist demnach nur durch Ab- 
tragung von Seiten des fiiessenden Wassers entstanden. (Honsell, 
Natürl. Strombau, S. 35—49, nebst Karte.) 

Diese Beschaffenheit des Stromes und seiner Ufer lassen es natur- 
gemäss erscheinen, dass die Siedelungen unterhalb des Hochufers, wo 
dieses vorhanden, sehr selten, und dass sie auch längs der flachen Uftjr- 
linie vom Kaiserstuhl bis über die Kinzig hinaus nur spärlich ge- 
zählt sind. 

Es war lange Zeit hindurch die Ansicht verbreitet, dass der Rhein bis 
zur Römerzeit und noch später in drei parallelen Armen durch die Ebene 
nach Norden geflossen sei. Besonders Tulla, der geniale Schöpfer der 
Rheinkorrektion, hat die Theorie der drei Rheine durch seine Autori- 



45] I^iö Volksdichte im Grossberzogtum Baden. 45 

tat lange geschützt. Der mittlere Arm sollte im ganzen dem jetzigen 
Laufe entsprechen, der westliche in der Richtung der 111 durchs Elsass 
geströmt, und der östliche den Hauptarm oberhalb des Kaiserstuhls 
verlassen haben, um von hier ab dem Fusse des Schwarz waldes entlang 
nach Norden zu ziehen, so dass sämtliche Flüsse und Bäche des 
Schwarzwaldes, ja vielleicht sogar noch der Neckar demselben zu- 
geströmt wären. Heute wird dieser Ansicht die andre entgegenge- 
stellt (vgl. Näher, S. 180; Honsell, Nattirl. Strombau, S. 44), dass das 
zweifellos längs des Gebirgsfusses vorhandene Gewässer alter Zeit, 
dessen Dasein auch urkundenmässig erhärtet ist, indem z. B. eine In- 
schriftentafel in Ettlingen diesen Ort als Schiffsstation bezeichnet, und 
indem Gewandnamen bei Muggensturm, in der Nähe von Rastatt, in 
dieser Gegend Bindeplätze für Flösse erkennen lassen, u. a. m. — dass 
dieses Gewässer nicht als Rheinarm gedeutet werden könne; „vielmehr 
fehlte es auf dem ehemaligen Seeboden der jetzigen Rheinebene an der 
Querneigung, die notwendig gewesen wäre, damit die aus den Seiten- 
thälern austretenden Wasser in der Richtung ihres Thallaufes nach 
dem in der Mitte des Hauptthaies liegenden Strom abflössen. Die 
Wasser mussten deshalb an den Tbalmündungen sich ansammeln und 
der Längsneigung des Hauptthaies folgend, nach Norden ihren Abfluss 
nehmen, d. h. dem Bergfuss entlang. Durch die an den Thalmün- 
dungen hervortretenden Schuttkegel war der Abfluss vielfach gehemmt, 
und so entstanden seeartige Bildungen und Sümpfe. Die Spuren dieses 
breiten Gewässers sind heute noch deutlich zu erkennen durch Wiesen, 
Brüche und nasse Waldungen; vor einigen hundert Jahren noch war 
die Bahn des „Ostrheins'* durch kleine Seeen und Fischweiher bezeich- 
net. Es besteht auch kein Zweifel darüber, dass dieses Gewässer einst 
durch künstliches Zuthun beseitigt, dass der Unterlauf der Seitenflüsse 
durch Menschenhand geöffnet worden ist. Bezeichnend ist insbesondere, 
dass diese Flüsse meist da einmünden, wo das Hochufer des Rheines 
sich dem Bergfusse am meisten genähert hat, wo also der Graben am 
kürzesten geworden ist. Die „Landgräben" der Rheinebene sind nichts 
als solche Ableitungen. 

Ueber den Neckar hinab hat sich jenes Gewässer am Bergfusse 
nicht ausgedehnt, denn dieser Fluss hat einen ausgedehnten Schuttkegel 
bis zum Hauptstrom selbst vorgestreckt und ihn zum weiten Ausbiegen 
nach Westen gezwungen. Dagegen mussten sich auch der Bergstrasse 
entlang die Odenwaldgewässer zu einem flussartigen Gebilde stauen, in 
welches sich zeitweise die Fluten des Neckar, wenn er über sein nied- 
riges, rechtsseitiges Ufer bei Ladenburg austrat, ergossen haben mögen, 
um nach Norden abzufliessen. Ebenso mag auch der Rhein selbst, 
hoch angeschwollen, von dem Geröllkegel oberhalb des Kaiserstuhls 
dann und wann seine Wassermassen über die Ebene hin in das Rinnsal 
am Bergfusse ergossen haben. 

5. Geschichtliche Uebersicht der Besiedelang des heutigen Badens. 

Neben den früher besprochenen allgemeinen Zuständen haben 
diese hydrographischen Verhältnisse die Besiedelung in ganz hervor- 



4G Ludwig Neumann, [46 

ragendem Masse beeinflusst, wie ein Blick auf die vorgeschichtliche und 
die ältere geschichtliche Entwickelung derselben darthut. Als Quelle 
für die folgende kurze Zusammenfassung dienten Wagners archäo- 
logische Karte des Grossherzogtums Baden, sowie das Sammelwerk »Ds^ 
Grossherzogtum Baden** in seinem Abschnitt über Geschichte und Alter- 
tümer (bes. S. 139— 183 0- 

Neben den vereinzelten, der ältesten Steinzeit angehörigen 
Funden von zum Teil unveränderten, zum Teil bearbeiteten Renntier- 
knochen und -Geweihen, von Steinwerkzeugen, Thonscherben und Holz- 
kohlen aus dem Löss der Rheinebene bei Munzingen am Tuniberg 
(Amt Freiburg), und neben ähnlichen Funden im Kesslerloch bei 
Thayingen (Kanton Schaffhausen), unmittelbar an der badischen 
Grenze, Funden, welche uns die älteste Spur von Besiedelungen so- 
wohl in der Rheinebene als im Hegau verraten, sind die zahlreichen 
Reste der jüngeren Steinzeit und der älteren Metallzeit, wie 
sie uns in den Pfahlbauten erhalten blieben, die Hauptzeugen alter 
Niederlassungen. Es ist hier nicht der Ort, von der Art und Ver- 
schiedenheit der gefundenen Gegenstände selbst zu sprechen; für den 
vorliegenden Zweck sind nur die Oertlichkeiten der Pfahlbauten von 
Wichtigkeit. Wir finden dieselben am Bodensee und zwar bei Hagnau, 
Haltnau, Unteruhldingen, Seefelden, Maurach, Nussdorf, Sipplingen, 
Ludwigshafen, Bodmann, Wallhausen, Dingeisdorf, Litzelstetten, Mainau, 
Konstanz; am Untersee bei Hegne, Aliensbach, Markelfingen, Itznang, 
Hornstaad, Gaienhofen, Hemmenhofen und vor allem bei Wrangen; 
ferner am Mindelsee auf der Bodanhalbinsel, bei Rielasingen an der 
Aach und bei Dürrheim in der Nähe der Neckarquelle. 

Diese Pfahlbaureste beweisen uns das Vorhandensein einer ver- 
hältnissmässig schon ziemlich verdichteten Bevölkerung am Bodensee, 
in den Niederungen des Hegau und in den tiefer gelegenen Teilen der 
Baar für eine Zeit, die jedenfalls weit vor der römischen Invasion liegt. 

Geräte, Gefässe, Waffen und Schmuckgegenstände, die mit den- 
jenigen der Pfahlbauten vollkommen übereinstimmen, aber fem vom 
Wasser und ohne eigentliche Pfahlbaureste gefunden wurden, lassen 
darauf schliessen, dass in denselben Tagen der jüngeren Steinzeit und 
der darauf folgenden Metallzeit auch festländische Siedelungen bestan- 
den, von denen grössere, nämlich sogenannte Depotstellen (Handels- 
niederlagen, Metallgussstätten) nachgewiesen sind bei Kaltbrunn auf 
der Bodanhalbinsel, bei Salem im unteren Linzgau, bei Unadingen in 
der Nähe von Hüfingen, bei Istein nördlich von Basel, bei Ettlingen, 
zwischen Weiher und Stettfeld (Amt Bruchsal) am Rande des Kraich- 
gauer Hügellandes, bei Friedrichsfeld am unteren Neckar und auf der 
Schauenburg bei Dossenheim an der Bergstrasse. 

Ueber die „vorrömische Metallzeit** geben weiterhin Haupt- 
aufschluss die Gräberfunde in den Flachgräbern, Urnenfeldern und 
Hügelgräbern. Erstere sind gefunden worden zu Merzhausen bei Frei- 



*) Karl Bissinger, Bilder aus der Urgeschichte des badischen Landes. 
Badische Neujahrsblätter, herausgeg. von der bad. histor. Kommission, Karls- 
ruhe 1891, ist erst erschienen, nachdem vorstehender Abschnitt geschrieben war. 



47] Die Volkadichte im Grossherzogtum Baden. 47 

bürg, zu Heitersheim (Amt Staufen), bei Lörrach und bei Weilheim 
(Amt Waldshut), also am Südabfall des Schwarzwaldes und an dessen 
südwestlichem Hügelsaum. Urnenfelder sind nachgewiesen zu Hut- 
tenheim und Oftersheim auf dem Rheinhochufer in der unteren Ebene, 
sowie zu Gottmadingen im Hegau; die im ganzen häufigen Hügel- 
gräber (119 Gruppen mit über 600 Hügeln, deren Grösse bis zu 90m 
Durchmesser und 8 m Höhe anwächst) , fehlen durchaus im hohen 
Schwarzwald, in der mittleren Rheinebene zwischen Elz und Pfinz, so- 
wie im hohen Odenwald. Sehr reich dagegen sind an ihnen die weitere 
Umgebung des Bodensees, Linzgau, Hegau und Jura in allen Höhen- 
lagen, das Kraichgauer Hügelland und die ihm benachbarten Teile der 
unteren Rheinebene. Von den übrigen Landesteilen haben die Baar, 
die Ostabdachung des Schwarzwaldes, das Klettgau, das obere Rhein- 
thal und sein Gebirgsrand wenig, die westlichen Vorhöhen des süd- 
lichen Schwarzwaldes und die obere Rheinebene bis gegen Lahr etwas 
mehr, das Neckarthal vereinzelte und die fränkische Hochebene wenig 
Hügelgräber. Es scheinen hiernach in der vorrömischen Zeit die höheren 
Gebirge und die den Ueberschwemraungsgefahren ausgesetzten Teile 
der Rheinebene beinahe oder vollständig unbewohnt gewesen zu sein. 
Zum gleichen Ergebnis führt uns auch die geographische Verteilung 
der ziemlich zahlreichen Ringwälle; das Vorhandensein der vereinzelt 
vorkommenden Hochäcker zeigt, dass jene alte Bevölkerung sich mit 
Ackerbau befasste; den Betrieb der Viehzucht können wir aus Tier- 
resten in Gräbern und Opferstätten schliessen, Geräte und Schmuck aus 
Metall, Glas, Bernstein, dann die vorhandenen Münzen weisen auf Ge- 
werbefleiss, Handel und Verkehr, also auf eine sehr weit entwickelte 
Bildungsstufe jener ältesten Bewohner, die wir als Kelten zu betrachten 
gewohnt sind. 

Beim Eindringen der Römer finden wir die Kelten von den Ger- 
manen verdrängt, die 58 vor Chr. unter ihrem Führer Ariovist durch 
Cäsar vom linken Rheinufer aufs rechte zurückgedrängt wurden; später 
finden wir am Rheinknie von der Neckarmündung bis zur oberen Donau 
die Markomannen, die aber im letzten Jahrzehnt vor Christi Geburt 
unter Narbod nach Böhmen auswanderten, um sich vor der drohenden, 
römischen Vergewaltigung zu schützen. Nach ihrem Abzug war das 
Land nur noch sehr dünn bevölkert, und unter diesen wenigen Volks- 
resten scheinen auch noch Kelten gewesen zu sein, die sich wahrschein- 
lich vor der Flut des germanischen Einfalles in die zuvor unbewohnten, 
versteckten Thalwinkel des Gebirges zurückgezogen hatten, von wo sie 
sich bei langsamer Vermehrung allmählich auch in das Innere des 
höheren Schwarzwaldes ausbreiteten, so dass sie den Grundstock der 
allerdings erst viel später nachweisbaren Gebirgsbevölkerung bilden. 
Wenigstens scheinen anthropologische Aufnahmen und Untersuchungen 
der neuesten Zeit (vgl. die im Litteraturverzeichnis erwähnten Arbeiten 
von Ammon) darauf hinzuweisen, dass die heutigen Schwarzwälder einem 
andern Volksstamme angehören, als die Bewohner der Ebene und des 
Hügellandes. 

Die Römer betraten badisches Gebiet zum erstenmal im Jahre 1^> 
vor Chr., indem Tiberius in diesem Jahre vom Bodensee bis zur „Donau- 



48 Ludwig Neomann, [48 

quelle'' vorrUckte. Von jener Zeit ab war das sQdöstliche Baden ein 
Teil der Provinz Rbätien. Die Besetzung des übrigen Landes erfolgte 
um die Mitte des ersten Jahrhunderts unsrer Zeitrechnung, aber erst 
unter Domitian und Trajan wurde der grosse Grenzwall angelegt und 
vollendet, der vom Mittelrhein in südöstlicher Richtung bis Regensburg 
sich erstreckte und die ,agri decumates*", das Zehntland, einen Teil 
der 9 Germania superior*", vom freien Germanien trennte. Der limes 
romanus schneidet Baden in der Linie Osterburken- Walldürn und lässt 
nur den äussersten Nordosten des Landes ausserhalb der römischen 
Machtsphäre liegen. Reste von römischen Strassen, Befestigungen, 
Militärstationen, Brücken, bürgerlichen Niederlassungen, Bädern (Baden- 
Baden und Badenweiler) und Eultusstätten geben ein deutliches Bild 
von der römischen Machtentfaltung und Kultur am Oberrhein. Acker- 
bau und Viehzucht waren auch jetzt die Hauptbeschäftigungen; sehr 
entwickelt war sodann das Baugewerbe, wie zahlreiche Ziegelbrennereien 
beweisen; daneben blühten Steinhauerei, Töpferei, Metallgewerbe, Berg- 
bau (Wiesloch), Handel und Verkehr. 

Römische Reste verschiedenster Grösse und Bedeutung finden sich 
sehr häufig am Bodensee (Eonstanz), im Linzgau, Hegau, Klettgau und 
in der Baar, besonders längs der Strasse, die von Vindonissa (Windisch 
bei Brugg an der Aare) nach Norden ins Neckargebiet f&hrte ; dann im 
oberen Rheinthal zwischen Waldshut und Basel, am Westabhang des 
Schwarzwaldes (Badenweiler) von Basel bis zur £lz und in der vor- 
liegenden Rheinebene (Alt-Breisach), im unteren Einzigthal und an 
seinen Umrandungen, am Schwarzwaldfusse von Lahr bis Bühl und zum 
Teil auch in der nahen Ebene; ganz besonders in der Umgebung von 
Baden, am Nordrande des Schwarzwaldes von Ettlingen bis Pforzheim 
und rings um diese Stadt herum, in der unteren Rheinebene (Heidel- 
berg und Ladenburg), im Kraichgauer Hügelland und nach Osten bis 
zum limes (Osterburken). Es sind im ganzen gegen 150 Trümmer- 
und über 100 Fundstellen, die nur den höheren Schwarzwald, die un- 
günstigen Teile der Rheinebene und den inneren Odenwald unbewohnt 
erscheinen lassen. 

Die römische Kultur erreichte ihren Höhepunkt zu Anfang des 
dritten Jahrhunderts ; in den langdauemden und heftigen Kämpfen mit 
den Alemannen ging sie allmählich unter, und nach Valentinian (375) ist 
nur noch dessen Sohn Gratian einmal auf das rechte Rheinufer hinüber- 
gedrungen. Seither war das Zehntland für die Römer verloren, und 
zu Anfang des fünften Jahrhunderts nahm auch ihre Herrschaft am 
Bodensee (Rhätien) ein Ende; dass von den vielen römischen Anlagen 
so gut wie nichts unzerstört erhalten blieb, erklärt sich aus der Art 
der Kampfführung jener Tage zur Genüge. 

Die nachrömische, alemannische Besiedelung ist also erst der 
wirkliche Ausgangspunkt der heutigen Niederlassungen und damit auch 
der Entwicklung der jetzigen Volksverteilung und Volksdichte ge- 
worden, wobei aber doch festzuhalten ist, dass die neuen Herren des 
Landes ihre Wohnstätten zumeist an den von den Kelten und dann 
von den Römern ausgewählten, und von diesen als günstig erkannten 
Oertlichkeiten aufschlugen, da sie hier überall wertvolle Vorarbeiten 



49] ^i^ Yolksdichte im Grossherzogtum Baden. 49 

zu ihrer eigenen gedeihlichen Entwickelung vorfanden, wie ausgerottete 
Wälder, gepflegtes Ackerland, Bewässerungsgräben, Wege u. s. w. 
Trotz des fast absoluten Untergangs der älteren Kelten- und Germanen-, 
sowie der jüngeren Römerkultur, besteht demnach doch eine gewisse 
Kontinuität der Siedelungen von den frühesten bis auf diejenigen 
unsrer Tage. 

Seit 496, in welchem Jahre Chlodwig die Alemannen schlug, 
mussten sich diese in die Gebiete südlich der Murg und Oos zurück- 
ziehen, während der Sieger, welcher seine Herrschaft über das ganze 
Land ausdehnte, die nördlichen Teile desselben seinen Franken und 
Chatten zum Wohnsitz anwies. Der Gegensatz zwischen Franken und 
Alemannen, d. h. zwischen der Bevölkerung nördlich und südlich der 
Murg und Oos ist heute noch in mancherlei Hinsicht wohl erkennbar. 
Nicht nur dass die volkstümliche Scheidung zwischen unter- und Ober- 
land mit der genannten Grenzlinie genau zusammenfällt, ist hier von 
Interesse, vielmehr vollzieht sich längs derselben auch die Trennung 
der Dialekte in deutlich wahrnehmbarer Weise. Auch die Bauart der 
Häuser ändert sich ; im Norden haben wir mächtiges Ueberwiegen der 
fränkischen Haus- und Hofanlage, im Süden das alemannische Haus; 
endlich, und das ist für unsre Zwecke die Hauptsache, zeigt sich bei 
der fränkischen Bevölkerung die Neigung zu grösseren, geschlossenen 
Weiler- und Dorfanlagen, denen gegenüber die Einzelsiedelungen nicht 
nur in der Ebene, sondern auch im Gebirge der Zahl nach sehr zu- 
rücktreten, während diese im alemannischen Oberlande, soweit nicht 
die Rheinebene das Abgehen von der allgemeinen üebung rätlich er- 
scheinen liess, sehr zahlreich sind. Es ergiebt sich aus der Verfolgung 
dieser Thatsache die unwiderlegliche Erkenntnis, dass neben den natür- 
lichen Bedingungen auch alte Stammesgewohnheiten, aus früheren 
Wohnsitzen mitgebrachte Ueberlieferungen bei der Art der Anlage von 
Neusiedelungen mitwirken. Allerdings ist dieses historische Moment 
starker Variabilität fähig, je nach den Bedingungen, welchen sich die 
Ansiedler gegenübergestellt sehen, und so findet sich trotz des unver- 
kennbaren Gegensatzes zwischen fränkischen und alemannischen Siede- 
lungen bei den letzteren doch das oben Gesagte (vgl. Andrian), be- 
stätigt, dass die der Stammeseigentümlichkeit entsprechenden Einzel- 
siedelungen um so häufiger, die geschlossenen Wohnorte um so seltener 
werden, je mehr die Bodenform dazu drängt. 

Bis zum Zerfall des Karolingerreiches stand nun das südwest- 
liche rechte Rheinufer unter fränkischer Hoheit ; es wurde in von frän- 
kischen Grafen verwaltete Gaue geteilt, deren Namen sich vielfach bis 
zur Stunde erhalten haben (Kraichgau, Klettgau, Hegau, Linzgau u. a.). 
An Städten waren nur die früheren römischen Niederlassungen Kon- 
stanz, Breisach und Ladenburg vorhanden, sowie die jüngeren Bodmann 
an der Nordwestecke des Ueberlinger Sees, Säckingen, Kinzigdorf (das 
jetzige Ofienburg) und Bruchsal. Ueber die Lage der übrigen Wohn- 
orte, sowie über den Kulturzustand ihrer Bewohner, geben in erster 
R^he die alemannischen und fränkischen Reihengräber Aufschluss, 
die an etwa 100 Stellen gefunden wurden und den Beweis liefern, dass 

Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde. VII. 1. 4 



50 Ludwig Neumann, |"50 

in den Tagen von der Yölkerwanderung bis zum Ausgange der Karo- 
linger eine vergleichsweise hohe Bildungsstufe erreicht war. 

Wieder sind es die Gebiete um den Bodensee; die tieferen Stufen 
des Linzgau und Hegau, aber auch der höhere Jura (Riedöschingen, 
Fützen), das Donauthal, die Baar, dann aber zum erstenmal die Hoch- 
flächen des südöstlichen Schwarzwaldes (Cöggingen, Löiftigen, Göech- 
weiler, Bonndorf, Lembach, Brunuadern), das Wutachthal, Klettgau 
und obere Rheinthal, darüber der Dinkelberg und dahinter das Wiesen- 
thal, dann die südwestlichen Vorhöhen des Schwarzwaldes, dessen un- 
tere Thaltrichter und die vorliegende Rheinebene, die nördliche Rhein- 
ebene über dem Hochgestade, das Kraicbgauer Hügelland und die 
fränkischen Stufenländer, wo wir die Spuren der nachrömischen Neu- 
besiedelung finden. Ganz oder fast menschenleer, oder doch wenigstens 
nicht von Germanen besiedelt, waren im früheren Mittelalter noch die 
mittleren Teile der Rheinebene, sowie die inneren Gebiete des Oden- 
waldes und Schwarzwaldes. 

Was den letzteren betrifft, so hat er, wie schon ausgeführt, wahr- 
scheinlich eine dUnngesäte Bevölkerung von Kelten besessen, welche 
sich seiner Zeit vor der Römergefahr in die schwer zugänglichen Thäler 
des Gebirges geflüchtet hatten. Erst in viel späterer Zeit sind diese 
ausgesprochen dunkeläugigen, schwarzhaarigen RundkÖpfe in Berührung 
mit den helläugigen, blonden Langköpfen der eben erwähnten Gebiete 
getreten. Während unter 100 Schädeln der alemannisch-fränkischen 
Reihengräber Ii0,i Langköpfe und 9,3 Rundköpfe sich flnden, zeigt das 
jetzt lebende Geschlecht nur noch 15,9 reine Langköpfe, dagegen 32, i 
Rundköpfe. Der Schwarzwald erscheint daher als ein Ausetrahlungs- 
mittelpunkt von keltischen Rundköpfen, die erst im langsamen Verlauf 
der Jahrhunderte seit der Periode der Reihen gräberkultur aus dem Ge- 
birge heraustraten und sich mit den Langköpfen der begUnstigteren 
Landesgegenden, d. h. mit den jüngeren germanischen Ansiedlem 
mischten '). 

In die Zeit gegen Ende der Reihengi^berkultur fallt die Einfüh- 
rung des Christentums; die ältesten Klostemiederlassungen des achten 
und neunten Jahrhunderts liegen alle im Gebiete der genannten, schon 
bewohnten Gegenden, erst St. Trudpert im Münsterthal und St. Blasien 
im obern Albthal (zehntes Jahrhundert) zeigen, dass die Kulturpioniere 
des früheren Mittelalters ihren Weg in das Innere und auf die Höhen 
des Waldgebirges gefunden hatten. Im elften Jahrhundert entstanden 
die Klöster St. Georgen, St. Peter, St. Märgen. Friedenweiler, St. Ulrich, 
und mit diesen Gründungen ging Hand in Hand die Waldausrottung, 
"" ' achung und Besiedelung, die jetzt erst die zuvor fast gänzlich 
hnten Bergregionen belebte. 

ie Besiedelung der Rheinebene in ihrem Mittelstreifen ist teil- 
loch wesentlich jüngeren Datums, da die Besiegung der hier 
ntretenden Schwierigkeiten Jahrhunderte hindurch tüchtige und 



51] Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 51 

ausdauernde Arbeit erforderte. Aber auch heute noch finden sich 
zwischen dem Gebirgsfusse und dem Strome grosse Walddistrikte, welche 
mit unbedeutenden Unterbrechungen in der ganzen Süd-Nord-Erstreckung 
zu verfolgen sind, und in welchen wir einen Ueberrest des ältesten 
Zustandes der Rheinebene vor uns haben, während die Besiedelungen 
ringsum und überall sonst im Lande das ursprüngliche Aussehen der- 
selben wesentlich verändert haben; an Stelle des einst alles be- 
deckenden Waldes war in einer den wirtschaftlichen Ansprüchen ent- 
sprechenden Weise die Verteilung von Wald, Weide, Wiese, Ackerland 
getreten; im einzelnen hing die Art der Bodenbebauung und das 
Flächenverhältnis der verschiedenartig benutzten Gelände natürlich von 
der Bodenbeschaffenheit ab und gestaltete sich je nach dieser ver- 
schieden. 

Der Zustand der landwirtschaftlichen Flächen, wie er sich etwa 
im 13. Jahrhundert herausgebildet hatte, erhielt sich im wesentlichen 
bis tief ins 18. Jahrhundert hinein, und trotz mancherlei wirtschaft- 
licher Rückschläge und trotz der Schädigungen, welche die Kriegs- 
läufte des Mittelalters und der ihm folgenden Jahrhunderte unver- 
meidlich brachten, haben wir auch in Bezug auf die Siedelungen eine 
im allgemeinen kontinuierlich zu nennende Weiterentwickelung, die im 
Zusammenhang darzulegen nicht der hier gestellten Aufgabe entspricht. 
Es hat sich vielmehr im Verlauf der vorstehenden Ausführungen nur 
darum gehandelt, im Anschluss an die gegebene Allgemeinübersicht der 
natürlichen Verhältnisse des Bodens, der Höhenlage, des Klimas und 
der Bewässerung zu zeigen, welche Landschaften von frühester Zeit ab 
den Ansiedlern als die geeignetsten zu Niederlassungen erschienen sind. 

Das gegenwärtige Jahrhundert und insbesondere die letztver- 
gangenen Jahrzehnte haben vieles an den überlieferten Zuständen ge- 
ändert durch die Neueinführung oder den sehr intensiven Anbau von 
wertvollen Handelsgewächsen, durch die gewaltige Entwicklung und 
die Zentralisation der Industrie, durch die modernen Verkehrsmittel, 
durch den Maschinenbetrieb auch in der Landwirtschaft, bei welchem 
viele Kräfte frei geworden sind, die sich nun andern Erwerbszweigen 
zuwandten und in grosser Zahl in die Städte übersiedelten, daher auch 
in der Gegenwart das gegen früher so bedeutend geänderte Verhältnis 
der ländlichen zur städtischen Bevölkerungszahl. 



6. TolksTerteiliing und zahlenmässige Darstellung derselben. 

Wenn Sprecher von Bern egg in seiner mehrfach erwähnten 
Arbeit die Verteilung der bodenständigen Bevölkerung im Jahre 1820 
untersucht und zur Darstellung bringt, so ist es seine Absicht, wie er 
dies auch ausspricht, alle die genannten Einflüsse der neueren Zeit und 
ihrer wirtschaftlich umgestaltenden Kräfte zu eliminieren und nur die 
Wirkungen des Bodens auf die Besiedelung klarzulegen. Durch Herein- 
ziehung der gegenwärtigen Verhältnisse in die vorliegende Arbeit unter- 
scheidet sich dieselbe also prinzipiell von jener Vorläuferin, ganz ab- 
gesehen von den andern Gebietsabgrenzungen und von der eingehenden 



52 Ludwig Neumann, [52 

Berücksichtigung der Höhenverhältnisse, welche die Hauptgrundlage 
der beiliegenden Dichtekarte abgegeben hat. 

In Tabelle I (S. 29) sind bereits für die verschiedenen Landes- 
teile und ihre Höhenstufen in übersichtlicher Zusammenfassung die 
Flächeninhalte mitgeteilt. Zur Ermittelung der Volksdichte jedes Flächen- 
stückes ist zunächst die absolute Volkszahl desselben festzustellen. Diese 
konnte nun aber nicht ohne weiteres aus der Volkszahl der Gemeinden, 
wie dieselbe in den Statistischen Mitteilungen für das Grossherzogtum 
Baden (Bd. V, Jahrgang 1887, Nr. 1, S. 6—16) nach der Volkszählung 
vom 1. Dezember 1885 enthalten ist, entnommen werden, und zwar 
aus folgenden Gründen: 

Nur ein Bruchteil der politischen Gemeinden stellt einen einheit- 
lichen Wohnplatz dar; die meisten derselben bestehen aus mehreren 
oft in beträchtlicher Entfernung voneinander liegenden Einzelwohn- 
orten, zwischen welchen die 100 m- Höhenkurven und die Grenzlinien 
der unterschiedenen Landesteile trennend durchlaufen. Es musste also 
notwendig auf die „Wohnorte" zurückgegriffen werden, wenn eine be- 
friedigende Genauigkeit in den Volkszahlen und in den aus ihnen ab- 
geleiteten Dichtigkeitsgraden erzielt werden sollte. Die Aufstellung 
eines genauen und vollständigen Ortsverzeichnisses ist in Baden zum 
erstenmal auf Grund der Volkszählung von 1875 durchgeführt worden 
(vgl. Beiträge zur Statistik der inneren Verwaltung des Grossherzog- 
tums Baden. Heft 39). Es wurden damals gezählt 7697 Wohnorte, 
darunter 115 Städte, 1608 Dörfer, 648 Weiler, 1085 Zinken, 
227 Gruppen von Höfen, 403 Gruppen von Häusern, 12 Gruppen von 
Mühlen, 1429 einzeln gelegene Höfe, 1669 einzeln gelegene Häuser 
und 501 einzeln gelegene Mühlen. 

„Weiler und Zinken sind Ortschaften, die nach der Grösse und 
Bedeutung zwischen dem mehr oder weniger geschlossenen Dorfs und 
der Gruppe von zwei oder nur wenigen Häusern und Höfen liegen. 
Als Weiler gilt ein solcher Ort, wenn seine Häuser mehr auf einem 
Haufen, als Zinken (Ausläufer, Anhang), wenn sie mehr zerstreut oder 
in lockerer Reihe, z. B. längs eines Thalgrundes gelegen sind. Die 
ortsübliche Bezeichnung ist übrigens nicht ganz feststehend, und viel- 
fach ist die Grenze zwischen beiden Arten von Wohnorten schwer zu 
ziehen; ebenso ist es oftmals nicht leicht zu entscheiden, ob Häuser 
oder Häuserkomplexe, welche von andern Wohnorten nicht allzuweit 
entfernt liegen, als selbständige Wohnplätze zu gelten haben oder 
nicht. ** 

Für den vorliegenden Zweck war jedenfalls eine möglichst weit- 
gehende Zerlegung, wie sie eben nur ein Ortsverzeichnis giebt, am 
wünschenswertesten, und im allgemeinen konnte dieses als der wirk- 
lichen Verteilung der getrennt liegenden Wohnorte entsprechend be- 
trachtet und als geeignete Grundlage der weiteren Untersuchungen be- 
nutzt werden. Die Ergebnisse der Volkszählung von 1885, auf welche 
im folgenden ausschliesslich Rücksicht genommen werden soll, waren 
bei Beginn dieser Arbeit noch nicht nach den Volkszahlen der Wohn- 
orte zur Veröffentlichung gelangt. Dagegen war es durch die zuvor- 
\ommende Liebenswürdigkeit des Vorstandes des badischen „Statistischen 



53] I^ie Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 53 

BQreaus", des Herrn Geheimrat Dr. Hardeck in Karlsruhe, ermöglicht 
worden, dass die handschriftlichen Zusammenstellungen der Bevölkerung 
aller Wohnorte nach dem Stande vom 1. Dezember 1885 benutzt werden 
konnten. 

Erst im Sommer 1890, als vorliegende Arbeit abgeschlossen, aber 
noch nicht veröflFentlicht war, erschien das Ortsverzeichnis für 1885 
mit den nach Wohnorten verteilten Bevölkerungszahlen, die ich zuvor 
im Manuskript hatte benutzen können, im Druck, und zwar als 2. Heft 
der neuen Folge (der ganzen Reihe 48. Heft) der „Beiträge zur Stati- 
stik des Grossherzogtums Baden*^. (Karlsruhe 1890.) 

Diese Neuaufstellung der Wohnorte stimmt mit jener von 1875 
nicht mehr genau überein, sie enthält vielmehr um 596 Wohnorte mehr, 
von denen der grösste Teil den Zinken und den einzelnen Höfen und 
Häusern zugehört. Während seit 1875 eine gewisse, wenn auch nicht 
grosse, Anzahl von Wohnorten einging, weil einzelne Höfe und Häuser 
verlassen und abgebrochen wurden, um das betreffende Gelände auf- 
zuforsten, weil femer durch Feuer oder sonst zerstörte oder baufällig 
gewordene Häuser nicht wieder hergestellt, oder weil seither selb- 
ständige Wohnorte von benachbarten grösseren Ortschaften aufgesogen 
wurden, so ist doch die so bedingte Verminderung der Wohnorte gering 
gegenüber der bedeutenden Vermehrung derselben, welche durch ge- 
nauere Ermittelung bei den neuen Volkszählungen und durch sorgfältige 
Benutzung und Interpretation des vorhandenen Kartenmaterials ge- 
wonnen worden ist. Gegenüber der älteren badischen Karte in 1:50 000 
enthält die neue in 1:25 000 bedeutend mehr getrennte Ortsnamen und 
Ortszeichnungen, sie gewährt auch durch die Sorgfalt ihrer Einträge 
überall ein bestimmtes Urteil darüber, ob eine Oertlichkeit, die bisher 
mit einer andern unter gemeinsamem Namen zusammengefasst war, 
als selbständig anzusehen ist oder nicht. Zu diesen Ergebnissen des 
Kartenstudiums kamen noch Anfragen bei Gemeinde- und Staats- 
behörden, so dass das jetzige, hier zu Grunde gelegte Ortsverzeichnis, 
wenn vielleicht auch nicht als endgültig abgeschlossen, so doch als 
wesentlich verbessert und zuverlässiger angesehen werden darf als das- 
jenige von 1875. 

Gegenüber den Zahlen von 1875, die oben (S. 52) schon mit- 
geteilt wurden, enthält das Ortsverzeichnis von 1885 folgende Angaben: 
Städte 114 (115), Dörfer 1614 (1608), Weiler 650 (648), Zinken 1167 
(1085); Gruppen von Höfen 209 (227), von Mühlen 17 (12), von 
Fabriken 3 (0), von Häusern 421 (403); einzelne Höfe 1569 (1429), 
Mühlen 536 (501), Fabriken 39 (0), Schlösser und Burgen 27 (0), 
Häuser 1927 (1669) zusammen 8293 (7697). 

Hierzu möge noch bemerkt werden, dass die Verminderung der 
Städte durch die Vereinigung von Karlsruhe und Mühlburg hervor- 
gerufen wurde und dass unter den einzelnen Häusern 695 einzeln ge- 
legene Bahnwartshäuser inbegri£Pen sind. 

Es war nun auf Grund dieser offiziellen Quellen zunächst not- 
wendig, die Bewohnerzahl jedes Wohnortes auf die oben (S. 23) ge- 
nannten 170 Pausen der topographischen Karte an der richtigen Stelle 
einzutragen. In der Rheinebene, wo weit ausgedehnte Flächen dieselbe 



54 Ludwig Xemnann, [54 

Höhenlage besitzen, nämlich unter 100 m, von 1<X> — 200 m, von 200 
bis 300 m über dem Heere, war häufig eine kleine Erleichterung dieser 
nicht geringen Mühe gestattet, indem die einzelnen Wohnorte einer 
Gemeinde zumeist zwischen denselben Höhengrenzen gelegen sind. Da 
hier ausserdem auf die einzelnen Gemeinden nur wenige getrennte 
Wohnorte kommen, im Mittel etwas fiber zwei« so war hier das Ein- 
tragen von keiner besonderen Schwierigkeit begleitet, und es kann ge- 
sagt werden, dass die Verteilung der Gemeinden, wie sie auf den bei- 
gegebenen Karten zur Darstellung gekommen ist. die Lage und An- 
ordnung der Siedelungen selbst beinahe vollständig wiedergiebt. 

Wesentlich anders gestaltete sich aber die Sache in den Hügel- 
ländern imd Gebirgen: kommen im weiteren Umkreise des Bodensees 
durchschnittlich 5, im Amtsbezirk Pfullendorf aber 8. im nordöstlichen 
Hügellande 2 — 3, am Süd- und Westfusse des Schwarzwaldes 3 Wohn- 
orte auf die Gemeinde, so ist es bei dem unebenen Terrain, um das 
es sich hier überall handelt, und bei dem häufig sehr grossen Abstände 
der Einzelorte einer Gemeinde voneinander unvermeidlich, dass sie sich 
über mehrere Höhenstufen verteilen; sie müssen al.<o notwendig alle 
getrennt zur Einzeichnung gelangen. 

Noch schwieriger liegen die Verhältnisse in manchen Teilen des 
inneren und höheren Schwarzwaldes. Als Typus mag hier der Amts- 
bezirk Wolfach gelten. In dessen Gebiet das rund 456 qkm umfasst, 
die sich vom mittleren Kinzigthal (200 m) bis zu den Höhen des Eniebis 
(975 m) an der württembergischen Grenze ausdehnen, wohnen in 24 Ge- 
meinden 25 482 Einwohner, die sich aber auf 472 Wohnorte verteilen. 
Hat also eine Gemeinde durchschnittlich 1002 Einwohner, so kommen 
auf einen Wohnort 54 solche, oder jede Gemeinde hat im Mittel 
20,6 Wohnorte; einzelne derselben besitzen aber viel mehr, so hat z. B. 
die Gemeinde Bergzell 32, Gutach 30, Lehengericht 54. Kinzigthal gar 
56 getrennt liegende Weiler, Zinken, Häuser, Mühlen, Häuser- oder 
Mühlengruppen, die sich durch 5 Höhenstufen verteilen. Im Amts- 
bezirk Triberg verteilen sich die 21074 Einwohner sogar auf 501 ge- 
trennte Wohnorte, so dass auf einen solchen nur 42 Einwohner kommen. 
Im Bezirk Neustadt hat ein Wohnort im Mittel 43 Einwohner. Nur 
die Einzeichnung jedes einzelnen Wohnortes gab also hier die Möglich- 
keit, die Volkszahlen der Höhenstufen zu bestimmen. Aehnlich wie in 
den genannten Bezirken liegen die Dinge in etwa einem Drittel des 
Landes; es war also eine ziemlich zeitraubende Arbeit, die Volkszahlen 
und ihre Summen nach den einmal gewählten Abgrenzungen zu er- 
mitteln. 

Dazu gesellte sich noch eine weitere Schwierigkeit. Zuweilen 
läuft eine Höhenkurve durch einen geschlossenen Wohnort hindurch, 
so dass alle statistischen Urmaterialien im Stiche lassen, weshalb zu 
einem Interpolationsverfahren geschritten werden musste. Die topo- 
graphische Karte giebt nach der Zahl der Häuser oberhalb und unter- 
halb der Höhenlinie, sowie nach der leicht zu ermittelnden durch- 
schnittlichen Bewohnerzahl der Häuser, oder bei grösseren Orten nach 
A^w% geometrischen Verhältnis, in welchem die Isohvpse die Fläche der 
^ft teilt, einen Anhaltspunkt, wie viel Bewohner der oberen, wie 



551 I^ie Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 55 

riele der unteren Höhenschichte zuzuweisen sind. Zu streng genauen 
Zahlen kann dies Verfahren nicht führen, ein besseres ist aber nicht 
vorhanden, und so bleibt nichts übrig, als sich mit der so gewonnenen 
Annäherung zu begnügen. Gross kann übrigens in den Summen die 
Abweichung von der vollen Genauigkeit schon deshalb nicht sein, weil 
der angegebene Fall verhältnismässig doch nicht gerade oft eintritt, 
und dann, weil es sich doch immer nur um Orte mittlerer Grösse 
handelt, von denen wohl bei dem willkürlichen Teilungsverfahren ebenso 
oft ein kleiner Bruchteil der Einwohner längs einer Isohypse zu tief 
als zu hoch eingetragen und zur Summeuziehung verwendet wird. Ein 
Fehler von 1600 Einwohnern — und ein solcher kann bei den ge- 
gebenen Verhältnissen im Einzelfalle niemals vorkommen — würde 
das Prozentverhältnis der Einwohnerzahlen nur um eine Einheit der 
ersten Decimalen verschieben. Die Mängel des obigen Verfahrens sind 
daher als sehr klein in Bezug auf ihre Gesamtwirkung anzusehen. Die 
Additionen wurden nicht auf den 170 Pausen in 1:25000, sondern 
auf der Uebersichtskarte in 1 : 300 000 vorgenommen, so dass nach den 
schon gezogenen Hauptgrenzen der Gruppen und nach den etwa nötig 
fallenden Unterabteilungen derselben die absoluten Bevölkerungszahlen 
aller natürlich begrenzten Gebiete mit einem solchen Grade von Ge- 
nauigkeit erhalten wurden, wie er ohne ien eingeschlagenen Weg nicht 
hätte erreicht werden können. 

Als die auf vorstehende Weise aus den Wohnorten gewonnenen 
Einwohnerzahlen der Landesteile nach ihren Höhenschichten zur Summe 
vereinigt wurden, ergab sich als solche statt des richtigen Wertes 
1 601 255, wie er aus der Volkszählung von 1885 hervorgegangen war, 
die Zahl 1592 740, also um 8515 oder um 0,5 3 V zu wenig. Wenn 
man bedenkt, dass diese Summe aus mehr als 8000 Posten gebildet 
ist, die weitaus zum grössten Teil sehr kleine Zahlen sind, und die 
aus 170 Einzelblättern und 14 Höhenschichten zusammengesucht werden 
mussten, während die Originalliste derselben 99 Seiten gross Quart 
mit je 3 Spalten ausfüllt, so wird dieser Fehler als begreiflich er- 
scheinen, um ihn auszugleichen, wurden die erhaltenen Werte ent- 
sprechend erhöht. Die Einwohnerzahlen der Schichten über 1000 m 
wurden wiederholt bestimmt und sind absolut richtig. 

Hiernach giebt die vorliegende Arbeit zum erstenmal für ein 
grösseres Gebiet die genaue Verteilung der Bevölkerung nach der 
Höhenlage innerhalb zusammenstossender natürlich begrenzter Bezirke. 
Allerdings hat A. Steinhauser (vgl. Litt.) die Verteilung der Be- 
völkerung Niederösterreichs nach der Höhe der Wohnorte dar- 
gestellt imd damit eine der vorliegenden analoge Aufgabe behandelt 
für ein Gebiet, das nach Penck (vgl. Litt.) eine Fläche von 19853,49 qkm 
bedeckt, also um rund 4800 qkm grösser ist als das Grossherzogtum 
Baden. Allein Steinhauser sagt selbst, dass er sich mit Schätzungen 
zufriedenstellte, weil die vorhandenen Karten entweder nicht ausreichten, 
oder in ihren Abgrenzungen und Namengebungen sich mit denjenigen 
des Ortsrepertoriums nur sehr wenig in Uebereinstimmung bringen 
Hessen. Steinhausers Ergebnisse bauen sich daher bei weitem nicht 
auf so eingehende und umfassende Behandlung des Karten- und Zahlen- 



56 Ludwig Nenmann, [56 

materials auf, wie die hier za entwickelnden. Ausserdem ist noch bei- 
zufügen, dass Steinhauser nur die absoluten Yolkszahlen und nicht 
auch die Volksdichte bestimmt, und dass er auf eine graphische Dar- 
stellung seiner Zahlenwerte verzichtet. — Sodann hat J. Burgkhardt 
in seiner orometrisch-anthropogeographischen Studie über das 6742,25 qkm 
einnehmende Erzgebirge die Volksverteilung, Yolksdichte sowie die 
Lage und Grösse der Ortschaften mit Rücksicht auf die Höhenlage 
untersucht, dabei aber nur zwischen Nordwest- und Südostseite des 
Gebirges unterschieden und die politischen Bezirke — die sachsischen 
Amtshauptmannschafben und die böhmischen Gerichtsbezirke — als 
Unterabteilungen der genannten zwei Hauptgruppen benutzt. Eine 
Zerlegung des Erzgebirges in natürliche Gebiete, wie sie im Vor- 
stehenden f&r Baden gegeben worden ist, entfallt bei Burgkhardt, dessen 
Arbeit im übrigen als ein sehr wertvoller Beitrag zur deutschen Landes- 
kunde und zur Methode der anthropogeographischen Forschung an- 
zusehen ist. Es wird später, besonders bei der Besprechung der Be- 
Yölkerungsyerhältnisse des Schwarzwaldes, auf dieselbe zurückgekonuggn 
werden müssen. Auch an die (S. 43) genannte Arbeit Oppermanns 
möge hier nochmals erinnert werden, sowie an Zampas demographische 
Studien über das Königreich Italien (vgl. S. 23). 

War einmal die absolute Bevölkerungszahl der einzelnen Höhen- 
stufen innerhalb der zehn Landesteile gegeben, so war daraus die 
relative bezw. die Volksdichte in bekannter Weise abzuleiten. 

Im fränkischen Stufenlande, im Kraichgauer Hügellande, 
im Klettgau, auf der Baar und auf dem Jura geben die Höhen- 
kurven an sich schon so bequeme Grenzlinien, dass von weiteren Unter- 
abteilungen in diesen räumlich auch nicht sehr ausgedehnten Land- 
schaften abgesehen werden konnte. Nach Lage und Bedeutung der 
grösseren Orte tritt in den genannten Gegenden auf unsrer Dichtig- 
keitskarte ohne weiteres der Einfluss der Hauptthäler als der wichtigeren 
Verkehrslinien dem Hügellande oder den höher gelegenen Stufen 
der Gebirge und Hochebenen gegenüber hervor. Grössere Industrie- 
mittelpunkte haben die genannten Landschaften nicht, ihre Bevölke- 
rung kann also auch für die Gegenwart noch als eine in der Hauptsache 
bodenständige betrachtet werden. 

Der badische Odenwald zerfällt durch den Neckarlauf von 
Neckargerach bis Heidelberg und durch das Hereinragen hessischen 
Gebietes von Nord nach Süd bis zum Neckar in der Gegend zwischen 
Neckargemünd und Eberbach in drei getrennte Teile, den vorderen 
Odenwald südlich vom Neckar, den vorderen Odenwald nördlich vom 
Neckar und den östlichen oder hinteren Odenwald. Die zwei letz- 
teren dieser drei Teile steigen vom tiefliegenden Flussthale steil 
und rasch empor, verlieren sich aber auf der dem Flusse abgewandten 
Seite in sanft wellenförmige Hochflächen und erreichen an der Ver- 
breitungsgrenze des Buntsandsteins im Süden und im Osten ihr Ende. 
— Der östliche Odenwald und die zunächst anstossenden Muschel- 
kalkfilächen des Frankenlandes bis zur Tauber werden oftmals unter 
dem Namen ^ Bauland*^ zusammengefasst. Es hat diese volkstümliche 
Verknüpfung zweier der Bodenbeschaffenheit nach verschiedener Ge- 



57] I^ie Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 57 

biete zu einem einzigen Ganzen eine gewisse innere Berechtigung, da 
der geologischen Formationsgrenze keine in die Augen fallende Aende- 
rung der Bodenformen und der allgemeinen Höhenlage entspricht. Nur 
der vordere Odenwald nördlich des Neckar zeigt bei tiefliegenden 
Thälem kräftigere Gliederung im Ganzen und besonders grösseren Formen- 
reichtum seiner Höhen, was sich aus den hier auftretenden Porphyren 
und Graniten im Gegensatz zu den einförmigen Buntsandsteinb'änken 
des übrigen Gebirges zur Genüge erklärt. Die Hauptlebensader dieser 
ganzen Landschaft ist das Neckarthal, das durch die Höhenkurven von 
200 und 300 m die Bedeutung seiner Sohle und seiner Abhänge für 
die Besiedelung den höheren Gebietsteilen gegenüber deutlich charak- 
terisieren lässt. Der Westabhang teilt die Vorzüge des langen Berg- 
saumes am Rande der Rheinebene und findet im Zusammenhang mit 
dieser eingehende Besprechung. 

Im Hegau, auf der diesem zugerechneten Bodanhalbinsel zwischen 
dem üeberlinger- und Untersee, rings um den Schienerberg zwischen 
den beiden Armen des Untersees, und ebenso auch im Linzgau zeigt 
in Bezug auf die Anzahl, Grösse und Bedeutung der Ansiedelungen das 
Ufer des Sees und des diesem entströmenden Rheines einen so be- 
deutenden Einfluss, dass längs dieser Gestade ein Uferstreifen Landes 
vom dahinter liegenden Gebiet abgetrennt wurde, weil die Zahl der 
Wohnorte und die von ihr bedingte Volksdichte hier unter Bedingungen 
steht, welche im Hinterlande nicht mehr zur Geltung kommen. Dieser 
Uferstreifen hat im Mittel eine Breite von etwa anderthalb Kilometern. — 
Dass im Norden des Bodensees vom Linzgau im engeren Sinne, d. h. 
von dem in seinen Bodenformen lebhaft gegliederten Gebiete der Be- 
zirksämter Ueberlingen und Pfullendorf, das wesentlich flachere Hoch- 
land im Flussgebiet der Ablach abgesondert wurde, welches sich im 
grossen Ganzen mit dem Bezirksamt Messkirch deckt und vom eigent- 
lichen Linzgau durch hohenzoUerisches Gebiet getrennt ist, erwies sich 
nach den Bodenformen als zweckmässig. 

Die vier Hauptteile des Schwarzwaldes — östlicher, nördlicher, 
mittlerer und südlicher Abschnitt des Gebirges — machten in Rück- 
sicht auf die Bodenform, und hier besonders nach der Ausgestaltimg 
der Thäler, sodann in Rücksicht auf die Bodenbeschaffenheit und die 
Verkehrslage die Schafi^ng von Unterabschnitten nötig, in welchen die 
Besiedelung sich verschieden entwickelt hat. So wurden im östlichen 
Seh war zw aide die Buntsandsteinfiächen bei Pforzheim und in den 
umliegenden Landschaften zwischen Enz, Nagold und Wurm, welche 
durch weit nach Westen vordringendes wUrttembergisches Gebiet vom 
übrigen badischen Schwarzwalde getrennt sind, als Ganzes für sich be- 
trachtet; die Haupterhebung des östlichen Schwarzwaldes ist zwischen 
der Pfinz und Murg gelegen, steigt in den Höhen von Nord nach Süd 
bedeutend an und lässt am tiefen Einschnitt des Murgthales das grani- 
tische Grundgebirge zu Tag treten, das in den höheren Teilen von 
schwach geneigten Buntsandsteintafeln überdeckt ist. Der nördliche 
Teil des Gebietes zwischen Alb und Pfinz ist eine wenig über 300 m 
gelegene Hochebene, auf welcher der Buntsandstein unter dem Muschel- 
kalk vielfach verschwindet. Um die besonders im unteren Murgthal so 



58 Ludwig Neumann, [f)8 

dichte Bevölkerung als einheitliche darstellen zu können, wurde die 
Grenze des östlichen und nördlichen Schwarzwaldes nicht orograpbisch 
der Tiefenlinie des Thaies entlang gezogen, sondern im Westen des 
Murgthales längs der 500 m-Isohypse, so dass also auch noch die 
Höhen zwischen der unteren Murg und der Oos dem östlichen Gebirgs- 
teile zuzurechnen waren. 

Ebenso wurde auch, um die wichtige Tbalfurche und Verkehrs- 
linie des Kinzigthales, welches die naturgemässe Grenze des nördlichen 
und mittleren Schwarzwaldea ist, in ihrer aothropogeographischen Be- 
deutung völlig würdigen zu können, diese Grenze vom Flusslauf weg 
an den südlichen Thalrand, und zwar an die Höhenkurve von 400 m, 
bezw. 300 m verlegt. Die Nordwesthälfte des nördlichen Schwarz- 
waldes besteht, einzelne räumlich nicht sehr belangreiche, zerstreute 
Porphyrdurchbrüche und die Bildungen des Rotliegeuden in der Gegend 
von Baden, abgerechnet, zumeist aus Qranit, die SUdosthäifte aus Gneis; 
in beiden Gebieten aber sind die breiten Höhenrücken längs der Wasser- 
scheiden mit den Schiebten des Buntsandsteins überlagert, soweit diese 
eben nicht der Denudation zum Opfer gefallen sind. 

Wie die Dichtigkeitskarte im östlichen und nördhchen Teile des 
Gebirges ausser den schon genannten Thälem auch alle übrigen von 
einiger Bedeutung hervorzuheben gesucht hat, so war das auch im 
mittleren Schwarzwalde der Fall, wo besonders die Thäler der 
Schutter, Elz, Dreisam und Brege mit ihren alten Verkehrsstrassen 
ihrer erösseren Volksdichte entsprechend sichtbar zu machen waren. 
gegen die Baar im Osten und gegen den südlichen Schwarz- 
er Gegend der oberen Wutacb konnte bequem die 900 m- 
lange Erstreckung festgehalten werden, und im Süden ist es 
■Linie, welche vom oberen Anfang des Höllenthals ab bis zum 
des Schauinslandes dem mittleren Schwarzwalde noch das 
isamthal und seine Südränder zuweist. Von dem höheren 
ist sich ganz natürlich die niedere HUnersedelgruppe 
lern unteren Kinzig- und dem Elzthal ab, deren Osthälfte 
das übrige Gebiet des mittleren Scbwarzwaldes — mit Aus- 
Granitregion in der Umgebung von Triberg — aus Gneis 
ist, während der westliche, der Rbeinebene zugekehrte Teil 
)ffenburg und Emmendingen eine breite Buntsandsteindecke 
a deren Westrand einzelne Schollen von Muschelkalk sich 
aben. Die höchsten Erhebungen sind mit Porphyrkuppen 

südliche Scbwarzwftld zeigt im Norden der Linie Müll- 
lU-Titisee seine Höhen wesentlich aus Gneis aufgebaut, im 
elben aus Granit; doch finden sich in der Gegend der Wehra, 
Murg und der oberen Alb bis zum Rhein bei Säckingen und 
lOch ziemlich ausgedehnte Gneisgebiete, im Osten und Süden 
Muschelkalk von der mittleren Wutach bei Gdndelwangen 
Nähe der ÄlbmUndung breite nach Süden abfallende Hoch- 
ährend in diesem Gebiete der Buntsandstein räumlich nicht 
idehnt ist; eine grössere Verbreitung hat derselbe dagegen 
lenzUgen nördlich vom unteren Wiesenthal. Dieses tritt mit 



59] I^ie Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 59 

seiner dichten Bevölkerung auf der Karte ebenso klar hervor wie die 
dünn bevölkerte unwohnliche Kalkfläche des Dinkelberges zwischen 
Wiesen- und Rhein thal, wie dieses letztere selbst und die es begleitenden 
Vorbergreihen jurassischer, tertiärer und diluvialer Natur zwischen Basel 
und Müllheim. Weiter als bis zu den genannten wichtigsten Momenten 
der Bodenbeschaffenheit konnte die Dichtekarte nicht auf die geologische 
Beschaffenheit eingehen; mehr Einzelheiten hätten hier das Bild nur 
an üebersichtlichkeit verlieren lassen. Der Gegensatz in der Verkehrs- 
bedeutung der schluchtartigen Gebirgsthäler im Südosten und der 
breiteren Thalböden im Südwesten, endlich die Strasse des Rheinthaies 
selbst treten aufs schärfste hervor. 

Am schwierigsten gestaltete sich die graphische Wiedergabe der 
Volksdichte in der Rheine bene. Die wichtigsten Fingerzeige, welche 
schliesslich auch allein zu einem annehmbaren Ziele führten, wurden 
hier aus der Betrachtung der oben geschilderten hydrographischen Ver- 
hältnisse und aus der Geschichte der Besiedelung, wie sie ebenfalls kurz 
mitgeteilt worden ist, gewonnen. Hiernach wurden als prinzipiell von 
allen andera Teilen der grossen Ebene verschieden die eigentlichen 
Ueberschwemmungsgebiete des Stromes unterhalb des Hochufers, wo 
ein solches vorhanden ist, und die Umgebung des inselartig aus der 
Ebene aufragenden Kaiserstuhlgebirges sowie dieses selbst abgetrennt; 
sodann zeigte ein Blick auf die Anordnung der Siedelungen, dass der 
Gebirgsfuss von der hessischen Grenze bis in die Gegend von Schliengen 
(zwischen Müllheim und Basel) in so mächtiger Weise volksverdichtend 
gewirkt hat — was unter Berücksichtigung der Bodenverhältnisse, der 
klimatischen Begünstigung, der Verkehrslage an der alten „ Bergstrasse ^ 
von Basel nach Mitteldeutschland, der so überaus zahlreichen Thal- 
mündungen nicht anders erwartet werden kann — , dass ein Streifen 
Landes am Rande des Gebirges der ganzen Länge der Ebene nach 
von dieser auszuscheiden und als Gebiet für sich zur Darstellung zu 
bringen war. Hiernach blieb dann im Süden des Kaiserstuhls und von 
der Renchmündung nordwärts ein mittlerer Streifen der Ebene zwischen 
Hochufer und Gebirgsfuss übrig, der unter ganz eigenartigen Be- 
dingungen steht; wo das Hochufer fehlt, also vom Kaiserstuhl bis zur 
Rench, konnte die ganze Ebene westlich vom Gebirgsfuss bis zum Strom 
selbst als einheitlich aufgefasst werden. Der Kaiserstuhl,, die Elz, 
Kinzig, Murg, die Lage von Karlsruhe, der Neckar geben entsprechende 
Grenzen zur Querteilung, und so giebt unsre Dichtekarte die Hauptteile 
der badischen Rheinebene nach den wechselnden Dichtigkettsgraden der 
Bevölkerung in klar übersichtlicher Weise wieder. 

War somit eine Gruppenbildung der verschiedenen Landesteile 
gewonnen, welche geeignet erscheinen konnte, die Volksverteilung in 
Berücksichtigung aller sie wesentlich beeinflussenden Gesichtspunkte 
zur Anschauung zu bringen, so handelte es sich bei Bestimmung des 
Dichtegrades, d. h. der Volkszahl, welche durchschnittlich auf je einen 
Quadratkilometer kommt, also bei Berechnung des Quotienten aus der 
absoluten Volkszahl durch die Fläche des von ihr bewohnten Gebietes, 
noch um die Frage, ob jeweils die ganze Fläche und die ganze 
Volkszahl in Rechnung gezogen werden darf, oder welche 



Ludwig; Neumann, 



[00 



Teile derselben ausgeschieden werden sollen. Diese Frage 
hat einzugehen auf die Behandlung der Wälder, des Unlandes und 
der Städte. 

Was zunächst die Wälder betrifft, so ist festzuhalten, dass sie 
ursprünglich das ganze in Rede stehende Gebiet bedeckten, soweit es 
nicht vom Siessenden oder stehenden Wasser, von FelsabstUrzen oder 
zu steilen Bergabbängen eingenommen ist, und dass sie erst im all- 
mählichen Verlaufe der Besiedelung so weit zurückgedrängt wurden, als 
der Boden zu andrer Benutzung brauchbar schien. Der gegenteilige 
Fall, dass nämlich einstens besiedelte Landstriche wieder aufgeforstet 
werden, kommt zwar nicht gerade selten vor, und ein Vergleich der 
älteren topographischen Karte in 1:50000 mit der neuen giebt ab und 
zu Belege fUr die bekannte Thatsache, dass — besonders im inneren 
Odenwalde und im höheren Schwarzwalde — früher vorhandene Einzel- 
höfe, deren Besitzer nur mit schwerer Not der Ungunst des Bodens 
die Mittel zum dürftigen Lebensunterhalt entrissen hatten, von der 
Verwaltung der Staatsforsten angekauft und abgerissen wurden, und 
dass wir jetzt Wald finden, wo vor einigen Jahrzehnten Ackerland, 
Wiesen und Weidfeld sich um ein einsames Gehöfte ausbreiteten. In 
der Gesamtwirkung auf die Volksdichte ist aber dieser Vorgang doch 
nur als unbedeutend zu bezeichnen, wie durch ihn auch das Verhältnis 
der Wald- zu den eigentlichen Anbauflächen nicht gerade wesentlich 
; geht doch dieser vereinzelten Wiederaufforstung die Ur- 
an andern Orten ununterbrochen parallel. Immerhin zeigt 
kleine Zusammenstellung, welche dem C. Bande der Sta- 
itteilungen Über das Grossherzogtum Baden {1889, S. If*) 
ist, dass der Staatsverwaltung in neuester Zeit ernstlich 
ninderwertige Bodenflächen durch Aufforstung nutzbringend 
Dabei ist zu beachten, dass unter „beholzter Fläche" der 
^ald und der Hackwald verstanden sind. 



Jahr 


BehoMe Fläche 
inqkm 


BehoUteFläche 

in ",0 der Lan- 

ilesflkthe 


1874 

1887 
1888 


5IG9,. 
5359,» 
5432,. 
5433,f 


35.19 
35,« 
36,« 

30,59 



1 der Wald, abgesehen von vereinzelt liegenden Forsthäusem, 
von Wald- und Holzarbeitern, kleinen Waldkolonieen fast 
bewohnt angesehen werden kann, dürfte es nicht als un- 
in, wenn für jeden der gewonnenen Bezirke das Areal des 
der Gesamtfläche in Abzug gebracht und die Dichtigkeits- 
nur auf Grund der wirklich bebauten Flächen vorgenommen 



(>!] Die Volksdichte im Grosaherzogtum Baden. (31 

würde, wobei dann die Waldfiächen als unbewohnte auf der Karte ein- 
zuzeichnen wären. Allein abgesehen davon, dass man dann auch die 
Fläche des gesamten Unlandes, d. h. des nicht landwirtschaft- 
lich produktiven Bodens der Wege, Steinbrüche, Kies- und Lehm- 
gruben, der Felsen, Sandschollen, des stehenden und fliessenden Wassers 
in Teichen, Weihern, Gräben, Bächen, Flüssen abziehen müsste, eine 
Fläche, die nach der oben genannten Quelle (S. 23) rund 568 qkm oder 
nicht ganz 3,8 ^/o des Landes bedeckt, erscheint die Ausscheidung von 
Wald und Unland schon aus dem einfachen Qrunde undurchführbar, 
weil die nach politischen Bezirken zusammengefassten Flächensummen 
von Wald und Unland sich unmöglich auf die im Vorstehenden ge- 
wählten Unterabteilungen und Höhenstufen der zehn Landesteile ver- 
teilen lassen. 

Wird hiemach für die Gebirge, Hochebenen und Hügelländer, 
wo ein Ausscheiden von Wald und Unland unmöglich ist, die Volks- 
dichte für die ganze Fläche eines jeden Gebietsteiles und einer jeden 
Höhenstufe bestimmt, so muss konsequenterweise auch in der Rhein- 
ebene, in welcher es verhältnismässig leicht anginge, aus der topo- 
graphischen Karte die grossen Walddistrikte auf unsere Dichtekarte zu 
übertragen und das Areal derselben von der Dichtigkeitsbestimmung 
auszuschliessen, dasselbe Verfahren wie in den andern Landesteilen 
eingeschlagen werden. Es hat dies den unverkennbaren Nachteil, dass 
der Gegensatz der wirklich bebauten und der beholzten Flächen 
graphisch nicht sichtbar hervortritt, was um so wünschenswerter wäre, 
als der geschichtliche Gang der Besiedelung in der Rheinebene, wie er 
oben zur Sprache kam, sich in dem Gegensatze des Gebirgsfusses, des 
Geländes am Hochufer und der zwischenliegenden Waldregion deutlich 
widerspiegeln Hesse. Allein die Einheitlichkeit der Auffassung der 
Volksdichte, welche es eben nicht zulässt, für den einen Landesteil 
die Flächengrundlage der Dichtebestimmung anders zu wählen als 
für die übrigen, zwang dazu, auf den angedeuteten Vorteil zu ver- 
zichten. 

Auf der andern Seite scheint es auch durchaus wesentlich, die 
Flächen des Waldes und des Unlandes bei der Dichtebestimmung mit 
zu berücksichtigen. Denn es ist — um zuvörderst von dem letzteren 
zu sprechen — kein auch nur einigermassen ausgedehntes Gebiet denkbar, 
auf dem nicht ein Bruchstück der Gesamtfläche zur Benutzung irgend 
welcher Art durchaus ungeeignet erscheint, sei es ein Felsabhang, eine 
Geröllablagerung, ein Sumpf, u. s. w. 

Da nun aber unter den in der Statistik angegebenen landwirt- 
schaftlich unproduktiven Flächen auch das Wegland, die Steinbrüche, 
Kiesgruben, Lehmgruben, femer alles fliessende und stehende Wasser 
inbegriffen ist, und da gerade das Vorhandensein der genannten Vor- 
kommnisse unter Umständen für die Anlage von Siedelungen in hohem 
Grade ausschlaggebend werden kann, wie z. B. der Hinweis auf die 
überaus zahlreichen Gewerbe- und Fabrikbetriebe darthut, welche den 
Wasserkräften der Schwarzwaldthäler ihr Dasein verdanken, so wäre 
es nicht zweckentsprechend, diese Flächen des Unlandes und des 
Wassers bei der Dichtebestimmung auszuschliessen ; hängt doch manch- 



Ö2 Ludwig Neumann, [62 

mal die Volkadichte gerade von ihnen ab. Aehnlich liegen die Ver- 
hältnisse beim Walde, Ist derselbe auch an sich ein direktes Hindernis 
der Besiedelung, und kann er auch als ganz oder doch als beinahe 
ToUständig unbewohnt angesehen werden, so ist er doch fOr die Be- 
völkerung und ihre Verteilung von allergrüsster Wichtigkeit und kann 
daher bei der vorliegenden Untersuchung nicht einfach unberücksichtigt 
bleiben. 

3ge der ausgedehnten Waldungen in der Ebene wie im 
läftigt viele Bewohner der ihnen benachbarten Wohnorte, 
isbedingungen daher in erster Reihe vom Vorhandensein 
bhängen. Der Wald hat die Holzflfisserei ins Leben ge- 
nit viele Siedelungen, deren Insassen von ihr den Lebens- 
vannen, entstehen lassen; ihm verdanken die Überaus 
^ewerke ihr Dasein, die im Schwarzwalde eine typische 
geworden sind, auf ihn sind die Holzschnitzerei und die 
ührmacherei zurückzuführen. 

in ist der Wald, der über ein Drittel des Landes bedeckt, 
;nrund 1600 Gemeinden Badens nur bei wenig über 300, also 
derselben fehlt, überall, auch da, wo er wie im HUgel- 
L einigen Teilen der Rheinebene nur parzellenweise vor- 
Ir die Bewohner neben Äckerbau, Viehzucht und Gewerbe- 
den HolzerlfSs allein eine wichtige Einnahmsquelle seit 
wesen und bis heute geblieben, auch wenn auf die oben 
1 ihm hervorgerufenen Erwerbsthätigkeiten und Qewerhe- 
keine Rücksicht genommen wird. 

sen Gründen scheint es nicht nur gestattet, sondern sogar 
ezejgt, bei der Dichtebestimmung neben dem Dnlande 
dflächen der einzelnen Bezirke mit in Rechnung zu ziehen; 
ei der Spezialb eh'achtung der Landesteile jeweils einen 
ind der Untersuchung bilden. 

■Stellung von Volksdichtekarten hat von jeher die Be- 
' Städte einige Schwierigkeit gemacht. Sollen durch 
Zusammenstellungen die Volksdichten grösserer Länder- 
vergleich gebracht werden, so wird man nicht an ein 
ler städtischen Bevölkerung aus der gesamten Volkszahl 
■auchen, da in diesem Falle alle Faktoren, welche die 
Grösse der Siedelungen beeinflussen, durch eine einzige 
Behauung gebracht werden, die nun für sich allein die 
) und die politische Machtstellung der betreffenden Länder 
;u fuhren geeignet erscheinen kann. Anders liegt die 
fllr natürlich abgegrenzte kleinere Gebiete die Dichte der 
graphisch dargestellt werden soll. Da würde es zu völlig 
;ellungen führen, wenn die Bewohnerzahl grösserer Wobn- 
■s also der Städte, mit derjenigen der benachbarten Land- 
ngefasst und aus der so erhaltenen Summe die Dichte 
sere Flache bestimmt würde. Nehmen wir, um diese 
klarzulegen, das Beispiel von Mannheim. Diese grösste 
befindet sich in demjenigen Teile der Rheinebene, welcher 
m -Isohypse gelegen ist. Dieser tiefst gelegene Teil 



63] I^ie Volksdichte im Grossherzogtum Baden. (53 

Badens umfasst 242,39 qkm und zählt im ganzen^ die Stadt eingerechnet, 
80 973 Einwohner, die Volksdichte derselben ist also im Mittel 334 
pro qkm. Diese Zahl aber entspricht der wirklichen Volksverteilung 
in keiner Weise, wie schon ein Blick auf die grossen Waldungen des 
Gebietes und die weit auseinander gelegenen Orte desselben zeigt. 

Zunächst lässt sich von der ganzen in Rede stehenden Fläche der 
Uferstreifen am Rheine unterhalb des Hochufers mit seiner dünnen 
Bevölkerung ausscheiden; wir haben hier 93,7 2 qkm und 2964 Ein- 
wohner, also eine Dichte von nur 32 ftlr den qkm; die Bevölkerung 
wohnt hier, wie diese Zahlen zeigen, zehnmal weniger dicht, als es 
obiger Mittelwert ausdrückt. Trennen wir nun weiterhin von der übrigen 
Fläche unsres Gebietes das etwa 6,25 qkm bedeckende Stadtgebiet ab, 
so bleiben 142,35 qkm über dem Hochufer mit 16736 Einwohnern 
übrig, was für diese Fläche eine Dichte von 118 pro qkm ergiebt. 
Während nun der Landstreifen unter dem Hochufer sich von Neckarau 
ab etwa 40 km weit südwärts bis gegen Linkenheim in der Nähe von 
Karlsruhe erstreckt und sich in seinen Siedelungsbedingungen von der 
grösseren Stadt seiner ganzen Ausdehnung nach als gänzlich unabhängig 
erweist, ist die übrige Fläche von 142,3 5 qkm in zwei verschiedenartige 
und verschieden grosse Teile zu zerlegen. Der eine liegt zwischen 
dem Gebirgsfusse bei Weinheim und der hessischen Grenze, ist durch 
hessisches Gebiet von Mannheim und seiner Umgebung getrennt und 
für die wenigen Bewohner der zwei hier liegenden Höfe (Rennhof und 
Waldershof) viel mehr auf Weinheim als auf Mannheim angewiesen. 
Wir haben hier 26,io qkm, 38 Einwohner und eine mittlere Dichte 
von 1,4 pro qkm. Der andre Teil mit 116,25 qkm, 16698 Einwohnern 
und einer Mitteldichte von 145 pro qkm ist in den fernsten Punkten 
seiner Umgrenzung höchstens etwa 11 — 12 km von der Stadt entfernt 
und breitet sich halbkreisähnlich um sie als ihren Mittelpunkt aus. 
Er ist, wie dies auch die grossen Volkszahlen gerade der zunächst bei 
Mannheim gelegenen Gemeinden (Neckarau 5283, Käferthal 4928 Ein- 
wohner u. a. m.) ausweisen, in seinen Daseinsbedingüngen durchaus 
von dieser Stadt abhängig, was sich schon daraus deutlich erkennen lässt, 
dass die Bevölkerungszahlen der Stadt und ihrer Nachbarorte seit 
Jahrzehnten in übereinstimmender Weise gewachsen sind. 

Während bei allen bisher erschienenen Volksdichtekarten grösseren 
Massstabes (vgl. oben S. 17) die Städte beziehungsweise die grösseren 
Ortschaften gänzlich ausgeschieden sind, so dass dieselben wirklich nur 
die Verteilung der nicht städtischen Bevölkerung darstellen, wobei als 
untere Grenze der auszuscheidenden grossen Wohnorte bald die Volks- 
zahl von 2000 Einwohnern, bald die von 5000, bald eine noch grössere 
Zahl festgehalten wird, und während die solchen Karten beigegebenen 
Texte mit Recht darauf hinweisen, eine Berücksichtigung dieser grösseren 
Wohnorte, mit andern Worten eine Verteilung ihrer Bevölkerung über 
ein mehr oder weniger ausgedehntes Gebiet, das mit der betreffenden 
grösseren Oertlichkeit gar nichts in seinen die Bevölkerungsdichte be- 
dingenden Verhältnissen gemein hat. gebe ein gänzlich unzutreffendes 
Bild der Besiedelungsverhältnisse, scheint es immerhin von Wichtigkeit 
festzuhalten, dass bei einer solchen Ausscheidung eben nicht die ganze 



04 Ludwig Neumann, [64 

Bevölkerung des betreffenden Landes, sondern nur ein Bruchteil der- 
selben zur Darstellung kommt. Wollte man z. B. in Baden aus den 
angedeuteten Gründen die Orte über 2000 Einwohner eliminieren, so gäbe 
die Karte nicht die Verteilung von 1601255 Einwohnern nach dem 
einzelnen Dichtegrade, sondern nur diejenige von 966095 Einwohnern 
oder 63,3 ^o der Gesamtbevölkerung; wollte man etwa nur die grös- 
seren Städte über 10000 Einwohner ausschliessen , so kämen nur 
1 332 066 Einwohner oder 83,« ®/o zur Darstellung u. s. w. (Stat. Mitt. V, 
1887, S. 17.) Die Bevölkerung der grossen Orte macht hiemach einen 
so bedeutenden Bruchteil der Gesamtbevölkerung aus, dass ihr Aus- 
scheiden jedenfalls die Folge hat, dass die graphische Darstellung der 
übrigen, also der rein ländlichen Bevölkerung, nicht mehr als das Bild 
der wirklich vorhandenen Verteilung der gesamten Bewohnerschaft 
eines Landes, und um diese handelt es sich doch, angesehen werden 
darf. Da nun diese städtische Bevölkerung wesentlich als gewerbe- 
treibende und als Handel und Verkehr bestimmende gelten darf, während 
bei ihr die Landwirtschaft nur noch von geringer Bedeutung ist, so 
darf sie hier, wo eben allen Momenten, welche die Volksdichte beein- 
flussen, Rechnung getragen werden soll, unbedingt nicht ausgeschlossen 
werden. 

Dazu kommt noch ein weiterer Gesichtspunkt. Wie schon oben 
bei Erwähnung des Beispieles von Mannheim angedeutet wurde, kann 
die Bevölkerung einer grösseren Stadt nicht absolut an sich betrachtet 
werden, sondern nur in Rücksicht auf ihre nähere Umgebung und die 
Siedelungen derselben. Denn, da die Stadt die alltäglich nötigen 
Nahrungsmittel für eine grosse, dicht zusammenwohnende Volkszahl 
nicht hervorzubringen im stände ist, erhöht sie als stets sicherer Ab- 
nehmer den Wert der landwirtschaftlichen Produkte und der sie er- 
zeugenden Flächen in ihrer Umgebung, sie wirkt damit fördernd auf 
den landwirtschaftlichen Betrieb in den nahe gelegenen Landorten, sie 
begünstigt also eine verstärkte Ansiedelung derselben. Anderseits ist 
sie ein stets bequem erreichbarer Markt für alle industriellen Waren, 
welche die Landbevölkerung nicht hervorbringt, sie lässt die Bewohner 
der Nachbarschaft an den Vorzügen ihrer Lage im Mittelpunkt wichtiger 
Handels- und Verkehrslinien teilnehmen, sie gewährt ihren zahlreichen 
Arbeitern in der Umgebung billige Wohnungen und die Möglichkeit 
eines kleinen Grundbesitzes, wie sie der Landbevölkerung Arbeit und 
höheren Lohn, als er draussen bezahlt werden kann, bietet — kurz, 
die Stadt ist für ihre Umgebung ein so wichtiger Faktor des gesamten 
wirtschaftlichen Lebens, dass ihre Berücksichtigung zum Zwecke richtiger 
Beurteilung der Volksdichte auch in den ländlichen Bezirken absolut 
unentbehrUch ist. Ohne eine grosse Stadt im Mittelpunkt wäre die 
Volksdichte ringsum eine andre, als sie thatsächlich ist. Schliesst man 
die Stadt aus, um zur Darstellung der Volksverteilung der , boden- 
ständigen** oder ländlichen Bevölkerung zu gelangen, so muss man 
folgerichtig überall in der Umgebung von Städten auch den von diesen 
abhängigen Bruchteil der ländlichen Bevölkerung ausscheiden. Das ist 
aber bis jetzt nie geschehen, es wird auch nicht geschehen, weil es 
eben nicht möglich ist. Soll nun aber die Dichtekarte die Verteilung 



65] 



Die Yolksdichte im Grossherzogtum Baden. 



65 



der gesamten Volkszahl, wie sie sich - unter dem Einflüsse natürlicher 
Ursachen geschichtlich entwickelt hat, also insbesondere auch unter der 
Einwirkung von Industrie, Handel, Verkehr, Verkehrslinien und -Mittel- 
punkten, so scheint es dazu nur den einen Weg zu geben, dass man 
die grossen Volkscentren als Punkte intensivster Bevölkerungsdichtigkeit 
besonders kräftig hervorhebt, ihr Areal, d. h. das Weichbild der be- 
treffenden Stadt von demjenigen der Umgebung abtrennt, die Fläche 
dieser Umgebung ihrerseits aber wieder von entfernter liegenden Ge- 
genden so weit ausscheidet, als der unmittelbare Einfluss der Stadt in 
wirtschaftlicher Beziehung wirkt, so dass die in ihren Siedelungs- 
bedingungen von der Stadt beeinflussten Gebiete von den femer liegenden, 
welche unter andern, viel selbständiger wirkenden Ursachen stehen, 
getrennt zur Darstellung gelangen. Um hiemach auf das vorhin ge- 
wählte Beispiel zurückzukommen, würden jetzt die Dichteverhältnisse 
der Rheinebene unterhalb der 100 m- Isohypse in folgender Weise zu- 
sammenzustellen sein: 



Fläche 
in qkm 



Volkszahl 



Yolksdichte 
pro qkm 



1. Mannheim, Stadt 

2. Statische Umgebung 

3. Uferstreifen unter dem Rheinhochufer . . 

4. Zwischen dem Gebirgsfusse und der hessi- 
schen Grenze 



6,26 

116,» 

93,72 

26,10 



I 242,ss 



61273 

16698 

2964 

38 



80973 



(9948) 
145 

3,2 
1,4 



(334) 



Noch möge bemerkt werden, dass das hier bezeichnete Gebiet 4 
auf der beigegebenen Yolksdichtekarte nicht besonders henror- 
tritt. Wegen seiner Kleinheit und seiner eigentümlichen Lage erscheint 
es mit dem Streifen Landes längs der Bergstrasse zu einem Ganzen 
vereinigt, was um so eher zulassig ist, als die Höhenkurve von 100 m 
an dieser Stelle weder der Bodenform noch dem Klima nach irgend 
welche einschneidende Bedeutung hat. 

Wird das über die Städte Gesagte mit früheren Ausführungen 
über die Darstellung der Verkehrslinien der Hauptgebirgsthäler und 
des Gebirgsrandes im Osten der Rheinebene zusammengefasst, so ergiebt 
sich, dass eine derartige Hervorhebung der Städte und ihrer Umgebung 
wesentlich dazu beiträgt, ja sogar, dass sie der einzige Weg ist, die 
Siedelungen und ihre Dichte neben allen andern, oft erwähnten Ge- 
sichtspunkten auch nach demjenigen der modernen Industrie und der 
Yerkehrscentren der Qtegenw&rt anschaulich zu machen. 

Eine Frage ist jetet nur noch die, bis zu welcher Grössengrenze 
herab die Hervorhebung der Städte in der oben angedeuteten Weise 
n5tig erscheint. Diese Frage ist offenbar für verschiedene Kartenmass- 
stabe und in verschiedenen Ländern nach der jeweiligen Natur der Orte 
und ihrer mehr oder weniger weit reichenden Bedeutung verschieden 
ÄU beantworten. Um ihr Ar Baden gerecht werden zu können, möge 

Forschungen zur dentschen Landes- und Volkskunde. Vn. i. 5 



66 



Ludwig Neumaim, 



[66 



die folgende kleine TabeUe (nach Stat. Mitt. Bd. V, 1887, S. 17) hier 
Platz finden: 

Tabelle TU. 



O.Z. 


Einwohner- 
zahl der ein- 
zelnen Ge- 
meinden 
Badens 


Zahl der 
Gemein- 
den 


Darunter 
Städte 


Einwohner 

im ganzen 

1885 


Prozente der 

Gesanit- 
bevOlkerung 


Durchschn itt- 
liche Einwoh- 
nerzahl einer 
Gemeinde 


1 


unter 100 


36 





2556 


0,. 


711 




2 


100—250 


195 


1 


35973 


2,2 


184^302 


3 


250—500 


459 


4 


170196 


10,6 


371 




4 


500—1000 


482 


5 


341716 


21,8 


709 


5 


1000—2000 


304 


37 


415674 


26,0 


1367 


6 


2000—4000 


106 


47 


281285 


17,6 


2656 


7 


4000—6000 


7 


3 


33205 


2,0 


4744 


8 


6000—10000 


7 


7 


52081 


3,8 


7440 


9 


10000—20000 


4 


4 


50781 


•3,« 


12695 


10 


über 20000 


5 


5 


217808 


13,6 


43562 






1605 


103 


1601255 


100 


(998) 





Der Gegensatz von Stadt- und Landgemeinden lässt völlig im Stich; 
denn es wäre fQr die vorliegenden Zwecke sicherlich völlig ungerecht- 
fertigt, jeden Ort, der im Verlauf früherer Jahrhunderte irgend einmal 
Stadtrechte erworben hat, der vielleicht auch einmal mit Mauern um- 
geben und den umliegenden Dörfern Schutz zu gewähren bestimmt war, 
als Mittelpunkt der Volksverdichtung im oben entwickelten Sinn auf- 
zufassen. Betrachten wir die kleinen und mittleren Städte von heute, 
so können unbedenklich die 47 Städte mit weniger als 2000 Einwohnern 
in ihrer Bedeutung fQr die Bevölkerungsdichtigkeit den Landorten 
gleichgestellt werden. Unterscheidet sich doch ihre Bevölkerung von 
derjenigen der 1476 Landgemeinden derselben Grössenstufe höchstens 
dadurch, dass in den Stadtgemeinden neben der auch hier vorherr- 
schenden Landwirtschaft etwas mehr Gewerbebetrieb gefunden wird als 
in den eigentlichen Landorten. Der unterschied ist aber nur ein gra- 
dueller, der oft genug äusserlich kaum sichtbar hervortritt, so dass der 
unkundige Besucher häufig nach dem Augenschein nicht wird ent- 
scheiden können, ob er eine „Stadt* oder einen Landort betreten hat. 
Unter den zehn kleinsten Städten mit weniger als 1000 Einwohnern 
möge übrigens hier, nebenbei bemerkt, die erste der Reihe, Hauen- 
stein bei Waldshut mit 157 Einwohnern, aus dem Grunde Erwähnung 
finden, weil sie die kleinste OerÜichkeit im Deutschen Reiche ist, welche 
den Namen einer Stadt zu führen die Berechtigung hat. 

In den zwei nächsten Ortsklassen von 2000 — 4000 und von 
4000 — 6000 Einwohnern haben wir 59 Land- und 47 Stadtgemeinden, 
beziehimgsweise 4 Land- und 3 Stadtgemeinden. Es überwiegen also 
auch hier noch die Landgemeinden mit ihrer weitaus zum grössten 



67] 



Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 



67 



Teil auf landwirtschaftliche Beschäftigung angewiesenen Beyölkerung. 
Doch ist zu beachten, dass in manchen dieser Orte lebhafte Industrie- 
betriebe sich entwickelt und viel gewerbliche und in den Fabriken 
thatige Arbeiter sich angesiedelt haben. Es ist daher auch hier der 
Unterschied zwischen Stadt und Land kein so einschneidender mehr wie 
in früheren Jahrzehnten, was auch mehr und mehr in der äusseren 
Erscheinung, in der Bauart zu Tage tritt. Neben den Städten Schwet- 
zingen mit 4944, Eberbach mit 4857 und üeberlingen mit 4006 Ein- 
wohnern handelt es sich in der obersten hier in Betracht kommenden 
Stufe um die Landorte Neckarau mit 5283 und Eäferthal mit 4928 
Einwohnern, die gänzlich als von Mannheim abhängig angesehen werden 
dürfen, um Hockenheim mit 4621 Einwohnern, das als einer der Haupt- 
orte des pfölzischen Anbaues von Handelsgewächsen, besonders von 
Tabak gelten muss, und um Brötzingen mit 4566 Einwohnern, das an 
den Industrieen Pforzheims regsten Anteil nimmt und völlig unter dem 
Einfluss dieser Stadt steht. Wie diese grössten Landorte unter den 
genannten Einflüssen an Yolkszahl gewachsen sind, und wie ganz be- 
sonders erst die Verhältnisse der letzten Jahrzehnte umgestaltend ge- 
wirkt haben, zeigt folgende üebersicht: 



1812 



1852 



18G4 



1875 



1885 



(1890) 



Neckarau . . 
Käferthal . . 
Hockenheim . 
Brötzingen . 



1235 


2015 


2413 


3879 


5288 


1021 


1828 


2859 


4036 


4928 


1506 


3091 


3548 


4176 


4621 


1079 

1 


1621 


2604 


3890 


4516 



(6202) 
(5842) 
(4956) 
(5161) 



Als Mittelpunkte der Volksverdichtung im oben festgestellten 
Sinne können demnach diese Landorte nicht aufgefasst werden ; deshalb 
geht es auch nicht an, die drei Städte Schwetzingen, Eberbach und 
üeberlingen, welche der Volkszahl nach mit den genannten Landorten 
auf gleicher Stufe stehen , von der umgebenden Landbevölkerung ab- 
zusondern ; denn es wäre dies ein Messen mit zweierlei Mass. Was hier 
von den Gemeinden mit 4000—6000 Einwohnern gesagt ist, gilt in 
viel höherem Masse noch von denjenigen mit 2000 — 4000 Ein- 
wohnern. Es bleiben daher nur die 16 Städte mit mehr als 6000 Ein- 
wohnern übrig — Landorte gab es bei dieser Stufe 1885 nicht 
mehr — , welche als Mittelpunkte von Industrie, Handel und Verkehr 
in der Art und Weise, wie sie oben entwickelt wurde, gelten müssen, 
deren Fläche und Einwohnerzahl demnach als Centren intensivster 
Volksdichte in die Karten einzutragen, und deren Umgebungen nach 
ihren eigentümlichen Verhältnissen von den übrigen Flächen mit länd- 
licher Bevölkerung abzutrennen waren, soweit dies nach den natür- 
lichen Bedingungen der Bodengestaltung u. s. w. sich als möglich erwies. 

Die 16 grössten Städte, von denen weiterhin wegen ihrer Wirkung 
auf die Umgebung noch eingehender gesprochen werden muss, sind in 
der folgenden Tabelle zusammengestellt, deren erste Kolumne die 



68 



Ludwig Neumann, 



[68 



wirklich vorhandene Einwohnerzahl der Stadtgemeinde enthält, während 
die zweite Kolumne die Einwohnerzahl der Stadt als Wohnort wieder- 
giebt. Dabei ist zu bemerken, dass zum „Wohnort'' Karlsruhe einige 
bewohnte Gebietsteile anstossender Gemeinden hinzugerechnet sind, die 
unmittelbar zur Stadt gehören, obschon sie auf ländlichen Gemarkungen 
liegen, und dass mit Heidelberg die Gemeinde Neuenheim, welche mit 
der Stadt nur einen Wohnort bildet, zusammengefasst ist ^), aber so, 
dass von der erhaltenen Einwohnersumme die Zahl der über 200 m 
hoch Wohnenden in Abrechnung kam, da diese letzteren einer anderen 
Höhenstufe zufallen als die eigentliche Stadt. Bei Rastatt wurde der 
Ort Rheinau, der zur Stadtgemeinde gehört, zur Umgebung gerechnet; 
in der Gemeinde Villingen zählt die Stadt im engsten Rahmen 5827 
Einwohner, zerstreute Wohnorte, die zu ihr gehören und zum Teil 
nahe am Weichbild der Stadt, zum Teil sehr weit von ihm abliegen, 
313 Einwohner. Es wurde hier die eigentliche Stadt mit ihrer aller- 
nächsten Umgebung zu 6000 Einwohnern angenommen, die übrigen 
140 Bewohner der Gemeinde wurden der weiteren Umgebung zugerechnet. 
Die Stadt Konstanz wird von der 400 m-Isohypse mitten durch- 
schnitten. Es wurde hier in Uebereinstimmung mit den Ausführungen 
auf Seite 27 die Einwohnerzahl der Stadt, soweit sie einen geschlossenen 
Wohnort darstellt, der Höhenstufe von 400 — 500 m zugerechnet, wie 
dies für das gesamte Seeufer ebenfalls zur Durchführung kam. Weiter 
von ihr abliegende Einzel Wohnorte, die zur Stadtgemeinde gehören, 
wurden der Umgebung in den jeweiligen Höhenstufen zugerechnet, wie 
dies auch bei allen übrigen Städten, die hier aufgezählt sind, der Fall ist. 

Tabelle vm. 







Einwohnerzahl 


Einwohnerzahl 


O.Z. 


Namen 


der 


der Stodt als 






Stodtgemeinde 


Wohnort 


1 


1 

Mannheim 


61273 


61272 


2 


Karlsruhe 


61066 


61138 


3 


Freiburg 


41340 


41104 


4 


Heidelberg 


26938 


28680 


5 


Pforzheim 


27201 


27079 


6 


Eonstanz 


14601 


14423 


7 


Baden 


12779 


11100 


8 


Rastott 


11743 


11459 


9 


Bruchsal 


11658 


11613 


10 


Lahr 


9937 


9332 


11 


OflFenburg 


7759 


7759 


12 


Durlach 


7656 


7517 


13 


Weinheim 


7595 


7549 


14 


Lörrach 


6795 


6795 


15 


Ettlingen 


6199 


6199 


16 


Villingen 


6140 


6000 



*) Neuenheim ist seit 1. Januar 1891 auch politisch mit der Gemeinde Heidel- 
berg vereinigt worden. 



(}0] Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. (59 

Gehen wir nun zu einer kurzen Darstellung der Umgebungen 
dieser 16 Städte und zur Bestimmung ihres Umfanges über, so ist oben 
(S. 62 und 65) für Mannheim schon entwickelt worden, dass als 
stadtische Umgebung das Gebiet unterhalb der 100 m-Kurve von der hes- 
sischen Grenze bis Neckarau einschliesslich gelten muss. Für Wein he im 
kann die Umgebung aufgefasst werden als der Gebirgsfuss des Oden- 
waldes von der hessischen Grenze südwärts bis zu demjenigen Gebiete, 
das in der Interessensphäre Heidelbergs gelegen ist. Am Fusse des 
forstenreichen Odenwaldes zieht sich hier die alte Verkehrslinie der 
9 Bergstrasse*' entlang. Ungefähr im Mittelpunkt der badischen Berg- 
strasse liegt Weinheim, mit welchem der ganze Gebirgsfuss die sonnige 
Lage, das üppige Gelände und den reichen Anbau desselben gemein hat. 

Als Umgebung Heidelbergs wurde aus der Ebene und dem 
Neckarthal ein Kreis mit dem Radius von c. 5 km ausgeschnitten, während 
die naheliegenden Gebirgsteile als dem Odenwalde zugehörig in Rech- 
nung gebracht und betrachtet wurden, wie dies auch bei Weinheim 
geschehen war. Bei Bruchsal konnte in entsprechender Weise durch 
einen Kreis von 5 km Radius die Umgebung abgegrenzt werden, wobei 
aber wieder die über 200 m gelegenen Gebietsteile nicht eingerechnet 
wurden. 

Die drei Städte Karlsruhe, Durlach und Ettlingen liegen so 
nahe bei einander, dass in Rücksicht auf das zwischen denselben und 
rings um sie verlaufende, reich verzweigte Verkehrsnetz das ganze 
Gebiet zwischen dem Gebirgsfusse des Schwarzwaldes und des Kraich- 
gauer Hügellandes auf der einen und dem Rheine auf der anderen Seite 
als von allen drei Städten gleichmässig abhängig gelten kann. Als 
Xordgrenze dieses Flächenstückes kann eine Linie gelten, die etwa 
6 km von der Linie Karlsruhe-Durlach absteht, als Südgrenze eine 
Linie, die wenig südlich von Ettlingenweiler und Daxlanden verläuft. 
AIb Umgebungen von Rastatt, Baden, Offenburg und Lahr konnten 
im aUgemeinen Kreise mit verschieden grossen Radien 3,5 — 5,5 km 
angenommen werden, wobei aber im ersten Falle der Rhein, in den 
drei letzten Fällen der Gebirgsfuss zu Abweichungen von der Kreis- 
linie zwangen. Bei Pforzheim ist die von der Stadt direkt ab- 
hängige Umgebung in der Hauptsache auf das Enzthal nebst den 
Mündungen des Wurm- und Nagoldthales unterhalb der 300 m- Linie 
beschränkt, bei Fr ei bürg ist es in der Ebene ein Halbkreis von 5 km 
Radius, im Gebirge das Dreisamthal und die benachbarten Thal- 
mündungen zwischen 300 und 400 m Seehöhe, bei Lörrach das untere 
Wiesenäbal unterhalb der 300 m- Linie. Rings um Villingen ist die 
Bevölkerung gerade in der Nähe der Stadt so dünn verteilt , dass hier 
eher das Gegenteil von einem volksverdichtenden Einflüsse derselben auf 
ihre Umgebung zum Ausdruck zu gelangen scheint; darum konnte hier 
eine solche von der Stadt bedingte Umgebung nicht ausgeschieden 
werden, und die ganze Höhenstufe der Baar zwischen 700 und 800 m 
Meereshöhe erscheint darum ungeteilt. Für Konstanz endlich wurde, 
da das zum Teil moorbedeckte und ziemlich dünn bevölkerte Innere 
der Bodanhalbinsel an den Vorzügen der Stadtnähe und an den Ver- 
kehrsvorteilen des Seeufers wenig teilnimmt, die Umgebung als identisch 



70 Ludwig Neumann, Die Yolksdichte im Grossberzogtum Baden. [70 

mit dem Uferstreifen angenommen, der schon oben (S. 57) zur Sprache 
gekommen ist. Stadt und Land stehen hier nach all ihren Daseins- 
bedingungen gleichmässig unter dem fördernden Einäuss des Sees, den 
die Dichtekarte deutlich genug zum Ausdruck bringt, und von dem 
weiter noch eingehender die Rede sein soll. 

Nachdem so die Grundzüge der Einteilung des Landes in natürliche 
Bezirke und in deren Unterabteilungen gewonnen worden sind, wobei 
ganz besonders auch der Yerkehrslage und der modernen Industrie die 
gebührende Aufmerksamkeit geschenkt wurde, soll nun in den folgenden 
Tabellen dasjenige Zahlenmaterial niedergelegt werden, über dessen 
Gewinnung bereits oben ausführlich alles Nötige gesagt und das die 
Grundlage für die Herstellung der Dichtekarte geworden ist. 

In Tabelle IX u. ff. ist entsprechend der Tabelle I als Höhen- 
stufe I diejenige unter 100 m, als Höhenstufe U die von 100 — 200 m 
u. s. w. bezeichnet; diese Bezeichnungsweise wird im folgenden beibe- 
halten werden. Der Deutlichkeit und Uebersichtlichkeit halber sind die 
Flächeninhalte, Volkszahlen und Volksdichten in zweifacher Weise zu- 
sammengestellt worden, in Tabelle IX nach Landesteilen, in Tabelle X 
nach Höhenstufen geordnet; durch den Hinweis in der ersten Kolumne 
sind die Werte der Tabelle X direkt mit jenen der Tabelle IX ver- 
gleichbar gemacht. Die kürzer zusammengefassten Uebersichten XI 
und Xn geben eine Rekapitulation von IX und X, und zwar nach 
absoluten Werten wie nach Prozenten. Es sind hier für Landesteile 
und für Höhenstufen die Hauptsummen und Hauptdurchschnittswerte je 
auf einem Blatte vereinigt. Die Kolumne „Dichte** enthält in Tabelle XII 
nicht die absolute, sondern die relative Bevölkerungsdichtigkeit; z. B. 
bedeutet in der letzten Kolumne dieser Tabelle der Wert 0,7 4 beim 
fränkischen Stufenlande, dass hier die Volksdichte den Mittelwert 0,7 4 
des Landesdurchschnittes von 106 Einwohnern pro qkm besitze, d. h. 
0,7 4 . 106 = 78; dagegen geben die Werte 3,7; 1,2; 0,5; 0,o8 der 
Dichte in den Höhenstufen H bis V an, dass die mittlere Dichte des 
Landesteiles in der untersten Stufe um das 3,7 fache übertroffen werde, 
in der folgenden um das 1,2 fache u. s. w. 

Bei den Relativzahlen der Tabelle XII genügt eine Genauigkeit 
von einer Decimalstelle, nur in der Hauptsumme wurden deren zwei 
berechnet. 



nL Tabellen über die Flächen« Yolkszahlen nnd Volks- 
dicbten der Landesteüe nnd Höbenstnfen. 



Tabelle DL 

Flächenmlialt, Volkszahl und Yolksdiclite Badens, nach den natfirliohen 
Bezirken des Landes nnd nach deren ünterabteilnngen angeordnet 



O.Z. 


L and esteile 


Höhen- 1 
stufe 1 


Fläche II 
qkm 1 


Bevölke- 
rung 


Dichte 1 
pro qkm 1 




A. Fränkische Stufenlandsohaften zwischen Neciiai 


• 










und Main. 










1 


Mainthal 


U 


30,91 


9277 


300 


2 




m 
II 
m 


17,50 

45,90 

127,28 


270 

14102 

7724 


16 


3 


Tauberthal 


307 


4 


, Östliche Gehänge 


61 


5 


V 9 9 ...... 


. IV 


136,S6 


4120 


30 


6 


, westliche Gehänge und Nebenthälei 


• m 


157,99 


13532 


86 


7 


Hochfläche zwischen Tauber, Jagst und Neckai 


• IV 


712,17 


27114 


38 


8 


9 II II s a a 


V 


22,7t 


140 


6 


9 


Nebenthäler von Neckar, Jagst und Kocher. . 


m 


189,07 


23616 


125 


10 


Neckarthal, kleine Gebiete an Jag^ und Kocher, 


» 










Exklave Schlüchtern 


n 


63,S9 


17401 


275 




Summe A. 




1503,S4 


117296 


78 




B. Odenwald. 


• 








1 


Neckarthal von Neckargemünd bis Neckargeracl 


L 11 


60,90 


12391 


203 


2 


Vorderer Odenwald, nördlich vom Neckar . 


111 


71,58 


3251 


45 


3 


9 9 9 9 9 




IV 


64,99 


1747 


27 


4 


9 9 9 9 9' 




V 


49,09 


505 


10 


5 


9 r 9 9 9 




VI 


5,45 








6 


,1 , südlich „ „ 




111 


58,18 


3004 


52 


7 


9 9 9 9 9 




IV 


54,98 


759 


14 


8 


a » 9 9 9' 




V 


17,88 


151 


8 


9 


9 9 9 9 9 




VI 


l,tT 


5 


4 


10 


Oestlicher Odenwald 




lU 


58,81 


4088 


76 


11 


9 9 




IV 


228,56 


11336 


49 


12 


9 9 • • 




V 


172,69 


9741 


56 


13 


9 9 




VI 


56,54 


2685 


47 


14 


9 «9 • 




vn 


0,05 










Summe 


B. 


— 


895,91 


49663 


55 



Ludwig Neumanu, 



f) Von l(H>-200 m SeehShe. 

Heidelberg (mit Neoenheira), unter 200 m . . 

Umgebung von Heidelberg 

Weinheim 

Bergstraue 

Uebrige Fläche im Norden des Neckars . . . 
UebirgafuBB zwiBchen Heidelberg und Brucbsal 
Ebene vom N^ar bis gegen Karlsruhe, Aber 

dem Hochufer 

Ebene vom Neckar bis gegen Karlsruhe, unter 

dem Hochufer 

Bruchsal 

Um^bung von Bruchsal 

GebiTgsfuis zwischen Bruchsal und Durlach . . 

KarUrohe 

Durlach 

Ettlingen 

Umgebung dieser drei Stftdte, Aber dem Hochufer 

Ebene zwischen Karlsruhe und Rastatt, Ober dem 
Hochnfer 

Ebene zwischen Karlsruhe und Rastatt, unter dem 
Hochufer 

Rastatt 

Umgebung von Rastatt, über dem Hochufer 

Baden' unter 200 m' . . . . '. , ," . . . 
Umgebung von Baden, unter 200 m . , . . 
Ebene südlich von Rastatt, unter dem Hochufer 
Gebirgsfuss zwischen Baden und Offenburg . . 
Ebene zwischen Hochufer und Gebirgsfuss, von 

der Murg bis zur Kinzig 

Offenburg 

Umgebung von Offenburg 

Gebirgsfuss bis Lahr 

Lahr 

Umgebung von Lahr 

Gebirgsfuss bii Enmiendingen 

üebrige Ebene bis zur Elz 

Uebrige Ebene von der Elz bis zun Fuss des 

Eaieeretuhlgebirges 



242," 8097S 334 



17068 
7549 

10768 
6480 



74916 

13 
11618 
6817 
12364 
. 61138 
7517 



5309 
11459 
114ti 

lUOO 
3162 
1823 

35114 



8741 
9332 

11788 
20272 
27440 

7071 



73] 



Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 



73 



O.Z. 



Landesteile 



OXm 



n 



•SS 



so S 



32 



Uebrige Ebene rings um den Eaiserstuhl . . 
Kaiserstuhlgebirge 

n 

II 

■ ^ 

Ebene südlich vom Eaiserstuhl 

Summe C ß, einschliesslich 36 — 39, Eaiserstuhl 
Summe C ß, ohne 36 — 39, also Rheinebene allein 

Y) Von 200—300 m Seehöhe. 

Mündung des Elzthales und Gebirgsfuss bis Frei- 
burg 

Freiburg 

Umgebung von Freiburg in der Ebene . . . 

Ebene von der Elz bis gegen den Tuniberg . 

Gebirgsfuss von Freiburg bis Schliengen . . . 

Ebene von Freiburg bis Schliengen, über dem 
Hochufer 

Ebene von Freiburg bis Schiengen, unter dem 
Hochufer . 

Summe C, den Eaiserstuhl eingeschlossen 

D. Kralchgauer HQgelland. 

Elsenzthal 

Eraich- und Saalbachthal 

Pfinzthal 

Eigentliches Hügelland 

. „ am Neckar 

. , nördlich von Pforzheim 

Summe D. 
E. Sohwarzwald. 

a) Im Norden und Osten der Murg. 

Pforzheim 

Umgebung von Pforzheim 

Höhen zwischen Enz, Nagold und Wurm . . 

9 * II S » 9 • * 

1» » » II H 1» • • 

„ . Pfinz und Alb 

n Murg 

Unteres Murgthal 

Zwischen Alb und Murg, mittleres Murgthal und 

seine Gehänge 

Oberes Murgthal und seine Gehänge . . . . 

, , , „ , bis zur Oos 

Im Osten der Murg 

■ » « « 

» n n » 

l ] l l cHohioh)*. ; *. ; '. ! ! 

Ea. 



35 
36 
37 
SS 
39 
40 



2 
3 
4 
5 
6 



1 
2 
3 

4 
5 
6 



2 
H 

4 
5 
6 
7 
8 
9 
10 

11 
12 
13 
14 
15 
16 
17 



II 


72,66 


in 


57,67 


IV 


24,18 


V 


6,77 


VI 


0,38 


n 


84,98 



15811 

9346 







6326 



218 
162 







74 



II 


2638,08 
2550,08 


527462 
518116 


ni 

» 
1» 
* 


36,48 
4,76 

38,87 
82,78 

90,81 


13086 

41104 

5071 

5628 

18659 


« 


144,99 


17712 


• 


33.89 


19 



207 
203 



359 

8674 

130 

68 

206 

122 



0,» 



II III II 431,96|101279| 235 

228 



220 

224 

219 

53 

12 

54 

97 





3313,31 


755462 


n 


130,90 


28792 


II 


116,86 


26084 


IT 


32,37 


7059 


HI 


699,81 


36758 


IV 


11,06 


137 


IV 


63.18 


3422 





1053,07 


102252 


III 


2,50 


27079 


UI 


28,89 


5504 


IV 


53,68 


1843 


V 


48,18 


4831 


VI 


10,00 


719 


in 


72,81 


7748 


IV 


62,90 


4791 


V 


32,58 


1111 


II 


28,18 


10947 


III 


68,7 6 


4772 


IV 


29,36 


2532 


V 


30,71 


1991 


VI 


21,38 


89 


vn 


12,19 


7 


vin 


14,45 


7 


IX 


22,18 





X 


18,97 


12 



10832 

194 

25 

100 
72 

106 
76 
34 

388 

69 

86 

05 

4 

0,6 
0,:> 



0,6 



I 



— 556,96 734831 132 



74 



Ludwig Neumann, 



V* 



1 



O.Z. 



Landesteile 



CT Qj 






^1 



6 



'X o 



1 

2 

3 

4 

5 

6 

7 

8 

9 

10 

11 

12 

18 

14 



1 

2 

3 

4 

5 

6 

7 

8 

9 

10 

11 

12 

13 

14 

15 

16 

17 

18 

19 

20 

21 

22 

23 



1 
2 



ß) Nördlicher Schwarzwald zwischen Morg und 

Einzig. 

Unteres Kinzigthal 

Von der Murg bis zur Einzig 

Einzig^hal und seine Abhänge 

Höhen zwischen Baden und Offenburg. . . . 

Nordrand des unteren Einzigthals 

Oberes Einzigthal und seine Ränder .... 

Höhen zwischen Oos und Eonzi^ (württ Grenze) 

, , Murg und 8chiltach .... 

» y> »» « ••.. 

I» » fi» a .... 

» 1» ji » n . • . . 

H 1» HU fl .... 

H II ^11 9 «... 

Höhen zwischen Murg und Schiltach (Homis- 
grinde) _^ ._ 

Eß. 

f) Mittlerer Schwarzwald zwischen Einzig und 

Dreisam. 

Gebirgsrand von der Einzig bis zur Elz . . . 
Hünersedelgruppe 

T • 

» 

9 

» 

Elzthal und Umrandung 

Dreisamthal und Umgebung von Freiburg . . 

, n Umrandung 

Elz und Dreisamgebiet 

Von der Schiltach bis zur oberen Elz .... 
Schiltachthal 

• •• 

Höhen zwischen Einzig und Dreisam .... 

» I» »t « ■•*•• 

H » » 1» JI • • • • 

Bregthal und Umrandung 

« » a ........ 

Höhengebiet 

" (Eandel)* .* .' ! .' ! .' .' .' .' 

Et- 

2) Südlicher Schwarzwald zwischen Dreisam, 
Wutach und Rhein. 

Steilufer des Rheins von Schliengen bis Efringen 
Ebene zwischen Efringen und Basel, unter dem 

Hochufer 

Gebirgsfuss zwischen Efringen und Basel . . 



XII 



II 


28»6s 


HI 


106,59 


III 


87,18 


IV 


76,T9 


IV 


32,07 


IV 


73,08 


V 


144,88 


Vi 


168,48 


VU 


149,51 


VHI 


121,88 


IX 


69,T4 


X 


35,04 


XI 


9,42 



0,9T 



6042 

22181 

18653 

5865 

2491 

10641 

6495 

3740 

1453 

581 

28 

138 









1103,61 


m 


130,T7 


IV 


107,42 


V 


140,87 


VI 


75,18 


Vll 


22,89 


VHI 


5,42 


iV 


53,28 


V 


69,98 


IV 


28,90 


V 


32,96 


VI 


90,80 


VI 


42,44 


VH 


4,52 


VIll 


15,86 


VH 


134,45 


vm 


169,67 


IX 


157,88 


Vlll 


4,97 


IX 


37,02 


X 


240,20 


XI 


123,16 


XII 


19,94 


xni 


0,11 



78308 



11635 

1671 

4165 

1331 

437 

16 

7485 

4351 

3774 

2788 

1894 

827 

502 

1083 

4694 

3389 

4797 

1459 

4422 

4327 

1957 

50 







1707,28 


67044 


HI 


14,99 


2071 


III 
HI 


14,09 
40,45 


1350 
6486 



211 

208 

214 

76 

77 

146 

45 

22 

10 

4 

0.4 

4 






71 



89 
16 
30 
18 
19 
3 

140 
62 

131 
84 
21 
19 

111 
71 
35 
20 
30 

292 

119 

18 

16 

3 





39 



138 

96 
160 



75] 



Die Yolksdichte im Grossherzogtum Baden. 



75 






O.Z. 



Landesteile 















4 
5 
6 
7 
8 
9 

10 
11 
12 
13 
14 
15 
16 
17 
18 
19 
20 
21 
22 
23 
24 
25 
26 
27 
28 
29 
30 
31 
32 



1 
2 

3 

4 



1 
2 
3 
4 
5 
6 



1 

2 



Lörrach 

Umgebung von Lörrach 

Höhenaaum von Freibur^ bis Schliengen . . . 
Yorhöhen zwischen Schliengen und Lörrach 

Wiesenthal 

Schönberg und Gebirge von IiVeiburg bis Liel 

Wiesenthal und seine Umrandung 

Rheinthal von Grenzach bis Murg 

Südabfall des Dinkelberges 

Dinkelberg 

Höhen zwischen Schönberg und Hasel. . . . 
Rheinthal und Höhen zwischenWehra und Wutach 



Höhen zwischen Dreisam und Wehra 



r 



9 V II 

Wehra und Wutach 
. Steina 



Steina 



! Wutach 



Höhengebiet 



n 
» 



(Feldberg, Herzogenhom, Beleben) 



HI 

m 

IV 

IV 

IV 

V 

V 

ni 

IV 

V 

VI 

VI 

IV 

V 

VI 

VII 

VIII 

IX 

VII 

VIII 

IX 

vm 

IX 
X 

XI 
XII 

xni 

XIV 
XV 






0,90 
6,S7 

67,71 
70,17 
49,81 
44,09 

59,54 

44,09 
35,00 
80,7« 

5,18 

95,04 
50,00 
48,18 
102,7» 
75,ss 

71,9« 

97,61 

147,47 

89,19 

122,88 

69,00 

49,67 

229,55 

156,55 

99,88 

26,87 

8,87 

1,99 



6795 
2164 
7708 
6452 

14031 
2045 
7165 

12276 

2116 

1865 



3999 

11188 
3423 
7003 
6317 

. 3363 

3265 

8158 

6471 

8533 

2704 

7691 

7396 

3124 

106 

21 







Ed. 



— |;2076,«8 



Summe E. 

F. Klettgau und unteres Wutachthal. 

Klettgau und unteres Wutachthal 

» 9 H 9 

II J» F 9 

» » » II • • * 

Summe F. 

G. Hochebene der Baar. 

Donaugebiet 

Neckargebiet 

Villingen 

Hochfläche 

> ......^. 

Höhen im Norden von Möhringen . . . . . 

Summe G. 

H. Badischer Jura. 

Donauthal oberhalb Sigmaringen 

9 9 9 



IV 

V 

VI 

vn 



5444,08 



79,99 

119,61 

41,52 

8,70 



vn 
vn 
vni 
vm 

IX 
X 



VI 
VII 



249,1 8 



138,78 

34,25 

0,80 

354,61 
195,11 

5,59 



155285 



374120 



9505 

7981 

759 

21 



18226 



16858 
2464 
6000 

15956 

8227 




729,14 



4,10 

14,86 



49505 



245 

589 



7550 

339 

114 

92 

282 

46 

120 

278 

60 

23 



42 

229 

71 

67 

84 

49 

33 

54 

72 

69 

39 

155 

32 

20 

1 

0,8 







75 



69 



111 
66 
18 

2,4 



73 



122 

72 

7500 

45 

42 





68 



60 
40 



70 



Ludwig Neumann, 



[70 



O.Z. 



Landesteile 






00 



0) 



^ 



^ tu 
so S 

P3 



03 tS 

»ö er« 

S2 



3 
4 

C 



2 
3 

4 
5 
6 

7 
8 



1 
2 
3 
4 
5 
6 
7 
8 
9 



Vom Randen bis zur württembergischen und 

hohenzoUernschen Grenze 

Im östlichen Donaugebiet, beiderseits vom Fluss 

Höhengebiet 

» ■ 

Summe H. 

J. Hegau nebst Bodanrucken und Schienerberg. 

Bodenseeufer (ausser Eonstanz), einschliesslich der 

Insel Mainau 

Insel Beichenau 

Eonstanz 

Uebriges Gebiet 

» 1» 

9 Jl 

» » •• 

» » ......... » » ' 

Summe J. 

K. Linzgau und Ablachgeblet. 

Bodenseeufer des Linz^u 

Uebriges Gebiet des Lmzgau 

H M II II ....... 

V n » »I 

n » II » ....... 

]f « » Jl 

Ablachgebiet 

» 

» * 

Summe E. 



XIII 

VIII 

IX 

X 



167.0« 


7371 


75,66 


1819 


130,87 


4454 


15,04 


928 



V 

V 

V 

V 

VI 

VII 

VIII 

IX 



407,55 



118,40 
4,88 
2,50 

287,70 

178,92 

102,88 

6,04 

0,1» 



15406 



15914 

1523 

14423 

25591 

8799 

5090 

13 





V 

V 

VI 

VII 

VIII 

IX 

VI 

vu 

VIII 



700,86 



42,0 
148,1 
146,8 
176,9 

66,5 

3,99 
5,8 

193,1 

2,5 



785,0 



71853 



8180 

12249 

5780 

8140 

2262 

183 

1054 

10104 

20 



47972 



44 
24 
34 
62 



38 



134 

356 

5769 

88 

49 

50 

2 





102 



194 
80 
40 
46 
34 
46 

200 

52 

8 



ül 



Tabelle X. 

Flächeninhalt, VolkszaU nnd Volksdiclite Badens nach den Höhenstnfen 

der natürlichen Landesteile geordnet. 



i- 



'S— a> 

N C X 



Cal 
Ca2 
Ca3 
Ca4 



Landesteile 




I. Unter 100 m Seehöhe. 

Mannheim 

Umgebung von Mannheim 

Unter dem Hochufer des Rheins 

Zwischen dem Gebirgsfuss und der hessischen Grenze 

I. II 242,8 «II 809731 334 



6,95 


61273 


116,25 


16698 


93,7 2 


2964 


26,10 


38 



P 2 



9948 

145 

32 

1.^ 



77] 



Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 



77 



7^ « 



Sc 2 



Landesteile 



'S a 



PQ 



Sg 



A 1 
A 3 

AlO 



B 

c? 

Cß 



1 

2 
3 

4 
5 

6 
7 



Cß 8 

Cß 9 
CßlO 
Cßll 
Cßl2 
Cßl3 
Cßl4 
Cßl5 
Cßl6 
Cßl7 

Cßl8 

Cßl9 
Cß20 
Cß21 
Cß22 
Cß23 
Cß24 
Cß25 
Cß26 

Cß27 
Cß28 
Cß29 
Cß30 
Cß31 
Cß32 
Cß33 
Cß34 

Cß35 

Cß40 

Dl 

D2 

D3 

£«9 

Eßl 



II. Von 100—200 m Seehöhe. 

Maintbal 

Tauberthal. 

Neckarthal, kleine Gebiete an Jagst und Kocher, 

Exklave Schluchtern 

Neckarthal von Neckargemünd bis Neckargerach . 
Heidelberg (mit Neuenheim), unter 200 m . . . 

Umgebung von Heidelberg 

Weinheim 

Bergstrasse 

Uebrige Fläche im Norden des Neckars .... 
Gebirgsfuss zwischen Heidelberg und Bruchsal . . 
Ebene vom Neckar bis gegen Karlsruhe, über dem 

Hochufer 

Ebene vom Neckar bis gegen Karlsruhe, unter dem 

Hochufer 

Bruchsal 

Umgebung von Bruchsal 

Gebirgsfuss zwischen Bruchsal und Durlach . . . 

Karlsruhe 

Dnrlach 

Ettlingen 

Umgebung dieser drei Städte, über dem Hochufer 

. » > , unter , „ 

Ebene zwischen Karlsruhe und Rastatt, über dem 

Hochufer 

Ebene zwischen Karlsruhe und Rastatt, unter dem 

Hochufer 

Rastatt 

Umgebung von Rastatt, Über dem Hochufer . . 
, , , unter , „ 

Baden, unter 200 m 

Umgebung von Baden, unter 200 m 

Ebene südlich von Rastatt, unter dem Hochufer . 
Gebirgsfuss zwischen Baden und Offenburg . . . 
Ebene zwischen dem Hochufer und Gebirgsfuss, 

von der Murg bis zur Kinzig 

Offenburg 

Umgebung von Offenburg 

Gebirgsfuss bis Lahr 

Lahr 

Umgebung von Lahr 

Gebirgsfuss bis Emmendingen 

Uebrige Ebene bis zur Elz 

„ , von der Elz bis zum Fuss des Kaiser- 
stuhlgebirges 

Uebrige Ebene rings um den Kaiserstuhl .... 
« a südlich vom Kaiserstuhl .... 

Elsenzthal 

Kraich- und Saalbachthal 

Pfinzthal 

Unteres Murgthal 

Unteres Kinzigthal . 

n. 



30,91 
45,90 

63,s« 
60,90 

2,76 
40,42 

1,40 

39,50 
46,1« 

156,38 

457,60 

34,54 
1,7» 
66,87 
37,37 
6,S5 
0,85 
1,00 

148,71 

22,73 
136,95 

50,45 

1,50 

32,13 

34.54 

2,so 

13,<)8 
60,55 

127,« 
347,58 

1,20 
71,06 
17,73 

1,20 
42,88 

68,15 
213,14 

105,45 

72,66 
84,99 

130,90 

116,35 
32,27 

28,18 

28,68 



9277 
14102 

17401 
12391 
28680 
17068 

7549 
10768 

5480 
32918 

74916 

13 
11613 

6817 
12364 
61138 

7517 

6199 
23381 

2882 

21251 

5309 

11459 

1146 

2662 

11100 

3162 

1823 

35114 

42705 

7759 

9290 

3741 

9332 

11788 

20272 

27440 

7071 
15811 

6326 
28792 
26084 

7059 
10947 

6042 



300 
307 

275 
203 
10429 
422 
5392 
272 
119 
210 

169 

0,4 

6636 

102 

332 

9782 

8884 

6199 

157 

127 

155 

105 

7639 

36 

77 

5046 

228 

30 

276 

119 
6466 
131 
211 
7777 
275 
297 
128 

67 
218 

74 
220 
224 
219 
388 
211 



3087,4811695959 216 



78 



Ludwig Neumann, 



[78 






CO 



Sfl_g 



n 



A2 

A4 

A6 

A9 

B2 

B6 

BIO 

Cß36 

CyI 

Cy2 

Ct3 

Cy4 

C75 

Ct6 

CfT 

D4 

Eal 

Ea2 

Ea6 

EalO 

Eß2 
Eß3 
EtI 
EU 
E52 

E«3 
E$4 
E85 
Eail 



A5 

A7 

B3 

B7 

Bll 

Cß37 

D5 

D6 

Ea3 

Ea7 

Eall 

Eß4 

Eß5 

Eß6 

Et2 

£77 

Ef 9 



Landesteile 



III. Von 200—300 n SeehShe. 

Mainthal 

Tauberthal, östliche Gehänge 

^ westliche Gehänge und Nebenthäler . 

Nebenthäler von Neckar, Jagst und Kocher . . . 

Vorderer Odenwald, nördlich vom Neckar . . . 

, , südlich , , . . . 

Oestlicher Odenwald 

Kaiserstuhlgebirge 

Mündung des Elzthales und Gebirgsfuss bis Freiburg 

Freiburg 

Umgebung von Freiburg in der Ebene .... 
Ebene von der Elz bis gegen den Tuniberg . . . 
Gebirgsfuss von Freiburg bis Schliengen .... 
Ebene von Freiburg bis Schliengen, übei>dem Hochufer 
I. « » > » unter , , 

Kraichgauer Hügelland 

Pforzheim 

Umgebung von Pforzheim 

Höhen zwsichen Pfinz und Alb 

Höhen zwischen Alb und Murg, mittleres Murgthal 

und seine Gehänge 

Höhen von der Murg bis zur Kinzig 

Kinzigthal und seine Abhänge 

Gebirgsrand von der Kinzig bis zur Elz .... 
Steilufer des Rheins von Schlienffen bis Efringen . 
Ebene zwischen Efringen und Basel, unter dem Hoch* 

ufer 

Gebirgsfuss zwischen Efringen und Basel .... 

Lörrach 

Umgebung von Lörrach 

Rhemthal von Grenzach bis Murg .... . , 



IV. Von 300—400 m Seehöhe. 

Tauberthal, östliche Gehänge 

Hochfläche zwischen Tauber, Jagst und Neckar 
Vorderer Odenwald, nördlich vom Neckar . . 

südlich , , 

Oestlicher „ 

Kaiserstuhl 

Kraichgauer Hügelland, am Neckar .... 

nördlich von Pforzheim 

Südlich von Pforzheim 

Höhen zwischen Pfinz und Murg 

Oberes Murgthal und seine Gehänge .... 
Höhen zwischen Baden und Offenburg .... 

Nordrand des unteren Kinzigthales 

Oberes Kinzigthal und seine Ränder .... 

Hünersedelgruppe 

Elzthal und seine Umrandung 

Dreisamthal und Umgebung von Freiburg . . 






17,60 

127,J« 

157,99 

189,07 

71,58 

58,18 
53,81 

57,87 

36,4S 

4,75 
38,87 
82,78 

90,91 

144,99 
33,99 

699,31 

2,50 
28,89 

72,81 

68,78 
106,59 

87,18 

130,77 
14,99 

14.09 

40,46 

0,90 

6,87 

44,09 



9 

M &0 

PQ 



'S ^ 



270 

7724 

13532 

23616 

3251 

3004 

4088 

9346 

13086 

41104 

5071 

5628 

18659 

17712 

19 

36758 

27079 

5504 

7748 

4772 
22181 
18653 
11635 

2071 

1350 
6486 
6795 
2164 
12276 



2482,92 



136,85 

712,17 

64,99 
54,99 

228,66 
24,18 

11,06 

63,18 

53,68 

62,90 

29,96 
76,79 

32,07 

73,08 

107,« 

53,28 

28,90 



331528 



4120 

27114 

1747 

759 

11336 



137 

3422 

1343 

4791 

2532 

5865 

2491 

10641 

1671 

7485 

3774 



16 

61 

86 

125 

45 

52 

76 

162 

359 

8624 

130 

68 

206 

122 

0,« 

53 

10832 

194 

106 

69 
208 
214 

89 
138 

96 

160 

7550 

339 

278 



134 



30 

38 

27 

14 

49 



12 

54 

25 

76 

86 

76 

77 

146 

16 

140 

131 



79] 



Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 



79 



'S öc:=2 

M fl « 



Landesteile 






II 



£26 
E27 
£38 
£8 12 
£8 16 
Fl 



A8 

B4 

BS 

B12 

Cß38 

£a4 

EaS 

Eal2 

£ß7 

£t3 

£t8 

Et 10 

£39 

£810 

£813 

£817 

F2 

J 1 

J 2 

J3 
J4 
Kl 
K2 



B5 

69 

B13 

Cß39 

£a5 

£al3 

£ß8 

£t4 

£t11 
Ey 12 

£814 
£8 15 
£8 18 
F13 
Hl 



Höhensaum von Freiburg bis Schliengen .... 
Vorhöhen zwischen Schliengen und Lörrach. . . 

Wiesenthal 

Südabfall des Dinkelberges 

Rheinthal und Höhen zwischen Wehra und Wutach 
Unteres Wutachthal und Elettgau . . . .. ^ 

IV. 

V. Von 400—500 m Seehöhe. 

Hochfläche zwischen Tauber, Jagst und Neckar 
Vorderer Odenwald, nördlich vom Neckar . . . 
, , südlich j, a ... 

OestUcher , 

Kaiserstuhl 

Schwarzwald, südlich von Pforzheim 

Höhen zwischen Pfinz und Murg 

Oberes Murgthal und seine Gehänge bis zur Oos . 
Höhen zwischen Oos und Einzig (württemb. Grenze) 

Hünersedelgruppe 

Elzthal und Umrandung 

Dreisamthal 

Schönberg und Gebirge von Freiburg bis Liel . . 

Wiesenthal und sein Nordwestrand 

Dinkelberg 

Rheinthal und Vorhöhen zwischen Wehra und Wutach 

Unteres Wutachthal und Klettgau 

Bodenseeufer (ausser Konstanz), einschliesslich der 

Insel Mainau 

Insel Reichenau 

Konstanz 

Uebriges Gebiet des Hegau und des Bodanrückens 

Bodenseeufer des Linz^u 

Uebriges Gebiet des Linzgau . 

V. 

VI. Von 500—600 m Seehohe. 

Vorderer Odenwald, nördlich vom Neckar - . . 
, , südlich „ „ .... 

OestHcher ^ 

Kaiserstuhl 

Schwarzwald, südlich von Pforzheim 

Im Osten der Murg 

Höhen zwischen Murg und Schiltach 

Hünersedelgruppe 

Elz- und Dreisamgebiet 

Von der Schiltach bis zur oberen Elz 

Dinkelber^ 

Höhen zwischen Schönberg und Hasel 

Rheintbal und Höhen zwischen Wehra und Wutach 

Unteres Wutachtiial und Klettgau 

Donauthal oberhalb Sigmaringen 



67,T2 

70,17 
49,81 
85,00 
50,00 
79,20 



2164,04 



22,7t 

49,09 

17,82 

172,60 

6,77 

48,18 

32,62 

30,71 

144,88 

140,87 

69,98 

32,96 

44,09 
59,»4 

80,72 

48,18 

119,61 

118,40 
4,28 
2,50 

287,70 

42,09 

148,18 



I 

M tu 



P 2 



7708 

6452 
14081 

2116 
11188 

9505 



114 
92 

282 
60 

229 

111 



140227 



140 
505 
151 
9741 

4831 
1111 
1991 
6495 
4165 
4351 
2788 
2045 
7165 
1865 
3423 
7941 

15914 
1523 

14423 

25591 
8180 

12249 



69 



6 
10 

8 
56 


100 
34 
65 
45 
30 
62 
84 
46 
120 
28 
71 
66 

134 

856 

5769 

88 

194 

86 



1724,12 


186588 


5,45 





1,27 


5 


56,54 


2685 


0,18 





10,00 


719 


21,33 


89 


168,48 


8740 


75,13 


1381 


90,80 


1894 


42,44 


827 


5,18 





95,04 


3999 


102,72 


7003 


41,52 


759 


4,10 


245 



79 





4 
47 


72 

4 
22 
18 
21 
19 


42 
67 
18 
60 



80 



Ludwig Neumann, 



[80 






Landesteile 



a 



0) 



5 Vi 

PQ 






J 5 
K3 
K7 



B14 

EaU 

Eß9 

Ey5 

Ef 13 

Ey15 

Edl9 

E5 22 

F4 

Gl 

02 

H2 

J 6 

K4 

K7 



Eal5 
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Ef 6 
Ey14 
Et 16 
Et 18 
Ed20 
ES 23 
Ea25 
G3 
04 
J 7 
H3 

H4 
K5 
K9 



Eal6 
EßU 
Ey17 
Ey19 
£^21 
£8 24 
ES 26 



Hegau und Bodanrücken 

Linzgauer Bergland 

Abiachgebiet . 

VI. 

VII. Von 600—700 m Seehöhe. 

Oestlicher Odenwald 

Im Osten der Murg 

Höben zwischen Murg und Schiltach 

Hünersedelgruppe 

Schiltachthal . . . 

Höhen zwischen Einzig und Dreisam 

, y, Dreisam und Wehra 

„ , Wehra und Wutach 

Unteres Wutachthal und Klettgau 

Donaugebiet der Baar 

Neckarffebiet « 

Donautnal oberhalb Sigmaringen 

Hegau und Bodanrücken 

Linzgauer Bergland 

Abiachgebiet ■ . . 

VII. 

VIII. Von 700—800 n Seeh5he. 

Im Osten der Murg 

Höhen zwischen Murg und Schütach 

Hünersedelgruppe 

Schütachthal 

Höhen zwischen Einzig und Dreisam 

Bregthal und Unigebung 

Höhen zwischen Dreisam und Wehra 

n ^ Wehra und Steina 

• „ Steina und Wutach 

Vilfingen 

Hochebene der Baar 

Hegau 

Jura vom Randen bis zur württemb. und hohenzoU. 

Grenze 

Jura im östlichen Donaugebiet, beiderseits vom Fluss 

Linzgauer Bergland 

Abiachgebiet . 

"VST 



178,91 
146,t7 

5,29 



8799 
5780 
1054 



49 
40 

200 



1050,Ji 


38929 


0,05 





12,19 


7 


149,91 


1453 


22,S9 


427 


4,5 S 


502 


134,45 


4694 


75,28 


6317 


147,47 


8158 


8,70 


21 


138,78 


16858 


34,2s 


2464 


14,86 


589 


102,82 


5090 


176,97 


18140 


193,14 


10104 



34 





0.« 
10 
19 
111 
35 
84 
54 

2.4 

122 
72 
40 
50 
46 
52 



1215,88 



14,45 

121,18 

5,42 

15,85 

169,87 

4,97 

71,98 

89,19 
69,00 

0,80 

354,81 

6,04 

167,02 

75,88 

66,51 

2,51 



648241 53 



0.5 

4 

3 

71 

20 

292 

49 

72 

39 

7731 

45 

2 

44 
24 
34 

8 



7 

581 

16 

1083 

3389 

1459 

3363 

6471 

2704 

6000 

15956 

13 

7371 

1819 

2262 

20 



IX. Von 800—900 m SeehShe. 

Im Osten der Murg 

Höhen zwischen Mur^ und Schiltach . 

, j, Einzig und Dreisam . 

Bregthal und Umgebung 

Höhen zwischen Dreisam und Wehra . 

„ , Wehra und Steina . . 

^ Steina und Wutach . 



111234,44 


52514 


22,18 





69,74 


28 


157,8« 


4797 


37,02 


4422 


97,81 


3265 


122,88 


8533 


49,57 


7691 



43 





0,4 

30 

119 

33 

69 

155 



81] 



Die Yolksdichte im Grossberzogtum Baden. 



81 




Eal7 

Eßl2 

Et20 

Ea 27 

66 

H6 



Eß23 
Et 21 
Ea28 



Eßl4 
E-f 22 
Ed29 



Ey23 
Eo30 



E5 31 



E8 32 



Landesteile 



Hochfläche der Baar 

Jura 

Hegau 

Linzgau . 

IX. 

X. Von 900—1000 m Seehöhe. 

Im Osten der Murg ... * 

Höhen zwischen Murg und Schiltach 

HOhengebiet des mitÜeren Schwarzwaldes . . . 

, I, südlichen , . . . 

Höhen im Norden von Möhringen ...... 

Jura . 

X. 

XI. Von tOOO— 1100 m Seehöhe. 

Nördlicher Scbwarzwald 

Mittlerer „ 

Südlicher , . 

XI. 

XII. Von 1100—1200 m Seehöhe. 

Nördlicher Schwarzwald 

Mittlerer , 

Südlicher , . 

xn. 

Xlil. Von 1200—1300 m Seehöhe. 

Mittlerer Schwarzwald 

Südlicher , ^ . 

xiiT 

XIV. Von 1300—1400 m Seehöhe. 
Südlicher Schwarzwald 

XV. Von 1400—1500 m Seehöhe. 

Südlicher Schwarzwald 



9 



II 



SO B 

> E 



195,11 

130,87 

0,1» 

3,9t 



8227 

4454 



183 



sM 






2 

Ol 



886,94 


41600 


18,97 


12 


35,94 


138 


240,29 


4327 


229,65 


7396 


5,69 





15,04 


928 



544,99 



9,42 

123,19 

156,66 



289,18 



0,97 
19,94 
99,88 



120,79 



0,81 
26,87 



12807 




1957 
3124 



5081 





50 

106 



156 




21 



27,18 


21 


8,27 





1,99 






42 

34 



46 



44 



0,6 

4 
18 
32 


62 



23 




16 
20 



18 




3 
1 



1^ 





0,8 



0,8 











Fonchvogen zur dentschen Landes- und Volkskunde. YII. l. 



6 



S2 



Ludwig Neumann, 



[82 



Tftbelb 
üebersiekt der Flieheninlialte, BevSlkenmgszalüen und Volksdieliten im Orossherzogtni 



Landesteil 










1. T rtixikiitctie Stnf<wUiiA<rtaft«B 

2. (. »•-taawAld 

:^ Kh<>ijM««M vnd SüMntehl 

4 kr&irhpuMr Hiv«Ci&iKi 



SodlMkMr I 



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Tabelle 

üebersicht der in Proie]Lte& tii;q;edriLekleii Fücheninlialte und BevolkenmgszaMeii; 

den 15 Eöheib 



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83] 



Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 



83 



XI. 

Baden, nach den 10 natnrliclien Landesteilen nnd den 15 Höhensohicliten geordnet. 



vn 

600 bis 700 m 


VTTI 
700 bis 800 m 


IX 

800 bis 900 m 


X 

900 bis 1000 m 


XI 
1000 bis 
1100 m 


XU 
1100 bis 
1200 m 


XIII 

120O bU 

1300 m 


XIV 

1300 bi6 
1400 m 


XV 

über 
1400 ra 


Summe 


F 


B 


D 


F 


B 


D 


F 


B 


D 


F 


B 


D 


F 


B 


D 


F 


B 


D 


F 


B 


D 


F 


B 


D 


F 


B 


D 




1. 


1 


0,06 








- 


- 


- 


- 


- 


- 


- 


— 


- 


- 


- 


- 


- 




- 


- 


- 


- 


- 


- 


- 


- 


- 


- 


lR0R,t4 

896,91 

8318.91 

1053,07 


117296 

49668 

755462 

102252 


78 

55 

228 

97 


12^» 
149,51 
161,» 

•^'2,7» 


7 

1453 

8623 

14475 


0,6 

10 
35 
65 


14,46 
121,66 

195,41 
230.15 


7 

581 

5947 

12538 


5« 


22,16 

e9,M 

191,66 

270,06 




28 

9129 

19189 




47 
81 


18,67 

85,04 
240,60 
229,56 


12 

138 

4327 

730« 


0,« 
4 

18 
3J 


9,4» 

123,16 

166,56 


1967 
3124 



16 
2( 


0,»7 
19,64 
99,86 




60 

106 


0* - 
3, 0,61 

1 26,87 



21 


Ö - 
0,6 Ml 








I^i» 








666,96 
1108,61 
1707,88 
2076.9S 


73483 

78306 

67044 

155286 


132 
71 
31» 

7fi 


&4531 

8,70 

173.M 

1436 

1023i 
370,11 


21S58 

21 

19322 

589 

5090 
18244 


3£ 

«.« 

US 

40 
50 

50 


661 ,n 

355,41 
2423S 

6,04 

69,0t 


19073 

21956 

9190 

13 

2282 


62 

3f 

1 

33 


>66,76 

195,11 

130,67 

0,1» 

8.t6 


28736 

8227 

4454 



183 


61 

42 

34 



46 


523.76 

5,56 
15,04 


11873 



928 


23 



289,16 


6081 


18 


120.76 


166 


M 27,18 


21 


0,8 3,61 
















5444/M 
249,19 
?29,14 
704,55 

786.08 


374120 
1822f> 
49605 
1540G 
71353 
47972 


TS 
6M 

3s 
102 

61 


1215,« 


l,W^»4 

1 


53 


1284,43 


52514 


43 


986,64 


41600 


44 


M4,s» 


12901 


1 


289.12 


6081 


Tb 


120,7» 


166 1,6 


27,18 


21 


0.8 8.67 








1,9» 





15081.SO 


16012561106 

1 



relative Volksdiclite im GrosslierzogtunL Baden, nach den 10 natärlichen Teilen nnd 
stnfen geordnet. 



vu 

eoo bis 

700m 


vin 

700 bi8 
800m 


IX 

800 bi6 
900m 


X 

900 bi8 
1000 m 


XI 

1000 bis 
1100 m 


XII 

1100 bi6 
1200m 


xm 

1200 bi6 

laoom 


xrv 

1300 bis 
1400 m 


XV 

über 
1400 m 


li 

51 


VerhlLltni6 

de6 betr. 

lAndes- 

teiles zum 

ganzen 

Land 


Jr 


B 


D 


F 


B 

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D 


F 


B 

0(6 


D 


F 


B 

0|0 


D 


F 


B 

0|0 


D 


F 


B 

0|0 


D 


F 


B 

0|0 


D 


F 


B D 


F 


B 

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D 


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— 


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- 


- - 


- 


- 


— 


800 
866 

180 
230 


9,»T 

6.04 

21,91 

6,96 


7.69 

3,10 

46.S« 

6.S» 


0.74 

2.14 
0.V4 


•2.2 

13.9 
10,7 


(0.01) 
M 

8.4 
9,4 




0.» 


10,6 
11,4 
IM 


(0,01) 
8.0 




0/)6 
0,7 


3.6 

6.« 

11,4 

13/) 




(0,04) 
l^T 
12,45 





1,« 
M 


3,9 

14,0 
11.1 


(0/n) 

4.8 




(0.06) 
0,5 
0.4 


',1 

7,6 




2.9 

2,0 


o" 

0,4 
0,8 


o7i 

43 




(0,07) 
(0,07) 




(0/M) 

(0.01) 


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(0.01) 



(0,01) 


Öa 


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400 
486 
GM 
706 

630 
446 

770 
780 
606 

596 


8.6» 

7,81 

11,46 

13,74 


4.59 
4,80 

4.61 

9,70 


1.9« 
0,87 
0,4r. 

O.-J 


10/) 

3,» 

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3,7 

14,7 

47.2 


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0,5 

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V 


0,5 
0.6 


10,8 
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28,9 

0,4 


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M 


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4.45 

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0.01 


0.01 


»,18 


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445 


10<J 


1(NI 

1 


1,0 c» 

1 



IV. Spezieller Teil. 



1. Die Dichtekarte, ihre Herstellung und Aufgabe. 

Das Zahlenmaterial der yorstehenden Tabellen bildet die Grund- 
lage für die beigegebene Dichtigkeitskarte. Das Grossherzogtum Baden 
erscheint hier in 200 nach der Höhenlage und den allgemeinen natür- 
lichen Verschiedenheiten abgesonderte Gebiete von durchschnittlich je- 
weils 75 qkm und 8000 Einwohnern geteilt, eine Zerlegung, wie sie 
weitgehender bislang bei keiner Untersuchung über Volksdichte ange- 
wendet worden ist. Zur Vereinfachung und zur Elarheitserhöhung der 
Karte war es nun durchaus notwendig, nur eine beschränkte Anzahl 
von Dichtestufen zur Darstellung zu bringen; für deren Bestimmung 
und Auswahl erwies sich die folgende Ueberlegung als massgebend. 

Die gesamte Volkszahl von 1 601 255 Einwohnern auf die ge- 
samte Fläche des Landes von 15 081, 20 qkm gleichmässig verteilt, er- 
giebt eine mittlere Dichte von 106 Einwohnern auf den qkm. Werden 
aber die oben (S. 68) genannten 16 grössten Städte mit mehr als 
6000 und zusammengenommen mit 320 670 Einwohnern ausgeschieden, 
so dass nunmehr allein noch die als ländlich zu bezeichnende Ein- 
wohnerschaft von 1280585 Seelen auf 15043,4o qkm verteilt zur Be- 
rechnung verwendet wird, so ist die Volksdichte Badens 85 pro qkm. 
Obwohl nach den Ausführungen über die Behandlung der Städte auf 
der Dichtekarte (S. 62 — 70) strenge genommen die letztere Zahl 
von 85 Einwohnern pro qkm auf der Karte als der mittlere Wert der 
Volksdichte erscheint, so ist doch die Dichtezahl 106 für das gesamte 
Wirtschaftsleben des Staates die wichtigere, ja die ausschlaggebende. 
Denn sie ist der Ausdruck für das Mass der auf allen Ge- 
bieten des Wirtschafts- und Staatslebens wirksamen Pro- 
duktion und Konsumtion. Es ist demnach naturgemäss, die Dichte 
von 106, oder wenig abgerundet diejenige von 100 als die nach den 
Zuständen von 1885 normale anzusehen, und hiemach alle Gebiete mit 
weniger als 100 Einwohnern pro qkm als relativ dünn, diejenigen 
mit mehr als 100 Einwohnern pro qkm als relativ dicht bevölkert zu 



S5l Ludwig Neumann, Die Yolksdichte im Grossherzogfcum Baden. 



85 



bezeichnen, während Gebiete mit mehr als 200 Bewohnern auf der 
Flacheneinheit als sehr dicht bevölkert gelten müssen, da sie die 
Normalzahl verdoppeln oder selbst dieses Verhältnis noch überschreiten. 
Innerhalb dieser Hauptgruppen schien es zweckmässig, jeweils 
mehrere Unterabteilungen zu machen, wobei im allgemeinen die Dichte- 
zahl von einer Stufe zur nächst höheren um 25 pro qkm zunimmt ; nur 
über 200 wurde die Stufengrösse verdoppelt, und die niederste Stufe 
von — 25 Einwohnern erfuhr eine Zweiteilung, wodurch es möglich 
wurde, ganz oder fast ganz unbewohnte Gebiete gesondert anschaulich 
zu machen. Die Dichteskala der Karte ist demnach diese: 



I. Dichtestufe 
IL 



in. 

IV. 
V. 

VI. 

VlI. 

VIII. 

IX. 

X. 

XI. 
XII. 



— 5 Einwohner auf 

5-25 
25-50 
50-75 
75-100 

100-125 
125-150 
150—175 
175-200 

200—250 
250—300 
über 300 



qkm, ganz oder fast unbevölkert 

Volksdichte unter dem Lan- 
desdurchschnitt, d. h. g e r i ng 



Volksdichte über dem Lan- 
desdurchschnitt, d.h. gross 

Volksdichte über dem dop- 
pelten Landesdurchschnitt, 
d. h. sehr gross. 



Erwies sich in Rücksichtnahme auf die Uebersichtlichkeit der 
Karte eine Beschränkung auf zwölf Dichtestufen als notwendig, aber 
auch als völlig ausreichend, so musste auch noch in anderer Weise an 
«ine Vereinfachung der graphischen Darstellung gedacht werden, um 
das Eartenbild nicht allzu bunt und vielfach auch unnatürlich erscheinen 
zu lassen. So wurden zunächst überall, wo aus einer Höhenschichte 
inselartig zerstreut liegende kleine Erhebungen oft nur wenige Meter 
über die obere Grenzfläche aufragen, diese räumlich so unwichtigen, 
eng begrenzten Bodenanschwelluagen mit der umgebenden Landschaft 
durch das Dichtigkeitskolorit derselben zu einem Gebiete vereinigt^ da 
sie mit ihm nach allen Gesichtspunkten, die im allgemeinen Teil unsrer 
Ausführungen dargelegt worden sind, durchaus eine natürliche Einheit 
bilden. Femer wurde überall, wo in steilansteigenden Gebirgsland- 
schaften die einzelnen Höhenstufen als ganz schmale, rasch aufeinander 
folgende Bänder erscheinen, wie besonders in manchen Teilen des mitt- 
leren und südlichen Schwarzwaldes, darauf verzichtet, jedes einzelne 
dieser Bänder mit der seiner Dichte zukommenden Farbe hervorzuheben. 
Es hätte dies eine ganz sinnverwirrende und für die richtige Beurteilung 
der Bevölkerungsverhältnisse in ihren Dichteabstufungen wertlose Dar- 
stellung gegeben, statt welcher es vorgezogen wurde, grössere Gebirgs- 
teile mit der mittleren Dichte des ganzen Gebietes zu bezeichnen. So 
zeigt z. B. unsre Tabelle für den südlichen Schwarzwald im inneren Ge- 
birge bei der Höhenstufe von 400 — 500 m (V) Volksdichten von 46 
und 71, auf der Stufe VI solche von 42 und 67, auf VII von 84 und 54, 
auf Vm von 49, 72 und 39, auf IX von 33, 69 und 155, bezw., wenn 
das dicht bevölkerte Ackergebiet in der Umgebung von Bonndorf aus- 
geechieden wird, von 54 Einwohnern auf dem qkm. Es wurde nun, 



86 Ludwig Neumann, [86 

um diese ganze Gegend steiler Gehänge als ein Ganzes, was sie ihren 
Naturbedingungen nach auch ist, erscheinen zu lassen, für dieselbe die 
mittlere Volksdichte ermittelt und alles Gebiet von 400 — 1000 m mit 
dem Dichtekolorit der Stufe von 50 — 75 Einwohner auf dem qkm aus- 
gezeichnet. Aehnlich wurde auch für andere, auf der Karte leicht er- 
sichtliche Gebiete verfahren. 

Bevor nun zum zweiten Hauptteil der Arbeit, nämb'ch zur kriti- 
schen Untersuchung der Ursachen der verschiedenen Volks- 
dichten übergegangen werden kann, ist es am Platz, weniges über 
die Quellen der vielfach zu benutzenden Zahlen und Angaben über land- 
wirtschaftliche, forstliche, Handel und Verkehr betreffende Verhältnisse 
mitzuteilen. Kurz und übersichtlich berichten über diese Dinge einzelne 
Abschnitte des schon mehrfach genannten Werkes : »DasGrossherzog- 
tumBaden*;es handelt sich hier wesentlich um die Teile: Bevölkerungs- 
statistik (S. 266—375), Landwirtschaft (S. 379—415), Forstwirtschaft 
(S. 416—465), Bergwesen (S. 466—479), Gewerbe und Handel (S. 480 
bis 517), Verkehrsmittel (S. 518—548). Von grossem Wert sind so- 
dann die Originalmitteilungen des vom Grossherzoglichen statistischen 
Bureau herausgegebenen „Statistischen Jahrbuches" (letzter Band: 
XXI, erschienen 1890) und der „Statistischen Mitteilungen', vo» 
denen zur Zeit der Band VI, 1888 — 1889 im Erscheinen begriffen ist. 
Obwohl die Volkszählung, welche die Grundlage der Dichtekarte bildet, 
diejenige von 1885 ist — die neueste hat unterdessen im Dezember 1890 
stattgefunden — , erschien es doch im Interesse der Darstellung gegen- 
wärtiger Zustände geboten, für die Lebensbedingungen der Bevölke- 
rung jeweils die neuesten Quellen zu benutzen, also statistische Daten 
bis herab ins Jahr 1889 und 1890 zu verwerten. Es erscheint dies 
um so zulässiger, als die Bevölkerungsverhältnisse, insbesondere die 
Volksverteilung und die Volksdichte, sich seit der letzten Zählung von 
1885 nur sehr wenig geändert haben. 

Von 1880—1885 stieg die Gesamtbevölkerung Badens um 31001 
Einwohner oder um 1,974 ®/o; das giebt für ein Jahr einen Zuwachs von 
0,395 ®/o: legen wir dasselbe Wachstumsverhältnis auch für die Jahre 
seit 1885 zu Grunde, und es liegt keine Ursache vor zu der Annahme, 
dass dasselbe sich wesentlich geändert habe, so erhalten wir als Be- 
völkerung für 1888, 1889 und 1890 rund die Zahlen 1 620000; 1 627000; 
1633000, bezw. als Volksdichte 107,4; 107,8; 108,8, woraus hervorgeht^ 
dass der Massstab der Dichteskala für die Gegenwart derselbe ist, wie 
für das Jahr 1885 ^). Da femer die Siedelungen oder die Wohnorte 
unverändert sind, während ein Unterschied gegen das letzte Zählungs- 
jahr sich nur darin kundgiebt, dass die grossen Städte auch jetzt raschere» 
Wachstum ihrer Volkszahl aufweisen als die kleineren, und zwar viel- 
fach auf Kosten der ihre Bevölkerung nicht vermehrenden oder selbst 
langsam verringernden Landorte, eine Bevölkerungsbewegung, die aber 



') Die Zählung vom 1. Dezember 1890 ergab 1658817 Einwohner, d. h. eine 
Dichte von 109,b6 pro qkm, also etwas mehr als nach den Zunahmeverhältnissen 
von 1880 — 85 zu erwarten war, was zunächst auf eine gegen früher stärkere Ein- 
''«^rung, bezw. auf schwächere Auswanderung schliessen lässt. 



871 I^ie Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 87 

für die kurze Zeit von 5 Jahren die allgemeinen Dichtegrade nur mini- 
mal verschiebt, so ist für die vorliegenden Zwecke eine Zusammen- 
stellung der Bevölkerungszahlen von 1885 mit statistischen Verhält- 
nissen neueren Datums durchaus berechtigt. 

Die offizielle Statistik des land- und forstwirtschaftlichen Anbaues 
ist natürlich in erster Reihe an die politische Einteilung der Amts- 
bezirke, bezw. an diejenige der Forstbezirke gebunden ; sie hat es bisher 
nur in vereinzelten Fällen versucht, ihre Angaben nach natürlich be- 
grenzten Gebieten zu machen. Erst in einem der letzten Hefte der 
Statistischen Mitteilungen für das Grossherzogtum Baden (Bd. VI, 1889, 
Nr. 3, S. 17) gelangen ^Geographische Gebiete** zum erstenmal 
durchweg zur Darstellung. Ihre Einführung, wird dort gesagt, bezweckt 
die Darstellung der landwirtschaftlichen Verhältnisse für Teile des 
Landes, welche in Bezug auf Bodenbeschaffenheit, Höhenlage und Elima 
gleichmässiger sind als die Bezirke und Kreise. Vor allem kam es bei 
ihrer Einführung darauf an, die Rheinebene von dem Gebirge und 
Hügellande zu trennen und aus letzterem eine Anzahl von Gebieten 
nicht allzu verschiedener natürlicher Beschaffenheit zu bilden. Auch 
die Rheinebene bietet bei ihrer grossen Längsausdehnung erhebliche 
Verschiedenheiten dar und war einer Zerlegung in mehrere Teile zugäng- 
lich. Bei ihrer Begrenzung ist auf die Gemeindegrenzen zurück- 
gegangen worden. Da in den auf den Grenzen der natürlichen Ge- 
biete gelegenen Gemeinden zum Teil noch sehr verschiedene Boden- 
verhältnisse vorkommen, so sind die angenommenen Gebirgsgrenzen 
nicht vollkommen genau; immerhin sind die Ungenauigkeiten nicht 
mehr von grosser Bedeutung, und es findet zudem unter ihnen eine 
gewisse Ausgleichung statt, indem sie bald auf die eine, bald auf die 
andere Seite der wahren Grenze fallen, soweit eine solche überhaupt zu 
erkennen ist, und es nicht schon wegen deren Unbestimmtheit auf eine 
genaue Abgrenzung nicht ankommen kann. 

Auf diese Weise ist das Land in die folgenden 11 natürlichen 
geographischen Gebiete zerlegt, die aus den beigefügten Amtsbezirken 
und Teilen von Amtsbezirken bestehen und den beigesetzten Flächen- 
inhalt umfassen. 

1 Bodenseeffeffend / ^o^stanz, Stockach, Ueberlingen, Engen, ohne 

* *^ \ die im Donaugebiete gelegenen Gemeinden 1242,oo qkm 

2 Donauffecrend ^ Villingen, Donaueschingen, Messkirch, Pfullen- 

"«<5K<J ^ jJqj^-^ jie vorgedachten Gemeinden von Engen 1 405,7 o , 

(St. Blasien, Bonndorf, Schopf heim, Schönau 
und Neustadt Waldshut und Säckingen, 
- |, j ohne die im Rhemthal und Klettgau ge- 

^^ I legenen Gemeinden, von Müllheim und Staufen 

^ die Gebirgsgemeinden 1914,6o ^ 

± ViHloror x^y^f{ f Triberg und Wolfach; von Freiburg, Wald- 
4. Mittlerer una j ^^^^^ Emmendingen, Ettenheim. Lahr, 

waM I Offenburg , Oberkirch , Achern, Bühl, Baden 

l und Rastatt die Gebirgsgemeinden .... 



5, 



2426,00 

Kaiserstuhl ' ^^^ Breisach und Emmendingen die am Kaiser- 

\ stuhl gelegenen Gemeinden 143,co 



88 Ludwig Neumann, [88 



6. Obere Rhein 
ebene 



Lörrach; von Waldshut, S&ckingen, Müllheim, 
Staufen, Freiburg und ßreisach die im Rhein- 
thal bezw. in der Rheinebene gelegenen Ge- 
meinden 1122,to qkm 

7. Mittlere Rhein- ( Kehl ; von Waldkirch bis Rastatt die Gemeinden 

ebene \ der Ebene 1669,4o , 

I Karlsruhe, Schwetzingen, Mannheim ohneSchries* 
heim ; von Ettlingen, Durlach, Bruchsal, Wies- 
loch, Heidelberg, Weinheim die Gemeinden 
in der Ebene 1366,7o . 

Q T>fi ,, ir*o;/.Y, l Pforzheim, Bretten, Eppingen, Sinsheim; von 
y. rnnz-u.üraicü- I D^riach, Ettiingen, Bruchsal, Wiesloch die 

^^^ ( Gemeinden im Hügellande 1349,8« , 



10. Bauland 



11. Odenwald 



Adelsheim, Tauberbischofsheim, Wertheim, Mos- 
bach und Buchen ohne die Gemeinden im 
Odenwalde 1474,so 

Eberbach; von Mannheim Schriesheim; von 
Heidelberg und Wiesloch die Gebirgsgemein- 
den ; von Mosbach und Buchen die Gemeinden 
auf Buntsandstein 862,to 



Das erwähnte Heft der .Statistischen Mitteilungen*, welches die 
erstmalige Aufzählung und Verwendung der genannten 11 Bezirke mit- 
teilt, ist etwa um ein Jahr später erschienen, als die S. 24 aufgezählten 
und zur Grundlage der vorliegenden Untersuchung gewählten 10 Ge- 
biete gebildet wurden; ein strenges Anpassen der einen Einteilung an 
die andere war daher, nachdem die Tabellen und die Karte der Volks- 
dichte bereits vollendet vorlagen, nicht mehr möglich, üebrigens hätte 
auch diese neue Einteilung in natürliche Gebiete die hier gewSMte nicht 
durchweg ersetzen können, da sie nicht so genau auf die Höhenlagen 
Rücksicht nehmen konnte. Doch wird es vielfach möglich sein, die 
beiden Einteilungsversuche aufeinander zu beziehen, indem sie wenig- 
stens einigermassen sich entsprechen. Es ist z. B. das «fränkische 
Stufenland' mit rund 1503 qkm fast genau dasselbe wie das obige Ge- 
biet Nr. 10 der Statist. Mitteil., „Bauland*, mit rund 1475 qkm; auch 
der Odenwald mit 896 bezw. 862 qkm entspricht sich in beiden Fällen 
sehr gut; das «Eraichgauer Hügelland* mit 1053 qkm ist hier enger 
gefasst als der «Pfinz- und Kraichgau* der Statist. Mitteil, mit 
1350 qkm, indem der letztere das ganze Amt Pforzheim mit um- 
fasst, dessen südliche Teile in Tabelle IX dem östlichen Schwarzwalde 
zugerechnet sind, und indem die Grenze gegen die Rheinebene in Ta- 
belle IX längs der weit ins Hügelland hereingreifenden 200 m -Linie 
gezogen ist Die Rheinebene hat einschliesslich des Kaiserstuhls in 
unsrer Begrenzung rund 3312 qkm, während die Gebiete 5 — 8 der 
Statist. Mitteil, etwa 4302 qkm umfassen, also beinahe 1000 qkm 
mehr; dieser Unterschied kommt von der Einrechnung des oberen Rhein- 
thales vom Elettgau bis Basel, des ganzen Amtes Lörrach* und einiger 
Teile von Müllheim, sowie von der im einzelnen mannigfach ab- 
weichenden Abgrenzung längs der Linie von Schliengen bis zur hessischen 
Grenze her. 

Die Fläche der zwei Schwarzwaldgruppen in den Statist. Mitteil. 
mit zusammen 4341 qkm bleibt hinter derjenigen der Tabelle IX 



893 ^^^ Tolksdichte im Grossherzogtum Baden. 89 

mit 5444 qkm um rund 1100 qkm zurück, was sich aus der yer- 
schiedenen Zuteilung der Gegend von Pforzheim, Müllheim, Lörrach, 
des oberen Rheinthaies, des Wutachihales , der gebirgigen Teile der 
Aemter Donaueschingen und Yillingen erklärt. Die zwei Teile „Boden- 
seegegend '^ und „Donaugegend' endlich lassen sich nur sehr schwierig 
mit unsem Gebieten Baar, Jura, Hegau, Linzgau vergleichen, doch scheint 
die hier gewählte Vierteilung entschieden vorzuziehen zu sein, da, um 
nur eines zu betonen, die „Donaugegend'' sehr verschiedenartige Ge- 
biete umfasst, nämlich den Anteil der Aemter Donaueschingen und 
Villingen am Gebirge wie an der Hochebene, den Höhenzug des Jura, 
das Flachland des Abiachgebietes im Amt Messkirch und endlich das 
Amt Pfullendorf, das trotz seines teilweisen Hinübergreifens ins Strom- 
gebiet der Donau doch viel eher mit dem südhch angrenzenden Amt 
Ueberlingen eine einheitliche Landschaft bildet, nämlich den „Linzgau'' 
genannten Südabfall der schwäbischen Hochebene zum Bodensee. 

Trotz dieses Gegensatzes ist der Versuch der amtlichen Statistik, 
natürliche Gebiete einzuführen, in hohem Grade dankenswert, und es 
wird sich im folgenden Gelegenheit finden, von den neugruppierten 
statistischen Werten nützlichen Gebrauch zu machen. 

In Bezug auf die Zuverlässigkeit der Zahlenwertc landwirtschaft- 
licher Areale, die im folgenden eine grosse Wichtigkeit haben, möge 
bemerkt werden, dass (Statist. Mitteil. Bd. VI, 1889, S. 60) in 1608 
von den 2182 Gemarkungen Badens — viele Gemeinden haben deren 
mehrere — oder in 73,7 "/o aller Gemarkungen die Katastervermessung 
vollendet ist, während für das übrige Areal die Flächenangaben auf 
sonstigen Vermessungen oder Schätzungen beruhen. Von dem Mangel 
einer vollständig fertigen Eatastervermessung rührt es her, dass die 
sich aus der Summe aller Gemarkungsareale ergebende Gesamtfläche 
des Landes von der planimetrisch gefundenen Zahl von 15081,8o qkm 
{vgl. oben S. 26) etwas abweicht, und zwar bleibt sie für 1888 
mit im ganzen 14976,80 qkm um 104,4 o qkm oder 0,67 ^/o hinter der- 
selben zurück, eine Abweichung, die nach Vollendung der Kataster- 
arbeiten wohl fast vollständig verschwinden wird. Doch ist dieselbe 
auch jetzt schon so klein, dass es der Genauigkeit der folgenden Aus- 
führungen keinen Eintrag thun kann, wenn ohne weitere Umrechnung 
die Angaben über landwirtschaftliche Areale aus den statistischen Ur- 
materiidien übernommen werden ; eine durchgängige Erhöhung der be- 
treffenden absoluten Zahlen um 0,6 7 ®/o würde an dem Gesamtbild der 
Flächenverteilung nichts von Belang ändern können. 

Für die Charakterisierung der einzelnen Landesteile nach ihren 
Bodenbebauungsverhältnissen ist es von Wert, einige Landesdurchschnitts- 
werte hier zusammenzustellen, da sie späterhin als Massstab benutzt 
werden können. Für 1888 wird angegeben: 

Landwirtschaft], »^„xu«««« Wald mit Nicht angebaute r, „ _^ 

Fläche Reutberge Hackwald Fläche Zusammen . 

8355 qkm 513 qkm 5434 qkm 675 qkm 14977 qkm oder 

55,7970 3,42 70 36,28 7o 4,60 7o 100^0 



90 Ludwig Neumann, j[90 

Das laudwirtschaftliclie Gelände einschliesslich der Reutberge nimmt 
hiemach ^/s, der Wald über ^/s der Gesamtfläche ein, welches Verhält- 
nis sich seit lange (vgl. oben S. 60) auf Kosten der landwirtschaft- 
lichen Flächen zu gunsten des Waldes verschiebt. Dabei bleiben die 
Reutberge mit rund 8^/2^/0 und die nicht angebauten Flächen (Haus- 
und Hofplätze, Strassen, Wasser, Unland u. s. w.) mit 4V«^/o nahezu 
unverändert. Die landwirtschaftlichen Flächen setzen sich nach den 
Hauptkulturarten folgendermassen zusammen: 

Acker Wiese Rebland J,^ J^^^ ^-^jj- ^^änd^f Sun..e 

5663 qkm 1987 qkra 214 qkm 155 qkm 10 qkm 326 qkm 8355 qkm 

67,8 7o 23,8 7o 2,5^0 1,9^0 0,1 7o 3,970 1007^0 

Der Vergleich dieser Werte mit älteren entsprechenden zeigt, das« 
Acker- und Rebfläche bei schwacher Neigung zur Abnahme sich im 
grossen Ganzen fast unveränderlich erhält; stärker ist die ununter- 
brochene Verkleinerung der ständigen Weiden, während Kastanien- 
pflanzungen, Gras- und Obstgärten, endlich Wiesen fortwährend sich 
vergrössern. 

Von den 5663 qkm Ackerfläche lagen 1880 etwa 241 qkm brach, 
so dass das Areal von 5422 qkm als eigentliche Anbaufläche angesehen 
werden muss, eine Zahl, welche im folgenden den weiteren Untersuchungen 
vielfach zu Grunde liegen wird. 

Diese kurzen Angaben allgemeiner Art gentigen, um nunmehr 
die spezielle Betrachtung der Naturbedingungen anzureihen, unter wel- 
chen die Bevölkerung in den zehn Landesteilen steht, und die für die 
Volksdichte als massgebend angesehen werden müssen. 

Die Angaben über Berufsstatistik, Gewerbe, Handel und Verkehr 
lassen sich besser jeweils gesondert darstellen, als dass sie hier allge- 
mein zusammengefasst werden, was nur zu Wiederholungen führen 
würde; dagegen wird es sich in der Folge als zweckmässig erweisen, 
dass die obigen Angaben über die landwirtschaftlichen Areale als Ver- 
gleichsmassstab für die einzelnen Landesteile hier vorangestellt wor- 
den sind. 



2. Die Yolksdichte der einzelnen Landesteile. 

A. Fränkische Stufenlandschaften. 

Das 1530,2 4 qkm grosse Gebiet der fränkischen Stufenlandschafben 
hat eine mittlere Höhe von 300 m; bei überaus einförmiger Oberflächen- 
gestalt steigen die flachwelligen Hügelreihen an keiner Stelle über 
430 m, während die Hauptthäler bei einer mittleren Höhenlage von 
etwa 150 m nicht bedeutend eingetieft sind. Der Wasserspiegel des 
Maines liegt bei Bettingen rund 140 m, bei Freudenberg 126 m hoch; 
das Tauberthal senkt sich von 194 m bei Unterbaibach bis 135 m bei 
Wertheim; die Sohle des Jagstthales liegt bei Krautheim 235 m, bei 
Ruchsen 178m, bei Neudenau 151 m hoch, diejenige des Kocher bei 



91] Die Volksdichte im Grofißherzogtum Baden. 91 

Stein hat 155 m; der Neckar endlich fällt von 143 m bei Offenau bis 
zu 135 m bei Neckargerach. Der Höhenunterschied zwischen dem 
tiefsten und höchsten Punkte misst fast genau 300 m. Das Klima 
miiss als Terhältnismässig rauh bezeichnet werden, indem die Tempe- 
raturen aller Jahreszeiten hinter den der Höhenlage entsprechenden 
zurückbleiben; doch zeigen sich die Thäler den Höhen gegenüber wesent- 
lich günstiger gestellt; die Niederschläge sind mit dem Landesdurch- 
schnitt verglichen der Menge nach gering, aber auf den Hochflächen 
etwas starker als in den Thalniederungen; auf den ersteren fällt ihr 
Maximum in den Herbst, in den Thälern dagegen in den Sommer. 
Der Boden ist fast im ganzen Gebiet Muschelkalk und zwar an der 
Oberfläche zumeist in mergeliger Ausbildung; kleinere Flächen zeigen 
den Muschelkalk von Lettenkohle überdeckt; an den Rändern und den 
Sohlen der tieferen Thäler tritt der Buntsandstein, die Unterlage des 
Muschelkalkes zu Tage, so besonders am Main, an der Tauber, am 
Neckar und an der dem letzteren zufliessenden Elz in der Umgebung 
Yon Mosbach. Diese Buntsandsteingebiete konnten unmöglich vollständig 
ausgeschieden werden, obschon, wie bereits früher erwähnt, die For- 
mationsgrenze zwischen Buntsandstein und Muschelkalk, soweit es immer 
möglich war, als Grenzlinie unseres Gebietes gegen den Odenwald fest- 
gehalten wurde. 

Wichtige Hauptverkehrslinien haben das badische Frankenland 
zu keiner Zeit durchzogen. Am grössten war natürlich von jeher die 
Bedeutung der Wasserstrassen des Neckar und Main, die das Land aber 
nur an seinen Grenzen streifen; in zweiter Reihe sind dann zu nennen 
die Thäler der Tauber, der Jagst und des Kocher, von denen aber 
nur das erste unser Gebiet in südnördlicher Richtung durchquert, 
während die andern es kaum in einigen Punkten berühren. Mitten 
durch das Hügelland geht nur eine einzige Hauptstrasse, die vom 
Neckarthal über Mosbach, Adelsheim, Osterburken und Boxberg ins 
Tauberthal; wie alle älteren Strassenzüge folgt sie möglichst den Höhen^ 
während neuerdings die derselben Hauptrichtung folgende Eisenbahn 
mehr den Wasserläufen entlang zieht. 

Die fränkische Muschelkalkebene, welche verhältnismässig recht 
weit von der Landesmitte abliegt, ist bis zur Stunde einer der verkehrs- 
ärmsten Landesteile, in welchem die Landwirtschaft weitaus die vor- 
herrschende Thätigkeit der Bewohner ausmacht, während nennenswerte 
Industriebetriebe und grössere Handelsunternehmungen sich zu keiner 
Zeit entwickelt haben. 

Die Bodenbedeckung zeigt sich aufs strengste abhängig von der 
Landesnatur. Während in Baden durchschnittlich fast 56 ^/o der Ge- 
samtfläche landwirtschaftlich bearbeitet und wenig über 36 ^/o mit Wald 
bestanden sind, hat Franken 71 ^/o landwirtschaftliche und nur 25 ^/o 
Waldfläche. Der Wald (368,8 o qkm) findet sich in grösseren Komplexen 
nur auf den Sandsteinböden über dem Main- und dem unteren Tauber- 
thal und an der Grenze gegen den Odenwald, sonst ist er überall stark 
parzelliert und nur auf den schlechteren, steinigeren Muschelkalkböden 
anzutreffen. Reutberge kommen nicht, Hack waldanlagen beinahe gar 
nicht vor. 



92 Ludwig Neumann, [92 

Die Verteilung des landwirtschaftlichen Geländes (1046,55 qkm) 
ist aus folgender Zusammenstellung zu ersehen, der die entsprechenden 
Werte des Landesdurchschnittes beigesetzt sind: 

Prozente der landwirtschaftlichen Fläche 
in Franken: im Grossherzogtum Baden: 

Acker 85 68 

Wiese 9 24 

Rebland 3,8 2»6 

Gras- und Obstgarten 1,8 1,9 

Ständige Weide ... 0,9 3,9 

Für die Landwirtschaft und ihren Betrieb ist hervorragend wichtig, 
dass unter der Wirkung des Anerbenrechtes die Güterzerteilung im 
allgemeinen nicht so weit vorgeschritten ist, wie z. B. in der Rhein- 
ebene, dass also mittelgrosse Bauerngüter vorherrschen, femer dass ein 
verhältnismässig ansehnlicher Orossgrundbesitz sich in den Familien des 
ziemlich zahlreichen Adels seit alters her erhalten hat, ein Besitz, für 
dessen Betrieb nach Aufhebung der Leibeigenschaft im allgemeinen 
überall Orosspacht eingeführt worden ist. 

Während bei gleichmässiger Beschäftigung mit Ackerbau und 
Viehzucht das Verhältnis der Wiesen- zur Ackerfläche etwa 1 : 3 ist, 
finden wir in Franken 1 : 9,8 . Die meist nur auf den feuchteren Thal- 
böden sich findenden Wiesen treten demnach sehr stark zurück; in- 
folge davon ist die Viehhaltung eine relativ geringe, es fehlt daher an 
ausreichendem Dünger und so kommt es, dass rund 9^/o des Acker- 
landes im Jahre brach liegen, während der Landesdurchschnitt der 
Brache nur etwa 4 ^/o ausmacht. Die immerhin nennenswerte Ausdehnung 
des Brachlandes gestattet Schafhaltung und Schafzucht, die sonst überall 
im Lande im Lauf der letzten Jahrzehnte um so mehr zurücktrat, je 
stärker sich das Bedürfnis herausstellte, der anwachsenden Bevölkerung 
grössere Bodennutzflächen zur Verfügung zu stellen. Die vorstehenden 
kleinen Werte für die Ausdehnung des Brachlandes weisen auch deutlich 
darauf hin, dass im allgemeinen wohl fast nirgends in Baden mehr 
reine Dreifelderwirtschaft mit dem Turnus: Winterfrucht, Sommerfrucht, 
Brache geübt wird, dass vielmehr an ihre Stelle überall die verbesserte 
Felder Wirtschaft mit mehrjährigem Fruchtwechsel und seltener reiner 
Brache getreten ist. Franken aber macht aus dem genannten Grunde 
immerhin eine relativ noch häufige Brachzeit notwendig. 

Gepflanzt werden hauptsächlich Körnerfrüchte: Spelz, Sommer- 
gerste, Winterroggen, Winterweizen, dann Hafer; Kartoffeln und Futter- 
früchte sind weiterhin von Wichtigkeit, wogegen die Handelsgewächse 
sehr in den Hintergrund treten; Zuckerrüben, Raps, Hanf und Flachs 
verdienen noch genannt zu werden, aber Tabak und Hopfen verschwin- 
den fast ganz. 

Die Weinkultur ist im Neckar- und Jagstthal, besonders aber an 
der Tauber nicht unbedeutend, die Weine können zwar nicht mit den- 
jenigen des Markgraf 1er Landes, der Off'enburger und Bühler Gegend 
oder der Bergstrasse verglichen werden, doch liefern einige Lagen im 
Tauberthaie recht annehmbare Erzeugnisse. Der Wert der Weinernte 



93] Die Yolksdichte im Grossherzogtum Baden. 93 

war im Jahre 1888 395000 Mark, im Mittel von 1865—1888 etwa 
500000 Mark, d. h. 4^/o des Gesamterträgnisses in Baden. 

Den geschilderten Verhältnissen entsprechend gestaltet sich auch 
die Yerteilmig der Einwohner nach den hauptsächlichsten Berufs- 
arten. Die Zahlen der folgenden Zusammenstellung sind den Ei^eb- 
uissen der berufsstatistischen Erhebungen vom 5. Juni 1882 entnommen, 
so dass sie weder mit denjenigen der Volkszählung von 1885, noch 
mit den jetzigen vollständig übereinstimmen können, soweit es sich um 
absolute Werte handelt. Die Kelativzahlen dagegen haben sicherlich 
auch Geltung für längere Zeiträume, da sie sich bei im allgemeinen 
gleichbleibenden Verhältnissen doch nur wenig verschieben können. 
(Vgl. Beiträge zur Stat. d. inneren Verwaltung des Grossh. Baden, 
Heft 44, Berufsstatistik, bes. S. 114 ff.; Statistisches Jahrbuch f. d. 
Gr. Baden, XVII, 1884, S. 22—27.) — Noch ein anderer Missstand 
haftet unseren Zahlen an. Dieselben sind nach Amtsbezirken angeordnet, 
ihre Gebiete fallen also mit den natürlichen Bezirken, um die es sich 
hier handelt, nicht zusammen; so müssen z. B. für die fränkischen 
Stufenlandschaften die Amtsbezirke Wertheim, Tauberbischofs heim, 
Adelsheim und Mosbach zusammengefasst werden, um wenigstens an- 
nähernde Daten gewinnen zu können; dabei ist zu beachten, dass kleinere 
Teile von Mosbach zum Odenwald und, soweit sie links vom Neckar 
hegen, zum Kraichgauer Hügelland zu rechnen sind, während auf der 
anderen Seite Gebietsteile des Bezirks Buchen in unser Stufenland 
herübergreifen. Allerdings sind diese Abweichungen so gering, dass 
die aus den vier genannten Bezirken gewonnenen Zahlen für die in 
Rede stehende Landschaft als typisch angesehen werden dürfen. 

Von je 1000 Einwohnern sind beschäftigt 

in Baden : im fränkischen Stufenland : 

in der Landwirtschaft 491 636 

darunter in der Forstwirtschaft .... 7 4 

im Gewerbebetrieb 316 222 

mit Handel und Verkehr 90 78 

in häuslicher oder wechselnder Lohnarbeit 12 7 

im öffentlichen Dienst 50 30 

es sind berufslos 41 27 

Das üeberwiegen der Landwirtschaft gegenüber der Gewerbethätig- 
keit und der Beschäftigung mit Handel und Verkehr spricht sich in 
diesen Zahlen sehr deutlich aus; in der That findet sich in unserem 
Landesteile ausser den überall notwendigen Betrieben für Nahrungs- 
mittel, für Bekleidung und Reinigung, der Schmiede, Blechner, Schlosser 
und Bauhandwerker kein Industriezweig irgendwie namhafb entwickelt 
als höchstens derjenige der Steinbrecher und Steinhauer, deren es in 
Baden 7,8, in Franken aber 15,5 auf 1000 Einwohner giebt. Ihre 
Thätigkeit ist zumeist an das Vorkommen des Buntsandsteins am 
Neckar, Main und an der Tauber gebunden. Auch die Ausbeutung 
einiger Gipsgruben im Neckarthaie verdient hier Erwähnung. Von Ver- 
kehrsgewerben ist an denselben Flüssen dasjenige der Schiffer und 
Schiffsbauer ziemlich stark entwickelt; wir haben hier 8,3 auf 1000 Ein- 
wohner, statt nur 2,5 im Landesdurchschnitt. Hiernach kann nun die 



<)4 Ludwig Neumann, r94 

Dichte der Bevölkerung und der Ansiedelungen im Anschluss an die 
Karte besprochen werden. 

Die mittlere Volksdichte der fränkischen Stufenländer (78) bleibt 
hinter derjenigen des ganzen Landes (106) wesentlich zurück, sie macht 
nämlich nur 74 ^/o derselben aus. In anderem Lichte erscheinen aber 
diese Verhältnisse, wenn wir mit Rücksicht darauf, dass Franken keine 
einzige Stadt von mehr als 6000 Einwohnern besitzt, dass seine Be- 
völkerung also als eine ganz ländliche bezeichnet werden kann, der 
jede grössere Industriethätigkeit fehlt, die Volksdichte mit derjenigen 
des Landes nach Ausschluss der grossen Städte (85) vergleichen ; dann 
lässt sich sagen, dass unsere Landschaft beinahe die normale Volks- 
dichte, nämlich 92 ^/o derselben besitze, und aus dieser Thatsache ist 
rückwärts zu schliessen, dass die natürlichen Voraussetzungen der An- 
siedelungen als verhältnismässig günstige oder doch wenigstens als nor- 
male gelten dürfen. Die Lage des Landesteiles fem von grösseren 
Verkehrslinien, infolge davon der Mangel an kräftig entwickelten In- 
dustrieen und endlich die landwirtschaftlichen Besitzverhältnisse sind die 
Ursachen der nicht allzukräftigen Volksverdichtung. Insbesondere ist 
der Grossgrundbesitz, die Orosspacht und die vielfach zum Gewohnheits- 
recht gewordene Uebung des Anerbens im Gegensatz zur gleichmässigen 
Verteilung des Besitzes an alle Erbberechtigten, Einrichtungen, welche 
der Güt^rparzellierung und dem Grundbesitzerwerb hinderlich im Wege 
stehen, in dieser Hinsicht von grosser Bedeutung. Die Natur des 
Landesteiles selbst, Boden wie Klima, wären im stände, eine etwas 
dichtere Bevölkerung zuzulassen. 

Wie die Volksdichte sich im einzelnen nach den Unterabteilungen 
des Gebietes und nach den Höhenstufen gestaltet, ist aus den Tabellen 
IX — XII, sowie aus der Dichtekarte ersichtlich. Zuerst fällt hier die 
Abstufung der Dichtegrade nach der Höhenlage auf. Unter 200 m. 
also in den Thälem von Main, Tauber, Jagst, Kocher, Neckar haben 
wir eine Dichte von 275 — 307 pro qkm, d. h. 3,7 mal so viel als dem 
Durchschnitt des Landesteiles entspricht; es wohnen hier auf 9,3 ^/o der 
Bodenfläche 34,8 "/o der Einwohner, so dass hier der Einfluss des 
milderen Klimas (Weinbau) und der bequemen Verkehrslage, des Ver- 
dienstes, den Schiffsbau und Schiffsverkehr bieten, sich sehr deutlich 
geltend macht. Zwischen 200 und 300 m wohnen auf 32,7 ^/o Boden- 
fiäche 38,5 ^/o der Einwohner, die Dichte ist hier im Mittel 1,» von 
derjenigen des ganzen Gebietes, doch zeigen sich im einzelnen grosse 
Unterschiede. Der waldreiche Buntsandsteinboden an den Gehängen 
des Mainthaies hat in dieser Höhenstufe nur ein einziges kleines Dorf 
sich entwickeln lassen, die Dichte ist hier nur 16 pro qkm; da- 
gegen finden wir an den Ost- und Westgehängen des Tauberthaies 
und in den entsprechenden kleineren Nebenthälem eine Dichte von 61 
und 86, in der Umgebung von Neckar, Jagst und Kocher eine solche 
von 125. Ist hier die Dichte f(ir die östlichen Gebiete annähernd jener 
des ganzen Landesteiles gleich, so finden wir in der Nähe der an Be- 
deutung die Tauberthalstrasse weit überragenden Verkehrslinie des 
Neckars auf gleichem Boden — Muschelkalk — aber bei etwas milderen 
klimatischen Zuständen eine Dichte, die schon als gross bezeichnet 



95] 



Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 



95 



werden kann. Ihr gegenüber tritt die Stufe über 300 m, also das 
eigentliche Plateauland, ganz bedeutend zurück. Wir haben hier, wenn 
wir die kleinen Gebiete über 400 m (22,7 3 qkm) einrechnen, nur noch 
eine Dichte von im Mittel 37, die ebenfalls im Osten der Tauber etwas 
kleiner ist als im Westen. Es wohnen über 300 m auf 58 ^/o der 
Bodenfläche nur noch 26,7 "/o der Bewohner, die Dichte ist noch die 
Hälfte von der mittleren des Landesteiles. Die rauhen Höhenlagen er- 
scheinen, obschon sie einen grossen Teil des landwirtschaftlichen Ge- 
ländes tragen, an Ansiedelungen ziemlich leer; die Bevölkerung hat hier 
im allgemeinen möglichst die Thäler, Thalgehänge und flachen oberen 
Thalmulden aufgesucht, wie besonders aus der topographischen Karte 
^t zu ersehen ist. 

Ein Vergleich dieser Dichtegrade mit denjenigen Sprechers vom 
Jahre 1820 zeigt, dass, wie dies nach den geschilderten AUgemein- 
Terhältnissen nicht anders erwartet werden konnte, seit über 60 Jahren 
in den höheren Lagen unseres Stufenlandes die Zustände ziemlich un- 
Terändert geblieben sind; Sprecher giebt hier die Dichte 40 — 60 an, 
wir haben 25 — 50 und 50 — 75. Nur die Thäler haben an Volkszahl 
sehr zugenommen; Sprecher giebt 160 — 200 an, wir haben im Mittel 
291, wobei allerdings den verschiedenen Begrenzungen einigermassen 
Rechnung zu tragen ist, sowie der, wie schon bemerkt, nicht ganz ein- 
wnrfsfreien Bestimmungsart der Dichtegrade bei Sprecher. 

Eine ausführliche Darstellung der Wohnorte nach Art, Zahl 
und Grösse erscheint hier wie im folgenden zu mühsam und undurch- 
führbar. Aber auch schon die Verteilung der Gemeinden giebt eine 
weitere Illustration zu den obigen Ausführungen, wobei zu beachten ist, 
dass die Höhenlage der Gemeinden nach dem Hauptkomplex derselben 
bestimmt ist: 



y^hl der Ge- 
meindfin 


Einwohnerzahl der Gemeinden 


Summe der 
Gemeinden 


1 Gemeinde 
kommt auf 




unter 500 


500-1000 


1000-2000 


über 2000 


. . . qkm 


unter 200 m 
200— 300 m 
Ober 300 m 


14 
33 
25 


11 

28 
63 


13 
9 
4 


3 


41 

70 
52 


3,4 

7,0 

16,2 




72 


62 


26 


3 


163 


9,2 



Es überwiegen die kleinen Gemeinden ganz bedeutend, insbesondere 
in den höheren Lagen; sind doch über 300 m nur noch 4 Gemeinden 
mit mehr als 1000 und über 200 m keine mit mehr als 2000 Einwoh- 
nern gelegen. — Weitere Einblicke in die Art der Siedelungen gewährt 
die Zusammenstellung der Gemeinden und Wohnorte der vier Amts- 
bezirke Wertheim, Tauberbischofsheim, Adelsheim und Mosbach, deren 
Fläche allerdings, wie schon bemerkt (S. 93), nicht ganz genau mit 
der unserer fränkischen Stufenlandschaften zusammenfällt. Wir haben 



96 



Ludwig Neuinann, 



[96 



Gemeinden 



Wohnorte 



darunter 



geschlossene, 
d. h. Städte 
und Dörfer 



zerstreute 



Einwohner 



eines Wohn- 
ortes 



einer Ge- 
meinde 



176 



492 



168 = 
145 Städte, 
156 Dörfer 



294 



ca. 250 



ca. 650 



Auf eine Gemeinde kommen also im Mittel nur 2,5 Wohnorte, 
d. h. die geschlossenen Wohnorte sind, wenn sie auch nicht gerade die 
Regel bilden, so doch yerhältnismässig häufig vertreten; auf einen ge- 
schlossenen Wohnort kommen 1,8 zerstreute. 

Endlich mag noch folgende Zusammenstellung Platz finden: 

Von Gemeinden unter 500, von 500 — 1000, von 
sind vorhanden 87 61 

50 35 

Darin wohnen 23 38 

Bevölkerung. 

Auch hier tritt das Vorwiegen der kleinen Gemeinden nach An- 
zahl und Anteil an der Gesamtbevölkerung deutlich zu Tage: in 85 ^/o 
der Gemeinden unter 1000 Einwohnern haben wir 61®/o, in 15 ^/o der 
Gemeinden über 1000 Einwohnern 39 ®/o der Gesamtbevölkerung. 



1000—2000, 


über 2000 Einw 


25 


'S, d. h. 


13 


2^0. 


30 


97o der 



B. Odenwald. 

Die mittlere Erhebung dieses 895,9 1 qkm grossen Gebietes ist 
etwa 355 m, d. h. nicht wesentlich mehr als bei den fränkischen Stufen- 
landschaften, obschon die Oberflächenformen sehr verschieden sind. Der 
Neckar zerteilt das Gebirgsland auf seinem Laufe von Neckargerach 
(135 m) bis Heidelberg (106 m) in zwei sehr ungleich grosse Teile, die 
westlich sich über der rund 110 m hohen Basis der Rheinebene erheben 
und südlich vom Fluss im Eönigsstuhl mit 566 m und beim Jägerhaus 
im Frohnwald mit 518 m gipfeln, während im Norden die höchsten 
Punkte auf badischem Gebiete die Stiefelhöhe (587 m), der Katzenbuckel 
(626 m) und der Salzlackenkopf bei Reisenbach (578 m) sind. Die 
absolute Höhendifferenz des tiefsten und höchsten Punktes kann auf 
520 m angegeben Werden. Die klimatischen Gesamtzustände sind schon 
oben (S. 35) kurz zur Darstellung gekommen. Das Vorherrschen 
des Buntsandsteines im ganzen Gebiet, hinter welchem andere Boden- 
bildungen an Wichtigkeit weit zurückbleiben, wie z. B. die Granite 
und Porphyre im Nordwesten und der Muschelkalk, der nicht überall 
völlig ausgeschieden werden konnte, an der Grenze gegen das Bauland, 
bedingt ausschliesslich die Art der Bodenbenutzung und der An- 
siedelungen. 

An wichtigen Verkehrslinien ist nur das Neckarthal mit seinem 
Wasserweg und die alte Bergstrasse zu nennen, welche dem Fuss des 



97] I^ie Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 97 

Gebirges am Rande der Rheinebene entlang zieht, und welche für die 
wirtschaftliche Entwickelung der Siedelungen am Gebirgsfuss und west- 
lichen Gebirgsabhang insofern von höchster Bedeutung werden musste, 
als sie dieselben an den Bevorzugungen der anstossenden Wohnsitze in 
den Niederungen der Ebene teilnehmen liess. lieber den flachen öst- 
hchen Odenwald zieht nur eine einzige Strasse von einiger Wichtigkeit, 
diejenige vom Neckarthal bei Eberbach bezw. Mosbach ins untere 
Tauber- und Mainthal; an ihr liegen die grösseren Landstädtchen des 
Gebietes, Buchen, Walldürn, Hardheim ; Eberbach selbst, die bedeutendste 
Stadt des badischen Odenwaldes, liegt am Schnittpunkte dieser von 
West nach Ost laufenden und die Rheinebene mit Franken verbindenden 
Strasse mit der südnördlich ziehenden, welche aus dem Herzen des 
Schwabenlandes dem Fluss bis zu seinem Umbiegen nach Westen folgt, 
um von hier ab über nicht zu schwierige Odenwaldhöhen ins Thal der 
Mümling und des Main, nach Darmstadt, Frankfurt, Hanau und von 
hier weiter nach Mitteldeutschland die Wege zu öffnen. Längs des 
Neckarthaies ist die Yolksdichte eine recht ansehnliche, überall sonst 
im eigentlichen Gebirge ist sie sehr gering; der Buntsandstein zeigt 
hier unverkennbar seinen ungünstigen Einfluss auf die Voraussetzungen 
gedeihlicher menschlicher Ansiedelungen. 

60,8 ^/o des kulturfahigen Bodens sind mit Wald bedeckt, der ein 
Areal von zusammen 524 qkm einnimmt, wobei 28,7 qkm Hackwald 
eingerechnet sind. Die Bodennutzung durch Hackwald ist in Baden 
nirgends so häufig wie im Odenwald mit seinen schlechten Böden; auf 
ihr beruht wohl in erster Reihe der nicht seltene Betrieb der Loh- 
gerbereien. Die Höhen zu beiden Seiten des Neckars bilden weithin 
zusammenhängende Waldkomplexe, wie man sie in Baden ähnlich oder 
grösser nur noch im nördlichen Schwarzwald, freilich auf derselben 
Gesteinsunterlage findet. Auf den flacheren Höhengebieten, besonders 
im Osten des Flusses tritt der Wald mehr zerstückelt auf und gewährt 
Raum für die dürftige Feldflur der Bewohner. Die ganze landwirt- 
schaftliche Fläche umfasst nur 317 qkm oder 36,8 ®/o des Areals, also 
kaum zwei Drittel des Landesdurchschnitts. Davon werden benutzt 

als Ackerland . . . . 73% gegen 68 % im Durchschnitte Badens 

, Rebland (0,o9) , 24 , 

, Gras- u. Obstgarten 2,6 „ 1,9 „ „ „ 

, Ständige Weide . . 0,8 , 3,9 , „ „ 



Dass bei der Kleinheit der landwirtschaftlichen Fläche, bei der 
Geringwertigkeit des Bodens und der weitgehenden Zersplitterung des 
Grundbesitzes, wie sie das Erbrecht gestattet, kein ausreichender Lebens- 
unterhalt für eine einigermassen starke Bevölkerung geboten wird, ist 
ohne weiteres ersichtlich. Das Brachland mit 9,7 3 qkm = 4,2 ®/o der 
Bodenfläche entspricht dem Landesmittel, zeigt aber die starke Aus- 
nützung des schlechten Bodens. Die gepflanzten Halmfrüchte sind im 
allgemeinen dieselben wie im östlichen Nachbarlande (S. 92), wozu 
aber noch der Buchweizen kommt. Hafer allein wird so reichlich geerntet, 
dass er ausgeführt werden kann. Sehr viel Fläche nehmen die Kartoffel- 
äcker und die Pflanzungen von Futterfrüchten ein; die letzteren und die 

Fonchiiiigen zur deutschen Landes- und Volkskunde. VII. i. 7 



98 Ludwig Neumann, [98 

Wiesen, die zum Ackerlande im Verhältnis 1 : 3 des Landesdurchschnittes 
stehen, gestatten einige Viehzucht. An Handelsgewächsen sind nur 
Runkelrüben und etwas weniges an Raps und Hanf zu nennen; Flachs 
und Tabak werden nur ganz untergeordnet gepflanzt. Der an den 
Abhängen der tief gelegenen Thäler nur vereinzelt vorkommende und 
am Gebirgsrand häufigere Weinbau tritt im inneren Odenwald völlig 
zurück; eingehendere Beachtung verdient er bei Besprechung der 
Bergstrasse (S. 158), dagegen erreicht im östlichen Gebirgsteü die 
Obstzucht einige Bedeutung. 

Was die Berufs thätigkeit der Odenwaldbewohner betrifft, so 
ist ihre Darstellung insofern etwas schwierig, als nur das Bezirksamt 
Eberbach als ganz im Odenwald gelegen typische Verhältnisse aufweist. 
Die Bezirke Weinheim, Heidelberg, Wiesloch und Mosbach können zur 
Untersuchung nicht beigezogen werden, da von ihnen jeweils der grössere 
Teil ausserhalb unseres Gebirges gelegen ist. Das Bezirksamt Buchen 
dagegen greift noch teilweise ins östliche Muschelkalkgebiet hinüber, 
so dass seine Verhältnisse denjenigen des Odenwaldes auch nicht mehr 
rein entsprechen, um aber doch auch die an der Peripherie gelegenen 
Gebiete so weit als möglich mit zu berücksichtigen, wurden den fol- 
genden Zahlennachweisen die Urmaterialien von Eberbach und Buchen 
zu Grunde gelegt, und es wird gesagt werden dürfen, dass sie im 
grossen und ganzen ein nicht unrichtiges Bild entrollen. Von je 1000 
Einwohnern sind beschäftigt: 

in Baden: im Odenwald 

in der Landwirtschaft 491 568 

darunter in der Forstwirtschaft .... 7 10 

im Gewerbebetrieb 316 283 

mit Handel und Verkehr 90 79 

in häuslicher oder wechselnder Lohnarbeit 12 15 

im öffentlichen Dienst 50 29 

es sind berufslos 41 26 

Die grosse Zahl der landwirtschaftlich Beschäftigten zeigt im Zu- 
sammenhang mit der kleinen landwirtschaftlichen Fläche auf schlechtem 
Boden aufs deutlichste, wie ungünstig die Erwerbs- und Lebensbedin- 
gungen im Odenwald im allgemeinen sind. Wir haben hier den ärmsten 
Landesteil Badens. Die Zahl der Gewerbetreibenden ist namhaft grösser 
als auf dem fränkischen Stufenlande. Neben den überall nötigen und 
darum auch überall vorkommenden Betrieben, die schon namhaft ge- 
macht worden sind, finden sich hier besonders Steinbrecher und Stein- 
hauer im Neckarthal (16 auf 1000), auch der Schiffsbau ist Ton 
Bedeutung, wichtiger die Schiffahrt (18 auf 1000), ebenso die Herstel- 
lung grober Holzwaren (9 auf 1000 gegenüber dem Landesdurch- 
schnitt 4), die Müllerei (11 gegen 7) und die Lohgerberei. Auf nur 
vereinzelt vorkommende andere Betriebe und auf die nicht gerade häu- 
figen Fabrikanlagen im Neckarthal braucht hier nicht weiter einge- 
gangen zu werden, sie sind zumeist an die bequeme Wasserstrasse als 
leicht zu benutzenden und billigen Verkehrsweg geknüpft. 

Den geschilderten Zuständen entsprechend, ist die Volksdichte 
eine sehr geringe, nämlich im Mittel 55 pro qkm, d. h. nur 65 ^/o der 



99] I^ie Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 99 

Dichte Badens nach Abrechnung der Städte über 6000 Einwohnern, 
oder nur die Hälfte (52 ^/o) des gesamten Landesdurchschnittes (100). 
Scheidet man das als Verkehrslinie so bevorzugte Neckarthal, bezw. 
das Gebiet unter 200 m, das aber immerhin in dem Buntsandsteingebiet 
eine wesentlich geringere Dichte als in der südlichen Fortsetzung des 
Muschelkalkgebietes (203 — 275) besitzt, aus, so erhält man als Volks- 
dicbte des Gebirges im engeren Sinn nur 45, also einen nur sehr 
kleinen Wert, der besser als andere Ausftlhrungen die Ungunst der 
Boden- und Erwerbsverhältnisse darstellt. Im einzelnen zeigt die Dichte- 
karte wieder namhafte Verschiedenheiten. Trotz dei Nähe der Rhein- 
ebene und der Stadt Heidelberg, des wirtschaftlichen Mittelpunktes 
der ganzen weiteren Umgebung, ist schon auf der Stufe von 200 — 300 m 
im vorderen Odenwald bei dem steilen Gefälle der Gebirgsabhänge und 
bei der geringfügigen Ausbildung der kleineren Gebirgsthäler die Volks- 
dichte recht unbedeutend, und sie nimmt in den höheren Lagen rasch 
noch weiter ab. Wir haben hier zwischen 300 und 600 m Meereshöhe 
Dichtezahlen wie etwa im südlichen Schwarzwalde erst oberhalb 800 m. 
In dem mehr flächenhaft ausgebreiteten, etwas waldärmeren, östlichen 
Odenwald bessern sich die Verhältnisse wenigstens einigermassen. Hier 
haben wir von 300 — 600 m Höhe Dichten von 7() — 49 pro qkm. Dass 
in Tabelle XI von Stufe IV zu V und VI eine zunehmende Dichte zu 
Tage tritt, hat seinen Grund im Bau des östlichen Odenwaldes. Hier 
werden die höheren Stufen von ziemlich ebenen Flächen eingenommen, 
während die tieferen bei grösserer Steilheit der Gehänge zu Siedelungen 
nicht derart einladend sind, dass die tiefere Lage der höhern gegen- 
über als bevorzugt erscheinen könnte, wie dies in Franken deutlich 
der Fall ist. 

Im Vergleich mit Sprechers Karte vom Jahre 1820 ist noch zu 
bemerken, dass das Neckarthal von Neckargem und bis Neckarelz trotz 
seiner gewiss auch schon zu Anfang unseres Jahrhunderts gegenüber 
dem eigentlichen Gebirge wesentlich grösseren Dichte gar nicht beson- 
ders hervorgehoben, sondern in die umgebenden Gebiete mit der Dichten- 
stufe 20—40 pro qkm einbegriflFen ist, eine Darstellung, die den wirk- 
lichen Verhältnissen so wenig entspricht, als es richtig sein kann, dass 
zwischen Mosbach und Walldürn 1820 ein Dichtegrad zwischen 80 und 
100 pro qkm vorhanden war, wo heute nur 50 — 75 Einwohner auf 
dem qkm leben. Es zeigt sich hier deutlich, dass das (S. 17 ff.) be- 
sprochene Kurvensystem stellenweise zu sehr irrtümlichen Ergebnissen 
führen muss. 

Wenden wir uns zu den Gemeinden und Wohnorten, so finden 
wir in ähnlicher Weise wie oben (S. 95): 



100 



Ludwig Neumann, 



[100 



Zahl der Ge- 
meinden 



Einwohnerzahl der Gemeinden 



unter 500 500-1000 |1000-2000iüber 2000 



Summe der 
Gemeinden 



1 Gemeinde 

kommt auf 

. . . qkm 



Neckarthal . . 
Vorderer nördl 

Odenwald . 
Vorderer südl 

Odenwald . . 
Oestl.Odenwald 



7 

5 

6 
33 



4 

3 

3 
6 



2 

1 

1 
3 



1 



3 



14 

9 

10 
45 



4,4 

21,« 
13,0 

11.4 



51 



16 



oder nach Uöhenstufen für den ganzen Odenwald geordnet: 



unter 200 m 

200—300 

300—400 

400-500 

500—600 

über 600 



7 


4 


2 


1 


8 


(5 


2 


1 


17 


3 


2 


1 


15 


1 


l 


1 


4 


2 




— 




— 







78 



14 
17 
23 

18 
Ü 



11,» 



4»* 

10,8 
13,3^1'^'» 

10,',' 



51 



16 



78 



11,5 



Auch hier überwiegen die kleinen Gemeinden; es gilt dies in 
ganz hervorragendem Mass von den höheren Lagen, wie ein Vergleich 
der Gemeindegrössen über und unter 300 m zeigt, der aus der letzten 
Tabelle sich ohne weiteres ergiebt. Die schon besprochene Spärlichkeit 
der Bevölkerung drückt sich sehr anschaulich in dem Areale aus, das 
durchschnittlich jeder Gemeinde zukommt, nicht nur die Ortschaften 
an sich haben wenig Einwohner, sondern sie liegen auch verhältnis- 
mässig weit auseinander, und zwar im gebirgigen, vorderen Odenwald 
mehr als im flachen, östlichen Gebietsteile, oberhalb 300 m, viel mehr 
als im Neckarthal und an den Rändern desselben. 

Der Zusammenhang der Gemeinden und der Bevölkerungszahl 
zeigt sich in folgender Nebeneinanderstellung, welcher, wie bei der Dar- 
stellung der Berufsverhältnisse, die Bezirke Eberbach und Buchen als 
die für den Odenwald typischen zu Grunde liegen: 

Von Gemeinden unter 500, v. 500— 1000, v. 1000— 2000, v. 2000-4000, über 4000 Einw. 
sind vorhanden 52 14 6 3 1, d.h. 



Darin wohnen 



68 
32 



19 
22 



8 
17 



4 

18 



OL 



11« 



/" 



der Bevölkerung; oder kürzer gefasst, in 87 ^/o der Gemeinden unter 
1000 Einwohner leben 54 >, in 13 > der Gemeinden über 1000 Ein- 
wohner aber 46 ^ der Bevölkerung. In diesen Zahlen tritt der Gegen- 
satz der kleinen und der grösseren Orte aufs schärfste hervor. Was 
endlich die Wohnorte betrifft, so liegen in den zwei genannten Oden- 
waldbezirken die Verhältnisse folgendermassen : 



101] 



Die Volksdichte vim Grossherzogtum Baden. 



101 



Gemeinden 



Wohnorte 



darunter 



gesoblossene, 
d. h. Städte 
und Dörfer 



zerstreute 



Einwohner 



eines Wohn- 
ortes 



einer Ge- 
meinde 



150 



73 = 

3 Städte 
70 Dörfer 



77 



ca. 280 



55Ö 



Auf eine Gemeinde kommen durchschnittlich nur 2 Wohnorte; 
man kann also auch vom Odenwald sagen, dass die geschlossenen An- 
siedelungen den zerstreuten gegenüber verhältnismässig häufig auf- 
treten, ja sogar häufiger auftreten als in Franken; denn es sind die 
Zahlen der geschlossenen (73) und der zerstreuten Wohnorte (77) 
nahezu einander gleich, während sie im östlichen Nachbargebiet im 
Verhältnis 1 : 1,8 zu einander stehen. 



C. Kraiehgauer Hügelland. 

Es ist schon ausgeführt worden, dass als Westgrenze des 
1053,07 qkm grossen Kraiehgauer Hügellandes ebenso wie auch des 
Odenwaldes und eines grossen Teiles des Schwarzwaides die 200 m- 
Kurve festgehalten wird. Infolge davon fällt die niedere Vorhügelzone, 
welche vielfach den Gebirgssaum begleitet, samt den unteren Stufen 
des Gebirgsabfalles in das Gebiet der Rheinebene, die am Bergfuss 
zwischen Durlach und Wiesloch rund 120 m hoch liegt. Diese für die 
Ansiedelungen so überaus wichtige Grenzzone zwischen Ebene und Ge- 
birge wird bei Besprechung der Rheinebene tiefgehendere Rücksicht 
erfordern. Unser überaus einfach gestaltetes und formenarmes Hügel- 
land steigt im Bickeldorn bei Kälbertshausen auf 359 m, im Steiner- 
berg bei Weiler auf 314 m, im Hohberg nördlich von Pforzheim auf 
380 ra auf, bleibt also überall unter 400 m, sodass die grösste Höhen- 
differenz vom Ausgang der nach Westen ziehenden Thäler bis zum 
höchsten Punkt des Gebietes nur 260 m beträgt, bei einer Mittelhöhe 
des ganzen Gebietes von 230 m. Bei diesen geringen Höhenunter- 
schieden sind die klimatischen Zustände sehr gleichartig, sie bilden 
eine Uebergangsstufe von den Verhältnissen der wenig höher gelegenen 
fränkischen Stufen nach der thermisch so begünstigten Rhein ebene, 
deren relative Niederschlagsarmut auch hier noch zur Geltung kommt. 
(S. oben S. 35 ff.)- 

Die niedere Bodenschwelle des Kraiehgauer Hügellandes setzt der 
Anlage von Verkehrswegen gar keine Schwierigkeiten entgegen. Die 
Landschaft ist daher von jeher ein Durchgangsland gewesen, durch 
welches mehrere Hauptlinien aus den schwäbischen Becken nach der 
Rheinebene führen, so die alte Hauptverkehrsstrasse aus dem Enzthal 
(Pforaheim) in das Pfinzthal, welche den Schwarzwald nördlich umgeht 
und ein Glied jener wichtigen Ostwestlinie bildet, die aus dem mittleren 
Frankreich über Strassburg und Karlsruhe nach Stuttgart und weiter 



102 Ludwig Neumann, [102 

über den Jura auf die oberdeutsche Hochebene führt. Ihr folgt seit 
fast 30 Jahren einer der wichtigsten Schienenstränge in Südwestdeutsch- 
land. Aehnlichen Zwecken dient seit Alters her die Saalbachstrasse 
von Bruchsal über Bretten nach Südosten, welche sich bei Mühlacker 
mit der vorigen verbindet und das schwäbische Becken mit seinen 
Hinterländern für den Verkehr nach dem Unterrhein erschliesst. Wich- 
tig waren von jeher die Strassenzüge von Heilbronn nach Sinsheim 
und der Elsenz entlang ins Neckarthal bei Neckargemünd und Heidel- 
berg, sowie von Wimpfen und Heilbronn über Eppingen und Bretten 
nach Karlsruhe, welche einen kurzen Weg von der mittleren Rhein- 
ebene nach Franken öffnet. Andere weniger wichtige Linien mögen 
übergangen werden; jedenfalls aber kann unser Hügelland als ein 
Passageland bezeichnet werden, und dass dieser Umstand für die Siede- 
lungen und die Volksdichte sehr ins Gewicht fällt, wird aus den folgen- 
den Ausführungen sich ergeben. 

Die Bodenbildung ist derjenigen im fränkischen Stufenlande sehr 
ähnlich, indem auch hier der Muschelkalk den grössten Teil der Fläche 
einnimmt, der an manchen Stellen von Keuperbildungen überdeckt ist. 
Am Westrande, in der Langenbrücker Senkung, treten verschiedene 
Stufen der Juraformation zu Tage, und weite Räume unsres Gebietes, 
besonders in seiner westlichen Hälfte, zeigen eine ansehnliche Löss- 
überlagerung. Die Landschaft eignet sich hiernach vorzüglich zum 
Ackerbau, sie ist landwirtschaftlich eine der bestbestellten Gegenden 
des Landes. 

Nach der vom statistischen Bureau gegebenen und oben (S. 87) 
mitgeteilten Einteilung Badens in natürliche Bezirke nimmt die land- 
wirtschaftlich bebaute Fläche des Pfinz- und Kraichgaues 802 qkm oder 
66 "/o, der Wald aber 408 qkm oder 30 ^/o des gesamten Bodens ein. 
Diese Zahlen können aber für unsre Grenzen nicht ganz den Verhält- 
nissen entsprechen; denn der Amtsbezirk Pforzheim, dessen südlicher, 
zumeist auf Buntsandstein gelegener Teil mit seiner starken Bewaldung 
hier, wie dies Bodenbau und allgemeiner orographischer Charakter be- 
stimmen, ebenso wie der gebirgige Teil des Amtsbezirkes Ettlingen 
dem Schwarzwalde' zugerechnet ist, erscheint mit dem genannten Ge- 
biete von Ettlingen in der Gruppierung des statistischen Bureaus ganz 
zum Hügellande geschlagen. Infolge davon ist der oben angegebene 
Bewaldungsprozentsatz für die hier festgehaltene Begrenzung entschieden 
zu gross und dementsprechend das Flächenverhältnis des landwirtschaft- 
lichen Areals zu klein. Um der Wahrheit näher zu kommen, wurden 
darum aus den Zuständen der ganz im Kraichgauer Hügellande ge- 
legenen Bezirke Bretten, Eppingen und Sinsheim Mittelwerte berechnet, 
die als der Ausdruck der für das ganze Hügelland gültigen Verhält- 
nisse angesehen werden dürfen. Denn im Grossen und Ganzen unter- 
scheidet sich die Art der Bodenbenützung in den. drei genannten Be- 
zirken nirgends nennenswert von derjenigen, wie sie sich in den 
hügeligen Teilen der Bezirke Mosbach, Wiesloch, Bruchsal und Dur- 
lach im Laufe der Zeit unter der Wirkung völlig gleichartiger Natur- 
bedingungen herausgebildet hat. Darnach erscheinen statt 66 "/o in 
Wirklichkeit 73 "/o der Bodenfläche in landwirtschaftlicher Benutzung, 



103] ^iG Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 103 

und statt 30 ®/o nur 24 ^/o bewaldet; ein Zustand, der von jenem in 
Franken nur sehr wenig abweicht, aber allerdings die landwirtschaft- 
liche Fläche relativ noch etwas grösser, die Waldfläche noch kleiner 
erscheinen lässt. Der Wald tritt an keiner Stelle in grösseren, ge- 
schlossenen Flächen auf, vielmehr zeigt er sich ziemlich stark parzelliert, 
ähnlich wie auf den Muschelkalkböden in Franken, wogegen grosse 
Teile des Gebietes sich als zusammenhängende Ackerländereien an ein- 
einander schliessen; das Wiesengelände findet sich meist auf den flachen, 
feuchten Thalgründen. 

Im Einzelnen ist die Verteilung des landwirtschaftlichen Bodens 
die folgende: 

Kraichgau : Baden : 

Acker 82®/o 68 

Wiese 13,4 24 

Rebland 2,5 2,5 

Gras- und Obst^rten .... 1,9 1,9 

Standige Weide 0,i 3,9 

Das fast vollständige Fehlen der Weide und die geringe Grösse 
der Brache — nur 2,45 qkm oder weniger als ein halb Prozent des 
Ackerlandes - zeigen den ausserordentlich intensiven landwirtschaft- 
lichen Betrieb, der bei dem Verhältnis der Wiesen zur Ackerfläche 
(1 : 6) auch nicht mit ähnlich ungünstigen Verhältnissen zu kämpfen 
hat wie in Franken, wo dieses Verhältnis, wie oben entwickelt, den 
Wert 1 : 9,3 besitzt. Die Zustände der Feldwirtschaft, der öüter- 
zerteilung, des Grossgrundbesitzes und der Grosspacht sind annähernd 
dieselben wie in Franken. Gepflanzt werden an Halmfrüchten besonders 
Spelz, Sommergerste, Hafer, Winterroggen, Winter- und Sommerweizen, 
dann Kartoffel und Futterfrüchte ; daneben treten aber auch die Handels- 
gewächse mehr in den Vordergrund, als es bei den zwei zuvor be- 
sprochenen Landschaften der Fall ist oder sein kann, nämlich Runkel- 
und Zuckerrüben, Cichorie, Tabak, Hopfen, Raps und Mohn. Die 
Verkehrsleichtigkeit, die Nähe der grösseren Märkte in der Rheinebene 
und der Absatz in denselben lässt es voraussehen, dass der Anbau der 
einträglichen Handelsgewächse und ihre Verarbeitung mit der Zeit noch 
mehr an Bedeutung gewinnen wird. Uebrigens findet sich jetzt schon 
eine grössere Cichorienfabrik in Bretten. Der Weinbau ist an den 
Thalgehängen des ganzen Gebietes ein ziemlich erheblicher, doch treten 
die erzielten Weine an Güte und Wert hinter andern des Landes nicht 
unwesentlich zurück. Das Erträgnis wird für das Kraichgau und 
Neckargebiet pro 1888 auf 442 700 M. angegeben, im Mittel von 1865 
bis 1888 auf 571000 M. Auch der Obstbau ist ein wichtiger Zweig 
der Erwerbsthätigkeit. — 

Die Verteilung der Berufsarten in den drei für das Kraichgau 
ausschlaggebenden Amtsbezirken Bretten, Eppingen, Sinsheim ist die 
folgende: Von je 1000 Einwohnern sind beschäftigt 



104 Ludwig Neumann, [104 

in Baden : im Eraichgau : 

in der Landwirtschaft 491 581 

darunter in der Forstwirtachaft 7 6 

im Gewerbebetrieb 316 274 

mit Handel und Verkehr 90 79 

in häuslicher oder wechselnder Lohnarbeit .12 8 

im öffentlichen Dienst 50 32 

es sind berufslos 41 26 

Auch diese Zusammenstellung zeigt wieder das Ueberwiegen der 
Landwirtschaft, doch tritt der Gewerbebetrieb etwas kräftiger hervor 
als in Franken, wie sich dies nach den früheren Ausführungen ohne 
weiteres erwarten Hess. Von Wichtigkeit in dieser Hinsicht ist neben 
dem allerdings zur Zeit nur 35 Leute beschäftigenden Oalmeiwerke bei 
Wiesloch, einem der wenigen Bergwerke des Landes, die grosse Saline 
Rappenau mit 388 Arbeitern; dann sind an Betrieben, die neben den 
überall unentbehrlichen namhaft gemacht zu werden verdienen, die 
Steinbrüche besonders in den Aemtern Eppingen und Durlach zu er- 
wähnen, femer eine grosse Blechwarenfabrik in Bretten, ebendort die 
schon genannte Cichorienfabrik , ausserdem sind im Baugewerbe, in 
Holzarbeit und Hausweberei grössere Bruchteile der Bevölkerung be- 
schäftigt; all diese und andere kleinere Betriebe sind erweiterungs- 
fähig und dazu angethan, die Volksverdichtung in unserm Gebiete rascher 
sich steigern zu lassen als in dem sonst so ähnlichen nordöstlichen 
Stufenlande, das bei seiner Abgelegenheit vom grösseren Verkehr viel 
weniger zur Entwickelung von Industrieen veranlagt erscheint. 

Die mittlere Volksdichte, 97 pro qkm, kommt dem Landesdurch- 
schnitt schon sehr nahe, ja sie übertrifft denselben bereits wesentlich^ 
wenn beim Vergleich die Städte mit über 6000 Einwohner nicht mit- 
gerechnet werden. Boden, Klima, Verkehrslage und beginnender in- 
dustrieller Aufschwung geben die Erklärung dieser Thatsache. Sehr 
gross ist aber der Unterschied der Höhenlage. Unter 200 m, also in 
den breiten und geschützten Thalmulden der Elsenz, Saalbach, Pfinz 
ist die Dichte im Mittel 222, über 200 m, also an den höheren Thal- 
wänden und auf den weiten, flachgewellten Hochebenen, die hier, da 
nur ein ziemlich kleiner Teil derselben über 300 m aufragt, als ein 
Ganzes zusammengefasst werden mögen, nur 52 pro qkm; oder anders 
ausgedrückt, auf 27 ^/o der Bodenfläche unter 200 m wohnen 61 ®/o der 
Bevölkerung, auf 63®/o des Bodens über 200 m finden sich nur noch 
39 ^/o der Bewohner, das Zusammendrängen der Bevölkerung in die 
Thäler, d. h. an die bequemen Verkehrswege ist ein ganz auffallend 
starkes. Sprecher von Bernegg giebt auf seiner oft genannten Karte 
für das Jahr 1820 dem Saalbachthal und seiner breiteren Umgebung 
eine Dichte von 120—140, dem ganzen übrigen Gebiete aber eine 
solche von 80 — 100. Da seit 1820 nicht an eine prinzipielle Um- 
lagerung der Volksmenge, sondern nur an eine den ursprünglich vor- 
handenen Verhältnissen angepasste allgemeine Steigerung der Dichte 
gedacht werden kann, wie sie sich ja zahlenmässig sehr leicht fest- 
stellen Hesse, sind bei Sprecher Pfinz- und Elsenzthal nebst allen 
andern Gebieten unterhalb 200 m wesentlich zu gering, die übrigen 
Gebiete aber entsprechend zu stark bevölkert dargestellt. — 



105] 



Die Yolksdichte im Grossherzogtum Baden. 



105 



Die Verteilung der Bevölkerung wird noch anschaulicher, wenn 
wir auch hier wieder einen Blick auf die Lage und Grösse der Siede- 
lungen und Wohnorte werfen. 



Zahl der Ge- 
nieinden 


Einwohnerzahl der Gemeinden 


Summe der 
Gemeinden 


1 Gemeinde 
kommt auf 




unter 500 500-1000 


1000-2000 über 2000 


. . . qkm 


unter 200 m 
über 200 m 


6 
19 


17 
16 


25 
12 


6 


54 
47 


5,2 

13,9 




25 


33 


37 


6 


101 


10,4 



Die kleinsten Gemeinden überwiegen also hier nicht mehr, sondern 
die dritte Ortsklasse ist diejenige, welcher die meisten Gemeinden an- 
gehören. Allerdings springt ein Gegensatz zwischen Thal und Hoch- 
fläche sofort ins Auge, indem oben die grösste Ortsklasse überhaupt 
nicht mehr vertreten ist, wogegen hier die kleinen Gemeinden den 
mittleren und grösseren gegenüber in der Mehrzahl sind. Diesen volk- 
reicheren Gemeinden entsprechen aber auch grössere Gemarkungen, 
wie die Zahlen der letzten Kolumne im Vergleiche mit den entsprechen- 
den derselben Höhenstufen in Franken und im Odenwalde darthut. 
Die grössere Dichte erscheint demnach nicht als ein ungesunder, sondern 
als ein in den günstigen Naturverhältnissen und wirtschaftlichen Be- 
dingungen der Landschaft begründeter Zustand. Weitere hierher ge- 
hörige Gesichtspunkte geben uns die folgenden Zahlen, die den Amts- 
bezirken Bretten, Eppingen und Sinsheim entnommen sind, die also 
nicht dem ganzen Eraichgau entsprechen, aber als charakteristisch an- 
gesehen werden dürfen, wie schon in anderm Zusammenhange betont 
wurde. 

Von Gemeinden unter 500, von 500—1000, von 1000—2000, über 2000 Einwohnern 

sind vorhanden 15 27 28 5, d. h. 

20 36 37 7% 

Darin wohnen 7 27 47 19% d. Bevölkerung 

In 56 ^/o der Gemeinden mit weniger als 1000 Einwohnern finden 
sich nur noch 34®/o, in 44% der Gemeinden mit mehr als 1000 Ein- 
wohnern aber sind 66 ^/o der Bevölkerung, das Uebergewicht der grösseren 
Orte zeigt sich auch in dieser Zusammenstellung aufs bestimmteste. 

In den eben aufgeführten 75 Gemeinden finden sich zusammen 
201 Wohnorte, darunter 75 geschlossene, nämlich 7 Städte und 68 Dörfer, 
und 126 zerstreute; sämtliche Gemeinden haben also einen geschlossenen 
Hauptwohnort, um welchen sich im Mittel noch 1,6 mehr oder weniger 
getrennt liegende, zerstreute Wohnorte gruppieren; die durchschnittliche 
Volkszahl einej: Gemeinde ist 1021, d. h. beinahe doppelt so viel als 
im Odenwald. Auf einen Wohnort kommen im Mittel 389 Einwohner, 
doch giebt diese Zahl keine richtige Vorstellung von den thatsächlichen 
Verhältnissen, weil, wie auch die topographische Karte klar zeigt, 
neben den grossen geschlossenen Orten nur kleinere Einzelhöfe vor- 



106 Ludwig Neumann, flOÖ 

kommen, während in Franken, und noch mehr im Odenwald die kleineren 
Komplexe, Weiler, Zinken, Häusergruppen häufiger sind. 

D. Sehwarzwald. 

War es schon mit manchfachen Schwierigkeiten verknüpft, für 
die bisher besprochenen natürlichen Gebiete der fränkischen Muschel- 
kalkplatte, des Odenwaldes und des Kraichgauer Hügellandes die Statistik 
für die vorliegenden Zwecke geeignet zu verwerten, so wird dies für 
den Schwarzwald vielfach zu einem Ding der Unmöglichkeit. Denn 
die Amtsbezirke und Kreise können hier nur in ganz seltenen Aus- 
nahmefällen in Betracht kommen, da weitaus die meisten von ihnen 
überaus ungleichartige Landschaften der Rheinebene, der Vorbergzone, 
der breiten ebenen Thaltrichter und des höheren Gebirges umfassen, 
so dass die aus diesen politischen Einheiten gewonnenen Mittelwerte 
der Anbauflächen und der Berufszählung für uns unbrauchbar sind; 
aber auch die an sich so wertvollen Angaben der statistischen Mittei- 
lungen, die nach elf natürlichen Bezirken gruppiert sind, und die im 
Vorstehenden mehrfach mit Erfolg benutzt werden konnten, erweisen 
sich für unseren Zweck bei der hier zur Bestimmung der Volksdichte 
sehr weit geführten Einteilung des Landes in kleine Einzelgebiete nur 
wenig verwendbar, wegen der gänzlich verschiedenen Begrenzung der 
Hauptgebiete. An Stelle unserer vier Zonen des östlichen, nördlichen, 
mittleren und südlichen Schwarzwaldes mit ihren oben zur Darstellung 
gekommenen Grenzen treten in den statistischen Mitteilungen nur die 
zwei Regionen des mittleren und nördlichen sowie des südlichen Schwarz- 
waldes hervor. Diese beiden grossen Landesteile aber umfassen in 
ihren verschiedenen Höhenstufen und Bodenformen so durchaus unein- 
heitlich gestaltetes Gebiet, dass die für sie zusammengefassten statisti- 
schen Durchschnittswerte nicht in der Weise als charakteristisch 
angesehen werden können, um aus ihnen Schlüsse für einzelne enger 
begrenzte natürliche Bezirke und ihre Höhenstufen zu ziehen. Aus 
diesen Gründen erweist es sich als unumgänglich notwendig, an Stelle 
der schematisch-zahlenmässigen Darstellungsweise, wie sie für die drei 
zuvor besprochenen Landesteile durchgeführt werden konnte, häufig 
allgemeiner gehaltene Betrachtungen treten zu lassen, in welchen 
Zahlennachweise nicht immer beibringlich sind, und wo eben deshalb 
die Siedelungsverhältnisse und die Grade der Volksdichte aus einer 
kritischen Beschreibung der Gesamtzustände abzuleiten und zu erklären 
versucht werden müssen. 

Nachdem im ersten Teile (S. 57 — 59) die geologischen Verhält- 
nisse in grossen Umrissen schon zur Darstellung gekommen sind, ist 
es hier zunächst von besonderer Wichtigkeit, unser Gebirge in seinem 
orographischen Gesamtcharakter und im Verhältnis seiner Erhebung 
zur weiteren Umgebung ins Auge zu fassen. Die Südgrenze, nämlich 
das Rheinthal von der Wutachmündung bis Basel, hat eine Mittelhöhe 
von rund 270 m (s. Platz, S. 188), die Westgrenze von Basel bis 
Rastatt längs der Rheinebene eine solche von 155 m, die Nordgrenze 
von Rastatt über Ettlingen, Durlach nach Pforzheim ist 195, endlich 



107] I^iß Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 107 

die Ostgrenze von Pforzheim durch das Nagold-, das obere Neckar- 
und Wutachthal 400 m hoch. Wähend im Süden dem Rheine entlang 
von Burgund und der Rheinebene her dem Fuss des Schwarzwaldes 
ein seit ältesten Zeiten bekannter und mühelos zu benützender Weg 
zum Bodensee und nach der oberschwäbischen Hochebene führt, und 
während ebenso das Gebirge im Norden an der Grenze gegen das 
Kraichgauer Hügelland den bequemsten und vielleicht den wichtigsten Weg 
von West nach Ost in ganz Südwestdeutschland offen lässt, stellt es sich 
in seiner ganzen Erstreckung von Süd nach Nord von der Rheinebene 
aus gesehen als ein hoher Wall dar, der dem Ueberschreiten ernstliche 
Hindemisse entgegenzustellen im stände zu sein scheint. In Wirklich- 
keit ist dies aber durchaus nicht in sehr hohem Grade der Fall. Liegt 
doch der Ostfuss des Gebirges im Mittel fast 250 m höher als der 
Westrand. Dies hat zur Folge, dass der Abstieg von den Pässen der 
Hauptkämme nach Osten in das Donauquellgebiet der Baar und die 
schwäbischen Stufenländer des Neckarbeckens viel müheloser sich voll- 
ziehen lässt, als der Aufstieg von der westlichen Rheinebene her. Dazu 
kommt noch die hydrographische Eigentümlichkeit, dass infolge der 
geologischen Herausbildung der jetzigen Oberflächen^estaltung die zwei 
grössten Flüsse des Gebirges, die untere Murg und die Kinzig, im Osten 
der Haupterhebungen entspringen und damit bequeme Durchgänge durch 
dieselben erschliessen. Auch Elz und Dreisam kommen nicht etwa 
von hohen, steil ansteigenden Kämmen, sondern ihr Oberlauf liegt in 
weit ausgedehnten, flach abfallenden Hochebenen, die den Uebergang 
von West nach Ost überaus leicht bewerkstelligen lassen. So ist der 
grösste Theil des Gebirges nicht als starre Scheidewand zwischen der 
Rheinebene und den schwäbischen Stufenländern wirksam geworden, 
vielmehr war dasselbe von jeher ein Durchgangsland, dessen Haupt- 
strassen allerdings nicht so leicht und vielfach zu benützen sind, wie 
die ümgehungslinien im Süden und Norden, die aber doch verhältnis- 
mässig früh dazu geführt haben, die Hauptzugänge ins Innere bekannt 
werden zu lassen, zu besiedeln und von ihnen aus nach allen Seiten 
das Gebirge zu erschliessen. Auf diesen Gesichtspunkten der Verkehrs- 
möglichkeit beruht in erster Reihe die anthropogeographische Bedeutung 
des Murg-, Acher-, Rench- und besonders des Kinzigthales mit seinen 
oberen Verzweigungen; die Kniebisübergänge, an denen sich in einer 
Höhe von rund 970 m all diese wichtigeren Strassen des nördlichen 
Schwarzwaldes treffen, um zwischen Murg und Kinzig hindurch ins Neckar- 
land hinabzusteigen, sind bekanntlich auch zu verschiedenenraalen kriegs- 
geschichtlich wichtig geworden, und das Dorf Kniebis, 900 m über dem 
Meere, die einzige grössere Ansiedelung von solcher Höhe im ganzen 
Nordosten des Gebirges, verdankt seine Gründung auf jenem unwirt- 
lichen und im übrigen wenig einladenden Gebirgsrücken nur dem Zu- 
sammentreffen der genannten Uebergangslinien. 

Im Süden der Kinzig waren in früheren Zeiten die oft schlucht- 
artigen und steil ansteigenden Thalwege weniger aufgesucht als im 
Norden, obschon auch hier die „Hochstrassen** nicht zu den Selten- 
heiten gehören; es möge nur an die „Weinstrasse" von Gernsbach im 
Murgthal nach Schwaben erinnert werden. Aber das eigentliche Ge- 



108 Ludwig Neumann, [108 

biet der Höhenwege ist der mittlere und der südliche Schwarzwald. 
Man denke nur an die alten Wege aus dem Elzthal und von Simons- 
wald über den Kesselberg ins Brigachgebiet, an die Strasse von Frei- 
burg durch die ^ Wagensteige", den Spirzen, über den Hohlengraben 
ins Bregachthal und nach Villingen, der alten Hauptstadt der Baar, 
endlich an die von Freiburg über Horben, am Schauinsland vorbei ins 
obere Wiesenthal und hinunter nach St. Blasien im Albthal. Heute 
sind diese Wege vielfach verlassen und durch Kunststrassen den Wild- 
bächen entlang ersetzt. Aber bis in die Gegenwart herein führen die 
wichtigeren Verkehrswege in dem Viereck zwischen Oberrhein, Wutach, 
Dreisam und Wiese alle über die freien Hochflächen des Gebirges hin, 
und erst der allerneuesten Zeit blieb es vorbehalten, die wildromanti- 
schen Thäler dieses Gebietes, zumeist steilwandige, wilde, tief eingesägte 
Felsrunsen, durch bequeme Strassen zu erschliessen. Wie diese, im 
Bau des Gebirges tief begründete Entwickelung der Verkehrswege auf 
Besiedelung und Volksdichte bestimmenden Einfluss übte, zeigt im 
allgemeinen schon ein Blick auf die Dichtekarte; im einzelnen wird 
von diesen Wirkungen noch vielfach zu sprechen sein. Hier mag es 
genügen, darauf hingewiesen zu haben, dass der Gebirgsbau und sein 
Einfluss auf die Verkehrsbedingungen in den einzelnen Teilen unseres 
Gebirges sehr verschiedene Bedingungen für die Ansiedelungen und 
die Herausbildung der derzeitigen Volksdichte geschaffen haben: Von 
Karlsruhe bis nach Basel herauf zeigen die ostwestlich aus dem Ge- 
birge heraustretenden Thäler als die Hauptverkehrslinien desselben die 
grössten Volkszahlen, während die Höhenrücken und Hochflächen sowie 
deren Abhänge gegen die Rheinebene zu verhältnismässig nur dünn 
bevölkert sind; dass hierbei auch Rücksichten auf die Gegensätze des 
Klimas und der Bodenbeschaffenheit mit wirksam sind, ist selbsverständ- 
lich. Ganz anders liegen die Verhältnisse im Gebiete der nach Süden 
und Osten ziehenden Thäler; hier haben wir auf den freien Hochebenen 
östlich der Haupterhebung des Gebirges, also in der Region der von 
Süden kommenden Kinzigzuflüsse Schiltach und Gutach, in den Quell- 
revieren der Elz, Dreisam, Wutach, Brege und Brieg eine Dichtigkeit der 
Bevölkerung, die jener auf den tieferen Stufen der Wasserläufe nicht 
nur nicht nachsteht, sondern dieselbe fast überall wesentlich übertrifll. 
Wie die Dinge sich im einzelnen gestalten, soll nun im folgenden 
ausgeführt werden; zuvor aber mag es gestattet sein, darauf hinzuweisen, 
dass Gothein^) in seinem vortrefflichen Vortrage „Die Naturbe- 
dingungen der kulturgeschichtlichen Entwickelung in der Rheinebene 
und im Schwarz walde" (Vers. VII. Deutsch. Geographentag, Karlsruhe 
1887) in so ausgezeichneter Weise die Grundlagen der Besiedelung in 
den beiden genannten Landesteilen dargelegt hat, dass es hier wesent- 
lich nur darauf ankommen kann, jene allgemeinen Ausführungen für 
die Einzelgebiete zu spezialisieren und ihre Wirkung auf die Volks- 
dichte darzuthun. 



*) Gotheins 1892 erschienene , Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes 
und der angrenzenden Landschaften* (1. Band: Städte- und Gewerbegeschichte, 
Strassburg 1892) konnte in folgendem keine Berücksichtigung mehr finden. 



109] Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 109 

a) Oestlicher Scliwarzwald. 

a. Umgebung von Pforzheim. 

An der schon genannten Verkehrslinie, welche an der Grenze 
von Schwarzwald und Kraichgau hinziehend die Rheinebene mit Schwaben 
verbindet, liegt die Stadt Pforzheim da, wo die drei ansehnlichen 
Flüsse Enz, Nagold und Wurm sich vereinigen. Ob der Name der 
Stadt von porta (sc. silvae nigrae oder hercyniae) oder von portus 
abzuleiten ist, was auf eine Schifferstation schliessen liesse, mag füglich 
dahingestellt bleiben. Jedenfalls lagen hier, wie zahlreiche Funde dar- 
thun, römische Niederlassungen; die Bedeutung des Punktes, der sich 
heute zur vierten^) Stadt Badens aufgeschwungen hat, ist in erster 
Reihe in seiner Lage an der genannten Strasse und am Eingange in 
drei Thäler zu suchen. Im 16. Jahrhundert war Pforzheim kurze Zeit 
Residenz der badischen Markgrafen; wichtiger aber ist für die Ent- 
wickelung der Stadt die Einführung der Edelmetallindustrie geworden ; 
diese fällt in das Jahr 17(37, in welchem Markgraf Karl Friedrich die 
Gründung einer Uhrenfabrik und einer damit verbundenen Quincaillerie- 
fabrik veranlasste. Aus kleinen Anfängen entwickelte sich von jenem 
Zeitpunkt ab in Pforzheim ein Industriezweig, der die Stadt zu einer 
der ersten in Beziehung auf die Goldschmiedekunst werden Hess. Dem 
entsprechend ist die Volkszahl in Pforzheim und in dem nahen Brötzingen 
während des laufenden Jahrhunderts auch ganz enorm gewachsen: 

Jahr 1812 1852 1864 1875 1885 Zunahme in 73 Jahren : 

Pforzheim 5301 9183 16320 23692 27201 413% 

Brötzingen 1079 1621 2604 3890 4566 323^0 

Im ganzen zählte man 1882 in Pforzheim und Umgebung (Brötzingen, 
Dill- und Weissenstein, Wtirm u. a. 0.) 307 Goldwarenfabriken mit zu- 
sammen 6679 Arbeitern; zählt man deren Angehörige sowie alle Die- 
jenigen hinzu, welche im Nebengeschäft mit Bijouteriearbeit thätig sind, 
so kommt man auf 15 138 Einwohner des Amtsbezirks Pforzheim, oder 
auf 27,5^/0 aller Einwohner, welche in diesem einen Erwerbszweig ihren 
Lebensunterhalt finden. 

Nimmt man dazu noch die grosse Anzahl von Arbeitern in der 
Maschinenfabrikation, in der Papier- und Lederbranche und zahlreichen 
andern Industrieen, endlich diejenigen, welche den lebhaften Handel 
der Stadt vermitteln, so erklärt sich die starke Bevölkerung der Stadt 
selbst, sowie ihrer nächsten Umgebung (194 pro qkra), worunter hier 
das Gebiet des Enzthales unter 300 m Seehöhe verstanden ist, ohne 
weiteres. 

Dass dem gegenüber die Bevölkerungsdichte der höheren Stufen 
so gering erscheint, hat seinen Grund in der BodenbeschafFenheit; nur 
in den höheren Lagen im Osten, gegen die württembergische Grenze 
zu, tritt der Muschelkalk zu Tage; im ganzen übrigen Gebiet herrscht 

*) 1890 ist Pforzheim von Heidelberg-Neuenheim überflügelt, also wieder an 
die fünfte Stelle gedrängt worden. 



110 Ludwig Neumann, [110 

der Buutsandstein , und demgemäss finden wir hier sehr starke Be- 
waldung; macht die Waldfläche im ganzen Bezirk Pforzheim gegen 
42^0 der Bodenfläche aus, so ist in dem zum Schwarzwalde gehörigen 
südlichen Teil derselben dies Verhältnis wesentlich grösser, da im nörd- 
lichen, zum Eraichgau gehörigen Hügellande das Ackerland durchaus 
überwiegt. Im Süden der Enz zeigt die topographische Karte weit 
ausgedehnte, zusammenhängende Waldflächen, unter denen das Revier 
des Hagenschiesswaldes das grösste ist. Nur oben auf den Hochflächen 
zwischen Enz, Nagold und Wurm sind die Wälder stellenweise aus- 
gerodet; hier fluden sich die meist eng beschnittenen Acker- und 
Wiesenfluren kleiner Landgemeinden. Wie wenig dieselben gegenüber 
der industriellen Bevölkerung des Bezirkes von Belang sind, geht 
daraus hervor, dass die landwirtschaftliche Bevölkerung desselben im 
ganzen nicht einmal ganz 30 ^/o ausmacht, wovon natürlich nur der 
weit kleinere Teil im Schwarzwaldgebiete wohnt. Dass die Stufe von 
300 — 400 m eine geringere Dichte (25 pro qkm) aufweist als die über 
400 m gelegenen Gebiete (im Mittel 94 pro qkm), ist notwendige Folge 
des Gebirgsbaues; jene dünn bevölkerte Zone entspricht den steilen 
Thalgehängen, an denen überall der Wald erhalten blieb, der auf den 
flachen Höhen den Ansiedlem da und dort, wie oben erwähnt, hat 
weichen müssen. 

Was die Form der Siedelungen betrifft, so haben wir es fast 
ausschliesslich mit geschlossenen Dorfanlagen zu thun, von denen im 
allgemeinen die grösseren, d. h. diejenigen mit über 1000 Einwohnern 
im Enzthale liegen, während die kleineren Gemeinden der zwei niedersten 
Ortsklassen oberhalb 300 m gelegen sind. 

ß. Zwischen Pfinz und Murg. 

Südlich vom Pfinzthal dehnt sich von der Rheinebene bis zum 
Albthal und der württembergischen Grenze ein niederes Hügelland aus, 
das die Höhe von 300 m nirgends überschreitet, dessen Boden in den 
tieferen Lagen den Buntsandstein zu Tage treten lässt, während die 
höheren Flächen überall dieses Gestein von Muschelkalk, teilweise auch 
von Löss bedeckt erscheinen lassen. Stiege dieses Gebiet nach Süden 
zu nicht unmittelbar zu den bedeutenden Erhebungen des Schwarz- 
waldes auf, und wäre es im Norden nicht durch die Tiefenlinie der 
Pfinz vom Kraichgauer Hügellande getrennt, so erschiene es ganz natur- 
gemäss, dasselbe diesem Landesteüe zuzurechnen, da es mit ihm in 
Höhenlage, Bodenform und Beschaffenheit der Bodenbestandteile fast 
ganz übereinstimmt. Von unten, von der Rheinebene aus gesehen, 
macht dieser Landesteil allerdings den Eindruck, als ob er eine gänz- 
lich waldbedeckte, wenig über dem Tiefland aufragende Fläche sei. 
Sobald aber die waldigen Buntsandsteinhänge erstiegen sind, sieht man 
ein weit ausgedehntes Ackergelände vor sich, das einer in ziemlich 
zahlreichen kleineren Ortschaften verteilten Bevölkerung Lebensunter- 
halt gewährt. Wenigen Einzelhöfen gegenüber überwiegen auch hier 
die geschlossenen Ortschaften; wir haben 5 Gemeinden mit weniger 
als 500, 4 mit 500—1000, 2 mit mehr als 1000 Einwohnern. Die 



Hl] Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 111 

Volksdichte von 106 pro qkm entspricht dem gesamten Landesmittel, 
übertrifft dasselbe aber um etwa 20 ^/o, wenn die grossen Städte nicht 
mitberücksichtigt werden. Diese Dichte erscheint als verhältnismässig 
gross, wenn man die grosse Verschiedenheit der Bodengüte und die 
besonders nach Osten zu ziemlich ausgedehnten Waldungen ins Auge 
fasst; sie erklärt sich wohl zumeist durch die Nähe der industriereichen 
Städte Pforzheim, Durlach, Karlsruhe, Ettlingen, in welchen ein erheb- 
licher Bruchteil der Bevölkerung ansehnlichen Verdienst findet, während 
die übrigen Familienangehörigen zu Hause das Feld bestellen und als 
Waldarbeiter thätig sind. 

Wesentlich anders gestalten sich die Verhältnisse weiter südwärts 
bis in die Gegend von Baden-Baden. Ist der westliche Oebirgsrand 
und die hügelige Umgebung des unteren Murgthales meistens löss- 
bedeckt, so zeigt sich das Murgthal von Gemsbach ab bis zur württem- 
bergischen Grenze in den Granit eingeschnitten, neben welchem die 
Vorkommnisse des Rotliegenden nur geringe Flächenverbreitung auf- 
weisen. Alle höheren Gebirgsteile gehören dem grossen Buntsandstein- 
gebiet des nordöstlichen Schwarzwaldes an, das sich durch die meilen- 
weit fast ununterbrochen ausgedehnten, herrlichen Hochwaldungen aus- 
zeichnet, die kaum anderswo ihresgleichen finden. Wenn die Statistik 
für den mittleren und nördlichen Schwarzwald im ganzen etwa 54 V 
bewaldete Fläche angiebt, so ist diese Mittelzahl für das in Rede stehende 
Gebiet noch zu gering, sie darf sicherlich auf etwa 60V erhöht wer- 
den; bedeckt doch der Wald im Bezirksamte Baden, zu dem noch 
waldarme Distrikte der Rheinebene gehören, volle 58 V des Areals! 
Dass hiemach die Volksdichte in den höheren Lagen eine verschwindend 
kleine ist, versteht sich von selbst. Es wohnen über 500 m zwischen 
der Murg und der östlichen Landesgrenze auf 89 qkm nur noch 115 Ein- 
wohner, die sich auf einige wenige Gehöfte in der weiteren Umgebung 
des Hohloh (990 m) verteilen. Der weitaus grösste Hauptteil der 
Bevölkerung findet sich im Murgthal und an seinen Rändern. 

Das Miu'gthal ist, wie schon dargelegt worden, ein Hauptverkehrs- 
weg aus den östlichen Gebieten des Schwarzwaldes zwischen den Kinzig- 
quellen, dem Kniebis, dem Homisgrindenkamm und dem Höhenzuge, 
welcher die Murg von der Enz trennt, nach der unteren Rheinebene. 

Der Fluss selbst hat seit den ältesten geschichtlichen Zeiten als 
Hauptflossweg gedient, der den beinahe unerschöpflichen Holzreichtum 
der höheren Lagen auch den Niederungen zu gute kommen Hess. Die 
heute noch bestehende Gesellschaft der „Murgschifferscbaft'' ist der 
Rest eines alten, von jeher zunftmässig betriebenen Holzhandels; die 
Gesellschaft besitzt ausgedehnte Waldflächen, den Schifferschaftswald, 
beschäftigt zahlreiche Arbeitskräfte als Waldarbeiter, Flösser, Fuhr- 
leute, femer andre in den vielen Sägewerken, als Händler u. s. w. 
Der Wald hat hier im Verein mit der Wasserstrasse seit lange eine 
ansehnliche Volksdichte ermöglicht, indem besonders längs des Fluss- 
laufes zahlreiche kleine und mittelgrosse Orte entstanden, deren Be- 
wohner mit der Zeit soviel Wald, als zur Lebensführung notwendig 
war, ausrodeten und landwirtschaftlich bebauten. Allmählich luden die 
Wasserkräfte auch zur Einrichtung anderer Industrieen ein, und so ist 



112 



Ludwig Neumanui 



[lU 



Oernsbach; der Hauptort des Thaies, heute im Besitz einer grösseren 
Anzahl von Fabriken aller Art. Zu nennen ist hier auch das Eisen- 
werk Gaggenau. Dass auch das Steinbrecher- und Steinhauergewerbe 
zu einer gewissen Blüte gelangte, ist bei dem Reichtum an gutem 
Baumaterial selbstverständlich. 

Die untere, breite Thalöffnung ist ausgezeichnet durch vorzügliche 
Ackerkrume (Löss), und so ist hier die Landwirtschaft zu grosser Blüte 
gelangt. Das Murgthal hat von der ßheinebene bis zur Höhenkurve 
von 200 m eine Dichte von 388 pro qkm, es ist das die grösste Dichte. 
die im Grossherzogtum Baden sich findet, mit einziger Ausnahme der 
Umgebung von Heidelberg (vgl. S. 164). Die Milde des Klimas in 
diesem gesegneten Landstrich mag daraus entnommen werden, dass 
neben dem Kebbau die Kultur der zahmen Kastanie zu ansehnlicher 
Bedeutung gelangt ist; bedeckt dieselbe doch 62 ha der Bodenfläche. 

Die höheren Stufen des Murgthales und die Ränder desselben von 
der Alb bei Ettlingen bis zur Oos bei Baden sind natürlich wesentlich 
dünner bevölkert; wir finden hier Dichtezahlen von 86 bis herab zu 
65 pro qkm auf den Höhenstufen zwischen 200 und 500 m, ja aut 
den Buntsandsteinflächen zwischen Alb und Murg, wo der Wald nur 
durch die dürftigen Ackergemarkungen einiger kleinen Dörfer unter- 
brochen ist, sinkt sie herab auf 34 pro qkm. Die höheren Gebirgs- 
teile sind schon zur Sprache gekommen. 

Untersuchen wir noch kurz die Art der Siedelungen im östlichen 
Schwarzwalde, so ist das statistische Material nicht so, wie es vorliegt, 
benutzbar. Denn von den vier Amtsbezirken Pforzheim, Durlach, Ett- 
lingen und Rastatt, die hier in Betracht kommen, liegen in unsrem 
Gebiete jeweils nur grössere oder kleinere Bruchteile. Doch zeigt die 
Statistik übereinstimmend mit der Karte oder mit der Autopsie, das5 
die geschlossenen Wohnorte den zerstreuten gegenüber ganz bedeutend 
überwiegen. Die vier genannten Bezirke haben zusammen 118 Ge- 
meinden und 306 Wohnorte, es kommen also im Mittel auf eine Ge- 
meinde nur 2,6 Wohnorte; von diesen letzteren werden 123 als Städte 
und Dörfer, d. h. als geschlossen aufgezählt, so dass für die zerstreuten 
nur 183 übrig bleiben; was hier für die ganzen Bezirke gesagt ist 
gilt auch für ihren gebirgigen Teil. — Nach der Höhenlage geordnet 
gliedern sich die Gemeinden folgendermassen : 



Zahl der Gemeinden 


O 

g 




1 
o 

o 


o 
o 

o 

(M 

1—1 


o 
o 
o 
'^ 

1 

o 

s 


§ 

o 

CO 

o 
o 
o 
-^ 


über 6000 
Einwohner 


.a 

B 


1 Gemeinde 

auf . . . qktn 


unter 200 m 
200—300 „ 
300—400 , 
400—500 „ 
über 500 „ 


1 

8 
5 
5 
2 


2 
11 

7 
6 


4 
6 
2 
2 


1 
1 


— 


1 


8 
27 
14 
13 

2 


3,. 

6,4 

Vi - 




21 


26 


14 


2 


— 


1 


64 


8.7 



113] Die Volkadichte im Grossherzogtum Baden. 113 

Wie aus dieser Zusammenstellung ersichtlich, herrschen im öst- 
lichen Schwarzwald nicht wie in Franken und auf dem Odenwald die 
Gemeinden der niedersten Klasse von weniger als 500 Einwohnern, aber 
auch nicht wie im Kraichgau jene der dritten Klasse mit 1000 bis 
2000 Einwohnern vor; vielmehr sind am zahlreichsten diejenigen mit 
500 — 1000 Einwohnern vertreten. Daas nicht die unterste, sondern die 
zweite Höhenstufe verhältnismässig die meisten grösseren Orte auf- 
weist, ist auf die in obiger Zusammenstellung hervortretende Wirkung 
des dem Murgthal gegenüber höher gelegenen Enzthales bei Pforz- 
heim zurückzufahren. Dieselbe Ursache bewirkt auch, dass der Höhen- 
stufe von 200 — 300 m 61,4 ^/o der Gesamtbevölkerung des Landesteiles 
zufallen. Wird Pforzheim mit Brötzingen ausgeschieden, so ergiebt sich 
als Mitteldichte der als in der Hauptsache ländlich bezw. bodenständig 
zu bezeichnenden Bevölkerung des östlichen Schwarzwaldes 82, d. h. 
eine nur um weniges kleinere Zahl als diejenige ist, welche dem Landes- 
mittel nach Ausscheidung der grösseren Städte entspricht. Wie rasch 
die Bevölkerung nach oben zu abnimmt, erhellt auch deutlich daraus, 
dass oberhalb 500 m auf 17,3 ^/o der Gesamtfläche sich nur noch l,i®/o 
derselben findet, während zwischen 300 und 500 m auf 46,2 ^/o Boden- 
fläche 22,6% der Einwohner und auf den tieferen Stufen der ganze 
Rest von 76,3 ®/o derselben zu zählen sind. 

b) Nordlicher Schwarzwald. 

Sind im* östlichen Schwarzwalde die zum grössten Teil geschlossen 
angelegten Siedelungen in den tieferen Lagen überaus dicht zusammen- 
gedrängt, jedenfalls dichter, als dies in den zuvor besprochenen Landes- 
teilen der Fall war, während schon oberhalb 500 m die Waldungen so 
gut wie keine Niederlassungen mehr aufkommen lassen, so dass oben 
dem Landschaftsbilde ringsum der Charakter der menschenleeren Ein- 
samkeit in derselben ausgeprägten Weise anhaftet, wie in den Thälern, 
und an deren Rändern lebhaft pulsierendes Leben überall unsere Auf- 
merksamkeit erregt, so ändern sich beim Weitergehen zum nördlichen 
Schwarzwald zwischen Murg Ufld Einzig die Verhältnisse ganz wesent- 
lich. Zwar haben wir im Homisgrindenhauptkamm (Hornisgrinde 
1164 m) von der Oos bei Baden bis in die Gegend des Kniebis an den 
Kinzigquellen noch ähnlich wie im Osten der Murg buntsandsteinbedeckte 
breite Höhenrücken, die in den höchsten Gebieten mit kahlen Moor- 
flächen, an den Abhängen aber bis ziemlich weit herab mit demselben 
wunderbar schönen Hochwald bedeckt sind, den wir im Forstgebiet der 
Murgschifferschaft anstaunten. Mehr nach unten aber, auf dem vom 
Buntsandstein freigewordenen Granitboden an der Westflanke des Ge- 
birges von Bühl bis Gengenbach und auf den Gneisflächen, welche die 
Rench und die nördlichen Kinzigzuflüsse Harmersbach, Schappach und 
die Kinzig selbst voneinander trennen, da tritt der herrliche Hoch- 
wald zurück hinter der Kultur der sogenannten Reutberge. In 
dieser mittelhohen Zone des Gebirges sind „die Kämme meist schmal, 
nicht zur Plateaubildung geneigt, und die Abhänge so steil, dass sie als 
Wiese oder Weide zu benutzen, gleichbedeutend mit Vernichtung wäre. 

Forschungen zur deutechen Landes- und Volkskunde. VII. i. 8 



114 Ludwig Neumann, [114 

Hier wird nun, wie es teilweise auch im Odenwald der Fall ist, alle 
12 — 15 Jahre das junge Holz geschlagen, das Reisig oder der Rasen 
in Haufen geschichtet und verbrannt, dann dick das Getreide eingesät, 
das nur für dies eine Jahr eine durch Kälte und die alsbald wieder 
mächtig aufschiessenden Unkräuter und Wurzelschosse gefährdete Ernte 
giebt." Das Areal der Reutberge beträgt im Amtsbezirk 

Bühl 0,95 qkm = 0,5 > der Bodenflächc 

Achem .... 7,74 „ = 4,i „ , 

Oberkirch . . . 54,i8 „ = 20,4 »• » 

Oifenburg . . . 24,i2 „ = 5,s , , 

Wolfach . . . 115,76 „ = 26,9 , , 

Beachtet man, dass Bühl, Achern und Offenburg grosse Gebiets- 
teile in der Ebene haben, während Oberkirch und Wolfach ganz im 
Gebirge gelegen sind, so erscheint die von den Statistischen Mitteilungen 
gegebene Zahl 16,6 als Flächenanteil der Reutberge im nördlichen und 
mittleren Schwarzwalde (404 qkm Reutberge auf 2426 qkm Gesamtfläche) 
den Verhältnissen unseres Gebietes gegenüber wohl noch als zu gering. 

Für den östlichen Schwarzwald war es wegen des Umstandes, dass 
kein politischer Bezirk so gelegen ist, dass seine statistischen Verhält- 
nisse als typisch für den Gebirgsteil gelten können, unmöglich, die Art 
der Bodenbenutzung zahlenmässig auszudrücken. Für den nördlichen 
Schwarzwald dagegen erscheint es zulässig, aus den an ihm beteiligten 
Bezirken die zwei schon genannten: Oberkirch und Wolfach herauszu- 
greifen, welche alle in unserem Gebiet vorkommenden Eulturzustände 
aufweisen vom Rande der Rheinebene über die reichgesegnete Vorberg- 
zone, durch sonnige Thalfluren hinauf zum Gebiet der Reutberge und 
des Hochwaldes. Die Zustände in diesen beiden Bezirken können so 
ziemlich vollständig als für den nördlichen Schwarzwald gültig angesehen 
werden. Wir finden in ihnen nur 29,7 V ^®r Bodenfläche ständig land- 
wirtschaftlich benutzt, 24,» ^/o Reutberge und 45,i ®/o Wald, während 
im Landesdurchschnitt die entsprechenden Werte 55,8 , 3,4 , 36,8 ®/o sind. 
Gegenüber dem Wald und der durch die steilen und steinigen Berg- 
gehänge bedingten Kultur der Reutberge tritt also die eigentlich land- 
wirtschaftliche Nutzfläche ganz enorm zurück; die Folge hiervon für 
die Siedelungen wird weiterhin klar hervortreten. 

Die Verteilung der landwirtschaftlichen Fläche selbst ist die 
folgende: 

Prozente der landwirtschaftlichen Fläche 

im nördlichen Schwarzwald: in Baden: 

Acker 50,5 68 

Wiese 41.i 24 

R^bland 8,5 2,5 

Gras- und Obstgarten (Eastanienwald 12 ha) l,i l,e 

Standige Weide 2,2 3,9 

So gesegnet und ergiebig die niedere Vorberglandschaft von 
Baden bis Offenburg nebst den in ihr liegenden Thalniederungen und 
deren Seitengehängen ist, so rasch nimmt nach oben die Bodengüte und 
damit die Ertragsfähigkeit ab. Abgesehen von vereinzelten kleineren 



115] Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 115 

Kastanienwäldem und von den herrlichen Obstgärten am Gebirgsfuss 
und auf den unteren Thalböden, denen wir einen grossen Teil des be- 
rühmten Schwarzwälder Kirschenwassers verdanken, ist eine der wert- 
vollsten Kulturen in diesem Landstrich die des Weines. Auf den 
Durchschnitt von 1873 — 1888 bezogen, hatte die Weinernte des badi- 
schen Mittellandes von Bühl bis Offenburg einen Jahreswert von 3,25 
Millionen Mark; die Weine dieses Gebietes, besonders diejenigen der 
Umgebung von Offenburg (Zell- Durbach), Oberkirch (Klingelberger), 
Bühl (Affenthaler), sind auch ausserhalb des Landes geschätzt. Dass 
diese Vorbergzone und die nach Osten führenden Thäler unter diesen 
Verhältnissen wesentlich stärker bevölkert sind, als die nach oben an- 
schliessende Reutbergzone, auf der zumeist neben Kartoffeln und Hafer 
ausschliesslich Winterfrucht (Weizen und Roggen) gepflanzt wird, ver- 
steht sich von selbst. Die Pflege von Handelsgewächsen hat fast gar 
keinen Eingang gefunden. Im ganzen Gebiete fehlen grössere Städte 
und Industriemittelpunkte, so dass die Bevölkerung in der Hauptsache 
als eine landwirtschaftliche anzusehen ist: Von 1000 Einwohnern der 
Bezirke Oberkirch und Wolfach leben 590 von der Landwirtschaft. 
Doch haben sich längs der Wasserläufe da und dort, besonders im 
Kinzigthal und in seinen Nachbarthälem schon seit lange, angelockt 
durch die ergiebigen und billigen Wasserkräfte, meist zerstreut liegende 
grössere Industrie- und Fabrikbetriebe herausgebildet; kleinere Centren 
dieser Fabrikbevölkerung sind geworden: Zell am Harmersbach mit 
seiner Porzellan- und Steingutfabrik und seinen Granatschleifereien, 
Oppenau mit Glaswaren, Schiltach mit Wollweberei, Sägemühlen, Gengen- 
bach mit Holzwaren u. a. m. Welchen Umfang das Holzgeschäft im 
nördlichen wie im östlichen Schwarzwald angenommen hat, mag aus 
der einen Thatsache hervorgehen, dass im Renchthal allein etwa 70 
Sägemühlen gelegen sind, deren Gesamtumsatz 1882 sich auf 1,5 Millionen 
Mark beziffert; davon gelangen mit der Bahn täglich 5 — 6 Wagen- 
ladungen zur Versendung. 

Eine Erwerbsquelle, die in früheren Jahrhunderten mehrere Neben- 
thäler im Kinziggebiet belebt und denselben einen nicht unansehnlichen 
Bevölkerungszuwachs gebracht hat, nämlich der Bergbau, ist heute für 
die Frage nach der Volksdichtc belanglos geworden. Abgesehen von 
kleineren Betrieben standen bei Haslach, im Hauserbachthal, bei Wit- 
tichen und im Schappachthale besonders im 16. Jahrhundert zahlreiche 
Bergwerke, in denen gediegen Silber, Silbererze, silberreiche Bleierze, 
Kupfer- und Kobalterze geschürft wurden, in Thätigkeit. Bei Haslach 
sollen in den besten Zeiten gegen 500, in Hauserbach 300 Knappen 
beschäftigt gewesen sein. Auch nach dem 30jährigen Kriege, der auch 
hier gewaltige Störungen brachte, wurden im Bezirke Wolfach viele 
Erzgänge im Betrieb erhalten, im vorigen Jahrhundert waren es (Btwa 40, 
im gegenwärtigen noch 11; seit den fünfziger Jahren ist der Bergbau 
hier wie überall im Schwarzwald eingestellt; nur noch vereinzelte Ver- 
snchsbaue sind offen gehalten, beschäftigen aber so wenig Leute, dass 
sie, wie gesagt, auf die Volksverdichtung keinen Einfluss mehr üben 
können. Die Bergleute sind weggezogen oder haben sich anderen Be- 
rufsarten gewidmet. 



ll(j Ludwig Neumann, [110 

Den Boden-, Bebauungs- und Verkehrsverhältnissen entsprechend 
finden wir von Baden bis Offenburg am Saum des Gebirges und in den 
tieferen Lagen der aus ihm sich erschliessenden Thäler, sodann im 
Kinzigthal und an seinen Rändern* eine Volksdichte von über 200 Ein- 
wohnern pro qkm. Dass das untere Kinzigthal dem Murgthal immer- 
hin so bedeutend an Volsdichte nachsteht — 211 gegen 888 — scheint 
seinen Grund in dem verschiedenen Bau der beiden Thalböden und der 
sie durcheilenden Wasserläufe zu haben. Das Murgthal öffnet sich erst 
weit unterhalb Gernsbach zu breitem Thaltrichter, und auch hier noch 
sind die Thalflächen zumeist stufenartig über dem Fluss derart angelegt, 
dass dieser auch bei hohem Wasserstande nicht in die Lage kommt, 
die ganze Thalebene unter Wasser zu setzen; die Siedelungen erscheinen 
daher relativ ziemlich gesichert. Anders im Kinzigthal. Dieses bildet 
schon von Hausach ab eine Fläche von sehr ansehnlicher Breite und 
völlig ebener Ausbildung, in welche der Fluss nur sehr wenig eingetieft 
ist. Vor der Korrektion hat daher die Kinzig nur allzu oft weite 
Strecken des Thalbodens überflutet und sie auf die Dauer versumpft, 
so dass die Siedelungen hier die tiefen Lagen eher meiden als aufsuchen; 
in der That liegen die meisten derselben nicht im Thal, sondern an 
seinem Rand. 

Dieser Umstand scheint völlig ausreichend zur Erklärung der 
Thatsache, dass trotz der uralten und ganz eminenten Verkehrsbedeutung 
des Kinzigthales dessen unterster Teil nicht dichter bevölkert ist, als 
der Thalrand zwischen 200 und 300 m Seehöhe, und dass das Murg- 
thal bei klimatisch und sonst ganz ähnlichen Bedingungen eine so 
wesentlich dichtere Bevölkerung birgt. 

Im oberen Teile des Kinzigthales, von 300 m an aufwärts, nimmt 
die Volksdichte ab bis auf 140 pro qkm; hier wie im Schiltach- und 
Gutachthal und an den Abhängen all dieser Thaläste beflnden wir uns 
schon vollständig im Inneren des Gebirges, die Fruchtbarkeit, die wir 
in der Nähe der Rheinebene gefunden, hat hier ihr Ende erreicht, wir 
sind in die Region der Reutberge eingetreten. In gleicher Höhenlage, 
nämlich zwischen 300 und 400 m, finden wir an der Westseite des 
Gebirges nur noch eine Dichte von 77 und 70 pro qkm; der Gegensatz 
der Lössvorhügel und des eigentlichen Gebirgsfusses drückt sich hier 
überaus scharf aus. Oberhalb 400 m nimmt die Dichte weiter ab auf 
45, in der nächsten Stufe auf 22, dann auf 10 Einwohner pro qkm. 
Ueber 700 m endlich wohnen im ganzen auf rund 230 qkm nur noch 
wenig über 700 Menschen; der grösste Theil derselben findet sich an 
der Grenze der Reutberg- und Waldzone zwischen 700 und 800 m, und 
dann kommt hier noch das Dorf Kniebis mit im ganzen 170 Einwohnern 
in Betracht, welches von der 900 m-Isohypse durchschnitten wird und 
in seiner Bedeutung schon oben (S. 107) charakterisiert worden ist. 

Rechnen wir die Thal- und Vorbergzone bis 400 m, die der 
Reutberge bis 700 m, über welcher Höhe im allgemeinen überall zu- 
sammenhängender Wald zu finden ist, so ist die Dichte dieser 3 Stufen 
durchschnittlich 142, 25, 3 pro qkm, mit anderen Worten, die Siede- 
lungen ziehen sich wesentlich höher am Gebirge hinauf, als im Murg- 
und Enzgebiet, und auch mit dem Odenwald verglichen finden wir, 



117] 



Die Volksdicbte im Grossherzogtum Baden. 



117 



dass die Bevölkerung der Höhenlage weniger ausweicht, als es dort 
der Fall ist. 

Sehen wir nun zu, wie diese Bevölkerung sich auf die Siedelungen 
verteilt, so ist es hier bei den vielen und kleinen Wohnorten schwierig, 
die Höhenlage der Gemeinden anzugeben; nach den Hauptkoniplexen 
derselben erhalten wir annähernd folgendes Bild: 



Zahl der Ge- 
meinden 


Einwohnerzahl der Gemeinden 


Summe der 
Gemeinden 


1 Gemeinde 
kommt auf 


über 500 


500-1000 


1000-2000 über 2000 


. . . qkm 


unter 200 m 
200-300 , 
300-400 , 
400-500 , 
500- COO , 
über GOO , 


10 
5 
5 

1 


1 
14 
4 
1 
3 


3 

15 

4 


1 

4 
3 


5 
43 
10 
6 
3 
1 


5,7 

4,r, 
ll.i 

24,2 




21 


28 


22 


b 


74 


15,0 



In den Zahlen der vorstehenden Tabelle finden wir zunächst eine 
Bestätigung des oben über den Gegensatz zwischen Murg- und Kinzig- 
thal Gesagten. Während in ersterem eine Gemeinde schon auf 3,5 qkm 
kommt, so triflft im Kinzigthal eine solche erst auf 5,7 qkm, dagegen hat 
hier die gesichertere Höhenstufe von 200 — 300 m relativ dichter aneinander 
gereihte Siedelungen. Femer ist zu beachten, dass in der Reutbergzone 
das jeder Gemeinde bezw. Gemarkung im Durchschnitt zukommende Areal 
ein sehr grosses ist, wie sich das aus der Natur der Sache erklärt. 
Für die höchsten Stufen analoge Verhältniszahlen auszuwerten, ist hier 
so wenig wie beim östlichen Schwarzwald von Belang, da die höher 
gelegenen Waldkomplexe den Gemeinden der Thäler, oft auch Korpo- 
ratioiien und Privaten, nicht zum mindesten aber dem Staate und d^r 
Grundherrschaft Fürstenberg gehören, also zur Anzahl der in derselben 
Höhenstufe liegenden Gemeinden in gar keiner Beziehung stehen. 

Die Gemeinden des mittleren Schwarzwaldes erscheinen nach obiger 
Zusammenstellung mit den früher betrachteten Gebieten verglichen 
verhältnismässig gross; zu gleichem Ergebnis führt auch die Betrach- 
tung der zwei Bezirke Oberkirch und Wolfach, die wir als typisch für 
unser Gebiet kennen gelernt haben und die uns ausserdem vor Augen 
führen, wie die kleineren Gemeinden gegenüber den grösseren nur 
schwach in Bezug auf ihren Anteil an der Gesamtvolkszahl ins Gewicht 
fallen. In den genannten Bezirken sind vorhanden: 

unter 500, von 500—1000, von 1000—2000, von 2000—4000 Einwohnern 

12 18 13 2 Gemeinden, d. h. 

27 40 29 4°/o. Darin wohnen 

7 33 44 167o der Bevölkerung 

oder in 67 ^/o der Gemeinden unter 1000 Einwohner wohnen 40 "/o, in 
33 "o der Gemeinden über 1000 Einwohner aber wohnen 60 ^/o der 
Einwohner. 



118 Ludwig Neumann, [118 

Bezüglich der Wohnorte ergeben die zwei zu Rate gezogenen Amts- 
bezirke folgende Daten: 

Die 45 Gemeinden zerfallen in 6 städtische und 39 ländliche, sie 
haben im ganzen nur 37 geschlossene Wohnorte (6 Städte und 31 Dörfer), 
dagegen 703 zerstreute Wohnorte, vom Weiler herab bis zum einzelnen 
Wohnhaus. Eine Gemeinde hat im Mittel 968, ein Wohnort aber nur 
59 Einwohner. Diese 740 Wohnorte sind nun über alle Höhenstufen 
von der untersten bis hinauf zu derjenigen zwischen 900 und 1000 m 
verteilt, und in ganz ähnlicher Weise liegen die Verhältnisse in den 
übrigen hierher gehörigen Bezirksteilen von Baden, Bühl, Achern, 
Offenburg, wenn auch der Bezirk Wolfach, wie in anderem Zusammen- 
hang schon ausgeführt wurde (S. 54), eine ganz ausnahmsweise Stellung 
einnimmt, indem er ausser ein paar geschlossenen und an Einwohner- 
zahl reichen Thalgemeinden fast nur zerstreute Wohnorte kennt. 

In der Vorbergzone sind es bei dem ergiebigen Boden die klein 
zugeschnittenen Weinbergbesitzungen, welche eine so weitgehende Ver- 
teilung der Bewohner begünstigten, im Gebirge aber sind es die fleut- 
berge, Bergäcker und Weiden, welche es jedem Ansiedler wünschens- 
wert erscheinen lassen, so nah als möglich bei seinem weitverzweigten, 
grossen und mühsam zu bearbeitenden Grundstücke zu wohnen, daher 
auch hier das Vorherrschen der zerstreuten Wohnorte, das jedem Be- 
sucher dieser Gegenden sofort auffällt im Gegensatz zu allen bisher 
besprochenen Landes teilen. 

Finden wir im Gebirge und längs der Vorbergzone eine geradezu 
auffallend weitgehende Zerteilung der Bevölkerung in kleine Einzel- 
wohnorte, so macht sich am Gebirgsfuss und in den Thälern ähnlich 
wie in der Ebene seit Alters ein gewisser, vielleicht auf dsis Vorbild 
des benachbarten Strassburg, der natürlichen Hauptstadt der mittleren 
Rheinebene, zurückzuführender Hang zu städtischem Wesen geltend, der 
in den Kreisen Baden und Offenburg im Laufe der Geschichte 21 Städte 
hat entstehen lassen, wovon eine grössere Anzahl sich jahrhundertelang 
reichsunmittelbar erhalten hat. So liegen an der Einzig und in ihrer 
Nähe in ganz geringen Abständen die Städte Offenburg, Gengenbach, 
Zell am Harmersbach, Haslach, Hausach, Wolfach, Schiltach, die den 
Weg von der Rheinebene nach Schwaben weisen; stieg doch die alte 
Hauptstrasse aus dem Einzigthale von Schiltach bezw. von Schramberg im 
Schiltachthal ab unmittelbar auf die östliche Hochebene, während das 
jetzt durch die Schwarzwaldbahn erschlossene Gutachthal von Hornberg 
nach Triberg und Villingen erst ziemlich spät in den grösseren Ver- 
kehr gezogen wurde. 

Vergleichen wir schliesslich auch hier wieder unsere Dichtekarte 
mit derjenigen von Sprecher, so erscheint, da seit Anfang unseres 
Jahrhunderts die Lage und Art der Siedelungen sich nicht verändert 
hat, bei Sprecher die Fläche der niedersten Dichtestufe (0 — 20 Ein- 
wohner pro qkm) zu gross und dadurch zu allgemein gefasst, dass 
zahlreiche dicht bevölkerte Thäler aus ihr nicht ausgeschieden sind. 
Auch die nächste Dichtestufe (20 — 40 Ew.), welche den Westabhang 
des Gebirges von Baden bis Gengenbach ausfüllt, ist ebenfalls zu sehr 
generalisiert; der von ihr eingenommene Raum zeigt in Wirklichkeit 



119] Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 119 

die allergrössten Unterschiede; vor allem gehört hier das Renchthal 
von Oberkirch aufwärts hervorgehoben. Die Dichtegrade selbst scheinen 
mit den heutigen verglichen eher etwas zu gross als zu klein zu sein. 

c) Mittlerer Schwarzwald. 

a. Hünersedelgruppe. 

Die Hünersedelgruppe ist ein ringsum von Tiefenlinien umgrenzter 
und darum wohl isolierter Teil des mittleren Schwarzwaldes. An ihrer 
Westseite hat die Kheinebene eine ziemlich bedeutende Steigung in 
nordsQdlicher Richtung von 160 m am Ausgang des Kinzigthales bis 
etwa 250 m am Ausgang des Elzthales. Aehnlich bogenförmig wie 
diese Westgrenze verläuft auch die im Osten, welche bis Haslach (218 m) 
dem Laufe der Einzig folgt, dann den 523 m hohen Sattel bei Pfauss 
übersteigt, um bei Elzach (363 m) das Elztbal zu erreichen, dem sie 
bis unterhalb Waldkirch folgt. Der höchste Punkt der Gruppe ist der 
Hünersedel mit 744 m. In der Osthälfte ist das Gebirge aus Gneis 
aufgebaut, der an vielen Stellen von rundlichen Porphyrkuppen überragt 
wird; nach Westen zu ist das Grundgebirge überdeckt von Buntsand- 
stein, teilweise auch von Muschelkalk, und am Rande der Ebene haben 
wir wie weiter nördlich auch eine ziemlich breite Lösszone. Vereinzelte 
nicht vom Diluvium bedeckte Bänke jurassischer Bildung sind flächen- 
haft zu wenig ausgedehnt, um von allgemeinerer Bedeutung zu sein. 

An der Hünersedelgruppe sind die Bezirke Oflfenburg, Wolfach, 
Lahr, Ettenheim, Emmendingen und Waldkirch beteiligt; keiner der- 
selben liegt aber ausschliesslich in ihr, so dass die statistischen Er- 
hebungen derselben zur Charakterisierung der hier interessierenden 
Verhältnisse nicht verwendbar sind. Doch lässt sich aus ihnen im 
Verein mit dem Studium der topographischen Karte entnehmen, dass 
auf der der Einzig und der Elz zugekehrten Seite, d. h. auf dem 
Gneisboden, die Bodenbenutzung ganz analog derjenigen ist, welche 
wir im nördlichen Schwarzwalde, insbesondere in den für ihn typischen 
Amtsbezirken Oberkirch und Wolfach gefunden haben. Auf den Thal- 
flächen längs der kleinen Nebenflüsse der Einzig und Elz Wiesenbau, 
an den tief gelegenen Bergrändern Rebbau, besonders längs des unteren 
Kinzigthales; darüber Ackerland und Reutberge, oben Wald. Dieser letztere 
findet auf dem mittleren Buntsandsteinstreifen, der das Gebiet in seiner 
ganzen nordsüdlichen Längsausdehnung durchzieht, seine grösste Ver- 
breitung und nimmt nach Westen zu rasch ab, wo die Lösszone am 
Gebirgsrande den Landwirtschaftsbetrieb sich intensiver und lohnender 
hat entwickeln lassen. Die grösseren Orte liegen hier zumeist unter 
der 200 m-Isohypse, also in dem Gebiete, das wir der Rheinebene zu- 
rechnen und mit dieser besprechen werden. Doch haben wir, während 
die Ostthäler alle ziemlich kurz verlaufen und mit namhaft steilem 
Gefälle aus dem Gebirge herabziehen, im Westen eine Anzahl weit ins 
Innere sich erstreckender, tief liegender Thäler mit schwach geneigter, 
mehr oder weniger breiter Thalsohle, das Bretten-, Bleich-, Ettenbach- 
und besonders das Schutterthal, in welchen die Hauptmasse der Be- 
völkerung sich angesiedelt hat. Hier im Westen überwiegen auch 



120 Ludwig Neumann, [120 

durchaus die im allgemeinen in den Thälern und an ihren Rändern 
gelegenen geschlossenen Ortschaften, während auf den nach Süden und 
Osten geneigten Hochflächen die zerstreuten Wohnorte, ganz wie in 
den analogen Reutherggebieten etwa des Amtes Oberkirch, durchaus 
überwiegen. Die hinter der Industriestadt Lahr gelegenen Gemeinden 
des Schutterthales, welches etwa an der Grenze der beiden in Boden- 
form, Bodenbedeckung und Bodenbebauung so verschiedenen Seiten 
unserer Gebirgsgruppe hinzieht, bilden eine Art Uebergangsstufe von 
den geschlossenen Dorfschaften im Westen zu den zerstreuten Wohn- 
orten im Osten. Die Zerteilung der Bevölkerung in Wohnorte kleinster 
Art, in Einzelhöfe und Einzelhäuser, erreicht ihren höchsten Grad in 
den Gebirgsgemeinden der Aemter Waldkirch und Emmendingen, z. B. 
in Biederbach, Spitzenbach, Freiamt und Ottoschwanden. Hier ist der 
Wald sehr parzelliert und überhaupt nicht stark an der Flächen- 
bedeckung beteiligt, die Hochebenen weisen überall Ackerland und 
Reutfelder auf. Hier steigen auch die Wohnorte bis zu den höchsten 
Flächen des wenig gegliederten Gebirges auf, während auf dem Haupt- 
teil der Buntsandsteinzone der Wald überall erhalten blieb und mensch- 
liche Siedelungen nur sehr selten sind. Abgesehen von Lahr und seiner 
Umgebung, die erst im Abschnitt über die Rheinebene besprochen 
werden wird, und vom westlichen Gebirgsfuss überhaupt, in dessen 
Ortschaften Industrieen aller Art sich mit der Zeit festgesetzt haben, ist 
im Innern unseres Gebirgsteiles von wichtigeren Gewerbebetrieben 
nirgends die Rede; höchstens verdient auch hier der Holzhandel und 
die Holzverarbeitung erwähnt zu werden, sowie die Ausnutzung der 
grossen und wertvollen Sandsteinbrüche, die besonders in der Nähe 
von Emmendingen (Heimbach) von hervorragender Bedeutung sind. 
Das so ziemlich an der Nordspitze unseres Gebietes gelegene Stein- 
kohlenbergwerk bei Diersburg und Berghaupten im Amte Offenburg, 
welches nach der Berufszählung von 1882 im ganzen 228 Personen 
ernährt, ist mehr darum von Interesse, weil es sich hier um das einzige 
nutzbare Vorkommnis von Kohle — Anthracitkohle — in Baden han- 
delt, das seit 1755 ausgebeutet wird, als weil man sagen könnte, dass 
dieses Bergwerk auf die Volksdichte einen entscheidenden Einfluss zu 
üben im stände wäre. Es äussert sich hier ein allgemeiner Gegensatz 
zwischen Baden und z. B. der preussischen Rheinprovinz oder dem 
Königreich oder der Provinz Sachsen; während in den genannten und 
zahlreichen anderen Ländern die Volksverteilung und Volksverdichtung 
in hervorragender Weise nicht sowohl von der Bodenoberfläche als von 
den Schätzen des Mineralreiches, wie sie der bergmännische Betrieb 
zu Tage fördert, abhängt, so lässt sich ähnliches von Baden, wenigstens 
für die Gegenwart, an keiner einzigen Stelle des Landes aussprechen; 
inwieweit der erloschene Bergbau im Kinziggebiet, von dem oben schon 
die Rede war, oder derjenige im südlichen Schwarzwald, von dem noch 
kurz wird gesprochen werden müssen, in früheren Jahrhunderten zu 
Ansiedelungen führte, entzieht sich heute der Kritik, obschon es als 
durchaus wahrscheinlich bezeichnet werden muss, dass die Anlage und 
der Betrieb jener alten Erzgruben Ansiedler angelockt und zur Erhöhung 
der Volksdichte beigetragen habe. 



121] Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 121 

Die mittlere Yolksdichte der gesamten Hünersedelgruppe ist sehr 
gering, sie ergiebt sich oberhalb der 200 m-Isohypse , die als Grenze 
gegen die Rheinebene angenommen worden ist, zu 40 Einwohner pro 
qkm, also kaum zur Hälfte des Landesmittels nach Ausscheidung der 
Städte von über 6000 Einwohnern. Wir erkennen in dieser kleinen 
Bevölkerungszahl den Einfluss des waldbedeckten Buntsandsteins, der 
bei ähnlicher Höhenlage, wie wir sie im Odenwald hatten, in gleicher 
Weise wie dort wirksam ist. Dann macht sich die barbarische Art 
der Bodennutzung in den Reutbergen geltend, und so kommt es, dass 
in einer Höhenlage, auf der im südlichen Schwarzwald noch eine relativ 
sehr ansehnliche Volkszahl unter jedenfalls nicht günstigeren Allgemein- 
bedingungen lebt, nur so wenig Menschen ihr Auskommen finden können. 
Von unten nach oben nimmt die Dichte im allgemeinen gleichmässig 
ab; dass wir, wie Tabelle IX, E y zeigt, teilweise von unten nach oben 
zu grösseren Dicbtezahlen gelangen, hat seinen Qrund in der verschie- 
denen Bodenform der einzelnen Stufen; so zeigt die Karte, dass der 
Stufe IV mehr Berggehänge und steile Thalränder, der Stufe V mehr 
Hochflächen zufallen, daher in letzterer die grössere Dichte der Be- 
völkerung. Die folgende Zusammenstellung zeigt aber aufs deutlichste 
das Gesetz der Abnahme nach oben: 

Es wohnen auf rund 238 qkm zwischen 200 und 400 m 13306 Einw.; Dichte = 56; 

, « 216 , , 400 , 600, 5496 , « = 25; 

, , , , 28 , über 600 m 443 , „ = 16. 

Die Art der Siedelungen kam im Vorstehenden schon zur Sprache; 
an Gemeinden haben wir in unserem Gebiet 8 mit weniger als 500, 7 mit 
500-1000, 7 mit 1000—2000 Einwohnern; die durchschnittliche Ge- 
meindegrösse ist also eine geringe; denn die Gemeinden mit weniger 
als 1000 Einwohnern überwiegen bedeutend. 

ß. Das Hauptgebiet des mittleren Schwarzwalde s. 

Die Umgrenzung dieses Gebirgstockes ist schon früher (S. 58) 
festgelegt worden; die genauere Abgrenzung gegen die Hünersedelgruppe 
ist im vorigen Abschnitt zur Sprache gekommen. Unser Gebiet umfasst 
die Granitregion in der weiteren Umgebung des zum Kinzigsystem 
gehörigen Gutachthaies, dann die Gneiszone, in welche die Elz und ihre 
linken Zuflüsse, sowie das Dreisamgebiet eingebettet sind. Während 
die westlichen Thäler durch hohe Gebirgskämme (Kandel 1241 m) von- 
einander getrennt sind, überwiegt im Osten, im Quellgebiet der Wutach 
und der Donau, die wenig gegliederte Hochebene derart, dass der 
Uebergang in die östlich anstossende Fläche der Baar fast unvermerkt 
sich vollzieht; nur ein deutliches und nicht misszuverstehendes Kenn- 
zeichen lässt hier entscheiden, ob man sich noch auf dem Schwarzwald 
oder schon in der Baar befindet, es ist dies der Wald. Seine Ver- 
breitung, die freilich keine so ausgedehnte mehr ist, wie im nördlichen 
und östlichen Teil des Gebirges, und die auch dadurch weniger gross 
erscheint, dass die Waldungen teilweise ihre obere Grenze erreichen 
und von kahlen Bergkuppen überragt sind, und dass zwischen einzelnen 
Waldkomplexen grosse Weideflächen sich breit machen, hört an der 



122 Ludwig Neumann, [122 

Ostgrenze des Schwarzwaldes, nachdem jenseits des Gneisgebirges eine 
schmale, zum Teil zerstückelte Buntsandsteinzone gefolgt ist, fast voll- 
ständig auf, sobald man in das Bereich des Muschelkalkes tritt. Im 
allgemeinen kann, wie früher ausgeführt, die Höhenlinie von 900 m 
auf sehr lange Erstreckung als Grenze der beiden so verschieden be- 
schaffenen Gebiete angesehen werden. Nach Abrechnung der tief ein- 
geschnittenen Thäler der Gutach, Elz, Wildgutach, Glotter und Dreisam 
liegt das ganze Gebiet durchschnittlich sehr hoch, wie schon ein Blick 
auf die Flächenangaben der Tabellen I und II, sowie IX bis XII klar- 
legt. Liegen doch zwischen 600 und 1100 m volle 53,3 % der Gesamt- 
fläche und über 1100 m noch rund 209 qkm derselben. Bei dieser 
Höhenlage tritt naturgemäss der Körnerbau mehr und mehr zurück, 
immer grössere Flächen sind als Wiesen und Weiden benutzt, die 
Viehhaltung gewinnt gegenüber dem Ackerbau die Oberhand. Damit 
aber werden für den einzelnen Bewohner immer grössere Flächen nöti^, 
um den Lebensunterhalt zu ermöglichen. An Stelle der Siedelungen 
in geschlossenen Orten treten überwiegend diejenigen in kleinen Weilern 
und in Einzelhöfen, und so findet man besonders den fröhlich plätschern- 
den Bergwässern entlang zwischen weiten Wiesenfluren, umgeben von 
vereinzelten Kartoffel- und Haferfeldern, überragt von sanftgeneigten 
Waldbergen und Waldrücken, weit zerstreute Gemeindefraktionen, deren 
letzte Versprenglinge hoch an den sonnigen Halden hinauf zu verfolgen 
sind, soweit dem Boden überhaupt noch irgend etwas abgewonnen 
werden kann. Als Grundbedingung des Daseins hat sich hier längst 
das „Recht der geschlossenen Hofgüter'' herausgebildet, welches als 
wirksames Mittel gegen die Güterzersplitterung ausreicht. Als, wie 
Gothein a. a. 0. ausführt, bei der ursprünglichen Besiedelung die 
Bauernlehen von den grossen Klöstern St. Georgen, St. Peter, St. 
Märgen, Friedenweiler, St. Ulrich und weiter im Süden vom grössten 
unter ihnen, von St. Blasien nach dem Muster der Ebene von vorn 
herein viel zu klein zugeschnitten worden waren, und nachdem man 
dazu noch die vollständige Freiheit der natürlichen Erbteilung und des 
Verkaufsrechtes eingeführt hatte, ergab sich die Folge, dass etwa 200 
Jahre nach der ersten Besiedelung im 11. Jahrhundert der mittlere 
Schwarzwald einer völligen wirtschaftlichen Zerrüttung anheimfiel und 
das Land wieder gänzlich zu Wald zu werden drohte. „Da ist es 
nun interessant, in den Weistümern zu verfolgen, wie der Bauer im 
15. Jahrhundert sich selber half, wie die kleineren Lehen zu grösseren 
Höfen zusammengezogen, wie sie abgerundet wurden, wie sich das 
Recht der geschlossenen Hofgüter, das die Teilung verwehrt und nur 
den Jüngsten zum Erben an Grund und Boden beruft, herausbildete. 
Dies Sonderrecht hält die Landwirtschaft auf dem hohen Schwarzwald 
auch jetzt allein aufrecht, und auch wo es durch die badische Verfassung 
nicht ausdrücklich erzwungen wird, hat es vielfach weite Verbreitung.** 
Durch Gesetz vom 23. Mai 1888 ist das Hofgüterrecht neu codi- 
fiziert worden, und im Anschluss an diese gesetzgeberische Arbeit hat 
in den Jahren 1889 — 91 eine amtliche Erhebung über die geographische 
Verbreitung der geschlossenen Hofgüter stattgefunden, deren Ergebnis 
in der amtlichen Karlsruher Zeitung am 24. Januar 1892 veröffentlicht 



123] 



Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 



123 



worden ist. Danach giebt es an geschlossenen Hofgiitern mit beson- 
derem Erbrecht im Amtsbezirk 



Bondorf . . 
Neustadt 
Villingen 

Triberg . . 

Wolfach . . 

S taufen . . 
Frei bürg 

Waldkirch . 
Emmendingen 

Ettenheim . 

Lahr . . . 

Offenburg . 

Oberkirch . 
Achern 



■ • 



Zusammen . 



4 
190 
121 
339 
704 

71 
792 
819 
435 

50 
18« 

G65 (Gemeinde Durbach 152, Nordrach 115) 
525 

41 



(Gemeinde Biederbach 234) 

(Gemeinde Freiamt 220, Ottoschwanden 171) 



4842, 



welche sich auf 166 Gemeinden verteilen. Sehen wir von den Bezirken 
Bonndorf, Staufen und Achem ab, so sehen wir, dass das Hauptver- 
breitungsgebiet der geschlossenen HofgQter zwischen Wutach, Dreisam 
und Kinzig gelegen ist, also in der Hauptsache im mittleren Schwarz- 
wald und an dessen östlicher Abdachung, dass es aber auch noch etwas 
in den nördlichen Schwarzwald, besonders in das Renchthal hinüber- 
greift, während es im südlichen Schwarzwald beinahe gar nicht zur 
Ausbildung kam. 

Das Hofgütersystem zwang bei anwachsender Bevölkerung, wenn 
die vom Besitz an ßrund und Boden ausgeschlossenen Geschwister 
nicht zeitlebens als Knechte und Mägde sich verdingen oder in die 
Rheinebene hinab auswandern wollten, früh zu industrieller Thätigkeit. 
Dieser Zwang musste noch nachdrücklicher wirksam werden infolge 
des bei der hohen Lage strengen und langandauernden Winters, der 
höchstens Wald-, aber monatelang keine Feldarbeit gestattet. So er- 
stand die Schwarzwälder Hausindustrie, die Zunder- und 
Burstenfabrikation , die Holzschneflerei und die höher ausgebildete 
Schnitzerei, früher schon die Hausspinnerei, Weberei und Stickerei, 
endlich die Uhrenfabrikation und all das, was mit ihr zusammenhängt. 
Es würde hier zu weit führen, die Entstehung, Entwickelung, die Krisen 
und Fortschritte dieser Industrieen darzulegen und auszuführen, wie die 
Schwarzwälder Kleinindustrie eine genossenschaftliche Arbeitsteilung, 
zumal eine solche zwischen Fabrikation und Handel, mit sicherem Takt 
gefunden, wie sie in unscheinbarem Hausierhandel und doch planmässig 
auf allen Linien vordringend sich eher als irgend eine andere deutsche 
Industrie den Weltmarkt erobert hat. Es ist kein unberechtigter 
Stolz, der den Sohn des Landes erfüllt, wenn er auf seinen einsamen 
Skreifzügen durch das heimatliche Gebirge sich der hoch oben am 
Waldrand gelegenen sauberen Häuser freut, die der und jener Uhr- 
macher, aus der Fremde heimgekehrt, sich erbaute, um in behag- 
lichem Wohlstand, den er draussen in der Welt erworben, aber 
in der Väter einfacher Weise seine alten Tage zu verleben und Heimat- 
luft zu atmen bis an sein Ende, gleich jenen Engadiner Zuckerbäckern 



124 Ludwig Neumann, [124 

Russen ÄDgedenkens , die einem in ihrem freien Hochthal so gern er- 
zählen TOn den Herrlichkeiten der europäischen Hauptstädte. Und hat 
man sich in einem jener behaglichen hinterwäldlerischen Wirtshäuser 
mit ihren grossen Stuben und ihrer weiten Fernsicht auf die warme 
Ofenbank gelegt und lässt sich von einem alten Uhrmacher erzählen, 
wie es ihm in Moskau, London oder New York ergangen, oder liest 
er, zutraulich und gesprächig geworden, die neueste englische Zeitung 
oder den Brief eines Sohnes im fernen Westen vor, da erfüllt es mit 
" " ledigung, Zeuge davon zu sein, wie durch die aus so un- 
Änfängen hervorgegangene, durch die Not sozusagen erst 
ie Industrie dem herrlichen Heimatsgehirge eine FOUe von 
Kulturfortschritt und Intelligenz zu teil geworden ist. 
■ Ursprung, Entwickelung und derzeitigen Stand der Schwarz- 
ie geben ausser Trenkles Geschichte der Schwarzwälder 
lesonders die vom Verein für Sozialpolitik (s, Litt-Verz.) 
beneu Berichte Äufschluss. Dieser Quelle mag hier etit- 
}in, dass 1C83 die ersten Glashütten entslanden und dass 
nannte „Glasträger" (Hausierer) kurz darauf die erste Holz- 
weg in den Schwarzwald fand. Die ersten Nachahmungen 
lurch Lorenz Frey aus dem Spirzenthal hei St. Märgen, durch 
auf der Bödeck bei Waldau und durch Simon Henninger 
orgen hatten keine weiteren Folgen. Erst 1725 blühte die 
kunat richtig auf, und als ihre eigentlichen Väter können 
:er von Schollach und Franz Ketterer von Schönwald ange- 
en. 1740 gab es 31 selbständige Uhrmacher. Schon war 
/erk, schon die erste Kuckucksuhr erfunden, bald wurden auch 
ischnitzt als Zierat , und so entwickelte sich die feinere 
eidekunst im Gefolg3 der Uhrmncherei. 1750 ftngen 
( die primitiven Holzwerke zu verdrängen an, 1780 gab es 
Pendel statt der früheren , Unruhe". Allmählich hatte eine 
Arbeitsteilung Platz gegriffen zwischen Gesteltmacherei, 
alerei, Giesserei u. s, w. , zwischen Uhrmachern, Packern 
ern und Hausierern. So ging es mit Krisen und RUck- 
ingsam weiter, 1847 entstand der Gewerbeverein ftlr, den 
mden Schwarzwald in Schönenbach, 1850 die Uhrroacher- 
urtwangen, 1851 die Aktiengesellschaft für Uhrenfabrikation 
;h, dem südlichsten Punkt der Uhren Industrie Oberhaupt 
kamen die Federregulatoren auf, dann die Weckuhren, von 
jährlich über 2 Millionen Stück ihren Weg um die Erde 
rzwald aus antreten. 

waren die Uhrmacher über 02 Orte und Zinken verbreitet, 
1429 Fabrikanten und Meister, 7520 Gehilfen, Furtwangen, 
ttelpunkt der ganzen Industrie geworden, zählte 1870 allein 
Seit den 00er Jahren kamen zur Erleichterung der Haus- 
ie Bestand teil Fabriken auf: eine solche in Triberg liefert 
! Bestandteile fUr 600000 Uhren jeglicher Art. Neben der 
rgekommenen Grossindustrie hat sich die häusliche doch 
gerhalten; man kann bei ihr die eigentlichen Uhrmacher 
en. die wie seit alters her die Uhr in der Familie von An- 



125] jDie Volkadichte im Grossherzogtum Baden. 125 

fang zu Ende fertig stellen; dann die Hilfsgewerbler, nämlich 
Geetellmacher, Qiesser, Tonfedermacher, Zeigermacher, Schilddreher, 
Schildmaler, Emailleure, Lithographen, Galvaniseure, Eastenschreiner, 
Holzschnitzer, Dreher, Werkzeugmacher; endlich die Bestandteil- 
macher, in deren Familie alles bis zum zehnjährigen Kinde herab 
Rohmaterial zurichtet, Räder, Pendel etc. herstellt. 

Man zählt zur Zeit 1034 Kleinraeister mit etwa 2000 Arbeitern 
und 63 Grossbetriebe mit 6000 Arbeitern. Neuerdings ist neben der 
Herstellung der Uhren diejenige der Musikwerke, Orchestrions (52 Be- 
triebe, 260 Arbeiter), dann jene der Haustelegraphen, Telephone, Schreib- 
maschinen, Rechenmaschinen etc. sehr in Aufnahme gekommen. Wenn 
die Berufszählung von 1882 in den drei Bezirken Triberg, Villingen 
und Neustadt rund 9400 Personen ermittelte, welche in der Uhren- und 
Musikwerkindustrie thätig sind, bezw. ihren Lebensunterhalt finden, so 
ist das ein so hoher Prozentsatz der Bevölkerung, dass der Einfluss 
dieser Industrie nicht nur auf den allgemeinen Wohlstand, sondern, um 
was es sich handelt, ganz besonders auf die Volksdichte, und zwar die- 
jenige der Gebiete über 700 m Meereshöhe unverkennbar ist. 

Nehmen wir neben dieser Hauptindustrie, die ein unverwelkliches 
Ruhmesblatt in der Geschichte der Schwarzwaldbevölkerung ausmacht, 
noch die weniger wesentlichen der Strohflechterei, dann die Holz- und 
Steinhauergeschäfte, letztere neuerdings besonders im Gebiete des Granit, 
endlich den nach frühern Ausführungen von jeher überaus wichtigen 
Verkehr auf alten wie neuen Wegen, der gerade den hohen mittlem 
Schwarzwald als ein Land der Strassen und des Transithandels zwischen 
der Rheinebene und der Baar erscheinen lässt, so ist die verhältnis- 
mässig grosse Bevölkerung besonders in den höhern Teilen unsres Ge- 
bietes begreiflich^, als es auf den ersten Blick sein möchte, wo man 
sich durch die Ungunst des Bodens versucht sehen könnte, ähnlich wie 
im Nordosten des Gebirges oder wie im viel niedrigeren Odenwald eine 
wesentlich geringere Zahl von Bewohnern zu erwarten. 

In den mittlem Schwarzwald innerhalb der von uns gewählten 
Grenzen teilen sich die Amtsbezirke Wolfach, Triberg, Waldkirch, 
Freiburg, Neustadt und Villingen. Von Wolfach handelt es sich aber 
nur um das kleine Flächenstück im Süden der Kinzig von Haslach bis 
Schiltach; von Freiburg gehören etwa zwei Drittel hierher, während 
der andere Teil in der Rheinebene gelegen ist; von Villingen ist es 
nur der kleinere Teil in der industriereichen Umgebung von Vöhren- 
bach. Obschon der rechts Ton der Elz liegende Teil des Bezirkes 
Waldkirch schon bei der Hünersedelgruppe Erwähnung und Berück- 
sichtigung fand, und obschon auch ein kleiner östlicher Teil von Neu- 
stadt in die Baar hinüber greift, können doch die drei Bezirke Triberg, 
Waldkirch und Neustadt als solche aufgefasst werden, deren Zustände 
diejenigen des ganzen Gebietes klar veranschaulichen; dieselben sollen 
daher dazu dienen, einige statistische Angaben für den mittlem Schwarz- 
wald festzustellen, wobei zu beachten ist, dass in den diesen benach- 
barten Gebieten von Wolfach, Freiburg und Villingen, soweit diese 
hierher gehören, keine wesentlichen Unterschiede sich geltend machen. 

Nach Hauptkulturen finden wir im mittlem Schwarzwalde rund 



126 



Ludwig Neumann, 



[126 



34^/0 der Fläche in regelmässigem landwirtschaftlichen Betrieb, 27*.o 
derselben sind als Reutberge benutzt, 37 ^/o bewaldet; die entsprechen- 
den Werte des Landesdurchschnittes sind 55,8; 3,4; 36,7. Der Wald 
zeigt also nicht mehr wie im Odenwald und im nordöstlichen Schwarz- 
wald eine über das Mittel hinausgehende Ausdehnung; es hän^ das 
mit der geringen Verbreitung des Buntsandsteins auf der einen Seite, 
mit dem Bedürfnis nach möglichst viel landwirtschaftlicher Nutzfläche 
anderseits zusammen. Da aber Boden und Klima nur ausnahmsweise 
alljährliche Ernte gestatten, so herrscht auch hier das System der Reut- 
berge in weiter Ausdehnung, während die eigentliche landwirtschaft- 
liche Fläche kaum über ein Drittel des gesamten Areals ausmacht. Im 
einzelnen sind bebaut 



als Acker 

, Wiese 

g Rebland .... 
, Gras- u. jstgarten 
„ ständige Weide 
Fläche. 



im mittleren 
Schwarzwalde : 
49,4 
35,4 

0,4 
0,7 

14,0 



in Baden : 

68 
24 

2,5 

1,» 

55,9 7o der landwirtschaftlichen 



Das Ackerland, auf dem zumeist nur Hafer, Winterroggen und 
Kartoffeln zur Anpflanzung gelangen, nimmt annähernd denselben Bruch- 
teil des Gebietes ein wie im nördlichen Schwarzwald, dagegen treten 
die Wiesen zu Gunsten der Weideflächen wesentlich zurück, wie sich 
das aus der Höhenlage direkt erklärt. Dass in den Höhen auch die 
Obstgärten kaum mehr von Belang sind, und dass der Rebbau allein 
noch am Gebirgsfuss von Waldkirch bis Frei bürg lohnt, ist ebenso 
selbstverständlich. Unter diesen Verhältnissen ist leicht ersichtlich, 
dass der Boden allein nicht im stände ist, die vorhandene Bevölkerung 
zu ernähren, dass diese also direkt zur Aufsuchung industrieller Hilfs- 
quellen gezwungen erscheint. 

Die Berufsstastik von 1882 bestätigt dies mit ihren Ergebnissen 
vollständig. Es ernähren sich 

auf dem . . t» j 
mittleren im j^ ^^^^^ ^^ p^^. m Baden 
Schwarz- Kraich- ^^ ^ Über- 
walde : gau : haupt : 

von landwirtschaftlicher Thätigkeit 
, Industrie und Handelsthätigkeit 

Prozente der Bevölkerung. Der Gegensatz zwischen der Ackerbaube- 
völkerung auf dem fränkischen Stufenland und im Kraichgau einerseits 
und der industriellen auf dem hohen Schwarzwalde anderseits tritt durch 
diese Gegenüberstellung in das grellste Licht. Wenden wir uns hier- 
nach zur Volksdichte selbst, so ist dieselbe im Elzthal, dessen unterer 
Teil in Waldkirch und seiner Umgebung lebhafte Fabrikthätigkeit ent- 
faltet, auch oberhalb der 300 m-Isohypse unter dem Einfluss dieser 
Nachbarschaft noch eine sehr ansehnliche, nämlich 140 pro qkm. Der 
fruchtbare und ergiebige Thalboden, die Lage an einer alten und viel- 



43 


58 


57 


64 


59 


48 


35 


36 


30 


41 



J27] ^iß Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 127 

begangenen Strasse auf die Hochflächen im Osten, und in neuerer Zeit 
die zahlreichen industriellen Anlagen aller Art, die durch die günstigen 
und billigen Wasserkräfte hervorgerufen wurden, haben hier zu einem 
ansehnlichen Grade der Volksverdichtung führen können. Die höhern 
Thalstufen und der Thalrand sind schon wesentlich schwächer bevölkert 
(62 Einwohner pro qkm). 

Das Dreisamthal und seine Umrandung steht durchaus unter dem 
Einflüsse der nahe gelegenen, erst bei der Rheinebene zu besprechen- 
den Stadt Freiburg, die für zahlreiche Marktprodukte eine immer kauf- 
fähige Abnehmerin ist. Die grosse Dichte des Schiitachthaies ist auf 
die industriereiche Stadt Schramberg (Württemberg) zurückzuführen, 
diejenige des Bergthaies und seiner nächsten Umgebung auf die Uhren- 
industne, die in dem Städtchen Vöhrenbach und in den Gehöften der 
entsprechenden Höhenstufe, vor allem aber in Furtwangen ihren Haupt- 
sitz hat. Die Stufe von 500 — 600 m zeigt eine auffallend dünn ver- 
teilte Bevölkerung, sie gehört eben ganz den steilem Thalgehängen im 
Westen an und greift nirgends hinüber auf die weiten, einladenden 
Flächen des Ostens. 

Im Höhengebiet von 600— 900 m haben wir rund 30, und von 
«lfm— 1100 m noch 17 Einwohner pro qkm, also eine Dichte, die im 
vordem Odenwald schon in der Höhe von 400 m angetroflFen wird. Es 
wohnen über 1000 m noch 1957, über 1100 m sogar noch 50 Einwohner, 
die ständigen Wohnorte ragen beinahe bis zum Gipfelpunkt des Ge- 
tiietes, bis zum Eandel (1241 m) auf; liegt doch der alte Kandelhof 
1177 m und das seit der Volkszählung von 1885 erst eröfinete Kandel- 
baus, welches ständig bewohnt ist, sogar 1205 m hoch, so dass die 
nächste Volkszählung im mittleren Schwarzwalde noch Einwohner über 
der Höhenlinie von 1200 m zu zählen haben wird. 

Bezüglich der Art und Grösse der Siedelungen möge bemerkt 
werden, dass im mittleren Schwarzwalde nach Ausschluss der Hüner- 
^elgruppe gelegen sind: 

'jemeinden mit unter 500, 500—1000, 1000—2000, über 2000 Einwohnern 

43 32 11 4 

Es überwiegen also hier wieder ganz bedeutend die kleinen Ge- 
; meinden. Da die meisten derselben in sehr viele zerstreute Wohnorte 
zerfallen, ist es auch hier schwierig, sie nach der Höhenlage anzuord- 
nen. Nach der Grenze von 700 m, die annähernd die Höhen von den 
Tbalboden scheidet, auseinander gehalten, giebt es 

'winden mit unter 500, 500—1000, 1000—2000, über 2000 Einw., ^uf ^™^qfa^ 

«a«r700m 27 23 4 2 16,8 

i^^ 700 m 16 7 2 19,8 

Relativ hat die Höhe mehr grössere als kleinere Gemeinden. — 
Aus den Verhältnissen der 3 Amtsbezirke Triberg, Waldkirch und Neu- 
•Uit gewinnen wir folgende Daten : 

In 7 Stadt- und 66 Landgemeinden finden sich nur 48 geschlossene, 
iigegen 1030 zerstreute Wohnorte, zumeist Einzelhöfe. Auf eine Ge- 



128 Ludwig Neumann, [128 

meinde kommen durchschnittlich 780, auf einen Wohnort 53 Einwohner: 
auf eine Gemeinde kommen im Mittel 15 Wohnorte, im Amte Triberg 
aber, dessen Verhältnisse fast ganz mit denen von Wolfach überein- 
stimmen, sogar 45. Es erhellt hieraus aufs neue die weitgehende Ver- 
teilung der Bevölkerung auf Wohnorte kleinster Art. Was endlich in 
unsem 3 Bezirken den Antheil der Gemeinden verschiedener Grösse an 
der Gesamtzahl der Bevölkerung betrififl, so sind vorhanden 

Gemeinden mit unter 500, 500—1000, 1000—2000, über 2000 Einwohnern, 

33 22 11 7 oder 

45 30 15 10°/o. Darin wohnen 

18 28 23 31^0 der Bevölkerung. 

Die grossen, zum Teil allerdings ausserordentlich zerstreuten Ge- 
meinden haben also an der Gesamtbevölkerung einen viel grössern An- 
teil als die kleinen Gemeinden. In 75 Gemeinden mit weniger als 1000 
Einwohnern wohnen nur 46®/o, in 25°/o der Gemeinden mit mehr als 
1000 Einwohnern aber wohnen 54 ^/o aller Einwohner. 

d) Südliclier Sohwarzwald und Elettgau. 

Der südliche Schwarzwald umfasst in dem weiten Gebiete zwischen 
dem Oberrhein und der Rheinebene von Waldshut bis Preiburg, vom 
Dreisam- bis zum Wutachthal und den Höhen des Randen ausserordent- 
lich verschiedenartige Bestandteile, sowohl nach Bodenform als Boden- 
beschaflfenheit. Da finden wir zunächst am Westrande zwischen Frei- 
burg und Basel Schollen mesozoischen Gebirges dem Grundgebirge 
vorgelagert, und breite Zonen tertiärer Bildungen verschiedener Art, 
von denen die Region der oligocänen Bohnerze im Süden von Müllheim 
für Industrie und Besiedelung lange eine grosse Wichtigkeit besessen 
hat. Am Gebirgsrande, besonders auch im Rheinthale von Basel ab 
aufwärts bis ins Klettgau bei SchafPhausen hinauf, das seiner geringen 
räumlichen Ausdehnung wegen hier mit besprochen werden soll, finden sich 
als Moränenbildungen der alten Schwarzwaldvereisung und des grossen 
Rheingletschers der Vorzeit, dann auch in Gestalt von mächtigen Fluss- 
terrassen weit ausgedehnte Gebilde der Diluvialzeit; auch die obern 
Thalflächen in der weitern Umgebung des Feldberges werden vielfach 
von den untrüglichen Zeugen früherer, sehr umfangreicher Vergletscherung 
ausgefüllt. Von der Dreisam bis zur Linie MüUheim-Todtnau-Titisee 
setzt sich noch das grosse Gneisgebiet des nördlichen und mittleren 
Schwarzwaldes fort, dann folgt eine schmale Zone von Thonschiefern, 
Sandsteinen und Konglomeraten der Kohlenformation, die sich bei der 
leichten Verwitterbarkeit dieser Bildungen durch Schutthalden von gsjii 
gewaltiger Ausdehnung, besonders im Wiesenthal bei Schönau und 
seiner weitem Umgebung, auszeichnen. Dann folgt weiter nach Süden 
ein grösseres Granitgebiet, das im Osten der Wehra durch einzelne, 
räumlich nicht sehr ausgedehnte Gneisflächen unterbrochen wird. Im 
Norden der Wiese, zwischen Lörrach und Schopfheim, haben wir das 
Grundgebirge von Buntsandstein überdeckt, der sich auch im Osten der 
Granitzone als schmale, bandartig ausgebreitete Ueberlagerung vielfach 



\ 



129] I^ie Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 129 

findet. Endlich dehnt sich zwischen Basel, Schopfheim und Säckingen 
die Muschelkalkhochebene des Dinkelberges aus, und eine ähnliche 
finden wir im Knie der Wutach zwischen Gündelwangen , Grimmels- 
hofen und Waldshut. Jenseits der Wutach, also im Rlettgau und 
am Westabhange des Randes, befinden wir uns bereits im Gebiete 
des Jura. 

Hand in Hand mit dieser Vielseitigkeit der Bodenbestandteile geht 
eine ebensolche der Oberflächenformen. Vom Centralpunkte des Feld- 
berges (1493 m), des höchsten Gipfels im Schwarzwald, laufen strahlen- 
förmig nach allen Seiten eine grössere Anzahl von Gebirgskämmen aus, 
deren Mittelhöhe auf längere Erstreckung über 1100 m bleibt. Da- 
zwischen sind die Thäler sehr tief eingeschnitten, so dass das Relief 
des Gebirges hier ein überaus belebtes ist. Das gilt besonders vom 
westlichen Teile unseres Gebietes, der sich durch grosse Steilheit der 
Gehänge auszeichnet. Nach Süden und Südosten vom Feldberg aus 
ändert sich dieser Charakter des Gebirges bald. Hier dehnen sich 
zwischen Wehra, Oberrhein und Wutach weite, wenig gegliederte, aber 
im ganzen nach Südost abfallende Hochflächen aus, in welchen die 
Thäler schluchtartig ausgebildet sind, so dass sie der früheren Technik 
des Wegebaues unüberwindliche Schwierigkeiten entgegensetzten, während 
bei den Thälem im Westen dies durchaus nicht der Fall ist. Hierin 
liegt fQr die Art der Besiedelung ein zwingender Grund zu fundamen- 
talem Gegensatz zwischen West und Ost. Dort die Hauptsiedelungen 
in den Thälem, hier auf den Hochflächen. 

Was die Anbauverhältnisse des südlichen Schwarzwaldes betrifit, 
so finden wir in der Umgrenzung der „Statistischen Mitteilungen**, aber 
mit Ausschluss des Bezirkes Neustadt, der zum grossen Teil der Region 
des mittleren Gebirgsteiles angehört, 53 ^/o der Bodenfläche landwirt- 
schaftlich benutzt und 42 ^/o bewaldet; die landwirtschaftliche Fläche 
erreicht also beinahe die Ausdehnung des Landesdurchschnittes (55,8 ^/o), 
während die Bewaldung das Landesmittel (36,7 ^/o) noch ansehnlich 
übertrifft. Die Bewirtschaftung von Reutbergen ist gegenüber der- 
jenigen im nördlichen und mittleren Gebirgsteile sehr gering vertreten, 
nur noch etwa 1,2% des Bodens stehen unter dieser wenig erspriess- 
lichen Art von Kultur. Dagegen ist die Ausdehnung unbenutzbaren 
Bodens eine ziemlich bedeutende, besonders im Gebiete der Schutt- und 
Trümmerhalden der Steinkohlenformation und der benachbarten steilen 
Gneishänge im Quellgebiet der Wiese. 

Die verhältnismässig grosse landwirtschaftliche Fläche findet sich 
aber nicht gleichmässig durch das ganze Gebiet verteilt. Sie beherrscht 
das Hügelgebiet der tertiären Kalke zwischen Lörrach und Staufen, 
dann den Dinkelberg und die östliche Muschelkalkplatte im Amtsbezirk 
Bonndorf. 

Das höhere Gebirge, besonders in der Gneisregion, ist bis zur 
oberen Baumgrenze reichlich mit Wald bedeckt, der an den steilen 
Thalflanken im Südosten, auf dem Buntsandstein an der mittleren 
Wiese und in der Granitzone ebenfalls eine grosse Verbreitung hat, 
wenn auch die Waldkomplexe nicht mehr die Ausdehnung besitzen, 
die wir im Norden des Gebirges gefunden haben. 

Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde. VIJ. i. 9 



130 Ludwig Neumann, [130 

Von der landwirtschaftlichen Fläche ist benutzt als: 

Acker etwa 49 7o des Bodens; in Baden durchschnittlich 68 ^o 

Wiese , 29 . , , , , 24 

Rebland , 0,4 , , , » » 2,s 

Gras- und Obstgarten »2,.^^, „ 1,0 

Ständige Weide . . , 20 , » , « , 3,» 

Das Ackerland, von dem durchschnittlich etwa 10 ^o in der Brache 
liegen, tritt hinter den Landesdurchschnitt ganz wesentlich zurück; dem 
gegenüber kann der südliche Schwarzwald als ein Land der Wiesen 
und Weiden bezeichnet werden. Zumeist sind es die letzteren, welche 
in den höheren Lagen neben dem Wald das landschaftliche Gepräge 
des Gebietes beherrschen, und welche für die Art des Wirtschafts- 
betriebes in erster Keihe massgebend sind. Im Bezirk St. Blasien 
macht die Weide etwa 40, im Bezirke Schönau über 60 ^/o der land- 
wirtschaftlichen Fläche aus. Zumeist findet sie sich an steilen Trümmer- 
halden, an denen die dünne Humusschicht vom Wasser gar leicht 
weggeschwemmt wird, nicht in sehr günstigen Verhältnissen. Da Rebe 
und Obst nur am Gebirgsrande und in den geschützten Teilen der 
tiefen Hauptthäler reiche Erträgnisse liefern, da der Ackerbau auf den 
kleinen ihm zur Verfügung stehenden Flächen und auf den meist ge- 
ringen Böden zur Ernährung der Bevölkerung bei weitem nicht aus- 
reicht — es wird zumeist Spelz, Winterroggen und Winterweizen ge- 
pflanzt, sodann Hafer und Kartoffeln — so ist die Hauptthätigkeit der 
Landbevölkerung auf die Viehzucht gerichtet, und daraus erklärt sich 
auch, dass ausser den üblichen Futterkräutern sehr viel Gras auf dem 
Acker gepflanzt wird. An Handelsgewächsen ist nur weniges an Raps, 
Hanf und Flachs zu erwähnen. 

Hat nun auf den Höhen des mittleren Schwarzwaldes die Not 
zum System der geschlossenen Hofgüter und zur Einführung einer 
geradezu bewunderungswürdigen industriellen Thätigkeit geführt, die 
ihren Ursprung durchaus als Hausindustrie genommen hat, so ist 
in diesen beiden Beziehungen der Bewohner des südlichen Schwarz- 
waldes andere Wege gegangen. Das Hofgüterrecht erstreckt sich von 
der Umgebung des Feldbergs ab nicht mehr allgemein nach Süden, 
besonders ist im Südosten, auf der zwischen Wehra und Alb gelegenen 
Hochfläche der alten Grafschaft Hauenstein, auf dem sogenannten 
„Hotzenwalde", die Güterparzellierung sehr weit gediehen; Hand in 
Hand damit, und infolge jahrhundertelangen Haders mit den Grund- 
herrschaften, zumeist mit der Abtei St. Blasien über die Benutzung der 
Allmenden, hat sich die bei den Gerichten alter und neuer Zeit nur 
allzu bekannte Prozesssucht der Hauensteiner entwickelt, die die Be- 
völkerung immer mehr in wirtschaftlichen Zerfall brachte, aus dem sie 
sich bis heute nicht ganz zu erholen vermocht hat. 

Unten in den Thälern aber und am Fuss des Gebirges, da haben 
sich die Verhältnisse günstiger gestaltet. Brachten früher die Erz- 
gruben am Schauinsland, im Münsterthal, bei Sulzburg, Badenweiler 
und im oberen Wiesenthal Erwerb und damit Zuzug an Bevölkerung, 
so dass z. B. allein in Sulzburg ums Jahr 1540 über 500 Bergleute 
ihren Wohnsitz hatten, so hat allerdings diese Thätigkeit seit den 



131] Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 131 

60er Jahren unseres Jahrhunderts ihr Ende gefunden, da die Erträg- 
nisse der zahlreichen Gruben nimmer lohnend genug waren. Auch die 
Thoneisensteine und Bohnerzlager bei Kandern und seiner weiteren 
Umgebung scheinen erschöpft und mit ihrem Betrieb wurde auch der- 
jenige mehrerer grösserer Hütten- und Hammerwerke im südlichen 
Schwarzwalde, die früher lebhafte Thätigkeit entfaltet hatten, eingestellt. 

Dagegen aber fand seit 1770, in welchem Jahre Leodegar Thoma 
sich als gewerbsmässiger Bürstenmacher etablierte, in der Umgebung 
des Feldbergs, besonders in Todtnau und dessen Umgebung die Bürsten- 
fabrikation Eingang und entwickelte sich langsam, durch mannigfache 
Krisen aufgehalten, zu ihrer heutigen Bedeutung. 1882 zählte man im 
Amte Schönau 1334 Personen, welche ihren Unterhalt in der teils als 
Hausindustrie, teils fabrikmässig betriebenen Bürstenmacherei gewinnen 
und dem Bezirke einen Gewinn von etwa 1,5 Millionen Mark zuführen. 
Von dem Centralpunkte Todtnau aus hat übrigens dieser Industriezweig 
auch anderwärts im Lande Eingang gefunden, so in Donaueschingen, 
Freiburg, Offenburg, Mannheim, Heidelberg; im ganzen leben in Baden 
3052 Personen von der Bürstenmacherei. Ganz uuverhältnismässig grösser 
als die Wichtigkeit dieser eben genannten Industrie ist diejenige einer 
anderen, welche im südlichen Schwarzwalde einen sehr grossen Bruch- 
teil der Bevölkerung beschäftigt und ernährt, und welche vielen Teilen 
dieses Gebietes zu bedeutendem Wohlstande verholfen hat. Wir meinen 
die Textilindustrie. 

Dieselbe ist aus der nahen Schweiz über den Rhein herüberge- 
kommen und verdankt ihre Einbürgerung den reichlichen Wasserkräften 
des Gebirges. Wenn sie auch an einigen andern Orten des Landes 
Eingang gefunden hat, so ist doch ihr Hauptverbreitungsgebiet im 
südlichen Schwarzwald gelegen, und vom Klettgau am Oberrhein herab 
bis Basel, an der Mündung und längs der zahlreichen südlichen Wasser- 
läufe, ebenso in den Westthälern des Gebirges finden wir sie vertreten; 
ihr Mittelpunkt ist aber das Wiesenthal geworden, in welchem wir von 
Todtnau bis zur Schweizer Grenze Fabrik an Fabrik finden. Von 
23 700 in der Textilindustrie Badens Beschäftigten gehören den Kreisen 
Lörrach und Waldshut allein drei Vierteile, nämlich 17 970 an. 

Die Grossartigkeit dieser Industrie mag auch daraus erhellen, 
dass, während in den zwei genannten Kreisen 55 ^/o ihrer Bewohner 
sich landwirtschaftlich beschäftigen, 39 "/o derselben in gewerblichen 
und Verkehrsberufen thätig sind, und dass davon wieder beinahe ein 
Dritteil auf die Textilindustrie kommt. Rechnen wir zu diesen Zahlen 
noch diejenigen der benachbarten Bezirke Freiburg, Waldkirch und 
Emmendingen, so können wir sagen, dass das ganze Südwestdreieck 
Badens, vom Kaiserstuhl über Basel bis ins Klettgau durch diese einzige 
Industrie ein ganz spezifisches Gepräge ihrer wirtschaftlichen Gestaltung 
bekommt, wie es sonst bei vorherrschend ländlicher Bevölkerung sich 
nicht leicht wieder findet. 

Im einzelnen finden wir Seidenfabriken, die zumeist der Herstel- 
lung von Nähseide, Florettseide und Seidenbändern dienen, abgesehen 
von Bräunlingen und Obereschach in der Baar und von einigen Orten 
in den nördlichen Landesteilen, in Kleinlaufenburg, Säckingen, Nieder- 



132 Ludwig Neumann, [132 

hot, Tiefenstein, Thumringen, Zell im Wiesenthal, Wieden, im Münster- 
thal, Freiburg, Waldkirch, Gutach, Prechthal u. a. 0. Wollfabrikation 
wird betrieben in Lörrach, Wehr, Staufen. 

Am wichtigsten ist weitaus die Baumwollspinnerei, -Weberei, 
-Druckerei und -Färberei, und diese Industrieen haben ganz besonders 
dem Wiesenthal und seiner Umgebung zur Weltberühmtheit verholfen. 
Die badischen Fabriken, dieser Branche gehören zu den grössten 
Deutschlands. Neben Ettlingen, Offenburg, Lahr und einigen anderen 
Orten sind hier zu nennen die Fabriken in Waldkirch, Kollnau, Frei- 
burg, in zahlreichen Orten des Wiesenthals, besonders in Lörrach, dann 
in Wehr, Oef lingen. Brennet, Säckingen und am Rhein hinauf bis nach 
Unterlauchringen und Hohenthengen im Klettgau, endlich im Albtbal 
zu Tiefenstein und St. Blasien. 

Dass diese grossartige Industrie in ganz ausserordentlicher Weise 
volksverdichtend gewirkt hat, zeigt ein Blick auf unsere Karte; im 
einzelnen wird hierauf noch zurückzukommen sein. 

Kurz mag auch noch der Verkehrslage des südlichen Schwarz- 
waldes gedacht werden. Wie im mittleren Schwarzwalde, so haben 
wir auch hier eine Reihe uralter „Hochstrassen**, von denen nur die 
eine erwähnt werden möge, die Yom Titisee im oberen Wutachgebiet, 
das über den Turner, St. Märgen und St. Peter, oder über den Turner 
und das Spirzenthal von Freiburg aus erreicht wurde, ehe der Pass 
durchs Hölienthal erschlossen war, über die Hochfläche von Bonndorf 
nach Stühlingen und weiter nach Schaffhausen führte. Wichtig war 
auch die von Freiburg über die Halde nach Todtnau, St. Blasien und 
Waldshut. Doch treten diese und andere Verkehrslinien im inneren 
Gebirge an Wichtigkeit immerhin wesentlich zurück gegen jene am 
Rande, nämlich längs des Rheines von Schaffhausen nach Basel und 
von hier abwärts nach Norden. 

Vom Becken des Schwäbischen Meeres führte von alters her eine 
Hauptverkehrslinie auf dem schiffbaren Rhein bis Schaffhausen und 
von hier nach Umgehung des Falles weiter bis Waldshut; von den 
Alpenpässeu Graubündens führte eine andere internationale Hauptstrasse 
des Mittelalters dem Rheine nach abwärts bis Sargans, dann ging es 
über die niedere Wasserscheide zum Walensee, von wo an der bequeme 
und billige Wasserweg durch Linth, Zürichersee, Limmat und Aare 
bis Waldshut offen stand. Der Rhein selbst erschien den Handels- 
leuten und Reisenden iener Zeiten auf der Strecke von Waldshut bis 
Basel und von hier in der Ebene bis Breisach und Strassburg nicht 
SO ungeeignet als Wasserstrasse, wie dies in der Gegenwart der Fall 
ist. Das Schiffer- und Lotsengewerbe blühte kräftig, und ihm ver- 
danken die Städte und Orte am Fluss grossenteils ihre Entstehung und 
Bedeutung, und daneben mag auch der Lachsfang eine nicht unwesent- 
liche Rolle gespielt haben, namentlich überall dort, wo Stromschnellen 
und Engen ihn erleichterten, wie in Laufenburg. Nehmen wir dazu 
noch den fruchtbaren Boden, der dem ganzen Oberrhein entlang inten- 
sive Ackerkultur und ergiebigen Weinbau gestattet, so haben wir die 
Hauptgründe kennen gelernt, welche am Südfusse des Schwarzwaldes 
eine verhältnismässig dichte Bevölkerung angesammelt haben. 



133] I^i^ Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 133 

Die Betrachtung der Volksdichte in den einzelnen Gebieten und 
Höhenstufen giebt nun, nachdem die Verhältnisse der Bewohner im 
ganzen kurz skizziert worden, zu mehrfachen Einzelausführungen noch 
mannigfachen Anlass. Zunächst drängt sich hier der Vergleich zwischen 
der gesamten Bevölkerung im mittleren und im südlichen Schwarzwald 
auf. Ist dort die Dichte nur 39 auf den qkm, so ist sie hier 75, also 
fast das Doppelte. Dieser sehr bedeutende Unterschied lässt sich 
offenbar leicht auf die im Vorstehenden zur Sprache gekommenen 
Ursachen zurückführen; während im mittleren Schwarzwalde die ßeut- 
bergekultur grössere Einwohnerzahlen gar nicht aufkommen lassen kann, 
so wenig dies im nördlichen Schwarzwalde der Fall ist, wo wir nur 
in den Thälern und an den Gebirgsrändern dichtgesäte und volkreiche 
Niederlassungen finden, so dass schon über 400 m die Dichte auf 
25 pro qkm herabsinkt, und während der mittlere Gebirgsteil durch 
seine in der Hauptsache auch heute noch als Haasindustrie aufzu- 
fassende Uhrenfabrikation und durch das in der Höhe geltende Hof- 
güterrecht es eben gerade noch ermöglicht, dass der Ungunst von 
Boden und Klinia einigermassen standgehalten wird, so fehlen diesem 
Gebiete die wichtigeren, die europäischen Hauptstrassen des Handels 
und Verkehrs, an welche der südliche Schwarzwald anzugrenzen auf 
zwei Seiten, im Süden und Westen, in der glücklichen Lage ist. Dazu 
kommt der Gang, den die industrielle Entwicklung genommen hat. 
Den grossen Fabriken, welche ganze Thäler entlang gleich den Gliedern 
einer Kette aneinander gereiht sind, und welche vielen Tausenden Arbeit 
und Erwerb bringen, kann in der Wirkung auf die Volksdichte der 
Einfluss der Hausindustrie nicht an die Seite gestellt werden. Endlich 
hat der südliche Schwarzwald in seinen Ealkplateaus einige ganz aus- 
gezeichnete Ackerbaugebiete, die auch nur in annähernder Ausdehnung 
dem mittleren Gebirge fehlen. All das zusammen giebt dem Süden die 
relativ viel grössere Bevölkerung, auf deren Verdichtung an der süd- 
westlichen Ecke des Landes übrigens auch die Nähe der durch so 
überaus glückliche Lage ausgezeichneten Industrie- und Handelsstadt 
Basel mächtig einwirkt. Abgesehen von den Fabriken in Lörrach und 
Umgebung wohnen sehr zahlreiche Arbeiter der Basler Industriebetriebe 
im diesseitigen Gebiet, wie auf der andern Seite die Intensität der ge- 
werblichen Thätigkeit auch über die Schweizer Grenze hinüber durch 
die Nähe der grossen Stadt kräftig gefördert wird ^). 

Beginnen wir mit dem Fuss des Gebirges im Südwesten, so haben 
wir an dem schmalen Uferstreifen zwischen dem Rhein und dem in 
steilen Jurakalkwänden aufsteigenden Gebirge von der Stelle ab, wo 
die rechtsrheinische Ebene ihr oberes Ende erreicht, bis dorthin, wo 
das Gebirge wieder mehr vom Fluss zurücktritt, also auf der Strecke 
von Schliengen bis Efringen, eine Dichte von 138 pro qkm, die das 
Landesmittel ganz wesentlich übertriflFt. Rebbau, Landwirtschaft, 
Fischerei, vor Zeiten auch das Schiflferge werbe, dann die Lage an der 

« 

*) Vergleiche hierzu die höchst wertvollen Bearbeitungen der Volkszählung 
des Kantons Basel-Stadt vom 1. Dezember 1888 von Prof. Dr. Karl Bücher, be- 
sonders das Heft: Die Bevölkerung des Kantons Basel-Stadt vom 1. Dezember 1888. 
mit 8 Karten. Basel 1890. 



134 Ludwig Neumann, [134- 

TOn Sud nach Nord gericliteten Hauptstrasse vom nahen Basel nach 
Mitteldeutschland haben hier die Siedelungen sehr dicht aneinander- 
gereiht. In der kleinen Ebene von Eiringen bis Basel macht sich der 
Gegensatz der Lage über dem gesicherten Hochufer des Stromes und 
unter demselben im Gebiete der Ueberschwemmungen sehr geltend, 
wie die Dicbtezahlen 1(30 und 96 deutlich zeigen. 

Jenseits des TUllinger Beides im untersten Wiesenthal finden wir 
die oft genannte Fabrikstadt Lörrach, deren steigende Bedeutung folgende 
Zahlen veranschaulichen: 

1864 1875 1885 



Das benachbarte Dorf Stetten ist im Laufe der letzten Jahrzehnte 
entsprechend gewachsen und zum Vororte von Lörrach geworden : ahn* 
liebes gilt vom ganzen unteren Wiesenthal, so dass die unter 300 m 
gelegene nächste Umgebung der Stadt mit 339 Einwohnern pro qkm 
zu den dichtest bevölkerten Landesteilen gehört, die Stadt als solche 
abgerechnet. Steigen wir eine Stufe höher (300^400 m), zeigt sich die 
bedeutende Wirkung der Textilindustrie auch weiter im Wiesenthal auf- 
wärts, wo die Dichte von 282 diejenige des in erster Reihe auf Reb- 
bau und Landwirtschaft überhaupt angewiesenen Höhensaumes von 
Freiburg bis Schliengen und des Hügellandes zwischen Schliengen und 
Lörrach trotz der Güte des Bodens wesentlich öbertriSl. Auch in der 
folgenden Stufe (400 — 500 m) hat das Wiesenthal mit seiner Umran- 
dung noch eine im Vei^leich zum Landesmittel starke Volkszahl (170), 
während in gleicher Höhe am Westabhang des Gebirges die Dichte 
— ' — 'ist auf ein Drittel dieser Zahl (4(5) gesunken ist. Klarer könnte 
ensatz zwischen industrieller und landwirtschaftlicher Bevölke- 
r nicht zum Ausdruck kommen, wobei zu beachten ist, dass 
^estabhang zu den klimatisch und nach Bodenbeschaffenheit 
bsten Gebieten des Landes gehört. 

shen wir vom Rheinknie nach Osten, so finden wir in den hohen 
bleu ftlr das Rbeinthal in den Stufen HI und IV des Schwarz- 
und des Elettgaues die unverkennbare Wirkung der oben schon 
. gemachten Umstände, der milden Lage, des guten Bodens, 
verbes, den Fischfang und Schiffahrt gewähren, der uralten 
^Strassen und der eingebürgerten Industrie, 
in Interesse erscheint der Dinkelberg. Sein nicht stark be- 
r KalkrUcken ist in der Hauptsache Getreideland. Aber die 
Igen haben die wasserarme Oberfläche des Plateaus ziemlich 
ent vermieden und sich am Rande desselben festgesetzt. Wäh- 
iO die Gemarkungen der Dinkelbergorte quer über die Höhe 
n, liegen diese selbst fast alle am Fusse der Erhöhung, in der 
ene von Basel bis Brennet und im Wiesenthal von Basel bis 
eim. Die von SUd nach Nord aufeinanderfolgenden Dichtezahlen 
', 23 stellen dies Verhältnis aufs beschaulichste dar. 
1 Scbwarzwalde selbst nehmen nach oben zu die Dichtegrade von 
}0 m im allgemeinen ab, doch zeigen sich zwischen den Grenzen 
30 Einwohner pro qkm mannigfache Schwankungen, die zumeist 



135] I^i^ Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 135 

auf die grossere oder geringere Steilheit der Gehänge, darauf, ob eine 
Stufe mehr als Plateau, oder mehr als Thal und Thalrand ausgebildet 
ist, sich zurückführen lassen. Eines ist hier jedenfalls in hohem Grade 
auffallend, nämlich der Umstand, dass die Thäler von der Wiese nach 
Osten keine dichtere Bevölkerung mehr aufweisen als die Hochflächen. 
Die Gründe dieses Zustandes sind schon wiederholt angedeutet worden, 
und ein Blick auf die topographische Karte macht dieselben auch dem 
nicht Landeskundigen ohne weiteres klar. Die Hochflächen weisen 
Weidefluren, Wiesen, Ackerland und Dorfanlagen auf, die Thalschluchten 
>:ind mit Ausnahmen einiger Säge- und Mahlmühlen ganz menschenleer 
oder zeigen nur an vereinzelten kesseiförmigen Ausweitungen grössere 
geschlossene Niederlassungen. Die Thalgehänge endlich werden von 
wilden Felswänden gebildet oder sind, wo Bäume Wurzel fassen können, 
mit Wald bestanden. Während die Dichte dieser ganzen Höhenzone 
etwa 50 im Mittel beträgt, ist es auf den ersten Blick auffallend, 
zwischen Steina und Wutach in der Höhenzone von 800 zu 900 m auf 
einer Fläche von fast 50 qkm eine Volksdichte von 155 pro qkm zu 
finden. Das Gebiet, um das es sich hier handelt, ist in der Hauptsache 
ein einziges grosses Ackerfeld, wie es sich in der Umgebung von Bonn- 
dorf weithin ausdehnt; nach Westen aber liegt in dieser Zone noch ein 
Teil der industriellen Umgebung von Lenzkirch und Neustadt, also ein 
Gebiet, das dem Typus des hohen mittleren Schwarzwaldes entspricht. 

Diesem mittelhohen Teile des südlichen Schwarzwaldes möge hier 
kurz das nahegelegene Wutachthal und das Klettgau* angereiht werden. 
Diese Landesteile können nach ihrer Bodenbeschafl^enheit und Ober- 
flächenform füglich nicht mehr dem Schwarzwalde zugezählt werden, 
sind ihm aber im ganzen nahe verwandt; die tieferen Lagen nehmen, 
wie schon erwähnt, noch lebhaften Anteil an den Industrieen des 
Schwarz Waldes , im allgemeinen aber handelt es sich hier um Gebiete 
vorwiegenden Körnerbaues auf jurassischen, tertiären und diluvialen 
Boden. Die höheren Gebirgsteile sind ziemlich ansehnlich bewaldet, 
und so nimmt die Volksdichte nach oben zu auch ganz regelmässig ab 
von 111 auf 66, 18 und 2,4 Einwohner pro qkm, wobei das Terrain, 
um das es sich handelt, nur von 300 bis wenig über 600 m aufsteigt. 
Die mittlere Dichte im Klettg&u und Wutachthal entspricht ziemlich 
genau derjenigen auf den fränkischen Stufenlandschaften, mit denen 
sich gewisse Aehnlichkeiten in Bodenform und Bebauung auch unver- 
kennbar zeigen. Die grössere Höhe des Klettgaues — im Mittel 445 m 
gegen 300 in Franken — wird ausgeglichen durch das mildere Klima. 

Gehen wir zum höchsten Teile des südlichen Schwarzwaldes über, 
so haben wir über 900 m noch eine Dichte von 32 , über 1000 noch 
eine solche von 20 Einwohnern pro qkm. Während bis' zu 1100 m 
noch eine Anzahl von teilweise geschlossenen Orten angetroffen werden, 
liegen über dieser Stufe nur noch einzelne Zinken und Höfe, und es 
muss festgehalten werden, dass diese Höhenlage, wie dies in dem Ab- 
schnitte über die klimatologischen Verhältnisse Badens ausgeführt wurde, 
infolge der Temperaturumkehr wesentlich besser daran ist, als es auf 
den ersten Blick den Anschein hat, besser jedenfalls als die tiefer 
liegende Hochfläche der Baar. 



136 



Ludwig Neumann, 



[136 



' 



Es dürfte hier von Interesse sein, die höchstgelegenen ständigen 
Wohnorte im Schwarzwalde zusammenzustellen. Im mittleren Teile 
des Gebirges liegen die Hauptteile der zerstreuten Gemeinden Schwärzen- 
bach bei Neustadt und Breitnau im Norden des Höllenthales, ebenso 
ein Teil von Waldau über 1000 m; zahlreiche zerstreute Einzelhöfe 
in derselben Höhenlage können hier nicht namentlich aufgeführt werden. 
Der höchste derselben ist der Kandelhof mit 1177 m; neuerdings ist 
das Kandelhaus (Touristen Wirtschaft am Kandel) mit 1205 m das höchste 
ständig bewohnte Gebäude im mittleren Schwarzwalde geworden. 

Im südlichen Schwarzwalde liegt der geschlossene Ort Höchen- 
schwand 1010 m hoch, und die Hauptkomplexe der mehr oder weniger 
zerstreuten Gemeinden Faulenfirst, Fischbach, Blasiwald, Neuglashütten, 
Bärenthal, Saig, Todtnauberg und Hofsgrund breiten sich alle zwischen 
1000 und 1100 m aus. üeber letzterer Höhengrenze finden sich nur 
noch vereinzelte Höfe; die Höhenlinie von 1200 m wird noch eben 
überragt von den Rinkenhöfen am Nordabfall des Feldberges, und der 
Gasthof am Feldberg (1276 m) ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert 
das höchste, ständig bewohnte Haus des Schwarzwaldes überhaupt; es 
verdankt allerdings seinen Ursprung wie jenes am Kandel nicht alt 
überlieferten Siedelungsgründen , sondern dem noch sehr jungen Tou- 
ristenwesen unsrer Tage. 

Ein Blick auf die Zahlen der Tabelle XII zeigt, dass von 700 m 
an aufwärts der südliche Schwarzwald dünner bevölkert ist, als der 
mittlere ; dem ersteren fehlt in dieser Höhe, wie hier zum Ausdruck kommt, 
fast durchgängig die Industrie, welche die Ungunst des Bodens auszu- 
gleichen bemüht ist; dagegen haben wir unterhalb jener Höhengrenze 
fast durchgängig den südlichen Gebirgsteil besser bevölkert als den 
mittleren, eine Folge des besseren Bodenbaues (keine Reutfelder), der 
Verkehrslage und der Grossindustrie in den Thälern. Die Art der 
Siedelungen erhellt in ihren Hauptzügen aus den folgenden Zusammen- 
stellungen. 



Höhe 


Anzahl der Gemeinden 


1 Gemeinde 

kommt auf 

. . • qkm 


unter 500 


von 500 
bis 1000 


1000-2000 


2000-6000 


über 6000 
Einwohner 


unter 300 m 
300-500 , 
500-700 . 
über 700 , 


13 
57 
50 
75 


14 
23 

7 
18 


4 

12 

2 

5 


3 
5 
1 
1 


1 


3,» 

5,2 

7.« 
10,> 




195 


t)2 


23 


10 


1 


7.0 



Es überwiegen also der Zahl nach ganz bedeutend die kleinen 
Gemeinden, und zwar in allen Höhenstufen; dies zeigt sich auch daraus, 
dass in den beiden Kreisen Lörrach und Waldshut, die ziemlich genau 
dem Gebiet des südlichen Schwarzwaldes und des Klettgaues entsprechen, 
in 263 Gemeinden mit weniger als 1000 Einwohnern 65 ®/o , in den 



^^t 



1371 I^i^ Volksdichte im Groasherzogtum Baden. 137 

.34 Gemeinden mit mehr als 1000 Einwohnern aber 35 V der Be- 
Tülkerung wohnen. Damit hängt auch, wie ein Vergleich mit den 
Zuständen im mittleren Schwarzwalde zeigt, die durchschnittliche Klein- 
heit der Areale zusammen, welche in allen Höhenstufen den einzelnen 
Gemeinden zukommen. 

Der oben betonte Gegensatz zwischen der Naturbeschaffenheit 
westlich und östlich von der Wiese zeigt sich übrigens in den stati- 
stischen Verhältnissen der Kreise Lörrach und Waldshut aufs deutlichste 
ausgedrückt: 

Der Kreis Lörrach hat 9 Stadt- und 120 Landgemeinden, 172 
g<'schlossene und 261 offene Wohnorte, auf eine Gemeinde kommen im 
Mittel 723, auf einen Wohnort 216 Einwohner. Im Kreise Waldshut 
finden sich 6 Stadt- und 162 Landgemeinden, 225 geschlossene und 
440 offene Wohnorte, auf eine Gemeinde kommen 466, auf einen Wohn- 
ort 118 Einwohner. Im stark industriereichen Westen mit seinen 
grösseren Thälem sind also die Gemeinden bedeutend grösser als auf 
den Hochflächen des Ostens, wo die Industrie nur sozusagen am Rande 
des Gebietes Fuss fassen konnte; die Zahl der zerstreuten Wohnorte ist 
gegenüber dem mittleren Schwarzwalde wesentlich geringer, und zwar 
im Westen noch mehr als im Osten, wo die Art der Siedelungen des 
Klettgaues mit der des südöstlichen Schwarzwaldes im allgemeinen 
übereinstimmt; insbesondere hat auch das Klettgau hervorragend kleine 
Gemeinden, nämlich 26 mit unter 500 Einwohnern, 10 mit 500 — 1000, 
1 mit 1000 — 2000 und 1 mit mehr als 2000 Einwohnern, von denen 
18 unter 400, 18 zwischen 400 und 500, 2 über 500 m hoch liegen. 

Werfen wir noch einen Blick auf Sprechers Volksdichtekarte für 
das Jahr 1820, so treten auf ihr im Gebiete des mittleren und süd- 
lichen Schwarzwaldes sowie des Klettgaues die Thäler der unteren Elz, 
Dreisam, Wiese, sowie das des Oberrheines in dem Grade hervor, der 
sie auch in jener Zeit schon gegenüber den umgebenden Landschaften 
dichter bewohnt erscheinen liess. Dagegen sind allerdings die in ähnlicher 
Weise wichtigen Thäler der Schiltach, Gutach, Wildgutach, der oberen 
Elz und Wiese, der unteren Wehra nicht hervorgehoben, die Bevor- 
zugung der höheren Lagen im Südosten des Feldbergs wird nicht an- 
schaulich gemacht, wie überhaupt dem Gegensatz von Hochebene und 
eigentlichem Gebirge, der in der Besiedelung so überaus wichtig ist, 
nicht Rechnung getragen ist. Es war das eben für Sprecher ohne 
Benutzung von Höhenkurven auch unmöglich, und so erscheinen die 
Begrenzungskurven für seine einzelnen Dichtestufen auch hier wie 
anderwärts etwas willkürlich. 

Von Interesse mag es hier schliesslich noch erscheinen, mit einigen 
Worten Burgkhardts Arbeit (s. Litt.) über die Volksdichte des Erzgebirges 
zu gedenken, welche uns in den Stand setzt, den Schwarzwald mit 
einem in analoger Weise untersuchten Gebirge zu vergleichen. Die 
folgenden Zahlenzusammenstellungen mögen diesem Vergleiche dienen: 

Fläche in qkm Einwohnerzahl Dichte auf 1 qkm 
ßadischer Schwarzwald 5444 374129 69 (106 in Baden) 

Erzgebirge (sächsische 
und böhmische Seite) 6742 1332928 203 (212 im Kgr. Sachsen). 



138 



Ludwig Neumann, 



[138 



Während also die gesamte Volksdichte des badischen Schwarz- 
waldes 65 ^/o von derjenigen des ganzen Orossherzogtums ausmacht, so 
ist jene des Erzgebirges von der des Königreichs Sachsen kaum ver- 
schieden , indem sie 96 ^/o derselben beträgt. Die Industrie hat hier 
trotz ungünstiger Bodenverhältnisse und trotz des, mit dem Schwarzwald 
verglichen, wesentlich rauheren Klimas eine Volksdichte hervorgerufen, 
die zu den grössten in Europa vorkommenden gehört, die aber zu dem, 
was der Boden an sich bieten kann, in gar keinem Verhältnis mehr 
steht und darum, wie bekannt, grosse ökonomische Gefahren in sich 
schliesst. Nach Höhenschichten angeordnet verteilen sich Areal und 
Bevölkerung in Prozenten, sowie die Volksdichte in beiden Gebirgen 
folgendermassen : 





Badischer 
Schwarz wald 


Erzgebirge 




Badischer 
Schwarzwald 


Erzgebirge 






r"^ 1 




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^ 






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1.:^ 


unter 200 in 


1,1 


4,5 


299 






__ 


700-800 m 


10,8 


5,0 


34 


11,1 


4,7 S3 


200—300 , 


11,5 


34,4 


208 


1,- 


9,5 


1171 


800—900 , 


10,2 


7,7 


51 


7,8 


2,3 1 04 


300-400 , 


14,5 


21,9 


104 


15,0 


• >8,5 


480 


900-1000 „ 


9,6 


3,1 


23 


2,6 


0,5 1 57 


400—500 , 


13,4 


10,8 


55 


24,7 


21.1 


169 


1000—1100 r, 


5,8 


l.« 


18 


0,5 


0,1 


35 


500-600 , 


11,2 


5,3 


32 


19,0 


12,9 


135 


1100—1200 , 


2.2 


(0.0«) 


l,t 


0,1 


(0) 





000—700 , 


10,0 


5,8 


29 


17,. 


10,4 


120 


über 1200 , 


0,7 


(0) 


0.5 












Nach den allgemeinen Verhältnissen des Erzgebirges ist seine 
Volksdichte auf allen Höhenstufen grösser als im Schwarzwald, sie 
unterscheidet sich aber von letzterer dadurch, dass sie von unten nach 
oben ganz gleichmässig abnimmt, während im Schwarzwald zwischen 
600 und 900 m in zwei Stufen die Dichte von unten nach oben zu- 
nimmt, und zwar, wie die Tabelle XI zeigt und wie ausserdem aus 
früheren Ausführungen deutlich hervorgeht, infolge des Ueberwiegens 
des flächenhaft ausgedehnten mittleren und südlichen Schwarzwaldes 
mit ihrem Bodenbau und ihren Industrieen gegenüber dem östlichen und 
nördlichen Gebirgsteile und gegenüber der Hünersedelgruppe mit ihren 
Reutbergen und Wäldern an steilen Gebirgshängen und mit ihrem 
Mangel an Gewerbebetrieb in dieser Höhenlage. 

Es möge hier nur an die ührenindustrie, an die Fabriken im 
obersten Wiesenthal, in St. Blasien, in Neustadt und Lenzkirch, endlich 
an die Ackerlandschaft in der Gegend von Bonndorf erinnert werden. 
Unterscheiden wir in beiden Gebirgen den Fuss nebst den tiefen 
Thalböden, die mittleren und oberen Gebirgsteile, so können im Schwarz- 
wald die Höhenkurven von 300 und 700 m, im Erzgebirge bei der 
höheren Basis, auf der es sich erhebt, jene von 400 und 700 m als 
Grenzen dieser Zonen angenommen werden. Hiernach wohnen 



239] Die Volkedichte im Grossherzogtum Baden. 139 

am Gebirgsfuss des Schwarzwaldes auf 12,6^0 des Areals 48,9 ^/o der Einwohner 

, Erzgebirges , 17,b „ „ , 48,o 

in der Mittelhöhe , Schwarz waldes , 49,i „ , , 44,4 

, , , , Erzgebirges „ 60,8 , , , 44,4 

im oberen Teile , Schwarzwaldes „ 38,s „ « , 17,i 



n * 

1» P 



Erzgebirges , 21,7 , , , 7,6 



Es erscheint hiemach der Fuss und die Mittelstufe des Erzge- 
birges dichter, der obere Teil des Gebirges relativ dünner besiedelt als 
beim Schwarzwalde, was in der kammartigen Ausbildung des Erzge- 
birges gegenüber der mehr plateauartigen des Schwarzwaldes sich ge- 
nügend erklärt. 

E. Die Baar. 

Die Hochebene der Baar, welche sich im Osten an den mittleren 
Schwarzwald anlehnt, ist gegen diesen annähernd durch die Höhenkurven 
von 900 m abgegrenzt, ihre Südgrenze fällt zumeist mit dem Steilabsturz 
gegen das tiefliegende Wutachthal zusammen, im Osten findet sie für 
uns ihr Ende längs der württembergischen Grenze; im Südosten endlich 
wurde längs der Donau der Nordabfall des Jura als Grenzlinie benutzt, 
doch liess es sich nicht gut vermeiden, im Norden des Flusses an der 
Linie Neudingen-Möhringen ein kleines Gebiet jurassischer Höhen mit 
in die Umgrenzung einzuschliessen ; bei der Gleichartigkeit der Boden- 
bebauung und Siedelungsart thut dies aber unsern Schlüssen über die 
Zustände der Baar keinen Eintrag. So umgrenzt besteht nun die Baar 
aus einem Buntsandsteinstreifen im Westen, der langsam zu den Höhen 
des Schwarzwaldes ansteigt und stark bewaldet ist, aus den sumpfigen 
Niederungen an der Donau von Aufen bis Neudingen, dem sogenannten 
«Donauried, " und endlich aus einer fast vollständig zusammenhängenden, 
ebenen oder nur wellenförmig gegliederten Ackerfläche auf Muschelkalk- 
und Juraböden. Dieses Ackerland ist das Charakteristikum der Baar, 
ihm verdankt die Landschaft ihre Bedeutung als Fruchtkammer für die 
Gebiete der Nachbarschaft, insbesondere für die östlichen Teile des 
höheren Schwarzwaldes. 

Die Höhenlage dieser Landschaft ist eine sehr beträchtliche; der 
tiefste Punkt derselben, die Donau bei Möhringen, liegt 655 m über 
dem Meer, der höchste aber, der Himmelberg in der Jurazone nördlich 
von Geisingen, steigt zu 943 m auf; als Mittelhöhe der Baar ergiebt 
sich die Zahl 770 m. Die beiden Amtsbezirke Donaueschingen und 
ViUingen entsprechen in ihrem Umfange beinahe ganz dem in Rede 
stehenden Gebiet; nur greifen sie beide im Westen noch etwas in den 
mittleren Schwarzwald hinüber, während auf der andern Seite der 
Bezirk Engen mit kleineren Gebietsteilen hierher gehört. Jedenfalls 
lassen sich die in den Bezirken Donaueschingen und Villingen er- 
mittelten statistischen Werte als mathematischer Ausdruck für die 
Zustände der Baar betrachten. 

Danach finden wir als landwirtschaftliche Anbaufläche 58,2 ^;o 
des Bodens, d. h. nur wenig mehr als dem Landesmittel entspricht, 
während die Region der Reutberge (3,3 "/o) und des Waldes (36,5 ^/o) 



140 Ludwig Neumann, ["140 

fast bis auf die Decimale herab dem Landesdurchschnitt entspricht. 
Beachten wir aber, dass der Wald und das kleine Reutberggebiet fast 
f^anz ausschliesslich der Buntsandsteinzone und dem Nordabhange des 
Randen angehört, so erkennt man hieraus ohne weiteres, dass die 
Hauptfläche des Landesteiles, vor allem das ganze Muschelkalkgebiet^ 
in landwirtschaftlicher Benutzung steht. Li der That ist beim Durch- 
wandern der Landschaft der Gegensatz des roten Waldbodens in der 
Buntsandsteinregion und des helleren Kalkbodens der Ackergelände 
östlich davon so scharf, dass er sofort auch dem ungeübtesten Auge 
auffallen muss. 

Von der landwirtschafthchen Fläche bedecken nun 

Ackerland rund 66 7o (in Baden 67,s%) 

Wiesen , 28 , „ , 23,8 , 

Gras- und Obstgärten . . etwas über 1 , , „ 1,9 „ 

Ständige Weiden .... , „ 5 , , , 3,9 , 

Wir haben, wie diese Zahlen darthun, fast in aUen Verhältnissen 
genau die Zustände des Landesmittels, insbesondere ist aus dem Zurück- 
treten der Weideflächen gegenüber dem Schwarzwalde und aus dem fast 
normalen Verhältnis von Wiese zu Ackerland (1:3) auf ein wertvolles 
Gleichgewicht zwischen Ackerbau und Viehhaltung zu schliessen. Ge- 
pflanzt werden besonders Halmfrüchte, darunter zumeist Spelz, Sommer- 
gerste und Hafer, und hinter diesen tritt die Eartoffelpflanzung sehr 
zurück. Handelsgewächse kommen fast gar keine zur Anpflanzung. 

Nach der Berufsstatistik sind 52 ^/o der Bewohner landwirtschaftlich, 
und 31 ^/o im Gewerbebetrieb thätig; letztere Zahl enthält aber zum 
grossen Teil noch Arbeitskräfte der häuslichen und fabrikmässigen 
Uhrenindustrie in demjenigen Teile der beiden Amtsbezirke, welche im 
Schwarzwalde liegen. Allerdings greift diese Industrie mit ihren Hilfs- 
gewerben auch in die Baar herüber, so dass z. B. Villingen ein wichtiger 
Punkt derselben ist ; aber jedenfalls würde das Ausscheiden der Schwarz- 
waldgemeinden unsrer zwei Amtsbezirke das Zahlenverhältnis der in 
der Landwirtschaft beschäftigten Einwohner zu den Gewerbetreibenden 
ziemlich beträchtlich zu gunsten der ersteren verschieben. Allerdings 
haben die Wasserkräfte der jungen Donau und ihrer Nebenflüsse da 
und dort Fabrikanlagen verschiedener Art hervorgerufen, die zum Teil 
früher schon genannt wurden; aber trotzdem ist die Bevölkerung der 
Baar fast ganz als ackerbautreibende zu bezeichnen. An diesem Zustande 
ändert auch die seit 1822 eröffnete Saline Dürrheim mit 195 Arbeits- 
kräften nichts Wesentliches. 

Die mittlere Volksdichte der Baar beträgt 68, oder nach Abrech- 
nung der Stadt Villingen rund 60 Einwohner pro qkm, während in der 
gleichen Höhenlage des Schwarzwaldes, nämlich zwischen 600 und 900 m, 
nur 41 Einwohner auf dem qkm zu zählen sind. Die Baar ist also in 
Rücksicht auf ihre Höhenlage und ihr überaus rauhes Elima recht stark 
bevölkert, was noch um so deutlicher hervortritt, wenn man sie mit 
dem Odenwald vergleicht, wo das ganze Gebirge nur 55 Einwohner 
pro qkm besitzt, obschon sein Gipfelpunkt niederer liegt als der tiefste 
Punkt der Baar. Im einzelnen ist die Niederung der Donau xmier 



1411 Die Volkadichte im Grossherzogtum Baden. 141 

700 m am stärksten bevölkert (122), insbesondere auch stärker als die 
Abdachung zum Neckar (72). Es rührt dies offenbar von der Neigung 
der früheren Ansiedler zu städtischem Wesen her, der wir die Anlage 
der Städte Möhringen, Geisingen, Donau eschingen, Hüfingen und 
Bräunungen an der alten Donaustrasse verdanken. Die Hauptstadt der 
Baar ist aber zu allen Zeiten Yillingen gewesen, das jetzt auf 6140 
Einwohner angewachsen ist. Dagegen hatte die Stadt 1812 bereits 
3316, 1852 8970, 1864 4473 und 1875 5585 Einwohner, sie ist also 
mit den andern grösseren Städten des Landes z. 6. auch mit dem jetzt 
stärker bevölkerten Lörrach verglichen in der ersten Hälfte des Jahr- 
hunderts wesentlich langsamer gewachsen, wie sich dies aus der geringeren 
Steigerung des industriellen Lebens naturgemäss erklärt; erst die neueste 
Zeit, besonders seit Eröffnung der Eisenbahn hat hier eine sichtbare 
Aenderung gebracht. 

In der näheren Umgebung der Stadt Villingen ist die Volksdichte 
eine auf den ersten Blick verblüffend geringe, so dass auch bei der 
kartographischen Darstellung darauf verzichtet werden musste, ein be- 
stimmt begrenztes Gebiet als Umgebung der Stadt in der Weise zur 
Darstellung zu bringen, wie dies bei allen anderen Städten des Landes 
mit mehr als 6000 Einwohnern geschehen ist unter Gesichtspunkten, 
die oben (S. 68) weiter ausgeführt wurden. Es scheint demnach, als ob 
die Stadt zu keiner Zeit einen intimeren Wechsel verkehr mit der nächsten 
Umgebung gepflogen, als ob sie vielmehr alle Kräfte derselben in ihre 
Mauern gewissermassen aufgesogen habe. In Wirklichkeit liegt 
aber die Sache so, dass Villingen schon bei seinen ersten Anlagen im 
neunten Jahrhundert, beziehungsweise bei seiner Erhebung zur Stadt im 
zwölften Jahrhundert eine ausserordentlich grosse Gemarkung besass, so 
dass in den Wäldern und auf den frühe urbar gemachten landwirtschaft- 
lichen Ländereien der Stadt weitere Ansiedelungen unmöglich waren, 
mit Ausnahme einzelner der Stadt gehöriger, zur Bewirtschaftung der 
Grundstücke nötiger Höfe und Forsthäuser. Dieser Zustand besteht bis 
beute. Jetzt noch wohnen von den Angehörigen der Stadtgemeinde in 
ihr als Wohnort 5827 und nahe vor der alten Stadtmauer etwa 150 
Einwohner, so dass die Volkszahl der Stadt im engeren Sinn auf rund 
6000 angegeben werden kann. In zur Stadt gehörigen Höfen, Zinken, 
Mühlen u. s. w. finden sich, zum Teil mehrere Wegstunden entfernt, 
noch weitere 140 Seelen, so dass die Gemeindebevölkerung im ganzen 
6140 beträgt. Wäre die Stadtgeniarkung kleiner, so ist keinen Augen- 
blick zu zweifeln, dass in der Nachbarschaft der alten Handels- 
metropole, die das ganze Mittelalter hindurch an Bedeutung mit Freiburg 
wetteiferte, sich mehrfach kleinere und grössere Landorte ausgebildet 
und sich als Umgebung der Stadt zu ahnsehnlicher Volkszahl ver- 
dichtet hätten. 

Diese Verhältnisse von Villingen führen dazu, hier eine kurze 
Abschweifung allgemeiner Art einzuschalten, deren Wichtigkeit dem 
aufmerksamen Beobachter auf Schritt und Tritt bei seinen Streifzügen 
durchs Land ins Auge fällt. Boden, Höhenlage, Klima, Verkehrslage 
und Industrie sind es nicht allein, welche entscheidend auf die Volks- 
dichte einwirken ; vielmehr ist das rein geschichtliche Element der Art 



142 Ludwig Neumann, [142 

und Weise, wie die erste Besitzergreifung vor sich ging, hierbei ein 
ausschlaggebender Faktor. Diesem Element aber in Tausenden von 
Einzelfällen nachzuspüren, ist ein Ding der Unmöglichkeit, und so 
niusste darauf verzichtet werden, in allen Gebieten, die hier zur Sprache 
kamen, und deren natürliche Zustände, sowie deren Einflüsse auf die 
Siedelung und Yolksdichte zu untersuchen und gegeneinander abzu- 
wägen Aufgabe dieser Arbeit ist, auch diese geschichtlichen Gesichts- 
punkte ins Auge zu fassen. Sie sind aber überaus wichtig, weil es 
von ihnen in allererster Reihe abhängig ist, ob eine Siedelung mit 
grosser oder mit kleiner Gemarkung ausgestattet ist, welcher Bruchteil 
der Gemarkung AUmend geblieben und wie die Allmend dem allge- 
meinen Nutzen zugänglich gemacht worden ist, oder ob der Hauptteil 
des gemeinsamen Bodens einer Gemeinde früh in den Besitz der Einzelnen 
überging, wie das Verhältnis von Wald, Ackerland, Wiese und Weide 
bei der Allmend und beim Einzelbesitz sich gestaltet hat. 

Wir haben äusserlich recht unansehnlich dareinsehende, kleine 
und mittelgrosse Orte, in welchen der Besitz an Gemeindewald so gross 
ist, dass er nicht nur alle Gemeindebedürfnisse deckt, wodurch die Ein- 
wohner frei von jeder Gemeindeauslage bleiben; es giebt auch solche, 
welche „Bürgemutzen* meist in Form von Holz, gewähren, endlich 
solche, wo Nutzholz und Allmend zur Verfügung stehen und ausserdem 
noch Betriebsüberschüsse in bar zur Verteilung kommen. In un- 
mittelbarer Nähe solcher wohl geordneter Gemeinden liegen dann oft- 
mals solche, die gar keinen oder fast keinen Wald besitzen, deren 
Allmende eng beschnitten ist, während der Staat oder eine Grundherr- 
schaft oder eine Stiftung — der sogenannte , Heilige" — weite Flächen 
Waldes und Feldes besitzt. Da gestalten sich dann die ökonomischen 
Verhältnisse überaus verschieden, mit ihnen sind auch dem Volkszuwachs 
gewisse Grenzen gesetzt, indem das materielle Gleichgewicht aufrecht 
zu erhalten gesucht wird durch Auswanderung in andre Gemeinden 
und Landesteile, oder über den Ozean. 

Es sollte an dieser Stelle niu: kurz auf diese Verhältnisse hinge- 
wiesen werden. Sie eingehend zu untersuchen, ist Aufgabe der Volks- 
wirtschaftslehre, nicht der Erdkunde; sie erschöpfend für ein Land, 
auch wenn es nur die Ausdehnung Badens hat, darzustellen, übersteigt 
aber die Arbeitskraft eines einzelnen, da schon die Beschaffuujg des 
Urmaterials fast ein Ding der Unmöglichkeit ist. Darum hat auch die 
vor wenig Jahren von der badischen Regierung aufgestellte Enquete 
über die Lage der Landwirtschaft mit Recht ihre Thätigkeit damit als 
erfüllt angesehen, dass sie aus allen Landesgegenden und aus allen 
Arten von Produktionsgebieten typische Gemeinden herausgriff und 
deren Zustände zur Grundlage ihrer allgemeinen Ausführungen festhielt. 

Kehren wir zur Baar zurück, so ist die Volksdichte derselben 
über 700 m 45 pro qkm, dieselbe sinkt in der nächsten Stufe unmerklich, 
nämlich nur auf 42, während die räumlich nur wenig ausgedehnten 
Höhen über 900 m unbewohnt sind. Die 700 m- Kurve scheidet die 
stärker und schwächer bewohnten Gebiete; unterhalb ist die Dichte im 
Mittel 112, oberhalb — Villingen nicht gerechnet — 43 pro qkm. 



1431 I^ie Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 

Die Siedelungen yerteilen sich in folgender Weise: 



143 



Höhe 


Anzahl der Gemeinden 


a 

"TS 

o 

B 

O 


1 Ge- 
meinde 
auf . . . qkm 


über 500 


500-1000 1000-2000 2000-6000 


über 6000 
Einw. 


600—700 m 
700—800 , 
über 800 . 


13 
19 

ß 


G 

13 

4 


4 
1 

1 


1 
1 


1 


24 

34 
12 


7,2 
14,6 

16.« 




a« 


23 


6 


2 


1 


70 


10,4 



In den beiden Bezirken Donaueschingen und Villingen liegen 7 
Stadt- und 67 Land-, zusammen 74 Gemeinden, von denen jede im 
Mittel 050 Einwohner hat. Sie zerfallen in 440 Wohnorte, darunter 
138 geschlossene und 372 zerstreute; auf einen Wohnort kommen im 
Mittel 115 Einwohner; eine Gemeinde hat durchschnittlich 6 Wohnorte, 
wobei aber zu beachten, dass dies Verhältnis durch einige Schwarzwald- 
gemeinden des Bezirkes Villingen im Sinne der zerstreut wohnenden 
Schwarzwaldbevölkerung gestört erscheint. In der Baar an und für 
sich ist die Zahl der zerstreuten Wohnorte wesentlich kleiner. In 
88 *^,o der Gemeinden mit weniger als 1000 Einwohnern leben 61 ^/o der 
Bevölkerung, in 12 % der Gemeinden mit mehr als 1000 Einwohnern 
dagegen 39 °/o der Bevölkerung. Die kleinen Gemeinden überwiegen 
also nach Zahl und Einfluss auf die Gesamtvolkszahl, die — nebenbei 
bemerkt — bei Sprecher für das Jahr 1820 im allgemeinen etwas zu 
gross angenommen scheint. 



F. Die weitere Umgebung des Bodensees. 

Jura, Hegau und Bodanrücken, Linzgau und Ab 1 achgebiet. 

Die drei südöstlichen Landschaften des Grossherzogtums Baden, 
nämlich der Anteil des Landes am Jura, das Hegau mit der Bodensee- 
halbinsel zwischen dem Ueberlinger- und Untersee, endlich das Linzgau 
im Norden des schwäbischen Meeres zeigen in ihren natürlichen Ver- 
hältnissen, in Höhenlage, Bodenbeschaffenheit, Klima, Bodenbau und 
Besiedelung so viele übereinstimmende Verhältnisse, dass es angezeigt 
ist, im Interesse der Vermeidung mannigfacher Wiederholungen dieselben 
gemeinschaftlich zu besprechen, wobei selbsverstdndlich so oft als nötig 
auf alle Besonderheiten Rücksicht genommen werden soll. 

Der badische Jura, das Bindeglied zwischen dem Schweizer und 
schwäbischen Jura im engeren Sinne zieht als ziemlich schroff aus- 
gebildeter Rücken von der Grenze gegen den Kanton Schaffhausen nach 
Nordosten, steigt von Süden, d. h. vom Hegau und von den östlich an 
dasselbe anstossenden Hochebenen längs der Höhenkurve von 700 m 
treppenförmig zu einem im Mittel 780 m hohen, Avenig gegliederten, 
ziemlich breiten und fast ebenen Höhenrücken an, wird dann in diagonaler 



144 Ludwig Neumann, [144 

Richtung von der nach Ostnordost fliessenden Donau durchschnitten und 
erreicht erst jenseits dieses Flusses seine höchsten Erhebungen. Von 
Neudingen bis unterhalb Tuttlingen, solange die Donau der Baar an- 
gehört, ist das Durchbruchsthal noch einigermassen breit und zur Auf- 
nahme grösserer Ortschaften geeignet, daher auch dort längs der 
Thalstrasse zahlreiche Siedelungen, worunter auf badischem wie auf 
dem benachbarten württembergischen Gebiet eine grössere Anzahl von 
Städtchen. Etwa in der Gegend von Mühlheim beginnt das Thal sich 
zu verengen und von hier ab hat sich der Fluss eine vielfach gewun- 
dene Felsschlucht durch das Gebirge geschaffen, die an malerisch zer- 
klüfteten Steilwänden des weissen Juragesteines überaus reich ist. 

Auf dieser Strecke wechseln badische, württembergische und 
hohenzollerische Gebietsteile in rascher Folge aufeinander; wenig östlich 
von Sigmaringen ist der Gebirgsdurchbruch vollendet, und die Donau 
strömt nun hinaus in die schwäbische Hochebene. Bisher vom grossen 
Verkehr etwas abgelegen, wird das ^^Donauthal*^ durch die nunmehr 
vollendete Kriegsbahn Tuttlingen - Sigmaringen auch dem Touristen 
leicht zugänglich werden und dann gewiss in den weiten Kreisen der 
Naturfreunde die Beachtung finden, welche seine landschaftlichen Schön- 
heiten schon lange verdient hätten. 

Im Bezirksamt Messkirch greift das Grossherzogtum Baden weit 
über die Donau nach Norden hinüber auf den sogenannten „Heuberg". 
Dieser, wie überhaupt die ganze Kalkhochfläche unseres Gebirges, 
zeichnet sich infolge der bekannten Neigung des weissen Jura zur 
Spalten- und Rissebildung, also infolge der enormen Durchlässigkeit 
des Gesteins, durch grossen Wassermangel aus, der für die kleinen 
hochgelegenen Orte oftmals sich zu einer schweren Kalamität gestaltete. 
Erst in den letzten Jahren haben die badische und die württembergische 
Regierung gemeinschaftlich den Heuberggemeinden durch grossartige 
Pumpanlagen Wasser aus der Tiefe herauf zugeführt. Wegen der 
Trockenheit des Bodens finden sich auf den Jurahöhen auch verhältnis- 
mässig viele Weideflächen, die der Ausgangspunkt für die gerade im 
Bezirke Messkirch mustergültig entwickelte Viehzucht geworden. Zahlen- 
massig lassen sich die Zustände unseres Gebirges nicht ausdrücken, da 
es von den Gebieten der politischen Bezirke Donaueschingen, Engen, 
Stockach und Messkirch kleinere und grössere Teile umfasst, aber in 
der Weise, dass keiner der genannten Bezirke mit seinen Ergebnissen 
der Statistik als typisch für den Jura gelten könnte. 

Der Wald hält die Abfälle des Gebirges, insbesondere an den 
Rändern des Donauthales, besetzt, er ist im allgemeinen nicht sehr 
ausgedehnt und bildet nur in vereinzelten Fällen etwas grössere 
Komplexe. Dagegen überwiegt das Ackerland, und längs vereinzelter 
schwacher Wasserläufe ist auch die Wiesenkultur zu einiger Bedeutung 
gelangt. 

Wie in allen Gebieten auf der Oberfläche des weissen Jura ist 
aber wegen der Härte des Bodens und wegen des Wassermangels das 
Erträgnis der Landwirtschaft kein allzugrosses, und so erscheint gleich 
allen ähnlich beschaffenen Landschaften auch der badische Jura sehr 
dünn bevölkert; er ist der am schwächsten besiedelte Teil 



145] 1^16 Volksdichte im Grossherzojftum Baden. 145 

des ganzen Grossherzogtums Baden bei einer Mitteldichte von 
nur 38 Einwohnern auf das qkm, was etwa ein Drittel des Landes- 
mittels (38%) ausmacht. Im einzelnen zeigen sich nach der Höhenlage 
gewisse Unterschiede , die sich sehr leicht erklären. Das Donauthal, 
welches badisches Gebiet westlich von Sigmaringen in der Höhe von 
()12 — 584 m durchschneidet, macht in den Höhenstufen von 500 bis 
700 m eine so kleine Fläche aus, dass die Dichte von 60 bezw. 48, 
im Mittel aber 44, nur deshalb etwas grösser als im Gesamtdurchschnitt 
erscheint, weil eben alle kleinen Erweiterungen des Thaies mit Dorf- 
anlagen besiedelt sind. Die nächste Höhenstufe von 700 — 800 m da- 
gegen entspricht den bewaldeten Steilabfällen zum Thal, daher hier die 
geringste Dichte von 24 Einwohnern pro qkm. Dieselbe Höhenzone 
hat im Westen, zwischen dem Randen und der hohenzoUerischen Grenze, 
nördlich von Stockach, bei mehr flächenhafter Ausbildung auf grosse Aus- 
dehnung die gleichmässig verteilte Dichte von 44 Einwohnern auf 
das qkm, welche in der nächsten Höhenstufe auf 37 herabsinkt. Dass 
die höchste Stufe, diejenige über 900 m, mit der grössten Dichte (62) 
erscheint, ist zufällige Folge davon, dass die Heuberggemeinde Hardheim 
zum grössten Teile gerade noch über der Höhenkurve von 900 m 
gelegen ist. Nimmt man aber das ganze kleine Gebiet über dieser 
Höhenkurve, das an einer Stelle bis zu 946 m, dem höchsten Punkte 
des badischen Jura aufsteigt, zur vorhergehenden Stufe, so erhält man 
als Mitteldichte oberhalb 800 m die Zahl 37. Somit werden die Dichte- 
Terhältnisse des Jura durch die folgende Zusammenstellung besser an- 
schaulich gemacht als durch die Tabelle IX: 

Donaathal unter 700 m Dichte 44 pro qkm 

Gehänge des Donauthales 700—800 m „ 24 , 

Höhenzone vom Randen bis zur hohenz. Grenze 700 — 800 m , 44 „ ^ 
Höhengebiet Ober 800 m „ 37 



71 1» 



Die Wohnorte sind auf die Höhenstufen ziemlich gleichartig ver- 
teilt; im ganzen haben 18 Gemeinden weniger als 500, 10 haben 500 
bis 1000 Einwohner und nur eine einzige übersteigt die letztere Zahl. 
Neben diesen kleinen geschlossenen Orten finden sich auch mehr oder 
weniger zerstreute Einzelhöfe, die überhaupt in der Umgebung des 
Bodensees wesentlich häufiger sind als im nördlichen Hügellande. 

Südöstlich vom Jurazug gelangen wir in das Gebiet der ober- 
schwäbischen Hochebene, in welcher die jurassischen Ablagerungen 
unter einer mächtigen Decke tertiärer und diluvialer Bildungen ver- 
schwinden. Molassesandstein, Kalke, Mergel, Konglomerate, endlich 
die ausgebreitete Grundmoräne des alten Rheingletschers setzen die 
Oberfläche des Bodens zusammen und bilden fast überall einen ausge- 
zeichneten Ackergrund. Nur die oft sumpfigen Niederungen, die Riede 
an mehreren der langsam hinschleichenden Wasserläufe und an den 
Mündungsstellen derselben in den Bodensee, ein Gebiet, das sich auch 
auf Karten kleinerer Massstäbe durch viele Wassertümpel, Weiher und 
kleine Seeen kenntlich macht, unterbrechen die beinahe das ganze Gebiet 
bedeckenden Ackergelände, zwischen denen den Waldungen kein allzu- 
grosser Raum übrig geblieben ist. Im eigentlichen Hegau wird die 

Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde. VIT. l. 10 



146 Ludwig Neumann, [146 

vom Bodensee nach Norden ansteigende, im Mittel 505 m hohe, wellige 
Hochebene von den in zwei Reihen angeordneten kegelförmigen Vulkan- 
bergen überragt, welche aie ganze Umgegend geologisch wie landschaft- 
lich so berühmt gemacht haben. Der westliche Zug mit dem Neu- 
höwen, Hohenhöwen, Hohenstoffeln und üöweneck ist aus Basalt 
gebildet; in ihm erreicht der schon in der Juraerhebung gelegene 
Neuhöwen 869 m; er ist der höchste d^r Vulkanberge, während im 
Hegau nach unserer Begrenzung der Hohenhöwen mit 848 m den 
höchsten Punkt erreicht. In der östlichen Reihe, deren Bergkegel aus 
Phonolith bestehen, liegen der Mägdeberg, der Hohenkrähen und der 
berühmteste von aUen, der Hohentwiel. Die Umgebung dieser insel- 
artig in den Luftozean aufragenden Felsberge ist mit Tuffen überlagert, 
welche auch in den Zwischenräumen von einem zum anderen ein 
fruchtbares Erdreich bilden. Zwischen den Armen des Untersees stellt 
der Schienerberg eine isolierte Erhebung dar, und eine ebensolche 
finden wir in der Bodanhalbinsel zwischen dem Unter- und Ueberlingersee. 
Besonders die letztere ist reich an Ried-, Sumpf- und Seebildungen, 
wie sie für Moränelandschaften überall charakteristisch sind. 

Nördlich vom Bodensee breitet sich das Linzgau aus, dessen 
Bodenformen sich mehrfach von denen des Hegaues unterscheiden; zu- 
nächst fehlen hier die Vulkanberge, und sodann steigt die Hochebene 
rascher und schroffer nach Norden an, so dass die höheren Stufen 
flächenhaft ausgedehnter erscheinen als im Hegau. Die Mittelhöhe der 
Landschaft zwischen dem Bodensee und der württembergisch-hohen- 
zoUerischen Grenze ist darum auch fast um 100 m beträchtlicher als 
im westlichen Nachbargebiet, sie beträgt 595 m. Der höchste Punkt 
liegt bei Oberglashütten und erreicht 838 m. 

Sehen wir die natürlichen Verhältnisse etwas genauer an, so finden 
wir im Hegau, welcher Name hier stets als Kollektivbezeichnung für 
das Hegau im engeren Sinne, für die Landschaft um den Schienerbei^ 
und für die Bodanhalbinsel östlich bis zum Meridian von Ludwigshafen 
am Ueberlinger See und nördlich bis zur Höhenkurve von 600 m bezw. 
bis zum Fuss des Jura gebraucht werden soll, (32 ^^o des Bodens land- 
wirtschaftlich benutzt und 32 ^ bewaldet, während etwa G " o unproduk- 
tiven Landes, nebst den Haus-, Hof- und Weganlagen besonders Wasser 
und Sumpf, gezählt werden. Bewaldet ist sehr stark der Bodanrücken 
und der Schienerberg, ausserdem zeigen die schlechteren Böden im 
eigentlichen Hegau, seien es feuchte Niederungen oder steinige Berg- 
höhen, ziemlich stark parzelliert nicht unerhebliche Beholzung. Doch 
bleibt ihre Ausdehnung im ganzen hinter dem Landesmittel zurück. 

Von der landwirtschaftlichen Fläche sind 71 ^'o als Ackerland, 
24 V als Wiesen, 1,7 ^ als Rebland, etwas über 9S als Gras- und 
Obstgarten, endlich 1 ^;o als ständige Weide benutzt. Von den Wiesen 
fällt wieder der grösste Teil in die Niederungen am See, so dass ab- 
gesehen von dem sehr wertvollen Rebgelände an allen Uferhalden und 
von den dazwischen eingestreuten Obstgärten weitaus der Hauptteil der 
Ländereien Ackerland ist, und zwar werden zumeist nur Halmfrüchte 
gepflanzt, nämlich Spelz, Winterweizen, Winterroggen, Sommergerste, 
Hafer, ausserdem auch Kartoffeln und an Handelsgewächsen etwas 



1471 I^iö Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 147 

Raps. Ausser dem schmalen Landstreifen dem Seeufer entlang, an 
welchem Fischfang, Schiffahrt und Handelsgewerbe blühen, ist das 
ganze Hegau als ein Gebiet ackerbautreibender Bevölkerung zu betrachten. 
Neben den 52 ^o der Bewohner , welche in den Bezirken Konstanz, 
Stockach und Engen landwirtschaftlich thätig sind , treten die 26 ^/o 
industrieller Bevölkerung wesentlich zurück, obschon auch hier, be- 
sonders in dem Bezirke Konstanz, die Textilindustrie viel Boden ge- 
wonnen hat, wenn auch lange nicht so wie im Wiesenthaie; daneben 
verdienen Ziegeleien, Steinbrechereien, auch Mahlmühlen noch einige 
Erwähnung. Dass etwa 10 ^/o der Bewohner ihre Beschäftigung und 
ihren Lebensunterhalt im Handel und Verkehr finden, ist wesentlich 
auf die Bedeutung der Stadt Konstanz und auf den Schiffahrts- und 
Speditionsverkehr der anderen Seeorte zurückzuführen. 

Im Linzgau, dessen Gebiet beinahe vollständig mit dem der zwei 
Ämtsbezirke Ueberlingen und PfuUendorf zusammenfällt, ist die land- 
wirtschaftliche Fläche noch grösser als im Hegau, sie nimmt nämlich 
71 ^/o der Bodenfläche ein, wogegen der Wald mit nur 24 ^|o des Areals 
beteiligt ist. Von der landwirtschaftlichen Fläche fallen wieder 71 ^/o 
aufs Ackerland, 24 ^/o auf die Wiesen, 1,6 ^/o auf das Rebland, 3^/o 
auf Gras- und Obstgarten; Rebbau und Obstzucht bilden am nördlichen, 
klimatisch so begünstigten Seeufer eine bedeutende Einnahmsquelle. 
Der Durchschnittswert der Weinernte beträgt rings um den Bodensee 
nach dem Durchschnitt von 18G5 — 1888 etwa 209 000 Mark im Jahr. 
Franken, Kraichgau, Baar, Hegau und Linzgau sind die ersten Getreide- 
landschaften Badens, und wie in den vorgenannten Landesteilen, so ist 
auch im letzten von ihnen die landwirtschaftliche Bevölkerung weitaus 
in der Mehrzahl gegenüber der gewerbetreibenden; es sind 61 ^/o der 
Bewohner landwirtschaftlich und nur 25 ^/o gewerblich thätig, mit 
Handel und Verkehr aber beschäftigen sich nur 4 ^/o derselben, was im 
Fehlen grösserer Städte und im Fernliegen von wichtigeren Land- 
Terkehrslinien seine Ursache hat. 

Mit dem Linzgau ist in den tabellarischen Zusammenstellungen 
ein Gebiet vereinigt, das nur durch einen Streifen hohenzoUerischen 
Landes von demselben getrennt liegt, nämlich der ganz ebene Teil des 
Amtsbezirks Messkirch südlich vom Jura, dessen Höhenlage zwischen 
600 und 750 m schwankt und in welchem das untere Ablachthal nur 
bis 589 m sich senkt, während einige unbedeutende Erhebungen nur 
wenig über 700 m ansteigen. Es ist dieser Landesteil in allen Stücken 
den Verhältnissen der benachbarten Amtsbezirke Stockach und PfuUen- 
dorf gleich, nur finden sich in dem breiten, wenig eingetieften Ablach- 
thal viel Wiesenflächen, die in Gemeinschaft mit den Weidfeldern des 
nahen Jura den Bezirk Messkirch zu einem Hauptgebiete hoch ent- 
wickelter Viehzucht haben werden lassen. Die Bevölkerung ist eine 
vollkommen landwirtschaftliche. 

Gehen wir nun auf die Verhältnisse der Volksdichte im Hegau, 
Linzgau und Abiachgebiet ein, so ist hier zunächst zu sprechen von der 
Bedeutung der Stadt Konstanz. 

Der Bodensee hat seit ältester Zeit die Bewohner angelockt, wie 
die Pfahlbaufunde beweisen; die Römer haben hier ihre Herrschaft 



148 Ludwig Neumann, ["148 

ausgeübt, und Konstanz ist von den Römern gegründet worden. Im 
Mittelalter blühte die Stadt mächtig auf als Stapelplatz an einer der 
Haupthandelsstrassen von Italien nach Deutschland; es stand jahrhun- 
dertelang unter denselben günstigen Einflüssen, welche einst Augsburg 
so gross gemacht haben. Die Blütezeit von Konstanz, das als See- und 
Brückenstadt ^) gleich günstig gelegen ist, fallt wohl in die Zeit der 
grossen Kirchenversammlung 1414 — 1418. Die Kämpfe der Reformations- 
zeit, die Periode der Gegenreformation, der Dreissigjährige Krieg, die 
Verlegung der Handelswege brachten die Stadt ganz enorm zurück; 
hatte sie doch zu Anfang dieses Jahrhunderts weniger als 5000 Ein- 
wohner. 1806 kam sie an Baden und wuchs nun zuerst überaus lang- 
sam, da sie am äussersten Ende des Landes unmittelbar an der Grenze 
gelegen in Handel und Verkehr überaus gehemmt war. 1812 hatte sie 
als Gemeinde 4503 Einwohner, 1852 erst 7556, 1864, im Jahre nach 
der Eisenbahneröffnung 8516, 1875 schon 12103 und 1885 war sie auf 
14601, wovon auf die Stadt als Wohnort 14423 kommen, gewachsen. 
Also erst die letzten 20 Jahre haben wirklichen Aufschwung der zuvor 
so stillen Stadt gebracht, die, heute am Kreuzungspunkt dreier Eisen- 
bahnen und zahlreicher Dampfschifflinien gelegen, erst jetzt wieder ihre 
so überaus günstige Lage richtig auszunutzen in stand gesetzt ist. 

Da Konstanz auf der einen Seite unmittelbar an der Zollgrenze 
gegen das schweizerische Thurgau liegt, während auf dem rechten 
Rheinufer sich zunächst wenig zur Siedelung geeignete Riedflächen 
ausdehnen, so kann von einer gleichmässig und rings um die Stadt 
ausgebreiteten Umgebung in dem früher festgesetzten Sinn auch hier 
kaum die Rede sein. Als Umgebung muss gelten das Ufer des ganzen 
Sees, das auf dem Wasserwege von jeher leicht zu erreichen, das 
seine Produkte in der Stadt zu Markte zu bringen und dort von jeher 
seine Bedürfnisse an fremden Handelswaren und gewerblichen Erzeug- 
nissen zu befriedigen gewohnt war. Dieser Uferstreifen wurde längs 
des Rheines von Schaffhausen aufwärts und den See entlang landeinwärt« 
bei steilem Ufer durch die Höhenkurve von- 500 m — der See selbst liegt 
393 oder rund 400 m hoch — und bei flachem Ufer derart begrenzt, 
dass sich die auf den See direkt angewiesenen, bezw. von ihm be- 
dingten Ansiedelungen von denen des Hinterlandes bequem abtrennen 
Hessen; er ist durchschnittlich 1,5 km breit. 

Die Volksdichte dieses Uferstreifens ist neben derjenigen der 
Insel Reichenau die dichteste im ganzen Seegebiet, und es ist das von 
vornherein nicht anders zu erwarten. Denn lange bevor das Binnen- 
land von seinen Wäldern soweit befreit war, dass es auch nur einiger- 
massen zu Siedelungen einladen konnte, bot das Seeufer Schutz vor 
wilden Tieren und feindlichen Ueberfällen gleichzeitig mit ausreichender 
Nahrung; allmählich kamen Handel und erster Anbau zu ihrem Recht 
und bald mussten unter den früher geschilderten Einflüssen des milden 
Herbstes die Anbauverhältnisse sich derart verbessern, dass schon ini 
frühen Mittelalter der Weinbau eine bedeutende Rolle spielte. Das 



') Vgl. Schlatterer, Die Ansiedelungen am Bodensee. Forschungen zur 
deutschen Landes- und Volkskunde V, 7. Stuttgart 1891. 



149] ^iö Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 149 

mehr und mehr ausgerodete Hinterland brachte seine Produkte, der 
ganze See ward zum Markt und seine Ufer zum Stapelplatz; so haben 
wir ringsum die zahlreichen kleineren Städte am deutschen wie am 
Schweizer Ufer, deren bedeutendste aber Lindau im Osten an der 
Strasse nach Augsburg, Schaffhausen im Westen — denn bis dahin 
geht die Wasserstrasse — am Wege nach der Rheinebene, und Konstanz 
in der Mitte wurden. Wo sumpfige Riede an den See herantreten, 
fehlen naturgemäsa die Ortschaften, und da diese Riede zwischen 
Ueberlinger- und Untersee am häufigsten sind, so ist auch die Volks- 
dichte von Schaffhausen bis Ludwigshafen mit 134 Einwohnern auf das 
qkm erheblich geringer als im Norden des Sees, wo sie auf 194 pro 
qkm ansteigt. Die dichteste Volkszahl aber in ganz Baden neben der 
Umgebung von Heidelberg, von der im nächsten Abschnitt die Rede 
sein wird, und neben einigen beschränkten Gebieten am Ostrande der 
Rheinebene, endlich neben dem fabrikgesegneten unteren Wiesenthal 
finden wir auf der Insel Reichenau, die nach Einführung des Christen- 
tums eine der ersten Kulturstätten Deutschlands gewesen ist. Der 
Name des Eilandes giebt schon ein Bild seines Wesens ; der auf Fisch- 
fang und besonders auf Weinbau gegründete Wohlstand des Insel- 
völkchens ist in Oberschwaben fast sprichwörtlich. Im Binnenlande 
nimmt die Volksdichte nach oben zu rasch erheblich ab. Die Haupt- 
fläche des Hegaues zwischen 400 und 500 m zählt 88 Einwohner auf 
das qkm, also mehr als wir z. B. auf dem wirtschaftlich ähnlich ge- 
stalteten, aber wesentlich tiefer gelegenen fränkischen Stufenlande finden; 
das Linzgau hat in derselben Höhenstufe dieselbe Dichte (86), es scheint 
hier gegenüber Franken die Nähe des Sees mit seiner Verkehrsmöglich- 
keit, vielleicht auch das günstigere Verhältnis von Wiese und Ackerland 
einzuwirken, das in den Seegegenden eine grössere Viehhaltung gestattet 
und der Bevölkerung über die Schädigungen etwaiger Missernten hin- 
weghiltl ; endlich ist zu beachten , dass der hier ziemlich ausgedehnte 
adelige Grossgrundbesitz nicht wie in Franken in Grosspacht, sondern 
zumeist in Parzellenpacht gegeben ist, der eine grössere Anzahl klein- 
bäuerlicher Bewohner ernähren kann, als dies in Franken angeht. 

In den zwei Stufen von 500 — 700 m finden wir im Hegau die 
Volksdichte von 49 Einwohnern pro qkm, sie entspricht etwa derjenigen 
des Kraichgauer Hügellandes oberhalb 200 m, so dass auch hier die 
Seegegend als die günstigere erscheint. Ueber 700 m ragen nur noch 
die höchsten Kuppen der vulkanischen Kegelberge heraus, deren Be- 
völkerung für die Gegenwart (13 Einwohner) eine nur zufallige genannt 
werden kann, nachdem diese Berge seit lange ihrer Bedeutung für die 
mittelalterliche Kriegsführung verlustig geworden sind. 

Im Linzgau, dessen Hochflächen viel höher ansteigen, schwankt 
die Dichte der Stufen von 500 — 800 m und auf der kleinen Fläche, 
die diese Höhengrenze noch überragt, in den Grenzen von 34—46, 
sie beträgt im Mittel 42 Einwohner pro qkm, also wieder annähernd 
dasselbe wie im Hegau. Im Abiachgebiet des Bezirkes Messkirch, wo 
das untere Ablachthal, da es nur wenige Meter unter die 600 m-Kurve 
herabsinkt; füglich mit der Stufe 600 — 700 m zusammengefasst werden 
kann, ist die Dichte im Mittel 56 auf das qkm, d. h. um ein geringes 



150 



Ludwig Neumann, 



[150 



mehr als in derselben Höhenstufe der benachbarten Landschaften. Es 
mag dies in der Ebenheit und Gleichartigkeit des Bodens seine Ursache 
haben, während andererseits im Linzgau und Hegau durch Felswände, 
Moore und Riede manche Flächenstücke auch in der weiteren Um- 
gebung solchen Unlandes nicht zur Besiedelung eingeladen haben. 
Die Art der Siedelungen erhellt aus folgenden Uebersichten: 



Im Hegau liegen Gemeinden 


von unter 500 


o 

o 
o 

T— 1 

1 

o 
o 


o 

o 

o 
o 


o 
o 

1 

o 
o 
o 


o 
o 

1— • 

1 

1 
1 

o 
o 
o 


über 10000 
Kinwobn«r 


von 400—500 m 
, 500—600 , 
, 600—700 , and darüber 


30 
12 
10 


21 
3 

1 


7 
2 


3 


1 
1 

1 ~~ 


1 


Im Linzgau und Abiachgebiet 


1 52 


25 


9 


3 


! ^ 


1 



400-500 m 
500—600 „ 
600—700 „ und darüber 


17 i 9 

6 i 4 

26 ' 7 


2 


1 


1 






49 20 


2 


1 


1 






Nach Prozenten ausgedrückt liegen Gemeinden der betreffenden 
Grössenklassen 



im Hegau u. s. w. . 
im Linzgau u. s. w. 



58 
66 


28 
29 


10 
3 


3 

1 




1 



1 





Im allgemeinen sind also die Gemeinden im ganzen Bodensee- 
gebiet als klein zu bezeichnen, und zwar überwiegen im Linzgau die 
kleineren noch mehr als im Hegau; im ersteren haben wir 95 ^ der 
Gemeinden mit weniger als 1000 Einwohnern, in welchen 72 °/o der 
Bevölkerung wohnen; auf die 4 Gemeinden mit mehr als 1000 Ein- 
wohnern kommen dagegen 28 ^/o der Bewohner. Im Hegau und den 
zugerechneten Landschaften macht sich der Einfluss der grösseren Stadt 
Konstanz auf die Volksverteilung ganz bedeutend geltend; in den 86% 
kleiner Gemeinden mit weniger als 1000 Einwohnern finden sich nur 
47 ®/o der Bewohner, in den 14 ^/o der grösseren Orte aber 53 ^/o der- 
selben. 

In der Grösse der Wohnorte zeigt sich hier ein gewisser Gegen- 
satz , der auch dadurch anschaulich wird , dass im Hegau auf eine 
Gemeinde nur 5 — 6, dagegen im Linzgau etwas über 7 Wohnorte 
kommen, woraus ersichtlich ist, dass in letzterem die Gemeinden kleiner 
und zerstreuter sind als in ersterem. Dagegen ist die Fläche der Ge- 
meinden in beiden Landesteilen fast gleich, im Hegau kommt eine 
Gemeinde durchschnittlich auf 7,8 qkm, im Linzgau auf 8 qkm; die 
zerstreuten Wohnorte der Amtsbezirke üeberlingen und Pfullendorf 
liegen demnach einander viel näher als diejenigen des Hegaues. So 



.^^ 



151] Diö Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 151 

zeigen sich trotz fast ganz übereinstimmender Voraussetzungen in 
Höhenlage, Bodenbeschaflfenheit, Klima und Bebauung doch in der Art 
der Siedelungen Unterschiede, die im einzelnen wohl nur durch Zuhilfe- 
nahme des geschichtlichen Momentes zu erklären sein dürften, was 
weiter auszuführen nicht zur Aufgabe der vorliegenden Untersuchungen 
gehören kann. 

Sprechers Karte für das Jahr 1820 lässt zunächst den dünn be- 
völkerten Jura gegenüber der mittleren Zone von Hegau und Linzgau 
nicht hervortreten, dann ist jedenfalls das Mündungsgebiet der Stockach 
und der nördliche Uferstreifen als zu dicht bevölkert dargestellt, 
sodann kommt der Gegensatz zwischen dem Uferstreifen am Rhein, 
zwischen dem waldigen Schienerberg und dem Hegau nicht zur Gel- 
tung, das seinerseits im Verhältnis zum Linzgau als zu stark be- 
völkert erscheint. 

G. Rheinebene und KaiserstuhlgeblFge. 

Die Rheinebene senkt sich von ihrem südlichen Anfang auf der 
rechten Stromseite in der Gegend von Schliengen (232 m) bis zur 
hessischen Grenze bei Kirschgarts wiesen (92 m) um 150 m und zwar 
im oberen Abschnitt bis zum Kaiserstuhl etwas rascher, dann überaus 
langsam und gleichmässig. Von ihrer Achse, dem Rheinstrom, steigt sie 
bis zum rechtsseitigen Gebirgsrande ebenfalls sanft und gleichmässig an. 
Im Interesse einer genauen und scharfen Grenzziehung wurde in der 
voriiegenden Arbeit die Höhenkurve von 300 m im Süden, die von 
200 m im Norden als Ostrand der Ebene benutzt. Der Uebergang von 
der höheren zur tieferen Isohypse Hess sich vor dem etwa 7 km breiten 
Mündungstrichter des Elzthales zwischen Buchholz und Emmendingen 
so vollziehen, dass er ganz unvermerkt verläuft. 

Die ganze Fläche stellt also eine sehr schwach von Süd nach 
Nord und etwas stärker von Ost nach West geneigte Ebene dar, zu 
der die niederen Hügelerhebungen am eigentlichen Gebirgssaume, soweit 
sie unter 300 bezw. 200 m liegen, noch hinzukommen. 

Dieses Gebiet war seit ältesten Zeiten und ist in der Gegenwart 
unter dem Einfluss der modernen Verkehrsmittel in erhöhtem Massstab 
eines der wichtigsten Durchgangsländer Mitteleuropas. Am Südende, 
bei Basel, vereinigen sich die Wege aus der inneren Schweiz und von 
den aus Italien einmündenden Alpenpassstrassen mit jener zuvor ge- 
nannten Verkehrslinie vom Bodensee und aus Schwaben auf der einen 
Seite und mit der die niedere Schwelle der Burgundischen Pforte über- 
schreitenden , welche vom Mittelmeer durchs Rhonegebiet heraufführt, 
auf der anderen Seite. 

Darauf beruhte die Bedeutung der von den Römern angelegten 
Stadt Augusta Rauracorum, dasselbe gilt für ihre Nachfolgerin, die 
wenige Kilometer entfernt etwas später gegründete Basilea, das heutige 
Basel. 

Am Nordende der Rheinebene vereinigen sich ebenso mehrere 
Strassenzttge, welche alle auf die alten Nachbarstädte Mainz und Frank- 
furt konvergieren und für beide seit Jahrhunderten die Quelle ihrer 



152 Ludwig Neumann, [152 

materiellen und politischen Wichtigkeit geworden sind. Es sind dies 
die Wege durchs Nahethal nach Lothringen, den Rhein hinab nach 
Nordwestdeutschland, Holland und Belgien, durch die westhessische 
Senke ins obere Lahn- und weiter ins Wesergebiet nach Norddeutschland, 
durch die osthessische Senke zur Fulda und nach Thüringen, endlich 
dem Main entlang nach Franken. 

Zwischen diesen beiden von der Natur zu Verkehrs- und Handels- 
mittelpunkten vorherbestimmten Punkten am Süd- und Nordende unserer 
Ebene bildet diese selbst eine einzige, ebenfalls von der Natur vorge- 
zeichnete Verbindungslinie, die noch dazu das Glück hat, dem Austausch 
von Menschen und Waren die denkbar geringste Summe von Hinder- 
nissen in den Weg zu legen. Von Anfang an standen offen und kamen 
zur Benutzung die Wasserbahn in der Achse der Ebene, die ßheinstrassen 
dem Fluss entlang, und endlich die beiden Bergstrassen am Fuss der 
Gebirge, die westliche im Elsass und am Fuss der Haardt, die östliche 
am Schwarzwald und Odenwald hin. 

Wie sich in dem einheitlichen Gebiete der Rheinebene zu beiden 
Flussseiten unter der Einwirkung nicht gerade grosser Unterschiede 
der natürlichen Bedingungen, aber infolge des verschiedenen Ganges 
der geschichtlichen Ereignisse, welche die Staatenbildung und Kriegs- 
läufe rechts und links vom Strom, besonders seit den letzten 300 Jahren 
in ganz getrennter und anders gearteter Weise sich entwickeln liessen, 
die Siedelungsverhältnisse , insbesondere das Wachstum und die Be- 
deutung der Städte in geradezu grundverschiedener Weise gestalteten^ 
das weiter auszuführen, wäre eine höchst lohnende Aufgabe, die 
aber nicht hierher gehört, üebrigens hat Penck in Kirchhoffs Länder- 
kunde von Europa (I. Teil, 1. Hälfte, S. 257 ff.) in meisterhafter 
Weise leitende Gesichtspunkte für die Untersuchung der auffallenden 
anthropogeographischen Sonderentwickelung der beiden Stromseiten 
gegeben. 

Hier beschäftigt uns nur die rechtsliegende derselben. 

Die Ansiedelungen längs des Rheines sind teils als Uebergangs- 
orte entstanden und zwar überall da, wo eine Uferstelle dem unge- 
zähmten Wildstrome Festigkeit genug entgegensetzte, dass sie zu allen 
Zeiten als Stützpunkt des Ueberganges dienen konnte; hierher gehören 
Istein und Breisach ; ödes es waren Fischerorte, deren wasservertrauter 
Bevölkerung es nicht darauf ankam, im Falle der Not die Wohnstatten 
weiter landeinwärts zu verlegen. Die Geschichte kennt zahlreiche solche 
Ortsverlegungen längs des Rheines, sie sind noch bis in unser Jahr- 
hundert hinein vorgekommen. Wo der Strom sich sein Bett tief zwischen 
die steilen Ränder der Hochufer eingegraben hat, da finden wir die 
Hauptzahl der Siedelungen oberhalb desselben, nur vereinzelte Orte 
liegen der steten Hochwassergefahr ausgesetzt unterhalb der Hochufer ; 
doch ist durch die grossartige Rheinkorrektion unseres Jahrhunderts 
auch ihre Lage wesentlich verbessert und sicherer gestellt worden. Die 
rechtsseitige Rheinstrasse lässt sich von Schliengen bis Breisach, von 
da bis Kehl, und von hier bis Rastatt verfolgen, an ihr liegen zahl- 
reiche der ältesten Siedelungen des Landes. Die Bergstrasse endlich 
überschritt in früheren Zeiten die fruchtbare Vorhügelzone im Norden 



153] I^iö Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 153 

von Basel, stieg dann von der „kalten Herberge'' in die Ebene nach 
Schliengen herab, um von hier am Gebirgssaume und an der Mündung 
der vielen Schwarzwaldthäler entlang weiter zu ziehen, bis sie am Aus- 
gaoge des Murgthales mit der Rheinstrasse zusammentraf, um sie aber 
sofort wieder zu verlassen; die westliche Verkehrslinie folgt wieder im 
allgemeinen dem gesicherten Hochufer und seinen alten Niederlassungen, 
sie erreicht über Mühlburg (jetzt Vorort von Karlsruhe), Graben und 
Schwetzingen das Nordende des Landes bei Mannheim und zieht von 
hier weiter bis zu ihrem Endpunkte bei Mainz. Die Bergstrasse aber 
geht von Elastatt über Ettlingen, Durlach, Bruchsal, Wiesloch nach 
Heidelberg, und weiter über Weinheim dem Odenwald entlang nach 
Frankfurt. 

Von diesen Strassen aus wurde die zwischen ihnen liegende Ebene 
erst spät und allmählich besiedelt, so dass dieser mittlere Streifen auch 
heute noch wesentlich dünner bevölkert ist als seine Ränder, von denen 
wieder der westliche an Bedeutung und Volksdichte hinter dem öst- 
lichen um ein gutes Stück zurückblieb. (Vgl. oben S. 43 ff.) Die 
Bergstrasse war nämlich dadurch so überaus begünstigt, dass auf sie 
alle die Verkehrswege zweiter Ordnung, die vom fränkischen und 
schwäbischen Becken, vom Schwarzwalde, von der Baar und vom 
Bodensee in ostwestlicher Richtung zur Rheinebene laufen, ausmünden ; 
an all diesen Schnittpunkten von Haupt- und Nebenlinien liegen seit 
alters die vrichtigeren Orte des Gebirgsfusses, wie ein Blick auf die 
Karte darthut, der von Schliengen bis Weinheim Stadt und Dorf gleich 
den Gliedern einer Kette aneinander gereiht erscheinen lässt. Dabei 
entsprechen direkt den Hauptkreuzungspunkten die Hauptorte, so Frei- 
burg, Offenburg, Rastatt, Durlach, Bruchsal, Heidelberg. 

Handels- und Verkehrsgewerbe sind es also, welche der Besiede- 
lung der Rheinebene ihre Richtung gewiesen haben; dazu kommt aber 
als Grundbedingung aller menschlichen Niederlassungen auch hier die 
Fr^e nach der Bodenbeschaffenheit und der Fähigkeit des Landes, 
seine Bewohner zu ernähren. In dieser Hinsicht ist nun der grösste 
Teil der Rheinebene als ein überaus gesegneter Landstrich ganz beson- 
ders glücklich ausgestattet und im stände, einer zahlreichen Bevölkerung 
Nahrung und Erwerb weit über das augenblickliche Bedürfnis hinaus 
zu gewähren. Denn einmal herrschen die günstigen klimatischen Zu- 
stande (s. S. 37), und zwar ohne Unterschied der Höhenlage und 
geographischen Breite, und dann ist der Boden mit vereinzelten Aus- 
nahmen, wo die Kieslagen und Sandbänke, welche der Rhein ange- 
schwemmt hat, nicht oder nicht genügend von Humusschichten verhüllt 
sind, oder wo der Löss, der den Gebirgsrand bis zu einer ansehnlichen 
Höhe überdeckt, von Wildwassem weggeschwemmt worden ist, durch- 
weg der denkbar beste. Nach dem geschichtlichen Gang der Besiede- 
lung, wie er von der Natur der hydrographischen Zustände in der 
Rheinebene bedingt war, und nach dem allmählichen Fortschritte der 
Urbarmachung der Fläche durch Abdämmung der Altrheine, Regelung 
des Ablaufs der Binnengewässer auf dem kürzesten Wege zum Haupt- 
strome, Austrocknung der Giessen am Gebirgsfuss, Ausrottung der 
Wälder zwischen Gebirgsfuss und Hochufer, Trockenlegung versumpfter 



154 Ludwig Neumann, Fl 54 

Strecken und Verwandlung derselben in Wiesen und Ackerland sind 
auch heute noch eine Reihe von südnördlich parallel verlaufenden 
Eulturzonen der Rheinebene zu unterscheiden, die mit den Siedelungen 
im engsten Zusammenhange stehen. 

Längs des Gebirgsabhanges liegen die besten Böden, die wert- 
vollsten Gelände. Hier blühen Rebbau, Obstkultur und Ackerbau und 
geben hohen Ertrag. Wie in den meisten Rebbauländern ist hier die 
Parzellierung eine sehr weit entwickelte und darum die Volksdichte 
oftmals vielleicht eine grössere als es wünschenswert wäre. An diesen 
Streifen Landes, der als Uebergangszone vom Gebirg zur Ebene gelten 
kann, reiht sich zumeist ein zweiter an, der vielfach weite Wiesengrönde 
umfasst, es ist dies die Zone der alten Wasserläufe, der heute noch 
durch seine tiefe Lage und den feuchten Boden in seiner alten Natur 
zu erkennen ist. Von ihm war oben im hydrographischen Abschnitt 
(S. 45) ausführlicher die Rede. 

In ähnlicher Weise liegen unter dem Hochufer Gelände feuchter 
Wiesen, vielfach unterbrochen von ausgebreiteten Wäldern, zumeist 
Niederholz; nur solche Grundstücke, die schon seit längerer Zeit dem 
nassen Element bleibend haben entrissen werden können, zeigen auch 
Ackerbau. Dagegen findet sich über dem Hochufer eine mehr oder 
weniger breite Zone von Ackergelände, es ist die an der Rheinstrasse 
gelegene, durch alte Siedelungen ausgezeichnete. Wo das Hochufer 
fehlt, also vom Kaiserstuhl bis über die Renchmündung hinab, da ist 
der Ackerlandstreifen ansehnlich breit und die Ortschaften liegen hier 
nicht nur linienartig, sondern etwas mehr in netzförmiger Verteilung 
angeordnet. 

Fast auf der ganzen Länge der Rheinebe hat sich zwischen dem 
Ackerland längs der Rheinstrasse und dem durch Wiesen ausgezeich- 
neten ßruchlande unfern des Gebirgsfusses die alte Waldzone erhalten; 
nur wo die Ebene sehr schmal ist, also im Süden und teilweise zwischen 
Kaiserstuhl und Rench, ist sie den menschlichen Ansiedelungen, zum 
Teile aber erst in sehr später Zeit gewichen; besonders im Norden ist 
das Waldgebiet seit Jahrhunderten fast unverändert, der Haardtwald bei 
Karlsruhe, das unmittelbar am Waldrand gelegen, die Lusshardt weiter 
thalabwärts, aber auch die Mooswaldungen bei Freiburg sind Reste der 
ältesten Vegetationsform der Rheinebene. 

Würden die Wälder von der bewohnten Fläche ausgeschieden und 
würde dann erst die Volksdichte der einzelnen Landesteile bestimmt, 
so fiele die sie bezeichnende Zahl natürlich wesentlich grösser aus als 
es der Fall ist, wenn die Wälder eingerechnet werden. Es ist auf diese 
Verhältnisse oben bei Besprechung der Methode der Dichtekarten 
(S. 60 flf.) schon ausführlich eingegangen worden und kann also hier 
auf jene Darlegungen verwiesen werden. 

Neben den Orten an der Rheinstrasse und den wichtigeren an 
der Bergstrasse, sowie den kleineren Siedelungen, welche sich natur- 
gemäss um die oben schon genannten Hauptverkehrs- und Handels- 
zentren älteren Datums ausbildeten und welche gewissermassen den 
geschichtlichen Grundstock der Bevölkerung in der Rheinebene bilden, 
sind noch einige Punkte zu nennen, in denen sich die Bevölkerung zu 



155] I^iö Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 155 

grösserer Dichte vereinigt hat, und wo die Verkehrslage allein den 
Erklärungsgrund dazu nicht abgeben kann, obschon diese Oertlichkeiten 
allerdings auch nicht als ungünstig in Bezug auf ihre Lage bezeichnet 
werden dürfen. 

Da ist zunächst Lahr, am Ausgange des Schutterthales, das kein 
bedeutendes Hinterland erschliesst und etwas abseits von unserer Berg- 
strasse gelegen, das aber im vorigen Jahrhundert von seiner nassauischen 
(oranischen) Regierung mit der Tabakindustrie vertraut gemacht und 
dadurch allmählich immer mehr auf die Bahn industrieller Thätigkeit 
gewiesen wurde, welche heute die Stadt zu einer der hervorragendsten 
auf mehreren Gebieten des Gewerbgrossbetriebes gemacht hat. 

Da ist weiter Baden(-Baden) , das im Besitz seiner heilkräftigen 
Quellen immer, und als Landeshauptstadt Jahrhunderte hindurch einen 
wichtigen Anziehungspunkt für die weitere Umgebung bildete, obschon 
es eigentlich recht tief in dem stillen Waldversteck des Oosthales ge- 
legen ist. 

Da folgt weiter im Norden Ettlingen, das in alten Zeiten an 
einem mächtigen Giessen lag, der hier die Alb aufnahm und den Ort 
zu einer wichtigen Schiffs- oder Flossstation machte. Trifft auch hier 
mit der Hauptstrasse der Rheinebene kein Seitenweg ersten Ranges 
zusammen, so teilte sich doch Ettlingen mit Durlach in die Rolle eines 
Ausgangspunktes der Linie nach dem mittleren Neckarthal, und es 
hielt sich durch alle Gefährdungen kriegerischer Jahrhunderte so, dass 
es noch zu Anfang dieses Jahrhunderts mit Baden-Baden die gleiche 
Einwohnerzahl besass; jetzt freilich ist es hinter der Bäderstadt an der 
Oos um mehr als die Hälfte zurückgeblieben. 

An der Bergstrasse, im Norden von Heidelberg ist endlich noch 
Weinheim zu nennen, das am Ausgang des Birkenauer und Gorxheimer 
Thaies und an einem grossen Wassergiessen gelegen, sich in derselben 
Weise entwickelt hat wie Ettlingen. 

Viel wichtiger für das ganze Kulturleben Badens sind aber die 
zwei folgenden Städte geworden. 

Geschichtlich die jüngsten, sind sie heute die grössten: Mannheim und 
Karlsruhe. Die jetzige Hauptstadt des Landes mit über 60000 (1890 
sogar 73 496) Einwohnern ist erst 1715 gegründet worden und zwar 
mitten im Haardtwalde, eine Wegstunde westlich von der früheren Re- 
sidenz Durlach. Fast nur Beamtenstadt, ärmlich gebaut und wenig 
anziehend hatte Karlsruhe zu Anfang dieses Jahrhunderts kaum über 
12000 Einwohner und wuchs auch von da ab nur langsam weiter. 
Erst in der Zeit seit der Erstellung der Eisenbahnen ist sie mächtig 
aufgeblüht, indem sie es verstand, den Vorzug der Lage Durlachs zu 
dem ihrigen zu machen und die Kreuzung der zwei oberrheinischen 
Hauptstrassen hierher zu verlegen. Jetzt ist die Stadt Knotenpunkt 
von 6 Eisenbahnlinien, hier wird die Strasse Basel-Frankfurt von der- 
jenigen, die Frankreich mit dem Osten verbindet, und der schon bei 
Besprechung der Bedeutung von Pforzheim gedacht wurde, geschnitten, 
von hier liegt der südlichste, für flache Kohlenschiflfe stets zu er- 
reichende Rheinhafen, Maxau, wenig Minuten Fahrzeit entfernt, und somit 
konnte Karlsruhe ein Sitz wichtiger Industrieen werden, die es seit zwei 



15G Ludwig Neumann, [156 

bis drei Jahrzehnten dahin gebracht haben, dass die stille Bureaustadt 
von früher jetzt eine lebhafte Handels- und Fabrikstadt geworden ist, 
die in mächtigem Aufblühen begriffen, für sich, ihre nähere Umgebung 
und das ganze Land eine Quelle des allgemeinen Wohlstandes zu sein 
und künftig zu bleiben alle ßarantieen bietet. 

Karlsruhe ist eines der in Europa seltenen Beispiele von jungen 
Städtegründungen, die unter Benutzung aller natürlichen Hilfsquellen 
und von oben mächtig gefördert trotz kleinen Anfanges, der nur eine 
kurze Spanne Zeit hinter der Gegenwart liegt, sich zu einem ton- 
angebenden Mittelpunkt eines engeren Gebietes aufgeschwungen haben. 

Mannheim hat als Stadt vor Karlsruhe etwas mehr als hundert 
Jahre voraus. Früher ein Dorf, hatte es sich durch Zuzug holländischer 
Protestanten zu Ende des 16. Jahrhunderts einige Bedeutung erworben; 
erst 1606 wurde es zur Stadt erhoben, 1720 wurde die Residenz der 
Pfälzer Kurfürsten von Heidelberg hierher verlegt. Die eingewanderten 
Emigranten brachten die Kultur einiger wichtiger Handelsgewächse, 
besonders des Tabaks, und das wurde der Ausgangspunkt der heutigen 
Bedeutung Mannheims als Metropole des Handels und der Industrie in 
Südwestdeutschland. Sein Aufblühen wurde freilich mächtig unterstützt 
durch die Lage an zwei fahrbaren Wasserstrassen, am Neckar und am 
Rhein, und noch mehr durch den Umstand, dass in Rücksicht auf die 
immer grösser werdenden Schiffe und auf das oberhalb der Stadt von 
jeher unsichere Fahrwasser Mannheim die Endstation der grossen Rhein- 
schiffahrt wurde. Es ist darum heute als Stapel- und ümladeplatz ein 
Ort ersten Ranges, dessen Lagerhäuser, Hafen- und Bahnhofanlagen in 
anderen Binnenschiffahrtsstädten ihresgleichen suchen. 

Da auch die grösste Industriestadt in letzter Reihe von den Zu- 
ständen des sie umgebenden Landes abhängt, und da eine Handelsstadt 
sich wesentlich mit der Produktion ihrer Umgebung beschäftigt, bezw. 
ihre Umgebung mit den fremden Erzeugnissen ihres Verkehrs ausstattet, 
so ist es zunächst von Wichtigkeit, die Bodenbauverhältnisse der Rhein- 
ebene kennen zu lernen. Sie gewähren uns einen Blick in die Zu- 
stände der ländlichen Bevölkerung und in die Ursachen ihrer räumlichen 
Verteilung. Diese aber hängt aufs engste zusammen mit der Lage und 
Wichtigkeit der Bevölkerungsmittelpunkte, die im vorstehenden genannt 
worden sind. Bodenbau und Industrie stehen, wie überall mehr oder 
weniger, in der Rheinebene ganz besonders in inniger Wechselbeziehung, 
ebenso also auch die ländliche und städtische Bevölkerung. Dies dar- 
zuthun, ist unsere nächste Aufgabe. 

Die natürliche Einteilung Badens, wie sie von dem neuesten Bande 
der „Statistischen Mitteilungen" gegeben wird, unterscheidet nach 
früheren Ausführungen eine obere, mittlere und untere Rheinebene und 
ausserdem stellt sie noch den Kaiserstuhl getrennt dar. Als Grenzen 
zwischen den 3 Gebieten treten das Kaiserstuhlgebirge und die Gegend 
von Rastatt auf. Da zur oberen Rheinebene auch noch das Rheinthal 
vom Klettgau bis Basel, sowie der ganze Amtsbezirk Lörrach hinzu- 
gerechnet ist, so können die Zahlen, die von der Statistik für dieses 
Gebiet ermittelt worden sind, nicht als streng typisch für die Rheinebene 
von Schliengen bis zum Kaiserstuhl und bis zur Freiburger Bucht an- 



157] I^ic Volksdichte im Grosaberzogtum Baden. 157 

gesehen werden. Doch reichen sie, um die Gegensätze zwischen den 
Zustanden in den Hauptgebieten der Rheinebene ins richtige Licht zu 
stellen, immerhin aus. 

Prozente der Bodenfläche: 

Landwirtschaftl. pp„*.i.p_^ . ^^^^ . Nicht angebaute 
Fläche: Keutberge. Wald. Fläche: 



Landeadurchschnitt . 


55,8 


3,4 


36,8 


4,5 


Kaiserstubl .... 


76 




17 


7 


Obere Rheinebene . 


60 


1 


34 


5 


Mittlere , 


64 


3 


26 


7 


Untere - 


61 


— 


33 


6 



Zunächst ist aus dieser Zusammenstellung ersichtlich, dass die nicht 
angebaute Fläche, also das Areal der Haus- und Hofplätze, des Weg- 
landes und des eigentlichen Unlandes in unserem Gebiete verhältnis- 
mässig gross ist. Bei der dichten Bevölkerung ist zunächst der Anteil 
der Bodeufläche an Haus- und Hofplätzen ziemlich bedeutend, dann aber 
bleibt doch noch ein ziemlich ansehnlicher Bruchteil wirklich unbebau- 
barer Flächen übrig, im Kaiserstuhl Felsen und Steinbrüche, in der 
Kheinebene dem Strom entlang Altwasser, Kies- und Sandbänke, 
Sümpfe etc. Der Prozent-Anteil dieses Unlandes ist naturgemäss am 
grössten in der mittleren Rheinebene, im Gebiete ohne Hochgestade. 

Diese mittlere Rheinebene zeichnet sich sodann aus durch ihre sehr 
geringe Bewaldung, auf welche oben schon hingewiesen wurde. Während 
in der oberen Rheinebene noch grosse Flächen schlechten Kiesbodens 
mit ungeregelten Wasserläufen dazwischen vorhanden sind — die 
Mooswaldungen der Freiburger Bucht — und während weiter strom- 
abwärts im Norden der Murg der Kies allmählich durch feineres Material, 
schliesslich durch Flugsand ersetzt wird, der sich zu ganzen Dünen- 
hQgeln und zu einer Art von Geestland angehäuft hat, so dass hier die 
Ausrodung der weiten Waldungen vielfach durchaus nicht lohnen würde, 
ist der Mittelstrich der Ebene fast überall anbauwürdig; hier hat die 
Urbarmachung des Bodens die weitesten Fortschritte gemacht. Daher 
hier die prozentisch grössten Anbauflächen, die nur noch von denjenigen 
im Kaiserstuhl übertroffen werden, wo die Bodenausnutzung die denkbar 
intensivste ist. Dagegen zeigt sich die Reutbergkultur auch im Vor- 
lande des mittleren Schwarzwaldes, wie sie sich von Bühl bis Wald- 
kirch auch für die Siedelungsverhältnisse des Gebirges so überaus 
wichtig erwiesen hat. Im einzelnen ist nun die Benutzung des land- 
wirtschaftlichen Bodens aus den folgenden Relativzahlen zu ersehen, 
die wie alle bisher angeführten aus den absoluten Originalwerten ab- 
geleitet und thunlichst auf ganzzahlige Werte abgerundet worden sind. 



Landesdurchschnitt 
Kaiseratuhl . . . 
Obere Rheinebene 
Mittlere 
Untere 



Acker: Wiese: Rebland: Obst- und Gras- ^y^ij^. 

^ai Len . 

67,8 23,8 2,5 1,9 3,9 

57 21 21 1,3 — 

62 29 6 3 0,3 

64 31 8 2 0.4 

76 20 2 2 0,2 



158 



Ludwig Neumann, 



[158 



Naturgemäss tritt bei der intensiven Ausnutzung des Bodens die 
Weide sehr zurück, nur in der mittleren Ebene ist sie mit etwa 4,3 qkm 
beteiligt, überall sonst ist ihre Fläche fast verschwindend klein. Da- 
gegen ist der Wiesenbau von grosser Wichtigkeit; längs der Wasser- 
läufe und in den trocken gelegten alten Giessen, Altrheinen u. s. w. 
nehmen sie ein sehr grosses Areal ein; im mittleren Teil der Ebene, 
wo der Wald am meisten ausgerottet wurde, verhält sich die Wiesen- 
zur Ackerfläche wie 1:2. In der unteren Ebene dagegen ist das 
Ackerland bei weitem im Uebergewicht. In der mittleren und unteren 
Ebene ist die Tierhaltung und Tierzucht sehr entwickelt; die Pferde- 
zucht blüht besonders von Lahr bis unterhalb Karlsruhe, die Rind Vieh- 
haltung ist ziemlich gleichmässig verteilt. 

Die Obstkultur ist in der Ebene überall, besonders aber am ge- 
schützten Fusse des Gebirges und in den warmen Thälem am Rande 
desselben fast ebenso wertvoll als diejenige der Rebe; wirft doch die 
Obstzucht im Mittel etwa 11 Millionen Mark Jahreseinnahmen, während 
das Erträgnis des Weinherbstes durchschnittlich 12,5 Millionen beträgt. 
Manche Kaiserstuhlgemeinde verkauft in guten Jahrgängen allein für 
GOOOO Mark Kirschen! 

Bezüglich des Rebbaues, auf dessen Wert in Franken, im Kraich- 
gau, in der Bühler Gegend und am Bodensee schon hingewiesen wurde, 
mag hier, da weitaus die wichtigsten Rebbaubezirke in dem Ueber- 
gangsland von der Rheinebene zum Gebirge und rings um den Kaiser- 
stuhl gelegen sind, zusammenfassend mitgeteilt werden, wie sich die 
Rebbaupflanzungen über das ganze Land verteilen und welches die 
Erträgnisse der verschiedenen Bezirke sind. Die Flächen verstehen 
sich für 1888, die Erntewerte für die Durchschnitte von 1873—1888: 



Mit Reben be- 
wachsene 
Fläche 

qkm 



Erträgnis in 
Tausenden 
von Mark 



Bodenseegegend 

Oberes Rheinthal bis Basel 

Markgräflerland von Basel bis gegen Freiburg 

Kaiserstuhl 

Breisgau 

Orten au und Bühler Gegend 

unteres Rheinthal 

Kraicfagau und Neckarthal 

Bergstrasse nördlich von Heidelberg . . . 
Main- und Taubergebiet 




200 

100 

3420 

2450 

1360 

3250 

530 

570 

140 

500 



214,1 



12520000 M. 



Dabei ist zu bemerken, dass die Rebbaufläche im allgemeinen 
eine Tendenz zum Kleinerwerden innehält. Früher ging der Rebbau 
noch sehr weit in die Ebene heraus, während er sich, der höheren und 



159] I^iö Volksdichte im Grossherzogtum Baden. ■ 159 

besseren Erträgnisse wegen, immer mehr auf die besten Lagen am 
sonnigen Bergabhang zurückzieht, wo er besonders vor den so schäd- 
lichen kalten Nebeln der Niederungen bewahrt bleibt. Das frei wer- 
dende Gelände wird dann zumeist dem Anbau von Halmfrüchten zu- 
geführt. 

Die zahme Kastanie bedeckt in den Bezirken Oberkirch, Achern, 
Bühl, Rastatt, Heidelberg zusammen rund 10 qkm und giebt hier einige 
Erträgnisse. Ihr Auftreten ist für die klimatisch mildesten Teile des 
westlichen Gebirgsfusses charakteristisch. 

Der Ackerbau nimmt von Süd nach Nord zu und erreicht sein 
Maximum in der unteren Rheinebene miü 70 ^/o der landwirtschaftlichen 
Fläche; die Kultur hat sich zumeist von der alten Dreifelderwirtschaft 
zu TöUig freiem Wirtschaftssystem erhoben, die Brache ist fast überall 
angebaut, so dass die Fläche nicht angebauter Brache nur einen ver- 
schwindend kleinen Bruchteil des Anbaulandes ausmacht. Bei dem 
günstigen klimatischen Verhältnisse haben in der Rheinebene die Nach- 
früchte — besonders Klee, Futterwelschkorn, Rüben — eine grosse 
Bedeutung erlangt; wenn im Landesdurchschnitt 12 ^/o der Ackeran- 
baufläche eine zweimalige Ernte gestattet, so ist dies Verhältnis in 
der Rheinebene ein noch bei weitem günstigeres. 

Neben dem Körnerbau sind in allen bisher besprochenen Landes- 
teilen die Handelsgewächse nach ihrer Beteiligung an der Bodenfläche 
und nach ihrem Emtewert wesentlich zurückgestanden; in der Rhein- 
ebene aber sind etwas über 14 ^/o der Ackerfläche mit ihnen bepflanzt, 
während sie am Kaiserstuhl neben der hier alles beherrschenden Reb- 
kultur keine nennenswerte Rolle spielen. Auch in der oberen Rhein- 
ebene bleiben sie an Bedeutung hinter den Halmfrüchten wesentlich 
zurück. Anders gestalten sich die Zustände nördlich vom Breisgau und 
vom Kaiserstuhl. In der mittleren Ebene werden neben Raps, Hopfen 
und Runkelrüben ganz besonders Cichorie, Hanf und Tabak gepflanzt, 
und damit stehen im Zusammenhang die Tabakfabrikeu in den Bezirken 
Emmendingen, Ettenheim, Lahr, Ofi'enburg und Kehl. Der Bezirk Lahr 
allein beschäftigt 2313 Personen in der Tabakindustrie, auch die Ci- 
chorienfabriken in Freiburg und Lahr sind von Wichtigkeit. Die Leinen- 
und Hanfindustrie hat ihren Hauptsitz in den Bezirken Ofi'enburg und 
Lahr. — Viel grössere Dimensionen nimmt der Bau der Handelsge- 
wächse in der unteren Ebene an; beteiligt er sich doch mit rund 
IS'^o an der gesamten Ackerfläche. Hier sind es besonders Runkel- 
und Zuckerrüben — daher die grossen Zuckerfabriken Waghäusel und 
Mannheim nebst Filialen mit 1329 Arbeitskräften — Hopfen und Tabak. 
Mit Tabak sind hier rund 32 qkm Fläche bepflanzt, von den Cigarren- 
und Tabakfabriken leben in den Amtsbezirken von Karlsruhe bis Wein- 
heim über 13000 Menschen. Hopfen, im ganzen 23 qkm, werden 
hauptsächlich in den Bezirken Bruchsal, Schwetzingen, Wiesloch, Heidel- 
berg gepflanzt und haben Mannheim neben Nürnberg zu einem Hopfen- 
markte ersten Ranges gemacht. 

Ausser diesen Handelsgewächsen sind in der ganzen Rheinebene 
auch die Erträgnisse des eigentlichen Gartenbaues, Kraut und Gemüse, 
von Wert. Um sich von dem Reichtum der Rheinebene gegenüber 



160 



Ludwig Neumann, 



[160 



minder gut ausgestatteten Landesteilen eine Vorstellung machen zu 
können, mag es dienlich sein, die Emtewerte Badens nach den Boden- 
erzeugnissen getrennt aufzuzählen. Im Durchschnitt von 1865 — 1888 
hatte die Ernte einen Wert von 



Kömer- und Hülsenfrüchte 76400000 M. 

Stroh 18900000 , 

Kartoffeln 23000000 „ 

Heu und Futter .... 60100000 , 

Futterhackfrüchte . . . 10200000 „ 

Wein 12300000 , 

Obst 11700000 „ 

Weidegang 7000000 , 



Kraut und Gemüse 
Handelsgewächse 
und zwar Tabak 
Hanf und Flachs 
Hopfen . . . 
Oelgewächse . 
Cichorien . . 
Zuckerrüben 



2300000 M. 

14800000 r 

5580000 , 

8060000 . 

3210000 , 

1540000 , 

630000 , 

780000 • 



„Da bei dem allgemeinen Vorwiegen der kleinbäuerlichen Be- 
völkerung — und dies gilt ganz besonders von der Rheiuebene und 
dem Rebgelände am Gebirgsfusse , wo die günstigen Boden-, Klima- 
und Absatzverhältnisse, sowie die vielfach gebotene Gelegenheit zu 
lohnendem Nebenverdienst in den Städten und Industrieorten eine fast 
gartenartige Benutzung des Bodens gestatten und demnach eine weit- 
gehende Zersplitterung des Grundbesitzes hervorgerufen haben, ohne 
dass dieselbe aber bis jetzt als nachteilig bezeichnet werden könnte — 
der grösste Teil der erzeugten Halmfrüchte und Kartoffeln, ebenso wie 
Heu und Futtergewächse nicht zum Verkauf gelangen, so erhellt aus 
vorstehenden Zahlen, welch hohe ökonomische Bedeutung für das Land 
dem Wein-, Obst-, Gemüse-, und Handelsgewächsbau zukommt." Da 
nun diese Gewächse zum allergrössten Teile nur in der Rheinebene und 
am westlichen Gebirgsrand gepflegt werden können, so ist klar, dass 
diese Landesteile in der Lage sind, eine wesentlich dichtere Bevölkerung 
zu erhalten als das auf den Hügelländern, Hochebenen und Gebirgen 
des Landes der Fall ist. 

Die vorstehenden Entwickelungen zeigen', wie die Bodenbauver- 
hältnisse und die Industrieen der Städte in der Rheinebene in reger 
Wechselwirkung stehen; am grossartigsten tritt dies zu Tage bei Tabak- 
bau und Tabakindustrie, worauf schon hingewiesen wurde. 1875 besass 
Baden 487 Tabakfabriken, während ganz Deutschland rund 4000 Betriebe 
besitzt; die Tabakfabrikation ist hiernach eine der allerbedeutendsten. 
ihre Mittelpunkte sind Mannheim, Karlsruhe, Lahr. 

Hand in Hand mit der reichen Zufuhr von Erzeugnissen des ge- 
segneten Landes, die industriell zu verarbeiten und in den Handel zu 
bringen die Hauptaufgabe der Bevölkerungsmittelpunkte, also der älteren 
und neueren Städte ist, haben sich in diesen Industrie und Verkehr 
gehoben, unterstützt durch ihre zumeist günstige Lage. So kamen über- 
haupt auch zahlreiche andere Gewerbe in grossartigen Aufschwung, und 
wir finden in den Städten der Rheinebene und ihres östlichen Randes 
Grossbetriebe aller Art mächtig entwickelt, so z. B. Verarbeitung von 
Metallen, Maschinenfabrikation (Freiburg, Karlsruhe, Durlach, Mann- 
heim); chemische Industrieen (Mannheim und Umgebung); die Textil- 
industrie ausser dem Oberland besonders in Lahr, Offenburg, Ettlingen: 
Papier- und Lederindustrie in Karlsruhe, Mannheim, Schwetzingen, Wein- 



1(51] Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 161 

heim, Heidelberg; die Verarbeitung von Holz in Kehl, Oflfenburg, Rastatt, 
Karlsruhe, Bruchsal, Mannheim, Heidelberg u. s. w. Um den in neuester 
Zeit enormen Aufschwung des Handels nachzuweisen, mögen einige 
Daten über Mannheim hier Platz finden. 

In Mannheim sind im Jahre 1888 im ganzen 10 704 Schiffe, 
darunter 2925 Dampfer und 7779 Segelboote, angekommen und abge- 
gangen mit einem Gesamtgehalt von 170G585 Tonnen beförderter Güter 
bei der Ankunft und 377150 Tonnen ebensolcher beim Abgang, zu- 
sammen also mit einer Güterlast von 2 083 735 Tonnen; es kann dieser 
Hafen infolge seiner wichtigen Lage am oberen Endpunkt der grossen 
Kheinschiffahrt als Hauptplatz Südwest - Deutschlands in Eisen und 
Metallen, vor allem aber in Getreide, Hopfen, Holz, Kohlen, Manufaktur- 
waren, Droguen und Farbwaren, Mehl und Mühlenfabrikaten, Petroleum, 
Tabak und Wein angesehen werden. 

Mannheim, die erste Handelsstadt, und Karlsruhe, eine hoch- 
wichtige Fabrikstadt, haben die anderen älteren Hauptorte des nörd- 
lichen Badens, Weinheim, Heidelberg, Bruchsal, Durlach und Ett- 
lingen weit überflügelt; Rastatt war bis zur Stunde durch die 
Festungswerke beengt, Baden ist mehr -auf die Fremdenindustrie 
als auf Gewerbe und Handel angewiesen; Offenburg und Lahr liegen 
TOD den Hauptpunkten des oberrheinischen Verkehrslebens, vom Nord- 
und Südende der Ebene zu weit ab, haben aber seit Jahrzehnten 
die Vorzüge ihrer Umgebung und ihrer Lage soweit als möglich aus- 
genutzt; Freiburg, nahe dem ßheinknie und doch nicht wie das 
schweizerische Basel unmittelbar an der Grenze gelegen, ist zwischen 
Basel und Karlsruhe die einzige grössere Stadt, die als Hauptort der 
oberen Ebene und des ganzen mittleren und südlichen Schwarzwaldes 
gelten kann. Es ist so ein Handelsmittelpunkt zweiten flanges und 
wird das im Vergleich mit Mannheim und Karlsruhe stets bleiben. 
Sein Aufblühen ist seit zwanzig Jahren auf die gedeihliche Entwicke- 
lung seiner Hochschule und auf die anziehende Wirkung seiner land- 
schaftlich schönen, klimatisch so günstigen Lage auf vermögliche 
Fremde zurückzuführen. Von Interesse mag ein Vergleich der 16 
grösseren Städte des Landes, von denen 12 in der Rheinebene gelegen 
sind, nach ihrem Wachstum sein (s. umstehende Tabelle). 

Wir sehen in den 52 Jahren von 1812 — 1864, in denen sich all- 
mählich der üebergang der alten Industrie- und Verkehrsmittel zu den 
neuen vollzog, das Wachstum der Hauptstädte des Landes in sehr ver- 
schiedener Weise vor sich gehen. Das Gold Hess Pforzheim, die 
Baumwolle Lörrach, die Eisenbahn Karlsruhe, die warmen Quellen 
Hessen Baden enorm ihre Volkszahl vermehren, die anderen Städte, 
selbst Mannheim folgten langsameren Schrittes. Die Jahre seit 1864 
haben unter Einwirkung des nationalen Aufschwunges und ganz unter 
dem Eindrucke der jetzt eingelebten modernen Produktions- und Ver- 
kehrsmittel die Städte so weiter gedeihen lassen, wie es ihren Hilfs- 
quellen und ihrer Lage entspricht. 

Preiburg, wie oben gesagt ein Mittelpunkt zweiten Grades, zeigte 
zunächst relativ die rascheste Aufwärtsbewegung, Mannheim hat erst 
mit Karlsruhe gleichen Schritt gehalten, um es seit 1885 rasch be- 

FoTSchungen zur deatschen Landes- und Volkskunde. VIT. i. 11 



162 



Ludwig Neamann, 



[162 







Einwohnerzahl 


Zuwachs in 
Prozenten 


Jährlicher Zuwachs 
in Proz. 














1812 


1864 


1812 


1664 


1885^) 


O.Z. 


Namen 


1812 


1864 


1885 


1890 ') 


bis 

1864 


bis 

1885 


bis 
1864 


bis 

1885 


bis 

1890 


1 


Mannheim 


18213 


30551 


61273 


79044 


67,8 


100,7 


1,80 


4,80 


5, 90 


2 


Karlsruhe 


13727 


30366 


61066 


73496 


121,5 


101,0 


2,82 


4,81 


4,os 


3 


Freiburg 


10108 


19167 


41340 


48788«) 


89,7 


115,8 


U2 


5,50 


2,9-.*) 


4 


Heidelberg 


9826 


17666 


26928 


31737») 


80,0 


52,8 


1,58 


2,49 


Lt.*^) 


5 


Pforzheim 


5301 


16320 


27201 


•29987 


207,1) 


67,4 


3,89 


3,22 


2.05 


6 


Konstanz 


4503 


8516 


14601 


16233 


89,2 


71,6 


1,72 


3,4t 


2,24 


7 


Baden 


3085 


8856 


12779 


13889 


186,8 


44,8 


3,58 


2,11 


1,« 


8 


Rastatt 


4204 


7619 


11743 


11570') 


81,8 


56,7 


1,56 


2,70 


-0,3« 


9 


Bruchsal 


5447 


8980 


11658 


11902 


64,8 


29,8 


1,85 


1,42 


0.4S 


10 


Lahr 


4660 


7424 9937 


10809 


59,8 


33,8 


1,14 


1,«1 


1,-« 


11 


Offenburg 


2880 


5196 


7759 


8462 


80,4 


49,8 


1,55 


2,84 


1,84 


12 


Durlach 


3910 


5794 


7656 


8240 


47.8 


32,1 


0,96 


1,52 


1,51 


13 


Weinheim 


4039 


6287 


7595 


8239 


55,8 


20,8 


1,07 


0,95 


1,-0 


U 


Lörrach 


1906 


5162 


6795 


8122 


171,4 


31,7 


3,80 


1,51 


3,90 


15 


Ettlingen 


3029 


4871 


6199 


6548 


60,8 


27,8 


1,17 


1.80 


1.18 


16 


Villingen 


3316 


4443 


6140 


6423 


37,0 


38,8 


0,71 


1.82 


0,77 



*) Der Vollständigkeit halber hier noch beigesetzt; vgl. die Bemerkungen 
des Vorworts. 

«) Mit Hinzurechnung der 2 kleinen Landgemeinden Güntersthal und Has- 
lach, die am 1. Januar 1890 mit der Stadtgemeinde vereinigt worden sind. 

*) Mit Hinzurechnung der grossen Landgemeinde Neuenheim, die am 1. Januar 
1891 mit der Stadtgemeinde vereinigt worden ist. 

*) Die Abnahme erklärt sich aus einer namhaften Gamisonsverminderung 
infolge Schleifung der Festung. 

^) Durch Zurechnung von Güntersthal und Haslach wächst diese Zahl auf 

3,5» '/o. 

^) Durch Zurechnung von Neuenheim wächst diese Zahl auf 3,58 79- 



1(33] I^iß Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 163 

deutend zu überflügeln, nachdem es sich vor den sechziger Jahren fast 
nur halb so rasch entwickelt hatte; Pforzheim und Baden scheinen 
neben den Hauptcentren zu langsamerem Fortschreiten gezwungen, 
Konstanz ist nach seiner Lage und den veränderten Verhältnissen an- 
gepasst auf dem besten Wege, für den südöstlichen Landesteil wieder 
das zu werden, was es im Mittelalter ward, und das was Freiburg für 
den Südwesten ist. Die Städte in der Nähe von Mannheim und Karls- 
ruhe werden von diesen gedrückt, denn sonst könnte z. B. Heidelberg, 
mit denselben Vorzügen wie Freiburg ausgestattet, nicht so weit hinter 
diesem zurückgeblieben sein; dasselbe zeigen die vorstehenden Zahlen 
för Weinheim, Bruchsal, Durlach und Ettlingen. Offenburg, Lahr und 
Villingen haben für ihre engeren Produktions- und Absatzgebiete stei- 
gende Bedeutung und nehmen seit der Erschliessung neuer Verkehrs- 
Imien (Schwarzwaldbahn) wesentlich zu. Lörrach, das in der ersten 
Hälfte des Jahrhunderts neben Porzheim und Baden am raschesten auf- 
geblüht war, entwickelte sich in den sechziger und siebenziger Jahren 
etwas langsamer, um, nachdem die durch die Angliederung des Elsass 
an das deutsche Wirtschaftsgebiet erstandenen Schwierigkeiten allmählich 
überwunden waren, seit 1885 neben Mannheim und Karlsruhe den be- 
deutendsten Aufschwung zu nehmen, wobei die Bedeutung des nahe 
gelegenen Basel nicht unterschätzt werden darf. Rastatt endlich muss 
ausserhalb der Betrachtung bleiben, da es bisher als Festung eine ganz 
eigenartige Stellung einnahm und mit seiner grossen Garnison seine Be- 
Tölkerung um etwa 40 ^/o zu hoch erscheinen lässt. Immerhin ist es 
ohne Militär in den 75 Jahren von 1812 — 1885 im ganzen um 62,9, 
jährlich also um 0,86 ^'/o gewachsen, während die Garnisonsverminderung 
in jüngster Zeit zu einer Abnahme geführt hat. 

Haben wir so die moderne Stellung der Städte in ähnlicher Weise 
kennen gelernt, wie wir zuvor im stände waren, die ländlichen Siede- 
lungen nach ihrer Natur und ihrer Bodenbenutzung im ganzen zu 
chrakterisieren,' so ist jetzt die Erklärung der verschiedenen Dichtestufen 
in der Rheinebene an der Hand der Karte eine einfache Sache, die nur 
kurz besprochen zu werden braucht; denn hier ist die Karte fast nichts 
anderes als die Illustration zu den vorstehenden Ausführungen. 

Die mittlere Volksdichte der ganzen Rheinebene beträgt mit Ein- 
schluss der Städte 228 Einwohner pro qkm, also mehr als das Doppelte 
des Landesmittels (106); schliessen wir in beiden Fällen die Städte aus, 
so erhalten wir die Zahlen 150 gegen 85, d. h. die ländliche Bevölkerung 
der ßheinebene ist 1,7 6 mal so stark als diejenige des Landes, ein Ver- 
hältnis, das nach den vorstehenden Ausführungen zu erwarten gewesen 
ist. Der wegen der ganzen Anlage dieser Untersuchung, welche eben 
die Verteilung der Bevölkerung auch nach der Höhenlage genau dar- 
stellen sollte, für die Rheinebene in den tabellarischen Zusammenstellungen 
ebenfalls durchgeführte Gegensatz der Höhenstufen ist streng genommen 
für diese gleichgültig, da, wie schon ausgeführt, die Klima- und Boden- 
verhältnisse in der ganzen Länge der Ebene keinen prinzipiellen Unter- 
schied auffinden lassen, der von der Höhe abhängig wäre. Es werden 
deshalb auch hier in einem oder dem anderen Falle andere Gruppierungen 
versucht werden, als in den Tabellen. 



164 Ludwig Neumann, Fl 64 

Halten wir das Dichtemittel von 150 für die ländliche Bevölkerung 
fest, so erscheint die Umgebung von Mannheim gerade normal, d. h. 
trotz aller Industrie ist diese Landschaft, die als direkt unter dem Ein- 
fluss der Stadt stehend angesehen werden muss, nicht übermässig stark 
bevölkert, was wir ohne weiteres den vielen Waldungen auf sandigem 
Dünenboden zuschreiben können. Dass die Dichte unterhalb des Hoch- 
ufers nur 32 beträgt, hat in früheren Ausführungen seine Erklärung 
gefunden. Die Landschaft C a 4 der Tabelle IX, die zwischen dem 
Gebirgsfuss und der hessischen Grenze unter 100 m gelegen ist, er- 
scheint sofort in ihrer wahren Bedeutung, wenn wir den verschwindend 
kleinen Höhenunterschied fallen lassen und dies Gebiet mit C ß 4 , mit 
der Bergstrasse in der Umgebung von Weinheim, wozu es auch natur- 
gemäss gehört, vereinigen, wie dies auch auf der Karte geschehen ist. 

Heidelberg ist mit Neuenheim, soweit beide Orte unter 200 m 
liegen, zu einem Wohnort vereinigt, der seiner ganzen Lage und 
Bedeutung nach zur Rheinebene gerechnet werden musste , obwohl es 
in der Hauptsache zwischen den letzten Bergabhängen des Neckarthaies 
liegt. Diese Lage gab dem Orte von jeher nur seinen Schutz; seine 
Wichtigkeit aber war zu allen Zeiten darin begründet, dass es den 
Uebergang von der Ebene zum Gebirg beherrschte, gleichzeitig an der 
oft genannten Bergstrasse und am Ende der Neckarstrasse lag. Die 
Umgebung Heidelbergs in der Ebene und am Fluss aufwärts bis gegen 
Neckargmünd ist die am dichtesten bevölkerte Landschaft Badens, wir 
sehen hier den guten Boden, der die vollständige Ausrottung des Waldes 
in der Ebene lohnte, den denkbar intensivsten Anbau der Handels- 
gewächse, die Verkehrsstrassen, die Nähe der grösseren Stadt, lauter 
Umstände, die mehr als anderswo grosse Landorte dicht nebeneinander 
entstehen Hessen. 

Während der Gebirgsfuss bis gegen Bruchsal sehr stark bevölkert 
ist, finden wir weiter in die Ebene hinaus eine Abnahme, die nördlich 
vom Neckar grösser ist als südlich desselben, was wohl direkt aus der 
sandigen Beschaffenheit des Bodens zu erklären ist; der schmale Streifen 
unter dem Hochufer bis gegen Karlsruhe hin ist fast ganz menschen- 
leer. Die Umgebung von Bruchsal zeigt verhältnismässig eine geringe 
Dichte (102), was wohl mit den Verhältnissen zusammenhängt, die 
Bruchsal selbst nicht haben aufblühen lassen, wie dies ohne die Nach- 
barschaft von Mannheim und Karlsruhe hätte sein können. Um so 
stärker ist die kurze Strecke des Gebirgsfusses von Bruchsal bis gegen 
Durlach bevölkert, wo Tabak- und Weinbau in hervorragendem Masse 
blühen und das Hinterland der Kraichgauer Hügel überaus leicht er- 
schlossen ist. 

Die Städte Karlsruhe, Durlach und Ettlingen liegen einander so 
nahe und sind durch alle möglichen Verkehrserleichterungen mitein- 
ander so innig verbunden, dass sie als ein gemeinsames Centrum für 
die ganze weitere Umgebung vom Gebirgsfuss bis zum Rhein angesehen 
werden dürfen. Die Landorte sind hier auch längs der alten Strassen 
dicht aneinander gerückt und die Volkszahl ist unter dem Einfluss der 
hoch entwickelten Industrie und der glücklichen Verkehrslage sein: ge- 
wachsen, die Dichte beträgt trotz der grossen und weitausgedehnten 



]l)5] Die Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 1G5 

Waldungen in der Mitte der Ebene 157 pro qkm über dem Hochufer 
und 127 pro qkm unter demselben. Das Gebiet von Rastatt erscheint, 
60 nahe es den oben besprochenen Landschaften liegt, infolge des 
nassen, sumpfigen, waldreichen Bodens sehr dünn bevölkert, ausnahms- 
weise über dem Hochufer noch dünner als unter demselben; die topo- 
graphische Karte zeigt, dass nur die Verteilung der Waldungen die 
Ursache dieses Umstandes sein kann. 

Baden, obschon im Oosthal gelegen, ist doch der Rh einebene 
zugerechnet worden , soweit es unter 200 m liegt ; seine gartengleiche, 
die Bäderstadt mit ihren 60000 Fremden im Jahr ernährende Um- 
gebung, soweit sie sich aus dem Thal heraus in die Ebene erstreckt, 
hat alle wertvollen Eigenschaften der Bergstrasse und ist dem ent- 
sprechend sehr stark bevölkert; dasselbe gilt vom ganzen Qebirgsfuss 
und den Thalmündungen bis gegen Offenburg, einer Landschaft, die 
ebenfalls einem einzigen Garten vergleichbar ist. Bis gegen die Rench 
erstreckt sich unter dem Hochufer ein dünn bevölkerter Landstrich, 
der mittlere Landstreifen aber zeigt von der Murg bis zur Einzig eine 
Dichte, die genau den oben geschilderten Zuständen entspricht (110), 
die aber wie überall hinter derjenigen am Öebirgsfuss (27G) wesentlich 
zurückbleibt. 

In der ebenen Umgebung von Offenburg steigt die Dichte etwas 
(l-^l), der Bedeutung dieser Stadt entsprechend, noch mehr wächst sie 
am Gebirgsfuss bis Lahr (211), in der halb hügeligen, halb ebenen 
Umgebung dieser Industriestadt (275) und am Bergrand bis Emmen- 
dingen (297), während die freie Ebene im Westen wieder schwächer 
(128) und die feuchten Niederungen an der Elz noch dünner bevölkert 
sind (67). Rings um den Kaiserstuhl steigt, der intensiven Bodenkultur 
entsprechend, die Bevölkerung zu einem viel höheren Grad (218 und 
1G2) als in dem eben genannten nördlichen Gebiet und in dem ähnlichen, 
durch feuchte Moore ausgezeichneten Lande zwischen Kaiserstuhl und 
Tuniberg (74). Der letztere und einige andere niedere Hügel, welche 
zwischen Freiburg und dem Kaiserstuhl aus der Ebene hervorragen, 
geben durch ihren Reb- und Ackerbau die Veranlassung, dass dieser 
gesamte Teil der Ebene dichter bevölkert sein kann, als es der Diluvial- 
boden der Ebene an sich (Mooswald) möglich machen könnte. 

Die Elzthalmündung mit dem industriereichen Waldkirch und der 
Gebirgsfuss bis Freiburg, wo Ortschaft an Ortschaft sich anreiht, wie 
dies nur in Kebbau treibenden Gegenden der Fall ist, gehört zu den 
dichtest bevölkerten Landesteilen (359), während die nähere Umgebung 
Freiburgs mit ihrem Kiesboden und ihren feuchten Waldungen sowohl 
im Dreisamthal als in der Ebene ihre Dichte nicht über 130 Einwohner 
pro qkm gesteigert hat. Noch weiter hinaus herrschen die Zustände 
wie in der weiteren Umgebung des Kaiserstuhls, und die Dichte ist 
auch eine ähnlich geringe, nämlich 68 pro qkm. Dagegen "behält der 
Gebirgsfuss bis Schliengen die Eigenschaften, die wir weiter im Norden 
fanden, bei und ist ausgezeiclmet durch eine sehr hohe Dichte (206), 
die nach Westen bis zum Hochufer auf 122 abnimmt und unterhalb 
des Hochufers nur wenige Einzelhäuser bestehen lässt. 

So sehen wir in allen Teilen der Rheinebene bezüglich der Dichte 



166 Ludwig Neumann, [166 

der Ansiedelungen und der Bevölkerung fast ungetrübt ein und das- 
selbe Gesetz walten, das aus den natürlichen Verhältnissen und aus der 
kulturellen Entwickelung dieses Landstriches sich naturnotwendig heraus- 
gestaltet hat : grösste Dichte am fruchtbaren, Wein, Obst und Getreide 
spendenden Gebirgsfuss, dem die grosse Hauptstrasse des Landes ent- 
lang zieht , ganz dünne Bevölkerung unter dem gefährdeten Hochufer, 
und dazwischen einen mitteldicht mit Ansiedlern ausgestatteten Land- 
streifen, der je nach der Art des Bodens und der dadurch bedingten 
Verbreitung der Wälder sich günstiger oder weniger günstig ent- 
wickelt hat. 

In diesem Gebiete finden wir weiter zahlreiche grössere und 
mittelgrosse, alte und junge Städte, die je nach der Gunst ihrer Lage 
rasch voranschritten oder verhältnismässig zurückblieben, und die ihre 
Umgebung ganz im Sinne der eigenen Entwickelung und nach der Natur 
des Bodens beeinflussten. 

So erscheinen uns im Gebirge wie in der Ebene Art und Be- 
deutung der Siedelungen streng bedingt von natürlichen Einflüssen, 
von den Wegen des grösseren und kleineren Verkehrs und vom Gang 
der Geschichte, welch letzteres Moment niemals ausser acht gelassen 
werden darf, wie hier des öftern ausgesprochen werden musste. 

Wie bei den übrigen Landesteilen, sollen auch bei der Rheinebene 
noch die Wohnorte kurz zur Sprache kommen. Es liegen von den 
419 Gemeinden mit 

„«+^. nnn 500 bis 1000 bis 2C0O bis 6000 bis ober 10000 
unter öuu jqq^ gOOO 6000 10000 bohnern 

unter 100 m 3 — 2 4 — 1 

von 100— 200 m 47 97 119 61 5 5 
von 200-300 m 21 35 15 3 - 1 

71 132 136 68 5 7 

Die Rheinebene hat also verhältnismässig grosse Ortschaften; das 
zeigt auch die Verteilung der Orte auf der Karte ohne weiteres, es 
sticht aber auch in die Augen, wenn man bedenkt, dass im Durch- 
schnitt eine Gemeinde in Baden 998 Einwohner hat, dass in den Ge- 
bietsteilen ausserhalb der Rheinebene diese Durchschnittszahl auf GIO 
herabsinkt, während sie für die Rheinebene 1803 oder nach Ausscheidung 
der grösseren Städte von über 6000 Einwohnern immer noch 1204 
beträgt. Auch überwiegen überall in der Rheinebene die geschlossenen 
Wohnorte; während in den Bezirken der Hügelländer, Hochebenen 
und Gebirge die durchschnittliche Bewohnerzahl eines Wohnortes 
zwischen 44 und 282 schwankt, liegt sie in den Bezirken der Rhein- 
ebene zwischen 354 und 623 , wobei wieder die grössten Städte nicht 
berücksichtigt sind. 

In jeder Beziehung stellt sich also die Rheinebene mit ihrem 
Gebirgsrande als der materiell bestsituierte Teil des Grossherzog- 
tums dar. 

Sprechers Karte wird diesen Verhältnissen ziemlich gut gerecht, 
nur trennt sie nicht die Gebiete unter und über dem Rheinhochufer, 
ferner hebt sie die Wälder, nicht aber die Umgebungen der Städte 



It571 I^ie Volksdichte im Grossherzogtum Baden. 167 

besonders hervor, wodurch die Verteilung eine etwas andere wird. 
Doch tritt auch bei ihr, und zwar sehr scharf und bestimmt, der Fuss 
des Gebirges in seiner ganzen Bedeutug klar hervor, allerdings überall 
in derselben Dichte (über 200), während sich uns an verschiedenen 
Stellen verschiedene Dichtegrade ergeben haben. Ob Sprechers Dichte- 
grad 80 — 100 Einwohner pro qkm, der weitaus den grössten Teil der 
Ebene einnimmt, im Verhältnis zu demjenigen am Qebirgsfuss (über 200) 
für 1820 nicht etwas zu hoch angenommen ist, lässt sich hier schwer 
entscheiden. 



y. Schlussbemerkuiigeii. 



Indem im vorstehenden die Volksdichte in 10 natürlichen Gebieten 
des Grossherzogtums Baden zum Gegenstand einer eingehenden Behand- 
lung gemacht worden ist, hat versucht werden können, die im Eingang 
gestellte Frage zu beantworten: 

Wie verhält sich die gegenwärtige Bevölkerung des Grossherzog- 
tums Baden unter dem Einfluss der orographischen und hydrographi- 
schen Lage, der Höhe, des Klimas, der Bodenbeschaffenheit und 
Bodenbebauung, endlich unter Berücksichtigung der grossen Verkehrs- 
strassen und der modernen Ausgestaltung der Grossindustrie? 

Wir haben im Verlauf unserer Ausführungen darlegen können, 
wie all die genannten Momente in dem einen Landesteile mehr, im 
anderen weniger entscheidend, bald positiv, bald negativ auf die Volks- 
verteilung einwirken, wie die Ungunst des einen Umstandes durch die 
Gunst des anderen gemildert oder ausgeglichen wird. Und so gestaltet 
sich der bildliche Ausdruck, den diese Darlegungen in der Dichtekarte 
gefunden haben, zu einem wichtigen Anschauungsmittel, das dem ge- 
übten Auge mühelos kund thut, wo wir in unserem Heimatlande unter 
fördernden Einflüssen für die Bewohner desselben stehen, wo nicht. 
Die Karte giebt auch Anlass dazu, die verschiedenartigen Einflüsse, mit 
denen wir uns zu beschäftigen hatten, gegeneinander abzuwägen, und 
da stellt sich uns auf den ersten BUck das Resultat klar vor Augen, 
dass das Moment der Höhe und der von ihr bedingten 
klimatischen Einflüsse nicht so einschneidend wirksam 
ist, wie man von vornherein zu erwarten hätte versucht 
sein mögen. 

Finden wir in der gesamten Rheinebene, die nach früheren Aus- 
führungen bis zur Höhe von 300 m unter derselben klimatischen Be- 
günstigung steht, wie in ihren tiefsten Teilen, im oberen Rheinthale 
bis zur selben Höhengrenze, sodann in den tief liegenden Thälern des 
Main, der Tauber, des Neckar, der Murg und Kinzig bis zur Höhen- 
grenze von 200 m eine mittlere Dichte von etwa 230 pro qkm, so 



169] Ludwig Nemnann, Die Yolksdichte im Grossherzogtum Baden. Iß9 

zeigen sich im einzelnen von diesem Mittelwerte doch grosse Ab- 
weichungen; denken wir nur an das Neckarthal im Buntsandstein 
und Muschelkalk, an die Rheinebene über und unter dem Hochufer, 
an die Bergstrasse von Basel bis Weinheim, an die Umgebung von 
Lörrach! 

Welche Unterschiede treten uns da entgegen! Und als Ursachen 
sind sofort zu erkennen die Oüte des Bodens, seine Sicherheit vor 
schädlichen Naturgewalten (Wasser), die Verkehrslage, die geschicht- 
liche Entwickelung der Bevölkerungsmittelpunkte in politischer und 
ökonomischer, besonders aber in industrieller Hinsicht. In allen Höhen- 
stufen tritt dieselbe Wahrnehmung uns wieder entgegen. Es mag, 
ohne nochmals auf alle Einzelheiten einzugehen, nur an die Gegensätze 
zwischen dem Odenwald, den einzelnen Teilen des Schwarzwaldes, der 
Baar, den Hügelländern am Bodensee hingewiesen werden. Ueberall 
nimmt im allgemeinen die Volkszahl mit der Höhe ab, so dass trotz 
einzelner Ausnahmen sich festhalten lässt, es habe der Mensch unter 
den verschiedensten sonstigen Naturbedingungen die klimatisch milderen 
Gebiete stets und überall bevorzugt, aber die Art dieser Abnahme ist 
grundverschieden nach der orographischen Ausgestaltung der Höhenformen. 
Wir haben in allen Landesteilen Gelegenheit gehabt, darzuthun, wie 
z. B. nur einigermassen steile Thalgehänge stets schwächer bevölkert 
sind, als höher gelegene, mehr eben gestaltete Landschaften, wie stark 
unebenes Terrain anthropogeographisch wenig günstig erscheint gegen- 
über den weicheren Formen des Hügellandes und der Hochfläche. Das 
geht so weit, dass die rauheste Landschaft in Baden, die Baar mit ihren 
strengen Wintern auf einer Mittelhöhe von 770 m eine Volksdichte 
hervorgerufen hat, die bei ganz landwirtschaftlichem Charakter der 
Bevölkerung in unseren Breiten kaum zum zweitenmal wird angetroffen 
werden können. Sie verdankt das ihrem Boden und zeigt damit aufs 
deutlichste, dass der Mensch dazu geeignet und geneigt ist, den Kampf 
mit dem klimatischen Feinde aufzunehmen und durchzuführen, wenn er 
sich durch dauernde materielle Hilfskräfte unterstützt weiss. Wje hoch 
die Bevölkerung am Schwarzwalde sich in die Höhe zieht, ist ausführ- 
lich mitgeteilt worden. Gestaltet sich auch das Dasein über 800 m nicht 
mehr zum denkbar angenehmsten , so ist es doch auskömmlich und 
befriedigend und 3,87 ^/o der Landesbevölkerung sind glücklich über 
ihre hochgelegene, so eigenartig reizvolle Heimat, in die sie fast alle 
wieder heimkehren, wenn auch des Lebens Drang sie weit genug in der 
Welt umhergeworfen hat. 

Die obere Grenze ständiger menschlicher Wohnsitze liegt im 
Schwarzwalde, wenn von den modernen Touristenhäusern abgesehen 
wird, genau bei 1200 m, also bei einer mittleren Jahrestemperatur von 
5,5 ® C, während die Mittel der Jahreszeiten Winter, Frühling, Sommer^ 
Herbst bezüglich — 1,7 ; 4,4; 13,4; 5,9 ® C. betragen. In der Baar ist 
die Wintertemperatur noch um ein weniges niederer ( — 2,i ^). Diese 
Werte erscheinen also als die Extreme, über welche, wenn eine Wahl 
möglich ist, die Ansiedler unserer Gegenden und ihres klimatischen 
Gesamtzustandes nicht hinausgehen. Sonst aber entscheidet für die 
Niederlassungen überall der Boden, der die Kulturart bedingt und aufs 



170 Ludwig Neumann, [170 

aUerrerschiedenste gestaltet, wie wir sahen, und dann die Lage zum 
allgemeinen Verkehr. 

Sind diese Verhältnisse günstig, so kommt es auf die Höhenlage 
durchaus erst in zweiter Reihe an, wie dies ganz besonders klar sich 
in den Zustanden der vier Schwarzwaldteile widerspiegelt, wo oro- 
graphische Momente (Kammform, Thalbau) und Bodenbeschaffenheit 
(Buntsandstein, Bewaldung) sich als weitaus die wichtigsten Momente 
für die Art der Besiedelungen und ihre Dichte haben erkennen lassen. 

In seiner Arbeit über die deutschen Buntsandsteingebirge (cf. Litt.- 
Verz.) hat E. Küster den Waldungen, dem Acker- und Wiesenbau, dem 
Gewerbefleiss und Handel, der Wegsamkeit, endlich der Besiedelung in 
den deutschen Buntsandsteingebirgen eigene Abschnitte gewidmet 
(S. 73 — 99) und dabei vielfach auf die auch uns beschäftigenden Ge- 
birge des Odenwaldes und Schwarzwaldes Rücksicht genommen, indem 
er unter stetem Hinweis auf die geologische Gliederung des Buntsand- 
steines, die Bewässerungsverbältm'sse, Oberflächenformen, Thalbildungen 
desselben die Wirkung all dieser Faktoren auf die von ihnen abhängigen 
anthropogeographischen Fragen abzuleiten sucht. Seine Ausführungen 
decken sich mannigfach mit den vorstehenden und lassen den Wunsch 
berechtigt erscheinen, es möchten auch für andere Formationen als für die 
des Buntsandsteines entsprechende Untersuchungen durchgeführt werden. 

Auch auf Küsters schon erwähnten Aufsatz „Zur Methode der 
Volksdichtedarstellung ^ muss hier nochmals zurückgekommen werden. 
Bei Besprechung der Sprecherschen Karte äussert Küster die Ansicht, 
es sei bei der graphischen Darstellung der Volksdichte eine Ausscheidung 
nach Berufsarten wünschenswert; die ackerbautreibende Bevölkerung sei 
nach der relativen Dichte zu verzeichnen, der Rest aber nach seiner 
wahren Verteilung, nach seiner absoluten Grösse, indem etwa Farbe 
und Grösse der Ortssignaturen diese absolute Grösse der nicht ackerbau- 
treibenden Bevölkerung zum Ausdruck bringen könnten. Bei ausreichen- 
dem Massstab der Dichtekarte sei auch die Darstellung der acker- 
bauenden Bevölkerung noch vervollkommnungsfähig. Es solle durch 
Einführung von Koeffizienten, welche z. B. aus den Grundsteuer-Rein- 
erträgnissen zu ermitteln wären, der zahlenmässige Einfluss von Acker, 
Wiese, Waldung, Oedung ersichtlich gemacht und danach die Volks- 
dichte dargestellt werden. 

Nach meiner Meinung ist die Erfüllung dieser Forderung ein 
Ding absoluter Unmöglichkeit. 

Schon für eine einzige Gemeinde ist es undurchführbar, zahlen- 
mässig den Einfluss der verschiedenen Bodenbenutzungsformen auf die 
Volkszahl festzustellen, denn es müsste da auf die Verhältnisse jedes 
einzelnen Besitzers und Arbeiters der Gemeinde eingegangen und scharf 
auseinandergehalten werden, was er durch Erträgnis seiner eigenen 
Aecker, Wiesen, Waldungen erwirbt, was die Dienstleistung im Gemeinde-, 
Körperschafts- oder Staats wald, was der Allmendnutzen, was endlich 
neben der Land- oder Waldwirtschaft als Haupterwerb die etwaige 
Hausindustrie oder der Arbeitslohn einzelner Familienmitglieder in 
Fabriken u. s. w, einträgt. All das gegeneinander abzuwägen, ist un- 
xhführbar und das um so mehr, als es sich für den hier vorliegenden 



171] Die Volksdichte im Grossherzogtom Baden. 171 

Zweck nicht um gemeindeweise Anordnung, sondern um eine solche 
nach mehreren Tausenden von Wohnorten handelt. Alle statistischen 
Urmaterialien würden, wenn ein derartiger Versuch gemacht werden 
sollte, völlig im Stich lassen. 

Das ist auch die Ursache, warum die Ausführungen im speziellen 
Teil unserer vorliegenden Arbeit, wenn es sich um zahlenmässige Be- 
lege handelte, vielfach verallgemeinern mussten, und warum für manche 
Einzelgebiete völlig auf solche Belege verzichtet und der Weg allge* 
meiner Betrachtungen eingeschlagen worden ist. Unsere Dichtekarte 
sollte eigentlich, wenn sie im Küsterschen Sinne gearbeitet wäre, von 
einer Karte der geologischen Bodenbeschaffenheit, der Waldungen, der 
Bodennutzung, der Gewerbe und Industrieen begleitet sein müssen, da ja 
«in einziges Blatt unmöglich all diese Dinge gleichzeitig geben kann. 
Dabei aber hätte in allen Stücken das Urmaterial nach Wohnorten 
gegliedert sein müssen, denn sonst hätte ja Volksdichte und Begründung 
derselben nicht zur Deckung gebracht werden können. 

Was demnach unsere Dichtekarte zeigt, das ist das Verhältnis 
der Volksdichte zur Höhenlage. Was der erklärende Text bieten will, 
kann und soll, das ist der Nachweis, wie innerhalb der unterschiedenen 
Gebiete neben der Höhe die oft erwähnten anderen Faktoren der Volks- 
verdichtung fördernd oder hindernd in Wirksamkeit treten. Die Karte 
lehrt uns, wie das im Text versucht worden ist, zwischen den verschie- 
densten anderen Einflüssen abzuwägen, sie einander gegenüberzustellen 
und so allgemein zu einem Urteil darüber zu kommen, wie innerhalb 
«iner gegebenen Höhenstufe Boden, Klima, Bewässerung, Verkebrslage, 
bodenständiges oder künstlich eingeführtes Gewerbe zur Volksverdichtung 
günstig oder ungünstig mitwirkt. 

Wir haben gesehen, dass im allgemeinen die Volksdichte mit der 
Höhe abnimmt, dass aber in Rücksicht auf den Gesamtzustand des be- 
trachteten Landes dieses Gesetz in der allerentschiedensten Weise durch 
die eben genannten Faktoren modifiziert werden kann. 

Ratzel giebt in seinem schönen Aufsatze: „Höhengrenzen und 
Höhengürtel* (s. Litt.) geistvolle Gesichtspunkte über die Frage nach 
der Verbreitung klimatologischer nnd biologischer Erscheinungen. Er 
sagt u. a.: „Jede Höhengrenze klimatologischer und biologischer Natur 
setzt sich aus Wirkungen eines allgemeinen Gesetzes und aus Wirkungen 
örtlich beschränkter Ursachen zusammen, die bald rein, bald einander 
beeinflussend sich darstellen. Man kann daher bei jeder Höhengrenze 
der angedeuteten Art drei Klassen von Erscheinungen unterscheiden, 
nämlich: 1) Wirkungen des allgemeinen Gesetzes; 2) Wirkungen ört- 
licher Ursachen; 3) zusammengesetzte Wirkungen des allgemeinen 
Gesetzes und der örtlichen Ursachen." 

Das allgemeine Gesetz ist die Abnahme der Wärme mit der Höhe, 
und für uns. hier infolge davon die grössere Schwierigkeit, dem Boden 
Nahrung abzugewinnen. Darum sehen wir von Franken bis zum 
Bodensee nach oben auch die Volksdichte abnehmen. Die örtlichen 
Ursachen aber sind all die vielen oft aufgezählten Momente, die das 
eine Gebiet bei einer Höhenlage dicht bewohnt erscheinen lassen, in 
welcher ein anderes schon unbewohnt ist. 



172 Ludwig Neumann, Die Yolksdichte im Grossherzog^um Baden. [172 

Für unsere Breiten und für die klimatischen Zustande unserer 
Lage in Mitteleuropa ist innerhalb der vorhandenen Höhenzonen, die 
überhaupt bewohnt sind, nach der eben eingeführten Bezeichnungsweise 
Ratzeis die Wirkung der örtlichen Ursachen mächtiger als die des 
allgemeinen Gesetzes, oder die statische Höhenzone, welche von der 
Erhebung des Festen abhängt, wird an Bedeutung überwunden von der 
dynamischen, welch letztere durch den frei beweglichen, durch In- 
telligenz bestimmten Menschen repräsentiert wird. Denn dieser hat 
sich in schwerer Arbeit jeden örtlichen Vorzug, wo er ihn fand, zu 
nutze gemacht, er hat sich in Jahrtausende währendem Kampfe jeden 
Fleck Erde so gestaltet, wie sein weitschauender Blick ihm die Wege 
dazu vorwies. Und so hat Ratzel recht, wenn er in seiner Anthropo- 
geographie sagt: „Die geographische Verbreitung des Menschen ist 
das Ergebnis aus dem Zusammenwirken seiner eigenen Natur mit der 
Natur, die ihn rings umgiebt." Unsere gesegneten Heimatgaue am 
Oberrhein sind zu dem, was uns an ihnen so teuer ist, zu einer frucht- 
baren Stätte jeglicher Kultur geworden, weil sie in die Hände eines 
tüchtigen Volkes gegeben worden sind, das in seinem ganzen Wesen 
die Gewähr bietet für gedeihliche Weiterentwickelung. Wer aus ursprüng- 
lich rauhen Hochflächen, waldbedeckten Oebirgen und fiebererzeugenden 
Sumpfhiederungen üppige Wiesen und reiche Getreidefelder, gesegnete 
Gartenfluren und mächtige Mittelpunkte von Handel und Verkehr ge- 
schaffen hat, der wird nie erlahmen, das Gewonnene zu wahren und die 
Heimat zu erhalten auf der glücklichen Bahn des Fortschrittes in jeg- 
lichem Zweige der Kultur. 



^ 



ö 

DIE 



VERKEMSSTRASSEN IN SACHSEN 



UND IHR 



EINFLÜSS AUF DIE STlDTEENTWICKELüNG 



BIS ZUM JAHRE 1500 



VON 



DB. A. glMON, 

SEMINABLEHBEB IN AUERBACH I. V. 



MIT EINER KARTE. 



STUTTGART. 
VERLAG VON J. ENGELHORN. 

1892. 



Dtack der Caion Deatsche VeTl*KSg«8ell>clatt in SUIlffart. 



•• 



Inhalt. 



Seite 

Bodengestalt und natürliche Verkehrsetraseen Sachsens 177 [5] 

Abh&ngigkeit des Verkehrs von der Bodengestalt. Elstergebirge. 
Erzgebirge and Sächsisches Bergland. Eibsandsteingebirge. Lau- 
sitzer Gebirge und Lansitzer Platte. Sächsisches Flachland. 

Slawische Ansiedelungen 189 [17] 

Fruchtbarkeit und Bebauungsfähigkeit bedingen die Siedelungen, 
der Verkehr die Städte. Verbreitung der slawischen Siedelungen 
im Flachland, im Gebirge. Slawen nur in Dörfern. Grösse 
derselben. 

Deutsche Besiedelung 196 [24] 

Eroberung und allmähliches Vordringen der Deutschen nach Osten. 
Sicherung des Landes. Deutsche Ansiedelungen. Gegensatz 
gegen slawische Siedelungen. 

Stadteentwickelung 204 [32] 

In slawischer Zeit keine Städte. Gegensatz zwischen Dorf und Stadt. 
Allmähliches, nicht plötzliches Entstehen der Städte. Ver- 
schiedene Dauer der Entwickelungszeit. 

Yogtländische Strassen und Städte 206 [34] 

Stadtrechti Handel, Befestigung, kirchliche Mittelpunkte. Strasse 
Hof-Plauen-Zwickau, Eger- Plauen. Nebenstrassen. 

Strassen und Städte des Erzgebirges 215 [43] 

Wald als Verkehrshindernis. Bergstädte: Freiberg, Zinnstädte, 
Schneeberg. Die Randstrasse Zwickau-Chemnitz-Freiberg-Dresden. 
Zwickau und Chemnitz als Verkehrsmittelpunkte. Strassen über 
das Erzgebirge. Elbe. Pirna als Eibhafen. Dresdens natürliche 
Stellung. Strassen aus dem Elbthal. 



176 Inhalt. [4 

Seite 

Strassen und Städte des Flachlandes und der Lausitzer Platte . . 241 [Od] 

Meissens Lage. Westöstliche Verkehrswege. Strasse Meissen- 
Mügeln-Merseburg. Anschluss der ErzgebirgsstrasseiL Strasse 
Pirna-Bautzen, Merseburg-Bautzen. Entwickelung Meissens. 
Leipzig als Gegenbild: Befestigung, Handelsstrassen, Handel, 
Handwerk, Stadtrecht, Grösse. Städte der beiden Ostwest- 
Strassen. Bautzen. Strassen der Lausitzer Platte. Zittau. 

Schluss - . . 270 [98] 

Zusammenfassung. Konstruktion der Karte. 



Bodengestalt und natürliche Verkehrsstrassen Sachsens. 

^Wenn irgend eine Bewegung, so hängt gewiss die des Handels, 
der jeden Vorteil zu benutzen weiss und zu benutzen sucht, der immer 
die billigsten und bequemsten Wege einschlägt, von der Bodengestaltung 
ab ^).* Der Verkehr sucht erstens die kürzesten Wege auf, das sind 
die geradlinigen, zweitens die bequemsten, er vermeidet die Steigungen. 
Am ehesten ist dies im Flachland möglich; Hebung und Senkung des 
Bodens bereiten hier wenig Hindemisse, mehr die Flüsse, deren Ufer 
'meist flach und der Ueberflutung ausgesetzt sind. Darum bewegen 
sich Flachlandsstrassen nur da an die Flüsse heran, wo hohe, feste 
Ufer von einer oder von beiden Seiten dem Flussbett sich nähern und 
dadurch einen allezeit brauchbaren Uebergang gestatten ^). Anders im 
Gebirgsland. Die Steigung ist hier unvermeidlich, soll aber auf das 
geringste Mass beschränkt werden. Darum werden die niedrigsten 
Einschnitte im Kamm aufgesucht und zwar auf Wegen, die gleichmässig 
ansteigen. Letztere bieten von Natur die Flussthäler. „Der Fluss ist 
nicht bloss als Wasserader, welche Waren trä^, von Bedeutung, son- 
dern auch als Thalbildner, der ebenen Boden für Strassen schafft, die 
neben ihm hergehen, der Bresche in die Gebirge bricht und die natür- 
lichen Falten des Gebirges vertieft und ausebnet ^).*' Allzu enge und 
gewundene Thäler werden zwar vom Verkehr gemieden, bestimmen aber 
vielfach dessen Richtung. Die Thäler und ihre Form und die Pässe 
sind demnach im Gebirgsland für die Strassen massgebend. Diese 
Abhängigkeit ist am grössten im Anfang der Entwickelung eines Lan-* 
des*) und wird auch später nie ganz aufgehoben. Sollen die Ver- 
kehrsstrassen Sachsens und ihr Einfluss auf die Städteentwickelung bis 
1500 untersucht werden, so ist es also vor allem nötig, die Boden- 
gestalt dieses Landes kennen zu lernen. 

Das Königreich Sachsen lehnt sich an die Gebirge, welche Penck 
als nördliche Umwallung Böhmens zusammenfasst^). Es sind dies das 

•) Kohl, Der Verkehr und die Ansiedelungen der Menschen 1841, S. 21. 
') Hahn, Städte der Norddeutschen Tiefebene. Forsch, z. deutsch. Landes- 
0. Volksk. I, 3, 1885, S. 106. 

•) Ratzel, Anthropogeographie II, 1891, S. 493. 

*) Ratzel a. a. 0. S. 535. 

*) Penck, Das Deutsche Reich 1887, S. 401. 



178 A. Simon, [6 

Erzgebirge mit dem Sächsischen Bergland, die Sächsische Schweiz, das 
Lausitzer Gebirge mit dem Laositzer Bergland, das Jeschkengebirge, 
das Riesengebirge und die übrigen Glieder des Sudetenzuges. Dieser 
Gebirgswall knüpft im Westen an das Fichtelgebirge und reicht bis 
zur Mährischen Pforte im Osten, trennt also das ringsumschlossene 
Böhmen von der Osthälfbe der Norddeutschen Tiefebene. Sachsen liegt 
an der Aussenseite der Westhälfte dieses Walles, welche von der Leip- 
ziger und der Lausitzer Bucht (Elster, Neisse) begrenzt wird. Daraus 
ergeben sich von vornherein dreierlei Wege: solche, die am Gebirge 
entlang ziehen, auf einer höheren oder niederen Stufe desselben, solche, 
die dasselbe umgehen, also in der Nähe des Fichtelgebirges nach West- 
böhmen oder Süddeutschland führen, und solche, die das Gebirge über- 
schreiten, um die Norddeutsche Tiefebene mit Böhmen zu verbinden. 
Das Erzgebirge mit seinem ausgedehnten Nordabfall ist im Westen 
weder vom Fichtelgebirge noch vom Frankenwald und Thüringerwald 
und dessen Nordostabdachung deutlich geschieden. Sein Kamm, im 
allgemeinen von Nordost nach Südwest gerichtet, wendet sich bei 
Schöneck plötzlich nach Südost und Süd, sinkt rasch von seiner Höhe 
herab. Der Wall des Erzgebirges ist aufgelöst in ein Hügelland, das 
^Istergebirge oder Vogtländer Bergland, mit welcher Bezeichnung wir 
das Flussgebiet der Weissen Elster samt dem zugehörigen, etwas steileren 
Abfall im Süden zusammenfassen. Die Weisse Elster entspringt weit 
im Süden, nahe der Nordostilanke des Fichtelgebirges (Rehau-Asch- 
Eger), nur 12 km vom Oberlauf der Eger entfernt. Sie fliesst zuerst 
nach Nordwesten, gleichsam durch ein Querthal des Erzgebirges oder 
der Richtung des Frankenwaldes folgend, und nähert sich dadurch bei 
Pirk bis auf 15 km der oberen Saale. Dann wendet sie sich nach 
Norden. Von Plauen bis Gera durchläuft sie ein enges Thal, das 
in die umgebenden flachen Höhen tief eingeschnitten ist. Bei Zeitz 
erreicht sie die Leipziger Bucht. Das Thal des Oberlaufs dagegen ist 
weit und flach, darum geeignet zum Durchgang nach Böhmen imd 
Bayern, zur Eger und zu Saale und Main. Der niedrigste Uebei^^g 
zur Eger liegt bei Rohrbach in 595 m Höhe^); er leitet vom Rauner- 
bach hinüber zum Fleissenbach. Aber der Abstieg im Süden ist zu 
steil, und man gelangt entweder auf weitem Umweg oder nach Durch- 

') Es wurden folgende Karten benutzt: för die Südseite des Gebirgswalles 
die Spezialkarte der österreichisch-ungarischen Monarchie 1:75000, Sektion Asch. 
Johanngeorgenstadi-Graslitz, Falkenau-Eger, Kaaden- Joachimsthal, Karlsbad-Lüditz. 
Teplitz-Dux, Bodenbach-Tetschen, Aussig-Leitmeritz, Rumburg- Wamsdorf, Friedland- 
Reichenberg; für die Nordseite des Gebirgswalles die Topogr. Karte d. Königr. 
Sachsen 1:25000, Sektion Bobenneukirchen , Plauen, Kauschwitz, Elsterberg; 
Adorf, Oelsnitz, Treuen, Reichenbach, Langenbemsdorf ; Zwota, Falkenstein, Auer- 
bach, Ebersbrunn, Zwickau, Meerane ; Aschberg, Eibenstock, Schneeberg, Kirchberg, 
Lichtenstein, Glauchau, Langenleuba ; Johanngeorgenstadt, Schwarzenberg, L^ssnitz. 
Stollberg, Hohenstein, Penig, Rochlitz; Wiesenthal, Elterlein, Geyer, Burkhardts- 
dorf, Chemnitz ; Annaberg, Marienberg, Zschopau, Schellenberg ; Kühnhaide, Zdblitz, 
Lengefeld, Brand; Purschenstein , Sajda, Lichtenberg; Neuwemsdorf, Nassaa, 
Dippoldiswalde ; Altenberg, Glashütte; Fürstenwalde, Berggiesshübel, Pirna; Rosen- 
thal, Königstein, Stolpen; Schöna, Sebnitz, Neustadt; Raumberg, Hinterhermsdorf; 
Waltersdorf; ausserdem die 28 Sektionen der Topogr. Karte v. Königr. Sachsen, 
^ : 100000. 



7] Die Verkehrsstrassen in Sachsen. 179 

querung mehrerer Th'äler nach Eger, der Mitte der weiten Thalebene 
der £ger. Alles das wird vermieden, wenn die Pässe bei den Elster- 
quellen benutzt werden. Der an der Elster selbst ist 693 m hoch, der 
am Ascherbach, wenig nordwestlich von jenem, 675 m; beide Pässe 
führen zum Weihenbach und weiterhin zum Seebach, deren Thäler 
einen allmählichen, geradlinigen Abstieg gestatten. lieber Asch, in 
der Nähe des tieferen Passes, führt also der bequemste Weg von der 
Elster zur Eger. 

Noch günstiger ist der Uebergang zur oberen Saale. Von jener 
Stelle grösster Annäherung bei Pirk gelangt man am Feilebach und 
Wiedersberger Bach über einen 560 m hohen Pass (UUitz) auf kürzestem 
Wege nach Hof, d. h. zu dem Punkte, wo die Saale aus dem weiten 
Thal des Oberlaufes in ein enges, vielgewundenes Thal eintritt, das für 
Verkehr völlig unbrauchbar ist. Am Nordwestrand des Fichtelgebirges 
bewegt sich der Verkehr von der Saale (Münchberg) über niedrige 
Rücken zum Weissen Main (Bemeck oder Kulmbach). Hof und Plauen 
bezeichnen gleiche Lagen für den Verkehr: an Stellen, wo die Fluss- 
adem in enge, unbrauchbare Thäler eintreten, sammelt jenes die 
Strassen über den Frankenwald, dieses die über das Elstergebirge; 
aus gleichem Gründe wendet sich dort der Verkehr von der Saale nach 
Nordosten zur Elster, hier von der Elster nach Nordosten zur gleich- 
weit entfernten Pleisse (Neumark). Bei letzterem Uebergange sind nur 
massige Höhen zu überwinden, allerdings auch die Trieb und die 
Göltzsch zu kreuzen ; dies wird um so leichter, je weiter man sich dabei 
von deren Mündung entfernt. Die Pleisse hat überall flache Ufer und 
strebt geradlinig demselben Ziele zu wie die Elster (Leipzig). In der 
Mitte ihres Laufes, bei Altenburg, erreicht sie die Leipziger Bucht. 

Das Erzgebirge erstreckt sich von den Höhen bei Schöneck 
(Tannenhaus 776 m) bis zur Senke bei Tyssa (560 m). Die Zwota, 
weiter abwärts Zwodau, die von der Höhe beim Tannenhaus nach 
Süden fliesst und bei Falkenau in 400 m Höhe mündet, andererseits die 
Wasserscheide zwischen Mulde und Elster- Pleisse, die vom Tannenhaus 
nordöstlich, dann nördlich verläuft und zwischen Glauchau und Meerane 
zu 300 m sich senkt, bilden die Westgrenze. Der Tyssabach, der nach 
Süden zum Eulaer Bach fliesst, und der Loschebach, der sich mit dem 
Bahrbach und der Gottleuba vereinigt, scheiden das Erzgebirge im 
Osten vom Eibsandsteingebirge. Am deutlichsten ist die Südgrenze; von 
der Zwodaumütidung bis Klösterle wird sie durch die 400 m- Höhen- 
linie, von da bis zur Mündung des Tyssabaches durch die 300 m- Höhen- 
linie bezeichnet^). Auf der Nordseite senkt sich das Gebirge ganz 
langsam zur Norddeutschen Tiefebene, eine Grenze lässt sich darum 
nur willkürlich ziehen. Das meiste spricht für Annahme der 400 m- 
Höhenlinie^), die von der Pleissenquelle zur Vereinigung der Zwönitz 
und Würschnitz, dann über Bockendorf nördlich von Oederan, Naun- 
dorf an der Bobritzsch, Dippoldiswalde nach Gottleuba geht. Jenseits 



') Burgkhardt, Das Erzgebirge. Forsch, z. deutsch. Landes- u. Volksk. 
m, 3, 1888, S. 90. 

*) Süssmilch-Hörnig, Das Erzgebirge 1889, S. 11. 



180 A. Simon, [8 

dieser Linie ist ein Unterschied zwischen Westen und Osten. Dort 
senkt sich das Land etwas rascher zu dem flachen Erzgebirgischen 
Becken, das von der Zwickauer Mulde bis zur oberen Kleinen Striegis 
reicht. Nördb'ch von Glauchau, Hohenstein, Frankenberg steigt das 
Land wieder etwas an zum Sächsischen Bergland. Dasselbe verbindet 
sich östlich von Hainichen mit dem Nordabfall des östlichen Erzgebirges, 
der ganz gleichmässig erfolgt. Die 200 m -Linie bezeichnet etwa den 
untersten öebirgsfuss und den Uebergang zum Flachland. Sie läuft 
von Pirna auf der Südwestseite der Elbthalebene nach Meissen, von 
da nach Mügeln, Mutzschen, Lausigk, Eohren, Gössnitz. 

Der südlich vom Erzgebirgischen Becken gelegene Teil des Ge- 
birges unterscheidet sich wesentlich vom östlichen Teile. Der Press- 
nitzer Pass, 815 m hoch, trennt beide. Der Südfuss (Klösterle) ist 
hier vom Kamm, in der Horizontalen gemessen, 6 km, der Nordfuss 
(Zwönitzmündung) 43 km entfernt. Dies Verhältnis bleibt nach Nord- 
osten hin dasselbe: ein sehr steiler Abfall im Süden, ein ganz all- 
mählicher im Norden. Vom höchsten Gipfel des Gebirges, dem Keil- 
berg, 1238 m, läuft dagegen die Wasserscheide genau nach Westen. 
Der Südabfall ist darum breiter und weniger steil, es können längere 
Flussläufe sich hier entwickeln, die Zwodau und Bohlau. Auf der 
Nordseite folgen die Flüsse im Osten alle der Abdachung des Gebirges, 
im Westen fliesst die Hauptwasserader, die Zwickauer Mulde, im Ober- 
lauf in der Längsrichtung des Gebirges, die übrigen thun dies auf 
kurze Strecken, so das Schwarzwasser und die Zschopau. Die Weg- 
barkeit muss also im Osten grösser sein als im Westen. Dem ent- 
spricht die Kammhöhe. Nach Burgkhardt beträgt 

im ganzen Gebirge die mittl. Kammhöhe 868,46 m, mittl. Sattelhöhe 884,i7, 
im östl. Teile » « v 808,i7 m, „ „ 778,69, 

im westl. Teile » » » 951,2o m, „ „ 910,95, 

wobei der Pass von Pressnitz als Scheide angenommen ist^). Die 
Pässe, auf die es uns ankommt, liegen also im Westen bedeutend höher 
als im Osten. In der Westhälfte sinkt der Kamm von der Silber- 
bachquelle östlich vom Aschberg bis Kupferberg, also auf drei Viertel 
seiner Ausdehnung, nur einmal bis zu 900 m herab, nämlich zwischen 
Platten und Bäringen, bei den Pachthäusem. Von diesem Passe (die 
jetzige Strasse steigt etwas östlich davon bis 908 m) führt der Bäringer 
Bach nach Süden zur Wistritz. Bei Lichtenstadt am Gebirgsfuss endet 
deren Querthal. Wird die Richtung desselben fortgesetzt, so gelangt 
man nach Karlsbad. Nach Norden zu fliesst von diesem Passe der 
Plattener Bach ab. Er mündet da in das Schwarzwasser, wo dasselbe 
in sein Querthal einbiegt (Johanngeorgenstadt) , ebenso das Schwarz- 
wasser in die Mulde, wo diese aus ihrem oberen Längsthal ins Quer- 
thal eintritt (Aue). Die Richtung dieser Querthäler ist dem Verkehr 
günstig, aber sie sind mit Ausnahme der genannten Mündungskessel 
zu eng und gewunden ; erst bei Wiesenburg oberhalb Zwickau wird das 
Muldenthal weit. Diese Thäler können den Weg wohl zeigen, aber 



*) Burgkhardt a. a. 0. S. 94—100. 



9] Die Verkehrsetrassen in Sachsen. 181 

nicht selbst bieten. Der Verkehr ist darum auf die wenig durchfurchten 
Hochflächen zwischen den Flussvereinigungen verwiesen. Eine zweite 
Verbindung der Endpunkte dieser Strasse, Karlsbad und Zwickau, stellt 
die Rohlau her, der zweitgrösste Fluss, den das westliche Erzgebirge 
zur Eger sendet. Das Gebirge ist gerade hier am meisten in die 
Breite ausgedehnt, der Aufstieg durchs Rohlauthal darum allmählich, 
ebenso der Abstieg im Norden an der Grossen Bockau und nach 
Kreuzung des Muldenthals an dem Kirchberger Wasser entlang. Wird 
statt des obersten Rohlauthales (Frühbuss) das östlich einmündende 
Thal des Schwarzwassers (Hirschenstand) benutzt, so ist ein Pass zu 
überwinden, der nur 10 m höher ist als der Plattener, 910 m, und der 
ganze Weg wird zur geraden Linie, welche die Sehne darstellt zu dem 
Bogen, den der Weg über den Plattener Pass zwischen seinen End- 
punkten beschreibt; er ist also ebenso bequem, aber kürzer als dieser. 
Doch führt er zu lange durch hohe, rauhe und wenig bevölkerte Ge- 
birgslagen. Die grösste Flussader der Südseite ist die Zwodau, die 
bei Falkenau in die Eger fällt. Unterhalb der Mündung der Rothau 
ist ihr Thal eng ; das Thal der Rothau aber, das zum Frühbusser Pass 
fahrt, und das der oberen Zwodau sind weit. Aus letzterem führt ein 
725 m hoher Pass an einem zweiten Frühbuss (Friebus auf der säch- 
sischen Topographischen Karte 1 : 25 000) vorüber herab ins Thal des 
Flossbaches (Markneukirchen), des grössten Zuflusses der oberen 
Elster. 

Auf der Nordseite des westlichen Erzgebirges sammelt die Mulde 
den grössten Teil der Gewässer (vom Tannenhaus bis zum Fichtelberg). 
Wo diese aus dem Gebirge heraustritt, liegt darum der natürliche Ver- 
kehrsmittelpunkt : Zwickau. Hier vereinigen sich die Strassen von 
Karlsbad über den Plattener, von Karlsbad und Falkenau über den 
Frühbusser Pass. Unterhalb Zwickau wendet sich die Mulde nach Nord- 
osten, entfernt sich also von der nordwärts gerichteten Pleisse ; ausser- 
dem tritt sie bei Waidenburg in das sächsische Mittelgebirge, ihr Thal 
wird eng und vielgewunden. Deshalb läuft die Strasse zunächst in 
ihrer bisherigen Richtung weiter hinüber zur Pleisse und verbindet 
sich dann mit der Linie Plauen-Leipzig. 

Im östlichen Teile des Erzgebirges sind die Kammeinsenkungen 
niedriger und zahreicher. 

Der Pressnitzer Pass ist 815 m 

der Reitzenhainer (Polackenheide) zwischen 800 u. 810 

der von Rübenau-Kallich 781 

der Katharinenberger 735 

der Niklasberger 811 

der östlich vom Mückenberg 730 

der zwischen Schönwald u. Töllnitz zwischen 670 u. 680 

der Nollendorfer 700 m hoch. 

Der Pressnitzpass führt nahe bei der Eisenbahnstation Kupferberg vom 
tief eingeschnittenen Bettlohbach, der nach kurzem Lauf bei Klösterle 
in die Eger fällt, hinüber zum Thal der Pressnitz, die oberhalb Wolken- 
stein in die Zschopau mündet. Dadurch wird der Punkt der Eger^ 



182 A. Simon, [10 

an welchem sich dieselbe dem Gebirgskamm am meisten nähert ^ mit 
einem der wichtigsten Querthäler der Nordseite verbunden. 

Die nächsten drei Pässe, die immer niedriger werden, fähren nach 
einem kurzen, steilen Aufstieg im Süden auf der Nordseite herab in 
Querthäler, die zur Flöha geleiten : der Reitzenhainer Pass zur Schwarzen 
Pockau, der Rübenau-Eallicher zur Natzschung, der Katharinenberger 
zum Schweinitzbach. An der Zschopau und Flöha müsste sich {dso 
der Verkehr, der von Pressnitz bis Katharinenberg den Kamm über- 
schreitet, herabbewegen, an der Vereinigung beider sich sammeln. 
Aber alle diese Flüsse sind in ihrem Mittel- und Unterlauf tief und 
scharf in die Platte, welche der Nordabhang des Gebirges darstellt, 
eingeschnitten, sind darum sehr bald für den Verkehr unbrauchbar. 
Dieser bewegt sich daher über die Hochflächen. Die Strassen von den 
ersten drei Pässen überschreiten, dem Abfall nach Nordwest folgend, 
die Zschopau an Thalerweiterungen (Wolkenstein, Zschopau) und ver- 
einigen sich in Chemnitz, das die Funktion der Flöhamündung über- 
nommen hat. Es liegt dieser nahe genug und zugleich am Austritt 
der Chemnitz aus dem Erzgebirgischen Becken, in gewissem Sinn an 
einer Flussannäherung (Würschnitz, Zwönitz, Zschopau, Flöha) ; dadurch 
gewinnt es für das mittlere Erzgebirge, von der Zschopau- bis zur 
Flöhaquelle, dieselbe Stellung, wie sie Zwickau für das westliche hat. 
Von Chemnitz könnte der Chemnitzfluss die Strassen in ihrer bisherigen 
Richtung weiter führen; aber das Thal desselben ist ebenso wie das 
Muldenthal tief eingesenkt in das Sächsische Bergland. Darum läuft 
die Strasse über die Höhen nach dem brauchbaren Muldenübergang 
Penig, von wo leicht das Wierathal erreicht wird, das geradlinig zur 
Pleisse leitet. Ausserdem können von hier aus die Flussadem, welche 
sich strahlenförmig in der Leipziger Bucht zu vereinigen streben, am 
Rand derselben über Altenburg, Zeitz, Naumburg bequem überschritten 
werden. Die Strasse vom Katharinenberger Pass quert ohne Schwierig- 
keit das obere Längsthal der Flöha, vne schon vorher das kleine Längs- 
thal des Schweinitzbaches, und bleibt dann immer östlich von Flöha 
und Zschopau, überschreitet letztere erst kurz vor der Mündung, wo 
die Thalwände sanft geneigt sind, zieht dann im Muldenthal hin, um 
mit Vermeidung der Flussvereinigung der Mulden von Leisnig über 
Grimma auf der Wasserscheide zväschen der mittleren Parthe und 
unteren Pleisse Leipzig zu erreichen. Diese Strasse stellt fast eine 
gerade Linie dar zwischen Leipzig und Prag, sie führt über den nied- 
rigsten Pass in der Mitte des Gebirges, sie ist darum die kürzeste 
und bequemste Verbindung jener Orte, die vnchtigste unter den natür- 
lichen Verkehrswegen über das Erzgebirge. 

Von den weiter östlich gelegenen Pässen fliessen die Gewässer auf 
der Nordseite alle zur Elbe, vom Niklasberger Pass die wilde Weisseritz. 
vom Mückenberger Pass die Müglitz, vom Schönwald-Töllnitzer und 
vom Nollendorfer die Gottleuba. In ihrem Oberlauf, innerhalb des 
eigentlichen Gebirges folgen sie der Hauptabdachung des Gebirges nach 
Nordwesten, dann aber wenden sie sich, dem Abfall zum Elbthal nach- 
gebend, diesem zu nach Nordosten. Die Wege würden, wenn sie die 
Thäler benutzen wollten, zu demselben Umweg gezwungen sein. Die 



11] Die Verkehrsstrassen in Sachsen. 183 

Thäler sind aber, namentlich am mittleren Flusslauf, bei der Wende 
nach Nordosten besonders tief und scharf eingegraben. Die Strassen 
führen darum vom Pass am Oberlauf entlang auf die Höhen, dann 
zum Unterlauf oder gleich zur Mündung: vom Nollendorfer und Schön- 
walder Pass über Gottleuba und Berggiesshübel nach Pirna, von Graupen 
am Mückenberg vorbei über Liebstädt nach Dohna ; ebenso könnte vom 
Niklasberger Pass an der Weisseritzquelle vorüber ein Weg über Dip- 
poldiswalde zur Weisseritzmündung, nach Dresden führen. Doch müssten 
hierbei allzu viele enge Thäler gekreuzt werden. Dies wird vermieden, 
wenn man den Höhenrücken im Osten der Roten Weisseritz benutzt. 
Von Altenberg aus gelangt man bei Hinterzinn wald über einen aller- 
dings 855 m hohen Pass zum Seegrundbach und an diesem nach Teplitz. 
Diese Verbindung zwischen Dresden und Teplitz hat zwar etwas mehr 
Steigung, ist aber dafür fast geradlinig. Vom Niklasberger Pass ziehen 
nach Nordwesten flache, ungefurchte Rücken ; diese eignen sich für den 
Verkehr mehr als die engen Thalfurchen. Auf ihnen bewegt sich 
darum der Verkehr von der Muldenquelle geradlinig hinab und biegt 
erst in das Muldenthal an der Striegismündung ein, wo dasselbe weit 
wird (Niklasberg, Frauenstein, Freiberg, Rosswein). Im Mulden thal 
kann er dann weiter ziehen bis Leisnig. 

Die Betrachtung des Erzgebirges mit dem Elstergebirge und dem 
Sächsischen Bergland ergiebt also : zwei Strassen über das Elstergebirge 
vereinigen sich in Plauen, zwei über das westliche Erzgebirge in 
Zwickau (Muldengebiet), drei über das mittlere in Chemnitz (Zschopau- 
gebiet), drei über das östliche im Eibthal; dazwischen laufen noch 
zwei Parallelstrassen auf den flachen Rücken zu beiden Seiten der 
oberen Freiberger Mulde und der Striegis zum Unterlauf der ersteren. 
Alle Flussadem, selbst die Elbe bis Meissen konvergieren, dement- 
sprechend auch die an und zwischen ihnen entwickelten Verkehrswege. 
Diese vereinigen sich im Flachland in der Mitte der Leipziger Bucht. 
Leipzig beherrscht auf der Nordseite alle Wege über das Erzgebirge, 
wie Prag auf der Südseite ^). 

Zu diesen Strassen, welche das Gebirge überschreiten, gesellen 
sich solche, die am Gebirge entlang ziehen, jene Wege also kreuzen, 
die Randstrassen. Am einfachsten und natürlichsten ist die auf der 
Südseite, wo der Gebirgsfuss sehr deutlich und geradlinig von Falkenau 
über Klösterle nach Königswald hinläuft. Die Eisenbahnen Eger- 
Earlsbad - Eomotau - Osseg - Bodenbach bezeichnen diese Randstrasse. 
Auf der Nordseite ist der Gebirgsabfall allmählich, darum viel aus- 
gedehnter, der Gebirgsfuss infolgedessen nicht so deutlich. Wir haben 
als Grenze des eigentlichen Gebirges die 400 m- Höhenlinie, als die des 
Berglandes die 200 m- Höhenlinie angenommen. Erstere hat für den 
Verkehr den Vorzug, dass sie den höheren Gebirgslagen näher ist, 
mehr in der Mitte der gesamten Nordabdachung verläuft. Im Westen 
zieht diese Linie, parallel mit dem Gebirgskamm, am Südrand des 
Erzgebirgischen Beckens hin, das von den Flussläufen der Länge nach 
durchzogen wird, und an dessen Enden die Sammelpunkte der Quer- 



') Ratzel a. a. 0. S. 494. 



184 A. Simon, [12 

Strassen des westlichen und mittleren Erzgebirges liegen. Die Strasse, 
welche bei der Pleissenquelle an die Strasse Plauen-Leipzig anknüpft 
und Zwickau und Chemnitz verbindet, ist eine wirkliche Randstrasse. 
Anders im Osten. Das Gebirge dacht sich nicht bloss nach Nordwest 
sondern späterhin auch nach Nordost zum Eibthal ab, jene Linie in 
400 m Höhe nähert sich darum östlich von Bockendorf rasch der Kanun- 
linie. Eine Strasse, die jener Linie folgen wollte, müsste die tief ein- 
gerissenen Thäler der Eibzuflüsse kreuzen. Wird dagegen die be- 
sprochene Randstrasse in ihrer bisherigen Richtung, also parallel zum 
Eamm, über Chemnitz hinaus fortgesetzt, so ist zwar auf eine kurze 
Strecke eine höhere Gebirgslage zu überwinden, was jedoch durch die 
Abkürzung im geraden Weg wieder gut gemacht wird, aber es sind 
ausser Zschopau, Freiberger Mulde und Bobritzsch, welche auf alle 
Fälle gekreuzt werden müssen, keine Thäler weiterhin zu überschreiten, 
weil die Strasse auf den Höhen, welche das untere Weisseritzthal zur 
Linken begleiten, ins Elbthal hinabläuft. Die Elbthalebene trifft sie 
in der Mitte, an einem Punkte, der, wie wir später sehen werden, zum 
Durchqueren desselben geeignet ist. 

Die Strasse im Pirna-Meissner Elbthal, welche weit an das öst- 
liche Gebirge heranreicht und die Strassen über dasselbe sammelt, 
kann zugleich als Randstrasse für eben diesen Gebirgsteil gelten. Von 
Meissen läuft sie am Fuss des Sächsischen Berglandes geradlinig nach 
Grimma. Den Lommatzscher Bach und die Jahna überschreitet sie 
da, wo diese beim Austritt aus dem Bergland ihre zahlreichen Quell- 
arme sammeln ; das DöUnitzthal benutzt sie in dessen oberem, westost- 
lich gerichtetem Teile. 

An das Erzgebirge schliesst sich im Osten unmittelbar das Elb- 
sandsteingebirge an. In Form eines rechtwinkligen Dreiecks mit den 
Eckpunkten Eönigswald, Bonnewitz bei Liebethal und Kreibitz lehnt 
es sich mit seiner Längsseite im Nordosten an die Lausitzer Platte 
oder das Lausitzer Bergland, nach welcher es sich von Südwesten her 
nur wenig abdacht^). „In der Sächsischen Schweiz waltet der Tafel- 
charakter vor. Auf einer Reihe von Ebenheiten, in welche enge, steil- 
randige Thäler eingegraben sind, erheben sich Berge und Rücken mit 
mehr oder weniger horizontaler Oberfläche, aber schroffen, oft beinahe 
senkrechten Abstürzen^).* „Die tiefen, vielverzweigten Gründe setzen 
dem Verkehr die grössten Hindernisse entgegen. Alle Strassen führen 
von hinten, von den Ebenheiten her zu den Städten herab. Die Haupt- 
strassen nach Böhmen umgingen bis vor kurzem die Sächsische Schweiz 
an ihrem südwestlichen und nordöstlichen Rand*)/ Der Wasserweg 
der Elbe ist die einzige natürliche Verkehrsstrasse. Der Elbspi^el 
bei Leitmeritz, wo der Fluss in das böhmische Mittelgebirge eintritt, 
ist 139 m hoch, bei Tetschen, wo er in das Eibsandsteingebirge ein- 
biegt, 127 m, bei Pirna, am Austritt aus demselben, 108 m, fällt also 



^) Hettner, üebirgsbau und Oberfläche der Sächsischen Schweiz, Forsch, 
z. d. L. Q. V. II, 4, 1887, S. 253. 

*) Hettner a. a. 0. S. 253. 
') Hettner a. a. 0. S. 354. 



13] Die Verkehrsstrassen in Sachsen. 185 

auf dieser etwa 100 km langen Strecke nur 30 m. Bei Leitmeritz 
wird die £lbe schon für Dampfschiffe fahrbar. Dadurch wird sie zum 
wichtigsten Verkehrsweg überhaupt zwischen Böhmen einerseits und 
Sachsen und dem Norddeutschen Flachlande andererseits. Das von 
ihr durch das Gebirge gegrabene Thal aber ist wie alle Thäler der 
Sachsischen Schweiz viel zu eng und zu steilwandig, als dass es in 
alter Zeit, wo der einfache Landverkehr kostspielige Bauten nicht 
lohnte, benutzt werden konnte. 

An das Eibsandsteingebirge reiht sich im Südosten das ähnlich 
gebaute Lausitzer Gebirge. Es erstreckt sich von Ereibitz bis zum 
Passe von Pankratz, 319 m; östlich von diesem setzt sich der Zug als 
Jeschkengebirge bis zum Querthal der Iser bei Turnau fort. An seinen 
Längsseiten wird es im Nordosten von der Neisse (bis Grottau), vom 
Lanschebach (bis zu dessen Mündung bei Grossschönau) und von einer 
beide Gewässer verbindenden Geraden, im Südwesten durch das Längs- 
thal des Folzen begrenzt. Während sich das Jeschkengebirge im 
Jeschken bis 1013 m erhebt, gipfelt das Lausitzer Gebirge in der 
Lausche, 796 m. In beiden liegt die Wasserscheide der Nordostflanke 
nahe, so dass der Abfall nach dieser Seite steil, nach Südwesten da- 
g^en sanft ist. Das ist der Hauptunterschied gegen das Eibsandstein- 
gebirge. An jener Nordostflanke breitet sich an der Neisse, von Eratzau 
(306 m) ab, und au der Mandau, von der Landwassermündung (280 m) 
ab, ein Flachlandstreifen aus; von seiner Mitte, in welcher Zittau in 
227 m Höhe liegt, zieht sich ein eben solcher an der Neisse hinab 
zur Norddeutschen Tiefebene (Görlitz 190 m). Das ist die Lausitzer 
Bucht. Nach derselben fliessen von dem steilen Nordostabhang des 
Lausitzer Gebirges nur kurze Wasseradern herab; längere finden wir 
auf der anderen Seite, den Jungfembach (Gabel), den Zwitte- und 
Bohrbach (Zwickau) und den Spoikabach (Hayda). Der wichtigste 
Uebergang ist nicht beim niedrigsten Pass, dem von Pankratz, dieser 
liegt zu weit östlich, sondern bei dem genau in der Richtung 
Zittau-Prag liegenden Lückendorfer Pass, 482 m, von dem der Peters- 
dorfer Bach nach Gabel am Jungfembach hinableitet. Wenig süd- 
ostlich davon, oberhalb der Quelle des Weissbaches, führt ein nur 
476 m hoher Pass nach Süden, ist aber unbrauchbar, da die Thäler 
auf beiden Seiten zu eng sind. Der Pass von Hain, zu dem man 
von Zittau her durch das Oybiner Thal gelangt, und der Johns* 
dorfer Pass, jener 551 m, dieser wenig niedriger, führen von Norden 
hinüber zum Thal des Zwittebaches , das freilich in seinem mittleren 
Teile zu eng wird; die Strasse zieht daher über die Rücken an Zwickau 
vorüber nach Böhmisch-Leipa am Pölzen. Von der Vereinigung der 
Mandau und des Lauschebaches gelangt man über den Waltersdorfer 
Pass am Ostfuss der Lausche, 564 m, zum Zwittebach. Bei Nieder- 
lichtenwalde treffen sich diese und die vorige Strasse; doch kann man, 
in derselben Richtung weiter ziehend, von Grossmergenthal aus über 
einen 412 m hohen Pass bequem Gabel erreichen. 

Mit dem Eibsandsteingebirge, wie mit dem Lausitzer Gebirge eng 
verknüpft, von letzterem nur durch geringere Höhe deutlich unterschie- 
den, breitet sich nordöstlich von beiden das Lausitzer Bergland aus. 



186 A. Simon, [14 

eine wenig gegliedeiie Platte, die von der Lausitzer Bucht bis zum 
Elbthal reicht und von Südwesten, wo ihre Höhe durchschnittlich 
400 m beträgt, sich allmählich nach Nordosten zum Norddeutschen 
Flachland senkt; die 200 m- Höhenlinie (Görlitz-Bautzen-Königsbrück) 
kann hier als Grenze angenommen werden. Es hat also in der Haupt- 
sache, wie das Lausitzer Gebirge, die Richtung Südost-Nordwest. Auf 
der flachen Platte erscheinen die Berge wie aufgesetzt. Nur im Westen 
der Spree, an der Quelle der Wessnitz, finden wir einen zusammen- 
hängenden Höhenzug , der im Falkenberg mit 606 m gipfelt. Dem 
Verkehr sind daher, abgesehen vom Spreethal, welches etwas tiefer 
eingeschnitten ist, keine bestimmten Linien innerhalb der Platte vor- 
gezeichnet. Dies geschieht vielmehr durch die Grenzlinien und die 
Nachbargebiete. 

Unter letzteren ist das Elbthal zwischen Pirna und Meissen be- 
sonders bemerkenswert. Zu diesem fällt die Lausitzer Platte steil etwa 
200 m tief, das Erzgebirge etwas langsamer ab. Zwischen beiden 
bleibt Raum fär einen 3 — 5 km breiten , ebenen Thalboden , der im 
Mittel 100 m hoch liegt (Pirna 108 m, Meissen 100 m hoch). Ober- 
halb Pirna ist diese Ebene durch das Eibsandsteingebirge gesperrt, 
bei Meissen berühren sich die Ausläufer des Erzgebirges und des Lau- 
sitzer Berglandes, so dass die Elbe gezwungen wird, wieder in ein 
engeres Thal einzutreten. Ringsum also ist dieser Thalboden geschlossen. 
In der Mitte desselben liegt Dresden. Zu diesem führt von Südwesten 
her die Weisseritz, der grösste Fluss, den das Erzgebirge unmittelbar 
zur Elbe sendet, von Nordosten her eine bei Königsbrück beginnende, 
die Lausitzer Platte durchziehende Senke, die nirgends 200 m über- 
steigt. Die Röder durchquert dieselbe, die Priesnitz biegt in ihrem 
Unterlaufe in dieselbe ein. Darum kann man gerade bei Dresden das 
Elbthal am besten kreuzen. 

Nunmehr lassen sich die natürlichen Verkehrslinien des Lausitzer 
Berglandes bestimmen. Eine zieht am Nordost- und Nordsaum der- 
selben, der noch fest genug ist und doch ausser einigen Flussüber- 
gängen keine Schwierigkeiten bietet, von Görlitz nach Bautzen, Kamenz, 
Königsbrück; sie ist wichtig als ein Teil der (aus der Schlesischen 
Tieflandsbucht) nach der Leipziger Tieflandsbucht ziehenden Strasse. 
Eine zweite, welche jene in Görlitz schneidet, läuft am Südostrand der 
Platte durch die Lausitzer Bucht; sie setzt die Prag-Zittauer Strasse 
nach dem Norddeutschen Flachland fort. Eine dritte endlich folgt 
dem Südwestrand der Platte. Sie kommt von der oberen Neisse 
(Reichenberg) und bewegt sich in derselben Richtung weiter von Zittau 
an der Mandau aufwärts bis Rumburg, dann über Schluckenau, Hains- 
pach, Neustadt nach Stolpen, quert also eine Reihe von Wasseradern, 
bevor diese in die tief durchfurchte Sächsische Schweiz eintreten. In 
das Elbthal steigt sie entweder an der Wessnitzmündung bei Pirna, 
oder durch die schon erwähnte Senke an der Priesnitzmündung, bei 
Dresden, hinab. Strassen über die Lausitzer Platte werden durch wich- 
tige Punkte an deren Peripherie bestimmt; nur jene deutlich ausgebildete 
Senke Dresden-Königsbrück hat eine Strasse veranlasst. Solche wich- 
tige Punkte sind nach dem Vorausgegangenen ausser den Eckpunkten 



15] I^ie Verkehrsetrassen in Sachsen. 187 

Bautzen und Dresden. Die Strasse Zittau-Bautzen überschreitet ihr 
grösstes Hindernis, das Löbauer Wasser, unterhalb der Vereinigung 
der fünf Quellbäche desselben (bei Löbau), so dass nur ein Fluss- 
übergang nötig ist ; weiterhin umgeht sie in flachem Bogen die Gzorne- 
bohgruppe vor Bautzen. In der Richtung Bautzen-Pirna oder Bautzen- 
Dresden bietet sich der Mittellauf der Wessnitz als geeigneter Führer. 
Zu diesem gelangt man über den 300 m wenig überragenden Eessel- 
basch östlich von Bischofswerda. Das Wessnitzthal wird unterhalb 
Stolpen, wo der Fluss in die Sächsische^ Schweiz eintritt, für den Ver- 
kehr unbrauchbar. Darum läuft die Strasse, die sich in Stolpen mit 
der Randstrasse des Lausitzer Oebirges verbindet, über die Höhen zur 
Wessnitz- und Priesnitzmündung hinab. 

Im Flachland haben wir in Sachsen ausser den bereits aufgesuchten 
Strassen, welche aus der Leipziger Bucht nach Süden und Südosten 
ins Gebirge laufen, nur eine Verkehrslinie zu verzeichnen. Es ist die 
grosse westöstliche Strasse, welche bis Königsbrück dem Rand der 
Lausitzer Platte folgt und dann in gerader Linie nach Westen zur 
Leipziger Bucht strebt. Die Röder und die DöUnitz, deren Lauf be- 
rührt, zum Teil benutzt wird, bereiten beim Uebergang wenig Schwie- 
rigkeit, auch die Elbe nicht, da deren Ufer von Meissen bis zum Ein- 
tritt in die Tiefebene bei Riesa felsig, darum fest sind, mehr die 
vereinigte Mulde, deren Ufer von Würzen ab sich verflachen und der 
[Jeberschwemmung und Flussteilung nicht widerstehen. Darum musste 
man hier von der Geraden vielfach abweichen und die Mulde am Rand 
des Sächsischen Berglandes bei Grimma oder weiter nördlich bei Eulen- 
burg überschreiten, wo höhere und feste Ufer noch einmal an den 
Fluss herantreten. 

Die Betrachtung der Bodengestalt Sachsens lässt in den Gebirgen 
zwei vorherrschende Richtungen erkennen: die des niederländischen 
Systems, Nordost-Südwest, welcher das Erzgebirge mit dem Sächsischen 
Bergland folgt, und die des hercinischen Systems, Nordwest-Südost, welcher 
das Lausitzer Gebirge mit dem Lausitzer Bergland folgt; beide sind ver- 
knüpft durch das Eibsandsteingebirge, getrennt durch das diesem im Nord- 
westen vorgelagerte ebene Elbthal. Die Norddeutsche Tiefebene, welche 
beide im Norden umzieht, dringt durch die Leipziger Bucht im Westen, 
durch die Lausitzer Bucht im Osten gegen die Gebirge vor. Die gefundenen 
natürlichen Yerkehrsbahnen fügen sich dementsprechend zu folgenden 
Strassen zusammen: vom oberen Main und der oberen Eger führen 
Strassen über das Elstergebirge nach Plauen, von Böhmen über das 
westliche Erzgebirge nach Zwickau, über das mittlere nach Chemnitz, 
über das östliche zum Fuss des Sächsischen Berglandes (über Sayda 
und Freiberg) und ins Elbthal; alle diese Strassen setzen sich fort 
zar Leipziger Bucht und vereinigen sich in Leipzig. Das Eibsandstein- 
gebirge, das den Verkehr zu Lande hindert, bietet durch den Wasser- 
weg der Elbe die wichtigste Verbindung zwischen Böhmen und Nord- 
deutschland. Ueber das Lausitzer Gebirge ziehen Strassen nach Zittau 
und durch die Lausitzer Bucht weiter ins Norddeutsche Flachland. Am 
Rand des Erzgebirges läuft eine Strasse von Plauen über Zwickau, 
Chemnitz nach Dresden; sie setzt sich durch die Senke der Lausitzer 



188 A. Simon, Die Yerkehrsstrassen in Sachsen. [10 

Platte nach Königsbrück fort oder über die Platte nach Bautzen. Am 
Rande des Lausitzer Gebirges und der Sächsischen Schweiz zieht eine 
Strasse von der oberen Lausitzer Bucht ins Elbthal (Pirna oder Dres- 
den) ; sie mündet in die Randstrasse des Sächsischen Berglandes (Meissen, 
Grimma), wodurch eine geradlinige Verbindung zwischen Reichenberg- 
Zittau und Leipzig entsteht. Die Verkehrslinie am niederen Rand der 
Lausitzer Platte setzt sich im Flachland nach Westen fort (Görlitz, 
Leipzig) und verbindet so die vorigen, die verlängerten Randstrassen 
des Erzgebirges und des Lausitzer Gebirges und der Sächsischen Schweiz. 



Slawische Ansiedelnngeii. 

Die Siedelungen eines Landes, vom Einzelhof bis zum Dorf, vom 
Landstadtchen bis zur Grossstadt, sind ebenso wie der Boden, auf dem 
sie stehen, etwas Gewordenes, in fortwährender Bildung Begriffenes. 
Sie sind in ihrer Gesamtheit in Bezug auf Verteilung, Grösse und gegen- 
seitige Verbindung natürlichen Bedingungen unterworfen, die auch 
noch wirken, wenn einzelne aus der Zahl derselben zu Städten sich 
entwickeln durch Hinzutreten neuer Faktoren. Erstere, die rein natür- 
lichen Bedingungen, sind vor allem Fruchtbarkeit und Bebauungs- 
fahigkeit, die von Bodengestalt, Bodenbildung und Bewässerung ab- 
hängig sind. Unter den städtebildenden Faktoren sind Handel und 
Handwerk die wichtigsten. Beide erblühen an den Verkehrsstrassen. 
«Die grosseren Ansiedelungen danken ihr Dasein dem Verkehr; es ist 
oft schwer zu sagen, ob sie oder die Wege früher waren, so sehr be- 
dingen sie einander. Beide gehören eng zusammen und wachsen mit- 
einander ^)." Ehe wir diesen Einfluss der Verkehrswege auf die Siede- 
lungen des Königreichs Sachsen untersuchen, müssen wir einen Blick 
auf letztere in ihrer natürlichen Bedingtheit werfen. 

Für das Königreich Sachsen bilden den ersten, noch erkennbaren 
Bestand der Siedelungen die slawischen Orte. Wo einst Slawen an- 
gesiedelt waren, lässt sich fast nur noch aus den Ortsnamen bestimmen. 
Aber diese sind im Laufe der Jahrhunderte mannigfach verändert wor- 
den, manchen ist ein deutsches Gewand gegeben, andere sind durch 
deutsche Namen ersetzt worden *). Ein grosser Teil aber ist noch 
seiner Herkunft, wenn auch nicht mehr seiner Bedeutung nach zu er- 
kennen'*). Nur nach den deutlich noch als slawisch erkennbaren Orts- 
namen kann die einstige Ausbreitung der Slawen bestimmt werden, 
wenn sich die Untersuchung nicht in kühnen Behauptungen, in blossen 
Vermutungen verlieren soll. 

Die slawischen Ansiedelungen waren sehr ungleich über das Land 
verteilt, bald so dicht, dass nachher deutsche Siedelungen kaum zwischen 
ihnen Platz fanden, bald so vereinzelt, dass sie hinter den später an- 
gelegten deutschen Orten zurücktraten. Dicht gedrängt finden wir sie 

*) Ratzel, Anthropogeographie II, 1891, S. 257. 

^) Codex diplomaticus Sazoniae regiae (fortan citiert C. d. S. r.) 1, 1, S. 1 53. 
^ Hey, Slawische Ortsnamen des Königreichs Sachsen, Döbeln 1883, S. 1. 
Fonchimgen zur deutschen Landes- und Volkskunde. YII. 2. 13 



190 A. Simon, [1 



östlich von der Elbe im Flacliland der Lausitz, und zwar von dem 
Höhenzug, der dasselbe deutlich im Süden begrenzt (Ober-Sohlander 
Spitzberg, Löbauer Berg, Czomeboh, Pichoberg, Stiebitzberg), bis za 
einer Linie von Kamenz bis Weissenberg, jenseits welcher ausgedehnte 
Wälder, Teiche und Flussverzweigungen die Besiedelungen hemmten. 
Ebenso dicht finden wir sie von der Elbe bis zur vereinigten Mulde, 
hier von einer Linie Pima-Tharandt-Eonstappel a. Elbe-Nossen und 
dem Thale der Freiberger Mulde im Süden bis Boritz a. Elbe-Oschatz- 
Mutzschen-Nerchau im Norden. Endlich war das Niederungsgebiet der 
wieder nach Sachsen eingetretenen Pleisse und Elster dicht mit slawi- 
schen Siedelungen bedeckt. 

Nördlich von diesen Gebieten in der Lausitz und in Meissen finden 
wir auch slawische Ortsnamen, aber weit zerstreut. Anders ist es in 
den Strichen zwischen den drei genannten Gebieten, zwischen der 
Schwarzen Elster und dem Elbthal, bis Eönigsbrück und Grossenhain 
nordwärts, zwischen der Zwickauer und der vereinigten Mulde und der 
Pleisse, unterhalb Grimma von Oschatz und Dahlen bis zur unteren 
Parthe. Da finden sich slawische Orte zerstreut an den Wasseradern. 
Ebenso ist es südlich von jenen Gebieten. In der Lausitz weisen jen- 
seits des angedeuteten Höhenzugs nur das Thal der Neisse und Mandan 
bis Oderwitz und Eibau (unter 350 m) und das Spreethal bis vor 
Schirgiswalde (unter 300 m) slawische Ortsnamen auf. Jenseits der 
angegebenen Südgrenze im meissnischen und osterländischen Gebiete 
treffen wir slawische Ortsnamen auch bloss in den Thälem oder in 
deren Nähe: 

an der Elbe bis Schandau und Krippen (113 m), 

„ j, Sebnitz bis Sebnitz (unter 300 m), 

» r, Polenz bis Polenz (unter 400 m), 

„ „ Wesnitz bis Stolpen (300 m), 

« „ Gottleuba nur Gottleuba (unter 400 m), 

„ „ MUglitz bis Schlottwitz (unter 300 m), 

9 „ Weisseritz bis Borlas und Spechtritz (300 m) ; 

im Gebiet der Freiberger Mulde: 

an der Mulde spärlich bis Claussnitz (500 m) ; 
n y, Bobritzsch und Colmnitz bis zu den gleichnamigen Orten 

(400 m), 
nicht an der Striegis; 

im Gebiet der Flöha: 

an der Flöha bis Pockau (400 m), 
am Saidenbach Saida und Stadt Sayda (600 m), 
an der Knose bis Zöblitz (unter 600 m), 
„ „ Grossen Lössnitz bis Gränitz (500 m) ; 

im Zschopaugebiet weit hinauf: 

an der Zschopau bis Schiettau und Geyer (unter 600 m), 
„ „ Sehma bis Sehma (600 m); 



19] I^ie Verkehrsstrassen in Sachsen. 191 

im Gebiet der Zwickauer Mulde: 

an der Würschnitz, Zwönitz, Chemnitz überall, 
9 « Mulde oberhalb Zwickau nur in den Seitenthälem: 
Lössnitz, Pöhla, Raschau, Bockau und Sosa (600 m) 
rechts, Culitzsch, Crinitz, Zschorlau (470 m) links, 
„ , Pleisse bis Werdau und Leubnitz (300 m) ; 

im Elstergebiet: 

an der Elster bis Leubetha, vielleicht bis Gürth oberhalb Elster 

(über 600 m), 
,. „ Göltzsch bis Plohn (400 m), 
n allen linksseitigen Bächen um Plauen, 
jt der Weida bis Pausa (über 400 m). 

Slawische Ortsnamen finden wir also in Sachsen dicht gedrängt 
in drei Gebieten: in der Lausitz, in Meissen, im Osterland, nördlich 
davon nur spärlich, dazwischen an wenigen Wasserläufen, südlich davon 
nur in und an den Flussthälem. 

Diese Gebiete nehmen die ebenen und niedrigen Landstriche Sach- 
sens ein, aber, abgesehen von der Elster- Pleisse-Niederung, nicht die 
flachsten und niedrigsten, letztere liegen nördlich von den Linien 
Weissenberg-Eamenz und Boritz-Oschatz-Mutzschen-Nerchau , sondern 
die fruchtbarsten. Der Grund ist also die von Bodengestalt und Höhe 
mit abhängige Fruchtbarkeit der drei Gebiete. 

Das mittlere Gebiet verdankt seine Fruchtbarkeit dem Löss ^), der 
auf die nördliche, der Elbe zugekehrten Gebirgsabdachung von Pirna bis 
Meissen und von da bis Mügeln beschränkt ist, wo etwa 11000 ha an 
99^/0 Fruchterde enthalten. Daran schliesst sich im Südwesten ein 
grosses Gebiet, das vorwiegend aus Lehm zusammengesetzt ist, welches 
97^/0 reiner Fruchterde enthält und dessen Süd- und Westgrenze auf- 
fallend mit den angegebenen Siedelungsgrenzen übereinstimmen. Löss 
und Lehm gehen in der Mitte oft ineinander über. Der hohen Fruchtbar- 
keit beider nähert sich die des Mergelsandbodens im westlichen Distrikt, 
im Pleissengau, wo sich 74 ^/o reiner Fruchterde finden. In dem dritten, 
dem Lausitzer Gebiet, finden wir eine dem Löss ähnliche Ackererde 
in der Gegend von Kamenz, Bautzen, Löbau, Bernstadt und Ostritz und 
bei Schirgiswalde in einer kleinen, an der Spree aufwärts dringenden 
Bucht. Ausserdem erreicht in den flachen Teilen der Lausitz der 
Mergelsandboden eine ähnliche Bedeutung wie im Pleissengau. Nörd- 
lich von den drei Gebieten tritt der Heidesandboden auf mit nur 21 ^/n 
Fruchterde, südlich von demselben nimmt die Fruchterde allmählich 
mit dem ansteigenden Gebirge bis auf 33 "/o ab ^). Als die frucht- 
barsten Teile erscheinen die drei Gebiete auch in der Erntestatistik. 



') Gebauer, Volkswirtschaft i. Königr. Sachsen 1890, S. 98 flf. 
») a. a. 0. S. 112, 114. 



192 



A. Simon, 



[20 





I. 


IL 


HL 


Amtshaupt- 
mannschaft 


Acker- und 
Gartenland 


s 


c 


9 


Forsten und 
Holzungen 


a. 


b. 


g 


B 

o 

1 

o 

I—« 


s 

o 
o 


s 

1 

o 


B 

o 

1 


o 
o 
r- 

u 
o 


Bautzen . . . 


51,fto 


12.45 


2.25 




27,78 


8,5 


II,b8 




65,94 


32,52 


1,54 


— 


— 


Kamenz . . . 


39,s2 


11,60 


2,27 


i 


42,10 


3,2 


111,50 


— 


82,09 


17,91 




— 


— 


Löbau . . . 


58,«2 


16,52 


0,68 




20,07 


7,0 


11,14 




12,81 


78,88 


9,86 


— 




Zittau . . . 


60,7 7 


16,67 


1,81 




21,25 


4.2 


11,00 


— 


3,80 


86,80 


9,10 


0^0 




Dippoldiswalde 


49,66 


13,09 


0,58 




34,80 


1,6 


1,86 




1,28 


22,87 


33,8» 


32,16 


4,35 


Dresden . . . 


45,8» 


11,47 


0,67 


1,08 


33,8 4 


7,0 


11,00 


— 


69,29 


28,15 


2,46 




— 


Freiberg . . 


62,47 


11,75 


0,48 




21,49 


2,5 


1,71 




— 


18,91 


46,39 


33.7» 


0.91 


Grossenhain 


61,91 


12,89 


1,45 


0,04 


19,62 


3,2 


IV,60 


6,7 4 


93,26 




— 




— 


Meissen . . . 


73,50 


9.10 


1,10 


0,76 


11,93 


10,4 


1,40 




64.17 


85,88 


— 




— 


Pirna. . . . 


42,9t 


10,88 


0,90 


0,02 


42,24 


5,4 


1,67 




27,68 


59,79 


12,83 


— 


— 


Borna . . . 


73,76 


11.62 


0,48 




9,94 


7,4 


11,50 


— 


96,77 


3.28 








Döbeln . . . 


71,81 


9,80 


0,98 




13,99 


7,6 


1,29 





51,62 


45,05 


3,88 


— 


— 


Leipzig . . . 


75,»o 


9,20 


0,«» 





8,15 


10,8 


11,00 





100,00 








— 


Grimma . 


64,82 


9,90 


1,08 


0,01 


20,18 


6,s 


11,88 





99,70 


0,80 


— 


— 


— 


Oschatz . . . 


08,68 


7,58 


1,11 


0,01 


18.96 


7.. 


11.40 


3,06 


96,64 


0,80 


— 




— 


Rochlitz . . . 


62,09 


11,66 


0,86 




21.90 


3,. 


1,67 




18,82 


81,18 


— 




— 


Annaberg . . 


42.40 


10,15 


1,20 




42,92 


0,. 


11,88 






— 


8,03 


81,11 


10,1« 


Auerbach . . 


23,66 


14,88 


0,66 




58,05 


1.« 


11,50 




— 




68,87 


29,15 


2,3« 


Chemnitz . . 


52,48 


17,58 


0,80 




24,84 


2.1 


1,86 







51,95 


38,48 


9,ST 


— 


Flöha . . . 


57,68 


11,55 


0,81 




26.71 


2.1 


1,5 7 





— 


42,55 


56,84 


0,61 


— 


Glauchau . . 


55,^8 


15,90 


0,58 




23,59 


1.« 


11,29 





1,18 


74,55 


22,65 


1.47 


— 


Marienberg 


44,76 


11,20 


0,85 




40,01 


0.4 


11,57 







— 


62,88 


31,40 


8/. 


Oelsnitz . . . 


35,88 


18,88 


1,55 




40,78 


2,0 


111,7, 




— 


— 


60,86 


39,18 


0.41 


Plauen . . . 


46,09 


19,68 


2.1 


— 


27,57 


4.» 


111,00 





— 


20.87 


72.24 


6.8» 


— 


Schwarzenberg 


23,71 


8,19 


0,59 




64,61 


0.S 


111,00 




— 


— 


31.40 


59,68 


8.9: 


Zwickau . . . 


55,09 


15,81 


0,7 7 


— 


24,22 


2.0 


11,40 





— 


80,96 


18.18 


0,86 


— 


Kgr. Sachsen . 


54,86 


12,46 


1,«4 


0,08 


27,77 


1- 


11,89 


|0,52 


42,11 


[30,57 


17,18 


8,48 


0,8» 



I. Bodenbenutzung in Prozenten der Gesamtflächen'); 
IL a) Weizenboden in Prozenten, b) Fruchtbarkeit (I. höchste) nach den Er 

tragsmengen des gesamten Ackerlandes'); 
IIL Erhebung des landwirtschaftlich benutzten Geländes über der Ostsee (in 
Prozenten) '). 



*) Langsdorff, Landwirtschuft i. Kgr. Sachsen 1889, S. 48. 

2) a. a. 0. S. 45 (fürs Jahr 1878). 

') Sieb er, Zur Anbau- und £mtestatistik i. Kgr. Sachsen 1876. 



21] Die Verkehrsstrassen in Sachsen. 193 

Nimmt man den Boden, der mit Weizen, namentlich Winter- 
weizen, bebaut wird, als den besten an, so erscheinen nach der bei- 
gefügten Tabelle der Reihe nach die Amtshauptmannschaften Meissen, 
Leipzig, Bautzen, Döbeln und Oschatz, Borna, Löbau, Dresden (Alt- 
stadt), Grimma als die fruchtbarsten; allerdings ist hier zu berück- 
sichtigen, dass die Verwaltungsbezirke oft ganz verschiedenartigen 
Boden umfassen. Das zeigen die Abweichungen, welche die Ertrags- 
fahigkeit des gesamten, zu Acker- und zu Gartenbau benutzten Bodens 
aufweist; da stehen die Amtshauptmannschaften Döbeln und Meissen 
voran, Bautzen bleibt etwas hinter dem Durchschnitt von ganz Sachsen 
zurück. 

Die fruchtbaren Strecken des Flachlandes also waren von den 
heranziehenden Slawen zunächst besiedelt worden. Hier trieben sie 
vor allem Viehzucht, in zweiter Linie Ackerbau^). Doch begnügten 
sie sich mit diesem Lande nicht. Wir haben schon angedeutet, dass 
auch südlich von den angegebenen Grenzen slawische Namen zu finden 
sind, aber nur vereinzelt. Diese Trennung von der grossen Masse der 
Volksgenossen lässt vermuten, dass hier Slawen zu einer Zeit einzogen, 
wo die übrigen zur Ruhe und damit zu einer gewissen Sicherheit ge- 
kommen waren, und dass dies Wandern unter einem gewissen Zwang 
geschah. Als nämlich mit der Zeit die Volkszahl wuchs, wurde, da 
namentlich die Viehzucht für den einzelnen grossen Raum verlangt, 
ein Teil zum Weiterziehen genötigt; sie drangen nach Süden ins 
Waldgebirge vor. Natürlich besetzten sie auch hier die fruchtbaren 
offenen Strecken, die es gewiss gab, sei es in den Thälem oder auf 
flacheren Höhen. Jene genannten Orte liegen alle an Gewässern oder 
in deren Nähe, da der Mensch das Wasser nicht entbehren kann; sie 
liegen auch alle an oder nahe den natürlichen Verkehrsstrassen, die 
vielleicht damals schon begangen wurden. Wo die Thäler eng und 
sumpfig werden, finden wir die slawischen Ortsnamen auf die Thal- 
ränder beschränkt; wo jene sich erweitem, mehren sich diese im Thale 
selbst. Recht ausgeprägt ist dies an der Elster zu beobachten: auf 
der Strecke von der Weidamündung bis Plauen erweitert sich das 
Thal nur einmal in der Mitte, hier Greiz; sonst liegen die slawischen 
Siedelungen auf den beiden Thalrändern. Um Plauen ist dagegen das 
Thal weit ; hier breiteten sich die Slawen aus ; hier wurden die Seiten- 
thäler weit aufwärts, sogar die flachen Höhen besiedelt. Aehnlich ist 
es an der Zwickauer Mulde, wo sich um Rochlitz und Zwickau die 
slawischen Namen auffallend mehren, während dazwischen trotz der 
Nähe der von den Slawen dicht besetzten Altenburger Pflege sie nur 
vereinzelt die Thalränder besiedelten. Die Flussthäler mögen oberhalb 
der bezeichneten Punkte auch noch von den Slawen mit ihren Herden 
oder der Erzgewinnung wegen besucht worden sein, wie die Namen 
von Bächen und Bergen beweisen *). Die Slawen hatten also innerhalb 



*) C. d. S. r, I, 1, S. 159. Posse, Markgi-afen von Meissen 1881, S. 1. 
») Süssmilch-Hörnig, Erzgebirge 1891, S. 69. Schurtz, Seifenbergbau 
im Erzgb. Forsch, z. d. Landes- u. Volksk. 1890, S. lOü ff. 



194 A. Simon, [22 

Sachsen alles fruchtbare, offene Land, auch das ins Waldgebiet hinein- 
greifende, allenthalben besetzt^). 

Die Form der slawischen Ansiedelungen mag eine gleichmässige 
gewesen sein. Feste Wohnsitze hatten die Slawen schon in früher 
Zeit. Es waren aber nur offene, keine ummauerten oder festver- 
zäunten Orte ; selbst Burgen bauten sie wohl erst, als der Kampf mit 
den Deutschen begann. In der Lausitz bestand noch nach der Er- 
oberung durch Heinrich 1, (932?) nur ein fester Ort, die Landesfeste 
Bautzen. In dieser gemeinsamen Stammesfeste fanden die Milcieni 
bei Kriegsgefahr Aufnahme. Knothe nennt diese Einrichtung allgemeine 
Sitte der Slawen '). Nach Schafarik ') haben die Slawen in alter Zeit 
ebenso wie nach historischen Zeugnissen zu Anfang des 9. Jahrhunderts 
nicht nur in Dorfschaften, sondern auch in befestigten Städten oder 
Schlössern (altslawisch grad, lateinisch civitas, urbs, oppidum) gewohnt; 
um 862 wird unter anderen Wysegrod erwähnt. 

Die westlichen Nachbarn der Milcieni, die Daleminci (die sich selbst 
Glomaci nennen), die von der unteren Pulsnitz bis zur Chemnitz wohn- 
ten ^), scheinen in Jahna (Widukind : Gana) eine ähnliche Stammesfeste 
besessen zu haben. Dass die Eroberung und äussere Unterwerfung sich 
so rasch vollzog, besi&tigt die Annahme von nur einer Stammesfeste, 
mit deren Einnahme das übrige Land den Siegern in die Hände fiel. 
Ob die übrigen Gaue^): Nisani im Südosten der Daleminci bis zum 
Miriquidi (= Schwarzwald, Wald des Erzgebirges) *) Chutizi von der 
Zwönitzquelle bis zur Elstermündung , Zwicowe von den Quellen der 
Mulde und des Schwarzwassers bis zur Lungwitzmündung, Dobna von 
der Elsterquelle bis zur Weidamündung , Plisni, das Land der oberen 
Pleisse, ähnliche Mittelpunkte in Form eines festen Platzes gehabt 
haben, ist nicht überliefert, da deren Eroberung durch die Deutschen 
früher, wie die des wichtigen Chutizi, oder ganz geräuschlos im An- 
schluss an die von Chutizi und Daleminci sich vollzog; doch ist es 
wahrscheinlich. Im übrigen waren die Ortschaften offen; doch ge- 
währte ihnen die Eigenart ihrer Anlage, der freie Platz mit dem Teich 
in der Mitte, nach welcher alle Häuser gerichtet sind, einige Sicherheit 

Ueber die Grösse dieser slawischen Siedelungen lässt sich natür- 
lich nichts Bestimmtes angeben. Ausgedehnt werden dieselben nicht 
gewesen sein. Ackerbau, noch dazu, wenn er so wenig intensiv, nur 
mit dem hölzernen Hakenpflug betrieben wird, noch mehr die Vieh- 
zucht, welche bis ins 11. Jahrhundert überwog*^, fordern viel Raum 
für den einzelnen, lassen daher eine grössere Anzahl von Haushal- 



*) Zöllner, Gesch. v. Chemnitz 1888, S. 1. 

') Enothe, Germanisation der Lausitz i. Arch. f. sächs. Gesch., Neae Folge 
(fortan A. f. s. G. N. F.) 2, 1876, S. 237. Zur ältesten Gesch. Bautzens, N. A. f. 
8. G. 5, 1884, S. 73. 

') Schafarik, Slaw. Altertümer, deutsch von Mosig von Aehrenfeld, 1837, 
I, 510. 

*) Thietmar von Merseburg (gest. 1018), 1, 23. 

*) Posse, Markgrafen, S. 307, und Gaukarte. 

^) Thietmar 6, 8. 

C. d. S. r. I, 1, S. 159. 



23] ^ie Verkehrsstrassen in Sachsen. 195 

taugen nicht zu. Dementsprechend finden wir auch jetzt im Flach- 
land, wo die Landwirtschaft vorherrscht, in einem Dorfe weniger 
Familien als im Gebirge, wo zu Ackerbau und Viehzucht Waldwirt- 
schaft, Bergbau, Industrie hinzukommt. Die sächsische Volkszählung 
Tom 1. Dezember 1885^), in der eine Scheidung der Landgemeinden 
und in denselben eine Trennung verschiedenartiger Haushaltungen aller- 
dings nicht gegeben werden kann, lässt doch die oben erwähnte Er- 
scheinung erkennen: 

Amteh. Meissen . . . 277 Landgem. mit 14735 Haush., in 1 Landgem. 53 Haush. 
, Bautzen ... 253 , , 17 136 , ,1 , 67 , 

, Auerbach . . 63 , , 10928 , ,1 , 173 , 

, Schwarzenberg 59 , i, 12105 , ,1 , 205 „ 

Königreich Sachsen . 3140 , , 404323 » ,1 , 128 , 

In den beiden erstgenannten Amtshauptmannschaften überwiegen 
die ursprünglich slawischen Siedelungen, in den beiden letztgenannten 
verschwinden sie. 

Bei dem Erscheinen der Deutschen im Königreich Sachsen in 
historischer Zeit wohnten demnach die Slawen dicht bei einander in 
den fruchtbaren waldlosen Teilen des Flachlandes, in geringer Zahl 
in imd an den Flussthälem des Waldgebirges, meist unter 400 m 
Meereshöhe, höher hinauf wohl nur um des einfach betriebenen Berg- 
baues willen. Vor allem mit Viehzucht, weniger mit Ackerbau be- 
schäftigt, lebten sie in offenen, meist kleinen Orten, geschützt Ton 
einer Feste, die in der Mitte jedes Gaues lag. Noch andere befestigte 
Orte, Städte, besassen die Slawen dieses Gebietes nicht, es werden 
wenigstens bei der Unterwerfung der Daleminci und Milcieni von den 
Chronisten keine erwähnt. Dies würde aber gewiss geschehen sein, 
wenn welche vorhanden gewesen wären, weil dieselben die Eroberung 
aufgehalten hätten. So ist urbs Bichni, wohin Heinrich I. 923 
oder 924 nach einem Kampf mit den Ungarn versprengt wurde ^), ein 
voD den Deutschen zum Schutz ihrer bisherigen Ostgrenze befestigter 
Ort, jetzt Püchen unterhalb Würzen. 

») Zeitschr. d. Königl. Sachs. Statist. Bur. 22, 1886, 1. 2. 
') Thietmar 1, 8. 



Deutsche Besiedelimg. 

Unter Karl dem Grossen entstanden zum Schutz der Ostgrenzen 
des Reiches Marken , zunächst mit defensivem Charakter ^). An der 
Saale wurden, wie man annimmt, Befestigungen errichtet, um die 
Herrschaft über die Eingeborenen zu behaupten ^). Thüringische Marken 
gab es allem Anschein nach in dieser Zeit noch nicht; vielmehr schal- 
teten hier die mit ausserordentlicher Gewalt bekleideten königlichen 
Missi; ein solcher war jedenfalls der Madalgaud des Eapitulare von 
805, der seinen Sitz in Erfurt hatte. Bis zu dieser Stadt durfte nach 
eben diesem Eapitulare Handel von Westen her getrieben werden. 
Von hier aus wurden 805 und 806 von Karls gleichnamigem Sohne 
erfolgreiche Züge ins Land der unruhigen Sorben und Böhmen unter- 
nommen, ebenso unter Ludwig dem Frommen 815 und 826. All- 
mählich mögen die königlichen Beamten ihre Machtbezirke über die 
Reichsgrenze hinaus erweitert haben (839 ducatus Toringubae cum 
marchis suis ; 849 Thaculf, ein Ostfranke, dux et comes limitis Sorabici 
genannt ^). 

So breitete sich langsam, nur von einzelnen Empörungen der 
Slawen gegen die Deutschen oder gegen die denselben treuen Slawen 
(874, 889) aufgehalten, deutscher Einfluss immer weiter nach Osten 
aus, zuerst wohl bloss über den nächsten Gau Chutizi, also bis an die 
vereinigte und die Zwickauer Mulde und bis an die Chemnitz. Mit dem 
Vorrücken der Grenze nach Osten wurde Merseburg an Erfurts Stelle 
politischer Mittelpunkt; von hier gingen später die Kämpfe gegen Osten 
aus, hier versammelten die Könige ihre Fürsten und Mannen. Vorerst 
freilich trat ein Stillstand ein. Der unmittelbar östlich wohnende 
kräftige Stamm der Daleminci widerstand mit Erfolg und fand nach 
dem Untergang des Mährenreiches Hilfe bei den Ungarn, die 908 zum 
erstenmal über den Miriquidi heranzogen. Das deutsche Königtum 
war zu schwach, als dass es den einzelnen Machthabem an der 



*) P o 8 8 6 , Markgrafen, S. 8 ff. 
2) Ranke, Weltgeschichte V, 2, S. 218. 

') Böttiger-Flathe, Gesch. d. Eurstaates u. Königr. Sachsen 1867, 
I, S. 27. 



25] A. Simon, Die Verkehrsstxassen in Sachsen. 197 

Grenze, die allezeit die eigentlichen Ausbreiter des Deutschtums gegen 
Osten waren, durch sein Ansehen einen sicheren Rückhalt geben konnte. 

Als die Ungarn zum erstenmal durch Dalemincia hindurchzogen und 
nach Thüringen und Sachsen kamen, fiel der Markgraf Burchard von 
Thüringen, und Thüringen gelangte mit seinen Grenzgebieten in den 
Machtbereich der kräftigen Liudolfinger von Sachsen, die selbst 908 mit- 
gekämpft hatten. Durch diese, namentlich durch den jungen Heinrich, den 
nachmaligen König, kommt die Germanisierung im Osten in ein neues, bes- 
seres Stadium. War es vorher nur Abwehr und ein stilles Gewinnen fürs 
Deutschtum gewesen, so beginnt nunmehr der Angriff. Heinrich unter- 
nimmt 928 einen durch frühere Kämpfe wohlvorbereiteten Zug gegen 
die Dalemincier, zerstört deren Stammesfeste Gana unweit Meissen und 
legt wahrscheinlich kurz nachher einen festen Platz (urbs) an, Meissen, 
um das Land zu behaupten und bei feindlichen Einfällen den Um- 
wohnenden Zuflucht zu bieten ^). Dass Heinrich; dessen Unternehmungen 
gegen die übrigen Slawen und die Ungarn grosse Planmässigkeit ver- 
raten, sich sogleich und nur gegen die Dalemincier wendet, ist Beweis 
dafür, dass damals die westlich wohnenden Slawen, vor allem die Chutizi, 
als sicher gewonnen betrachtet wurden ; dass er ferner den Hauptplatz 
nach Osten an die Elbe vorschiebt, zeigt, dass er jedenfalls den Ungarn, 
welche wahrscheinlich über die östlichen Pässe des Erzgebirges und 
durchs Eibthal zogen, den Weg verlegen und die östlich von der Elbe 
wohnenden Milzener von hier aus im Zaume halten wollte. Letztere 
unterwarf er wahrscheinlich damals von hier aus schon vorläufig, ebenso 
die Böhmen ^). 936 brachte Heinrich erstere unter seine Botmässigkeit 
und zwang sie, Tribut zu zahlen. Endgültig war freilich damit deren 
Land der deutschen Herrschaft noch nicht unterworfen. Im Westen 
werden nachher bei Gelegenheit der Gründung der Bistümer Merseburg, 
Zeitz und Meissen durch Otto L (967, 968) Marken genannt: Merse- 
burg (Gau Chutizi), Zeitz (Gaue Weitaho, Tucherini, Strupenice, Puon- 
zowa, Geraha, Orla, Dobena, Plisni, Zwicowe) und Meissen (Daleminza, 
Nisani) ^). Von diesen Marken verschwinden Merseburg und Zeitz bald 
wieder, da sie die Bedeutung als solche infolge der fortschreitenden 
Eroberung verlieren. Milcieni dagegen, von Anfang an der Mark und 
dem Bistum Meissen zugewiesen, musste erst wieder durch Ekkehard I. 
(985 — 1002) slawischem Besitz und Einfluss entrissen werden*); das 
Land kam unter fortwährenden Kriegsstürmen nicht zur Ruhe und 
konnte erst später, nach hartnäckigen Kämpfen, die etwa 1031 endeten, 
den Polen und damit für immer slawischem Einfluss entrissen werden. 

Das ist die äussere Unterwerfung. Im westlichen Teile setzt 
sie unter Karl dem Grossen um 805 ein, im mittleren unter Heinrich L 
928, die des östlichen wird durch Ekkehard I. wesentlich gefördert um 
1000. Ihr folgt die Gewinnung fürs Deutschtum und, was damit ver- 
bunden war, die Bekehrung zum Christentum, je weiter nach Osten und 



') Thietmar 1, 9. 

') Knothe, Germanisation der Lausitz ä. a. 0. 

») Posse a. a. 0. S. 23 iF. 

'') Thietmar 5, 5: Milzientos a libertate inolita servitutis juge constrinxit. 



198 A. Simon, [2G 

je weiter nach Süden, um so langsamer. Es fand keine gewaltsame 
Vertreibung der Slawen statt. Wer sich unterwarf, verblieb der Haupt- 
sache nach in seiner Stellung, der Adel im Besitz seiner Güter, die 
Bauern auf ihrer Scholle. Die Gaueinteilung wurde möglichst bei- 
behalten : die Abgaben und Dienste waren die alten. Nur die Herren, 
denen diese geleistet wurden, hatten gewechselt, an Stelle der slawi- 
schen waren deutsche getreten ^). So war es in der Lausitz ; so mag 
es vorher im Westen gewesen sein. Nur machte hier wegen der grösseren 
Nähe der Deutschen die Germanisation raschere Fortschritte. 

Zunächst mussten die Deutschen das Land sich sichern, vor Em- 
pörungen und Ueberfällen schützen. Darum errichteten sie Burgen, 
und zwar, wie die Namen vermuten lassen, zunächst in slawischen 
Orten oder in deren Nähe; alle sind sächsisch-thüringische Anlagen 
zur Beherrschung der angesessenen Slawen ; wie die Lage der Mehrzahl 
derselben annehmen lässt, dienten sie wohl auch zur Sicherung wich- 
tiger Flussübergänge, zum Schutz zuerst gegen die Dalemincier, Un- 
garn, Böhmen, dann gegen die Milzener und Polen ^). Die Bezeichnung 
derselben, Burgwart, burgwardium, burcwartus, mag sich zuerst nur 
auf die Steinburg (castrum) bezogen haben; da aber nicht bloss die 
Insassen derselben, sondern auch die Bewohner der Umgebung zur 
Bewachung derselben verpflichtet waren, so bedeutet in den Urkunden 
Burgwart später vielfach die Burg mit dem umliegenden Land. Ein 
solches burgwardium sive territorium ^) war zugleich Verwaltungs- und 
Gerichtsbezirk für die Slawen, nicht für die im Lande nach und nach 
angesiedelten deutschen Freisassen, die wohl innerhalb unseres Gebietes 
alle zusammen nur einen Gauverband bildeten. Der Yereinigungspunkt 
dieser zerstreuten Gaubewohner war nach dem Aufhören der Landes- 
versammlungen zu CoUm der Rote Turm zu Meissen^). An dem 
durch die Burg geschützten Mittelpunkt dieser Bezirke befand sich 
die Kirche, der Markt und die Zollstätte; dorthin lieferten die In- 
sassen ihren Zehnten ein ^). Diese militärisch-administrative Einrich- 
tung verschwand mit zunehmender Ruhe und Sicherheit des Landes 
(urkundliche Erwähnung der Burgwarte von 961 — 1228). Seit 1064 
wurden einzelne Burgwartbezirke ganz oder teilweise den Bischöfen 
von Naumburg und Meissen oder weltlichen Grossen übergeben*). 
Steinburgen, castra, standen und stehen ausser diesen noch viele im 
Lande, bei denen die lokale Chronik oder Sage Bekämpfung der Slawen, 
Sicherung der Heerwege als Gründungsursache angiebt. 

Mit und nach den Eroberern zogen, um deren Bedürfhisse zu 
befriedigen, deutsche Händler, deutsche Handwerker ins Land und 
siedelten sich im Schutz der Burgen an. Nach und nach kamen auch 
deutsche Bauern ins slawische Gebiet; sie kamen freiwillig, weil hier 
billiges Land zu haben war, oder sie wurden gerufen, sie sollten die 



M Knothe, Zur Germ. d. Laus. a. a. 0. Posse, Markg. 8. 9. 

') Schöttgenu. Kreysig, Diplomatische Nachlese 7, 1732, S. 377. 

») C. d. S. r. I, 1, 55. 

*) Märcker, Burggraf entum Meissen 1842, 1, 5. 

*) Posse a. a. 0. S. 292. 

«) C. d. S. r. I, 1, 153. 



27] l^ie YerkehrfistraBsen in Sachsen. 199 

Viehzucht, namentlich aber den Ackerbau, heben, Sümpfe und Wälder 
für beides gewinnen. Solche allmähliche, friedliche Vorgänge ent- 
ziehen sich im ganzen dem Nachweis. Im einzelnen aber findet sich 
hie und da Nachricht über die Anlage eines Dorfes, wie Rühren bei 
Würzen ^), sowie darüber, dass Deutsche zur Ansiedelung herbeigerufen 
wurden. Abt Windolf in Pegau, aus Korvei stammend, zog nach 1100 
fränkische Kolonisten heran zum Urbarmachen der Wildnis ^). Franken- 
hsyn westlich Leipzig, Franken nördlich Waidenburg, Frankenau nörd- 
lich Mittweida, Frankenhausen nördlich Crimmitschau, Frankenhayn 
nordwestlich Geithain, Frankenberg, Frankenstein östlich Frankenberg, 
Altfranken westlich Dresden, Frankenthal westlich Bischofswerda mögen 
daran erinnern. Markgraf Dietrich (1156 — 1185), Sohn des grossen 
Konrad von Meissen, besetzte im Verein mit dem Kloster Petersberg 
den grossen Wald von Eilenburg und Würzen bis Torgau und Beigern 
mit deutschen Kolonisten ^). Nach Freiberg zogen Bergleute vom 
Harz; dort wurde der älteste Stadtteil ciyitas Saxonum, Sachsenstadt 
genannt^). Die Mehrzahl der Einwanderer kam zunächst aus Thü- 
ringen, dann aus dem südwestlich von diesem gelegenen Franken, 
einmal weil die Eroberung immer von Thüringen ausging, sowohl unter 
den sächsischen als auch unter den fränkischen Kaisem, dann weil für 
Thüringen das Land ganz offen lag. Die Mundart des Pleissnerlandes 
verrät thüringisch-fränkischen Ursprung. Auf dieselben altdeutschen 
Landstriche weisen auch die Ortsnamen. Neben einzelnen, die mit 
Sachsen zusammengesetzt sind, wie Sachsendorf östlich Rochlitz, Sachsen- 
dorf südöstlich Würzen, Sachsenburg nördlich Frankenberg, Sachsdorf 
nördlich Wilsdruff, Sachsenfeld nördlich Schwarzenberg, finden wir 
Namen, die unzweifelhaft fränkischer Herkunft sind. Zu diesen ge- 
hören die zahlreichen Ortsnamen mit der Endung „hain'', die zwischen 
der Elster und der Zwickauer Mulde , unterhalb Grimma jenseits der 
Mulde bis Dahlen sehr zahlreich erscheinen, südöstlich davon aber 
allmählich verschwinden bis zu einer Linie Penig- Mittweida-Hainichen- 
Nossen-Wilsdruff-Grossenhain. Die Namen selbst (Ziegenhain, Lichten- 
hain, Blankenhain, Stolzenhain, Hainichen) , wie die mitteldeutsche 
Endung „hain^ ^) weisen zuerst nach Thüringen, lassen sich dann durch 



*) C. d. S. r. II, 1, 50. Nach dieser Urkunde aus dem Jahre 1151 hatte 
Biechof Gernng von Meissen tüchtige Männer aus Flandern an einem unbebauten, 
fast menschenleeren Orte angesiedelt. Jetzt sichert er ihnen und ihren Nachkommen 
den Besitz des Dorfes Coryn zu. Dasselbe wird ihnen zu vollfreiem Eigentum über- 
lassen. 1 Hufe und den Zehnten jedei Hufe erhält die Kirche, 2 Hufen der magister 
incolarum, den sie Schulthes nennen. Wer über 15 Hufen besitzt, zahlt im Jahre 
30 solidi und den Zehnten von allem, ausser von Bienen und Lein. Dreimal im 
Jahre kommen sie (weil freie Männer) zum Ding, welches der bischöfliche Vogt bei 
und mit ihnen selbst halten wird. 2 Teile der Dingeinkünfte sind dem Bischof, der 
3. Teil (3. Pfennig) dem Schulthes. In allen bischöflichen Orten sind sie frei von 
Zoll, wenn dieser nicht den öffentlichen Kaufleuten (?) übertragen ist. Bier, Fleisch, 
Brot bringen sie unter sich frei zum Verkauf. Im übrigen sind sie frei von Ab- 
gaben an den Bischof, Vogt, Schulzen. 

^ A. f. 8. G. 3, 1865, S. 104. 

») A. f. s. G. N. F. 2, 1876, S. 122. 

*) C. d. S. r. n, 12, 14. 

*) Weigand, Deutsches Wörterbuch. 



200 A. Simon, [28 

ganz Thflringen hiadurch von Walkenried am Sudfuss des Harzes bU 
zum SOdfuss des ThOringerwaldes, im Fuldathal von Melsungen bis 
hinauf nach Fulda, Ober das Vogelsgebirge hinweg, wo eie besonders 
zahlreich sind, bis zur Mündung des Main verfolgen. Die Spezialkarte 
von Reymann enthält auf dem bezeichneten Gebiete, von der Main- 
mtlndung bis zur Saale, 14 Namen auf -hain, die sich auch im König- 
reich Sachsen finden, daneben noch viele gleichlautende Namen, be- 
sonders mit der Endung -rode. Nehmen wir die Entstehung der 
Klöster hinzu: Buch ist von Sittichenbach, Altzelle von Pforta, diese 
beiden von Walkenried, Chemnitz von Pegau, Pegau von Schwarzacb 
aus mit Mönchen besetzt worden ') ; so werden wir in unserer Meinung 
nur bestärkt, dase thüringische Kolonisation, beeinflusst durch Franken, 
weniger durch Sachsen, in dem Gebiet von der unteren Weissen Elster 
bis hinüber zur Elbe massgebend war. 

Die im Vogtland häufigen Ortsnamen auf -grdn (2170 aller 
Ortsnamen daselbst), sowie die mit der Endung -reuth deuten auf 
eine besonders von der Oberpfalz und von Nürnberg aus erfolgte baye- 
rische Einwanderung von Süden her. Das Waldgebiet des Erzgebirges 
und die Lausitz sind von der Mark Meissen aus besiedelt worden. 

Aus den deutschen Ortsnamen dUrfen vielleicht noch andere 
Schlüsse gezogen werden. Das massenhafte Vorkommen von -hain 
im Nordwesten, die allmähliche Zunahme von -dorf nach Südosten 
hin bis zu einer Linie Z wickau- Chemnitz- Freiberg- Dresden -Stolpen- 
Neusalza-Zittau , jenseits welcher Ortsnamen auf -bei^, -thal, -stein, 
-bach in buntem Gemisch auftreten; endlich die Ortsnamen auf -walde 
im Waldgebiet des Flachlandes und des Gebirges, auf -hof im Flach- 
land und auf -haus oder -häuser im Gebirge zeigen : dass man in dem 
wenig besiedelten , waldigen und sumpfigen Terrain im Osten der 
unteren Elster und Pleisse bis zum ,Hayn Über Elbe* (Grossenhain) 
sofort volle Orte gründete und diese mit Zäunen schützte (Hain ^ ver- 
zäunter Ort) ; später entstanden zwischen diesen, vor allem aber weiter 
gegen das Gebirge hin wiederum volle Ortsanlagen (•dorf). Die Lich- 
tungen im Waldgebirge vergrösserten und vermehrten sich ('walde. 
-rode , -reuth) , der Bergbau führte immer weiter in dasselbe hinauf 
(-berg. -seifen). 

Wann diese deutschen Siedelungen der Mehrzahl nach gegründet 
waren, lässt sich nach den veröffentlichten Urkunden nur ungefähr 
Orte mit deutschen Namen werden genannt in Vergabungen 
: 1004 Wisseburg (? bei Colditz), 1040 Niwolkesthorp 
nördlich Leisnig), 1070, 1070 Rothiboresdorf oder Roke- 
, im Burgwart Zadel)*); in Vergabungen an Klöster: 
nannsdorf bei Glauchau, 1208 Reinoldesfaayn sUdlich Mitt- 
;ehardesberg?, Sifridesdorf (Topfseifersdorf westlich Mitt- 
ikeln (nordwesthch Mittweida) ') ; 1140 werden der Kirche 
ach i. V. neben 4 Dörfern mit wendischen 12 mit deutschea 

ae, Lehi-e von den Privat Urkunden 1887, S. 8. 13 ß. 

. S. r. I, 57. 90. U5. 149. 

, «. G. 3, 1805, S. 203. A. f. ■. G. M. F. 2, 187Ü, S. 216. 



29] I^ie Verkehrsstrassen in Sachsen. 201 

Namen zinspflichtig zuerteilt; auf derselben Fläche stehen jetzt ausser 
diesen nur noch 4, und zwar mit deutschen Namen. Da zudem die 
Deutschen von Süden her ins Vogtland eindrangen, so kann dasselbe 
Besiedelungsverhältnis für das ganze Gebiet der Elster im Vogtland 
angenommen werden. Diese Annahme wird bestätigt durch die Grenz- 
angaben des Sprengeis, welcher 1122 der zu Plauen gegründeten Kirche 
zugewiesen wird. Derselbe umfasst, abgesehen vom Reichenbacher 
Sprengel und dem Gebirgsland im Südosten der oberen Mulde und im 
Süden Yon Adorf und Markneukirchen, das ganze Vogtland. Die Ge- 
nauigkeit dieser Grenzangaben zeigt, dass dasselbe bekannt und bewohnt 
war ^). Bis zum Jahre 1300 erscheint die Mehrzahl der jetzt vor- 
handenen deutschen Ortsnamen des Vogtlandes in den Urkunden. 
Selbst ein grosser Teil des Erzgebirges muss um 1200, als die Silbererze 
im Osten entdeckt wurden, mit Siedelungen besetzt gewesen sein. 
1183 werden Ghristanesdorph , Bertholdesdorph, Tudendorph genannt, 
letztere bei Freiberg, ersteres seit Freibergs Gründung verschwunden. 
In den Vergabungen an das Grünhainer Kloster im Jahre 1240 kommen 
neben slawischen Ortsnamen folgende deutsche vor: Beyerveit, Sachsin- 
velt, Marquardisbacb, Westervelt, Ditterstorf, V^ildenaw *). Das älteste 
Zinsregister für das Chemnitzer Bergkloster, das etwa aus dem Jahre 1200 
stammt, aber lange bestehende Einrichtungen fixiert, zeigt dasselbe für 
die Dörfer um Chemnitz. In der Oberlausitz, die um 1000, also 
100 Jahre später, erobert, 1031 erst endgültig unter deutschen Ein- 
fluss kam, erscheinen deutsche Ortsnamen urkundlich erst nach 1200: 
1217 Wisenburgk (Stadt Weissenberg) , 1221 Cunradesdorf (Cunners- 
dorf bei Löbau), 1222 Neukirch, Cunnewalde, Hochkirch, 1225 Gers- 
dorf, Bischheim, 1227 Bischdorf»). 

Ziehen wir in Betracht, dass dies alles urkundliche Erwähnungen 
sind aus Vergabungen an Kirchen und Klöster, welche geordnete und 
einigermassen entwickelte Verhältnisse voraussetzen, so müssen wir 
annehmen, dass im Lande westlich der Elbe ums Jahr 1200 die Mehr- 
zahl der heute vorhandenen deutschen Siedelungen bereits angelegt 
waren. Der Nordwesten Sachsens war wahrscheinlich dem Südosten 
etwas vorausgeeilt. Von den reinen Waldhöhen und höchsten Gebirgs- 
lagen, wohin Forstwirtschaft und Bergbau erst später vordrangen, muss 
natürlich abgesehen werden. 

Nun gab es in unserem Vaterlande neben den slawischen Dörfern 
deutsche, mit manchen Gegensätzen, mit manchen Beziehungen (siehe 
S. 203 [31]). Vermehrt wurden beide, Gegensätze und Beziehungen, 
bis zur endlichen Verschmelzung durch das mit den Deutschen ein- 
ziehende Christentum. Die Eroberung, Unterwerfung und Angliederung 
an das Frankenreich bedeutete schon für die alten Sachsen unter Karl 
dem Grossen Gewinnung fürs Christentum, bedeutete es auch hier für 
die Sorben unter den sächsischen und fränkischen Kaisem. Um die 



') Müller, Mitteil. des Altert. Ver. Plauen 1, 1880. Urk. 1, 2. Karte 
der alten Ortenamen in Heft 7. 

») A. f. 8. G. 7, 1869, S. 60. 

') Enothe, Germ. d. Laus. a. a. 0. C. d. S. r. If, 7, 1. 



202 



A. Simon, 



[30 



Christianisierung der Slawen zu fördern, wurde auf Betreiben Ottos I. 
062 das Erzbistum Magdeburg, 967 auf 968 die diesem untei^ebenen 
Bistümer Merseburg, Zeitz (später Naumburg) und Meissen errichtet ^). 
Die Bischöfe lagen ihrer Aufgabe zumeist mit Eifer ob, besonders 
Boso, erster Bischof von Zeitz, Wigbert, sein zweiter Nachfolger, der 
an der Elster und Pleisse thätig war. Unter den Meissner Bischöfen 
war Eido, der 1015 starb, ein besonders thätiger Missionar. Wahrend 
die Marken Merseburg und Zeitz bald ihre Bedeutung verlieren und 
darum nicht mehr genannt werden, hatten die Bistümer jahrhunderte- 
lang schwere Arbeit; der Zeitzer Bischof siedelte sogar wegen der 
Unsicherheit seines bisherigen Sitzes 1028 nach Naumburg über, seitdem 
heisst der Sprengel Naumburg-Zeitz ^). 1140 gab es in SchmöUn (nörd- 
lich Crimmitschau) noch Heiden; 1123 wurde Bischof Dietrich von 
Naumburg, der zur Ausbreitung des Christentums im Vogtlande er- 
muntert, der 1118 die Marienkirche in Zwickau geweiht hatte, in der 
Klosterkirche zu Bosau bei Zeitz von einem jüngst bekehrten Slawen 
erstochen. Die Arbeit der Missionare war schwer und schritt nur 
langsam vorwärts ; ja, es fehlten sogar nicht Rückschläge. 985 vertrieb 
die wankelmütige, zum Teil aus Slawen bestehende Einwohnerschaft 
Meissens den Bischof Yolkold aus dem Orte ^) ; erst 987 wurde er 
durch Ekkehard I. zurückgeführt. Dieser festigte das deutsche An- 
sehen und das Christentum ; aber nach seinem Tode stellten andauernde 
Kriege das Werk wieder in Frage bis 1031. Die Sorben hingen fest 
am Heidentum ; sie ahnten, dass mit diesem ihre nationale Selbständig- 
keit verloren ging. Dazu kam , dass die Messe lateinisch war, darum 
unverstanden blieb ; die Seelsorge war nur unter verständigen Bischöfen 
zum Teil wendisch. Aber diese Massregel konnte die Germanisierung 
nicht begünstigen. Trotzdem hat die Geistlichkeit an derselben hervor- 
ragenden Anteil ^). Im Lande westlich von der Elbe gilt dies späterhin 
auch von den Klöstern, besonders von Pegau (1093 geweiht) mit Kloster 
Lausigk 1105, Bergkloster zu Chemnitz 1136, Remse bei Waldenbui^ 
1144, Riesa um 1170, Altzelle und kleines Kloster Cella (Klösterlein 
bei Aue) vor 1175, Aue 1190; Staucha-Döbeln, Nimbschen bei Grimma, 
Somzig und Seusslitz sind nach 1200 entstanden. Im Vogtlande wirkte 
seit dem 13. Jahrhundert der deutsche Ritterorden eifrig für Aus- 
breitung des Deutschtums und Christentums, und zwar von Altenburg 
seit 1214, Eger 1215, Plauen 1224, Reichenbach 1264 und von Asch 
und Adorf seit 1270 und 1290 aus ^). Besonders thätig aber waren 
nach beiden Richtungen hin zuletzt die Städte; dies tritt namentlich 
in der Lausitz hervor, weil hier die Städte rascher und zu einer Zeit 
sich entwickelten, in welcher die Landschaft in der Hauptsache noch 
slawisch war. Der Erfolg war, dass in Zwickau und Altenburg 1327, 
um diese Zeit auch in Leipzig, in Meissen 1424 der Gebrauch der 
wendischen Sprache verboten werden konnte, während in vielen Dörfern 



») C. d. S. r. I, 1, 4. 6. 

') Posse, Markgrafen 8. 116. 

') a. a. 0. S. 30. 

*) a. a. 0. S. 288. 

'') Müller a. a. 0. ürk. 7. 10. 28. 44. 93. 



31] Die Verkehrsstrassen in Sachsen. 203 

der Lausitz heute noch wendisch gesprochen wird *) (1885 49916 Wenden 
== 1,5 ®/o der Oesamtbevölkerung). 

Mit der Besiedelung des Landes durch die Deutschen war ein 
^osser Fortschritt erreicht. Dies tritt klar hervor, wenn man den 
Hauptunterschied zwischen slawischen und deutschen Siedelungen ins 
Auge fasst. „Die allermeisten altslawischen Ortschaften bestanden 
iw-ohl ursprünglich nur aus einem herrschaftlichen Hofe und wenigen 
ärmlichen Hütten, den Wohnungen der zum Gut gehörigen Arbeiter, 
Smurdi *). Diesen hatte der Gutsherr einiges Acker- und Wiesenland 
überlassen, doch ohne ihnen daran irgendwelche Eigentumsrechte zu 
gewähren und mit der Verpflichtung, sowohl einen jährlichen Zins zu 
entrichten, als auch alle ihnen anbefohlenen Arbeiten auf dem Felde 
und Hofe des Herren zu verrichten^)." Anders bei den deutschen Dorf- 
anlagen : die Bauern, auch wenn sie dem Kloster oder Bischof zinsten, 
waren anzüglich persönlich frei; der Schulze und alljährlich an bestimmten 
Tagen der Vogt fällte mit ihnen selbst urteile nach heimatlichem oder 
nach selbstgekorenem Rechte ^). Mit der Zeit sank allerdings die Zahl 
der Freien, sank die Freiheit selbst, ein umstand, der einer neuen Art 
der Siedelungen, den Städten, vielfach Bewohner zuführte, weil hier 
leichter die Freiheit gewahrt oder wieder erlangt werden konnte. 



') Herzog, Chronik von Zwickau 1839, 2, 56. 

*] Müller a. a. 0. Urk. 1. anno 1122: Zmurdi ... in villa Cribsiz, Griesch- 
witz bei Planen. 

») N. A. f. 8. G. 4, 1883, S. 20. 

*) Nach der Urkunde von 1160 (C. d. S. r. I, 1, 60) haben die Bauern in 
Löbnitz südlich Groitzsch nach eigener Wahl teils hallisches Recht, teils Recht 
Ton Burg. 



Städteentwickelnng. 



In slawischer Zeit finden wir in Sachsen keine Städte, höchstens 
die Anfänge zu solchen, da die Slawen Punkte besiedelt hatten, die 
nach der geographischen Lage voraussichtlich zur Entwickelung von 
Städten führen mussten, man denke an Zwickau, Leipzig. Die Frage 
nach den Anfängen ist so wichtig, dass sie besonders aufgeworfen 
werden muss. Neuerdings wird vielfach, namentlich in der Statistik, 
der Unterschied zwischen Stadt und Dorf als unwesentlich ausser acht 
gelassen, vielleicht mit einem gewissen Rechte. Aber der Gegensatz 
zwischen beiden Arten der Siedelungen ist vorhanden, er war früher 
noch ausgeprägter als jetzt. „Von der Stadt wird das Dorf nicht bloss 
durch die Grösse, sondern auch durch den engen Zusammenhang mit 
allen Zweigen der Urproduktion, besonders Ackerbau und Viehzucht 
und entsprechende Abwendung von Gewerbe, Handel und Verkehr unter- 
schieden.* „Letztere, der Verkehr und der Handel, und die mit beiden 
zusammenhängende Industrie führen zu grösserer Ansammlung der 
Menschen, zur Bildung von Städten^)/ Handel und Verkehr aber 
haben ihre natürlichen Bedingungen, vor allen die Verteilung von 
Wasser und Land, auf letzterem die Bodengestalt. Wenn Kohl *) be- 
hauptet, die Städte würden meist als Städte geboren, so hat er dem- 
nach insoweit recht, als manche Punkte der Erdoberfläche zu Stadt- 
anlagen in besonderer Weise geeignet sind, womit freilich nicht ge- 
sagt wird, dass an solchen Stellen thatsächlich sofort Städte erblühten^ 
oder dass die an denselben zunächst entstandenen Dörfer wirklich immer 
zu Städten sich entwickelten, man denke an die vielen Burgwarte, 
deren Mittelpunkte nur zum Teil zu Städten -wurden. In unserem Ge- 
biete wird ersteres bestimmt nur an Bergstädten beobachtet, die Mehr- 
zahl der Städte aber hat sich nachweislich aus Dörfern entwickelt. 

Den Anfang zur Stadt bildet immer der in einem Ort betriebene 
Handel, der Markt. „Die Verleihung des Marktrechtes war es, welche 
einen Ort zur Stadt erhob und die Grundlage für die Entwickelung 



S. 450. 



') Ratzel, Anthropogeographie II, 8. 406. 453. 

') Kohl, Verkehr und Ansiedelungen 1841, S. 168. VgL Ratzel a. a. 0. 



33] Die Verkehrsstrassen in Sachsen. 205 

städtischer Verfassung wurde ^). Der Handel aber verlangt erstens Sicher- 
heit, zweitens Stetigkeit; darum ist einerseits ein solcher Ort in der 
Regel befestigt oder wird bald befestigt, sei es durch Holzwerke oder 
durch Mauern, durch Wall und Graben ^) ; darum yerschafft sich anderer-^ 
seits ein solcher Ort bald Marktrecht. Befestigung und Marktrecht 
sind die Voraussetzungen zur weiteren inneren Entwickelung, deren 
Abschluss die Selbständigkeit der Verfassung, das Stadtrecht im engeren 
Sinne, bildet^). Damit ist erst die Stadt fertig. Da das Befestigungs- 
und Marktrecht, das Stadtrecht von den Landesherren erworben und 
nachher bestätigt werden muss ^), so entstand die Ansicht, als ob diese 
die Städte gegründet hätten. Dem ist nicht so. Sie haben an der Städte- 
entwickelung Anteil, forderten einzelne Städte, hemmten dadurch andere. 
Sie erteilten das Recht zur Befestigung nicht eher, als bis das Be- 
dürfnis und die nötigen Mittel im Orte schon vorhanden waren, dies 
Recht musste zuweilen mühsam, sogar hartnäckig errungen werden. 
Marktrecht, Freiheit von Zöllen, selbständige Verwaltung und eigenes 
Gericht liessen sich die Fürsten um Summen abkaufen, deren Auf- 
bringung auch eine gewisse Grösse des Ortes, also längere Entwickelung 
Toraussetzt. Freilich dauerte letztere verschieden lang; es kommt dabei 
auf die Lt^e an. Im Westen Sachsens, wo die Städteentwickelung 
früher einsetzt, zu einer Zeit, da auch im übrigen Deutschland das 
Städtewesen sich erst entfaltet, vollzieht sich dieselbe viel langsamer 
als in der Mitte, hier immer noch langsamer als im Osten, in der Lau- 
sitz, auf welche fast schon fertige Verhältnisse, Einrichtungen von 
anderwärts her übertragen werden konnten. 

Die Hauptfrage ist nun die: Wann und wie haben innerhalb 
unseres Gebietes einzelne unter den vorhandenen Siedelungen begonnen, 
sich von den anderen abzuheben und dahin zu entwickeln, dass sie 
schüessUch zu Städten im angegebenen Sinne wurden? Die Frage nach 
dem Wann ist schwierig, einmal weil eine Ansiedelung schon eine 
längere Entwickelung haben musste, ehe derselben die Bezeichnung 
Stadt beigelegt wurde, dann weil mit derselben Bezeichnung Chronisten 
und Urkunden das Verschiedenste belegen : oppidum war ummauerte 
Stadt, grössere Burg, festumzäuntes Dorf; urbs, civitas war Stadt, 
Burg, befestigtes Dorf*). Die Frage nach dem Wie oder Wodurch 
ist oft noch schwieriger, weil die ersten Ursachen zuweilen rasch wieder 
verschwinden oder durch neue, ganz andere Faktoren kräftiger Weiter- 
entwickelung unkenntlich gemacht werden, weil die erlangte Macht von 
strebsamen Bürgern sehr bald zur Erreichung noch grösserer Macht 
benutzt wird. Zudem ist das urkundliche Material nur in beschränktem 
Masse veröffentlicht. 



^) Posse, Markgrafen, 8. 298. 

') Hallmann, Städtewesen des Mittelalters 1826, S. 165. 
•) Gaupp. üeber deutacbe Städtegründung, 1824, S. 21. 74. 
*) Gretschel, üeber die früheste Bildang der Verfassung in den meiss- 
niachen Städten, in den Berichten d. deutsch. Gesellsch. in Leipzig 1842, S. 9, 
») N. A. f. s. G. 11, 1890, S. 7. 8. 



FonobuDgen zur deutschen Landes- und Volkskunde. VIT. 2. 14 



Vogtländische Strassen nnd Städte. 



Von den 15 Städten des Yogtlandes erscheint im Laufe des 
14. Jahrhunderts die Hälfte urkundlich als voll entwickelte Städte. 
Sie erwerben von ihren Landesherren die „Rechte, Gewohnheiten und 
Freiheiten", wie andere Städte sie haben: Plauen 1361 vom Böhmen- 
könig Karl IV., Adorf 1357 und Oelsnitz vor 1357 vom Markgrafen 
Balthasar von Meissen, Elsterberg vor 1368, die Stadt unter (dem 
Schlosse) Schöneck 1370 von demselben Böhmenkönig, Treuen vor 
1390^). Vom Vogt in Plauen, dem Herren der Stadt, erwarb diese 
ausserdem 1368 für ihre Bürger in und vor der Stadt freies Erbrecht 
und Freizügigkeit; nach den statuta Opidi Plawen, die aus derselben 
Zeit stammen, ist das Strafrecht, die Gerichtsbarkeit in den Händen 
des Rates ^). Magister civium ceterique cives iurati in Plawe treten 
schon 1329 als Zeugen auf und haben eigenes Stadtsiegel ^). Gleich- 
zeitig mit Plauen, 1368, bekommen die Bürger in und vor der Stadt 
Elsterberg vom Besitzer der Lobdaburg daselbst freies Erb- und Kauf- 
recht, wie in der Stadt Zwickau. Auch in Reichenbach war das Ge- 
richt im Besitz des Rates; denn die Bürger werden 1367 für den Fall, 
dass sie ein rechtes urteil nicht finden können, nach Plauen, von da 
nach Eaaden in Böhmen verwiesen ^). 1390 giebt der plauensche Vogt 
Treuen Erb- und Asylrecht; das setzt die übrigen Stadtrechte voraus. 
Die anderen Städte scheinen damals noch unbedeutend gewesen zu sein. 
In Mühltroff wird neben dem hus (Schloss) 1367 die stat erwähnt^). 

Da das Stadtrecht mit eigener Gerichtsbarkeit immer den Schluss 
in der Entwickelung bildet, so musste unter den Rechten, welche 
obigen Städten verliehen oder bestätigt wurden, auch das Marktrecht 
sein. In der That werden Adorf und Oelsnitz 1367 markt und sieÜein 
genannt^); in Reichenbach wird schon 1317 der Jarmargkt vor der 
kirchen erwähnt ^). Ein Jahrmarkt in Plauen wird zwar nicht genannt, 



^) Müll er y Urkunden und ürkundenauszüge zur Geschichte Plauens und 
des Vogtlandes i. d. Mitteil, des Altertumsvereins Plauen 1880 ff. (fortan citiert: 
Müller, Urk. v. Plauen) Nr. 438. 408. 470. 478. 

^ a. a. 0. 468. 469. •) a. a. 0. 303. *) a. a. 0. 4G6. *) a. a. 0. 464. 
•) a. a. 0. 464. ^) a. a. 0. 196. 



35] A. Simon, Die Verkehrsstrassen in Sachsen. 207 

aber ein wichtiger Handelsplatz war Plauen, sonst hätten nicht lant- 
volch gemeyne vnd koufleute zu Plawen 1306 vom Vogt um schweres 
Geld dessen schon 1279 erwähnte moneta plawiensis (Münze) erworben ^). 
1360 bekommen die Kaufleute in Neukirchen (Markneukirchen] die- 
selben Rechte, es waren wahrscheinlich Befreiung von gewissen Zöllen, 
Bestätigung des alleinigen Handels, wie die von Adorf und Oelsnitz sie 
schon besitzen*). In Plauen wohnen 1351 vier Juden; einem wird 
sicheres Geleit bis Eger und bis 6 Meilen über Hof hinaus versprochen; 
sie trieben also Handel^). 1356 heisst es geradezu, dass Plauen sich 
einer angenehmen Entwickelung durch Eaufleute, Fremde und wandernde 
Leute erfreue *). Vom Wachstum der Städte , der natürlichen Folge 
des steigenden Handels, zeugt das Bedürfnis nach neuen Kirchen, wie 
solche in Plauen 1300, in Reichenbach 1302 erwähnt werden, sowie der 
Einzug der Predigermönche (1292, 1301 ordo predicatorum in Plawe) ^). 

Wurde dieser Handel auch durch Mauern geschützt? Ausdrück- 
lich genannt werden dy statmuren von Plauen 1336, die Befestigung, 
vier Thore und die Schulpforte der stat zue Plawen 1328 ^). Ein Schutz, 
Mauern oder Planken, ist aber sicherlich lange vor der urkundlichen 
Erwähnung vorhanden gewesen. Wenn 1263 eine Mühle in nova 
civitate besteht, so kann mit letzterer nur der heute noch Neustadt 
genannte Stadtteil gemeint sein, der zwischen der Altstadt und der 
1244 erwähnten Steinbrücke liegt, also auf dem linken Ufer der Syra 
und ganz unmittelbar am linken Elsterufer. Die Bezeichnung in nova 
civitate setzt aber eine antiqua civitas mit gleicher Bedeutung voraus, 
eine grössere Zahl Häuser, die besonders geschützt, befestigt sind ^). 
Elsterberg, Treuen, Schöneck wurden unter und durch den Schutz der 
neben den ursprünglichen Dörfern angelegten castra zu Städten, ebenso 
später Pausa, Mühltroflf, Auerbach, Falkenstein, Mylau, Netzschkau. 
Auch Plauen kam der Schutz eines castrum zu gute ; das noch bestehende 
Schloss Hradschin (Burg) ist vor 1224, in welchem Jahre die Vögte 
von Weida zuerst tds Besitzer Plauens auftreten, erbaut. Oelsnitz wurde 
durch Schloss Vogtsberg (1249 castrum Voytesberch) geschützt, dessen 
Name auf die Erbauer schliessen lässt. Es besass damals selbst Be- 
festigung, ebenso Adorf, das 1294 als opidum auftritt, ßeichenbach 
erscheint 1140 (?) als opidum; daneben wird villa Reichenbach in 
terminis ecclesiae in Richenbach (Oberreichenbach) aufgeführt*). 

Aus alledem ist zu erkennen, dass die Entwickelung von Plauen 
und Reichenbach, dann von Oelsnitz und Adorf hier am frühesten ein- 
setzt und dementsprechend weiter geht, so dass diese Städte Mitte des 
14. Jahrhunderts voll entwickelt sind. Die Hauptfrage ist nun die : 
Welche Ursachen liegen vor, dass gerade diese Orte aus ehemaligen 
Dörfern (1122: vicus Plawe) ^) zu Städten sich entwickelten? 

Gehen wir über die angeführten urkundlichen Thatsachen noch 
weiter zurück, so sehen wir zunächst, dass Plauen und Reichenbach 
frühzeitig kirchliche Mittelpunkte wurden. Der 1122 der Kirche in 



') a. a. 0. 64, Nachträge 48. ^ a. a. 0. 433. ') a. a. 0. 382. *) a. a. 0. 400. 
') a. a. 0. 136. 150. 104. 139. ") a. a. 0. 337. 278. ') a. a. 0. 15. 24. ») a. a. 0. 17. 
116. 2. ») a. a. 0. 1. 



208 



A. Simon, 



[36 



vico Plawe vom Naumburg-Zeitzer Bischof zugewiesene Sprengel um- 
fasst den grössten Teil des sächsischen Vogtlandes ^). Der nördliche 
Teil des letzteren, jenseits der Linie Auerbach-Elsterberg, war eben- 
falls vom Naumburger Bischof der in Reichenbach bereits um lOSd 
errichteten, aber durch feindliche Einfalle wiederholt (um 1100, vor 
1140) zerstörten Kirche zugewiesen worden ^). Der südwestliche Teil 
jenseits der Linie Adorf-Zöbern gehörte zur Bamberger Diöcese und 
hatte Hof zum Mittelpunkt. Der Süden, namentlich Adorf und seine 
Umgebung, gehörte zu den Kirchen in Eger und Asch. Zu diesen 
Kirchen des Vogtlandes gesellten sich, wie aus den Klagen der unten 
erwähnten, zu Reichenbach gehörigen Dörfer hervorgeht, vorläufig nur 
wenig neue hinzu; das Landvolk musste zu vielen gottesdienstlichen 
Handlungen in diese Orte wandern. Erst später wurden, zunächst in 
den grösseren Orten der Umgebung, Kapellen erbaut und eigene Geist- 
liche, capellani, dorthin geschickt, von Plauen aus nach Oelsnitz, Auer- 
bach, Falkenstein, Treuen, von Reichenbach nach Mylau, Netzschkau. 
von Eger nach Asch, von hier nach Adorf. Das Patronatsrecht der 
Kirchen in Reichenbach, Asch und Eger ist in den Händen des Vogtes 
zu Plauen, was auf einen Zusammenhang derselben mit der Kirche 
daselbst als der Mutterkirche hindeutet. Diese Kapellen erhalten dann 
ortsansässige Leutpriester, plebani, sie werden zu selbständigen Kirchen 
und ihrerseits wieder Mutterkirchen für Kapellen in ihrer Umgebung *). 
Die Kapellen der Umgebung dienten lange nur dem Gottesdienst, wäh- 
rend Taufen, Begräbnisse, Trauungen, grössere kirchliche Feste der 
Mutterkirche vorbehalten blieben, bis die Dörfer endlich so weit ge- 
wachsen waren, dass ihre Bitten, ihre Klagen über allzu weiten und 
beschwerlichen Weg durchdringen (1292 die „oberen Dörfer", die nach 
Reichenbach eingepfarrt waren) *) , bis die Einkünfte der Mutter- und 
Tochterkirche so gross waren, dass jene den Ausfall an Einnahmen er- 
trug, diese einen eigenen plebanus unterhalten konnte, bis endlich der 
plebanus so weit gebracht wurde, dass er seinen dauernden Wohnsitz 
aus der sicheren und bequemen Stadt hinaus aufs offene Land verlegte % 
Lange also führten Kirchgang oder kirchliche Feste die Be 
völkerung hinein in jene Orte. Der oft weite Gang wurde ziigleich 
zu Geschäften benutzt, zum Einkauf der in der Landwirtschaft er- 
übrigten Erzeugnisse, zum Verkauf von Produkten der Stadt und des 
Auslandes, welche dorthin geführt wurden. Dies wird bestätigt durch 
die Erscheinung, dass der Wochenmarkt ursprünglich allenthalben am 
Sonntag war, dass die Jahrmärkte zu den Hauptfesten, am Tag der 
Kirchenheiligen abgehalten wurden, dass viele Orte jetzt noch ihren 
Jahrmarkt beim Kirchweihfest haben. Diese Gewohnheit und das Be- 



*) a. a. 0. 1. «) a. a. 0. 2. 

') a. a. 0. 29. 44. Das Verhältnis der Filialkirchen zu den Mutterkirchen 
ist am deutlichsten zu erkennen in den YisitationsprotokoUen vom Jahre 1528 und 
1529, a. a. 0. Heft 6, 1887. 

*) a. a. 0. 104. 

^) 1294 wird das ehemalige Schulzengut in Theuma der Kirche daselbst 
gegeben, damit der dortige plebanus seinen dauernden Wohnsitz im Dorfe nehme; 
aber 1322 wird einem plebanus daselbst erlaubt, dass er seinen persönlichen Wohnsitz 
nicht dort zu nehmen brauche, a. a. 0. 111. 211. 



37] I^ie Verkehrsstrassen in Sachsen. 209 

dürfnis, nach der Stadt zu gehen, blieb, als die unmittelbare kirchliche 
Zusammengehörigkeit schwand. 

Auch anderes führte die Umgebung in die Stadt. Die Leute 
mussten zur Mutterkirche den Zehnten bringen, in wichtigeren An- 
gelegenheiten ihr Recht in der Stadt suchen; denn dem Schulzen der 
Dörfer, in anderen Dörfern dem miles, dem Inhaber des castrum oder 
dominium, kam nur die Entscheidung bei kleineren Vergehen zu; in 
bestimmten, schwereren Fällen hatte sie ursprünglich der kaiserliche 
Beamte, hier der Vogt, bis später einzelne Herren oder Körperschaften 
diese Rechte erwarben. Gericht vber hals vnd haut aber blieb immer 
dem Vogt, dessen Gerichtsstätte wahrscheinlich in oder bei Plauen lag. 

Die Orte waren also Ausgangspunkte der Christianisierung und 
Germanisierung und blieben kirchliche und gerichtliche Mittelpunkte. 
Warum hier gerade der weltliche Besitzer, der Missionar und Geistliche 
sich zuerst niederliessen, warum hier zuerst Kirchen gegründet wurden, 
hat seinen sehr einfachen Grund darin, dass in diese Orte, die wohl in 
Yorchristlicber Zeit aus ähnlichen Gründen schon grösser waren, der 
Eroberer, der Missionar zuerst geführt wurden durch die lange be- 
stehenden Strassen, die beide mit ihrer Heimat, den Geistlichen mit 
seiner Torgesetzten Behörde (Bamberg im Süden, Naumburg-Zeitz im 
Norden), den weltlichen Herren mit dem Stammsitz und den Besitzungen 
seines Geschlechtes, bei dem er seinen Rückenhalt hatte, in leichter 
Verbindung erhielten. 

Jene lange bestehenden Strassen werden die natürlichen, von der 
Bodeugestalt bestimmten und gebotenen sein, also im Vogtland die, 
welche vom oberen Main und der oberen Saale und von der oberen 
Eger her sich in Plauen vereinigen und dann nordwärts weiter ziehen. 
Die wichtigste Verkehrsader ist die aus Franken, die in der Haupt- 
sache von alters her so verlief, wie sie noch 1730 auf Zümers Neuer 
Chm^ächsischer Postcharte erscheint : von Hof über Grosszöbern, Plauen 
und Reichenbach nach Zwickau. Hof ist schon 1288 «im Besitz der 
Vögte von Plauen^). Villa Zobri, Grosszöbern, wird schon 1122 als 
Grenzpunkt des plauenschen Sprengeis aufgeführt, der einzige Dorf- 
name in dieser Grenzangabe, wohl deshalb, weil hier die damals be- 
kannte Strasse aus der Bamberger in die Naumburger Diöcese über- 
trat *). Blossenberg, Ebersberg, Heinersgrün und Hartmannsreuth, 
zu beiden Seiten der Strasse oberhalb Zöbem gelegen, belästigten die 
Warenzüge ; wer von diesen Dörfern zum Tode verurteilt wird, soll zu 
Hof gehenkt werden (1306) ^). Unterhalb Pirk bog die Strasse ins 
Elsterthal ein; diesen wichtigen Punkt schützte die munitio Tirbil 
(1301, 1327, jetzt Dorf Tirbel)*). Sie zog an Weischlitz, 1274 0), 
vorüber am rechten Thalhang nach Kürbitz, 1225 Curbiz, überschritt 
da auf alter Brücke, 1298 pons ville Kurbiz ^), die Elster, wurde durch 
castrum Strazberc, 1194, 1280, gedeckt, neben welchem 1298 ein 
hospitium besteht ''), und erreichte Plauen durch das Strassberger Thor. 
Hier im Mittelpunkt des pagus Dobna wohnte bereits 1122 comes de 



') a. a. 0. 87. ») a. a. 0. 1. ») a. a. 0. 164. -*) a. a. 0. 141. 260. 289. 
') a. a. 0. 55. ®) a. a. 0. 11. 134. ') a. a. 0. 3. 70. 135. 



210 



A. Simon, 



[38 



Euerstein (Grafengeschlecht, das an der Weser bis ins 15. Jahr- 
hundert blühte); 1224 sind die Vögte yon Weida im Besitz Plauens 
und wohnen daselbst^). Sie beherrschen die Strasse: Hof ist 1288, 
Reichenbach 1265 in ihrem Besitz; sie haben die Hals- und Strassen- 
gerichte, auch innerhalb der Komturei Reichenbach (1274, 1324) und 
bis Hof (1288), das Strassengeleit, conductus stratarum 1323, und die 
Zölle, thelonea 1323, 1329|*). 1254 schliesst der Vogt einen Vertrag 
mit dem Markgrafen zum Schutze der milites, rustici vel mercatores, 
welche zu ihnen hinüber- und herübergehen; letztere erscheinen 1300 
als personae negociankes ^). In Plauen mussten firemde Händler, wenn 
sie hier Geschäfte betreiben wollten, in der Münze des Vogtes, 1279, 
ihr Geld in die daselbst gangbare Sorte umsetzen ^). Den Juden sichern 
die Vögte 1351 gegen entsprechende Bezahlung innerhalb ihres Ge- 
bietes, besonders bis Hof und 6 Meilen darüber hinaus, sicheres Geleit 
und Hilfe bei Eintreibung ihrer Forderungen zu. üeber den alten 
Stein weg, durch die erwähnte Neustadt, über die Elsterbrücke, 1244 
pons lapideus, qui adiacet ante civitatem, am Siechenhaus vorbei 
1255^), führte die Reichenbacher Strasse, semita a Richenbach ad 
Plawen 1140^), das Thal abwärts über Krieschwitz und Mosch witz. 
Villa Cribsiz, quamque Zmurdi incolunt, 1122, ist die erste Schenkung 
an die Kirche in Plauen, sie wird wohl am Wege gelegen haben; 
Möschwitz wird 1266 genannt^, unterhalb des Berges und Berg- 
werkes Röttis (Name deutet auf Eisenerz, das noch in neuerer Zeit 
dort abgebaut wurde) ®) , verliess der Weg den rechten Thalrand der 
Elster, 1244 via que est sub monte Rotthis, semita vetus, überschritt 
das Thal der frühgenannten Trieb bei Pohl, 1292 Bel^), also an dem 
untersten Punkte, wo es überhaupt noch überschritten werden kann, 
gelangte über Herlasgrün bei Limbach in ein Seitenthal der Göltzsch, 
dessen Ausgang Netzschkau deckte, 1140 villa Netschka^^), und über- 
schritt die Göltzsch bei Mylau. 1140 gehört villa Mila zum Reichen- 
bacher Sprengel; 1212 kommt provincia, que Milin dicitur, an Ottokar 
von Böhmen. Diese Bezeichnung setzt voraus, dass der Ort bekannt 
ist, also an einer belebten Strasse liegt, auch dass er ein Schloss hat; 
castrum Mylin war 1323 im Besitz des Vogtes von Plauen**). Am 
Mylinbach bewegte sich die Strasse aufwärts nach Reichenbach, 1317 
dye hoenstrasse **), und nach Neumark, wo eine Strasse nach Werdau 
abzweigte. Sie erreichte endlich über Schönfels und Lichtentanne 
Zwickau. Schönfels war früh befestigt; castellanus de Schoninvels ist 
1225 Zeuge in einer Urkunde des Vogtes und des Naumburger Bischofs **). 
Zwischen Plauen und Reichenbach nimmt die Strasse später einen 
anderen Verlauf; man sucht auf dem jetzt ausgebauten Weg über 
Alten- oder Neuensalz und Thossfell, 1331 antiquus sal, 1294 miles 
de Thossenuelle**), über Hartmannsgrün Reichenbach zu erreichen. 
Dieser Weg war leichter zu befahren, weil er weniger tiefe Thäler 

*) a. a. 0. 1. 10. ») a. a. 0. 29. 54. 87. 216. 299. ») a. a. 0. 19. 187. 
*) a. a. 0. 64. *) a. a. 0. 15. 21. ^) a. a. 0. 2. a. a. 0. 1. 31. 

^) Schurtz, Seifenbergbau i. Erzgebirge S. 143. 

») M. ü. V. PI. 15. 104. ") a. a. 0. 2. ") a. a. 0. 5. 216. **) a. a. 0. 196. 
'^) a. a. 0. 11. ") a. a. 0. 111. 207. 



391 Die Verkehrsstrassen in Sachsen. 211 

durchschritt; doch wird er, weil auf demselben Reichenbach umfahren 
wurde, 1367 für Wagen und Karren, welcherlei Waren sie auch führen, 
verboten, auf Grund der Rechte der Stadt Reichenbach ^). Später 
waren beide im Gebrauch; 1426 beschwert sich der Vogt von Plauen, 
dass der Vogt von Zwickau die Kauf leute dazu dränge, sich durch das 
Gebiet des plauenschen Vogtes nach Oelsnitz geleiten zu lassen, wodurch 
er an seiner Strasse, an Geleit und Zöllen geschädigt werde; wenn es 
nicht abgestellt werde, kaufe er in Oelsnitz kein Bier mehr^). 1466 
uimmt eine kurfürstliche Heerfahrt in Zwickau, Altensalz, Plauen Nacht- 
quartier; auf dem Rückwege von Böhmen zieht die Schar von Oelsnitz 
direkt nach Zwickau^). Als nach der Mitte des 14. Jahrhunderts 
die Verhältnisse und der Einfluss des Vogtes zu Plauen sich ungünstiger 
gestalteten, schlössen die Markgrafen von Meissen 1369 mit dem Burg- 
grafen von Nürnberg einen Vertrag zur Verhütung von zcugriflF, raub, 
brant; eine Kommission mit Obmann wird eingesetzt, welche die mark- 
graflichen Angelegenheiten in Oelsnitz, die burggräflichen in Hof zum 
Austrag bringen soll*). Der Burggraf erwarb 1276 Hof und seine 
Umgebung ^). Man wollte mit dem Schiedsgericht dem Vogte aus dem 
Wege gehen, oder es führte von Hof ein Nebenweg nach Oelsnitz, 
worauf die munitio Gacendorf 1327, Gattendorf, die 1355 gebrochenen 
raupheuser, vesten Pozzek vnd Gattendorf *^), die nicht wieder aufgebaut 
werden dürfen, deuten. 1381 wurden zwölf vogtländische Ritter bei 
Beyerreute (Bayreuth) als Wegelagerer gefangen und mussten Urfehde 
schwören ^). 

Von diesem Wege Hof-Plauen-Zwickau zweigte eine zweite Strasse 
ab und zwar bei Plauen (früher vielleicht oberhalb Plauen bei der 
Feste Tirbel, um am Thal der Elster entlang, an Magwitz, Plansch- 
witz, dem „Stein* und Dobeneck vorüberziehend, Oelsnitz zu er- 
reichen; 1297 zeugen die milites de Plonswiz, de Dobnecke, 1301 die 
von Planschwitz, Magwitz und Tirbel; 1327 werden im böhmischen 
Lehensvertrag munitiones Plonswicz, Tirbil, Lapis aufgeführt)®). Der 
Weg führte von Plauen geradlinig über Oberlosa nach Oelsnitz und 
Ton hier immer thalaufw'ärts über Asch nach Eger. Die Vögte schenken 
1250 dem deutschen Ordenshause in Plauen Felder prope viam versus 
Olsnicz ^) ; es sind das die oberhalb der alten Elsterbrücke gelegenen, 
bis heute Pfaffenfelder genannten Aecker; die Strasse überschritt also 
von jener Brücke aus die Elsteraue, um Oberlosa auf der Höhe zu er- 
reichen, das geraden Weges zwischen Plauen und Oelsnitz liegt. Das 
1265 erwähnte inferior Losan setzt Oberlosa voraus. Um dieselbe Zeit, 
1249, erscheinen die Vögte auf dem Vogtsberg bei Oelsnitz, 1327 castrum 
Voytesberch ^^). Oberhalb Oelsnitz hatte der deutsche Orden Besitzungen: 



a. a. 0. 466. 

^ Hauptstaatsarchiv Dresden, Urk. 6014. 
») A. f. 8. G. N. F. 5, 1879, S. 180. 
*) M. ü. V. PI. 474. *) a. a. 0. 498. 

®) a. a. 0. 260. 397. Die Form Gacendorf erinnert an Gatzenhof, jetzt 
Ganzenhof, wüste Mark im Elsterthal unterhalb Oelsnitz. 

^ a. a. 0. 522. ») a. a. 0. 127. 141. 260. ^) a. a. 0. 18. 
") a. a. 0. 30. 17. 260. 



212 



A. Simon, 



[40 



1328 im dorf zu Rebesreuth, Friberg (in der Nähe der Strasse, die sich 
wahrscheinlich auf dem linken Thalrand hinzog mit dem üebergang 
bei Oelsnitz) , beim Hammer czu der Lewbathein ^) (Leubetha an der 
Mündung des Eisenbaches). 1270 überträgt der Vogt Ton Plauen, der 
auch diese Strasse beherrschte, parrochiam et ins patronatus eins in 
Ascha, 1290 dieselbe Kirche nochmals cum filia sua Adorff dem deutschen 
Orden mit Besitzungen zu Nyperk et Asch, alle an der Strasse. 1328 
wird eine Herberge in der stat czu Ahdorf erwähnt*). 1351 bekommt 
ein Jude Geleit von Plauen nach Eger. Kaiser Rudolf überliess 1288 
dem Vogt die Güter des Albert von Neuberg; diese li^en sicher an 
der Strasse; Friedrich von Neuberg wird 1382 wegen Strassenranb ge- 
fangen und zu Eger gemartert^). 

Eger muss sich früh entwickelt haben. Schon 1215 wird von 
einem Streit des deutschen Ordenshauses daselbst mit dem Kloster 
Waldsassen berichtet; 1270 ist bereits zu Eger ein commendator. Das 
genannte Kloster (Waltsassen, Waldsachsen) erwarb 1232 von den Herren 
zu Strassberg „in partibus Olsniz fevdum quoddam Culme*' (Kulm, 
Ortsteil von Bösenbrunn); 1303 gehören ihm die Dörfer Triebel und 
Ebersbach; 1341 kommt das gericht und gut zvm Stain (unterhalb 
Oelsnitz an der Elster) an das Kloster, dafür die Lehen zvm kolm vnd 
zvm Tribel an den Vogt *). Dass das Kloster in so grosser Entfernung 
Besitzungen hat, deutet auf einen zwischen Eger und Plauen bestehen- 
den Weg. 1295 wird sogar das 4 km von Adorf seitab liegende Dorf 
Gettengrün Reichslehen genannt *). Die böhmischen Könige, die früher 
schon diese Strasse zu beeinflussen gesucht hatten (1212 schenkte Kaiser 
Friedrich II. provincia, que Milin dicitur, mit allem Zubehör, auch mit 
den Schlössern Schwarzenberg und Lichtenstein, dem König Ottokar), 
versuchen dies wieder und mit mehr Erfolg im 14. Jahrhundert. 
Der Vogt von Plauen nimmt 1327 dominium suum Plawe von Johann 
von Böhmen zu Lehen; 1356 wird dies Lehen unter dem zum Kaiser 
gewählten Böhmenkönig Karl erblich**); er giebt den Städten dieser 
Strasse gegen entsprechende Summen Rechte und sichert die Strasse 
gegen Räuber. Auch die Meissner Markgrafen erwerben hier Be- 
sitzungen, und die Burggrafen von Nürnberg beanspruchen 1407 von 
den Markgrafen als Erbe die Schlösser Vogtsberg, Oelsnitz, Adorf, 
Wiedersberg , welche ihnen auch überwiesen werden '). Sie scheinen 
also auf beide vogtländischen Strassen, an denen dieselben liegen, 
Wert gelegt zu haben. 

Neben der Hauptstrasse Zwickau - Plauen - Hof und ihrer Ab- 
zweigung Plauen-Eger kommen noch zwei Wege in Betracht. Auf dem 
einen mögen die ersten Missionare von Naumburg, Zeitz, Gera, die 
Herren von Eberstein und später die Vögte von Weida und Gera ins 
Land gekommen sein. Er folgte dem Laufe der Elster als dem ältesten, 
weil natürlichsten Wege, stieg jedoch ins enge und ungangbare Thal 
selbst oberhalb Gera nur in Greiz und Elsterberg herab, hielt sich 



') a. a. 0. 276. ') a. a. 0. 44. 93. 276. ') a. a. 0. 382. 86. 526. -•) a. a. 0. 
7. 44. 8. 157, Nachträge 93. ^) a. a. 0. 117. «) a. a. 0. 5. 260. 400. 
^ Hauptstaatsarchiv Dresden U. 5408. 5411. 



411 Die Verkehrsstraasen in Saclwen. 213 

sonst auf dem linken Thalrand. An denselben erinnert in Elsterberg 
die alte Fahrstrasse über den Wessnitzberg, in Plauen die alte „Reichs- 
strasse'. Gedeckt wurde diese Strasse durch die castra Graiz und 
Elsterberg. 1209 zeugt Yerungus in Graiz in einer Sache Heinrichs 
von Strassberg (oberhalb Plauen), der damals Vogt des eben gegründeten 
Klosters Mildenuorde bei Weida war. Vor 1225 wird beim Castrum 
Graiz eine Kirche gegründet^). Die Burg in Elsterberg, Lobdaburg, 
war lange im Besitz des an der Saale begüterten Geschlechtes der 
Lobdaburger. Diese und die Herren von Weida waren zusammen Gründer 
der Elsterberger Kirche (vor 1225), die 1314 Parochialkirche wird und 
Filialkirchen errichtet. 1354, also um dieselbe Zeit, in der die Raub- 
Schlösser Posseck und Gattendorf gebrochen wurden, zerstörten Bürger 
aus Erfurt, Mühlhausen und Nordhausen die veste Elstirberg; noch 
1359 wird Johannes von Falkenstein, dem Pfleger in husz vnd stad 
Elstirberg, aufgetragen, den Räubereien zu steuern. 1368 giebt Herr 
von Lobdaburg den Bürgern in und vor der Stadt Elsterberg freies 
Erb- und Kaufrecht ^). Es hat also eine Strasse bestanden, die aus 
Thüringen und von der unteren Elster nach Plauen führte. 

Ein zweiter Weg, nach dem Ortsnamen zu schliessen vielleicht sehr 
alt, leitete von Adorf durchs Thal des Flossbaches und der Zwota nach 
Falkenau im Egerthal ^). Anfangs mag Adorf, das ins Flossbachthal 
hineinschaut, diese Strasse bewacht haben. Später entstand unterhalb 
des alten hochgelegenen Friebus, gerade da, wo der Weg aus dem 
Flossbachthal in den Wald hinaufstieg, Neukirchen, 1357 Nuenkirchen, 
jetzt Markneukirchen, vielleicht so genannt nach dem Markt, der unter 
den Rechten gewesen sein mag, die den dortigen kaufflewtten 1360 
bestätigt werden. Es war 1378 noch villa, Dorf, das zur Jurisdiktion 
Adorfs gehörte*). 

Die wichtigste Strasse im Vogtland war Zwickau-Plauen-Hof, ein 
Teil der Strasse von Franken nach Schlesien, Nürnberg- Breslau. Sie 
benutzte nur auf einer kurzen Strecke den ursprünglichen Führer, das 
Elsierthal, früher mehr als später. Die wichtige Abzweigung Plauen- 
Eger und die beiden Nebenwege folgten dagegen den Flussadem. Die 
vorhandenen natürlichen Verkehrsstrassen sind also im Vogtland be- 
nutzt, es kommen nur Abkürzungen derselben hinzu. An diesen Strassen 
entstanden inmitten fruchtbarer Thalweitungen und ungefähr in Ab- 
ständen, welche für Frachtwagen eine Tagereise ausmachten *), grössere 
Orte, welche von den auf den alten Heer- und Handelsstrassen heran- 
ziehenden Eroberern und späteren Herren, sowie von den diesen nach- 
folgenden Geistlichen zu Mittelpunkten 3er Verteidigung, Verwaltung 
und Mission gemacht wurden. Handel und Handwerk hoben die Städte. 
Für die Anziehungskraft, welche die freimachende Stadtluft für die 
Bewohner des platten Landes besass, haben wir hier einen guten Be- 
leg. Nach einem Erlass des Vogtes von Plauen von 1288 kann der 



') M. U. V. PI. 7. 11. ') a. a. 6. 183. 391. 431. 470. 

•) Schurtz, P&sse des Erzgebirges 1891, S. 61. 

*) M. ü. V. PL 106. 433. 507. 

5) Falke, Geschichte der Hohen Landstrasse. A. f. s. G. F. 1869, S. 113. 



214 



A. Simon, Die Verkehrsstrassen in Sachsen. 



[42 



Landbüttel des ältesten Vogtes von Weida zum Wegzug aus dem Lande 
der Regnitz in die Stadt Hof befreien (wohl gegen Bezahlung). Der 
zum Wegzug Befreite muss innerhalb 14 Tagen das Gut seines Herren 
räumen, sich innerhalb eines Jahres in Hof ankaufen und seine Habe 
dorthin bringen. Das Besitztum kann ein Jahr lang feil geboten 
werden; den Käufer hat der Herr damit zu belehnen. Findet sich 
kein solcher, so nimmt der Herr das Gut zum vorher festgesetzten 
Preise und entschädigt etwaige Verbesserungen am Gut nach Schätzung 
der Nachbarn. Als Termin für den Wegzug wird Lichtmess ange- 
setzt ^). Was in dieser deutsch abgefassten Urkunde niedergelegt ist, 
mochte im Gebiete des Vogtes auch für andere Städte und deren Um- 
gebung gelten. 



') M. ü. V. PJ. 87. 



Strassen und Städte des Erzgebirges. 

Ein Gebirge, selbst von der geringen Erhebung unseres Erz- 
gebirges, war früher noch mehr als jetzt Hindernis für den Verkehr, 
besonders durch den Wald, ohne den unsere Mittelgebirge nicht zu 
denken sind. Mehr als der ansteigende Boden hinderte die dichter 
werdende Waldwildnis mit ihren Sümpfen und Mooren den heran- und 
vorbeiziehenden Händler und Siedler und hiess ihn bestimmte Wege 
einschlagen und festhalten, von denen so leicht nicht abgewichen werden 
konnte. Miriquidi, Schwarzwald, nannte man zuerst das waldbedeckte 
Gebiet, das Meissen und Böhmen trennte, zwei Länder, die deshalb in 
Kultur und Geschichte in sich einheitlich, aber voneinander verschieden 
sind und wegen dieser Verschiedenheit immer Austausch ihrer Erzeug- 
nisse und Befriedigung ihrer Bedürfnisse bei einander suchten. 

Drei Städte finden wir hier frühzeitig hoch entwickelt; ausser 
den von uns. als natürliche Verkehrsmittelpunkte erkannten Zwickau 
und Chemnitz auch Freiberg. Letztere war im 15. Jahrhundert ent- 
schieden die grösste Stadt in Meissen. Freiberg ist ein rechtes 
Muster für die rasche Entwickelung einer Bergstadt. Nach der Mitte 
des 12. Jahrhunderts war an seiner Stelle dichter Wald. Als Mark- 
graf Otto 800 Hufen zur Gründung eines Klosters in jener Gegend 
stiftete (Altzelle, Bestätigung am 26. Februar 1162 durch Kaiser 
Friedrich I.), war jene Gegend mit nur wenigen slawischen und deutschen 
Siedelungen besetzt^). Es sollten nach einer Urkunde von 1183 neben 
den vorhandenen Dörfern neue angelegt werden. Auf dem Kloster- 
jjebiet wurden Silberadem entdeckt und zwar vor 1170, in welchem 
Jahre der Markgraf Tudendorph, Christianesdorph, Bertholdesdorph vom 
Kloster zurtickerwirbt (nach den Altzeller Annalen begann der Berg- 
bau 1169). 1185 hatte er bereits das Bergregal für die gefundenen 
Silberadem vom Kaiser erworben *). Seit diesem Jahre verschwindet 
der Name Christanesdorph. Eine grosse Zuwanderung begann; be- 
sonders Sachsen vom Harz, die den Bergbau und die Verhüttung der 
Silbererze kannten, siedelten sich bei jenem Dorfe am linken Ufer der 
Mulde an, aber auch andere; denn auf dem „freien Berge** konnte 



') C. d. S. r. II, 12, S. XVI. ») a. a. 0. Urk. 1. 2. 



V 



216 A. Simon, [44 

jeder gegen eine gesetzliche Abgabe an den Grundherrn schürfen. Bald 
nach 1185 wurde Vriberg mit Mauern umgeben (Altzeller Annalen: 
vor 1190). Der Name Vriberg kommt urkimdlich erst 1221, die Be- 
zeichnung civitas, welche Ummauerung voraussetzt, 1223 vor» 1221 
hatte die Stadt schon einen Vogt, 1223 zwei Priester und einen ünter- 
vogt, 1224 ein Hospital; 1225 bestehen daselbst fünf Pfarrkirchen^). 
1241 ist der Rat vorhanden, er bekommt die Hälfte aller markgräf- 
lichen Einkünfte bei neuen Bergwerken, 1242 den Einfuhrzoll für Wein. 
1353 das parvum ius forense, das sind kleinere Abgaben an Markttagen 
ausser von Salz- und Fischwagen ^). Also ist auch schon der Markt 
vorhanden, natürlich, die grosse Bergwerksbevölkerung in der noch 
wenig angebauten, unfruchtbaren Umgebung forderte Zufuhr von 
Lebensmitteln. Als 1255 dem Rat, den 24 (die das Berggericht bilden) 
und den Bürgern die Gerichte zu Freiberg und auf den Bergen (Berg- 
werken) bedingungslos übergeben wurden, war das Stadtwesen voll 
entwickelt ^). Befestigung, Markt, Stadtrecht hatte Freiberg in höchstens 
70 Jahren (1185 [?] bis 1255) erlangt. Möglich wurde das dadurch, 
dass bereits entwickelte Verhältnisse von anderen Städten der Mark- 
grafen, Meissen und Leipzig, hierher übertragen werden konnten. Die 
Altzeller Annalen weisen ausdrücklich auf beide Städte hin. Auf die 
Rechte anderer Städte wird 1262 verwiesen, wo der Stadt vom Mark- 
grafen ein vierzehntägiger Jahrmarkt mit Abgabenfreiheit für die ersten 
zwei Jahre gewährt wird ^). Die zahlreiche Bergbevölkerung hatte 
eben Bedürfnisse. Darum blühte auch das Handwerk ; schon 1390 er- 
halten die Weissgerber und Kürschner Innungsartikel ^). Diese sind 
aber in der Regel nicht die ersten Innungen, sondern die der Fleischer, 
Schuhmacher. Noch mehr blüht der Handel in und mit der Stadt 

Die alten Handelswege, welche früher vielleicht die Stadt selbst 
nicht berührten, wurden hierher gelenkt; die Stadt war mächtig ge- 
nug, diese und den Handel nach und nach für sich zu monopolisieren. 
In einem Streit mit Dippoldiswalde, das ältere Rechte haben mochte, 
siegte 1266 Freiberg, so dass letzteres nunmehr auf allen Bergwerken 
der Umgebung Bier und alle anderen Lebensmittel verkauft; noch 1413 
erwirbt es die Bannmeile (oder Bestätigung) für Bier und den Salz- 
verkauf, ausserdem das Vorkaufsrecht von allen zugeführten Waren. 
solange der ^Wisch" steckt**). Salz, Heringe und Getreide bilden 
die wichtigsten Zufuhrartikel, daneben Tuch. Ein mercatorium, Eanf- 
II haus, das dem Markgrafen gehört, besteht schon 1309, eine gewant- 

kammer für den Tuchausschnitt 1381, eine öflfentliche Wage 1414'). 
Wie sehr die Stadt auf fremdes Getreide angewiesen war, beweist die 
1423 den Freibergern vom Kurfürsten erteilte Erlaubnis, Getreide nach 
Bedürfnis zuzuführen ^). Die Bürger Freibergs besassen bereits 1291 
Freiheit von allen Geleitsabgaben und Zöllen innerhalb der Länder ihrer 
Markgrafen, auch für den Handel von und nach Zwenkau im Gebiet 
des thüringischen Landgrafen (wichtig für den Salzhandel von Halle 



») a. a. 0. 3. 4. 5. 6. *) a. a. 0. 14. 15. 16. 

•) a. a. 0. 19. *) a. a. 0. 24. ^) a. a. 0. 137. *) a. a. 0. 25. 171. 

') a. a. 0. 59. 130. 173. ^) a. a. 0. 184. 



ir' 



45] I^iß Verkehrsstrassen in Sachsen. 217 

nach Böhmen), während sie für sich selbst das Recht erwarben, dass 
alle Wagen, die zwischen Meissen und Böhmen verkehrten, über Frei- 
berg gingen, dort Geleit und Zoll zahlten, ihre Waren abladen, Markt 
halten, das Salz hier teilen und messen mussten. Da alle Strassen ur- 
sprünglich dem Landesherren gehörten, so kam diesem auch Zoll und 
Geleit zu; 1323 erwarben die Freiberger das Geleit, 1336 den ZolP). 
Gehoben wurde Freibergs Bedeutung noch durch die 1271 vorhandene 
moneta, die Hauptmünzstätte der Landesherren. Freiberger Geld, 
argenti Vribergensis pondus et moneta 1279, wurde neben Prager Geld 
allgemein gebräuchlich im Meissner Land ^). Bei so grosser Aus- 
dehnung des Handels ist es wohl zu verstehen, dass die Freiberger mit 
allen Mitteln jede Störung desselben zu hindern suchten. Dies zeigt 
sich 1468 bei den Kreuziger Unruhen ^) ; sie betonen, die Stadt nähre 
sich vom Handel und von den Bergwerken, bedürfe deshalb besonderer 
Sicherheit. Eben darum war Freiberg immer befestigt, stark schon 
1296*). Nur durch Verrat konnte in diesem Jahre König Adolf die 
Stadt gewinnen. 

Die Grösse der Stadt erkennt man daraus, dass bereits 1232 da- 
selbst ein Nonnenkloster, 1243 ein Dominikanerkloster, 1369 ein Franzis- 
kanerkloster bestand, dass 1480 die Pfarrkirche zur Eollegiatstiftskirche 
umgewandelt wurde *). Noch 1437 zogen viele aus der Umgebung in 
die Stadt, namentlich aus dem Gebiet des ÄltzeUer Abtes ; deshalb wird 
geboten, dieser und die übrigen Landgesessenen sollen von den Leuten 
beim Wegzug nicht mehr als 10 Schock Groschen verlangen*). 1435 
werden polizeiliche Massregeln neu eingeschärft: niemand soll ein ge- 
kauftes Haus länger als vier Wochen unbewohnt lassen; 1442 gebot 
der Rat, die Bier- und Branntweinschenken pünktlich zu bestimmten 
Stunden zu schliessen ; 1478 wird er aufgefordert, eine Kleiderordnung 
(Luxusverbot) nach dem Vorgang von Leipzig und Zwickau zu er- 
lassen ^. Die Stadt war Ende des 15. Jahrhunderts die grösste im Kur- 
fürstentum Sachsen, sie mochte nach den Untersuchungen von Ermisch 
1474 etwa 4400 Einwohner zählen®). 

Ihre Entstehung, ihre Grösse verdankt also Freiberg allein dem 
Bergsegen, ihre Blüte, ihre Machtstellung dem aus jenem entspringen- 
den Reichtum, nicht der Fruchtbarkeit der Umgebung, nicht den an- 
züglich hier vorüberziehenden Handelswegen. Letztere wurden viel- 
mehr meist mit Willkür und Härte von den Freibergem beeinflusst. 
Nur die alte Strasse aus Franken von Zwickau und Chemnitz her 
führte, wie wir gesehen haben, naturgemäss über Freiberg nach Dres- 
den. Die Strassen dagegen, welche über das Gebirge hinweg nach 
Böhmen zogen, wurden vielfach verlegt. Die Arbeit von Schurtz giebt 
darüber genügend Aufschluss. Danach beherrschte Freiberg den Ver- 
kehr über das Gebirge auf der Strecke von Sayda und Purschenstein 



M a. a. 0. 13. 44. 66. 69. 88. ») a. a. 0. 26. 27. 33. 

») a. a. 0. 352—373. 

*) Annales Vetero-Cellens. ed. Opel 91. 

*) C. d. S. r. II, 12, 396. 327. 375. 534. 

•) a. a. 0. 218. ') a. a. 0. 210. 237. 442. 

») N. a. f. 8. G. 11, 1890, S. 145. 



218 



A. Simon, 



[46 



bis Bärenstein, Lauenstein und zum Mückenberg, wo sein Einfiuss sich 
mit dem von Dresden berührte ^). 

Wie Freiberg, so entwickelten sich auch die übrigen Bergstadte 
des Erzgebirges : rasch und zunächst ohne Abhängigkeit von der Frucht- 
barkeit und den Verkehrslinien der Umgebung zu verraten. Nur er- 
reichten sie nicht Freibergs Grösse und Bedeutung; entweder war der 
Bergsegen nicht so gross, oder die benachbarten Städte waren bereits, 
als der Bergbau begann, so weit entwickelt, dass sie ihre Stellung be- 
haupten konnten. 

Schon in früher Zeit wurde im Gebirge Zinn gewonnen iii 
„Seifen* ^), auch Kupfer, so bei Siebenlehb, angeblich schon 1106, bei 
Frankenberg, das vielleicht dem Bergbau seinen Ursprung verdankt, 
wo später der Kupferbergbau wieder aufgenommen wurde, zu Dippoldis- 
walde, Schiettau, Elterlein, Zwönitz, Lössnitz, Aue, Eibenstock '). Diese 
sind entschieden älter als Freiberg. Nach dem Aufblühen des Silber- 
bergbaues um Freiberg begann auch der Abbau und die Verhüttung 
von Eisenerzen, so um Grünhain und Schwarzenberg ; 1316 wird der 
Bergbau bei Kaschau erwähnt, 1402 der Hammer daselbst^). 133Ü 
lassen sich die Mönche in Grünhain die Bergwerke überweisen, die in 
der Grafschaft Hartenstein aufgekommen sind oder gefunden werden % 
Damals war der Ort, in dem 1236 das £^oster gegründet wurde, schon 
befestigt: 1267 Grunenhain oppidum ^). Zinn wurde nicht mehr bloss 
geseift, sondern auch bergmännisch gewonnen, vor 1377 in Ehren- 
friedersdorf, zu Thum dagegen uud zu Geyer nach 1377, aber ?or 
1407, in welchem Jahre diese Dörfer Recht zu Wochenmärkten mit 
Bannmeile bekommen. Noch 1439 wurde alles Zinn der Umgebung 
nach Ehrenfriedersdorf gebracht; dieses selbst wurde in diesem Jahre 
von dem Salzmarkt in dem älteren Wolkenstein befreit; 1460 bekommt 
es ein Kaufhaus und Salzmarkt, 1467 die Stadt Geyer einen Jahr- 
markt. Einen Aufschwung nahmen allerdings diese Orte nicht; sie 
können 1460 die Fahrstrasse nicht bauen, dem Kurfürsten weder Pferde 
noch Wagen stellen ^). Um 1419 kam zu Glashütte Bergbau auf, aber 
erst 1506 erhielt der Ort Stadt- und Bergrecht. Eine raschere Ent- 
wickelung beobachten wir uff dem Gußinge und zu Altenberg, wo 
auch alte Zinnseifen vorhanden waren. Daselbst wurden vor der Mitte 
des 15. Jahrhunderts von Graupen aus im Gebiet der Herren 
von Bernstein (Bärenstein) reiche Zinnlager entdeckt; 1446 wird über 
die Rechtsverhältnisse daselbst verhandelt. Als Ort, wohin die Flösse 
und der Markt gelegt werden können, wird später das nStadtichen'' 



>) Schultz, Pässe des Erzgeb. 1891, S. 34. 35. 

') Schurtz, Seifenbau im Erzgeb. Forsch, z. deutsch. Landes- u. Volks- 
kunde 1890. 

•) Vielleicht bezieht sich auf letztere Zinnwerke die Urkunde von 1226, 
C. d. S. r. II. 6, 307, durch welche dem Bergkloster zu Chemnitz Bergwerksrechte 
für Silber, Gold, Salz und jede Art von Metall zwischen Zschopau, Würschnitz, 
Mulde und Lozthaha (?) verliehen wird. 

*) Herzog, Chronik von Zwickau 2, 55. 

*) Müller, U. V. PI. 351. «) A. f. s. G. 7, 1869, S. 60. 

') Falke, Gesch. d. Bergstadt Geyer 1866, S. 10 f. 



471 I^ie Verkehrsstrassen in Sachsen. 219 

Geising vorgeschlagen, das 1451 freien Markt und Stadtrecht bekommt. 
Altenberg ist also etwas jünger ^). 

Noch yiel schneller wuchsen die Städte empor durch die zweite 
wichtige Entdeckung von Silberadern, die im westlichen Erzgebirge. 
Beim alten Flecken Neustädte!, der von Zinnseifnem angelegt war, 
wurden um 1470 auf dem Schneeberg Silberadem entdeckt. Die Zu- 
wanderung war ausserordentlich. 1477 wird in dem rasch entstandenen 
Orte die Wolfgangskirche gegründet, 1478 oder 1479 demselben be- 
reits Stadt- und Bergrecht verliehen. Das Berggericht war anfangs 
zu Zwickau, wo auch das Erz zuerst verhüttet wurde, kam aber schon 
1477 nach Schneeberg. Die Stadt blühte lange Zeit und sandte berg- 
männische Kolonieen aus nach Eibenstock, dem alten slawischen Seifen- 
ort, der 1534 zur Stadt erhoben wurde; nach St. Katharinenberg am 
Buchenholz, jetzt Buchholz, wo ebenfalls schon Seifen bestanden, es 
wTirde 1504 zur Stadt erhoben ^). Am Pöhlberg soll schon 1442 der 
Bergbau begonnen haben; doch wurde das Erz „im Geyer** verhüttet. 
Als dagegen 1492 am Schreckenberg reiche Silbererze gefunden wurden, 
entstand bald (1496) ein Ort, Neustadt, der 1497 Privilegium für eigenen 
Rat, Gericht, Zoll- und Geleitsfreiheit, Brot-, Fleisch- und SaJzmarkt, 
Wage und Viehweide, 1498 eine Kirche, bald auch mit kaiserlicher 
Genehmigung seinen jetzigen Namen St. Annaberg erhielt^). Von den 
beiden wichtigsten Bergstädten im Westen, Schneeberg und Annaberg, 
aus wurden noch weitere Bergorte angelegt; 1500 beginnt der Abbau 
im alten Schiettau, das 1515 freie Bergstadt wird, und in Scheiben- 
berg, 1525 in Gottesgab, das früher Wintersgrün hiess und 1534 als 
Stadt angelegt wurde, 1526 in Oberwiesenthal, 1540 in Marienberg 
und Jöhstadt, vorher in Lengefeld. Alle diese Orte zeigen das Wachs- 
tum der Bergstädte, die ebenso schnell, wie sie entstanden, wieder 
unbedeutend werden, wenn der Bergsegen erlischt, oder wenn ihnen 
nicht die Faktoren zu Hilfe kommen, die andere Städte entstehen und 
gedeihen liessen: Fruchtbarkeit der Umgebung und natürliche Ver- 
kehrswege. 

Die Strasse von Franken her (Hof-Plauen-Reichenbach) zog am 
Schloss Schönfels vorüber über Lichtentanne (eine Urkunde von 1369 
erwähnt den tiefen holen weg kein der Lichtentannen) nach Zwickau, 
überschritt hier die Mulde, dann zwischen den Dörfern Auerbach 
und Pöhlau hindurchziehend den Mülsener Grund (1386 Urbach und 
Polne an Milseuer Strasse)*) und erreichte über Lichtenstein, dessen 
Burg im 13. Jahrhundert erbaut ist, über Lungwitz und Siegmar 
Chemnitz. Von hier zog sie über Flöha, Oederan, Oberschönau nach 
Freiberg und weiter über Naundorf, Mohorn und Kesselsdorf nach 
Dresden, von wo man entweder, wie die Erzgebirger sagten, das 
Frankfurter oder das polnische Geleise fuhr (über Königsbrück oder 
über Bautzen). Im 15. Jahrhundert war aller Verkehr, der sich in 
dieser Richtung bewegte, durch kurfürstliche Verordnung auf diese 

*) Ermisch, Zinnerrecht. N. A. f. G. 7, 1886. S. 94. C. d. S. r. II, 12. 410. 

^ Meltzer, Stadt- u. Bergkronik von Schneeberg 1716. 

') Strehle, Chronikalische Nachrichten über Annaberg 1868. 

*) Herzog a. a. 0. ürk. 28. 35. 



220 A. Simon, [48 

Strasse gewiesen; 1461 und 1462: Die Wagen, die von Bautzen in 
Franken wollen, sollen von Bautzen gehen vff Bischoffswerde, Dresden, 
Freiberg, Kemnitz, Zwickau, Voytaspergk vnd füret gein Franken^): 
1443: Die von Zwickau und Kemnycz vf Budissin und Görlitz zu- 
gehenden Strassen sind durch die Kriege zu Böhmen, die vber Walde 
(über das Erzgebirge) heraus geschehen, fast niedergelegt und be- 
schädigt, die Eaufleute nicht sicher; darum sollen sie verlegt vrerden. 
damit dem Kurfürsten kein Abbruch an Zöllen und Geleit geschehe *]• 
Eine schon erwähnte kurfürstliche Heerfahrt von Dresden nach dem 
westlichen Böhmen zeichnet in ihrer Rechnung Nachtlager auf zu 
Osom (Mohorn), Oederan, Kempnicz, Zwicke, Aldinsalcz, Plauen^). 
1448 bricht ein Streit aus wegen des Königsbrücker Zolles zwischen 
den Besitzern von KönigsbrÜck, welche das Geleit durch die Dresdener 
Heide haben, und den Kauf- und Fuhrleuten, besonders aus Nürnberg, 
welche die Strasse bauen und pflegen (befahren) und den Zoll zu Dres- 
den pflegen zu geben*). Nach Freiberger Urkunden von 1468 treiben 
Kaufleute von Noremberg Handel aus Behmen gen Freiberg; ein Fass 
mit Safran (kam über Nürnberg) wird hinter Freiberg an der Müglitz 
von den Kreuzigern aufgeschlagen. 1412 hat der Rat daselbst Wein- 
schulden bei drei Regensburger Bürgern ^). 1454 nimmt Kunz von 
Kaufungen unweit Chemnitz den Nümbergem Habe und Gut. 1449 
wird unter den landstra&en (die dem Kurfürsten gehören) die von 
Zcwickow gein Kempnicz, furder gein Friberg genannt. Die Chem- 
nitzer klagen 1445, dass wegen der obenerwähnten Unruhen die Strassen 
nicht mehr auf Chemnitz stossen, sondern durch die Mark gehen, es 
gebe darum gegenwärtig kein Geleitsgeld. Auch denen zu Zwickau 
geschehe viel Abbruch; nur die schweren Nürnberger Wagen mit 
Stahl, Kupfer, Zinn verkehren noch. An der Schmelzhütte für Kupfer, 
die 1471 vor dem Thore zu Chemnitz errichtet wird, sind Bürgerssöhne 
aus Augsburg beteiligt*). 1426 beschwert sich der Vogt von Plauen, 
dass der Zwickauer Vogt die Kauf leute zwinge, sich von Zwickau nicht 
über Plauen, sondern über Oelsnitz geleiten zu lassen ^). 

Spärlicher sind die Nachrichten über diese Strasse aus dem 
14. Jahrhundert. 1398 wird den Benediktinern und mehreren Bür- 
gern zu Chemnitz vom Markgrafen erlaubt, eine Papiermühle zu 
erbauen, die erste und einzige in dessen Ländern ; erst acht Jahre vor- 
her war zu Nürnberg die erste deutsche Papiermühle errichtet worden. 
Mögen die Chemnitzer die Papierfabrikation in Nürnberg kennen ge- 
lernt oder die Nürnberger, dieselbe hierher verpflanzt haben, jedenfalls 
darf aus dieser schnellen Verbreitung auf einen regen Verkehr zwischen 
beiden Städten geschlossen werden. Einen ähnlichen Schluss far den 
Handel nach Osten gestatten die Verhandlungen, welche Chemnitz 1364 
mit dem Rat von Breslau führt ^). 



^) Hauptstaatsarchiv Dresden, Kopialband 7, Fol. 79^. 

«) a. a. 0. ürk. 6764. ») A. f. s. G. N. F. 5, 1879, S. 180. 

*) C. d. S. r. U, 5, 222.. ») C. d. S. r. II, 12, 162. 354. 359. 

") C. d. S. r. II, 6, 137. 147. 167. 222. 

') Hauptstaatsarcbiv Dresden Urk. 6014. 

^) C. d. S. r. II, 6, 66. N. A. f. s. G. 1, 1883, S. 329. 



49] I^ie Verkehrsstrassen in Sachsen. 221 

Damit sind wir mit den urkundlichen Nachweisen für die Be- 
nutzung der Strasse zu Ende. Doch weist die Erbauung und Erneuerung 
der Brücke zu Dresden, die so oft von Hochfluten zerstört wurde, 
1275, 1310, 1342^), auch auf unsere Strasse in noch früherer Zeit 
hin; denn der Verkehr an der Elbe entlang allein genügte nicht, die 
Brücke, die früher noch bedeutend länger war als jetzt, entstehen und 
immer wieder erneuern zu lassen. Der Handel in Dresden selbst war 
unbedeutend; Dresden hat erst seit 1455 Stapelzwang, während Pirna 
schon 1292 Handelsgeschäfte, namentlich Salzverkauf und Verfrachtung 
von Holz betrieb ^). Diese Strasse führte also vom Vogtland aus immer 
am höheren Oebirgsfuss entlang und verband die Handelsstädte Ober- 
deutschlands mit den Hansastädten des Ostens (über Frankfurt a. 0.) 
und den polnischen Städten (über Breslau). 

An dieser Handelsstrasse entstanden früh, an natürlichen Ver- 
kehrsvereinigungen zwei Städte : Zwickau und Chemnitz, beide in frucht- 
baren Thalebenen, welche weit ins Qebirge eingreifen, in welche aus 
dem Gebirge bedeutende Flussthäler münden, die sich über zwei Drittel 
des gesamten Gebirgskammes ausdehnen. So sammelte sich an den 
beiden wichtigsten natürlichen Gebirgs- und Waldthoren Handel und 
Verkehr der Nordseite des Gebirges und des vorgelagerten Flachlandes 
und traf sich mit dem am Gebirge entlang betriebenen Durchgangs- 
handel; so wurde auch von hier aus der Handel über das Gebirge 
hinweg betrieben. Beide Orte waren damit zugleich Eingangsthore 
ins Gebirge für Christentum und Kultur. 

Zwickau war schon in slawischer Zeit mehr als blosses Dorf; es 
war Mittelpunkt eines Gaues, Zwicowe'), und als solcher Verkehrs- 
und Handelsplatz für die Umgebung, worauf sein Name schon hin- 
weist (Czwickowe, Zwickowe = Handelsplatz, Markt) ^). Mit den Mittel- 
punkten der alten Nachbargaue, vor allem Plisni (Altenburg) und 
Dobna (Plauen), musste es ebenfalls in Verbindung stehen. Hier weihte 
Dietrich, Bischof von Naumburg, 1118 die Marienkirche (Plauen 1122, 
ßeichenbach [1080] 1140), welcher nachher das ganze Flussgebiet der 
Mulde oberhalb Zwickau und des Schwarzwassers als Parochialbezirk 
zugewiesen war. Damals begabte die Tochter des Grafen Wieprecht I. 
von Groitzsch, der wegen seiner Verwandtschaft mit dem Böhmenherzog 
oft über den Kamm des Erzgebirges zog, der den Weg (?) von Zwickau 
über das Erzgebirge „gebaut'^ haben soll, die Zwickauer Kirche cum 
teloneo Bohemico XV liberas annuatim soluente ^). Dieser Zoll , nach 
heutigem Geldwert etwa 720 Mark jährlich, der 1121 das Doppelte 
einbrachte, deutet auf einen lebhaften Handel in Zwickau und, da er 
von den Mönchen in Bosau bei Gera böhmischer Zoll genannt wird, 
auf einen von dort etwa in der Richtung Groitzsch-Zwickau weiter 
über das Gebirge führenden Weg, vielleicht über den alten Pass von 



') C. d. S. r. II, 5, 3. 28. 46. 47. ') C. d. S. r. II^, 6. 
') Posse, Markgrafen, S. 25. 

*} Herzog a. a. 0. 1, 61. A. f. s. G. 10, 1870, S. 140. 
*) Herzog a. a. 0. 2, 17. C. d. S. r. I, 2, 53. 
Forschungen znr deutschen Landes- and Volkskunde. VIT. 2. 15 



222 A. Simon, [50 

Fiebus ^). Zwickau gehörte in der Zeit Eonrads des Grossen zu den 
blühenden Handelsstädten Meissens ^). 

Dementsprechend war der Ort früh befestigt; 1212 wird er oppi- 
dum genannt; die Bezeichnung suburbia, Vorstädte, 1219, setzt eben- 
falls Befestigung voraus; Wall und Graben sind 1295 ausdrücklicli er- 
wähnt. Zum grösseren Schutze der Stadt wurde vor 1221 ScUoss 
Osterstein erbaut, yielleicht vom Markgrafen Dietrich^). Die Stadt 
wuchs, so dass 1212 eine zweite Kirche, St. Katharinae, gebaut wurde; 
das 1170 zu Triptis gegründete Benediktinerkloster wird in demselben 
Jahre nach Zwickau (bald wieder nach Eisenberg) verlegt, 1231 eben- 
daselbst ein Franziskanerkloster gestiftet^). 

Der Handel auf der am Gebirge entlang führenden Strasse, für 
welche Zwickau die Brücke nach dem gegenüber liegenden steilen 
Muldenufer hütete, nahm zu. Markgraf Heinrich befreite die Zwickauer 
Bürger vom Umgelde durch alle Meissner Lande; das liess sich die 
Stadt 1296 von König Adolf bestätigen. Mittlerweile war dieselbe zu- 
gleich mit Altenburg und Chemnitz zur Reichsstadt geworden ; 1 290 
oder 1291 verbanden sich die drei civitates imperio attinentes auf Be- 
fehl des Königs Rudolf zu gegenseitigem Schutze^). Damals leiteten 
kaiserliche Vögte die Stadt: 1291 Conrad advocatus in Zwickow. Die 
innere Entwickelung der Stadt war also schon am Ende des 13. Jahr- 
hunderts weit vorgeschritten. Jedenfalls besass die „Reichsstadt* 
Markt (von alters her) und eine gewisse eigene Gerichtsbarkeit. Im 
14. und 15. Jahrhundert mag Zwickaus Stellung allmählich etwas 
anders geworden sein. Der Handel von Meissen und dem Osten 
her durchs Vogtland nach dem westhchen Böhmen und nach Franken 
blieb bestehen, mehrte sich sogar mit der grösseren Bedeutung, welche 
der fernere Osten gewann. Das zeigen die Nachweise, welche oben 
die Bedeutung der Strasse Zwickau-Chemnitz-Freiberg-Dresden dar- 
legen sollten. Aber der Transithandel über das Gebirge hinweg, 
von Zwickau unmittelbar nach Böhmen, scheint abgenommen, wenn 
nicht aufgehört zu haben; wenigstens fehlt für diese Zeit jede Nach- 
richt. Ersatz dafür mochte Zwickau der Aufschwung bieten, den seine 
Umgebung, das Gebiet der Mulde und des Schwarzwassers in dieser 
Zeit nahm. 1316 wurde auf dem Fürstenberg bei Raschau Bergbau 
betrieben; er kommt in Besitz der Zwickauer Bürger (nach Herzog 
liegt der Vurstemberg zwischen Kirchberg und Weissbach und lieferte 
Kupfer und Silber). 1402 bestand in Raschau ein Eisenhammer. In 
den Besitzungen der Grünhainer Mönche in der Grafschaft Hartenstein 
waren vor 1339 Bergwerke aufgekommen. Deswegen besass bereits 
1342 dies Kloster zu Zwickau einen Hof, wohin von seinen umliegen- 
den Besitzungen der Zehnte und sonstige Abgaben eingeliefert wurden, 
wohin die Mönche bei „Landgeflüchte** sich mit ihrer Habe, ihrem Ge- 
treide retten konnten. Wenn 1348 den Schmieden ausserhalb der Stadt- 
mauer Steinkohlenfeuerung untersagt wird, so zeugt das für einen. 



^) Schurtz, Pässe, S. 57. *) Posse, Markgrafen, 298. 
») Herzog a. a. 0. 2, 51. *) a. a. 0. 1, 119, 152. 
*) C. d. S. r. II, 6, 3. 



51] Die Verkehrsstrassen in Sachsen. 223 

wenn auch beschränkten, Abbau der Steinkohle um diese Zeit ^). Im 
15. Jahrhundert begann grösserer Abbau im Eommunwalde von 
Bockwa, der zum GrQnhainer Kloster gehörte. Der Rat in Leipzig 
erlaubte 1452 den Schmieden daselbst wegen Mangel an Holzkohlen 
steynkollen zcu erbeiten bis auf Widerruf; diese Steinkohlen stammen 
wahrscheinlich aus der Zwickauer Gegend ^). 1520 bilden die Zwickauer 
Kohlenbauem eine Innung. Der um 1470 angefangene Schneeberger 
Silberbergbau wurde anfangs unter Aufsicht des Amtshauptmanns zu 
Zwickau gestellt; Zwickau war zunächst Sitz des Bergmeisters und des 
Berggericbts, hier war zuerst die Verhüttung. Damals wurde das schon 
bestehende Dorf dicht am Uebergang der Zwickau-Schneebergerstrasse 
über die Mulde Silberstrasse genannt. Nach Zwickau kamen die Eisen- 
produkte, das Zinn, Kupfer und Silber und wurden von hier durch 
einheimische (Martin Römer, Hans Federangel) und fremde Eaufleute 
weiter geführt. Neben der 1441 in Zwickau errichteten kurfürstlichen 
Münzstätte entstand sogar 1473 eine zweite. Der Rat erlässt 1498 
eine ausführliche Krämerordnung. Es wurde nicht bloss ausgeführt, 
sondern auch eingeführt, vor allem versorgte Zwickau das Gebirge mit 
Getreide. Herzog sagt darüber ^) : Wichtig war von jeher und ist noch 
jetzt der an den beiden Wochenmärkten auf dem danach genannten 
Kommarkte betriebene Getreidehandel, hinsichtlich dessen Zwickau eine 
Art Stapelrecht besass, kraft dessen Fuhrleute, welche Getreide aus dem 
Niederland ins Gebirge schafften, es in unserer Stadt zuvor an drei Markt- 
tagen nacheinander mussten feilbieten. An den Getreidehandel knüpfte 
sich eine schvninghaft betriebene Bierbrauerei, die 1421 durch Bier- 
bann geschützt wurde. Gleichzeitig erhielten die Handwerker die Bann- 
meile ; besonders blühte das Gewerbe der Tuchmacher, die schon 1348 
vom Rate Statuten erhielten. Aus Zwickau (Rochlitz und Grossenhain) 
werden 1469 Färber und Tuchmacher zur Hebung des Tuchmacher- 
gewerbes nach Leipzig gerufen*). 

Diesem Aufschwung des Handels und der damit verbundenen 
Blüte des Gewerbes, dem der Handel Rohstoffe und Absatz brachte, 
geht zur Seite die Entwickelung der rechtlichen Verhältnisse. Zwar 
wurde Zwickau 1348 wieder Landstadt der Wettiner; doch schadete 
ihm das nicht. Die Stadt hatte vor 1368 schon selbständiges Recht, 
da der Herr von Elsterberg in diesem Jahre seiner Stadt freies Erb- 
und Kaufrecht verleiht, wie es die in Zwickau haben. 1444 erwirbt 
die Stadt vom Landesherren die oberen und niederen Gerichte innerhalb 
and ausserhalb der Ringmauern für die hohe Summe von 4000 rheinischen 
Ghilden. 1477 bestand ebenso wie in Leipzig zu Zwickau eine Kleider- 
ordnung. Es war damals eine grosse Stadt. Als es sich 1470 weigerte, 
zwei Groschen Kanzleigebühr für die Ratsbestätigung zu bezahlen, wird 
ihm von der Landesregierung vorgehalten, dass weit geringere Städte, 
wie Dresden und Rochlitz, ebensoviel zahlen^). 



*) SüBsmilch-Hörnig, Erzgebirge, S. 556. 

») C. d. S. r. II, 8, 291. ') Herzog a. a. 0. 1, 245. 

*) C. d. S. r. II, 8, 426. 

*) Posse, Ratsverfassung Dresdens i. A. f. s. G., N. F. 2, 1876, S. 193. 



224 



A. Simon, 



[52 



In Zwickau vereinigte sich also die Lage in fruchtbarer Um- 
gebung und an einem wichtigen Eingangsthor zu dem der Entwickelung 
fähigen und bedürftigen Gebirge mit der Lage an einer bis ins 16. Jahr- 
hundert sich immer hebenden Handelsstrasse, die von einem alten Wege 
hier gekreuzt wurde, um aus dem alten slawischen Handels- und Yer- 
waltungsmittelpunkt eine Stadt erstehen zu lassen. Dieselben Momente 
finden wir bei Chemnitz wieder. 

Die Benediktiner aus dem Kloster Pegau, die 1136 unter dem 
Kaiser Lothar das Kloster auf dem Berge beim alten Dorfe Kazneniz 
gründeten, hatten wohl von vornherein ihr Auge auf den jedenfalls 
schon damals hier betriebenen Handel gelenkt, der viel Zoll abwerfen 
musste an einem Punkte, wo die Strasse von Zwickau (1118) sich trifil 
mit der alten Strasse von Merseburg-Leipzig her nach Böhmen, die 
Thietmar für das Jahr 982 aufs bestunmteste , 1004 jedenfalls wieder 
erwähnt ^). Schon sieben Jahre nach der Gründung des Klosters Hess 
sich der Abt von Kaiser Konrad III. ein forum publicum in .loco'' 
Kameniz, einen öffentlichen Markt in dem nicht befestigten, wahr- 
scheinlich erst angelegten Ort, Chemnitz, bestätigen, dessen Erträgnisse 
dem Kloster zuflössen. Den Einwohnern des Marktortes wurde Zoll- 
freiheit für ihre Waren innerhalb aller kaiserlichen Länder bewilligt 
Das Kloster sorgte auch für den nötigen Schutz des Marktfleckens; 
es wies alle Gotteshausleute, die Einwohner der zwanzig Klosterdörfer 
der Umgebung an, die Stadt umbzcewnen zu helfen. Dafür sind die- 
selben an den Markttagen zollfrei und dürfen bei lantgefluchten sich 
in die Stadt retten. 1331 heisst es: Wenn die Stadt zu voll sein 
würde, sollen die Klosterleute liegen zwischen der Stadtmauer und 
demselben zewne ^). Also war innerhalb der Zäune noch eine Mauer 
errichtet worden. Als später infolge der stärkeren Befestigung von 
1453, bei welcher der Landesherr die Stadt mit Kalk und Holz unter- 
stützte, keine Zäune mehr gebraucht wurden, sollten nach einem 
Schiedsspruch der Leipziger Schöffen von 1457 die betreffenden Land- 
leute Entsprechendes leisten, aber zollfrei bleiben. 1254 war die Stadt 
jedenfalls lange befestigt, civitas. 1204 wird ausserhalb der Mauer 
eine zweite Kirche genannt. Die Jakobikirche innerhalb der Mauern 
ist ecclesia parrochialis et forensis, Marktkirche ^) ; die Umgebung sollte 
also von hier aus kirchlich verwaltet und gefördert werden, sie strömte 
hierher zusammen zum Gottesdienst (Ablass), zur Eorchweih, zum Tausch- 
handel, zum Gericht nach der Urkunde von 1831 : „Das Landding der 
Klosterleute ist wieder gelegt auf den Niklaskirchhof bei der Stadt; 
dieselben sollen dreimal jährlich Urteil erholen in der Stadt, wenn sie 
es nicht selbst finden. An den drei Tagen des Landdings, an der 
samenunge tage ^), an der stat kirmesse tage, zu Pfingsten und Weih- 
nachten, am Jahrmarkt sollen dieselben in der Stadt nicht aufgehalten 
werden; dafür ist in diesen Dörfern, ausser in sechs besonders be- 
nannten, kein cretzschmer, Schankwirt; die Handwerker daselbst dürfen 



>) Thietmar 1, 3; 4, 8. Schurtz, Pässe, S. 43. 44. 

«) C. d. S. r. n, 6, 303. 13. ») C. d. S. r. H, 6, 175. 176. 1. 2. 

*) Im 14. Jahrh. = Eonventstage. Siehe Wiegand, Deutsches Wörterbuch» 



k. 



53] Die Yerkehrsstrassen in Sachsen. 225 

ausser am Jahrmarkt keine Waren zur Stadt bringen/ 1334 wird 
wieder innerhalb einer Meile um die Stadt Schankwirten, Schustern, 
Schneidern, Schmieden und anderen das Handwerk verboten ^). Der 
obengenannte Jahrmarkt und Ablass, der auf den Tag des Heiligen 
der Marktkirche (St. Jakob) fiel, wird 1412 bestätigt, der Stadt aber 
zugleich noch ein achttägiger freier Jahrmarkt gewährt, der wieder an 
einem besuchten Kirchentage, am Sonntag nach Allerheiligen, beginnt^). 

Die Stadt war also der natürliche, aber auch der gesetzlich ge- 
ordnete Mittelpunkt für die Umgebung in kirchlicher und wirtschaft- 
licher Beziehung. Nach den ZoUregistem von 1442 ^) kam hierher 
aus der Umgegend Vieh, Pech, Bau- und Brennholz, Lohe, Garn und 
Leinwand, Tuch, das hier geschoren wurde, Obst, Wachs, aus den Berg- 
werken Blei, Kupfer, Zinn. Aus der Fremde kam Hopfen, Bier, Salz, 
das auf dem Markte dem Landvolk gemessen verkauft wurde, Gewürze, 
Tuche, Leder, Wein, Getreide, letzteres besonders aus Böhmen. 1469 
wird den Bürgern wegen Misswachs diesseits des Gebirges gestattet, 
Getreide und anderes Nötige von den ketzerischen Böhmen zu kaufen. 
Chemnitz versorgte seine gesamte Umgebung, wenn nötig, mit Getreide. 
Die Bürger suchten diese Stellung nach Kräften zu fördern. 1393 
brachten sie, begünstigt durch die bequeme Handelsverbindung über 
Altenburg nach Leipzig und Halle, den Salzhandel für alle umliegenden 
Orte, jedenfalls auch einen grossen Teil des Salzhandels nach Böhmen 
an sich. 1431 wird von durchfahrenden Salz wagen ein besonderer 
P^asterzoll, zugleich ein Durchgangszoll erhoben. 1480 schreibt der 
Kurfürst : Ihr habt uns berichtet, dass die von Böhmen mit den Chem- 
nitzern vaste handeln mit kaufen und verkaufen. So gross wurde der 
Salzhandel, dass Chemnitz selbst Zwickau, so oft Salzmangel daselbst 
eintrat, versorgen konnte *). Vor allem aber wiu-de Chemnitz Mittel- 
punkt der Leinenindustrie. Die Vorbedingungen waren damals der 
Flachsbau der fruchtbaren Umgebung und die gute Handelsverbindung 
nach allen vier Himmelsrichtungen, welche den Absatz ermöglichte, 
besonders nach Leipzig und Naumburg, wie aus einer Verordnung des 
Rats von 1451 hervorgeht: Die Leinwand soll so zeitig gebleicht wer- 
den, dass sie für die Jahrmärkte in Naumburg und Chemnitz und die 
Michaelismesse in Leipzig fertig wird ^). 

Im Jahre 1357 wurde nämlich von zwei Freibergern, einem Mitt- 
weidaer und einem Chemnitzer Kapitalisten zusammen mit dem Berg- 
kloster eine Bleiche zwischen der Stadt und dem Kloster eingerichtet, 
nach welcher auf markgräfliches Gebot die Orte im Umkreis von 
zehn Meilen ihre Waren zur Bleiche bringen mussten. Garn, Flachs, 
ungebleichte Leinwand durfte nicht ausgeführt werden. Die Bleiche 
brachte nach den angegebenen Taxen dem Markgrafen und den Unter- 
nehmern grossen Gewinn; 1445 betrugen die Erträgnisse der Bleiche 
für den Landesherren 100 Schock Groschen. 1390 waren es schon 
drei Bleichen. Kein Wunder, dass die Übrigen Städte sich des Zwangs 
zu erwehren suchten. 1449 bleichen die von Rochlitz selbst; die von 



') C. d. S. r. II, 6, 13. 14. «) a. a. 0. 82. «) a. a. 0. 132. 
*) a. a. 0. 201. 282. *) a. a. 0. 157. 



226 



A. Simon, 



[54 



Mittweida bleichen Sleuwer (Schleier); es wird ihnen dies für ihre 
eigenen Fabrikate nachgelassen, aber die Bleichen zu Leisnig, Geithain, 
Grimma, Golditz, Mittweida (für Leinwand), Frankenberg, Penig und 
Hainichen werden unterdrückt. 1452 werden auf Betreiben der Chem- 
nitzer fremde Gamauf käufer aufgehalten, ihr Ghit weggenommen. Nach 
1456 wird Frankenberg, Hainichen, Oederan verboten, ungebleichte 
Waren nach Böhmen auszuführen ^). Der Hauptsitz des Gamhandels, 
auch der Weberei war, weil die Bleiche am Orte war, natürlich Chem- 
nitz. Darum zog sich dahin eine grosse Schar der BeTölkerung aus 
der Umgebung, aber auch aus grösserer Feme; 1426 heisst es, da&s 
Männer aus Ellbogen, Aussig, Prag, Komotau, Tachau, Schlacken- 
werth, Eaaden, Schweidnitz, aus Würzburg, Forchheim, Magdeburg 
nach Chemnitz wanderten, darunter auch viele Tuchmacher. Das Leinen- 
gewerbe hob die Stadt, und diejenigen, welche es förderten, erwarben 
sich selbst Ansehen. Daher werden die sonst verachteten Leineweber 
1456, zunächst die in Chemnitz, Rochlitz, Mittweida, für ehrlich er- 
klärt, was 1477 wiederholt wird. Der Innung der Chemnitzer Leine- 
weber treten später (1557) die von acht Städten bei, darunter Leipzig. 
Ihre Statuten werden 1589 den Innungen von 22 weiteren Städten 
vorgeschrieben ^). Chemnitz war also damals schon Mittelpunkt und 
Vorort eines wichtigen Zweiges der Weberei. Auch die Tuchmacher 
hatten daselbst seit 1470 eine Ordnung mit Vorrechten *). Dass hier 
die Bergprodukte der Umgebung zusammenflössen, ist schon angedeutet. 
Ein Teil derselben wurde ja auf Gütern des Bergklosters gewonnen, 
wie aus der oben angeführten Verleihung vom Jahre 1226 hervorgeht. 
Von hier holten Fremde, namentlich Nürnberger, das Metall ab. Darum 
wurden in Chemnitz selbst die Erze zum Teil verhüttet; 1471 wird 
vor dem Chemnitzer Thor eine seygirhutte, Schmelzhütte, errichtet, 
namentlich für Kupfer aus Geyer; ein Augsburger Bürgerssohn ist 
dabei beteiligt. 1477 erbaut ein Bürger aus Chemnitz mit seiner «Ge- 
sellschaft* einen Hammer. Für den Fremden war Chemnitz die Industrie- 
stadt Meissens. Hier wurde 1398, veranlasst jedenfalls durch Nürn- 
berger, die Papiermühle angelegt mit Privileg für alle Meissner Länder, 
das bis 1500 in Kraft blieb *). 

Dieser Entwickelung des Handels und der Gewerbsthätigkeit ent- 
spricht das Gedeihen der städtischen Einrichtungen. Die ersten Ein- 
wohner des locus Kameniz mögen zum Teil fränkische Kolonisten ge- 
wesen sein, die mit den Pegauer Mönchen herbeizogen. Dazu kamen 
bald Hörige aus den Klosterdörfem. Noch im 13. Jahrhundert waren 
nach den Zinsregistern ^) 15 Zinspfhchtige in der Stadt, darunter auch 
Wachszinsende, die meist hörig waren. Aber Handel und Handwerk 
Hessen die Einwohner bald frei werden. 1254 ist der Ort befestigt, 
1290 wird er freie Reichsstadt; 1298 erscheinen urkundlich magister 
civium, consules (Ratsmitglieder), cives. Zwar wurde schon nach der 



') a. a. 0. 20. 23. 24. 58. 137. 145. 157. 160. 173. 
'j Zöllner, Geschichte von Chemnitz, S. 100. 201. 
») C. d. S. r. II, 6, 205. *) a. a. 0. 307. 222. 267. 66. 
*) Zöllner a. a. 0. S. 12. 



55] I^i^ Verkehrsstrassen in Sachsen. 227 

Schlacht bei Lucka Markgraf Friedrich von Meissen thatsächlich Be- 
sitzer der Stadt; aber der Verlust der Reichsunmittelbarkeit wurde vom 
Liandesherm durch eine grosse Reihe von Vorrechten für Handel und 
Gewerbe wett gemacht. Die Stadt wuchs durch den erwähnten Fremden- 
zufluss; der Markgraf nimmt 1354 alle, welche in die vom Feuer zer- 
störte Stadt ziehen, woher sie kommen mögen, in ihren Rechten und 
Geschäften in seinen Schutz. Es mangelt der Stadt bald an Platz. 
Trotzdem werden 1352 für Neubauten alle gybel vnd uberschus ver- 
boten; auch werden steinerne Giebel verlangt^). Die Strassen, beson- 
ders die vier Landstrassen, das sind die, deren Zoll, Geleit und Ge- 
richt dem Landesfürsten gehört: von Zwickow gein Freiberg, von Alden- 
bm^, auf die Cschape (Zschopau) gein Behem, sind zwar nicht gebaut 
nach heutigem Begriff; aber sie werden 1449 auf kurfürstliches Geheiss 
mit bowmen, struechen, uff geworffen graben oder andern zceichen uff 
beiden syeten gereit vormerckt; sie sollen so breit sein, dass geladene 
rustwayne nebeneinander auf- und abfahren und einander ausweichen 
können^). 1423 kauft die Stadt von Friedrich dem Streitbaren die 
gesamte Gerichtsbarkeit, hohe und niedere, mit allen Einkünften nebst 
dem Zoll, den man Orber (Urbar) nennt. Der Abt des Bergklosters 
hat 1449 nur das Gericht und den dritten Pfennig (ein Drittel der 
Gerichtsgefälle) in seinen Dörfern, der Rat in der Stadt. 1474 zählte 
letztere 329 ansässige Leute in, 132 vor der Stadt, 1487 325 Wirte 
in der Stadt ^). Sie mochte nach Freiberg und Leipzig die grösste 
Stadt Sachsens sein. 

Die übrigen Städte des Erzgebirges treten gegen Zwickau, Chem- 
nitz und Freiberg zurück. Sie verdanken, abgesehen von Bergstädten, 
verschiedenen Ursachen ihre Entstehung. Die Strasse Zwickau- Chemnitz 
hüteten auf der Höhe zwischen Hülsen- und Lungwitzgrund und nicht 
weit von ihrem Einbiegen in letzteren die Burgen Lichtenstein (im 
13. Jahrhundert erbaut) und Hohenstein. Dieselben waren zugleich 
Orenzfesten für die Besitzungen der Herren von Waidenburg. Unter 
ihrem Schutze entstanden die Doppelstädtchen Callenberg-Lichtenstein 
und Hohenstein-Emstthal. Weiterhin entstand in der Mitte zwischen 
Chemnitz und Freiberg , am Kreuzungspunkt mit der vorteilhaftesten 
unter den natürlichen Strassen über das Erzgebirge Oederan, das schon 
1286 befestigt war: civitas seu oppidum Öderen wird ohne Zoll und 
Geleit, aber mit Zins und Weichbild verpfändet^). Castrum Tarantum 
(Tharandt), genau in der Mitte zwischen Freiberg und Dresden, wurde 
von der grossen Strasse nordwärts umgangen. Es hütete wohl seit alter 
Zeit (urkundlich zuerst 1242) ^) die Thalwege der beiden Weisseritz, 
die sich hier treffen. 

Die Strassen über das Erzgebirge hat Schurtz genau verfolgt. 
Von Altenburg führte eine Strasse nach Zwickau, dann an der Mulde 
entlang bis Wiesenburg, wo sie sich teilte. Ein Zweig ging über 



*) C. d. S. r. II, 6, 1. 3. 7. 14. 18. 

^ a. a. 0. 147. ») a. a. 0. 98. 147. 254. 

*) Märcker, Burggrafentum Meissen 1842, S. 187. 

■) Hey, Slawische Ortsnamen 1883, S. 34. 



5 



228 



A. Simon, 



[56 



Eirchberg und dann jedenfalls über Eibenstock und Friebus nach 
Böhmen; bei Wildenthal, oberhalb Eibenstock, führt ein alter, längst 
verlassener Weg, der hoch am linken Thalrand hinführt, den Namen 
Karlsbader Weg. Der andere Zweig zog nach dem Aufblühen Schnee- 
bergs dorthin, dann über Aue nach Schwarzenberg. 1348 wird castrum 
Wisenburg, castrum et opidum Kirperg, 1359 Wisenberg und Kirch- 
berg daz stetchin zusammen genannt. Eine dritte Strasse zog von 
Wiesenburg wahrscheinlich am Zschokener Bach hinauf nach Wilden- 
fels, Hartenstein, Lössnitz und Grünhain, von da entweder nach Schwar- 
zenberg oder nach Südosten. Wildenfels war 1119 im Besitz eines 
Unarch de Wilden, 1322 ist ein ünarch de Wildenfels Zeuge in einer 
Schenkungsurkunde des Klosters Grünhain ^). Hartenstein war Mittel- 
punkt der Besitzungen der Burggrafen von Meissen, welche von hier 
aus um 1236 Kloster Grünhain gründeten, dasselbe 1240 mit zehn 
Dörfern in der Umgegend begabten. Seit 1286 war Hartenstein sogar 
Residenz des Burggrafen Meinher IIL von Meissen. 1339 kam zwi- 
schen dem Burggrafen und dem Markgrafen eine Einigung über die 
Bergwerke auf den Gütern der Grünhainer Mönche zu stände^). Das 
Grünhainer Kloster erwarb später Besitzungen in Böhmen, die 141 *) 
gegen Schiettau mit den Dörfern Granzahl, Cunnersdorf, Sehma, 
Waltersdorf und Königswalde ausgetauscht wurden ^). Diese Nachricht 
befestigt die Annahme bei Schurtz ^), dass in dieser Zeit ein We^ von 
Grünhain nach Schiettau, Jöhstadt und Kaaden geführt habe, an welchem 
diese Besitzungen liegen würden; dabei ist entweder der oben be- 
sprochene Pressnitzer Pass benutzt worden, der zunächst nach E^österle 
führt, oder einer im Südosten von Pressnitz, der 33 m höher ist, aber 
in einem weniger steilen Abstieg geradlinig nach Kaaden führt. Dass 
ein Weg vom Mittelpunkt der burggräflichen Besitzungen, Hartenstein, 
nach dem wichtigsten Klosterort der Herrschaft, Grünhain, bestand, ist 
wahrscheinlich, das wäre auch die natürlichste Verbindung mit Zwickau, 
wo die Mönche lange vor dem Aufblühen Schneebergs einen Hof hatten. 
Kloster Celle war 1173 von Friedrich I. an der Grenze des Naum- 
burger Sprengeis gegründet worden. 1212 überträgt Kaiser Friedrich IL 
Schloss Schwarzenberg dem Böhmenkönig Ottokar, ein Zeichen, dass 
hier eine Verbindung mit dessen Land bestand ^). In civitate Swartzen- 
bergk wird seh 1282 vom Vogt von Gera eine Urkunde für Grün- 
hain ausgefertigt^). Der befestigte Ort und das 1372 erwähnte Schloss 
sicherte den Weg, der hier dem Thal des Schwarzwassers entlang wohl 
über den Platten-Bäringer Pass nach Karlsbad führte. 

Die nächste Gebirgsstrasse ging von Chemnitz aus , wohin man 
von Altenburg über Penig gelangte ''). Abt und Konvent zu Chemnitz 
versprechen 1313, in der vom Burggrafen Albrecht von Altenburg dem 
Kloster zugeeigneten Parochie Penig eine Propstei zu gründen. 1454 
sind dreien aus Ernfriederstorff zu Penig und Kempnicz Pferde und 

') Müller, U. V. PI. 213. 376. 424. 

2) Märcker a. a. 0. S. 226, ürk. 70. 

•) A. f. 8. G. 7, 1869, S. 60. *) Pässe des Erzgeb. S. 60. 

^) A. f. s. G. 6, 1868, 314. «) Müller, ü. v. PI. 78. 483- 

^ C. d. S. r. 6, 147, anno 1449. 



571 I^io Verkehrsstrassen in Sachsen. 229 

Harnisch genommen worden. Stadt und Abt zu Chemnitz einigen sich 
1504 wegen der Strasse, die von Penig nach Chemnitz führt ^). Penig, 
Brückenort der Mulde, stand in regem Verkehr mit Chemnitz (Leinen- 
industrie), entwickelte sich aber unselbständig und langsam; erst 1488 
wird die hölzerne Schutzwehr der Stadt vom Burggrafen von Alten- 
burg durch eine steinerne ersetzt*). Der Verlauf des Weges jenseits 
Chemnitz ist bis zum alten Czschape (Zschopau) sicher, wo derselbe 
die Zschopau erreichte. Wie man von hier weiter zog, lässt sich mit 
Sicherheit nicht mehr feststellen; jedenfalls wurden im Laufe der Zeit 
mehrere üebergänge gebraucht^). Oewiss aber waren an den Wegen 
über das Gebirge Zschopau und Wolkenstein mit ihren Burgen Deckungen 
für Strassenübergänge an der Zschopau, Zöblitz an der Pockau. Zschopau 
erscheint als Strassenpunkt urkundlich 1292 und 1449; 1292 war der 
Ort befestigt, civitas; 1407 hatte derselbe Marktrecht, 1456 wird Schloss 
und Stadtlein Zschopau genannt^). An derselben Strasse liegt das alte 
Zoblitz, das schon 1323 als Städtchen Zcobelin erscheint, aber erst mit 
der Entdeckung des Serpentins, 1546, Ruf und Bedeutung erlangte^). 
Früh wurde wahrscheinlich auch ein Weg über Wolkenstein benutzt; 
jedenfalls lief derselbe von Chemnitz aus weiter westlich als die vorige 
Strasse und überschritt hier die Zschopau. Für die frühe Benutzung 
dieses Weges spricht, dass Wolkenstein der Mittelpunkt der schön- 
bnrgischen Besitzungen im Erzgebirge, Sammelpunkt für das in der 
Umgebung gewonnene Zinn bis zum Aufblühen Ehrenfriedersdorfs und 
Geyers, femer vor Zschopau, vor 1377 Marktort mit Salzhandel war; 
sein Bad soll vor 1300 benutzt worden sein. 1425 urkundet der Bat 
der stad zcu Wolkensteyn^). In den Streitigkeiten über die Chemnitzer 
Bleiche erscheinen auch Mittweida und Frankenberg, Städte, die viel- 
leicht ursprünglich einen am Thalrand der Zschopau hinziehenden Weg 
hüteten, an dem Waldheim, Mittweida, Frankenberg, Schellenberg, 
Zschopau, Wolkenstein in ganz gleichen Abständen lagen. Im 12. Jahr- 
hundert soll in Mittweida Bergbau betrieben worden sein. Opidum 
Mittweida verpfändet Heinrich der Erlauchte 1286; 1323 überträgt 
Markgraf Friedrich das Patronatrecht über die Parochialkirche in oppido 
Myttweide dem Meissner Bischof. 1361 wird Altmittweida genannt. 
1445 berichten die Bürger daselbst an den Kurfürsten, dass sie von 
Friedrich dem Streitbaren zwei Pfennige vom Gericht erworben, den 
dritten Pfennig aber schon lange Zeit besessen haben, dass in ihrer 
Stadt also lange Zeit ein Erbgericht gewesen sei ^). In dem Streit 
über den Zehnten im Hersfelder Lehen wird 1214 burcwardus 6ozne(?) 
et Vrankenberg, 1292 castrum Frankenberg genannt ^). 



*) a. a. 0. 231. 167. 440. *) a. a. 145. 331. Herzog a. a. 0. 1, 69. 

») Schurtz, P&ase, S. 46 f. 

*) A. f. 8. G. 5, 1867, S. 267. N. A. f. s. G. 7, 1886. Jahresberichte des 
KGnigl. Lebrereemmars Zschopau 1874, 1885. 

*) C. d. S. r. II, 12, 69. Süssmilch-Hörnig, Erzgebirge, S. 386. 

^ Falke, Geschichte der Bergstadt Geyer, S. 12 ff. 

T Hauptstaatsarchiv Dresden, Urk. 6902. C. d. S. r. II, 1, 316. Märcker 
a. a. 0. 2. 187. 

•) C. d. S. r. II, 1, 78. A. f. s. G. 5, 1867, S. 242. 



230 



A. Simon, 



[58 



Vor dem Aufblühen Freibergs scheint eine alte Strasse zwischen 
den Thälern der Zschopau und Flöha im Westen und der vereinigten 
und Grossen Striegis im Osten aus der Niederung mit Vermeidung der 
Thaleinschnitte hinauf ins Gebirge geführt zu haben. Sie setzte bei 
Tragnitz-Leisnig über die Mulde, bei Harthau und Waldheim über ein 
Seitenthal und über die Zschopau selbst, bei Hainichen über die Kleine 
Striegis (die Namen Leisnig, Ort der Waldhüter, dann Harthau, Wald- 
heim, Hainichen deuten alle auf Wald), kreuzte bei Oederan die West- 
oststrasse, zog weiter aufwärts über die Zoll- oder Gerichtsstatten Dorf 
Saida, Stadt Sayda, wurde am Uebergang über die obere Flöha durch 
Schloss Purschenstein geschützt und wendete sich, etwas östlicli Tom 
Katharinenberger Pass den Kamm überschreitend, nach Brüx ^). Später 
war dieser Zug nur Nebenweg und als solcher verboten, was die Klage 
der Chemnitzer im Jahre 1456 beweist, dass rohe Leinwand und Garn 
um Chemnitz aufgekauft und nach Böhmen geführt werde, durch das 
Land der Herren von Waidenburg (über Wolkenstein, das denselben 
bis 1476 gehörte) und des alten Kaspar von Sayda Güter. Leisnig, 
das noch eine andere Strasse hütete, wird 1040 als burchwardus Lesnic, 
1112 urbs Liznich, 1292, 1323, 1324 als Sitz von Burggrafen ge- 
nannt, die zugleich Altenburg besassen und eine Münzstätte hatten. 
1373 wird hus und stad (Schloss und Stadt) unterschieden. Im 
15. Jahrhundert gehört es zu den Städten, die mit Chemnitz in der 
Leinwandindustrie arbeiten und kämpfen*). 1430 hatte es Anteile am 
Stadtgericht erworben, 1445 kauft es die zwei Pfennige des Kurfürsten^. 
Waldheim war 1286 civitas seu oppidum, hatte Geleit, StrassenzoU und 
Weichbild. 1 324 kommt stat Waltheim in Besitz der Burggrafen von 
Leisnig und Altenburg, die diese Strassen beherrscht haben mögen; 
1404 wird daselbst das Augustinerklöster gebaut^). Hainichen ist 
jünger, es war 1335 noch villa forensis, Marktflecken; 1449 im Streit 
mit Chemnitz wird es Stadt genannt^). Sayda ist wie Leisnig und 
Oederan alt; 1213 erscheint ein Theodoricus camerarius (vielleicht Zoll- 
einnehmer) de Sytin, 1263, 1275, 1278, 1286 andere Herren de Syden 
als Zeugen. 1289 wird Sayde castrum et civitas, 1324 Haus und Stadt 
Saydowe neben dem Haus zu Borsenstein mit Cynseifen (Seifen), mit 
tzolle, mit gerichte genannt. 1442 wird sein Stadtbrief bestätigt^. 

Nach Freiberg, der grössten Stadt Sachsens im 15. Jahrhundert, 
führten natürlich aus der Ebene herauf verschiedene Wege, ebenso von 
hier aus verschiedene nach Böhmen. Doch wurde unter denselben bald 
je einer der vorgeschriebene, unterhalb Freiberg, der über Rosswein 
und Nossen, oberhalb der Stadt, der über Frauenstein und durch Bären- 
steiner Gebiet nach Teplitz; auf der Strecke von Rosswein bis Frauen- 
stein giebt noch Zürner diesen Weg als Postweg^). Nur ging die 



») Schurtz, FÄBse, S. 26 ff. 

«) C. d. S. r. T, 1, 90, 8. XXVIII; II, 4, 24; II, 8, 22; U, 6, 145; II, 12, 69. 

*) Hauptstaatsarchiv Dresden, U. 6902. 

*) Märcker a. a. 0. 1, 187. Müller, U. v. PL 222. 

*) Müller ü. V. PI. 335. 

«) Hauptstaatsarchiv Dresden, ü. 1244. C. d. S. r. II, 12, 20; II, 6, 173. 

') Zürne r, Neue ChursÄchs. Postcharte 1730. 



59] ^ie Verkehrsstrassen in Sachsen. 231 

Strasse vielleicht früher von Rosswein direkt nach Freiberg und ver- 
band sich erst in Yogtsberg oder Orossschirma mit dem von Meissen, 
später auch über Lommatzsch heranziehenden Weg. Auf ersterem kamen 
die Salzwagen aus Halle (1472), die Leipziger und Zwenkauer Kauf- 
leute (1291) nach Freiberg; auf letzterem fuhr man aus Frankfurt a. 0. 
über Grrossenhain und Meissen oder über Herzberg und Lommatzsch 
Heringe und andere Fische heran (1253, 1472)^). Alle mussten an 
der Zollstatte beim Rossweiner Thor in Freiberg Zoll entrichten. Jen- 
seits Freiberg gab es wohl neben der vorgeschriebenen Frauensteiner 
Strasse noch einen Weg, der am linken Thalrand der Mulde hinlief, 
vom Clausnitzer Seitenthal hinüber ins obere Querthal der Flöha 
(Georgenthal- Fleyh) führte und den Kamm im Riesenberger Pass (über 
826 m) überstieg. Das geht deutlich daraus hervor, dass sich 1468 
die Kreuziger von Freiberg gen Resenburg und Gruppen (Graupen) 
zurückzogen, um dort den Böhmen aufzulauern '). Rosswein und Nossen 
deckten mit ihren Burgen Muldenübergänge. Ersteres erscheint 1220 
zuerst urkundlich, war 1286 befestigt (1286 civitas seu oppidum Russ- 
win, 1292 castrum et civitas), auch kirchlich selbständig (1296 pleba- 
nus in R.). 1421 bekommen die Tuchmacher in Rosswein zugleich 
mit denen in Wolkenstein Innungsartikel '). Nossen wird kaum älter 
sein, erscheint aber urkundlich früher wegen der Nähe des Klosters 
Altzelle, mit dem die Herren de Nuzin, Nossin, wegen des Waldes von 
1209 — 1228 in Streit lagen. 1268 werden Vlricus et Heinricus, milites 
de Nvzin mit castrum Nvzin belehnt; 1315 war es ein Städtchen, 1319 
ist castrum Nuzzin im Besitz des Meissner Bischofs^). Jenseits Freiberg 
und seinem Muldenübergang zog die Strasse auf dem Höhenrücken bis 
Frauenstein, um von hier aus ebenso weiter zu ziehen auf Zollhaus, 
Niklasberg, Teplitz, oder um cfie in der Nähe der Quellen weniger tief 
eingeschnittenen Wasseradern der beiden Weisseritz quer zu über- 
schreiten bis Bärenstein. Darum war der Trennungspunkt Frovensteyn 
frühzeitig durch ein castrum, hues, gedeckt, das 1266, 1275 und später 
oft erwähnt wird. Die Belehnung der Brüder Johannes und Heinrich 
von Sayda, die in Strassengericht und Zollangelegenheiten Erfahrungen 
haben mochten, mit der Burg Frauenstein durch Heinrich den Er- 
lauchten 1272 weist auf seine Bedeutung hin. Durch den Bergbau in der 
Umgebung wurde es auch gefordert; die Bergwerke im Frauensteiner 
Bezirk werden 1335 versetzt an den Burggrafen von Meissen; in dem- 
selben Jahre werden die entdeckten Silbergruben erwähnt. Im Ver- 
trag von 1339 bedingt der Burggraf aus: Freiheiten und Rechte, die 
den Leuten gegeben werden, die das Bergwerk im Gericht Vrowen- 
stein bestellen und bauen wollen, bleiben bestehen, wenn der Mark- 
graf dasselbe wieder löst. 1381 wurde Frauenstein sogar Sitz eines 



») C. d. S. r. II, 12, 16. 43. 46. 354. 359. 410. 415. 

*) Schurtz, Pässe, S. 30 ff. C. d. S. r. II, 12, 352. 354. 

«) Märcker a. a. 0. 1, 187. C. d. S. r. II, 5, 8. A. f. s. G. 5, 1867, 
S. 233 f. 

*) Marcker a. a. 0. 2, U. 5. C. d. S. r. II, 1, 165. 308. Hauptstaatsarcbiv 
Dresden, ü. 1244. 



232 



A. Simon, 



[m 



der Meissner Burggrafen. Von Meinher VI. bekam es 1399 Weichbild- 
recht, von Burggraf Heinrich I. 1411 nach dem Muster von Dresden, 
Dippoldiswalde und Sayda Stadtrecht. 1473 wird einer Reihe kursächsi- 
scher Städte, darunter Chemnitz, aufgegeben, ihre Truppenteile in 
Frauenstein zum Zug gegen Böhmen zu sammeln^). Frauenstein war 
also ein wichtiger Strassenpunkt. Auch Lauenstein war schon 1249 
befestigt; nach Süssmilch-Hörnig sind die Burgen Bärenstein und Lauen- 
stein im Müglitzthal, durch welches oder an welchem entlang wahr- 
scheinlich einst die Strasse von Dohna heraufzog, um 1100 errichtet 
worden. Die Orte hoben sich etwas, als im Gebiete der Herren 
von Bärenstein in der Mitte des 15. Jahrhunderts Zinnlager entdeckt 
wurden. 

Als die nächste natürliche Strasse, welche aus der Mark Meissen 
nach Böhmen leitet , ist die Elbe zu betrachten. Es handelt sich fur 
uns darum, nachzuweisen, seit wann dieselbe als Fahrstrasse benutzt 
wurde. Die erste urkundliche Nachricht, vom Jahre 983, sagt, dass 
bis zum Hafen von Meissen Zoll erhoben wird: a civitate, quae dicitur 
Belgora (Beigern), usque ad Misnensis ecclesiae portum sursum inde- 
que . . . deorsum^); dies kann kaum anders als auf stromauf- und 
stromabwärts fahrende Schiffe gedeutet werden. Natürlich wurde auch 
weiter stromauf damals die Elbe befahren. Zu den Vorrechten, welche 
Markgraf Heinrich, wahrscheinlich vor 1265, der Stadt Pirna gewährte 
die hernach ausführlich von Johann von Böhmen bestätigt werden, ge- 
hört auch das Niederlagsrecht von Schiffsgütem. Nur fehlen die Nach- 
richten bis 1291; da kommt Pirna in Besitz des Stiftes Meissen, hierbei 
wird die Niederlage der Wagen und Schiffe, die auf- und abwärts- 
fahren, für Salz, mag dasselbe zu Wasser oder Lande kommen, für 
Getreide und Eaufmannschatz erwähnt^). 1292 bitten die Bürger zu 
Frosa, Schönebeck, Calwe und Barby, Städten an der Saalemündung, 
den Bischof, es in ihren Handelsgeschäften in Pirna, namentlich im 
Verkauf von Salz und im Einkauf von Holz, beim Herkömmlichen zu 
belassen. In demselben Jahre wird ein Streit geschUchtet zwischen 
dem Meissner Bischof und Friedrich, dem Besitzer von Dresden, über 
die exoneratio navium, vulgariter niderlage dicitur: vorläufig sollen die 
Schiffe noch frei bis Pirna fahren, ohne in Dresden angehalten zu wer- 
den; das weist auf eine lange bestehende Schiffahrt Pirnas, auf- und 
abwärts. Nach den Zollbestätigungen von 1325 fahren Schiffe von 
Magdeburg aufwärts bis Pirna, namentlich Salz, löschen hier und laden 
Holz, Steine und Eaufmannsgut, dabei wird das nach Magdeburg ge- 
führte Holz besonders erwähnt. Da dabei auch andere Schiffe genannt 
werden, die nicht aufwärts gefahren sind, doch in Pirna ausgeladen 
haben, so müssen wir annehmen, dass auch weiter aufwärts längst 
Handel betrieben wurde, zumal alles nur Bestätigungen bestehender 
Einrichtungen sind^). 1352 ergeht an die Eibstädte, auch an Pirna. 

Hauptstaatearchiv Dresden 1244. C. d. S. r. II, 12, S. 19; II, 6. 243. 
Märcker a. a. 0. 1, 118. 239 ff. u. U. 70. Gebauer, Volkswirtschaft i. Königr. 
Sachsen 466. 

«) C. d. S. r. I. 1. 33. ») C. d. S. II, 5^, 3. 15; II, 1, 235. 

*) C. d. S. r. II, 5^ 16; II, 5«, 8. 



61] Die Yerkehrsstrassen in Sachsen. 233 

und an den Burggrafen des Eönigsteins und Schreckensteins (bei Aussig) 
das Ersuchen, das Schifferprivileg für Melnik (an der Moldaumündung) 
zu befolgen. Die Bürger von Pirna führen nach einer Urkunde von 
1359 ihre Waren zu Wasser (und zu Lande) nach Böhmen und ver- 
zollen dieselben in Tetschen; 1373 wird denen von Leitmeritz (an der 
Egermündung) gestattet, Getreide auf der Elbe zu fahren: nur müssen 
sie die Niederlage zu Pirna halten ^). Seit Mitte des 14. Jahrhunderts 
wurde also sicher die Elbe von der Moldaumündung abwärts allent- 
halben als Schiffsstrasse benutzt. Die Festen, fortalitia, Schreckenstein, 
Winterstein (?), Lilienstein, Königstein, Wehlen schützten dieselbe^). Auf 
der Strecke von Magdeburg bis zur Moldaumündung gab es eine grosse 
Niederlage, an welcher alle Schiffe aus- und eingeladen werden mussten, 
nämlich in Pirna: das von Magdeburg aus in Schiffen aufwärts geführte 
Salz gab f&r 100 Mass, soch (Sack) genannt, in der Meissner Zollstätte 

2 Dickpfennige, zu Pirna 34. Die Dresdener kämpften dagegen an; 
doch vereinbaren sie 1392 mit Pirna: Sie wollen einander auf der Elbe 
und zu Lande nicht hindern, die Niederlage auf der Elbe, die Pirna 
von jeher gehabt, soll bestehen bleiben, so dass alles Getreide und Gut 

3 Tage zu Pirna liegt. Die von Kaiser Friedrich III. für Hajn oder 
Dresden gestattete, 1455 nach Dresden gelegte Niederlage nennt nur 
Wagen (sie ist früher in Brüx gewesen)*). 

So ist innerhalb unseres Gebietes, in der hier behandelten Zeit 
Pirna der eigentliche Eibhafen. Die natürlichen Ursachen hierfür sind 
nicht schwer zu erkennen: bei Pirna endigt der Durchbruch der Elbe 
durch das Sandsteingebirge, welcher von der Schiffahrt mancherlei 
Hindemisse wegen zuletzt erst benutzt wurde; unterhalb Pirna ist das 
Elbthal allenthalben weit, die Schiffe konnten bei der Bergfahrt früh 
durch Menschen und Tiere vom Ufer aus im Fortkommen unterstützt 
werden; bis hierher wurde die Elbe für die Zeit, da Eis, Eisgang, 
Hochfluten oder allzu niedriger Wasserstand die Schiffahrt hemmten, 
von einer Strasse begleitet, die zumeist auf dem linken, nur zwischen 
Dresden und Meissen auf dem rechten Ufer hinlief, während bis zum 
Bau der Eisenbahn Dresden-Bodenbach (1848 — 1851) keine Fahrstrasse 
die Elbe von Pirna aufwärts begleitete. «Die Elbe war bei weitem 
nicht 80 fruchtbringend für die Städtebildung in Sachsen wie die uralte 
Landstrasse von Norden nach Süden* (Leipzig-Hof)*); aber Pirna ver- 
dankt in der That in erster Linie der Elbe und dem Gebirge, aus dem 
diese hier heraustritt, seine Entstehung. Dazu kommt in zweiter Linie 
seine Lage an einem Punkte des Gebirgsrandes, wo Flüsse münden, die 
früh wenigstens teilweise zum üebergang über das Gebirge benutzt wur- 
den^). Allerdings beherrschte den ältesten derartigen Weg, den von 
Kulm, wohl zuerst Dohna, wahrscheinlich einst Mittelpunkt des Gaues 



*) C. d. S. r. II, 5 ^ 32. 44. 47. 

«) C. d. S. r. n, 5\ 87. 56. 59: 1352, 1391, 1396, Schreckenstein, Winter- 
Btein, Lilienstein, Eönigstein. a. a. 0. 56. 65: 1269, 1271. 1391, castrum Wilin. 
8lo8z Welin und Pirna von König Wenzel verpfändet. 

•) C. d. S. r. II, 5*, 95. 278. 

*) Zur Geflchichte der Hohen Landstrasse im A. f. s. G. 7, 1869, S. 113. 

') Scburtz, Fiaae, S. U ff. 



234 



A. Simon, 



[62 



Nisani. „Die Burggrafschaft Dohna, die sich nach und nach zu grosser 
Bedeutung erhob, verdankt ihren Ursprung unbedingt dieser Strasse, 
zu deren Deckung die Burg in unbekannter Zeit angelegt wurde*", 
sagt Schurtz ^), der sonst den Satz vertritt: «Die grosseren Städte und 
Verkehrsmittelpunkte am Fusse des Erzgebirges verdanken nicht den 
Gebirgsstrassen ihre Entstehung.^ Die Feste (civitas) Donin wird 
schon 1075, dann 1107 und 1120 genannt. Der Schöppenstuhl f&r 
die weiten Besitzungen, schon 1825 genannt, wurde nach Zerstörung 
der Burg und nach Vertreibung der Burggrafen durch den Markgrafen 
von Meissen 1402 im Jahre 1403 in die Stadt Dohna verlegt und be- 
stand noch lange nachher *). Nun hörten zwar die Plackereien auf der 
Strasse von Dohna auf, aber auch der Handel selbst; denn dieser wurde 
vom Markgrafen auf Pirna geleitet, das die Funktion Dohnas nunmehr 
ganz übernahm. Die Strasse hatte von Mügeln an der Elbe, an Dohna 
vorüber, zuerst ein Stück an der Müglitz aufwärts geführt, dies enge 
Thal aber dann verlassen, um von Liebstadt ab im Thal der Seidewitz 
über Breitenau den Kamm des Gebirges entweder am Mückenberg oder 
über Schönwald-Töllnitz zu übersteigen^). 

Von Pirna aus wurde schon lange vorher Handel über das Ge- 
birge nach Böhmen betrieben. Pirna war ein wichtiger Salzmarkt 
Hier vereinigte sich das zu Schiffe von Magdeburg und das zu Wagen 
von Halle herzugeführte Salz (1825 in den Zöllen genau geschieden), 
wurde hier vermessen und dann weitergeführt, vor allem nach Böhmen, 
wie der Ausdruck „böhmischer Zoll vom Salz** beweist, in früherer 
Zeit meist oder nur zu Wagen; nach demselben Zolltarif werden Honig 
(besonders von Dresden und Bautzen kommend), Fische und Heringe 
(von Magdeburg), Flachs und Leinengarn nach Böhmen zu Wagen ge- 
bracht oder getragen, von dort dafür, ausser Getreide, das zu Schiffe 
ankam, Wein, Häute herübergefahren. Die Bürger fuhren nach einer 
Urkunde von 1859 ihre Waren nach Böhmen und verzollten dieselben 
zu Eninitz (unterhalb NoUendorf); 1378 einigt sich die stat ze P^me 
mit der stat zu Vsk (Aussig) über den Wochenmarkt; das setzt einen 
regelmässigen Verkehr voraus, der aber konnte nur auf dem Landweg 
allezeit aufrecht erhalten werden. 1409 hatte der Herr von Tetschen 
Bürgern aus Pirna Getreide, Wagen, Pferde, Heringe und andere Habe 
gehindert und aufgehalten. Als 1405 Jan von Wartenberg, Herr zu 
Tetschen und seitheriger Hauptmann zu Pirna, letztere Stadt im Namen 
des Böhmenkönigs an den Markgrafen übergab und zugleich das stet- 
chen Goteloybe, ging die für Böhmen so wichtige Strasse in Meissner 
Besitz über^). Gottleuba Liegt an derselben; darauf deutet ein 1412 
erwähnter Zoll in Pirna von Wagen, die Grünholz vff den berg (Berg- 
werk) by dy Gotelobe fahren. 1429 zogen die Hussiten von Teplitz 
über Graupen nach Pirna, Dresden, Meissen. Nach der Strassen- und 



1) a. a. 0. S. 21. 

«) Böttiger-Flath, Gesch. Sachsens 1, 309. 
Süssmilch-Hörnig, Erzgeb., S. 180. 
«) Schurtz, Fasse, 19. 
*) C. d. S. r. IL 5b, 44. 46. 66; II, 5S 185. 



Lindau, Gesch. Dresdens. 



63] I^ie Verkehrsstrassen in Sachsen. 235 

ZoUordnung von 1462 sollen alle Wagen mit Gütern aus der Mark, 
der Lausitz u. s. w. auf Herzberg, durch den Hayn (Grossenhain), auf 
Lommatzsch, Meissen, Dresden, Pirna, Freiberg und andere Gebirgs- 
stadte fahren ^). Die Strasse zog also von Pirna anfangs durchs Seide- 
witzthal, dann hinüber zur Gottleuba, an Berggiesshübel und Gottleuba 
▼orbei über Hellendorf und Peterswalde nach Nollendorf (Kninitz) und 
Kulm und spaltete sich hier in einen Weg nach Aussig und einen 
nach Teplitz. Ausserdem war Pirna Fährort und Ausgangspunkt fQr 
natürliche Strassen nach östlich und nordöstlich gelegenen Städten; 
das Thal der Wesenitz, die unterhalb Pirna mündet, war der ursprüng- 
liche Führer dorthin gewesen. Die Fähre bestand lange vor 1325. 
Wenn sie im grossen Zolltarif dieses Jahres nur beiläufig erwähnt 
wird, so liegt das daran, dass erst im folgenden Jahre 132ö Pirna die 
Ueberfahrt (vectura) über die Elbe von zwei Privatpersonen käuflich 
erwirbt. Das zu Wagen von Halle herzugebrachte Salz wurde in der- 
selben Richtung weiter geführt nach Stolpen, Neustadt, Hainspach, 
Schluckenau. Diese Salzstrasse erkennt man noch in der kuifürstlichen 
Strassenordnung von 1462. Im Fährgeldtarif von 1451 wurden ausser 
Salzwagen fremde Fischwagen, Bierwagen, Zentnergut, Pech und Holz 
genannt. Deuten diese auf einen Weg nach Osten, so weisen die zu- 
gleich angeführten Hopfen- und Malzwagen nach Nordosten und Norden. 
In der That fuhren 1325 neben anderen auch Wagen aus Bautzen Honig 
nach Böhmen; 1444 bauen die Pirnaer eine Brücke über die Wesenitz 
auf Kopitzer Flur. Bis 1478 durften die Radeberger Gerste und Malz 
aus Böhmen nur bis Pirna auf der Elbe führen; von hier mussten sie 
es zu Wagen nach Hause fahren; jetzt wird ihnen gestattet, ihre 
SchifiFe, wenn dieselben in Pirna Zoll entrichtet und drei Tage gelegen 
haben, bis Loschwitz gehen zu lassen und dort auszuladen. Endlich 
war Pirna frühzeitig der Hauptausfuhrort des Eibsandsteins; Schiffe, 
die erst am Ufer zusammengesetzt und mit Steinen und Holz beladen 
abwärts geführt werden, sind schon 1325 angegeben. Dabei ist neben 
lapis, qui dicitur schale (j), lapis slifstein (Schleifstein, wohl vom Liebe- 
thaler Grund) verzeichnet. 1412 wird in Pirna über den steinberg 
und Steinbruch gelegen bei Strueppen, oberhalb Pirna, geurkundet ^). 
Pirna war also bis 1500 innerhalb Sachsen der wichtigste Hafen- 
platz an der Elbe. Dieser Stellung entspricht die Entwickelung der 
Stadt. 1269 wird zwar nur castrum Pirne mit seiner Kapelle erwähnt, 
aber der Ort unter dem Schloss muss befestigt gewesen sein; denn als 
1291 der Meissner Bischof denselben erwarb, wird castrum et civitas 
Pyme genannt. Die Bürger trieben schon lange Handel und besassen 
Niederlage und Zölle. Diese, sowie die Gerichtsbarkeit innerhalb und 
ausserhalb der Stadt (tam in civitate, quam extra) kamen an den 
Bischof. 1292 ist der Bürgermeister, magister civium, Zeuge. Das 
Handwerk war damals selbständig; in demselben Jahre wird die iuninge 
(Innung) der Schuhmacher bestätigt. Für das Meissner Bistum, das 



') C. d. S. r. II, 5*», 86. Falke, Zur Gesch. der Hohen Landstr. im A. f. 
8. G. 7, 1869, S. 113. 

») C. d. S. r. II, 5^, 15. 16. 128. 118. 175; II, 5% 144. 



236 



A. Simon, 



[04 



auch im Besitz anderer Eibzölle war, dem Stolpen gehörte, zu welchem 
der bequemste Weg von Meissen über Pirna führte, mochte der Besitz 
der Stadt Pirna wertvoll sein. Und doch erwarb schon 1298 der 
mächtige Böhmenkönig dieselbe, jedenfalls wegen ihrer Wichtigkeit 
für Böhmen, als Schlüssel zu einer der bedeutendsten Strassen nach 
diesem. Bis 1404 blieb Pirna und seine Land- und Wasserstrasse nach 
Böhmen, sowie die Schlösser an beiden in dieser Hand. Die Böhmen* 
könige förderten auch hier wie im Vogtland und in der Lausitz die 
Blüte der Städte ^). Nach der Bestätigung der von Markgraf Heinrich 
vor 1265 erteilten Privilegien im Jahre 1325 hat dieselbe eigene Ge- 
richtsbarkeit mit grosser Selbständigkeit und Rechtszug nach Leipzig. 
Der Handel brachte Rohstoffe herbei, Wolle, Gerste, Malz, Hopfen, und 
schaffte bequemen Absatz. Darum blühte hier vor allem die Tuch- 
macherei (1383 Vertrag zwischen den gewantsnydem , Tuchhändlem, 
besonders für fremde Tuche, und den wullenwebem) und die Bier- 
brauerei (1482). Zu dem lange bestehenden Wochenmarkte (1373 
Streit mit Aussig) bekommt es 1392 einen freien Jahrmarkt mit Zoll- 
freiheit für alle Marktbesucher innerhalb der ersten drei Jahre, 1409 
noch einen zweiten Wochenmarkt auf Sonnabend, besonders für Brot, 
Fleisch, Schuhe. 1389 hatte es vom Böhmenkönig freies Erbrecht er- 
langt (wie Plaiien)^). Das Aussehen der Stadt entsprach dem; der 
Rat fördert seit 1389 den besseren Hausbau durch Lieferung von Kalk 
und Ziegeln zu niederem Preise. 1471 erliess er eine Ordnung über 
Reinlichkeit und Ordnung auf Markt und Strassen, wie wir sie heute 
kaum anders haben. Das Wachstum der Stadt lässt sich daraus er- 
kennen, dass 1317 daselbst ein Dominikanerkloster, zu Anfang des 
15. Jahrhunderts bereits die Neustadt bestand^). 

Neben Pirna arbeitete sich Dresden nur langsam empor und 
kämpfte bis 1500 mit wenig Erfolg gegen dasselbe. Sein slawischer 
Name (nach Hey = Lauerort, Warte, nach Richter = Waldort) beweist, 
dass die Stelle früh besiedelt war, wohl auf beiden Ufern ^). Zwar 
wird das linkselbische Dresdene bereits 1206 genannt; aber das rechts- 
seitige, 1370 urkundlich zuerst, heisst Aldendresden ^). Der Ort auf 
dem linken Ufer entwickelte sich rascher; die grössere Fruchtbarkeit 
die bessere Handelsgelegenheit auf derjenigen Seite der Elbe, wo die 
Mark lag, wo seit langem grössere Sicherheit und Ruhe herrschte, 
erklärt dies. Vielleicht war auch, wie Richter vermutet, der Wille 
eines Landesfürsten (Markgraf Heinrich?) bei Anlegung der Stadt von 
Einfluss; die heutige Regelmässigkeit der Anlage, die beute auffallende 
Ghrösse des Marktplatzes freilich kann kaum als Beweis dafür dienen. 
Einen Hauptanlass zur Anlage der Stadt bildete jedenfalls die Brücke, 
welche nach den oben gemachten Angaben einerseits die Strasse aus 
Franken von Freiberg her weiter nach Osten fortsetzte und so mit der 



') C. d. S. r. II, 5*. 1. 4. 10. 65; II, 1, 255; II, 5^, 8. 

«) C. d. r. II, 5b, 51. 186. 58. 68. 55. 

») C. d. S. r. II, 5^ 54. 164. 70. 

^) Richter, Verfassungsgesch. der Stadt Dresden 1, 4. 

*) C. d. S. r. II, 5», 70. 



L 



1>5] Die Verkehrsstrassen in Sachsen. 237 

.Hohen Landstrasse ^ verband, andererseits dem Verkehr diente, der 
sich von Meissen aufwärts nach Aldendresden auf dem rechten, von 
Dresden bis Pirna auf dem linken Eibufer bewegte. Eine Fähre zu 
Dresden wird zu Anfang des 11. Jahrhunderts erwähnt ^). Der Bau 
der Brücke soll 1119 begonnen, 1173 von Otto dem Reichen fort- 
gesetzt, 1222 vollendet worden sein. Von 1275 ab wird dieselbe ur- 
kundlich genannt^); der Bischof von Meissen erteilt denjenigen Ablass, 
die zur Wiederherstellung der Brücke beisteuern. Da auch späterhin 
immer freiwillige Beiträge und Schenkungen, Erträgnisse der auf der 
Brücke errichteten Kapelle zum Bau und zur Wiederherstellung der 
Brücke verwendet werden, so bleiben obige Angaben über landesherr- 
liche Anlage der Brücke fraglich. Zum Schutze der Brücke wurde 
Dresden frühzeitig, jedenfalls vor 1216 (civitas), mit Befestigungen ver- 
sehen^). 1299 und 1310 werden muri civitatis genannt; 1353 erlaubt 
der Markgraf den Bürgern, auf dem ausgetrockneten Teiche vor dem 
Frauenthore nach Belieben Werke zum Schutze der Stadt anzulegen. 
1359 — 1370 gewähren die Landesherren zu diesen Bauten Geldbewilli- 
gungen, ausserdem 1361 den Gewinn aus dem den Bürgern über- 
lassenen Salzkauf und Salzverkauf in Dresden. Ausserhalb der Mauern 
befand sich, wie in Chemnitz, ein Graben (1412) und jenseits desselben 
Vorstädte, die durch Zäune geschützt waren ^). Mit der Befestigung 
ist Marktrecht und eigene Verwaltung eng verknüpft. In diesen 
Stücken erfuhr Dresden die besondere Gunst der Landesherren, vor 
allem solcher, die gern in Dresden wohnten, wie Markgraf Heinrich 
von 1270 ab, sein Sohn Friedrich, der Dresden besass, Kurfürst Fried- 
rich II. und endlich Ernst und Albrecht, die ihren ständigen Sitz in 
Dresden nahmen^). 1481 berufen letztere zu einem Landtag in Dres- 
den unter anderen Freiberger Bürger^). Von 1260 ab dürfen die 
burgenses de Dresden ihre in die Stadt kommenden Schuldner pfänden; 
1271 überlässt ihnen der Markgraf den bisher ihm gehörigen marctzol. 
Bald versuchen sie die Schiffahrt der Pirnaer an sich zu bringen, aber 
1292 noch vergeblich. 1295 werden die Ständegelder in venditorio 
panni (Gewandhaus), quod kouifhuis vulgariter dicitur, sowohl die von 
fremden Tuchen, besonders de Gint, Gent, wie die von Dresdener 
Tuchen der Verwendung beim Brückenbau zugewiesen. 1299 sagt der 
Markgraf jedem, der zur Verehrung des heiligen Kreuzes nach Dresden 
kommt, Schuldner eingeschlossen, seinen Schutz auf drei Tage zu; wie 
bei jeder Wallfahrt, so wurde auch hier eingekauft. Von dem Zoll- 
inhaber Nikolaus Münzmeister erwarben die Bürger 1343 Zollfreiheit 
für alles ihnen gehörige Kaufmannsgut und Getreide, nicht für das 
durchgeführte und von hier nach anderen Orten ausgeführte. 1361 



*) A. f. 8. G. 7, 1869, 11. 

') Lindau, Gesch. Dresdens 1. C. d. S. r. II, 5*, 3. 

•) Posse, Stadt- u. Batsverfassung von Dresden i. A. f. s. ß. N. F. 2, 
1876, S. 193. 

*) C. d. S. r. n, 5*, 14. 31. 56. 58. 59. 141. Richter, Verfassungs- 
gescfaichte 1, 28. 

^) Nach den Itinerarauf Zeichnungen des Verfassers aus C. d. S. r. II. 

•) C. d. S. r. II, 12, 457. 
Forschnngen znr deutschen Landes- und Volkskunde. VII. 2. 16 



238 



A. Simon, 



erlaubten ihnen Friedrich und Balthasar, alles Salz, das nach Dresden 
komme, zu kaufen und wieder zu verkaufen 0- Auch jüdische Händler 
wohnten damals in Dresden, wie wir aus der Erwähnung (1375) eines 
ioden hausses ersehen. 1392, 100 Jahre nach dem früheren Streit 
wird wieder ein solcher mit Pirna geschlichtet; beide wollen sich zn 
Lande und zu Wasser nicht hindern, Pirna behält sein Niederlagsrecht. 
Umb gemeines nutzes des armuths und ihrer stad zu Dresden besten 
und besserung willen, genehmigen Kurfürst Friedrich IT. und Herzog 
Siegmund 1434 auf ein Jahr in jeder Woche einen freien Markt und 
einen am Christabend. Es wurden noch grössere Anstrengungen ge- 
macht zur Hebung der Stadt. 1443 bestätigt Kaiser Friedrich IIL 
den Herzögen Friedrich und Wilhelm, daz sy in irer stete einer zu 
Dresden oder zum Hayn vber Elbe ain gewondliche nyderlage aller 
kaufi&nannschacz legen und machen mögen; 1455 erteilt der Kurfum 
Friedrich IL der Stadt Dresden für den Festungsbau, für getreue 
Dienste diese Niederlage alles Kaufmannsschatzes (Salz, Fische, Heringe. 
Honig), der nach Böhmen fernerhin gebracht wird; alle nach Böhmen 
bestimmten Wagen von Einheimischen und Landfremden müssen in 
Dresden ausladen und feilhalten, wenn dies unterbleiben soll, Zoll 
zahlen. Aus einer anderen Urkunde erfahren wir, dass diese Nieder- 
lage früher in Brüx war. Einen freien Jahrmarkt hatte Dresden 
vor 1472»). 

Zu der alten Strasse an der Elbe entlang und von Freiberg her 
nach Dresden und von da über Königsbrück (1448) nach Frank- 
furt a. 0. oder über Bischofs werda und Bautzen nach Schlesien und 
Polen ^) kam später eine Gebirgsstrasse zur direkten Verbindung mit 
Böhmen in der Richtung auf Teplitz und Brüx*), als Dresden 1455 
die Niederlage der letztgenannten Stadt bekam. Die Strasse bestand 
schon vorher; bereits 1434 werden Boten, welche den freien Wochen- 
markt der Dresdener verkündigen sollen, wie nach anderen Städten. 
die an Dresdener Zufuhrstrassen liegen, auch nach Dippoldiswalde ge- 
sendet (sonst nach Meissen, Grossenhain, Ortrand, Radeberg, Rade- 
burg, Kamenz, Bischofswerda, Schluckenau, Neustadt, Pirna, Freiberg, 

Wüsdruff)*). 

Die Verwaltung wurde ebenso früh selbständig wie in den grös- 
seren Städten Pirna, Chemnitz, Zwickau; 1260 und 1285 gab es noch 
einen an das ehemalige Dorf erinnernden villicus; 1285 aber wird jeder 
verpflichtet, der Besitz in der Stadt erwirbt, gesecze, wilkoere vnd ge- 
wohnheit der Stadt zu beobachten. Letztere zusammen sind wohl das- 
selbe, was 1299 ins municipale genannt wird. In Uebereinstimmung 
damit sind 1292 magister civium, 1292 iurati, Bürgermeister und Ge- 
schworene für das Stadtgericht, 1301 consules, Ratsmitglieder für die 
Verwaltung vorhanden. In zweifelhaften Fällen erholte man Recht in 



') C. d. S. r. II, 5*, 1. 2. 8. 11. 13. 50. 59. 
') C. d. S. r. II, 5», 76. 95. 193. 222. 275. 278. 359. 
>) Knothe, Brückenzoll zu Dresden i. A. f. 8. G. 1, 1868, S. 245. Haupt- 
etaatsarchiv Dresd. Copiale 7, Fol. 79*>, U. 1462. 
*) Schurtz, Pässe, S. 24. 
*) Posse i. A. f. 8. G. N. F. 2, 1876, S. 216, S. C. d. S. r. II, 5», 139. 



t)7] Die Verkehrsstrassen in Sachsen. 239 

Leipzig, weiter in Magdeburg^). 1412 erwarb Dresden schon einmal 
auf vier Jahre das bisher von einem Vogt verwaltete Stadtgericht; 
immer wurde dies erneuert, bis 1484 der Kurfürst dem Rat die ge- 
richte vber hals vnd handt, oberst vnd nyderst in statt und vorstetten 
verkauft ^). Trotzdem wollte die Stadt innerhalb des behandelten Zeit- 
raums nicht recht vorwärts kommen. Die Landesherren veranlassen 
1285 alle, welche Liegenschaften in der Stadt haben, ihren persön- 
lichen Wohnsitz daselbst zu nehmen, sichern 1287 den Bürgern die 
fernere Benutzung der Viehweide in der Heide jenseit der Elbe zu, 
ermässigen wegen Unglück und Mangel in der Stadt die Jahrbete, 
suchen den Weinbau (1338 zuerst erwähnt) durch Einfuhrverbot frem- 
der Weine, besonders aus Böhmen (1440), und die Leinenindustrie 
durch Bannmeile (1472) zu heben. Trotzdem hören die Klagen über 
Mangel, Armut und Notdurft, grosse Schulden der Stadt nicht auf 
(1291, 1434, 1472, 1474) »), Dem mochte das Aussehen der Stadt 
entsprechen. 1474 beschliesst der Rat: Wer bei Neubauten nach der 
Strasse zu Steinmauer aufführt, soll mit einem Drittel des nötigen Kalkes, 
wer auf Steinmauer das Schindeldach abbricht und mit Ziegeln deckt, 
soll mit einem Drittel der Dachziegel unterstützt werden *). Ueber die 
Grösse der Stadt haben wir ein Urteil der Landesregierung: Dresden 
und Rochlitz sind weit geringer als Zwickau. Nach den urkundlichen 
Angaben über Geschosspflichtige, Häuserzahl, Anteilnahme an Heeres- 
zügen berechnet Richter für Dresden folgende Einwohnerzahlen^): 

1401 3400 Einwohner 

1453 3100 

1477 3500 

1489 3700 

1501 2500 

Unter den Städten, die an den von Pirna und Dresden aus- 
gehenden Strassen erwuchsen oder diese Strassen anzogen, ist zuerst 
Dresden am rechten Eibufer bemerkenswert. Sein Name Alden- 
dresden, erst 1370 mit einem dortigen Weinberg zusammen urkund- 
lich erwähnt, deutet auf grösseres Alter. Aber erst 1403 giebt Mark- 
graf Wilhelm den getruwin czu Alden Dresden burgerrecht vnd den 
fleg nu czu eynem wigbilde, darinne man kouffin vnd vorkouffin vnd 
allirleye kouffmanschacz vnd handelunge triben vnd vben sol vnd mag 
mit brauen vnd backen, mit dem Recht, Wein, Bier, Met zu schenken, 
allerlei Handwerk und Innung zu haben, besonders einen frihen marg- 
tag alle wochlich vflF den fritag. Doch behält er das Ober- und Nieder- 
gericht. 1455 erscheinen Bürgermeister, Ratmannen und Geschworene*). 
1549 werden Dresden und Altendresden zu einer Stadtgemeinde ver- 
einigt, nun erst konnte von dem linkselbischen Teile als der Altstadt, 
dem rechtselbischen als der Neustadt geredet werden. 



*) C. d. S. r. II, 5*, 1. 5. 8. 14. 15. 25. 32. 39. 

*) a. a. 0. 141. 389. ') a. a. 0. 5. 6. 7. 13. 46. 213. 359. *) a. a. 0. 366. 

*) Richter, Verfassungsgeschichte 1, S. 189. 

•) C. d. S. r. IT, 5», 70. 117. 277. 



A. Simon, Die Verkehrsstrasaen in Sachsen. [tjg 

as an der direkten Strasse von Dresden nach Böhmen gel^ene 
liswalde war immer im Besitz der Markgrafen. Heinrich 
et 1266 einen Streit seiner cives de Dipoldeswalde mit den 
gern: nur Freiberg darf fortan für die Bergwerke Bier und alk 

Lebenshedilrfnisse liefern; danach muss Dippoldiswalde da- 
ereits Stadtrecht, wenigstens Marktrecht gehabt haben. Der 
a daselbst soll gleichzeitig mit dem zu Freiberg begonnen 

Es war auch schon befestigt; in dem Tauschvertrag von 128!' 
[>pidum Dypoldswald aufgeführt '). An der Strasse von Pirna 
Ohmen liegen die Bergorte BerggiesshUbel .und Gottleuba. Jener 
wigt eine deutsche Gründung im AnscWuss an Bergbau an; er 
; an GiesshUbel in Böhmen, das auch Bad und Mineralquelle 
>er Name Gottleuba dagegen (Thal mit Bergmannshütten nach 
eutet auf grösseres Älter. 1386 wird Qotelohe zuerst genannt 
ist der Böhmenkönig das verpfändete etetchen Gotelojbe wieder 

Ubergiebt es 1401 zugleich mit Pirna am Endpunkt der Strasse 
u-kgrafen Wilhelm '). 

ie Städte des Erzgebirges, vom Bergland der Elster bis zur 
mtwickelten sich also, abgesehen von den Bergstädten, an d«i 
fttUrlichen Yerkebrsstrassen. Der Bedeutung der letzteren ect- 

die Entwickelung der Städte. Die wichtigeren Bergstädte 
lie Strassen zu sich heran, alle aber behielten nach dem Sinken 
-ghaues die Bedeutung, welche ihnen ihre Umgebung und die 
Ihrenden Handelswege zuwiesen. 

C. d. S. r. II, 12. 25. Hauptetaatmrchiv Dresd. U. 1244. Sasamilch- 

, Erageb. S. 70- 

C. d. S. t. IT, Ö"-, 55. 66. 



Städte und Strassen im Flachlande. 

Wenn die Heer- und Handelsstrassen des Flachlandes festgestellt 
werden sollen, so bieten sich für unser Gebiet zwei Methoden dar, die 
vereint zu einem annähernd richtigen Ziele führen können : aus älterer 
Zeit müssen die früh befestigten Punkte und der Verlauf der Eriegs- 
züge, aus späterer Zeit die Zollstätten und die etwa vorgeschriebenen 
Handelswege bestimmt werden. 

Zu den früh befestigten Punkten gehören die Burgen der Burg- 
wartbezirke, die schon oben (S. 198 [26]) besprochen worden sind und 
im folgenden einzeln aufgeführt werden. Ausgangspunkt der Eriegs- 
züge in unser Gebiet war in karolingischer Zeit das alte Erpisfurt. Von 
Erfurt aus wird 805 die thüringische oder sorbische Mark verwaltet, 
die Christianisierung durch den Mainzer Bischof gefördert. Die sächsi- 
schen Kaiser zogen anfangs von Magdeburg, später meist, wie die 
fränkischen Kaiser, von Merseburg aus. Heinrich L, vom Kampf gegen 
die Heveller kommend, wandte sich gegen die Daleminzier, nahm deren 
Stammesfeste (urbs, quae dicitur Gana), die wir in dem 2,5 km west- 
lich von Meissen gelegenen Jahna suchen dürfen ^) , und gründete in 
demselben Jahre 928 für das zerstörte Jahna eine sicherer gelegene 
Feste auf einem Berge dicht an der Elbe (urbs Misni), zugleich um 
von hier aus die östlich wohnenden Milzener zu unterjochen. Natür- 
lich war auch hierbei wieder sein Auge auf die dortige Stammesfeste, 
Bautzen, gerichtet'). Diese drei Punkte treten in der Folge immer 
als feste Ausgangs- oder Zielpunkte auf: Merseburg, Meissen, Bautzen. 
Zunächst wurde das Land gesichert durch eine Anzahl KasteUe, vor 
allen Dingen die üebergänge über die Elster und Pleisse, über die 
vereinigte, die Zwickauer und Freiberger Mulde, die Jahna und über 
die Elbe. Ebenso naheliegend als weise war die Wahl Meissens als 
militärischer Stützpunkt, als Sitz für den bald eingesetzten Markgrafen, 
als kirchlicher Mittelpunkt (Bischofssitz seit 968) ^) an Stelle des alten 
Jahna, das in slawisch -heidnischer Zeit Mittelpunkt gewesen war. 
Wege nach diesem hin mussten bestanden haben wegen der Verteidigung, 



^) Posse, Markgrafen, S. 7. 

*) Widukind 1, 35. Thietmar 1, 9. 

") C. d. S. r. II, 2. 3; I, 1, 6. 7. 



242 



A. Simon, 



[70 



der Abgaben, des Handels. Bereits 983 wird von Otto II. in Ver- 
bindung mit dem Dorfe Setleboresdorf in burgwardo Boruz dicto 
(Boritz a. E.) prope fluvium, qui Albia dicitur, der Zoll an die Meissner 
Kirche vergabt, welcher a civitate Belgora usque ad Misnensis ecclesiae 
portum (Beigem bis Meissen) von der Schar der Händler erhoben wird; 
diese durchziehen die Umgebung und überschreiten die Elbe *). Es 
weist dies auf westöstlich gerichtete Verkehrswege, die wir nachher ge- 
nauer verfolgen werden. Von einem gleichgerichteten, weiter südlich 
gelegenen Wege hören wir schon im nächsten Jahre ; 984 zieht der Thron- 
bewerber Heinrich von Bayern mit einem böhmischen Heere durch 
Nisani (Dohna) und Daleminzi bis Mogelini, Mügeln, und zwar über 
Meissen, welches seine Begleiter auf dem Rückwege mit List einnehmen: 
er selbst zieht nach Medeburun (Magdebom am Göselbach, das einen 
Pleissenübergang deckte) und von da nach Iteri (Eythra, Zwenkau gegen- 
über an einem Elsterübergang) *). Von hier führte die Sia*asse nach Merse- 
burg. Das dortige Stift war im Besitz der civitas Zuenkouua (Zwenkau) 
und seines Forstes, forestum inter Salam ac Mildam fluvios ac Siusili 
et Plisni provincias jacentem, seit 974 und der villa Iteri, die Mark- 
graf Thietmar 976 wieder herausgeben musste'). In der Nähe der 
Elster und des befestigten Eythra (urbs Iteri, Schloss?) besprach sich 
der neugewählte Merseburger Bischof Thietmar (der Chronist), von seiner 
Besitzung Egisdorf (Eisdorf südöstlich von Lützen) kommend, mit den 
Unterthanen seiner Kirche. Auf demselben Wege zog er 1018 wegen 
der Streitigkeiten über den oben genannten Forst, als die Wegbarkeit 
der Strassen es gestattete, von Merseburg nach Chorun (Kohren, civitas 
Corin war nach Aufhebung des Merseburger Bistums [981] im Jahre 
983 an Magdeburg gekommen) *) und von da nach Rochlitz *), von wo 
ein Weg an der Mulde und Chemnitz, der einstigen Bistumsgrenze, 
aufwärts leitete. 1289 ist ein Jan von Syden (dem alten Zollort Sayda) 
zu Eorun gesessin ^) ; es ging also wohl eine alte Strasse durch Kohren. 
In der Nähe des alten Ueberganges Magdebom finden wir später einen 
Dingstuhl für die in jenem Forste entstandenen Dorfschaften, 1291 
sedes iudicialis in Rotowe, Rötha, noch näher an der Pleisse gelegen 
als jenes ; derselbe ist seit Mitte des 12. Jahrhunderts dem Markgrafen 
von Meissen zu Lehen aufgetragen; 1449 wird dann Schloss und Stadt 
Rötha erwähnt^). Am Göselbach aufwärts zog der Weg an Muckern, 
Oelzscbau und Dorf Groitzsch (Name deutet auf grod, kleine Burg) 
vorüber nach Grimma. Dieses ist schon 1065®) befestigt; es war als 
Muldenübergang viel bequemer als Würzen und blieb bis 1500 wich- 
tiger Brückenort. Den üebergang sicherte zugleich Schloss Döben, 
das später Mittelpunkt einer Burggraf schafb wurde ^). Von Grimma 
führte auch ein Weg hinüber nach Altleisnig, Tragnitz, Leisnig und 
verband so Freiberg mit Zwenkau und Halle. Der zu Grimma ge- 



') V. d. S. r. I, 1, 53. *) Thietmar 4, 4. 

*) C. d. S. r. I, 1, 18. 19. 23. *) C. d. S. r. I, 1, 31. 

>) Thietmar 8, 10. *) Müller, ü. v. PL 92. 

') C. d. S. r. II, 8, S. XI u. U. 17. 262. 

») Opidum Grimmi, A. f. s. G. N. F. 2, 1876, S. 65. 

') Märcker, Burggrafentum 1, 17. 



71] Die Verkehrsstrassen in Sachsen. 243 

hörige Salzzoll wurde in Grossbardau, westlich von Orimma, erhoben 
(1436)^). Die ältere Hauptstrasse wendete sich wahrscheinlich von 
Grimma über Mutzschen, auf dem Südrand des DöUnitzthales , über 
einen der befestigten Jahnaübergänge , dann über Lommatzsch oder 
Leuben nach Meissen. Mutzschen muss an einer bekannten Strasse ge- 
legen haben; darauf deutet, dass Heinrich IV. 1081 die villae Musitscin, 
Beliz, Milvos (Mutzschen, BöhUtz, Mahlis), ersteres mit dem grossen 
Wald, einem Getreuen überträgt*). Als 1003 Boleslav von Polen 
Meissen erobern wollte, zog sein Heer verwüstend bis Mügeln; die 
Einwohner dieser Stadt, civitas, befestigt, retteten sich durch List^). 
Die südlich davon am Erebsbache gelegene Burg Schrebitz deckte gleich- 
falls die Strasse. 1064 werden 60 Hufen in burgwardo Screbiz, man 
beobachte die Aehnlichkeit des Burg- und Bachnamen, dem Johannes- 
kloster in Meissen übertragen*). 1161 ist ein Sifrid de Mugelin Zeuge 
in einer markgräflich-meissnischen Urkunde^). Mügeln wurde bald 
Besitztum und zeitweilige Residenz der Meissner Bischöfe^). 1249 ist 
der Zoll daselbst in ihrem Besitz, theloneum nostrum in Mägelin ; 1337 
kauften die Bischöfe auch den census in opido Mogelin ^). Die Märkte 
zu Altmügeln waren gut besucht, zumal wahrscheinlich hier eine Strasse 
die Haupts trasse schnitt. Sie führte von Strehia am DöUnitzbache 
aufwärts und verband Strehia und Rochlitz, die Allode Ekkehards I. 
von Meissen und seiner Nachkommen waren seit 1000, urkundlich seit 
1005. Gunzelin von Meissen belagerte 1009 vergeblich Strehia und 
steckte dann das weniger feste Rochlitz in Brand ^). An dieser Strasse 
lagen die Mittelpunkte der Burgwarte Gröba (an der Döllnitzmündung), 
Schrebitz, Leisnig, Colditz und Rochlitz, in welchen die Güter der 
Ekkehardiner lagen nach der Urkunde, die Kaiser Heinrich III. 1046 
in Rochlitz ausstellt^). 

Als 1015 nach der bekannten Zerstörung Meissens die Polen die 
ganze Umgegend verwüsteten, kamen sie auf ihrem Wege nach Westen 
nur bis zur Jahna, nicht mehr bis Mügeln. Die Burgen an derselben 
mögen sie aufgehalten haben. Es sind dies Mochau, 1190 burcwardus 
Nimucowa, Zschaitz, 1046 castellum Zaviza, und Jahna; 1150 begabt 
Markgraf Eonrad die burggräfliche Kapelle in Meissen mit einer villa 
Celewitz (Selbitz) in burcwardo ad Gana ; als Mittelpunkt dieses Burg- 
wartes darf nach der Lage der Orte Jahna selbst angenommen wer- 
den ^^). Zur Reihe dieser Befestigungen gehört auch das castellum 
Dobelin, das 981 an Memleben, mit diesem an Hersfeld kommt und 
unter dessen Lehen 1292 als castrum aufgezählt wird. Nach 1328 
wird Kloster Staucha in die Stadt Döbeln verlegt; 1339 bekommt 
das Nonnenkloster vor der Stadt das Patronat der Pfarrkirche in 
opido Dobelin. 1367 ist Dobelin haus vnd stat genannt ^^). Welcher 



«) C. d. S. r. II, 12, 43. «) C. d. S. r. I, 1, 151. 
») Thietmar 5, 22. *) C. d. S. r. I, 1, 124. 

^) C. d: S. r. II, 4, 2. ^) 1334—1465 Urkunden die Bischöfe daselbst. 
') C. d. S. r. II, 1, 133. 347. «) Thietmar 5, 22. 6, 36. 
») C. d. S. r. I, 1, 106. **>) C. S. r. I, 1, 104; II, 4, 1. 
") C. d. S. r. I, 1, 28; II, l2, 3. Müller, U. v. PI. 244. 355. 464. 
Märcker a. a. 0. 2, 291. 



244 



A. Simon, 



[72 



Ton den Jahnaübergängen von der Strasse benutzt wurde, ist nicht 
mehr festzustellen. Vielleicht ging dieselbe über Weitzschenhain, villa 
Wisinana prope fiuvium Gan, die schon 1095 an die Meissner Kirche 
kommt ^). Ebenso unbestimmt ist es beim Lommatzscher Wasser, an 
dem auch ein Punkt früh befestigt war, Leuben, am Vereini^ungs- 
punkt der Quellb'äche desselben: 1069 burgwardum Lovine*). Später 
wurde die Strasse über das zwar weniger sichere, dafür aber bequemer 
gelegene Lommatzsch nach Meissen geleitet. In Meissen wird 1446 
dasLomaczschen thor genannt ^). Lommatzsch war später auch Kreuzungs- 
punkt einer von Freiberg nach den Fährorten Merschwitz oder Riesa, 
dann nach Orossenhain, Herzberg und Frankfurt führenden Strasse und 
eben deswegen ein wichtiger Beobachtungspunkt. Hier wurden 1472 
den Freibergem Wagen mit Fischen und Heringen vom Geleitsmann 
aus Herzberg verkümmert^). Darum ist Lommatzsch früh befestigt: 
1286 wird civitas seu oppidum Lomats mit Zensus, ohne ZoU und 
Geleit vom Markgrafen verpfändet. Dann ist die Stadt im Besitz der 
Meissner Burggrafen. Diesen wird 1330 der Bierzins in opido Lomacz 
verliehen; 1348 geben sie den Fleischern (fleysowem czu Lomacz) 
ynnunge, wie sie von alters her gewesen ist. 1355 leihen sie einer 
Vikarie in Meissen ihren Zins, welchen sie in theatro sive in venditorio 
panni (Gewandhaus) in Lomatz besitzen. 1408 aber verkauft Burg- 
graf Heinrich stat Lommaczsch an die Markgrafen; diese verleihen 
1410 die städtische Gerichtsbarkeit an Privatpersonen. 1475 wird der 
Jahrmarkt, zu dem vil frombd vßlendisch volck zukeuffen vnd zuuer- 
keuffen koraen, auch vast gut vnd kauffmanschatz bracht ist, nachdem 
er lange Zeit im marckte Lommatzsch bestanden, nach Meissen ver- 
legt, angeblich weil derselbe vnbewahrt vnd vnbeschlossen, deshalb zu 
Zeiten Dieberei, Aufruhr, Zwietracht war, auch weil er von Feuers- 
brunst nicht wohl verwahrt, fQr Handwerker und Eaufleute nicht Her- 
berge und anders genug vorhanden seien; Stadt Meissen dagegen sei 
zu solchem Handel wohl und bequemer gelegen als Lommatzsch ; doch 
behält letzteres seinen Wochenmarkt wie bisher*). 

Die Strasse lief also von Merseburg über Eythra-Zwenkau, Grimma, 
Mutzschen, Mügeln, Lommatzsch nach Meissen. Ihre Fortsetzung fand 
diese Strasse in älterer Zeit jedenfalls von Dohna oder von Pirna aus. 
Der Weg zwischen Meissen (Gana) und Dohna, den Mittelpunkten alter 
Gaue, war ja bekannt; er wurde von allen Heerzügen, die zwischen 
Meissen und Böhmen verkehrten, benutzt. Als 1004 König Heinrich 
von Merseburg aus einen Zug unternahm, um dem Polenherzog Böhmen 
zu entreissen, suchte er den Feind zu täuschen, indem er Schiffe für 
den Eibübergang zu Boritz und in Nisani zusammenbringen liess ; diese 
List konnte nur verfangen, wenn von diesen Punkten aus Wege nach 
Polen, also nach Osten führten. Es fragt sich nur, welcher Punkt im 
Gau Nisani gemeint ist ^). Der bedeutendste Fährort oberhalb Meissen 

>) C. d. S. r. I, 1, 170. «) C. d. S. r. I, 1, 139. •) C. d. S. r. II, 4, 100. 
*) C. d. S. r. II, 12, 410. A. f. s. G. N. F. 2, 1876, S. 193. 
*) Märcker, Burggrafen, S. 127. 187. ü. 56. 80. 124. C. d. S. r. II, 4, 13. 
Böttiger-Flathe, Gesch. v. Sachsen 1, 338. 

«) Vgl. Posse, Markgrafen, S. 61, Anm. 204. 






Die Verkehrsstrassen in Sachsen. 



245 



war späterhin Pirna, das die Funktion des alten Gaumittelpunktes über- 
nommen hatte. Der Mündung des Müglitzthales gegenüber liegt Birk- 
witz, das ebenso wie Mügeln, gegenüber auf dem linken Eibufer ge- 
legen , eine Zollstätte gewesen sein mag ^). Von hier oder von Pirna 
führte die Strasse zuerst im Wesenitzthal aufwärts, an Liebethal vor- 
über, über Jockerim-Stolpen , Burg Drebnitz, Bischofswerda , Schloss 
Seitzschen oder über Göda nach Bautzen. Dieser Weg verband die 
Mittelpunkte der Gaue Nisani und Milzieni; er war frühzeitig geschützt: 
castrum Libenthal wird zusammen mit castrum Radberch, Wilin, oppi- 
dum Radeburg 1289 aufgeführt^). Stolpen, oder wie die Meissner 
Bistumsmatrikel schreibt, Stolpen alias Juckerim, war jedenfalls früh 
befestigt, Drebnitz und Göda schon vor 1000. Auf Schloss Seitzschen, 
als der Grenzfeste zwischen markgräflichem und polnischem Besitz, Hess 
Boleslav 1018 seine Braut Oda, die von Meissen kommende Tochter 
Ekkehards I., empfangen; er selbst hielt sich in Bautzen auf^). Die 
Strasse war zeitweilig ganz im Besitz des Meissner Bischofs: Pirna 
Yon 1291—1298*), castellum Stolpen seit 1223*), die Bischöfe wohnten 
und urkundeten dort (1335—1481); die castella Trebista, Godobi wer- 
den schon 1007, 1071 auch Dörfer in den Burgwarten Trebiste, Go- 
dowi^, 1091 solche in burgwardo Schizani (Seitzschen) '') dem Meissner 
Bischof verliehen. Bischofswerda zeigt im Namen, wem es seine Grün- 
dung verdankt, wem es (innerhalb des hier behandelten Zeitraumes) 
gehört. Vor 1100 war es befestigt; 1361 wird es zuerst urkundlich; 
1412 werden Bürgermeister und Ratleute der stad Bischofifwerde ge- 
nannt. Es ist nach der Meissner Bistumsmatrikel einer der sedes, die 
alle an Strassen liegen ^). 

Ebenso alt, aber ungleich bedeutender, in früherer wie in späterer 
Zeit, ist die nördlich da7on gelegene Strasse von Westen nach Osten. 
Auch hier sind die festen Endpunkte Merseburg und Bautzen, 1002 
bemächtigt sich Boleslav der civitas Budisin und des zugehörigen 
Gaues Milzieni, dann greift er sofort die urbs Striela (Strehla) an. 
Sein Hauptziel war Meissen, das gewann er durch List. Pann erschien 
er zu Merseburg vor König Heinrich. Auf dem Rückwege steckte er 
Strehla in Brand, wohl aus Rache für das wieder verlorene Meissen. 
Im nächsten Jahre will er Meissen erobern ; die Reiter , der Vortrab 
überschreiten bei der Burg Zehren, Cirin, gegenüber dem Burgwart 
Zadel (1074 burgwardus Zadili) die Elbe^), er selbst aber geht mit 
der Hauptmacht über die Elbe nach Strehla; diesmal schonte er die 
Stadt als Leibgedinge seiner an Hermann, Ekkehards Sohn, verhei- 
rateten Tochter. 1004 brach König Heinrich von Merseburg auf. 
Schon war er im Februar in Würzen, da kehrte er um und erneuert 
im Sommer den Zug. Die Uebergänge über die Elster und Mulde 
(Leipzig und Würzen) kosteten viel Zeit; er täuschte die Polen durch 



*) Seh ort z, Pässe, S. 22. ') Hauptsti^atsarchiv Dresden U. 1244. 
») Thietmar 8, 1. -*) C. d. S. r. II, b^, 3. 10. '^) C. d. S. r. II, 1, 96. 
*) C. d. S. r. I, 1, 50. 142. ') C. d. S. r. I, 1, 1. 166. 
«) C. d. S. r. II, 5^, 70. A. f. s. G. N. F. 2, 1876, S. 251. Posse, Mark- 
grafen, S. 298. 

•) C. d. S. r. I, 1, 145. 






t i\ 



I 



246 



A. Simon, 



[74 



jene Aufstellung von Schiffen zu Boritz und in Nisani, zog nach 
Böhmen, von da nach Bautzen und von hier nach Merseburg zurück ^). 
Zehren, Zadel, Boritz, Strehla und Meissen selbst') deckten demnach 
Eibübergänge. Wichtig war damals Strehla; es war in der Folgezeit 
sehr gut befestigt. 1009 wurde es von Gunzelin vergeblich bestürmt^). 
Auf seinem Rückzug von der Oder kam 1015 König Heinrieb über 
Strehla nach Merseburg. In demselben Jahre kommen der Erzbischof 
von Magdeburg und der Bischof von Merseburg aus Meissen zurück; 
in Mocherini (?) empfängt letzterer die Kirchen der urbes Schkeuditz, 
Taucha, Püchen, Würzen wieder, die alle an oder in der Nähe dieser 
Strasse liegen^). Castellum Bichni (PQchen) kommt 1040 an Meissen^). 
Ende des Jahres 1015 starb auf der Rückreise aus Polen Bischof Eido 
von Meissen zu Leipzig^). Ein weiterer Uebergangspunkt über die 
Elbe war Beigern (983 civitas Belgora), namentlich für Sjiegszüge 
durch das Land der Liutizen, nördlich von den Milzenem, so 1010, 
wahrscheinlich auch 1017, als die Liutizen bei dem schwierigen Mulden- 
übergang bei Würzen ein Bild ihrer Göttin und 50 Krieger verloren ^. 
In diesem Jahre übergab der König dem Thietmar, der dies selbst er- 
zählt, die Kirche in Leipzig, zugleich die von Olschwitz, einer wüsten 
Mark zwischen Probstheida und Connewitz, welches von der Strasse 
wohl berührt werden konnte. Wenn 1065 die Burgwarte Strehla und 
Boritz mit ihrem Handel und Zoll an das Naumburger Stifb vergeben 
werden, wenn daselbst späterhin eine bischöflich-naumburgische Münze 
besteht ®), so beweist dies die gute Verbindung dorthin und den bedeu- 
tenden Handelsverkehr daselbst^). Diese nördliche Strasse wurde sogar 
1080 von den durch Nisani ziehenden Böhmen benutzt; sie drangen 
über Würzen bis Leipzig, zogen sich bis Würzen zurück und erwar- 
teten hier den von Beigern heranziehenden Wieprecht von Groitzsch^®). 
Die frühzeitige Verbindung nach Osten zeigt die Vergabung der villa 
Gorelitz (Görlitz) 1071 an die Meissner Kirche, vorher schon der castella 
Ostrusna, Godobi, (Trebista), Ostro und Göda, im Jahre 1007 an die- 
selbe Kirche ^^). 1126 wurde in Görlitz eine Burg gebaut; Göda war 
schon in vorchristlicher Zeit Mittelpunkt eines Wehr- und Gerichts- 
bezirks, dementsprechend in christlicher Zeit Mittelpunkt eines Burg- 
warts und einer ausgedehnten Pfarrei, die noch im 16. Jahrhundert 
trotz mancher Abtrennungen 66 Dörfer umfasste ^*). Ueberhaupt ist 
diese Strasse reich an kirchlichen Verwaltungszentren: Merseburg, der 
Anfang, ist seit 967 Bischofssitz; Würzen, Oschatz, Riesa, Hajn 
(Grossenhain), Kamenz, Löbau, Reichenbach, Görlitz, Lauban waren 
sedes, Bautzen war Dekanat ^^). Von den vier Merseburger Gerichts- 

*) Thietmar 5, 6. 10. 22. 6, 10. 11. 

>) C. d. S. r. II, 1, 133: Der Zoll der Eibfähre kommt 1160 an das Meissner 
Kapitel. 

») Posse. Markgrafen, S. 69. *) Thietmar 7, 15. 16. 

^) C. d. S. r. I, 1, 88. *) Thietmar 7, 18. 

') a. a. 0. 6, 38. 7, 47. 48. «) C. d. S. r. II, 1, S. XX VIII. 

») C. d. S. r. I, 1, 127. >°) Posse, Markgrafen, S. 187. 
") C. d. S. r. I, 1, 59, 141. 

") Knothe i. A. f. s. G. 5, 1867, 77, u. A. f. s. G. N. F. 2, 1867, 237. 
*") Posse, Markgrafen, Exkurs III. 



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.^a 



75] 



Die Yerkehrsstrassen in Sachsen. 



247 



stahlen war einer zu Lützen, einer zu Markranstädt , einer ante ciyi- 
tatem Lipzk (vf dem cfltze, Kautz) ^). Zu CoUm bei Oschatz, wo die 
Strasse yon Rochlitz und Leisnig einmündete, waren die Landdinge für 
alle Freien der Mark Meissen: placidum CoUm 1185, Judicium provin- 
ciale, placida provincialia Gholme 1233, 21. August, 19. September '). 
Mit Recht wendet man daher auf diese wichtige Strasse Görlitz-Bautzen- 
Leipzig-Merseburg die Bezeichnung strata regia an, deren Erträgnisse 
nach alter Gewohnheit (seit 983 ?) 1252 dem Meissner Bischof erhalten 
bleiben, welche Strasse auch bei Eamenz 1241 erwähnt wird: antiqua 
strata, qua itur de Budissin contra Albiam ^). Die Entwickelung dieser 
Strasse nach 1500, der Hohen Landstrasse, behandelt ausführlich Falke ^). 
1308 wird zuerst der Durchgangszoll in Görlitz erwähnt, 1339 der zu 
,Hayn über Elbe* ; 1339 bekommt Görlitz die Waidniederlage mit An- 
weisungen für die Bürger von Naumburg und Zittau. 1341 giebt 
König Johann von Böhmen der Stadt Görlitz einen Brief, dass die 
Strasse aus Schlesien durch Görlitz gehen soll ^). 1374 tragen die 
Bürger von Bautzen, Görlitz, Lauban, Zittau zum Bau einer Brücke 
unterhalb Oderberg bei^). Markgraf Wilhelm von Meissen schliesst 
1399 mit Breslau einen Vertrag, 1404 mit Krakau, durch welchen er 
beiden Schutz in seinem Lande zusichert gegen Zoll zu Grossenhain 
und Oschatz; 1419 wird die Strasse aus dem Meissnerland über Wal- 
tersdorf und Reichenberg nach Böhmen verboten, die über Eönigs- 
brück, Eamenz, Löbau, Zittau, Gabel vorgeschrieben. 1442 verhandelt 
der geleytman czu Osschatzt mit Pirna "'). 1462 wird durch die schon 
erwähnte Zollordnung die Hohe Landstrasse über Naumburg, Lauban, 
Görlitz, Bautzen, Eamenz, Eönigsbrück vorgeschrieben, die über Fried- 
land und Seidenberg nach Böhmen, die über Sagan und Priebus in die 
Mark verboten; die beigefügte „Delineation* giebt für den weiteren 
Verlauf Hayn, Merschwitz, Oschatz, Dahlen, Eilenburg, Leipzig an; 
gleichzeitig heisst es, die Wagen und Fuhrleute und Eauf leute, welche 
von Polen und Schlesien nach Leipzig, Erfurt oder Halle wollen, sollen 
dieselbe Strasse über Grimma und Eilenburg fahren^). 1488 werden 
die Eauf leute, die von Senftenberg kommen, gezwungen, die Strasse 
auf Liebenwerda, Beigern, Eilenburg zu meiden und die Strasse auf 
den Hayn, Oschatz u. s. w. zu fahren^). Der Eurfürst eröffnet 1477 
zu Grossenhain eine Waidniederlage und lässt keinen Waid auf der 
grossen Haudelsstrasse weiter nach Osten gehen, dadurch wurde die 
Görlitzer Waidniederlage ernstlich bedroht. 1478 wird zwar auf Ver- 



C. d. S. r. II, 8, anno 1291. A. f. s. G. N. F. 2, 1876, S. 200. C. d. S. r. II, 
S, 15: 1287 Ranstete foreneis, Markranstädt. 

«) C. d. S. r. II, 4, 399; II, 12, 2. 

') C. d. S. r. II, 7, 3. Knothe im N. A. f. s. G. 5, 1884, S. 73 f. 

*) A. f. 8. G. 7, 1869. 113. 

^) Haaptstaatsarchiv Dresd. Loc. 10511, Aufsatz: Die Hohe Landstrasse aus 
Pohlen: ebenso 1356, 1377. 

*) Scriptores rerum Lusat. N. F. I, 54. 

^ C. d. S. r. II, 5»», 111. 

«) Hauptstaatsarchiv Dresden. Cop. 7, Fol. 77 ^ 78 ^>, 59^. 

•) a. a. 0. Akten 10513. 



248 



A. Simon, 



[76 



Wendung des ungarischen Königs dieselbe zurücl^enommen, aber 1491 
für immer erneuert ^). 

Die Strasse zog also von Leipzig aus entweder über Würzen, 
oder weil dieser üebergang zu Zeiten schwierig war, über Eilenburg 
oder Grimma, dann über Oschatz, den Fährort Merschwitz, Grossen- 
hain, Königsbrück, Eamenz, Bautzen, über Weissenburg oder Löbau^ 
später nur über letzteres, nach Reichenbach und Görlitz, von hier weiter 
über Lauban nach Breslau und Erakau. 

Die Bedeutung einer solchen Strasse leuchtet sofort ein. Sie yer- 
band schliesslich den Mittel- und Niederrhein mit Schlesien und Polen, 
den Westen mit dem Osten. Auf ihr drang anfangs Deutschtum und 
Christentum und mit beiden dann ein lebhafterer Handel und die Kultur 
schrittweise nach Osten yor, zuerst von der Saale bis zur Mulde, dann 
bis zur Elbe, zum Queiss, der Milzenergrenze im Osten, endlich noch 
weiter. Fast immer am Nordrand der Mittelgebirge verlaufend, hat 
sie ebenso wie die etwas südlicher gelegene Ostweststrasse wohl ursprüng- 
lich alte slawische Stammesfesten in Chutizi, deren Lage unbekannt 
ist, in Daleminzi (Jahna), in Milzieni (Bautzen), also Mittelpunkte frucht- 
barer, darum reich bevölkerter Gaue verknüpft. Diese und deren Ver- 
treter hat sie in christlich-germanischer Zeit zu Städten umgewandelt 
und zwischen denselben neue Städte entstehen lassen. 

Yereinigungs- und Endpunkt der beiden Ostweststrassen , über 
Mügeln und über Oschatz, war im 10. und 11. Jahrhundert Meissen. 
Zugleich lag Meissen am schiffbaren Eibstrom und an der Strasse aus 
Böhmen. Eben deswegen und weil von hier aus die Milzener unter- 
worfen werden sollten, der Ort also Mittelpunkt eines ausgedehnten 
Landes werden sollte, wurde Meissen Sitz des Markgrafen, dann des 
Bischofs. Das wirkte ausserordentlich fördernd auf den Verkehr zurück. 
Die urbs, der befestigte Ort, war 928 gegründet zum Schutz des 
Landes; von den freien, heerbannpfiichtigen Männern, die in der Um- 
gegend erobertes Land erhielten, musste ein Teil zur Verteidigung in 
der urbs wohnen, ob auch wie im altdeutschen Gebiet der neunte 
Mann, ist nicht zu bestimmen. Die übrigen aber waren angewiesen, 
das Land zu bauen, die Stadt mit Lebensmitteln zu versehen, wofOr 
sie im Falle der Not, bei Landgeflüchten, in derselben Schutz fanden *). 
Nach dem Aufhören der Landesversammlungen zu Gollm war der Bote 
Turm zu Meissen ihr Vereinigungspunkt ^). Das alles fahrte eine 
Menge Leute nach Meissen. Auch wurde Meissen gefördert durch die 
alte Vorschrift der Kirche, aus romanischen Ländern nach Deutschland 
gebracht: dass Bistümer nur in Städten angelegt werden sollen. ,Wo 
der Dom eines Bistums sich erhob auf deutschem Grund, da musste 
die Umgebung mit Menschen gefüllt sein und gegen die Landschaft 
abgeschlossen werden. Der Bischof zog an seinen Herrensitz seine grosse 
Familie von kunstfertigen Unfreien ; der Heilige, dessen Gebeine in der 
Kirche Wunder thaten, sammelte an hohen Festtagen grosse Volks- 



») A. f. 8. G. 12, 1874, S. 274. *) Märcker, Burggrafen, 2, 118. 
*) a. a. 0. 2, 5. 



77] I^ie VerkehrutroBsen in Sachsen. 249 

meDffea in den Stsdtraum. Auf freien Plätzen erhoben sich die Buden 
der Kaufleute. Sehr früh erwarben die geistlichen Herren für Waren, 
die zu den Märkten geführt wurden, auf der Strasse des Königs Schutz 
und Zollfreiheit (hier strata regia), die Landschaft gewähnte sich in 
die Bischofsstadt zu pilgern, in regem Marktgewdhl zu handeln. Zu- 
mal wo Deutsche und Slawen kämpften, erwies sich die Eirche des 
Heiligen und die Stadtmauer als das einzige Mittel, die Umgegend 
dauernd zu behaupten ').' Alle Feste, alle Konzilien und Konvente sollten 
in der Stadt abgehalten werden. Allerdings brachte dieser rege Ver- 
kehr, die leichte Verbindung, die wichtige Stellung der Stadt grosse 
Gefabren. Das Ziel der anstürmenden Slawen, mochten es Polen oder 
Böhmen sein, war stets Meissen. 984 wird es von Böhmen, die von 
Ml^eln zurDckkehren, besetzt; 985 muss Bischof Volkold fliehen, erst 
987 kehrt er von Merseburg zurück, nachdem Meissen wieder erobert 
war. Nach dem Tode des grossen Ekkehard gewinnt der polnisch 
gesinnte Gunzelin Meissen durch Bestechung der meist slawischen Be- 
wohner; er nimmt zuerst die Unterstadt, suburbium, und dringt dann 
durch das nach Osten gel^^ne Waseerthor in die Buig'). 1009 kam 
Heissen wieder in die Hand Hermanns, Ekkehards Sohn ; aber die Um- 
gebung, das ganze Bistum hatte so gelitten, dass der Bischof keine 
Einkünfte haUe "). 1015 erscheinen aufs neue die Polen; die Ein- 
wohner lassen ihre Habe in der Unterstadt und flüchten in die Feste; 
jene wird verbrannt, diese nur mit äusserster Anstrengung gebalten. 
In 14 Tagen wird die zerstörte Unterstadt wieder aufgebaut, ein Be- 
weis dafür, dass die Befestigung, wie die Häuser, meist nur aus Holz 
bestand. Wie wenig damals die Umgegend vor den Einfällen der 
Slawen sicher war, zeigt der Umstand, dass Bischof Eido aus Furcht 
vor einer künftigen Verödung der Stadt und einer Schändung seines 
Leichnams durch die Barbaren wiederholt bat, nicht in Meissen, son- 
deni in Colditz begraben zu werden*). 1031 kehrt dauernder Friede 
ein. Die fortwährenden Kriege hatten den Handel geschädigt, nicht 
vernichtet. 

Schon im 10. Jahrhundert bestand in der Qegend zwischen Beigem 
und Meissen zu Lande wie auf der Elbe lebhafter Verkehr; das geht 
aus der Urkunde von 983 hervor. Die Ablieferung des Zehnten, die 
Abgabe bei Verkäufen zwang zum Verkehr mit der Stadt. Diese 
wuchs; 984 stand ausserhalb der Stadt, ,vor dem Thore* eine Kirche, 
St. Nikolai ^). Dass sein Handel ausgedehnt, der Geldverkebr bedeu- 
tend war, zeigt die Menge der Juden, die sich bald daselbst Süden. 
Gimzelin (1002—1009) wird beschuldigt, er habe den Juden die Fami- 
lien von Leibeigenen verkauft. Den Juden begegnen wir auch ferner- 
hin in Meissen häufig. Auf die Meissner Juden vor allen mag sich 
die Judeaordnung Heinrichs des Erlauchten vom Jahre 1265 bezogen 
haben, in welcher Christen und Juden rechtlich gleich stehen. Erst 
von 1330 an werden von den Juden der Mark Meissen und des Pleissner- 

') Freitag, Bilder aus der deuUcb. Vergaogenheit I, 420 f. 
') PoBse a. a. 0. S. 50. ") C. d. S. r. I, 1, 62. 
*) Tbietmar 7, 15. Posse a. a. 0. 79. 
') Thietmar 4, 4. 



l 



250 A. Simon, [78 



landes besondere, dem Landesherren zufliessende Steuern erhoben^). 
Der 1370 erwähnte Judenberg zu Meissen wird 1349 vom Markgrafen 
j den Bürgern zur Viehweide überlassen; 1377 kommen die hauestete 

(Hofstätten) der iudenhüsere an die Bürger; dy iudenschulle, gelegen 
in der Pfarre der schon erwähnten Nikolaikirche, wird dem Pfarrer 
daselbst gegeben; 1455 giebt der Kurfürst den Judenkirchhoff für (vor) 
Missenn zu Lehen*). Wegen der besuchten Märkte zu Meissen war 
daselbst früh eine markgräfliche Münzstätte^). Die Frauenkirche wird 
1205 und 1213 Marktkirche (ecclesia s. Mariae forensis in Misna) ge- 
nannt. Handel und Handwerk waren freilich vom Markgrafen und von 
der Geistlichkeit abhängig. 1287 ist der Zins von den Fleischbänken 
im Besitz der Kirche, der von gewissen Bierhäusem und von den Brot- 
bänken, mastunge, 1292 im Besitz des Markgrafen; letzterer wird 
1352 vom Rat gekauft und der Brücke zugewendet. Diese, pons in 
Misna, ist 1316 im Besitz des Rates; diesem gehört der Brückenzoll, 
der 1355 und 1436 erhöht wird. Der Zoll in der Stadt selbst, thelo- 
neum, gehört nach einer Vergabung von 1328 dem Markgrafen *). Der 
Zoll der Eibfähre dagegen, theloneum, quod solvitur de transmeatione 
fluminis Albiae sub urbe Misnensi, gehört dem Bischof, seit 1160 dem 
Domkapitel. Erst 1480 verkauft dieses das furbergk Nedirfehr (Vor- 
werk, jetzt Dorf Niederfähre) vor der Elbbrucke zcu Meissen gelegen 
mit Zubehör und mit den zwei Jahrdingen und dem Halsgericht da- 
selbst an dreizehn Meissner Bürger^). Der Uebergang bei Meissen, 
der also später durch Brücke und Fähre zugleich vermittelt vnirde, 
scheint alt zu sein. Der slawische Name des gegenüberliegenden Colin 
(1225 Colonia, 1355 Kolne) deutet darauf hin: Pfahlhütten«). Das 
Bierbrauen der Bürger musste eigentlich in einer Stadt mit so frucht- 
barer Umgebung blühen; 1293 werden schon zwei Hopfengärten ausser- 
halb der Stadtmauer erwähnt; aber die Bierhäuser waren mit Zins 
belastet. Erst 1444 wird den brauenden Bürgern Bannmeile gewährt 
Am frühesten werden auch hier die Schuhmacher selbständig; 1329 
haben die schuworchtin einen meister (Obermeister), ein schuhuez; 
an Stelle des letzteren erbaut der Rat ein neues und zugleich ein 
kouf huez '). Ausserdem begegnen wir in Meissen, dem Sitz der Mark- 
grafen und des Bischofs, zwei anderwärts noch nicht genannten Berofs- 
arten: 1293 ist unter den Meissner Bürgern ein Goldschmied, Wuluekini; 
1403 wird dem meister Pawele, markgräflichem aptekere czu Missin, 
freie Wohnung und Unterstützung vom Markgrafen zugesichert, damit 
er die apteke redlich halten und bestellen soll ®). 1433 kommen für 
den margkt die Bezeichnungen Fjmargkt, Zalczmargkt, Frauenmargkt 
vor (erinnert an eccl. s. Mariae forensis). Die Stadt hat sich yer- 
grössert. 1446 vrird der Neumarkt genannt; doch scheint die Stadt 



^) Böttiger-Plathe, Gesch. v. Sachsen I, 275. 
») C. d. S. r. II, 4, 31. 38. 53. 108. 

») C. d. S. r. II, 1, S. XXVm. *) C. d. S. r. II, 4, 3. 16. 24. 42. 
^) C. d. S. r. II, 1, 52; U, 4, 142. ') C. d. S. r. II, 4, 10. 45. 
') C. d. S. r. II, 4: 1161 wird ein Weiüberg der Kirche geschenkt; 1355 
verkauft der Rat einen Weinberg zu Colin. C. d. S. r. II, 4, 97, 34. 
») C. d. S. r. II, 1, 312; II, 4, 68. 



79] Die VerkehrBstrasBen in Sachsen. 2f>l 

cur Wochenmärkte gehabt zu haben, die allerdings gut besucht waren 
Erst 1475 genehmigen die KurfQrsteD jene Verlegung des Lommatzschei 
Jahrmarktes in das sichere und bequemer gelegene Meissen ')■ 

Dass die Stadt von ihrer ersten Anl^e an Festungswerke hatte 
dass diese anfänglich nur aus Holz bestanden, haben wir bereits ge- 
sellen. Doch wurden sie bald durch Mauern ersetzt; 1285 waren dii 
muri urbis Misnensis an vielen Orten vom Alter eingestürzt und be- 
durften der Wiederherstellung; die Wasserburg, aquaticum castrum 
hat 1267 eine Kapelle*). 

Meissen ist also, weil von Anfang an Sitz der Verwaltung unc 
kirchlicher Mittelpunkt, früh ein besuchter Handelsplatz. Wie stanc 
es dabei um das Bürgertum? Handel und Handwerk waren durci 
Abgaben an den Landesherren oder Bischof belastet. Dazu kam seil 
Mitte des 11. Jahrhunderts (zwischen 1018 und 1068) ein neuer Herr 
der Bur^raf*). Die Verbindung zwischen Stadt und Land war ii 
Meissen zu eng. Darum konnte hier gerade der Einäuss der Freier 
auf die unfreien (des Markgrafen, Bischofs, Burggrafen), woraus dit 
Etädtische Freiheit erwuchs, nur sehr allmählich wirksam werden. 131( 
urkundet der Bürgermeister mit Ratspersonen und Geschworenen ; 1423 
in demselben Jahre wie in Leipzig, verkauft Kurfürst Friedrich zui 
Besserung der Stadt die zwei teÜ des gerichtis in wichbilde zcu Missii 
obirste vnd nederste obir hals vnd band, verdingen, das gerichte obii 
alle schuld mit allen bussen, wetten, gnyssen, zcugehorungen, zcinsen. 
reuten vor 600 Rjnische gülden (Leipzig 1500 Rh. 6.) an die Stadt 
1433 ist Wenzel Segii richter der stad Missen. 1458 bestätigt Kur- 
fOrst Friedrich II. Bürgermeister und Ratspersonen *). Von den Landes- 
herren, die, soweit die Itine rar auf Zeichnungen des Verfassers reichen 
alle zu Meissen geurkundet, ist Friedrich II. derjenige, der am meister 
in Meissen residiert haben muss (Datierungen von 1433 — 1463). 144t 
fordert er den Stadtschreiber und zwei Ratsmitglieder aus Leipzig aul 
zu einer Besprechung in Meissen. 

Ein Gegenbild zur Entwickelung Meissens bietet in vielen Stücker 
die von Leipzig. Leipzig blieb lange unbedeutend neben dem älterer 
und früher erblühten Merseburg, dem Ausgangspunkt aller Unter- 
nehmungen der deutschen Könige gegen den slawischen Osten. Merse- 
bui^ war früh befestigt, hatte 968 wohl schon Markt-, Münz- und Zoll- 
gerechtigkeit bekommen; 1004 hatte es dieselben sicher'). Kaufleutf 
und Juden mussten dem Stift Zoll zahlen. Leipzig, ein altes Fischer- 
dorf, war durch die Lage an der Mündung der Parthe und an dei 
Vereinigung der Pleisse und Elster sicher. Dazu war es früh befestigt: 
1015 wird urbs Libzi erwähnt^). Es war sogar durch die zvrisches 
der urbs und der Parthe und Pleisse liegende Altenburg noch mehi 
gesichert. Dies, sowie der Umstand, dass es damals noch Reichsgui 
war, während der umhegende Forst seit 974 zu Merseburg gehörte '). 

') C. d. S. r. n, 4, 79. 100. 131. *) C. d. S. r. II, 4, 15. 12. 
') Märcker. Burggrafentum. *) C. d. S. r. II, 4. 29. 75. 79. 118. 
') PoBBC, Markgrafen, 298. ') Thietmar 7. 18. 
Ö C. d. S. r. I, 1, 19. A. f. 8. (i. 3, 1865, S. 107. 



252 



A. Simon, 



[80 



beweist die Wichtigkeit des Ortes. Die Fiussniederung der Pleisse 
und Elster ist hier schmal, wie weit auf- und abwärts an keiner Stelle, 
sie biegt hier aus der Nordrichtung nach Westen um ; darum ist hier 
der Uebergang der Strasse von Merseburg über Elster und Pleisse zu- 
gleich und der von Magdeburg und Halle her über die Parthe. 1017 
wurde die (Nikolai-)Kirche zu Leipzig, nach 1150 der Ort selbst merse- 
burgisch, ^); er wurde aber dem Markgrafen zu Lehen aufgetragen. 
1200 nennt Markgraf Dietrich Leipzig civitas nostra. Unter Markgraf 
Otto war die Stadt vor 1170 noch starker befestigt worden*). Am 
Ausgang des 12. Jahrhunderts war Leipzig der wichtigste militärische 
Stützpunkt zwischen Saale und Mulde. Hierher floh 1194 und 1195 
Albrecht; alle seine Festen wollte er schleifen ausser Leipzig^). Als 
um 1213 zwischen den selbständiger werdenden Bürgern und dem 
Markgrafen Dietrich wegen des neubegründeten Augustiner-Chorherm- 
stifts St. Thömä ein Streit ausbrach, versprach 1216 der Markgraf, 
weder in noch ausserhalb der Stadt neue Befestigungen anzulegen: 
doch wurde die Stadt nach neuem Zwist 1217 gewonnen, die Stadt- 
mauer niedergerissen, auf städtischem Boden drei Befestigungswerke 
angelegt. Dies war jedoch vorübergehend. Die Bestätigung des Handels 
mit fremden Eaufleuten 1268 setzt gute Befestigung, volle Sicherheit 
in der Stadt selbst voraus, zumal selbst für den Fall eines Krieges 
unbedingte Sicherheit für Person und Ware der Händler vom Landes- 
herm zugesagt wird. 1385 beschliesst der Rat, zum Besten der Stadt 
vier Hauptleute zu halten, in jedem Stadtviertel einen. Zu Leipzig 
blühte nach einer Urkunde von 1395 die Büchsenmacherei. W^en 
der drohenden Hussitenkriege werden 1430 die Festungswerke verstärkt; 
1453 befiehlt der Rat den Stadtknechten, sich in steter Bereitschaft 
zu halten; 1467 wird die Wasserfläche der Stadtgräben vermessen^). 
Die Sicherheit des Ortes und die Lage am Vereinigungspunkte 
zweier wichtiger Strassen, wie die von Magdeburg und Halle und von 
Merseburg, in der sich die von Erfurt und Grossjena-Naumburg und 
die von Wallhausen- Allstädt-Schafstädt ^) vereinigten, machten Leipzig 
früh zu einem wichtigen Handelsplatz, nicht bloss für die Umgebung, 
sondern auch für die weitere Feme. Das Schottenkloster zu Erfurt, 
1036 gestiftet, hatte bis 1484 das Patronat über die Kirche St. Jakobi, 
die im Anschluss an die Aitenburg vor dem Ranstädter Thore ent- 
standen war. Aus der Zeit zwischen 1412 und 1430 sind ims Klagen 
der Erfurter Kaufleute überliefert, dass die Amtleute des Merseburger 
Bischofs sie belästigen; 1452 belegt der Abt des Schottenklosters zu 
Erfurt den Leipziger Rat mit dem Interdikt. 1442 wird zu Leipzig 
von Naumburger Bier Geleitgeld erhoben; 1444 werden die Leipziger 
Bürger davon befreit^. Schon in dem Privilegium des Markgrafen 
Otto wird verboten, innerhalb einer Meile um die Stadt einen Markt 
anzulegen (Sachsenspiegel) ; säumige Schuldner der Bürger sollen vor den 



^) C. d. S. r. I, 1, 66: Urkunde geHLlscht, Thatsachen aber unzweifelhaft 

») C. d. S. r. II, 8, 2. ») C. d. S. r. II, 8, S. XVU. 

*) C. d. S. r. II, 8, 6. 91. 171. 304. 418. ») Thietmar 3, 1. 

«) C. d. S. r. II, 8, 527. 128. 213. 



^jl Die Verkehrsatrassen in Sachsen. 253 

markgräflichen Vogt (nuntius) gestellt und gezwungen werden, inner- 
halb 14 Nächte zu bezahlen. Gerade letzteres, der Anfang zu dem 
allmählich sich entwickelnden Handelsrecht, deutet auf einen grösseren 
Verkehr. Deutlich ausgesprochen ist derselbe in dem Privilegium von 
12ii8, wo Yon fremden Kaufleuten, woher sie auch seien, geredet wird. 
Damit sind die blossen Jahrmärkte von frUher zu wirklichen Messen 
geworden '). 

Das setzt aber Strassenverbindung nicht bloss nach zwei, sondern 
nach allen Seiten voraus. Die alte Strasse von Westen nach Osten, 
die durch Leipzig führt, ist die strata regia ; diese wahrscheinlich wird 
1284 bei, der Lehensv ergabung Merseburgs an den Markgrafen aus- 
geQommen, weil sie dem Reiche gehörte*). Wo die Strasse, die von 
Magdeburg und Eisleben, wo 1389 Leipziger Kaufleute beraubt werden, 
nach Halle und über Schkeuditz nach Leipzig zog, die Stadt berührte, 
wurde ein Zoll erhoben, der sehr bezeichnend durchzolh heisst, er 
kommt 1352 an die Stadt; auf einer fwerstraze (13(51), die vom Halle- 
scheu Thore zum Johaniiishospital vor dem Grimmaschen Thor leitet, 
konnte die Stadt umgangen werden, die Fremden, die von Halle Salz 
holten, mussten hier Geleitsgeld zahlen "). Der Weg setzte sich dann 
jedenfalls über Holzhausen , Zuckelhausen , Fuchshain , Seifertshain, 
Schloss, später Stadt Naunhof {1284 nova curia in den Merseburger 
Besitzungen) *) nach Grimma fort. Zum Bau dieses und anderer Wege, 
sowie der Brücken im Merseburger Besitz werden 1359 die umliegenden 
Dörfer vom Mei'seburger Bischof neu verpflichtet; auf diesem Wege 
.sollen 1426 die von Leipzig gestellten Truppen nach Pirna ziehen; 
später kommt der Befehl, dass die durch Leipzig ziehenden Hilfsvölker 
in Bobritsch bei Freiberg sich sammeln sollen ■''). Das war der kür- 
zeste Weg nach Freiberg, Auf diesem bewegten sich später meist 
die Wagen, welche von Halle Salz nach Freiberg und Böhmen fuhren 
(1448) und Bretter und Schindeln dahin brachten (1472) "0- Ais in der 
Zeit der Hussitennot dieser Weg bewacht wurde, schlichen sich 1429 
hussitische Brandstifter von Freiberg über Chemnitz und Rochlitz nach 
Leipzig. Letztere Strasse, von uns schon wiederholt berührt, führte 
über Connewitz, Magdeborn, Borna, Frohburg und von hier wahr- 
scheinlich über Geithain und Rochlitz, später über Kehren und Penig 
nach Chemnitz. In Borna, wo die ältere Salzstrasse von Eythra-Zwenkau 
einmündete , trennte sich von derselben die Strasse , welche zunächst 
die Wiera, bei Regis dann die Pleisse Überschritt und an dieser auf- 
wärts nach Altenburg, dem deutsch benannten, aber alten Mittelpunkte 
des Gaues Plisni, von hier weiter entweder an Meerane vorüber nach 
Zwickau oder über Crimmitschau und Werdau nach Plauen und weiter 
nach Nürnberg führte. Heber letztgenannte Strasse fehlen ältere An- 
gaben; der dapifer de Burne (Truchsess von Borna) erscheint 1254, 
1288 als Zeuge in Urkunden des plauenschen Vogtes, 1290 in einer 
Urkunde des Markgrafen, welche denselben Vogt und ein Geldgeschäft 

') C. d. S. r. 11. 8, 2. 6. Vgl.Hasae, Gesch. der Leipz. Messen. 1885, S.S. 
*) C. d. S. r. II. 8. 11. ') C. d. S. r. II, 8, 122. 45. 57. 
*) C. d. S. r. II. 8, II. ') a. a. 0, .53, 140. 141. 152. 
') C. d. S. r. II, 12, 354. 359. 41-5. 
Forscbnagen zur dentachen Landea- und Volhskunde. Vll, s IT 



254 



A. Simon, 



[82 



zu Leipzig betrifft; 1357 geht Burne, hues Tnd stat, ebenso Korin, das 
hus, und die stat zu Gythen (Oeithain) in Besitz desselben Vogtes über, 
der damals Landrichter des Pleissenlandes war ^). Auf eben dieser 
Strasse zog im Dezember 1295 König Adolf Ton' Leipzig nach Alten- 
bürg, um von hier über Chemnitz Freiberg zu erreichen*). Crim- 
mitschau, dessen Schloss die Strasse deckte, muss früh eine gewisse 
Grösse erreicht haben; denn 1222 gründete Henricus de Cremazowe 
ein Augustinerkloster daselbst; derselbe Henricus de Crimatsowa ist 
1225 Zeuge in einer Urkunde des Naumburger Bischofs über die Kirchen 
in Greiz und Elsterberg ^). Werdau hatte Verbindung mit Plauen; 
1304 überweisen die Vögte von Plauen und Gera dem Kloster Cronsch- 
witz bei Weida Zinsen in werde; 1318 übergiebt der Vogt von Plauen 
mit Genehmigung des Naumburger Bischofs das Patronatsrecht der 
Kirche in werde der Bergkirche in Altenburg. 1351 schwören bei 
Ausstellung eines Geleitsbriefes durch den Vogt von Weida-Plauen die 
Juden Mayr von Plawen, der Baruch vnd der Veyfel von Werde, des 
Mayrs son^). In Neumark verband sich die Strasse mit der von 
Zwickau nach Plauen. Jene folgte also bis hierher durchweg dem 
Thal der Pleisse. Die letzte Strasse von Leipzig aus wurde von dem 
Laufe der Elster geleitet. Sie verband Leipzig mit Zeitz, Gera, Weida, 
Plauen, den wichtigsten Punkten in den altslawischen Gauen Puonzowa 
(Ciza, Zeitz), Geraha (Gera), Dobna (Wida, Plawe) *). Da von Zeitz 
eine alte Strasse nach Naumburg abzweigte, so war die bezeichnete 
Strasse die eigentliche und natürliche^ Verkehrsader für den Zeitz- 
Naumburger Bischofssprengel. In Gera bog eine zweite Strasse ab, 
die über Auma, Schleiz, Gefell nach Hof leitete, eine Parallelstrajsse 
für Leipzig-Altenburg-Hof; eine solche war wichtig und vorteilhaft in 
Zeiten, wo Krieg oder Pest die eine Strasse für den Handel sperrte % 
Die letztgenannte Strasse wurde innerhalb unseres Gebietes gedeckt 
durch Zwenkau-Eythra und Groitsch-Pegau, beide zugleich an schvrie- 
rigen, aber jedenfalls sehr alten Elsterübergängen gelegen für Strassen 
von Merseburg nach Südosten (Leisnig, Chemnitz). Zwenkau soll schon 
von König Heinrich II. Markt-, Münz- und Zollgerechtsame erhalten 
haben, die aber später vergessen wurden; um dieselben zum Stapel- 
recht zu steigern, sperrte Bischof Heinrich von Merseburg 1315 die 
Stapelstrasse Leipzig-Pegau ^). In Pegau und Groitzsch wurde die Leip- 
ziger Strasse von einer Merseburger gekreuzt, die an der Schnauder 
hinauf über Lucka, wo der aus Böhmen ins Osterland einfallende König 
Albrecht 1307 geschlagen wurde, nach Altenburg führte. Groitzsch 
(vom slawischen grod, Verzäunung, Befestigung, Burg) ist eine sehr 
alte Feste; vielleicht ist es dasselbe predium Grothomizi in pago 
Chuntizi , welches 1030 König Konrad II. dem Markgrafen Hermann 



^) Müller, U. V. PI. 19. 87. 97. 406. 

^) Falke, Gesch. der Hohen Landstr. a. a. 0. 

») Müller, ü. V. PI. 11. A. f. s. G. 2, 1864, S. 138. N. F. 1, 1875, S. 260. 

*) Müller, U. V. PI. 162. 58^, 382. 

*) Gaukarte bei Posse, Markgrafen. 

•) Heller, Handelswege Innerdeutschlands im N. A. f. s. G. 5, 1884, S. 41. 

') Schäfer, Sachsen-Chronik. 



^31 I>ie VerhebrutTassen in Sacbseo. 255 

schenkt'). 1067 und 1081 wurde das municipium (Stadt?) situm iuxta 
Ebtram änvium nomine Groisca dem nachher betühmteQ und reichen 
Grafen Wieprecht Übertragen, der nach 1083 auch Leisnig und Dom- 
burg erhielt^. Im nahen Pegau gründete er ein Kloster, das 1093 
geweiht wurde (1105 ein kleines Eloater in Lausigk)"), das Mutter- 
kloster des Bergklosters in Chemnitz, an derselben Strasse gelegen. 
Da^ Benediktinerstift Pegau hatte nachher eigene Münze *); es mag 
wesentlich zur Förderung und Erweiterung der Stadt Pegau beigetragen 
haben. 1367 geraten beide, Stadt und Kloster, Über die Güter des letz- 
teren in Streit; 1451 verhandelt der Bürgermeister und Rat zu Pegau 
mit Leipzig ^). 

In Leipzig vereinigten sich also die Strassen von Halle, Merse- 
burg, Naumburg, Zeitz, Altenburg-Borna, Chemnitz-Penig-Boma, Frei- 
berg-Leisnig-Grimma , Meissen-Grimma , Oschatz-Wurzen und von den 
Ostseestädten über Grossenhain- Würzen oder Über Eilenburg. Wegen 
dieser günstigen Verbindungen, zugleich wegen der Geräumigkeit des 
Ortes hielten 1190 die Wettiner einen Fürstentag in Leipzig üb. Mitten 
in den Zerwürfnissen mit Markgraf Dietrich dachten die Bürger 1216 
an ihre Wege und Brücken. 12()8 erwarben sie von den Landesherren 
die Freiheit, dass fremde Kaufleute in ihrer Stadt unbedingt sicher 
sein sollten. Vor allem suchen sie ihren Handel von fremden Einflüssen 
uüd Einschränkungen frei zu machen. Sie erwerben 1270 vom Mark- 
grafen das Münzwerk, Grube genannt, hatten also eigene MUnze ''), 
1303 den Marktzoll, welchen 1340 ein Weidemann, dann ein Thymc 
vou Colditz zu Lehen gehabt hatte. 1349 waren die Kramer zu einer 
Innung vereinigt; das Recht eines Meisters der Kramer (Obermeister, 
Vorstand) wurde als nutzbares Recht vom Markgrafen zu Lehen ge- 
geben; über den Zins an diesen Kramermeister entbrannte 1301 ein 
Streit. 1352 kauft die Stadt jenen durchzolh, der zw dem Hellischen 
(Holle) thore daselbst zw Leipzeck ausgehet, vom Ritter vom Ende '), 
Mit der Zeit erwarben die Leipziger gewisse Niederlassnngsrechte, zuerst 
zwischen 1382 und 1401 für Wein, der von Fremden für die Bürget 
aliein erst drei Tage lang feil geboten werden musste; 1443 wird das- 
selbe den Nürnberger Kaufleuten gegenüber wiederholt und noch ein 
Vorkaufsrecht durch den Weinmeister des Rates hinzugefügt*). 1404 
erwerben die Bürger endlich vom Kurfürsten eine gemein niderlag und 
erlangen zugleich eine Bestätigung ihrer dry iarmarkt, dohin zu seiner 
zeidt vill volckes vnd au§Iendischer koufflewt komen. Wer etwa an 
der Stadt vorbei nach Halle oder Magdeburg fuhrt, soll die Leipziger 
Messen nicht mehr besuchen dürfen. Schon 1418 hatte der Kurfürst 
geboten, niemand aus der Mark Meissen solle die zwei neuen Jahr- 
märkte zu Magdeburg besuchen. Eine beschlossene Erhöhung des 
Zolles an den Schlägen der Stadt (sehlegeschatz) von ein auf drei 
Pfennige, kam, jedenfalls auf Betreiben der Bürger, nicht zur Durch- 

') C. (1. S. r. I. 1, 73. ') PoBae, Markgrafen, 251 f. C. d. S. r. I, 1, 159. 

') A. f. a. G. 3. 1865, S. 102. *) C. d. Ö. r. II, 1, S. XXVIII. 

') flauptataaUarchiv Dresd. Dep. P. 5. C. d. S. r. II. 8, 270. 

') C. d. S. r. 11, 8, S. XXXV; II, 1, S. XXVIII. 

') C. d. S. r. II, 8, 63. 39. 60. 45. ') a. a. 0. 84. 220. 



25G 



A. Simon, 



[84 



führung. 1458 hatte ihnen derselbe Kurfürst zu den beiden bestehenden 
Märkten zu Ostern und IMichaelis den Neujahrsmarkt verliehen, der 
vom 2. — 7. Januar währen sollte; die Leipziger liessen sich diesen neuen 
Markt von Kaiser Friedrich III. 14GG bestätigen; doch widerrief der- 
selbe 1469 zu Gunsten der Stadt Halle dies Jabrmarktsrecht. Die Leip- 
ziger wendeten sich an ihre Landesherren und auf deren Verwendung 
wird das Hallesche Privilegium ausser Kraft gesetzt und das Leipziger 
von neuem bestätigt ^). 1445 erwerben zwei Bürger von den Kur- 
fürsten den fisch-, bering- vnd nußzcoU in Leipzig. In jeder Weise 
sucht man den Handel und was damit zusammenhängt, zu fördern, zu 
erleichtern. 1391 bekommt Leipzig die Erlaubnis, im Rathaus eine 
Kapelle zu errichten und in dieser Gottesdienst zu halten in dem Falle, 
dass über die Stadt das Interdikt, über den Rat der Bann verhängt 
würde. So konnte dann die Stadt ungestört ihren Handel weiter f&hren, 
von fremden Händlern ungestört besucht werden. Da die Sache beim 
Propst zu St. Thomas auf Widerspruch stiess, so weihte ein Bischof 
aus Meissen 1394 dieselbe. 1419 gewährt der Papst das Recht, das«; 
mit dem Kirchenbann Belegte nach Leipzig kommen und sich daselbst 
aufhalten dürfen^). 1452 wird erlaubt, da die Schmiede nach einer 
Ratsordnung von 1359 ausserhalb der Stadtmauer wohnen müssen, dass 
in allen Häusern der Stadt Schlösser und Nägel verkauft werden dürfen. 
1454 wird zwar verordnet, dass mit Fremden kein Compagniegeschäft 
betrieben werden solle; doch wird 1464 gestattet, dass ein burger mit 
einem vMendischen gaste geselschaft haben mag vff ein anczal, der 
helfte, eins drittenteils , mynner oder mehr. Wie anderwärts bestand 
auch hier eine Ratswage: zu dieser sollen Thorwärter und Wirte (1464) 
alle Fuhrleute weisen; dabei dürfen nur geschworene Läder (1454, 1464) 
das Zentnergut abladen, aufmachen, wiegen, aufzeichnen und was un- 
geöffnet durchgehen soll, versiegeln. Der damals gemachte Vorschlag, 
ein Haus zu erbauen mit Kammern zur Niederlage, zur Wage, zum 
Handel ausser den Märkten (Transitlager, Zollniederlage, Markthalle), 
ging nicht durch. An Stelle des bisherigen Marktvogtes werden jetzt 
mehrere bestellt ^). üeber den Kramhandel war so mancher Streit 
gewesen. Ursprünglich hatten die Krambuden wie in Halle auf dem 
Markt gestanden. Er wurde 1466 freigegeben: hinforder mag eyn 
ieglicher burger vnde burgerynne in sinem huße allirley cramerye feil 
habin, ap ouch der adir die in den kramen nicht hußir betten, vnde die 
kremer (Mitglieder der Krammerinnung) sollin ouch nymants, der anders 
burgir ist, dorin haldin noch dorin verhindern; 1484 wird sogar ge- 
boten, keiner von der Kramerinnung solle täglich auf dem Markte, 
sondern nur an den beiden Markttagen auf dem Markte in Buden feil 
halten. Also war schon vorher der auf dem Marktplatz vereinigt ge- 
wesene Kramhandel vom Markte weg in die Bürgerhäuser gezogen*). 
Zur Förderung des Heringshandels, der bedeutend war, wurde 1467 
die Maklergebühr für denselben und das Mass der Heringstonnen (gleich- 
zeitig das der Honigtonnen, Honig vertrat damals den Zucker) fest- 



') a. a. 0. 371. 253. 331. 398. 427. 432. ^) a. a. 0. 232. 98. 99. 113. 
») a. a. 0. 51. 291. 317. 383. *) a. a. 0. S. XXVIII, U. 397. 



S5] Die Verkehragtrajsen in Sachsen. 2Ö7 

gesetzt und darüber Bericht; erstattet an die stete Herczpergk, Kolo, Berlyn, 
Prenczlow, Spremberg vnde Brandenburg. Damit der Gewürzbandel 
nicht geschädigt werde, erging 1469 ein Ratserlass, ein vlissigs vffsehen 
zcuhaben, das von keyme kauSinanne gefelscht gut vorkaufft oder feyl 
gehalten werden soll : saffran, ingeber vnd ander wurtzen, auch gleiche 
Wage und gleich Gewicht '). In einem so lebhaften Handelsplatz fehlten 
auch die Juden nicht; 1352 überträgt Markgraf Friedrich dem Marschall 
Thynio von Colditz die scola ludaeorura; derselbe befreit V.HU den in 
Leipzig angesessenen Juden Benjamin und seine Angehörigen von sture 
vDd bet« und gewährt gegen entsprechende Bezahlung zwei Juden die 
Aufnahme in Leipzig, einem in Altenburg. Herzog Wilhelm erteilt 
einen Schutz- und Freiheitsbrief für den Juden Abraham und dessen 
Angehörige in allen seinen Ländern, zuerst 1430, dann 143(3 auf acht 
Jahre, nach ihrer Nahrung und Gewohnheit zu erwerben und gewinnen 
und redlichen Handel zu treiben; wenn ihnen die Wohnung in Leipzig 
nicht bequem ist, können sie in eine andere Stadt des Herzogs ziehen ; 
sie sind zollfrei gegen eine jährliche Abgabe von 40 rhein. Gulden ^). 
Durch diesen Juden Abraham wurde zu Leipzig das Geld ausgezahlt, 
als Kurfürst Friedrich II. den grossen Salzzoll zu Pirna aus böhmischen 
Händen kaufte^). Natürlich war Leipzig auch Geldmarkt; 12!'0 ver- 
spricht Markgraf Friedrieb, ein dem Vogt von Plauen übertri^enes 
Gut mit vier Mark zu lösen, welche in Leipzig ausgezahlt werden 
sollen *); 1409 übernimmt der Rat zu Leipzig die Kontrahierung einer 
Anleihe von 12 000 rbein. Gulden für den Landesherrn. Zu Pirna 
wird 1476 geurkundet, eine Geldsumme solle auf der nächsten Leip- 
ziger Ostermesse zurückgezahlt werden. Wegen dieser Bedeutung 
Leipzigs für den Geldverkehr wurden die landesherrlichen Münzerlasse 
immer zuerst in Leipzig verkündigt, so 1438 durch Herzog Wilhelm 
filr die Märkte ^). Der Handel konnte ohne Post nicht besteben ; darum 
gingen von Leipzig aus, wo später sich die ersten Postanstalten Sach- 
sens im heutigen Sinne linden, schon seit Ende des 14. Jahrhunderts 
direkte Boten nach Augsburg, Nürnberg, Prag, Wien, Dresden, Kölln 
an der Spree (Berlin), Magdeburg, Hamburg, Braunschweig, teils zu 
Fu.-s, teils reitend "). 

Hand in Hand mit dem Handel entwickelte sich Uns Gewerbe, 
daa durch jenen Rohstoffe und Absatz erhielt, ihn aber auch wiederum 
förderte durch die gefertigten Waren. Gleichzeitig mit der Kramer- 
innung tritt die vereinigte Innung der Schuster und Gerber urkundlich 
auf; sie mag viel älter sein; 1349 haben dieselben das Gericht über 
die Fleischer und Schuhflicker (Altbuzer); 1352 wird ihre Innung vom 
Markgrafen bestätigt mit allen Rechten, wie sie dieselben von alters 
her gehabt haben. Leder und Schuhwerk darf nach einer V'erordnung 
Ton 1380 von Fremden nur zum Jahrmarkt, sonst Leder nur durch 
Gerber aus Leipzig, Schuhwerk nur durch Schuster aus Leipzig ver- 

■) a. a. 0. 409. 437. ') a. a. O. 44. C,-|. 60. 170. 188. 
') C. d. S. r. 11, 5'', 111. ') Müller, ü. v. PI. 97. 
') C. d. S. r. II, 8, 423; 11, 5, S. 4.'i;t; II, 8, 19.5. 
') Schäfer, Gesch. des sächs. Pnstwesena 1879, S, 3. 



258 



A. Simon, 



[8t5 



kauft werden. 1414 giebt der Markgraf den Gerbern eine besondere 
Innung: die früheren Erlasse bleiben in Geltung; die Schuhmacher 
dürfen nicht mit Leder handeln, nasses Leder darf nicht auf dem Markt, 
nur in Häusern und ausserhalb der Stadt verkauft werden ; nur Gerber- 
meister dürfen in der Stadt arbeiten. Für die Schuhmacher baut der 
Rat 1419 am Markt ein Schuhhaus ^). Bald nach 1368 bekamen die 
Fleischer eigene Innung, wie sie die Schuhflicker (alden schoworchten, 
genannt reseler) 1373 erhielten; 1442 wird den Fleischhauern die her- 
gebrachte Ordnung bestätigt. Die Bäckerinnung tritt urkundlich zwar 
erst 13G8 auf, bestand aber früher; 1288 wird einem Bäcker und zwei 
Wollenwebern gestattet, sich in der Jakobsgemeinde vor dem Ranstadter 
Thore niederzulassen, alle Bäcker und Wollenweber haben freies Recht 
des Kaufs und Verkaufs, ohne Zoll und Belästigung. 1341 erwerben 
die Tuchmacher neben dem Rathaus ein Haus, wo sie selbstgefertigte 
und bunte Tuche verkaufen. Zu Gunsten der Stadtbäcker wird 1381 
der Brotmarkt aufgehoben^). Den Schmieden, die für eine Handels- 
stadt damals wichtig, die in grosser Zahl vorhanden waren, gebot 1359 
der Rat mit Rücksicht auf die Feuersgefahr, wenn einer sein Haus 
umbaut, wenn ein fremder Schmied sich anbaut, solle er sich ausser- 
halb der Stadtmauer anbauen ^). Seit 1386 giebt es sicher eine Schneider- 
innung. 1423 haben die Weissgerber, 1429 die Hutmacher, 1446 die 
Kannegiesser (Zinngiesser) Innungsartikel. 1453 wird den fremden 
Töpfern verboten, ausser den Jahrmärkten öfter als einmal im Viertel- 
jahr nach Leipzig zu Markte zu kommen ; es bestand also eine Töpfer- 
innung. 1459 wird zu Gunsten der Leipziger Bürger das Bierbrauen 
auf den Dörfern der Umgebung beschränkt*). Besondere Beachtung 
schenkte man dem Tuchgewerbe. Vom Jahre 1469 wird berichtet: 
vmbe das hantwerg der tuchmacher zcufurdern, haben wege für sich 
genomen vnd gedacht, wie man fremde meyster des hantwerckes, die 
mit färbe vnd anderem, zcu den tuchen gehorendt, vmbe zcugehen 
wissen, bei sich vnd alher brechte, vnnd haben deren etzHche vflf- 
genommen, die dem rate sich noch dem ostermarckte herzcuwenden 
zcusag getan haben, 4 aus Zwickau, die freien Umzug, freie Wohnung 
auf 2 Jahre, 200 Gulden Vorschuss auf 4 Jahre, Steuerfreiheit auf 
4 Jahre und freie Benutzung des Färberhauses wie andere Handwerks- 
meister auf 3 Jahre, ausserdem freies Bürgerrecht und Handwerk und 
für den Anfang Naturalien bekommen ; ausserdem kommen noch 5 aus 
Zwickau mit geringeren Vergünstigungen, 2 aus Rochlitz und 2 ferber 
vom Hayne (Leipzig und Grossenhain waren wichtig für den Waid- 
handel zwischen Thüringen und dem Osten) *'*). 

Nirgends lässt sich so wie hier verfolgen, wie Handel und Ge- 
werbe sich zu Selbständigkeit und Blüte emporarbeiten, sich dann sei- 
tens des Landesherrn oder der Stadtverwaltung Schutz und Recht er- 
werben. Der im stillen aufblühende Handel, die bürgerlichen Gewerbe, 
die sich ausbreiten, schaffen unter den Stadtbewohnern Freiheit und 



') C. d. S. r. II, 8, 38. 42. 81. 132. ^) a. a. 0. 72. 210. 16. 34. 82. 
») a. a. 0. 51. 291. *) a. a. 0. 93. 138. 169. 244. 302. 338. 
'') a. a. 0. 426. 



)^7] Die Verkehtastragsen in Sachsen. 259 

Gleichheit. Noch 1216 gab es HerrenhÖfe mit Feldern in der Stadt 
mit verschiedenartig abhängigen Bewohnern, Lehen-, Eigen-, Erbzina- 
güter, letztere besonders im Besitz des Tho mask loste rs, edle Geschlechter, 
Freie und Ministeriale. Das verlor sich mit der Zeit, wenn auch nur 
langsam *). Das BUrgertum strebte nach rechtlicher Selbständigkeit. 
Schon in der Ottonischen Urkunde (vor 1170) wird der Stadt halleschea 
und raagdebui^aches Recht, Weichbild (Anzahl von Dörfeni, die in 
die Stadt zu Gerichte gehen) , ein Schultheiss (decanus) für leichtere, 
ein Vogt (iudex) für schwerere Vergehen gegeben; wer in der Stadt 
Lehen oder Erbe kauft, darf dasselbe nur nach Weichhildrecht, secundum 
fori conventionem , erwerben. Der Zwist, der bei BegrÜudung des 
Thomasklosters in der Stadt entstand, weil der Markgraf dieselbe er- 
zwingen wollte, ist schon berührt. 1203 erwarben die Bürger Freiheit 
von der Gerichtsbarkeit der markgräflichen Vögte, die nur angesprochen 
wurden, wenn Bürger und Schultheiss das Recht verweigerten. 1270 
haben der Schultheiss und 12 Konsuln das Recht, Ruhestörer, Ueber- 
treter der städtischen Gesetze mit Freiheitsstrafen zu belegen. 1354 
versetzt Markgraf Friedrich den Leipziger Bürgern seinen voitding. Bei 
NeubegrUndung des Augustiner- Chorherrenstiftes St. Thomä 1359 tritt 
die alte Feindschaft hervor: kein Bürger soll Vorsprech, procurator, 
eines Ordeua oder Klosters in der Stadt sein. Die Stadt kauft 1423, 
gleichzeitig mit Meissen, vom Kurfürsten die Gerichte in ihrem Weich- 
üilde, wie sie der Markgraf und sein Vogt bisher gehabt haben, auf 
Widerruf für 15 000 rheinische Gulden. 1472 wird die Rats- und 
SchöfFenschreiberei geteilt, 147G bestätigt der Landesherr den neu- 
gewählten Rat*). Der Leipziger Schöppenstuhl war berühmt, nicht 
nur in Sachsen, auch in Böhmen, Schlesien, Polen; alle Städte Sach- 
sens, mit Ausnahme weniger Städte des Vogtlandes, die auf einige Zeit 
nach böhmischen Städten gewiesen waren, führte der Rechtsgang nach 
Leipzig. Das kam nicht bloss von der Nähe der alten Städte Halle 
und Magdeburg, nicht bloss von seiner guten Strassenverbindung nach 
allen Richtungen, sondern auch von der Tüchtigkeit des Schöppen- 
ätuhles. 1325 heisst es in Pirna: die Richter und Geschworenen sollen 
nach lÖtägiger Erwägung Rechtsmeinung in Dresden holen; wird ein 
Urteil verworfen, dann sollen sie zu den Bürgern in Dresden gehen. 
Auch Meissen führte der Rechtsgang nach Leipzig (1450), ebenso 
Chemnitz (1457). In Leipzig entwickelte sich natürlich auch das Handels- 
recht; darum holten die Dresdener 1478 bei den scheppenn zu Leyptczk 
Rechtsbelehrung über ein gastding (Fremden-, Handelsgericht). 1432 
verordnete Kurfürst Friedrich II. : Da in vnser atat zcu Lipczk ej-ne 
hohe schule vnde vil meister dar jnne vnde gelarten des rechtes, so 
soll nur noch von den Doktoren der Rechte und anderen Bürgern zu 
Leipzig, nicht mehr zu Magdeburg, wie vordem, Rechtsbelehrung geholt 
werden*). 1482 wurde vom Kurfürsten Ernst das Hofgericht ^) nach 
Leipzig verlegt, dasselbe wurde nach der Landesteilung (1485) schon 
U8i) zu Leipzig wieder vereinigt. 

') a. a. O. S. XIV f. ') n. a. 0. 5. 7. 4Ö. Ty2. 135. 460. 48«. 

') C. d. S. r. II, S»», 15; II, 4. 404; II. 6. 175. 17ti; 11, 5«, 376; II, 8, 176. 

') C. d. S. r. II. 12, 482. 



260 



A. Simon, 



[88 



Eine Stadt wie Leipzig, die zu den Märkten viele Fremde (von 
Augsburg, Nürnberg, aus den Hansastädten, aus Schlesien und dem 
ferneren Osten) bei sich sah, hatte geräumige Herbergen. Darum hielten 
die Landesherren hier bequem Hof lager, besonders Dietrich von Lands- 
berg (nach den urkundlichen Daten von 1263 — 1278), von den Brüdern 
Friedrich, Balthasar und Wilhelm meist der erstere (1350 — 1359), 
weniger Friedrich der Streitbare, desto mehr Kurfürst Friedrich II. 
(1428 — 1461), auch Ernst und Albrecht, obwohl damals Dresden schon 
feste Residenz war (1465 — 1485). „Weil der Ort volkreich und ge- 
räumig, die Leute wohlgesittet, auch wegen des regen Verkehrs* ^), 
nahmen 1 409 Friedrich und Wilhelm 40 Magister und Doktoren nebst 
Baccalaureen und Studenten in Leipzig auf; diese Fürsten imd ihre 
Nachkommen haben die Universität reich dotiert *). Wegen Geräumig- 
keit und guter Verbindung war der erste eigentliche Landtag 1448, 
auch der dritte 1454, ebenso einer 1471 zu Leipzig (der zweite 1451 
zu Grimma) ^). 

Auf die Grösse der Stadt lassen Renten und Jahrbeten, die an 
die Landesherren abgeliefert wurden, die Truppenmengen, die Leipzig 
zu stellen hatte, schliessen. Es war am Ende des 15. Jahrhunderts 
innerhalb unseres Gebietes die wohlhabendste, nach Freiberg die volk- 
reichste Stadt, was seiner Lage als Verkehrsmittelpunkt Sachsens ent- 
spricht. 

An den von Leipzig ausgehenden Strassen entstanden in regel- 
mässigen Abständen, meist an Flüssen, die zu überschreiten waren, 
Städte. Wo die Strasse von dem alten Burgwart Eilenburg (1000 burg- 
wardum Uenburg) *) die Parthe überschritt , entstand früh eine Burg, 
civitas Chut, welche durch Otto IL an Merseburg, 1004 aber mit ihrem 
territorium sive burgwardium an das Erzbistum Magdeburg kam: 
Taucha. Um 1200 erbaute Erzbischof Albrecht die (wahrscheinlich 
zerstörte) Burg; der dabei gelegene Flecken wurde von seinem Nach- 
folger vor 1284 mit Mauern versehen; 1354 belehnt Erzbischof Otto 
die Markgrafen von Meissen mit Taucha und allem, was dazu gehört '"), 
Die Strasse nach dem schwierigen Muldenübergang W^urzen führte viel- 
leicht einst über das Städtchen Brandis, ein Ort, den Thietmar als 
Geschenk Ottos II. an Merseburg aufführt: Borintizi. Würzen war 
früh befestigt, 961 civitas, 981 urbs; 961 kam es zugleich mit dem 
Muldenübergang Eilenburg an Magdeburg, dann an Merseburg, wiederum 
an Magdeburg, zuletzt an Meissen. Es erhellt daraus die Wichtigkeit 
des Ortes, an dem eine alte Zollstätte und bereits 1213 der Sitz eines 
praepositus der Meissner Kirche war^). Püchau, eine Muldenfeste, 
urbs, die schon 981 erwähnt wird, konnte wie so mancher andere 
Burgwart unseres Gebietes bei der Nähe Eilenburgs und Wurzens, in 



^) Böttiger-Flathe, Gesch. v. Sachs. 1, 344. 

2) C. d. S. r. II, 8, 176, anno U32. 

') Böttiger-Flathe, Gesch. v. Sachs. 1, 411. 
*) C. d. S. r. I, 1, 50. 

'^) C. d. S. r. I, I, 55; II, 8, 30. Annal. Pegaw. 269. Thietmar 3, 9. 7.16. 
A. f. 8. G. N. F. 3, 1877, 107. 

«) Thietmar 8, 1. 9. C. d. S. r. I, 1, 3; II, 1. S. XIX; II, 4, 3. 



89] 



Die Verkehrsstrassen in Sachsen. 



2G1 



deren Gerichtsbezirk es lag, nicht zur Stadt erblühen. Die beiden 
Muldenfesten Trebsen , das 1292 urkundlich vorkommt, und Nerchau, 
das 1291 als villa Nirichouua nominata ultra fluvium Moldaha aus 
magdeburgischem Besitz ausgetauscht wird, 997 als burgwardium 
wieder an dasselbe kommt, entwickelten sich zwar zu Städten, blieben 
aber unbedeutend^). Anders der alte Uebergang Grimma, wo die 
Wege von Mutzschen-Meissen, Leisnig-Freiberg , von Eythra-Zwenkau 
und von Leipzig sich trafen. 1065 war der Ort befestigt: opidum 
Grimmi; 1216 ist Hartmannus de Crime Zeuge in einer Urkunde, die 
Leipzig betriflft; 1292 ist Grimme de stat im Besitz des Landgrafen 
Älbrecht (wie Zwenkau). Dem Schultheiss und den Bürgern (scultheto 
in Grjmmis universisque civibus) wird 1307 Recht und Freiheit nach 
altem Herkommen bestätigt. 1325 schenkt Markgraf Friedrich zur 
Unterstützung des Burgbaues zuon Dorn (Torna nordöstlich Grimma) 
oO Freiberger Talente. Markgraf Wilhelm begnadigt 1390 die Stadt 
Gryme mit einem neuen Zoll von Gewand, Wachs, Leder, Wolle, Wein, 
Heringen und Fischen ; von den Einwohnern wird die Brücke erhalten; 
auf dem Markte wird kein Zoll mehr erhoben. Die zwei hergebrachten 
Jahrmärkte bleiben ; von den Wochenmärkten wird einer auf dem alten, 
einer auf dem „neuen" Markte abgehalten. Wegen der besuchten 
Märkte war zu Grimma früh eine Münze. 1391 verpfändet der Mark- 
graf den Bürgern die Gerichte und den dritten Pfennig. Nach dem 
ersten Schiedsspruch zwischen Kloster Nimbschen, der Pflege um 
Grimma und der Stadt über Brauen und Mälzen darf jeder Kretzschmar 
im Umkreis von einer Meile um die Stadt brauen und mälzen für 
seinen Ausschank, nicht für den Verkauf in Fässern. 1449 werden 
die von Grimma angewiesen , nur in Chemnitz bleichen zu lassen. 
Der zweite Landtag im Kurfürstentum Sachsen war 1451 in Grimma; 
1458 wird der Rat zu Dresden aufgefordert, zwei Mitglieder zum Kur- 
fürsten nach Grimma zu senden. Die Landesherren von Dietrich dem 
Bedrängten an hielten sich gern in Grimma auf; 1289 urkundet auch 
Bischof Bruno von Naumburg daselbst. 1472 leihen Ernst und Al- 
brecht der Stadt einen neuen Jahrmarkt, der vier Tage währt ^). 

In der Mitte zwischen der Wiera (Borna, Frohburg, Kohren) und 
den nächsten beiden Muldenstädten Colditz und Rochlitz finden wir 
Lausigk und Geithain. Die stat zcu Gythen, in der 1209 ein Hospital 
bestand, kam 1337 an den Vogt von Plauen; der Zoll daselbst wird 1365 
einem Altar in der Marktkirche zu Chemnitz geschenkt. Die Einkünfte, 
welche die Stadt dem Landesherren brachte (Jahrbete, Rente), waren nicht 
unbedeutend ; 1449 wird den Bürgern , die früher in Chemnitz hatten 
bleichen lassen, geboten, die Bleiche in ihrer Stadt abzuthun ^). Colditz 
muss früh befestigt gewesen sein; Bischof Fido von Meissen, der 1015 
starb , wünschte aus Furcht vor den damals oft in Meissen erschei- 



') C. d. S. r. I, 1, 37. 47; II, 4, 24. 

2) Hauptstaatsarchiv Dresd. Cop. 7, Fol. 2^—6, Fol. C7. C. d. S. r. II, 1. 
XXVIII; II, 5, 285; II, 6, 145; II, 8, 3. 16. Grätsch el, Berichte der Deutsch. 
Oesellsch. in Leipzig, 1842, S. 65. A. f. s. G. N. F. 2, 1876, S. 65. 

') Haupt«taatsarchiv Dresden 6S02. C. d. S. r. II, 6, 29. 36. 143. 145. 
Müller, ü. v. PI. 406. 



262 



A. Simon, 



[90 



nenden Polen in Colditz begraben zu werden. Die Herren von Colditz 
(domini de Coldiz, Koldyzc) erscheinen 1254 neben den Burggrafen 
von Leisnig und dem Truchsetz von Borna in einer in Grimma aus- 
gefertigten Urkunde der Vögte von Plauen und Weida, ebenso 1260, 
1291 neben XJnarch von Waidenburg. Wird dadurch auf Verbindung 
mit Gera und Plauen hingewiesen, so durch eine Urkunde von 1404, 
in welcher der Hauptmann und Bürger von Colditz zeugen, auf Ver- 
bindung mit Leipzig, durch die Streitigkeiten über die Bleiche auf 
Verbindung mit Chemnitz ^). Bedeutender war einst Rochlitz. Früh 
befestigt, kommt es mit Strehla um 1000 als AUod an Ekkehard von 
Meissen; eben deswegen wird 1009 die urbs Rocholenzi, das Schlos?. 
das weniger stark war als Strehla, verbrannt. 1046 urkundet Kaiser 
Heinrich III. in Castro Rochider, Rochideh, es führte also wohl eine 
Strasse vorüber. Nach Konrad dem Grossen ist Rochlitz Mittelpunkt 
einer Grafschaft; eine gefälschte, erst aus dem 12. Jahrhundert stam- 
mende Urkunde nennt castrum Rochedez cum adjacente pago *). 142G 
giebt es daselbst Bürgermeister und Ratmannen; es stand im Verkehr 
mit Leipzig, das 1469 Tuchmacher aus Rochlitz herbeizieht, und mit 
Chemnitz, das Rochlitz allein von allen Städten der Umgebung 1449 
eine Bleiche für seine eigenen Gewebe zugesteht'). 

Die wichtigste Stadt des Flachlandes zwischen Mulde und Elbe 
war neben dem alten Mügeln Oschatz. Es hütete die an der DöUnitz 
herab nach Strehla und Riesa führende Strasse und den Döllnitz- 
Übergang der viel wichtigeren via regia, die sich hier nach den ver- 
schiedenen Brückenorten der Mulde verzweigte. Darum war es be- 
festigt, 1065 Oscechs opidum, hatte besuchte Märkte und eigene Münze, 
zumal da in seiner Nähe, bei CoUm, das alte Landding viel Menschen 
zusammenführte. 1259 wird ein Kaufmann aus Oschatz (Johannes 
mercator in Ossetz, dictus de Kustraze), 1266 Vogt, Schoppen und 
Ratsherren der Stadt, der Zins von zwei Fleischbänken nach Oschatzer 
Münze (moneta in Ossetz) genannt. 1422 erwerben die Bürger das 
Gericht in der Stadt vom Landesherren *) ; 1466 war ein Landtag 
daselbst. 

Von den vielen Burgwarten der Elbe von Strehla bis Pesterwitz 
bei Dresden entwickelten sich nur Strehla und Riesa zu Städten. Die 
Befestigungen von Strehla hüteten, wie wir gesehen haben, den in alter 
Zeit namentlich für Heere sehr wichtigen Eibübergang (vielleicht eine 
Furt, im Gegensatz zu Zehren) und die Grenze der Daleminzier gegen 
Norden. 1065 kam der ganze Burgwart Strehla nebst Boritz an Stift 
Naumburg, das hier eine Münze errichtete, was auf einen Markt hin- 
weist; 1278 soll es zur Stadt erhoben worden sein *). Riesa, zwischen 
der DöUnitz- und Jahnamündung gelegen, deren Thäler von Strassen 



') C. d. S. r. II, 8, 76. Müller, ü. v. PI. 19. 32. 102. Posse, Mark- 
grafen 80. 

2) C. d. S. r. I, 146, Anm. 13. 

2) Thietmar 5, 22. 6, 36. Posse, Markgrafen, 21. C. d. S. r. 1, 1, 105. 106: 
IT, 6, 143. 145; II, 8, 140. 426. 

*) Hauptstaatsarchiv Dresd. 6902. C. d. S. r. II, 4, 256. 310. 312; II, 8, 406. 

^) C. d. S. r. II, 1, XXVIII. Lindau, Gesch. Dresdens. 



.V 



91] 



Die Verkebrsstrassen in Sachsen, 



263 



.1 

1 1 



benutzt und vielfach befestigt waren, tritt trotzdem spät hervor; 1170 
wurde daselbst ein Nonnenkloster gegründet; um dieses herum mag 
sich das Städtchen gebildet haben, das klein blieb, bis es in unserer 
Zeit wegen der Lage am Ausgang jener Thäler zum Bahnknotenpunkt 
und deshalb wieder zum grossen Eibhafen wurde. 

Jenseits der Elbe war die wichtigste Stadt der Mark Meissen 
Grossenhain. Es beschützte zwei Strassen, die „Hohe Landstrasse*, 
welche hier die Röder überschritt, und eine zweite, welche an der 
ßöder hinauf nach Radeburg, Radeberg und Stolpen lief; eine dritte 
kam von Ortrand her und ging nach Meissen, beziehentlich Dresden. 
Darum war „Hayn" früh Markt und Münzstätte, Mittelpunkt eines 
ausgedehnten Gerichtsbezirks; diese „Haynische Pflege ** wird besonders 
unter Heinrich dem Erlauchten genannt: 1274 steht villa Owa (Nieder- 
und Oberau bei Meissen) unter dem villicus zu Grossenhain; 1289 wird 
civitas Hayn cum districtu erwähnt. Es war eine einträgliche Zoll- 
stätte; 1323 erwirbt Markgraf Friedrich 10 Mark, 1326 45 Mark am 
zcol zuom Hayn; 1367 bekommen die vogte vnd ampetliute zcu dem 
Hayn Weisung, das Spital zu Meissen, seine Leute und Güter nicht 
zu beschweren. Der Zoll wurde namentlich im 15. Jahrhundert ergiebig 
durch den Strassenzwang , nach welchem der ganze Verkehr aus dem 
Osten und Norden nach der östlichen Hälfte der Mark Meissen über 
Hayn gelenkt wurde. 1443 bekamen sogar die Herzöge Friedrich und 
Wilhelm die Erlaubnis, zu Dresden oder „zum Hayn über Elbe" eine 
Niederlage für alle Kaufmannsgüter anzulegen, die allerdings 1455 in 
Dresden in Kraft trat; dafür bekam Grossenhain 1477 (1491) die Waid- 
niederlage; die Färber daselbst waren so geschätzt, dass 1477 der 
Leipziger Rat zwei derselben nach Leipzig rief. „Hayn war damals 
ein Knotenpunkt des europäischen Durchfuhrhandels ; doch Leipzig 
war schon bedeutender wegen seiner vorteilhafteren Lage gegen den 
Süden und Südwesten Deutschlands ^).'* Radeburg und Radeberg sind, 
wie ihre Namen sagen, feste Punkte an der Röder. 1223 schenkt ein 
Thimo de Radeberch dem Meissner Kapitel ein All od zu Gröbern ; im 
Tauschvertrag des Königs Wenzel von Böhmen mit Friedrich, dem 
Sohn Heinrichs des Erlauchten, 1289, wird Radeburg oppidum, Rade- 
berch castrum genannt; 1300 giebt der Meissner Bischof letzteres mit 
dem Friedewald an denselben König zu Lehen. Der Frydewald kommt 
132G an den Markgrafen zurück, der dafür stetchen Radeburg und Dorf 
und Hof Sak (Sacka an der Strasse von Grossenhain nach Königsbrück) 
giebt. Im Tauschvertrag des Böhmenkönigs Karl IV. mit Friedrich, 
Balthasar und Wilhelm wird Radeberg neben Elsterwerda und Ortrand 
stetichen genannt *). Die Pulsnitz, Grenzfluss zwischen Dalaminza und 
Milzieni, wurde von der via regia zu Königsbrück überschritten, das 
eben daher seinen Namen haben mag. Es hatte auch Anteil am 
Brückenzoll zu Dresden, nach welcher Stadt ihm das Geleit durch die 
dürre Heide zustand. 1248 und 1208 erwähnt, Konigsbrucke , ist es 



') Hauptstaatsarchiv Dresd. 12214. C. d. S. r. II, 4, 129. 50; II, 12, 25. 69. 
Müller. U. V. PI. 253. 280. A. f. s. G. 7, 18G9, S. 113. 

^ Hauptsaatsarchiv Dresd. 1244. 2361. 4U36. C. d. S. r. II, 4, 8; II, 5, 9. 



ii 



M 



264 



A. Simon, 



[92 



im 14. Jahrhundert sicher befestigt (1331 Schloss und Städtchen Königs- 
brück, 1358 civitas) ; 1449 ging das stedel aus dem Besitz eines Henen 
von Polenz an die Herren von Dohna über ^). Der andere Uebergang 
über die Pulsnitz, Pulsnitz, wo 1226 eine Kirche, 1347 eine Feste 
bestand, verdankt seine Erhebung zur Stadt weniger dem schon vor- 
handenen Handel, als seinen Herren, denen dadurch eine günstigtf 
Einnahmequelle erschlossen wurde; 1335 erhielt es Jahr- und Wochen- 
markt, 1375 auf Ansuchen des Burggrafen von Wettin Stadtrecht -). 

Kamenz, Bautzen, Weissenberg und Löbau, Reichenberg, Görlitz 
dagegen sind entschieden durch die Hohe Landstrasse, Zittau durch die 
Strasse nach Böhmen zu Städten geworden. Während der ganzen Dauer 
der wendischen und noch lange Zeit hindurch unter deutscher Herr- 
schaft gab es ausser der Landesfeste Bautzen keine Stadt in der Ober- 
lausitz. Die Anlegung von Städten fällt hier erst in den Anfang des 
13. Jahrhunderts. Urkundlich werden zuerst als Städte bezeichnet: 
Löbau 1221, Kamenz 1225, Weissenberg 1228, Görlitz und Reichen- 
bach 1238, Lauban 1268; Bernstadt wurde Mitte des 13. Jahrhunderte 
angelegt, Stadt Zittau als solche 1255. Alt- und Neu-Ostritz werden 
1245 mit Stadtgerechtigkeit erwähnt^). Alle diese Städte sind deutsche 
Gründungen; sie bleiben auch deutsch im Gegensatz zur Umgebung, 
die sie wesentlich mit germanisieren helfen. 

An dem Punkte, wo die alte Handelsstrasse die Schwarze Elster 
tiberschritt, lag jedenfalls ein altes Dorf. Die Herren von Vesta, ein 
osterländisches Geschlecht, das um 1200 die Besitzung erwarb, er- 
bauten unweit des Flusses auf einem Hügel die Burg Kamenz (kamen 
= Stein). Sie bauten nach der Urkunde von 1225 *) das vorhandene 
Dorf zur Stadt um, und als diese samt der Kirche abgebrannt war. 
verlegten sie dieselbe auf eine höhere, sicherer gelegene Stelle ^) ; 1318 
traten die Herren, nunmehr von Kamenz, zuerst hus vnd halbe stat, 
bald darauf die andere Hälfte der Stadt an den Markgrafen von Branden- 
burg, damaligen Herren der Oberlausitz, ab. Seitdem ist Kamenz eine 
freie, landesherrliche Stadt wie Bautzen, Löbau, Görlitz. Die Bürger 
beteiligten sich lebhaft am Handel, der durch ihre Stadt sich bewegte: 
darum erwarben sie 1323 vom Böhmenkönig, dem damaligen Herren, 
Zollfreiheit durchs ganze Bautzener Land, schlössen zur Sicherung ihres 
Handels gegen Raubritter mit Bautzen und Görlitz, die seit 1329 ver- 
bunden waren, ausserdem mit Löbau, Breslau, Neumarkt, Glogau, Ohlau. 
Strehlen ein Achtbündnis, das der Böhmenkönig 1339 genehmigte. 



') A. f. 8. G. 1, 1863, S. 425. A. f. s. G. N. F. 2, 1876, S. 237 f. C. d. S. r. 
II 7 223. 231. 

' "^ A. f. *8. G. 12, 1874, S. 274. a. a. 0. N. F. 2, 1876, S. 247. 

') Knothe, Germanisation an der Lausitz i. A. f. G. N. F. 2, 1876. 

*) C. d. S. r. II, 7», 1. 

*) Solche Verlegungen mögen sehr häufig vorgekommen sein; entweder 
wurde gleich zu Anfang oder später der Platz der ursprünglichen Anlage, die be- 
quemer am Flusse, aber weniger günstig für den Verkehr, weniger sicher vor Ueber- 
schwemmung war, verlassen. Die ursprüngliche Anlage wurde dann Stadtteil unter 
dem Namen Altstadt, so in Oelsnitz i. V., Waidenburg, Alte Sitte in Zittau» Borna, 
Stolpen, oder sie blieb oder wurde wieder Dorf, so bei Löbau, Leisnig, Mflgeln. 
Mittweida, Oschatz, Ostritz, Waidenburg, Chemnitz, Lommatzsch. 



•i;)] Die VerkebrsBtrassen in Sacbeen. 265 

l:l-ji3, in welchem Jahre sich Knmenz enger mit Bautzen und Görlitz 
verbindet, damit sie nicht von der Krone Böhmen getrennt werden, 
erwerben die Bürger einen Salzmarkt, forum salis, mit gewohnten 
Rechten'). Vom Böhmenkönig, welcher 1379 der stat zu Camencz 
alle und igliche ire und der stat recht erneuert und bestätigt, kaufen 
sie 1383 daa gerichte zcw Camentzs. 1395 erwirbt ein Bürger von 
den Herren von Kamenz den halben Zoll, den diese zu Eamenz hatten, 
1410 noch ein Achtel desselben *), Nach einem Vertrag zwischen der 
Obertausitz und dem Markgrafen und dessen Städten Meissen, Dresden, 
Grossenhain sollen Grenzverletzungen in Kamenz entschieden werden. 
Weil verschiedene Märkte den Städten Bautzen, Löbau, Kamenz grossen 
und merklichen Schaden bringen, werden die Bürgermeister der Sechs- 
itüdte 1402 aufgefordert, solche Märkte, die von alters her nicht ge- 
we^'n, zu verhindern. Als 1405 die Meissner Markgrafen das Kamenzer 
Scbloss kaufen wollten, wehrten sich die Bürger. Der Streit mit den 
Herren von Eamenz ging weiter, bis die Bürger endlich 1431 das 
Schloss erwerben *). Sie erhalten 1412 die entzogene Ratskilr vom 
Böhmenkönig zurtlck und bekommen 1454 einen Jahrmarkt, annuae 
nundinae sive forum, der vier Tage dauert. Als der Herr von Pulsnitz 
in seinem atettlein PnlEnitz einen Jahrmarkt errichtet hatte, der den 
anderen Städten Schaden bringt, wird derselbe 1501 auf Betreihen der 
Kamenzer widerrufen *). 

Bautzen, fast in der Mitte zwischen Kamenz und Löbau, an dem 
Punkte gelegen, wo die Strasse die Spree überschreitet, ist die Stamraes- 
t'este der Mitzener, darum die älteste Stadtanlage, administrativer und 
religiöser Mittelpunkt in slawischer wie in deutscher Zeit für die Ober- 
laiiaitz*). Bei den Zügen der Polen in die Mark Meissen, die fast 
alle durch Bautzen hindurch führten, wird die Stadt, Budissin civitas, 
von Thietmar zuerst genannt. Eine wohl hölzerne Befestigung (1004) 
umschloss die gleichfalls hölzernen Wobnungen. Um diese Zeit entstand 
in Bautzen bereits eine Kirche, die älteste im Wendenlande ; um 1213 
wurde hier das Kollegiatstift gegründet; 1233 ist der Budisinensis 
praepositus Zeuge in einer bi schüflieben Urkunde. Auch für Ver- 
waltung und Gerichtspflege blieb Bautzen später der Mittelpunkt; hier 
hatte der böhmische Landrichter der Lausitz seinen Sitz: judex pro- 
vincialis terrae Budisinensis ; auch noch nach 1268, als zwei Bezirke, 
Bautzen und Görlitz, getrennt durch daa Löbauer Wasser, gebildet 
wurden, blieb das königliche Hofgericht für Ritterdienstpflichtige in 
Bautzen. Am Handel nahm Bautzen den seiner Stellung entsprechenden 
Anteil; es hatte eigene MUnze; doch brauchten die Löbauer seit 1306, 
wenn sie in Bautzen kauften oder verkauften, ihr Silber nicht mehr 
daselbst umzuwechseln. Wegen des Handels schloss Bautzen 1229 mit 
Görlitz einen Bund, der mit der Zeit durch Hinzutreten schlesischer 
ucd meissnischer Städte ausserordentlich wuchs, sich schliesslich aber 
zum Bund der Lausitzer Sechsstädte Kamenz, Bautzen, Löbau, Görlitz, 

') C. d. S. r. II. 7«, l. 12. 15. 17. 24. ") a. i 
•) a. a. 0. 46. 55. 58- 80. ') a. a. 0. UO. 67. 
') N. A. f. 8. G. 5, 1884, S. 73. 



266 A. Simon, [öi 

Lauban, Zittau verengerte. Bei dem grossen Alter der Stadt läf^ 
iich die allmähliche Entwickelung der icDeren Selbständigkeit schwer 
verfolgen; 1213 werden sieben Ratsmeister angestellt; 1238 wird der 
tdvocatus de Budissin genannt. Der Böhmenkönig Karl soll der Stadi 
;ro9se Rechte verliehen haben, wie Bierbann, Salzmarkt, Gold- -ati 
jilberwechsel ; doch können das, wie aus einer urkundlichen Nachricht 
'on 130ti hervorgeht, nur Bestätigungen vorhandener Rechte sein '). 
Von Bautzen aus aberschritt die Strasse das Löbauer Wasser 
mtweder in Weissenberg oder in Löbau. Weissenberg *) ist, wie dit 
lOch vorhandene Heidenschanze andeutet, an Stelle einer alten slawischen 
Medelung erbaut, aber ebenfalb eine deutsche Gründung; denn die 
kVenden haben, obwohl der Name Beigem (weisser Berg) häufig vor- 
romnit, für den Stadtnamen nur die Form Weisspork (Weissenburg) 
!)ie deutsche Dorf anläge wurde befestigt, 1228 opidum; es wurde Sitz 
tin es Vogtes und Gerichtes: 1828 advocatus de Wizenburch, und damit 
andesherrliche Stadt. Im 14. Jahrhundert verlor es diese Stellung und 
vurde Vasallen Stadt. Das mochte damit zusamnmnhängen , dass der 
lauptverkehr von Bautzen nach Görlitz mit der Zeit die Strasse flb«r 
jöbau vorzog. Zugleich mündete in Löbau die königliche (böhmische). 
dien Fuhrleuten vorgeschriebene Strasse von Zittau her in die Hohe 
jandstrasse ein. Während das ältere Dorf Löbau , jetzt Altlöbau , in 
inem Seitenthale liegt, wurde die neue Anlage auf einem gegen i&' 
jÖbauer Wasser vorspringenden HUgel errichtet, wo die erwähnten 
itrassen den Fluss selbst überschritten. 1221 war dieselbe befestigt: 
ipidum Lubaw. Die Stadt war immer königlich; 1328 hat ein könig- 
icber Vogt, advocatus de Lubavia, welcher das Land verwaltet, seinen 
Sitz in der Stadt. 1306 werden 20, 1317 noch 9, 1390 und 13('7 
loch mehr Dörfer zur Stadt gewiesen, so dass 1491 36 Dörfer zum 
JÖbauer Stadtgericht kamen, wo kleinere und grössere Urteile ge- 
lommen und gelöst wurden ^). So erhielt die Stadt allmählich eis 
.usgedehntes Weichbild, 1339 districtus Lobaviensis, 1348 wippild. 
leit der Wiedervereinigung mit Böhmen hat die Stadt selbst einen 
irbrichter und Schoppen, 1341 judex hereditarius. Die Bürger dürfen 
jehnsgUter, die sie erworben oder noch erwerben, seit 13ü0 nach 
itadtrecht besitzen. 1420 werden der Stadt die selbstgewählten Rat- 
aannen von König Sigismund bestätigt. Löbau war auch kirchlicbei 
littelpunkt; es hatte, wie alle Lausitzer Städte ausser Weissenburg, 
inen Erzpriester. Das alles führte eine grosse Menschenmenge in die 
Itadt; 1348 heisst es ausdrücklich, dass die Adeligen und deren arme 
leute ihr Brot, Bier und anderes in der Stadt holen; die Schulden, 
ie sie dabei machen , wollen sie in Löbau vor dem Erbrichter ver- 
ntworten, nicht in dem entlegenen Bautzen, das komme zu teuer*). 
Vegen der zentralen Lage Löbaus (man denke an Zittau) hielten die 
Itädte der Lausitz ihre Zusammenkünfte, der Landvogt die Landes- 

■) Thietmar 5. 6. 6, 9. C. d. S. r. II, 4, 8; II, T^-, 2. 5. 22. 23. 4ri. 
Öttiger-Flathe, Gesch. v. Sachs. I, 266 ff. 
*) A. f. B. G. N. F. 6, 1880. S. 2X7. 
•) C. d. S. r. II. 7S 1. 2. ti. 9. 31. 34. 92. 
') a. a. 0. 12. n, 15. 18. 39. 



95] _ Die Verkehrsstrassen in Sachsen. ■ 2lS7 

TersammluDgen für Ritterschaft und Städte meist in Löbau ab (letztere 
im Franziskanerkloster). Dieser Verkehr , in Verbindung mit dem 
Durch gangST er kehr, kam Kaufleuten, Handwerkern und Gastwirten zu 
gute; 1311 wird letzteren befohlen, nicht mehr als vier Wagen in einer 
Nacht zu beherbergen. Die BUrger der Stadt erhalten 130Ö das Recht, 
in Bautzen zu kaufen und verkaufen, was sie wollen. 1354 erneuert 
der Böhmenkönig das alte Recht der Löbauer, bei Kauf und Verkauf 
iu Bautzen, Kamenz und Königsbrück von Zoll für alle Waren, von 
Wegegeld (theloneum sive muta) frei zu sein. 1496 wird verordnet, 
eine Meile rings um die Stadt soll niemand Handwerk betreiben noch 
neue Wirtshäuser oder Malzhäuser errichten; in demselben Jahre er- 
langt die Stadt einen Jahrmarkt ^). Dieselbe, seit 1339 zum Lausitzer 
Städtebund gehörig, war gut befestigt, so dass die Hussiten dieselbe 
142.1 und 1428 vergeblich bestürmten und erst 1431 nach einem von 
ihnen gestifteten Brande Herren der Stadt wurden *). 

Zittau war noch bedeutender als Löbau; nach Zittau zogen von 
Norden zwei Strassen ; die eine ist schon erwähnt, sie kam von Löbau. 
Einen Teil derselben hatten die Löbauer 1367 auf ihre Kosten neu 
erbaut "). Sie führte Über Ebersdorf (Ebirhardisdorf prope Lobau), 
Ruppersdorf, Herwigsdorf; 13(33 plünderten in beiden letztgenannten 
Dörfern die durchziehenden Böhmen, 1419 zündeten Raubritter zwei 
Bauernhöfe in Ruppersdorf an. Eine Nebenstrasse aus Meissen über 
(Rumburg) Waltersdorf nach Reichenberg in Böhmen wird 1419 ver- 
boten. Die zweite Strasse, von Görlitz Über Ostritz nach Zittau, folgte 
dem Laufe der Neisse; die Seitenwege zu derselben, von Görlitz Über 
Schönberg, Seidenberg, Friedland nach Reicbenberg, werden 1341 von 
Seidenberg ab über Zittau nach Reichenberg gelenkt '). Für die Strasse 
von Zittau über das Gebirge nach Böhmen erhielten die Zittauer 
Kaufleute 1255 Zollfreiheit in ganz Böhmen, was 1305 wiederholt wird. 
Die Strasse führte wohl ursprünglich über Lückendorf nach Gabel, von 
wo 1312 die Böhmen gegen Zittau heranmarschieren; die Herren von 
Leipa aber, die 1303 in den Besitz der Stadt kamen, bauten 1312 zur 
Sicherung und Beherrschung der Strasse den Oybin {Owben); es führte 
also noch eine Strasse über Olbersdorf und Oybin nach Böhmen. In 
der That schreibt Johannes von Guben, der Zittauer Stadtschreiber 
und Chronist: 1343 quamen Uisner her in daz laut vnd namen gewant 
obene Albrechtstorf (Olbersdorf) vnd morten vnd slugen dy leytelwte 
(Geleitsmannachaft) : wenne czu derselben czit worn gutir hande Iwte, 
di di wayne beleyteo (Wagen begleiteten) vor dem Oyben ken der 
Lrpen ; wenne (denn) czu den gezyten czoch mau die straüe ken Bern 
vor die Lype vnd vor di Dobe (also Olbersdorf, Oybin, Leipa, Dauba, 
Prag). Die letzte Bemerkung weist darauf bin, dass man früher oder 
später anders fuhr. Schon 1347 liess König Karl zur Sicherung der 
Gabeler Strasse den Karlsfrid erbauen, jetzt Ruine an der Landstrasse 
nach Lückendorf; 1364 sind beide Strassen in Benutzung: in diesem 
Jahre werden der Stadt di huzere Karlsfrede vnd Owyn vnd die czolle. 



T/. 



268 



A. Simon, 



[% 



die in der Stadt und auf dem Gabler (1366 in einer Urkunde: czol 
vnder dem newen hus, gelegen auf dem Gabler) übertragen; 1367 reist 
König Karl von seinem Schlosse Hirschberg bei Dauba über Zittau nach 
Bautzen; 1372 zogen die Böhmen mit Heeresmacht über Zittau in die 
Mark. Als 1424 zu Petersdorf, zwischen Lückendorf und Gabel, ein 
Heringstransport geplündert wurde , kam ein grosses Heer über den 
Gabler, ein harter Kampf fand statt : der Karlsfrid wurde ausgebrannt, 
Harte verbrannt, Albersdorf vnd Groth geplündert (Olbersdorf; Har- 
thau und Grottau an der Strasse nach Reichenberg); die Zittauer 
setzen den Böhmen bis Gabel nach. Bei einem neuen Kampf an der- 
selben Strasse im Jahre 1426 eilen die Zittauer durch das Spitelhok 
(jetzt Spitalbusch zu beiden Seiten der Gabler Strasse zwischen Eich- 
graben und dem Raubschloss) und kommen dadurch den Feinden zuvor. 
Wo die Strasse von Böhmen diesseits des Gebirges die Neisse 
und Mandau überschritt ^) , standen vf dem werde zwischen den zwei 
Wassern kretzschem für Fuhrleute und Handelsleute. Ottokerws sacz 
vz dese stat, aber zu klein (deutet auf eine schon vorhandene Siede- 
lung); 1255 wurde die Stadt, die erst nur umzäunt war, vergrössert 
und ummauert. Von demselben König bekam die Stadt Steuerfreiheit, 
Zoll- und Geleitsfreiheit in Böhmen. An die ursprüngliche Anlage 
unmittelbar an der Mandau erinnert die Bemerkung aus dem Jahre 1343; 
zu dieser Zeit hatte man ein hölzernes Rathaus auf dem merkte kegin 
der Mandow (1354 kauften die Schöffen ein Haus und bauten ein stei- 
nernes Rathaus). Der Handel der Stadt war bedeutend; Zittauer Bier 
ging bis Prag. Von Sigismund (von Ungarn) erhielt die Stadt Handeb- 
freiheit bis Ofen^). 1360 errichtet der Rat eyne gemeyne woge (Wage), 
wogegen die Tuchmacher protestieren. Zittau wird 1469 mit einer 
rechten Niederlage des tonnengutes vnd allerleye fisscherey und mit 
zwei Jahrmärkten, je vier Tage lang, begnadet. 1485, also in der 
Zeit, in der Görlitz mit Grossenhain über die Waidniederlage verhandelt, 
geriet auch Zittau mit Görlitz über weytfure, heringk- vnd f hischnidder- 
lage in Streit. Die Handelsverbindung brachte es mit sich, dass Zittau 
sich 1846 dem Lausitzer Städtebund anschloss; damit löste sich all- 
mählich seine Zugehörigkeit zu Böhmen. Die Handwerker erlangen 
hier eine ziemliche Selbständigkeit, besonders die Tuchmacher; 13()7 
entstand Zwiespalt zwischen dem Rat und den tuchmachern, fleschem. 
schuworten, smeden, snydern; der Rat fürchtete die Einsprache Karls 
von Böhmen, die in der Regel sehr teuer zu stehen kam. Derselbe 
zog, wie die Angaben über Beten, Renten, Beiträge zu Römerzügen 
darlegen, manche Summe von den Städten diesseits des Gebirges, be- 
sonders von Zittau, das nach eben diesen Angaben damals die grosste 
der Sechsstädte gewesen sein muss. 1359 gebot Kaiser Karl, nach 
dem Brande solle man die Häuser wenigstens vorne mit Steinwänden 
bis unter das Dach bauen; er unterstützte dabei die Stadt mit Kalk, 
nahm derselben aber dafür den Wald und den Zoll. 1366 überliess 



\- 



^) Jahrbücher des Zittauer Stadtschreibers Joh. von Guben in Scriptor. rer. 
Lusatic. N. F. I, 1839. 

'} Böttiger-Fiathe, Gesch. v. Sachs. I, 328. 



97] Die VerkehrsstrasKen in Sachsen. 269 

er der Stadt ^egen entsprechende Leistung: 310 Schock jähilich) auf 
zwei Jahre den czol in der stat, den czol under dem newen huse 
(Gabler), daz gerichte in der Stadt und auf dem zur Stadt gehörigen 
Lande, auch die zur Stadt gehörigen drei Vorwerke; dabei musste die 
Stadt noch drei Festen (bei der Stadt, auf dem Gabler, Oybin) unter- 
halten und die Leute daselbst beköstigen. 

Die östlichste Stadt Sachsens , Oatritz (nach Hey = Ort mit 
Schanze [P]), verdankt ihre Entstehung der schon erwähnten Strasse 
TOS GörÜtz nach Zittau. UrsprQnglich war Ostritz ein Dorf, dicht 
am linken Ufer der Neisse. Hier wurde ein Zoll erholten ; da aber die 
Strasse einen grossen Bogen machen musste, um zum Orte zu ge- 
langen, wurde I^eu-Ostxitz gegründet und auf dieses die Stadtgerechtig- 
keit übertragen. Urkundlich tritt die Stadt erat nach Gründung des 
Klosters Marienstem (vor 1234) auf; 1245 wird antiquum Ostros er- 
wäliut; 1326 sind Zinsen in antiqua civitate Ostros et in novo Ostros 
genannt; 1346 erscheint unter den zu oppidum Ostroz gehörigen Dörfern 
auch antiquum oppidum, die Altstadt. Später errichteten die von 
Ostntz ein Rathaus, bauten eine steinerne Stadtmauer mit Tboren, 
hatten ein eigen Weichbild mit Dörfern, die in Ostritz zu Gerichte 
gingen, führten Bier herzu und verkauften das überall auf das Land, 
lieasen die Biermasse iiicht mehr zu Zittau eichen. Sie werden des- 
halb 1368 von den Sechsstädten nach Zittau vorgeladen ; Schöffen 
und Aebtissin erscheinen. Da aber die Verhandlungen fruchtlos sind, 
so konunt es zur Fehde zwischen den Sechsstädten und Ostritz *). Es 
ist das eines von vielen Beispielen, wie im Mittelalter auch der Handel 
zunftmassig fiberwacht, eingeengt und in bestimmte Bahnen geleitet 
wurde, 

') A. f. 8. G. N. F. I, 1875, S. 202. 
*) Scriptor. rer. Lnsatic. N. F. 1, 44. 



Ponchnngen tor denUchen Land»- nnd Volkaliiuide. Vll. 



S c li 1 u s s. 



t 



Die Städte, Orte, wo Handel und Handwerk erblühten, die darum 
befestigt waren und dadurch allmählich Selbständigkeit erlangten, ent- 
wickelten sich, abgesehen von den eigentlichen Bergstädten, an den 
Verkehrsstrassen. Diese haben im Bergland wie in der Ebene einen 
der Bodengestalt entsprechenden, einen natürlichen Verlauf, in früherer 
Zeit noch mehr als später. Inmitten fruchtbarer Bezirke und einer 
Anzahl kleinerer Ansiedelungen; meist in gewissen Abständen von- 
einander; wo wichtige Strassen zusammenliefen oder eine grosse Wasser- 
ader, ein schwieriges Thal kreuzten; wo die Warenzüge das Gebirge, 
die Handelsgüter den Wasserweg verliessen : da machten die Eaufieut« 
Halt, um zu ruhen, Zoll zu entrichten, zu handeln; da sammelte sich 
eine grössere Volksmenge an ; dahin strömte die Bevölkerung der Um- 
gegend; da erhob sich die Stadt. Die Strassen und die mit denselben 
verknüpften Rechte gehörten ursprünglich dem König, in unserem Gre- 
biet den Landesherren ; aber die etwas entwickelten Städte wussten sich 
solchen Anteil an denselben zu erwerben, dass sie die Strasse selbst 
und deren Handel an sich zogen und dadurch ihren Einfluss ver- 
grösserten. 

Die Städte Sachsens entstanden der Mehrzahl nach aus Dörfern. 
Die Anfänge dieser Entwickelung liegen bei einer kleinen Anzahl im 
10. und 11. Jahrhundert, die der meisten im 12. Jahrhundert; der 
Hauptfortschritt in der Entwickelung Uegt im 13. und 14. Jahrhundert; 
der Abschluss, namentlich die Vollendung der inneren rechtlichen 
Selbständigkeit im 15. Jahrhundert. Die von Natur gegebene Lage 
zur näheren und ferneren Umgebung, die Bodenbeschaffenheit gaben 
den ersten Anstoss, bestimmten die langsamere oder schnellere Ent- 
vnckelung und hielten dieselbe hernach innerhalb bestimmter Grenzen. 
Die Menschen benutzten jene natürlichen Gegebenheiten und griffen, 
soweit dies möglich, fördernd ein. So zeigt sich die Entwickelang der 
Städte Sachsens vor 1500 als das Ergebnis der beiden Faktoren, welche 
vor allem Gegenstand der geographischen Untersuchung sind : der ge- 
gebenen Erdoberfläche und der darauf wohnenden Menschheit. 



Die Karte 



ist in folgender Weise konstruiert: zuerst wurden die Strassen ein- 
getragen nach A. F. Zümers Neuer Chursächsischer Postcharte 1730, auf 
welcher Beitpostweg, Fahrpostweg, hohe und ordentliche Landstrasse, 
kleine Landstrasse unterschieden sind. Dann wurde das wenige ein- 
gezeichnet, was Matthias Oeders Erste Landesvermessung des Eur- 
staats Sachsen (1586 — 1607), herausgegeben von der Direktion des 
Königlich Sächsischen Hauptstaatsarchivs Dresden, bearbeitet von Rüge, 
1889, auf den Blättern 3, 4, 8, 9, 11, 12, 13, 16, 17 bietet. Von 
den auf diese Weise erhaltenen Strassen wurden nur die in der vor- 
stehenden Arbeit festgestellten Strassen beibehalten, ihr Verlauf, wo 
dies geschehen konnte, nach den vorhandenen Angaben geändert. Das 
benutzte Eartenmaterial ist auf S. 178 [6], Anm. 1, angegeben. 






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BEITRÄGE 



ZUR 



SI 





VON 



D« ARTHUR GLOY 



IN KIEL. 



MIT 2 KARTEN UND 4 TEXTILLUSTRATIONEN. 



^\ \(ii^ 






ihl'}^ 



•-«: 



STUTTGART. 
VERLAG VON J. ENÖELHORN. 

1892. 



Itr» 



Druck der Union Deauche VerlugagegeUBOliaft in Stattgut. 



Inhalt. 

KiDleitung 277 [5] 

I. Hanpttefl 219 [7] 

Die Dichte der Bevölkerung . 27U [T] 

A. Die Karte der Siedelungsdichte 279 [7] 

B. Die Dichte der ländlichen BevSlkerung und ihrer Wobu- 

plätze in Schleswig-Holstein 28.". [13] 

C. Ki'gebnisse dieser Untersuchung für die Karte der Siede- 

lungsdichte Schleswig-Holsteios 293 [21 j 

Si^hluaabetrachtung 29.', |23] 

II. Hanplteil 297 [25] 

Die SIedelungstypen 297 [2-''>| 

I. Abschnitt 297 |3.'il 

AI Igt^ meine Bemerkungen über SIedelungstypen innerhalb 

<ie3 Deutschen Reiches unter besonderer Berücksichtigung 

der slaniachen 297 [25] 

II. Abschnitt. :iO-i [30J 

Die Siede lungs typen Nordalbingiens :!02 |:)0] 

A. Deutsche Siedelungs typen ■lO'i [:}01 

B. Slawische SiPdelungttj pen 303 [31] 

Ergebnisse ... 309 [37] 



Einleitung. 



Nachdem durch C. Ritter das alte Problem der Wechselbeziehungen 
zwischen Natur und Menschheit wieder aufgenommen und die geo- 
graphische Seite dieses Problems hervorgehoben worden war, hat es 
nicht an Versuchen gefehlt, die meisterhaften Andeutungen und Aus- 
führungen Ritters über die Verbreitung und Verteilung des Menschen- 
i^eschlechts auf der Erde in ihrer Bedingtheit durch die Bodenverhält- 
uisse systematisch weiter auszuarbeiten. 

Psychologisch wirksame Elemente für die Vereinigung der Men- 
schen in Städten und Dörfern sind der Geselligkeitstrieb und die Not- 
wendigkeit der Arbeitsteilung, ein rein geographisches Element: das 
massenhaftere Vorkommen von Gegenständen, die dem Menschen nütz- 
lich sind. Das gemeinsame Schutzbedürfnis ist sowohl psychologisch 
als auch ganz besonders geographisch wichtig, wie denn gerade dieses 
fast allen älteren Siedelungen, namentlich denen im Bereiche der an- 
tiken Kultur, den Charakter aufgedrückt hat. „Aber diese Anregungen," 
s^agt Ratzel, „schaffen zunächst nur dichte Bevölkerungen über mehr 
oder weniger weite Räume hin, vereinzelte Anhäufungen erzeugen sich 
dagegen da, wo bestimmte Punkte sie veranlassen, und solche Punkte 
werden in erster Linie durch den Verkehr aufgesucht oder bezeichnet, 
der sie zu Mittelpunkten, Kreuzungspunkten oder Wechselpunkten seiner 
Strömungen macht." — Das hier kurz umschriebene Gebiet hat einen 
ersten Bearbeiter bekanntlich in J. G. Kohl gefunden. Sein Buch: 
•Der Verkehr und die Ansiedelungen der Menschen in ihrer Abhängig- 
keit von der Gestaltung der Erdoberfläche*, Dresden und Leipzig 1841, 
welches auf Grund einer reichen persönlichen Anschauung entstanden 
ist, hat dann eine Anzahl von Untersuchungen angeregt, in welchen 
die von Kohl entwickelten Gesetze nun auf ein bestimmtes Gebiet an- 
gewandt und im einzelnen weiter entwickelt worden sind (Jansen, 
Hahn, Schlatterer). Ratzeis unschätzbares Verdienst aber ist es, das 
gewaltige Gebiet der Anthropogeographie in seiner ganzen Ausdehnung 
erfasst und in ein geordnetes System gebracht zu haben. 

Nachdem bereits im Jahre 1882 seine Anthropogeographie oder 
, Anwendung der Erdkunde auf die Geschichte" erschienen war, wo 
eine grosse Gruppe von Wirkungen der Natur auf den Menschen zur 
Darstellung kam, fügte der Verfasser im vergangenen Jahre dem ersten 
noch einen zweiten Band hinzu, der .,Die geographische Verbreitung 



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278 



Arthur Gloy, BeiMge zur Siedelungskunde Nordalbingiens. 



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des Menschen" behandelt. In diesem grundlegenden Werke entwirft 
Ratzel im ersten Abschnitt „Die Umrisse des geographischen Bildes 
der Menschheit**, entrollt sodann im zweiten auf breitester Grundlage 
^Das Statistische", wobei die Ursachen der verschiedenen Dichtegrade, 
die kartographische Darstellung derselben u. a. auf das eingehendste 
erörtert werden. Der dritte Abschnitt behandelt »Die Spuren und 
Werke des Menschen an der Erdoberfläche* (Lage, Form, 'Dichtigkeit 
der Wohnplätze u. s. w.), der vierte endlich: „Die geographische Ver- 
breitung von Völkermerkmalen". 

So ist uns durch Ratzel eine ganz neue „Wissenschaftsprovinz* 
erschlossen worden, für deren Erforschung und Ausbau im einzelnen 
zu sorgen die Pflicht der Zukunft ist. Die wichtigsten Seitenwege 
sind, wie Ratzel in der Einleitung sagt, entweder angebahnt oder wenig- 
stens mit Wegweisern versehen. 

Für Schleswig- Holstein ist das Problem, die Gesetze und Be- 
dingungen aufzuzeigen, an welche die Bewegungen, sowie die Nieder- 
lassungen der Völker begründet sind, bereits im Jahre 1861 gelöst 
worden durch K. Jansen in seiner Schrift: „Die Bedingtheit des Ver- 
kehrs und der Ansiedelungen der Menschen durch die Gestaltung der 
Erdoberfläche, nachgewiesen insonderheit an der Cimbrischen Halbinsel". 
Kiel 1861. — Da sich Jansen in der Hauptsache nur mit der wechsel- 
seitigen Bedingtheit des Orts durch den Virkehr und das Strassennetz 
beschäftigt, so hat er naturgemäss nur die Städte und stadtartigen 
Orte in den Bereich seiner Betrachtungen gezogen. In der zweiten 
Auflage seiner Schrift, welche 1886 in den „Forschungen zur deut- 
schen Landes- und Volkskunde **, Bd. I, unter dem Titel „Poleographie 
der Cimbrischen Halbinsel ** zum Abdruck gelangte, hat Jansen die;?e 
Verhältnisse noch etwas weiter ausgeführt. Die ländlichen Siedelungen 
aber blieben auch damals noch ganz unberücksichtigt. 

So habe ich es denn unternommen, gerade diese einer eingehen- 
deren Untersuchung zu unterziehen, indem ich aus der Fülle der von 
Ratzel aufgestellten Gesichtspunkte zwei Gebiete heraushob: 

I. Die Dichte der Bevölkerung, ausgedrückt durch die der 

Wohnplätze und durch die Raumgrösse der Siedelungen. 
II. Die Siedelungstypen. 

Um die Grundlage für den ersten Hauptteil zu schaffen, galt e> 
zunächst eine „Karte der Siedelungsdichte** zu entwerfen. Bei 
ihrer Herstellung bin ich nach den von Ratzel, Bd. II, 2, 7, an- 
gegebenen Gedanken vorgegangen, wobei sich zugleich eine Kritik dieser 
vorgeschlagenen neuen Methode ergab. Es folgt sodann die Unter- 
suchung der Ursachen für die verschiedene Dichte der Wohnplätze 
und der Bevölkerung überhaupt, mit besonderer Berücksichtigung dej^ 
von mir kartographisch dargestellten Gebietes. 

Bei der Behandlung der ländlichen Siedelungstypen habe ich 
namentlich die slawischen berücksichtigt, welche um so mehr Beach- 
tung verdienen, als sie von Ratzel unter „Physiognomie der Siede- 
lungen " wohl erwähnt werden, aber nicht als im Deutschen R^ich 
vorkommend. 



I. Hauptteil. 
Die Dichte der Bevölkerung. 

A. Die Karte der Siedelungsdichte. 

Im zweiten Abschnitt des zweiten Bandes der Änthropogeographit 
hat Ratzel der Besprechung der bisher angewandten Metboden zui 
Herstellung von Karten der Bevölkerungsdichte eiuen breiten Raun: 
gewidmet, wobei er gelegentlich seine eigenen Gedanken, wie solchf 
Karten eigentlich gemacht werden sollten, durchblicken lässt. — Alles 
was bisher an solchen Karten vorhanden ist (abgesehen von Kettier» 
und Weyhes gleich zu erwähnenden), lässt sich in zwei grosse Gnippen 
scheiden. In beiden wird das Flächenkolorit verwandt zur Darstellung 
der verschiedenen Dichte der Bevölkerung kleinerer Bezirke inner- 
halb eines grösseren Gebietes, aber mit dem bedeutsamen Unterschiede, 
dass in der einen willkürlich abgegrenzte Bezirke (Kreiseinteilung, 
Quadrate, Trapeze u. s. w.), in der anderen eine den Boden- und ge- 
werblichen Verhältnissen entnommene Einteilung zu Grunde gelegt 
werden. Obwohl nun das letztere Verfahren dem ersteren durchaus 
vorzuziehen ist, so geht es doch auch hier ohne ein mehr oder mindei 
reichlich bemessenes Mass von Willkür bei der Abgrenzung der klei- 
neren Bezirke nicht ab. Die beste der in diese Gruppe fallenden 
Karten ist ohne Zweifel die von Sprecher von Bernegg'), welche vor 
ßatzel als die , geographischste aller jetzt vorliegenden statistischer 
Dichtigkeitskarten " bezeichnet wird. 

Eine nach dieser zweiten Methode entworfene Karte ist die 
Kettlers im Atlas des Deutschen Reichs von Andree-Peschel , Taf. 1-5, 
.Dichtigkeit der Bevölkerung im Deutschen Reich". Sie enthält eine 
schon ziemlich eingehende Darstellung der verschiedenen Dichte- 
stufen in Schleswig-Holstein, freiUch in dem Massstab von 1 : 3000000. 
Bleibt man bei diesem kleinen Massstab, so ist im Grunde auch nicht« 
gegen Kettiers Verfahren einzuwenden. FUr einen grösseren Mass- 

') Die VerteilunK der bodenatändigeii Bevölkerung im Rheinischen Deutsch- 
land im Jahre 1820. Ööttingen 1887. 



Arthur Gloy, [g 

aber lässt sich ein solches Verfahren nicht billigen. Denn, weim 

die Ostseite Schleswig-Holsteins, das Gebiet des Geschiebelehms. 
•in grosses Granzes sich betrachten und mit einer Durchschnitts- 
' bedecken lässt , so stösst dasselbe Verfahren im Westen und in 
Slitte doch auf erhebliche Bedenken. Man könnte allenfallB noch 
Harschsaum von Wedel bis Ripen als ein unter denselbeD Be- 
ingen stehendes Qebiet herausheben und die Bewohner mit einer 

dem Durchschnitt gewählten Farbe zur Darstellung bringen, wenn 
; ein Umstand dagegen spräche. Es ist dies die unverhältnis- 
ig dichte Besiedelung des Geest ran des, welche ihren Haupt- 
d nur in der Nähe des fruchtbaren Harschlandes hat. Demnach 
ten diejenigen Bewohner des Geestrandes, deren Aecker in der 
ch liegen, mit unter die Zahl der Harschbewohner gerechnet 
en. Aber wie wollte man dies ohne eine nur zu diesem Zwecke 
irt und Stelle vorgenommene Zählung feststellen ^) ? 

Han könnte nun daran denken, die Bevölkerung des Geestrande! 
:i einen Streifen grösserer Dichte darzustellen, wenn nicht ein 
er fortlaufender Streifen den wirklichen Verhältnissen ganz wider- 
;he. 

Eine noch verkehrtere Anschauung würde entstehen, wenn man 
ch das ganze, zwischen Marsch und Geschiebelehm liegende, im 
ftltnis zu den beiden genannten allerdings schwächer bevölierte 
et mit seinen örtlich durchaus verschiedenen Boden- und Dichte- 
ältnissen über einen Kamm scheren wollte. Beginnt man ab«r 
hier Gebiete grösserer Dichte auszuscheiden und mit besonderen 
en zu bedecken, so ist man genötigt, jene Gebiete, welche natör- 
abgegrenzt werden sollten, mit unnatürlichen, willkUrUchen Kurven 
m ziehen. 

Warum denn nicht das ganze Farbensystem mit seinen Kurten. 
Ratzel vorschlägt, kurz entschlossen tlber Bord werfen und alle 
inplätze an ihrem Orte zur Darstellung bringen! 

Diesen Weg haben bereits Kettler und Weyhe beschritten, letz- 
■ mit seiner Bevölkerungskarte der Anhaltischen Lande, ersterer 
der kartographischen Darstellung aller Städte des Deutschen Reiches 
mehr als 2000 Einwohnern (im Atlas des Deutschen Reiches von 
ree-Peschel). Freilich ist dies keine Dichtekarte des Deutschen 
ties, und soll auch weiter nichts sein als was der Titel be- 
In der Weyheschen Arbeit hätten die ausser den Ortszeichen 
benen, durch ein vierfach abgestuftes Flächenkolorit dargest«lllen 
h Schnitts zahlen, welche nach der vom Verfasser befolgten Methode 

') Aus demselben Grunde bat Kaesemacher, dessen Untersochnng flbei 
'^olkadichte der Thüringischen Triasiaulde, in den .Foischungen zur deutKbc:: 
BS- und Volkakunde", VI, mir erst nach fast vollendetem Abschluaa meber 
t bekannt wurde, darauf verzichtet, die geologischen Formationen >.]■ 
iiten hinzustellen, auf welche die Dichtestufen bezogen werden kflnnten. 
verhält sich der Muschelkalk auf der einen. Buntaandstein und Kenper 
er anderen Seite (mit ihren günstigeren Bedingungen für die Bildung einfr 

Ackerkrume) gerade ao wie der Geestrand in Schleswig-HolBtein "" 



II I Beiträge zur Siedelungakuiide Noi-dalbingieiis. 281 

der Ausscheidung unkultivierter Strecken u. s. w. eine ganz umfassende 
Arbeit erforderten, auf der Karte lieber fortbleiben sollen. Es ist dies 
eine Venneogung der geographischen mit der statistischen Darstellung. 
und zwar kein Nebeneinander, sondern ein Uebereinander. Mag nun 
aber Weyhe vielleicht nur der Raumersparnis wegen so verfahren sein. 
so wird doch auch für eine zweite Karte durch diese Methode der 
Ausscheidung gar nichts gewonnen, wenn man nicht sehen kann, wo 
deoD die ausgeschiedenen Gebiete liegen '). 

Die „rein geographische Darstellung der Bevölkerung auf einer 
Karte' ist das Ideal Ratzeis, mit zwei Worten ausgedrückt, dass es 
sich bei der Herstellung einer wirklich zweckentsprechenden Dichte- 
kiirte nicht allein um das Wo ? der Bevölkerung handle, sondern auch 
^&az besonders um das Warum? ,Äm passendsten," sagt Ratzel, ,wtlrde 
überhaupt die Darstellung durch Punkte verschiedener Dichtigkeit er- 
sebeinen, weil hier die Unnatur der scharf abgegrenzten Flächen mit 
ihren Farbentönen fortfällt, ' — und was den zweiten Punkt betrifft — 
.die Bevölkerungskarte ist aber hauptsächlich für die Auffindung dei 
örtlichen Ursachen der Bevölkerungsdichtigkeit zu schätzen." Die Aus- 
führung dieses Gedankens ist Bd. II, S. 1S7, angedeutet, wo Ratzel 
sich folge ndermassen äussert: ,Rein technisch und gewissermassen 
geographisch -handwerklich gesprochen, kann man sich ein Vorgehen 
denken, bei welchem die Karte der Bevölkerungsdichtigkeit der Erde 
als Pause aufgelegt wird auf eine geologische, eine Gehirgakarte, eine 
Geffässer karte, eine Klimakarte, eine politische und eine Verkehrs karte. 
Diese unmittelbaren Vergleiche und die Verarbeitung ihrer Ergebnisse 
würden wir als Anwendung der geographischen Methode auf die That- 
*achen der Bevölkerungsstatistik verzeichnen." 

Auf Grund dieser Andeutungen ist die beifolgende Karte, ein 
Ausschnitt aus der Provinz Schleswig- Ho Istein, entworfen worden. 

Zu Grunde gelegt wurde die Reymannsche topographische Karte 
im Massstab von 1 : 200000. Die Einwohnerzahlen beziehen sich aul 
die Volkszählung vom 1. Dezember 1885, wie sie im Gemeindelexikon 
lür die Provinz Schleswig- Holstein vom königl. statistischen Bureau, 
Berlin 1888, veröffentlicht sind. 

Der ungewöhnlich grosse, bisher bei der Herstellung von Dichte- 
if arten noch nicht verwandte Massstab erwies sich als notwendig 
bereits bei der Eintragung der Ortszeichen. Denn auf jeder Ueber- 
äichtskarte in kleinerem Massstabe waren die (einen so wesentlichen 
Bestandteil der Siedelungen in Schleswig-Holstein bildenden) Einzel- 
wohnpMze oder Höfe nicht enthalten; auch hätten sie sich nur mit 
Hilfe einer Lupe hineinkonstruieren, dann allerdings ohne eine solche 
auch nicht wiederfinden lassen können. 

Die Sohr-Berghaussche Karte im Massstab von 1 : tiOOOOO zeigt 



') ,Man erhält,' bemerkt Kae.semaoher sein- trefl'end in seiner IjereiU 
zitierten Arbeit über die Volkadichte der Thiliinifi sehen Triasmulde, indem ei 
Bezug nimmt auf die Trfigersehe Karte von Nied.Tsehlesien, .auf diese Weist 
niiht ein Bild der Volkadichte des betreffenden i.Jebietes, sondern vielmehr eint 
Diohtekarte geiner Ackerbaugebiete etc." 



282 Arthur Gloy, [Iji 

z. B. in der Lsndschaft Eiderstedt eine Anzahl von Kirchdörfern daich 
kleine Kreise dargestellt; wollte man diese nach der Angabe des Ge- 
meindelexikons mit den entsprechenden Signaturen bedecken, so wurdt 
ein den thatsächlichen Verhältnissen Tollstandig widersprechendes Bild 
entstehen. Die Karte von Schleswig-Holstein aus dem Weimarer Geo- 
graphischen Institut im Massstab von 1 : 445 000 nimmt bereits Bück- 
Hicht auf langgestreckte oder aufgelockerte Dörfer, aber nur schematisch: 
auch unterscheidet sie noch keine Einzelhöfe Ein Versuch, sie im 
Grundlage einer Karte der Siedelungsdichte zu verwenden, ist sthi 
bald hieran gescheitert. 

Erst die Reymannsche topc^aphische Karte im Massstab vun 
1 : 200000 erwies sich als ausreichend (vgl. die beigegebene Karte, 
die die Siedelungen in acht Grössenstufen wiedergiebt). Aber alle 
Schwierigkeiten waren auch durch den grösseren Massstab keineswegs 
beseitigt. Beginnen wir wieder mit der Landschaft Eiderstedt. s' 
liegen dort, mit Ausnahme einiger weniger geschlossenerer Ort«, «k 
z. B. Tating, Welt, St. Peter, die Kirchen meist allein, während sich 
die übrigen zur Gemeinde gehörigen Höfe in langer Reihe an den 
Binnen- und Aussendeichen, den Gräben, Wegen entlang zerstreut 
erstrecken oder auch ganz abgesondert liegen. Wohin ist das Ort^- 
zeichen da zu setzen? Hat man andererseits eine grössere Anzahl loc 
Gebäuden auf einem Fleck beisammen, während der Übrige Teil des 
Dorfes in einer weit ausgedehnten Reihe von Einzel Wohnungen bestehi. 
so sieht man .<iicb wieder vom Gemeindelexikon im Stich gelassen, in- 
dem es natürlich nicht angiebt, wie viele Einwohner auf den Kem 
und wie viele auf das Anhängsel des Dorfes kommen. 

Es ist nun hier in der Weise vorgegangen worden , dass die 
wenigen, eng bebauten Stellen durch einen mit der bebauten Fläche j^ich 
deckenden Kreis, die zerstreuten Einzelhöfe durch einen Punkt he- 
zeichnet wurden. Freilich liegt in diesem Verfahren WillkUr. Aber 
wie soll man sie vermeiden ? Wollte man auch die eng bebauten Stellen 
in die Einzelgebäude auflösen, so wäre der Massstab wieder nicht gross 
genug. Der Stadt Garding mit ihren 1800 Einwohnern habe ich die 
Signatur für Orte zwischen 1000 und 2000 Einwohnern nicht ror- 
enthalten zu können geglaubt, obwohl ich nicht weiss, ob der Keni 
wirklich 100(1 Bewohner enthält, und wie viele auf den koraeten- 
artigen Schweif zu rechnen sind. Aehnlicb verhält es sich mit Olden^- 
worth. 

Dieselben Schwierigkeiten traten auch in dem übrigen, grösseren 
Teil des hier behandelten Gebietes hervor, wo die eine Einheit bildenden 
Wohnstätten entweder zu unregelmässig über eine grössere Fläche zer- 
streut waren, als dass sie unter eine Signatur hätten gebracht werden 
können , oder wo die Marschen- und Strassenansiedelungen vorhandeo 
waren. Im Interesse der grösseren Deutlichkeit des Bildes erwies es 
sich als nnthunhch, streng nach dem in Eiderstedt befolgten Prinzip 
zu verfahren. War die Zerstreuung der Wohnstätten gross genug, s» 
musste, namentlich an der mittleren Treene und in Schwansen, zu einer 
vollständigen Auflösung in Punkte geschritten werden, wo dagegen die 
bewohnte Fläche einigermassen mit der nach der Einwohnerzahl lo 



11] Beiträge zur Siedelungskunde NorclalbingieiivS. 283 

setzenden Signatur sich deckte, so wurde letztere gesetzt und die dar- 
über hinausgreifenden Einzelwohnstätten durch Punkte angedeutet. So 
entsteht aber wieder der Uebelstand, dass man in manchen Fällen nicht 
weiss, ob man Punkte als Zahl für sich, als Einzelhöfe, zu betrachten 
hat, oder ob man sie unter das nächstliegende grossere Ortszeichen 
rechnen soll. Wollte man auf der anderen Seite gleich zu der be- 
quemeren Darstellung des ganzen Ortes durch Punkte greifen, d. h. 
genau die topographische Karte kopieren, so würde erstens das Ge- 
samtbild an Deutlichkeit verlieren, da es schwerer ist, eine mit zahl- 
losen Punkten übersäte Fläche nach der Dichtigkeit der Bevölkerung 
zu schätzen, als eine mit grösseren Signaturen bedeckte, und zweitens 
würde, wie schon gesagt, der Massstab der Karte als zu klein sich 
erweisen, indem sie die Gestalt eines enger bebauten Platzes nur sche- 
matisch durch Punkte andeutet, die keineswegs immer einem bestimmten 
Gebäude entsprechen. — Es bliebe jetzt nur noch ein Weg übrig, 
nämlich jedes Dorf, wenigstens jedes enger gebaute, genau in der- 
^selben Gestalt (d. h. durch eine genaue Umgrenzung der von ihm be- 
deckten Fläche) wiederzugeben, welche es auf der topographischen Karte 
hat. Indessen ist es nicht ratsam, auch des letzten Restes statistischer 
Darstellung, welche in den schematischen, nach der Einwohnerzahl ab- 
gestuften Kreispunkten unserer Karte noch liegt, sich zu begeben. Die 
rein topographische Wiedergabe gestattet wegen der teils lockereren, 
teils wieder geschlosseneren Bauart der einzelnen Dörfer keinen sicheren 
Schluss auf die Einwohnerzahl. 

Je weiter nach Osten die Zeichnung vorrückte, desto mehr 
schwanden die genannten üebelstände. Es rührt dies einerseits von 
<ler grösseren Geschlossenheit der Dörfer des östlichen Holsteins her, 
welchen zum Teil der slawische Typus mit eben jenem Hauptmerkmal 
zu Grunde liegt, andererseits von dem zahlreicheren Auftreten grösserer 
Güterund dem teilweise damit zusammenhängenden selteneren Erscheinen 
der Einzelhöfe. Auf der Insel Fehmarn fehlen letztere fast ganz, so- 
wie auch die Güter. Die Dörfer bilden dort ein vollständig in sich 
geschlossenes Ganzes, so dass die auf der Karte von ihnen bedeckte 
Fläche sich fast ganz genau mit der im Verhältnis zu ihrer Einwohner- 
zahl zu setzenden Signatur deckt. 

Die Dichtekarte eines in dieser Weise besiedelten Gebietes liesse 
daher wohl auch einen kleineren Massstab zu. Es würde dies na- 
mentlich auf die östlichen Provinzen des Deutschen Reiches An- 
wendung finden, wo slawische „Rundlinge", „Strassendörfer" und über- 
haupt geschlossenere Dörfer die überwiegende Mehrzahl bilden. Man 
mQsste sich dann freilich mit den, besonders in Schlesien, aber auch 
in Pommern und im Regierungsbezirk Magdeburg vertretenen, oft 
stundenweit sich erstreckenden „Hagenhufendörfern", sowie mit den 
Kolonistendörfern in irgend einer Weise abfinden. Eventuell könnten 
sie durch Bänder oder starke Linien wiedergegeben werden. Auch im 
Elsass, im südlichen Hannover, kurz überall da, wo die Dörfer ge- 
s^chlossener und die Einzelhöfe selten sind, wäre ein kleinerer Massstab 
wohl verwendbar. Doch kommt es hier überhaupt auf einen prakti- 
schen Versuch an. — Als Städtesignaturen habe ich Recktecke gewählt, 



284 



Arthur Glov, 



[12 



welche sich der Grösse und Lage nach einigermassen an das topo- 
graphische Bild anschliessend Für die grösseren Städte (Kiel, Rends- 
burg) habe ich die rein topographische Wiedergabe vorgezogen. Daher 
hätte wohl auch die Stadt Schleswig in gleicher Weise behandelt werden 
müssen. 

Was nun die zweite Frage nach dem Warum? der Be- 
völkerung betrifft, so ist dieselbe bei kartographischen Darstellungen 
bisher ^) nur leicht gestreift worden, und zwar von Sprecher von Ber- 
negg in seiner Dichtekarte der Rheinlande. Man sieht hier allerdings, 
wie die Flussthäler und der Fuss der Gebirge sich gegen die Er- 
hebungen des Landes scharf abheben, „aber es wird,*' wie Ratzel mit 
Recht betont, „doch erst durch den Vergleich mit der topographischen 
Karte jene Gliederung, man möchte sagen, das ,Relief erteilt, ohne 
welche eine Kluft zwischen jener Durchschnittszahl, deren Farbe den 
Bezirk bedeckt, und der wirklichen Verteilung klaffen würde.* Es folgt 
dann noch die Bemerkung, dass die Güte einer solchen Karte zuletzt 
wesentlich abhinge von einer eigenen Kunst, aus der topographischen 
Karte das wesentlich zum Menschen Gehörige herauszulesen. 

Alle bisherigen Verfasser von Dichtekarten beschränken sich 
darauf, die Ursachen der örtlichen Verteilung der Menschen in dem 
beigefügten Texte zu erläutern. Eine wirklich zweckentsprechende 
Karte sollte dieses Hilfsmittel eigentlich möglichst entbehren können 
(wie weit dies möglich ist, wird sich zeigen), so dass es nunmehr darauf 
ankommt, aus der topographischen Karte das wesentlich zum Menschen 
Gehörige nicht nur herauszulesen, sondern auch auf der Bevölkerungs- 
karte einzutragen, daneben aber auch eine geologische, eine Verkehrs- 
karte, eine Klimakarte, eine politische und eine Rassen- und Kulturkarte 
zu berücksichtigen und bei der Zeichnung des betreffenden Gebietes 
zu entscheiden, wie weit man in der Heranziehung der genannten 
Elemente allenfalls noch gehen darf. 

Dass bei dem Entwurf des hier behandelten Ausschnittes aus 
Schleswig-Holstein von den vier letzten ohne weiteres abgesehen 
werden konnte, ist selbstverständlich. Was die Niederschlagsverhält- 
nisse betrifft, so sind die Unterschiede im Westen und Osten des hier 
in Frage kommenden Ausschnittes zu geringfügig und anderen in Be- 
tracht kommenden Faktoren der Fruchtbarkeit gegenüber so verschwin- 
dend, dass auch sie vernachlässigt werden können. Dagegen hätten 
die klimatischen Unterschiede Berücksichtigung verlangt bei der Zeich- 
nung der Dichtekarte einer Gegend mit dem Charakter des Hoch- 
gebirges. — Von Wichtigkeit aber sind für unser Gebiet die geologischen 
Verhältnisse, nämlich soweit auf ihnen die grössere oder geringere 
Kultivierbarkeit des Bodens beruht, und, wenn ein Bild der ganzen 
Provinz gegeben wäre, auch soweit die Bergbauprodukte von Segeberg 



^) Kaesemacher hat zwar die geologischen Verhältnisse seiner Dicht*?- 
berechnung zu Grunde gelegt, aber dabei, mit der einzigen Ausnahme der gol- 
denen Aue, die sonst sehr verbreiteten und wichtigen jungalluvialen Ablagerungen, 
namentlich auch der Lössgebiete, auffälligerweise nicht unterschieden. 



y^' 



i:;j 



Beiträge zur SiedeluDgskunde Nordalbingiens. 



28^5 



und Lägerdorf (bei Itzehoe) in Betracht kommen, deren Abbau eben- 
falls eine grössere Ansammlung von Menschen bedingt. 

£s wird daher nötig sein, auch im einzelnen die Ursachen für 
die verschiedene Dichte der Bevölkerung und ihrer Wohnplätze für 
Schleswig-Holstein zu untersuchen, um daraus Ergebnisse für die Karte 
selbst zu gewinnen. 



B. Die Dichte der iändlichen Bevöilcerung und ihrer Wohnplätze. 

«Der grosse und berühmte Theologe Claus Harms ^) soll einmal 
gesagt haben, Schleswig-Holstein lasse sich am besten mit einem fetten 
Schwein vergleichen, das zu beiden Seiten seines mageren Rückens die 
fetten Speckseiten habe. Und in der That passt dieser Vergleich voll- 
kommen. In der Mitte des Landes die unfruchtbare Heide und Geest, 
an der Ostseite das fruchtbare Hügelland, im Westen die noch frucht- 
barere, fette Marsch. 

, Durch diese drei Landstriche wird Schleswig-Holstein in drei, 
fast parallel miteinander von Norden nach Süden verlaufende Land- 
bänder geteilt. Das Hügelland begleitet die Ostküste . . . Seine Breite 
ist lokal eine sehr verschiedene; etwa in der Mitte Holsteins dürfte 
es am breitesten, in der Umgebung der Apenrader und Flensburger 
Föhrden wohl am schmälsten sein. Der Hauptsache nach besteht der 
Boden dieses schleswig-holsteinischen Höhenlandes aus den Gebilden 
des Diluviums, aus dem oberen und unteren Geschiebemergel, sowie 
dem sogen. Korallensande. 

„An dieses östliche Hügelland schliesst sich ein, etwa mit den 
Höhenrücken des Ostens parallel laufendes, von Sauden und Mooren 
bedecktes Areal, die Heide und die Geest, an, welches, wenn auch nicht 
immer so kahl und öde, wie es beim ersten Anblick erscheinen möchte, 
sich dennoch an Fruchtbarkeit nicht im mindesten mit dem vorgenannten 
Landstrich, noch mit der westlich gelegenen Marsch messen kann . . . 

„Die Marsch, der dritte und letzte der erwähnten, Schleswig- 
Holstein in nordsüdlicher Richtung durchziehenden Landstriche, besteht 
aus einem mehr oder minder sandigen und glimmerreichen Schlick, dem 
Marschklei . . .** 

Vergleicht man nun die geologische Karte Schleswig-Holsteins 
von Ludwig Meyn, welche die hier nur kurz angedeuteten Verhältnisse 
im einzelnen ausgeführt zeigt, mit der Dichtigkeitskarte, so ist es auf 
den ersten Blick klar, dass diesen drei geologischen Hauptabschnitten 
auch drei Streifen verschiedener Dichte der Bevölkerung im grossen 
und ganzen entsprechen, und es ist nur natürlich, dass der fette Marsch- 
boden im Westen und im Osten der Korallensand, der obere und nament- 
lich der untere Geschiebemergel eine weit dichtere Bevölkerung zu 
ernähren vermögen, als die minder fruchtbare Geest und die Heide 

') Biese Mitteilung, sowie die nachfolgende kurze geologische üebersicht über 
J?chle.swiff-Holstein sind der Schrift von H. Haas: ,Die geologische Bodenbeschaffen- 
heit Schleswig-Holsteins', Kiel 1889, entnommen. 



1^:. 



286 



Arthur Gloy, 



[U 



in der Mitte. Es wäre interessant, die Zahlen der auf diesen drei 
geologischen Abschnitten wohnenden und von dem Ertrag des Bodens 
sich nährenden Menschen gegeneinander und mit der Gesamtzahl der 
ländlichen Bevölkerung Schleswig-Holsteins zu vergleichen. Möglich, 
wenn auch umständlich und zeitraubend, wäre diese Rechnung für das 
östliche Hügelland, aber bei der Bestimmung der Zahl der Marsch- 
bewohner oder vielmehr der aus der Marsch ihren Unterhalt Ziehenden 
würde man auf die S. 280 [8] bereits erwähnte Schwierigkeit stossen, 
welche sich eben ohne eine nur zu diesem Zweck vorgenommene Zählung 
an Ort und Stelle nicht beseitigen lässt. Wenn man daher also auch 
auf die Ermittelung der Gesamtzahlen der Bevölkerung in jenen Streifen 
vorläufig verzichten muss, so bleibt doch die Möglichkeit, einzelne 
Kreise der Provinz, welche am besten ganz oder doch wenigstens 
zum grösseren Teil in eins der drei Gebiete fallen müssten, mitein- 
ander zu vergleichen. 

Vollständig im Gebiet der Marsch liegt nur der Kreis Eider- 
stedt, kaum zur Hälfte fallen in dasselbe die Kreise Norderditmarschen 
und Steinburg, zum dritten Teil: die Kreise Süderditmarschen und 
Husum ; Anteile haben endlich die Kreise Tondern, Pinneberg, Schles- 
wig (vgl. Tabelle I, S. 287 [15]). Günstiger für den Vergleich liegen, 
bei der grösseren Breite der Mergelbank, die Verhältnisse im Osten, 
wo die Kreise Sonderburg, Oldenburg und Plön ganz, Eckernförde fast 
ganz im Geschiebemergel liegen, Landkreis Kiel, Schleswig, Flensburg. 
Apenrade etwa noch zur Hälfte, Hadersleben etwas über die Hälfte. 
Stellt man nun die Landschaft (= Kreis) Eiderstedt mit 35,7 ländlichen ^) 
Einwohnern pro qkm (Tönning und Garding abgerechnet) den Kreisen 
Oldenburg mit 40,2 oder Plön mit ca. 40 ^) gegenüber, so muss man sich 
vor dem Schluss hüten, dass der ostholsteinische Mergelboden, weil er in 
diesem Falle eine grössere ländliche Bevölkerung trägt, noch fruchtbarer 
wäre, als die Marsch. Der wahre Grund liegt hier in der intensiveren 
Bewirtschaftung des Bodens in den Kreisen Oldenburg und Plön, wo 78 
bezw. 71,3 ^/o des Bodens als Ackerland verwandt werden, wogegen in 
Eiderstedt nur 18,9 "/o, aber als Weideland 7(3,9 ®/o. Besser vergleichbar 
mit Oldenburg und Plön sind bereits Norderditmarschen mit 51 länd- 
lichen Einwohnern pro qkm und 57 ^|o Ackerland, Süderditmarschen 
mit 50,7 Einwohnern und 70 ^/o Ackerland. Einen scharfen Kontrast 
bilden diesen fruchtbaren Kreisen gegenüber die Kreise Segeberg, 
Rendsburg, Tondern (abgesehen von der Marsch), welche zum weit- 
aus grösseren Teil dem mittleren Streifen des Landes angehören. 



^) Alle folgenden Einwohnerzahlen beziehen sich, wenn kein besonderer 
Zusatz gemacht ist, nur auf die in den Landgemeinden und Gutsbezirken woh- 
nenden Menschen. Die Einwohnerschaft der im Gemeindelexikon (1885) unter 
Städte und Flecken angeführten Orte ist abgezogen worden mitsamt dem zu- 
gehörigen Areal, so wie es im Gemeindelexikon angegeben war. Freilich decJcen 
sich die so gewonnenen Gruppen nicht überall mit ländlicher Bevölkerung. 
Namentlich wäre für den Kreis Plön und den Landkreis Kiel der Fehler zu gross 
gewesen , wenn man die Landgemeinden Gaarden und EUerbek bezw. Dietrichs- 
dorf und Neumühlen mit ihrer vorwiegend industriellen Bevölkerung miteinbegriffen 
hätte. Daher ist auch die Bevölkerung dieser vier zuletzt genannten Land- 
gemeinden abgezogen worden. 



i:.] 



Beiträge zur Siedelungskuude Nordalbingiens. 



287 



Eine Tabelle, welche den Vergleich der Zahl der ländlichen Bewohner 
mit der Bodenbeschaffenheit gestatten soll, möge die bisher nur an- 
gedeuteten Verhältnisse etwas übersichtlicher machen. Die Anordnung 
ist derartig, dass die auf der beigegebenen Dichtekarte ganz oder 
teilweise enthaltenen Kreise vorangestellt und durch eine Linie von 
den übrigen getrennt sind. 

Tabelle I. 





Durch- 
schnittliche 
Zahl der Be- 
wohner in 
den Land- 
gemeinden 
und Gnts- 
bezirken 
pro qkm 


Anteü am 


Hundert der Gesamtfläche 




Kreis 


I 

Lehm- 

und 

Thon- 

boden 


11 

Sand, 

Lehmu. 

lehm. 

Sand 


m 

Darun- 
ter ent- 
halten 
Marsch- 
boden 


IV 
Sand 


V 
Moor 


VI 

Wasser- 
flächen 


VII 

Ertrag der 
steuerpflich- 
tigen Lie- 
genschaften 
pro ha 




1 


• 












Mark 


Husum . . . 


35,8 


34,0 


9,4 


33,7 


42,8 


12,8 


1,0 


22,77 


Eiderstedt . . 


35,7 


94,4 




94,4 


4,7 




0,9 


63,84 


Norderditm. 


51 


46,4 


10,8 


46,3 


16 


25,3 


1,5 


34,85 


>üderditm . . 


50,7 


35,7 


10,2 


35,7 


18,8 


12,7 


2,6 


37,47 


Schleswig . . 


40 


26,1 


25,8 


5,7 


30,1 


14,1 


4,4 


18,06 


Rendsburg . . 


32,5 


4,2 


21,7 


0,5 


49,8 


23,3 


1,0 


9,48 


Kekemforde 


41,9 


27,4 


36,3 


0,4 


19,2 


12,4 


4,7 


21,87 


Kiel (Landkreis) 


ca. 40 ') 


13,4 


41,6 


— 


41,6 


1,5 


1,9 


15,51 


Plön .... 


ca. 40 ') 


49,4 


28,6 


— 


9,3 


2,3 


10,4 


22,08 


01<lenburg . . 


40,2 


84,0 


5,6 


— 


1,0 


5,5 


3,9 


40,68 


Hadersleben 


28,9 


22,7 


22,0 


l,s 


52,7 


1,8 


0,8 


14,13 


Tondem . . . 


26,7 


24,9 


7,9 


24,2 


61,3 


5,0 


0,9 


Marech 35 
GeePt 9 


Äpenrade . . 


32,8 


23,8 


19,8 




49,0 


6,7 


0,7 


15,07 


Sonderburg . . 


59,9 


75,8 


18,2 


— 


2,4 


2,3 


1,3 


35,64 


Flensburg . . 


38,9 


26,1 


24,0 


— 


42,9 


5,9 


1,1 


16,80 


Steinburg . . 


45 


43,2 


3,7 


42,5 


37,9 


15,1 


0,1 


Morsch 51,21 
Geest 10,or, 


Pinneberg . . 


04 


14,6 


26,8 


14,6 


41,4 


16,9 


0,3 


21,33 


Stormarn . . 


55 


28,0 


47,0 


— 


19,2 


5,4 


0,4 


22,17 


Segeberg . . . 


29 


11,3 


33,3 


— 


42,5 


11,3 


1,6 


11,91 


Lauenburg . . 


31,9 
















Durchschnitt . 


40 


31,4 


21,3 


12,6 


34,9 


9,3 

1 


3,1 


21,09 



Aus der Tabelle ist deutlich ersichtlich, wie die Einwohnerzahl 
der einzelnen Kreise immer im gleichen Verhältnis zu dem Prozentsatz 
des Lehm- und Thonbodens steht, im umgekehrten zu dem des Sand- 



%• 



') Vgl. S. 286 [14], Anm. 



gg Arthur Gloj, [lii 

id Moorbodens '). Eine Ausnahme von dieser allgemeinen ß«g«l 
acht nur der Kreis Pinnebei^. Hier haben wir trotz des vorwiegend*!) 
indbodens die höchste durchschnittliche Einwohnerzahl (Ö4 auf das qkm. 
ich nach Abzug der Städte) aller Kreise Schleswig- Holsteins vor uns 
om Stadtkreis Kiel und Altona natürlich abgesehen), der Einöuss der 
ähe Hamburgs und Altonas ist hier unverkennbar. Ueberbaupt wächst 
e durchschnittliche Einwohnerzahl Schleswig-Holsteins je weiter nach 
üden desto mehr, was schon Jansen in seiner Poleographie herror- 
;hoben hat. Das Uebergewicht des südlichen Holsteins wird noch 
iutlicher, wenn man die Städte miteinbegreift. 

Tabelle II. 



Kreis 


Einwohnerzahl 
pro qkm 


Kreis 


Einwohneraahl 
pro qkm 


EckemfBtde . 
Oldenburg . 
Plön . . . 


4n 

53 

tiCl.8 


Stormam . . 
Pinneberg . 


79,< 

8.S,7 



iel mit 188 Einwohnern auf das qkm (Stadt- und Landkreis zusammen- 
kommen) bildet natürlich eine Ausnahme. 

Von der ganzen, in Landgemeinden und Gutsbezirken wohnenden 
evölkerung Nordalbingiens entfallen im Durchschnitt 40 auf das qkm. 
ie gesamte Landbevölkerung bleibt demnach um '.n hinter dem von 
enck (Daa Deutsche Reich S. 378) berechneten höchsten Satz zurück. 
onach reine Landwirtschaft und Bodenbenutzung höchstens eine Be- 
llkerung von 50 Einwohnern auf das qkm zu ernähren im stände sein 
illen. Freilich mössten für einen genaueren Vergleich die von mir 
tgebenen Einwohnerzahlen noch etwas modifiziert werden mit RQck- 
cht auf eine Berufs Statistik. 

Es ist indessen wahrscheinlich, dass bei der durchschnittlich ge- 
Qgen Anzahl der auf dem Lande wohnenden Handwerker und In- 
istriellen die Modifikation der gegebenen Zahlen nur unwesentlicii 
in würde. 

Unterwerfen wir jetut hauptsächlich das auf der beigegebenen 
arte dargestellte Gebiet einer etwas eingehenderen Prüfung. Be- 
nnen wir mit dem Kreise Plön, so ist hier das fruchtbarste Gebiet 
e Probstei, deren dadurch bedingte grössere Volksdichte auch auf 
einer Karte vorzüglich zum Ausdruck kommt. In derselben RichtuDg. 
sm Verlauf der OstseekUste, später dem des Oldenburger Grabens 
Igend, schliesst sich eine weitere, die Nachbarschaft an Fruchtbarkeit 
>ertreffende Zone an, welche sich ebenfalls durch eine dichtere Beibe 
ittelgrosser Dörfer auszeichnet. In gleicher Weise erhebt sich im 



') Die hierauf bezüglichen Zahlen sind der amtlichen Denkschrift über i\> 
■undsteuerveranlagung der neuen Pi-ovinzen vom 28. November 1875 entnommeti. 



•r 



■4\ 



<*\ 



Yi^ Beiträge zur Siedelungskunde Nordalbingiens. 289 

Kreise Oldenburg die Insel Fehmarn mit 44 (mit der Stadt Burg 
56} Einwohnern auf das qkm etwas über die Durchschnittsdichte des 
ganzen Kreises (40,2). In den beiden genannten Gebieten, d. h. in 
dem Streifen von der Kieler Föhrde bis zur Lübecker Bucht und auf 
Fehmarn, haben wir die Formation des unteren Geschiebemergels, 
welcher den oberen an Fruchtbarkeit noch übertriflPt. Ersterer ist auch 
auf der Insel Alsen, jener „Perle der Ostsee", im Sunde witt, zum Teil 
auch im Dänischen Wohld und an den Küstenrändem der Kreise Apen- 
rade und Hadersleben vertreten, wo er als nicht zu unterschätzender 
Faktor der daselbst die durchschnittliche Volksdichte des Hügellandes 
übersteigenden grösseren Dichte sich bemerkbar macht. 

Nicht nur mit Bezug auf die Dichte der Bevölkerung über- 
haupt, sondern auch auf die der Wohnplätze sind die genannten Ge- 
biete interessant. Es bewährt sich hier vollkommen jene überall zu 
beobachtende Erscheinung, dass bei gleichmässiger Beschaffenheit 
des Bodens auch die Wohnplätze in einigermassen gleichen 
Abständen voneinander entfernt liegen, und zwar um so dichter, 
je ertragsfähiger das Land. Es trifft dies für die Probstei, die Insel 
Fehmarn und den Kreis Eckernförde, namentlich zwischen Rendsburg 
und Schleswig vollkommen zu, wie ein Blick auf die Karte zeigt. 
Auch scheint es, dass die Bevölkerung eines solchen Gebietes sich auch 
innerhalb grösserer Zeiträume ziemlich konstant erhält. Z. B. ist es 
für die Insel Fehmarn historisch nachweisbar, dass sich seit dem 
Jahre 1231 die Zahl der Dörfer kaum vermehrt hat. Mag nun auch 
die Bewohnerschaft der einzelnen Dörfer mit der Vervollkommnung 
der Landwirtschaft gewachsen sein, was bei der einmal gegebenen 
Form der Dörfer, auf die ich im zweiten Hauptteil noch zurückkommen 
werde, nur in geringem Masse geschehen konnte (abgesehen etwa 
?on den drei grossen Kirchdörfern), so deutet die genannte Thatsache 
doch auf eine annähernd dichte Landbevölkerung der Insel bereits in 
jener Zeit. 

Dieselben Verhältnisse begegnen uns in denjenigen Gebieten 
Schleswig-Holsteins, wo das Hofsystem der Landschaft ihr Gepräge 
verliehen hat. In Eiderstedt sind die Höfe in ziemlich gleichen Ab- 
ständen über das gleichmässig fruchtbare Marschland verbreitet, des- 
gleichen im Kreise Hadersleben, namentlich in dem mittleren Teil, wo 
der Geschiebemergel des Ostens sich bis über die Mitte des Landes 
westwärts erstreckt und dann allmählich dem Jungdiluvium Meyns 
Platz macht. Etwas weiter südlich jedoch, wo Jungdiluvium (Ge- 
schiebesand), Heidesand und Moorflächen regellos ineinandergreifen, 
beginnt dementsprechend bereits die ungleichmässige , truppförmige, 
mit wirklichen Dörfern untermischte Verteilung der Einzelhöfe, indem 
sie naturgemäss immer da liegen, wo die günstigsten Bedingungen 
vorhanden sind. Natürlich gilt dies auch für die grösseren Siedelungen 
des mittleren Heide- und Geestrückens, welcher nicht einheitlich, wie 
die Marsch und das Hügelland, sondern, wie schon angedeutet, aus 
verschiedenen geologischen Formationen mit ebenso verschiedener Er- 
tragsfähigkeit zusanmiengesetzt ist. Die Zusammensetzung dieses 
mittleren Rückens ist kurz folgende: 

FoTSchangen zur deutschen Landes- und Volkskunde. VII. 3. 20 



1^ Artbar Gloy, [lg 

Das Heideland besteht in der Nähe des Östlichen GeschiehemergeU 
IS Geschiebesand, welcher zur Forstwirtschaft und zum Qetreidebau noth 
isreicht; westlich davon folgt ein weisser Sand, der als Ahlformation 
id mit noch verschiedenen anderen Lokalnamen bezeichnet wird. E» 
t dies meist völlig unwirtbares, nur mit Heidekraut bedecktes Land. 
dem auch Sümpfe und Torfmoore reichlich vertreten sind. In der 
ähe der Marsch finden sich auch Anhäufungen von Flugsand, die 
gen. Binnenlandsdünen. 

Nun iat es eine zwar recht einfach erklärliche, aber doch he- 
erkenswerte Erscheinung, dasa die grösseren Siedelungen des Mittel- 
ckens mit unfehlbarer Sicheirheit entweder in oder unmittelbar an 
n inselartig im Sande und im Moor zerstreuten Geschiebemergel- 
cken gelegen sind, woneben dann in zweiter Linie die in der Heide 
id im Moor liegenden Jungdiluviumgebiete sich besiedelt zeigen. Eigeiit- 
;he Heidedörfer sind im allgemeinen seltener und erst da etwas zabl- 
icher, wo eben keine Auswahl vorhanden ist, z. B. zwischen Tondem 
d Apenrade. 

Diese Thatsachen vollständig im einzelnen nachzuweisen, würde 
weit führen. Ich werde daher auch aus dem von mir dargestellkn 
isschnitt nur einige besonders charakteristische Punkte herausgreifen. 

Betrachten wir die nähere Umgebung der Stadt Rendsburg, so 
igt sich hier eine kranzförmige Häufung von Dörfern um die Stadt 
rum. Dass unter diesen gerade Fockbek über 1000 Einwohner hinaus- 
wachsen ist, wird nicht zum mindesten darin begründet sein, das; 
r Ort auf einem Flecken Geschiebemergel inmitten des Jungdüuviuins 
gt, während sich die Übrigen, kleineren Dörfer in der Rendsburger 
mgebung, wo fast alle Formationen der Provinz konvergierend zu- 
mmentreten, mit einem Boden von zweiter und dritter Güte be- 
,Ogen müssen. 

Ferner lässt es sich an den Siedelungen verfolgen, wie die Ge- 
biebemergelbank des Ostens stellenweise an die von Hamburg über 
iumUnster, Nortorf, Rendsburg, Schleswig nach Norden gehende Bahn, 
tiche sich auf der Strecke zwischen Nortorf und Schleswig im grossen 
d ganzen als die westliche Grenze des Hügellandes betrachten lässl. 
rantritt oder gar ein wenig hinübergreift. Z. B. ist letzteres der Fall 
i Nortorf, dem nördlich davon gelegenen Ellerdorf, dann in der Milte 
dachen Rendsburg und Schleswig, am dentlicbsten aber südwestlich 
n der Stadt Schleswig selbst, wo jener Halbkreis von Dörfern die 
sr etwas grössere Ausbuchtung der Mergelbank nach Westen er- 
nnen lässt. Interessant ist es auch, die durch den breiten, nur ver- 
izelt bewohnten Gürtel von der Bahn geschiedene Kette grösserer 
irfer, welche von Haale (16 km südwestlich von Rendsburg) nach 
hleswig verläuft, auf die umgebenden Formationen zu untersncben. 
ie zu erwarten, sind es entweder Mittel- oder Jungdiluvium-lnseln. 
eatlich parallel dieser Kette zieht sich eine zweite Reihe von mittel- 
ossen Dörfern, für welche dasselbe gilt. Ueberall aber werden hier. 
Vergleich zum Hügelland, die Abstände der Dörfer voneinander 
regelmässiger und grösser. 

Je weiter wir nun aus dem Heide- und Mooi^ebiet herauskommen 



f^- -S"-^ 



19] 



Beiträge zar Siedelungskunde Nordalbingiens. 



291 



und uns dem westlichen Abfall der Geest in die Marsch nähern, um 
so dichter und grösser werden die Siedelungen. Hier tritt zu dem 
Grösserwerden der Diluviumflecke (namentlich dör des mittleren Dilu- 
viums [= Mergel]) im Vergleich zu den des eben verlassenen Gebietes 
noch ein ganz besonders ins Gewicht fallender Faktor hinzu. Es ist 
dies die Nähe der Marsch. 

Wie bereits oben S. 280 [8] gesagt, ist der eigentliche Geestrand, 
der sogen. Don oder Kleve, besonders stark besiedelt. Zur Erklärung 
dieser Erscheinung muss man mehrere Umstände in Betracht ziehen. 

1. Als die Marsch noch im Entstehen begriffen und der Deichbau 
noch nicht so weit fortgeschritten war und solche Sicherheit bot wie 
heute, siedelten sich die einwandernden Friesen naturgemäss auf dem 
durch seine höhere Lage geschützten Geestrande an. 

2. Je mehr Land dem Meere abgerungen und je sicherer sein 
Besitz wurde, desto mehr Menschen konnte es ernähren, und es war 
nur natürlich, dass man Haus- und Hofräume, sowie Strassenzüge, so 
weit es anging, nicht auf den kostbaren Marschboden selbst, wohl aber 
möglichst in dessen Nähe, d. h. auf den Geestrand verlegte. Dazu kommt, 
dass die Marsch stellen- und zeitweise nicht gerade zu den gesundesten 
Aufenthaltsorten gehört. 

3. Der Geestrand bedingt durch die einmal gegebenen Siedelungen 
und durch die natürlichen Vorteile der Festigkeit und Ebenheit des 
Bodens eine Hauptnordsudstrasse des Westens, welche ihrerseits wieder, 
namentlich an den Kreuzungspunkten der von Osten kommenden Quer- 
strassen, ein weiteres Anwachsen der Siedelungen hervorruft. 

Es ist nach diesen allgemeinen Auseinandersetzungen kaum noch 
nötig, auf die Einzelheiten nun noch besonders aufmerksam zu machen. 
Ich will nur noch bemerken, dass sich um die Stadt Heide herum wieder 
so ein eingestreutes Stück Geschiebemergel findet, desgleichen um jenen 
Dreidörferkomplex von Pahlen, Pahlhude, Dörpling (südlich von Erfde, 
am linken Eiderufer), ebenso um Erfde selbst, sowie endlich um alle 
Siedelungen des Geestrandes zwischen der Treene und der Stadt Husum, 
wo die Geest unmittelbar an das Meer herantritt. Hier, wo man in 
der Nähe des Meeres festen Boden unter den Füssen hatte, wo ferner 
die natürliche, dem Geestrande folgende Südnordstrasse an das Meer 
herantrat, waren die Bedingungen zu einer grösseren Ansiedelung durch 
die Natur gegeben, wenn auch ein Hafen erst künstlich geschaffen 
werden musste. Eine ganz analoge Lage hat der Flecken Hoyer 
(westlich von Tondem, Sylt gegenüber). 

Der grösseren Festigkeit des Bodens und der damit verbundenen, 
wenigstens für frühere Zeiten in Betracht kommenden grösseren Sicher- 
heit gegen die Meereswogen verdankt auch der Dünensandstreifen von 
Garding (vormals Gaardesand) und von dem westwärts gelegenen Tating 
seine im Verhältnis zur umgebenden Marsch stärkere Besiedelung. Die 
kometenartige Gestalt der Stadt Garding, auf welche S. 282 [10] Bezug 
genommen wurde, passt sich der Form jenes Dünensandstreifens voll- 
kommen an. Durch die sogen. Süderbootfahrt hat Garding eine Wasser- 
strassenverbindung mit Tönning, dem Exporthafen für das in der 
Landschaft Eiderstedt gemästete Vieh. Tönning ist Mündungsstadt 



292 



Arthur Gloy, 



[20 



der Eider und zugleich Brückenort für das gegenüberliegende — man 
möchte sagen — Festland. Ein Analogen zu Tönning ist das etwas 
weiter landeinwärts, an der Mündung der Treene in die Eider ge- 
legene Friedrichstadt, welches also ebenfalls Mündungsstadt und zu- 
gleich Brückenort ist. Hier kommen jedoch auch bereits historisclie 
Faktoren in Betracht, wie namentlich auch für Heide. — Ueber diese 
Verhältnisse, sowie über die hier einschlägigen an der ganzen Ost- 
und Westküste des Landes hat sich K. Jansen in seiner bereits zitierten 
Schrift von 1861 und in der Poleographie der Cimbrischen Halbinsel 
übrigens schon hinreichend geäussert. 

Es bleibt nun noch über die Raumgrösse der ländlichen 
Siedelungen Nordalbingiens einiges hinzuzufügen. Als die sie be- 
dingenden Elemente kommen hier namentlich in Betracht: 

1. Die Art der Bewirtschaftung des Bodens; 

2. die Verteilung des Besitzes innerhalb der Dorfflur. 
Wenn der Satz richtig ist (vgl. Ratzel H, S. 432 f.), dass die in- 
tensive Bewirtschaftung grosse Dörfer hervorruft, extensive dagegen das 
zerstreute Wohnen begünstigt, so muss er sich auch für Schleswig- 
Holstein bewähren. Greifen wir ein solches Gebiet mit extensiver 
Bewirtschaftung, also z. B. Eiderstedt (mit 76 ^V^ Weideland), wo fast 
nur Viehzucht betrieben wird, heraus und stellen es einem Lande mit 
intensiver Bewirtschaftung, z. B. Norderditmarschen mit 57 ^/o Acker- 
land, Süderditmarschen mit 70 V? Plön mit 71 Vi Oldenburg mit 78 ^i- 
gegenüber, so ist der Unterschied evident. Auf der einen Seite der 
kleinste Raum, den Siedelungen überhaupt einnehmen können, da^i 
Hofsystem (in diesem Falle das friesische Haus), auf der anderen Seite 
grosse und mittelgrosse Dörfer (vgl. Tabelle III, Kol. I u. HI, S. 293 [21]). 
Freilich dürfen Stammesgewohnheit und historische Verhältnisse hierbei 
nicht unberücksichtigt bleiben. 

Nun fehlt es zwar auch in den Kreisen Oldenburg, Plön u. s. w. 
nicht an kleinen Siedelungen; und dies ist der Punkt, wo die Wirk- 
samkeit des zweiten Faktors in Betracht zu ziehen ist, nämlich die 
der Verteilung des Landes innerhalb der Dorfflur. 

Wo sich grössere Landkomplexe in einer Hand vereinigen, da 
wird, auch unter Mitrechnung der zur Bewirtschaftung nötigen, durch 
Maschinenbetrieb relativ geringen Arbeitskräfte, die Bewohnerzahl nicht 
an die eines Dorfes heranreichen, welches im wesentlichen von gleich- 
gestellten Bauern bewohnt ist, die gleiche Grösse der Flur in beiden 
Fällen vorausgesetzt. Wo also grosse Güter mit ihrem Anhängsel von 
Tagelöhnerkathen u. s. w. zahlreicher vertreten sind, da wird sich ihr 
Vorhandensein auch auf der Siedelungskarte bemerkbar machen. Ein 
Vergleich der beigegebenen Karte zeigt diese Erscheinung, welche im 
wesentlichen auf dem angeführten Grunde beruht, im Kreise Eckern- 
förde (68 Güter vgl. Tab. HI, Kol. VII, S. 293 [21]), im Kreise Olden- 
burg (47 Güter) und im Kreise Plön (40 Güter). Die Häufung der 
Güter findet statt im Dänischen Wohld, in dem durch den Oldenburger 
Graben abgeschnittenen Komplex und in dem ganzen Streifen südlich 
von dem durch jene dichtere Reihe grösserer Siedelungen gekenn- 
zeichneten, zwischen der Schwentine und der Lübecker Bucht. 



21] 



Beiträge zur Siedelungskunde Nordalbingiens. 



293 



Tabelle III. 





Anteil am Hundert der eingeschätzten Fläche 


Ertraf; der 

steuer- 
pflichtigen 
Liegen- 
schaften 
pro ha 
in Mark 

VI 


Zahl 

der 

Guts- 

bezirke 

VII 


Kreis 


Acker- 
land 

I 


Wiesen- 
land 

n 


Weiden 

in 


Holzungen 
IV 


Wasser- 
stücke 

V 


Husum . . . 
Eiderstedt . . 
Norderditm. 
Süderditm. . . 
Schleswig . . 
Rendsburg . . 
EckemfÖrde 
Eiel(Landkrei8) 
Plön .... 
Oldenburg . . 


44,3 
18,» 
57,4 
70,0 

01,4 

56,5 
70,0 

71,3 

78,0 


13.1 

l.r> 

20,1 

9,8 
19,4 
16,8 

9,7 
10,4 

7,8 

9,3 


40,8 
76,9 
20,4 
15,0 

15,9 
15,9 
10,7 
11,4 

2,4 


1,» 
1,1 

3,9 
2,2 
8,9 
5,8 

8,0 

7,8 
5,9 


0,5 
0.7 

0,fl 

0.8 

1,0 
2,6 
2,2 
2,8 
11,5 
2,2 


22,77 
63,84 
35,85 
37,47 
18,08 
9,48 
21,87 
15,51 

22,08 

40,68 


3 
2 

4 

9 
20 
68 
15 
40 
47 



C. Ergebnisse für die Karte der Siedeiungsdiciite Schleswig-Holsteins. 

Nachdem wir jetzt die Ursachen der verschiedenen Dichte der 
Bevölkerung und ihrer ländlichen Wohnplätze für Schleswig-Holstein 
untersucht haben, handelt es sich nunmehr um die Entscheidung, was 
von diesen verdichtenden oder auflockernden Faktoren in die Karte 
der Siedelungsdichte aufgenommen werden soll. Dass die geologischen 
Verhältnisse, auf denen, wie schon hinreichend auseinandergesetzt, die 
grössere oder geringere Ertragsfähigkeit des Bodens und damit der 
Dichtegrad der Bevölkerung beruht, in erster Linie berücksichtigt werden 
müssen, braucht kaum noch besonders betont zu werden. Demgemäss 
habe ich zunächst die Orenze der Marsch nach der Meynschen Karte 
eingezeichnet, wogegen ich auf eine besondere Wiedergabe der West- 
grenze des Hügellandes verzichten zu können glaubte, da dieselbe im 
wesentlichen (unter den bereits erörterten Modifikationen) mit der von 
Neumünster nach Schleswig führenden Bahn sich deckt. 

In dem durchweg gleichartigen Marschland kommen, abgesehen 
von den Dünensandstreifen in Eiderstedt, andere geologische Forma- 
tionen nicht vor, im Hügelland sind Dünensandflecken zwar häufiger, 
aber nicht von dem Umfange, dass ihre Aufnahme in die Karte der 
Siedelungsdichte notwendig wäre. So blieb der Raum frei für eine 
einheitliche, durch keine anderen Farben durchkreuzte Wiedergabe der 
Waldgebiete, welche viel anschaulicher zur Erklärung der Lücken zwi- 
schen den Siedelungen mitwirken, als es die winzigen Sandflecken je 
hätten thun können. 

Schwieriger war die Auswahl für das zwischen Marsch und Hügel- 
land liegende Gebiet. Hier standen verschiedene Wege offen. Man 



Arthur Gloy, [22 

le zunächst an eine unveränderte Wiedergabe der geologischen 
: denken, woraus ein vielfach sich durchsetzendes Gewirr vier ver- 
lener Hauptfarben (Heidesand, Jungdiluviuui, Mittel diluvium, Ält- 
um) als Grundlage fUr die Siedolungskarte sich ergeben hätte. 

Von dem Betreten dieses Weges habe ich hauptsächlich aus tech- 
Bn Gründen Abstand genommen; denn, abgesehen davon, dass die 
fe Unterscheidung dieser vier verschiedenen Formationen bei den 
en Diluvialgeologen anscheinend nicht mehr so beliebt ist, wi« 
r, wären die Siedelungen selbst, namentlich die kleineren und noa 
lie Einzelhöfe , auf dieser Grundlage nicht genügend zur Geltung 
nmen, während sie doch unter allen Umständen in erster Linie 
rtreten raüsaen. Wollte man nun die geologischen FormatioDen 
1 möglichst belle Farben oder durch verschiedene Schraf^erungen 

Farbe wiedergeben, so wäre wieder, bei der Zerrissenheit und 
anderschachtelung der Formationen des Mittel rück ens, eine Ueber- 

schwer zu gewinnen. So entschloss ich mich denn, auf eine un- 
Ibare Wiedergabe der geologischen Formationen zu verzichten und 
ur mittelbar zu berücksichtigen, indem ich ausser den Waldflächen 
ie Moorilächen und Heidegebiete, so wie sie auf der topographischen 
'. begrenzt waren, einzeichnete. Der Vorteil dieses Verfahrens ist 
wiefacher. Erstens, was das wichtigste ist, bleiben die wirklich 
leiten Gebiete fast vollständig weiss, zweitens ist es ersichtlich — 

nur, wie es bei der Zugrundelegung der geologischen Karte der 
gewesen wäre, welche Gebiete für die Kultur mehr oder weniger 
uet, sondern — ■ welche Gebiete nun wirklich unkultiviert (richtiger: 
Pfluge unberührt) liegen gelassen sind. Da ferner die Moorfläcben 
esentlichen der Formation des Alt- oder Süsswasseralluviums, die 
iflächen der des Heidesandes entsprechen, wenn man weiter die 

gelassenen Räume durch Jung- und Mitteldiluvium sich ausgefällt 
;, so hat man ein ungefähres Bild auch von der geologischen Karte, 
:h nur ein sehr rohes und im einzelnen sehr zu modifizierendes, 
von mir gegebene Bild ist ein gewissermassen negatives, mehr das 
rum nicht?" der Bevölkerung erklärendes. Das positive hätte im 
itlichen die Jung- und namentlich die Mittel diluviumflecken wieder- 
len, würde aber, wie gesagt, die Siedelungen selbst verdunkeln'). 

Ein zur positiven Erläuterung der Siedelungskarte beitragendes 
ent sind endlich die Verkehrslinien, welche ich auf Ratzeis Vor- 
g (II, 528) mit eingezeichnet habe. „Ob nun," um mit K. Jansen 
jden, ,der Weg den Ort herbeiführt oder der Ort den Zugang 
»rruft, immer werden die Siedelungen, von den grössten bis zu den 
iten hinab, End-, Wende- oder Ereuzungspunkte darstellen.' Für 
urchführung dieser Verbältnisse im einzelnen verweise ich auf die 
i wiederholt zitierten Arbeiten von K. Jansen. 

') Die Einzelwohnungeii Kind übrigens, wie ich nach dem Druck der Karl? 
ke, wider Erwarten klein ausgefallen, obwohl sie den wirklichen Terhält- 
so entsprechen. Die beobachtete Vorsicht war also um so mehr geboten. 



^T 



23] 



Beiträge zur Siedelungskunde Nordalbingiens. 



295 



Schlussbetrachtung. 



Nachdem ich jetzt die Vorteile der von mir befolgten Methode 
hervorgehoben habe, halte ich es für angemessen, auch ihre Nachteile 
nicht zu verschweigen. 

Der schwerstwiegende ist die Anwendung des grossen Massstabes 
Yon 1:200000. Die ganze Provinz Schleswig-Holstein, welche doch 
die zweitkleinste Preussens ist, käme, in der angegebenen Weise be- 
handelt, auf die Grösse einer massigen Wandkarte hinaus, eine grössere 
Provinz, das Königreich Preussen oder gar das Deutsche Reich würde 
ein ganz ungefüges Gebilde ergeben. Und doch könnte die Haupt- 
anforderung, die man an eine zweckentsprechende Wandkarte stellen 
darf, nämlich die der Unterscheidbarkeit auf mindestens 3 — 4 m, nicht 
erfüllt werden. In dieser Entfernung sind nur noch die grösseren Wohn- 
komplexe deutlich, die kleineren Städte nur noch ganz schwach sichtbar, 
die Dörfer verschwinden fast ganz, die aufgelösten, sowie die Einzelhöfe 
natürlich vollständig. Wollte man nun die Signaturen, welche auf 
meiner Karte bereits ziemlich gross geraten sind, vergrössem, so würde 
man sich wieder von der Wirklichkeit entfernen, womit uns nicht ge- 
dient sein kann. Auf die Sichtbarkeit der Einzelhöfe müsste man trotz- 
dem von vornherein verzichten. Demnach würden Teile von der West- 
küste, des mittleren Landrückens, Nordschleswigs u. s. w. als ganz 
unbewohnt erscheinen. 

Die Möglichkeit, diesen nun einmal notwendig gewordenen Mass- 
stab nun auch möglichst auszunutzen, indem man alles nur irgend 
Belehrende in die Karte eintrüge, ist nach dem oben Gesagten eben- 
falls bereits ausgeschlossen. Man muss sich auf einer Karte mit der 
Eiozeichnung des Charakteristischen begnügen und, wenn nun mehreres 
charakteristisch ist, sich eben dazu entschliessen , nun auch mehrere 
Karten nach jenen verschiedenen Gesichtspunkten zu entwerfen. Erst 
ihr Vergleich kann sodann eine erschöpfende Erklärung bieten. 

Was die hier gegebene Karte betriift, so konnte, da sich die 
ländliche Bevölkerung — abgesehen von den wenigen, in jedem Dorfe 
vorhandenen Handwerkern und Krämern — ausschliesslich mit Land- 
wirtschaft und Viehzucht beschäftigt, von einer Darstellung des Ver- 
hältnisses der landwirtschaftlichen zur industriellen Bevölkerung ganz 
abgesehen werden. Eine solche Unterscheidung würde übrigens auch 
auf grosse technische Schwierigkeiten stossen, wenn wir ein Gebiet 
z. B. aus dem mitteldeutschen Gebirge oder aus Schlesien zu zeichnen 
hätten, wo auch ausserhalb der Städte stellenweise eine intensive in- 
dustrielle Thätigkeit herrscht. Vielleicht wäre es dann möglich, zur 
Unterscheidung der landwirtschaftlichen von der industriellen Bevölke- 
rung sich verschiedener Farben für die Ortszeichen selbst zu bedienen. 
Die Anwendung des Flächenkolorits für diese Verhältnisse ist jeden- 
falls aber auf Karten grösseren Massstabes sehr bedenklich, indem 
dann viele Orte notwendig mit unter ein Schema gebracht werden, in 
das sie gar nicht gehören. 

Wollt« man die im Atlas des Deutschen Reiches gegebene Karte 



I 



f. 



v 

k 

i 

r 



VI, 



t 



d 



:\ 



H 



tf 






96 Ärtlinr Glof, Beitrfige zur Siedelangakuniie Nordatbingiens. [24 

ia VerhältoiBses der gewerblichen zur landwirtschaftliclien BevÖlkeruDg 
ir Schleswig- Holstein zu Grunde legen, so wQrde eine vollständ^ 
Ische Vorstellung durch sie erweckt werden können. Sie zeigt Tan 
iel nach NeumOnster einen Streifen mit gewerblicher und landwirt- 
:haftlicher Bevölkerung etwa im gleichen Verhältnisse. Da nun auf 
är angegebenen Strecke auch eine Häufung grösserer Dörfer auftritt, 
> könnte man auf die Vermutung kommen, daes dies mit industrieller 
hätigkeit der Bewohner dieser Dörfer zusammenhinge. Das ist aber 
irchaus nicht der Fall. Das erwähnte Flächenkolorit ist weiter nichb 
Is die Ausbreitung der gewerblichen und ArbeiterbeTölkenmg Eteb 
ad NeumtlDsters über das dazwischen liegende Gebiet, mit dem sie 
ichts zu schaffen hat. 

Fassen wir nunmehr das Endergebnis noch einmal zusammen, so 
efert uns die nach den Ratzeischen Gedanken entworfene Karte zwar 
in wahrheitsgetreues, anschauliches Bild, welches die Ursachen der 
erschiedenen Dichtigkeitastufen der BeTölkening teilweise (aber auch 
ur teilweise] an die Hand giebt; aber auf ein grösseres Gebiet, einen 
rossstaat oder gar einen Erdteil, läitst sich diese Methode leider nicht 
Qwenden. Hier wird zur Darstellung der Volksdichtigkeit das Flächeo- 
olorit nach dem Muster Sprecher-Beme^e oder Kettlers immer un- 
atbehrlich bleiben. 



II. Hauptteil. 
Siedelungstypen. 

I. Abschnitt. 

Allgemeine Bemerkungen über Siedelungstypen im Deutschen Reich 
unter besonderer Berücksichtigung der slawischen. 

Was Tacitus in seiner Germania Kap. 16 von der Art des Woh- 
nens der Germaneo sagt: ,colunt discreti ac diversi, ut fons, ut Cam- 
pus, ut Demus placuit, vicos locant non in nostrum morem connexis 
et cohaereotibus aedificiis; suam quisque dotnum apatio circumdat . . .", 
das gilt noch heute im Tollec Umfange fUr die ländlichen Siedelungeo 
des nordwestlichen Deutschlands, wo die , Haufendörfer" aus sehr 
locker und planlos nebeneinandergelagerten Gehöften bestehen. Sonder- 
barerweise ist die zitierte Tacitusstelle bis in die neueste Zeit meistens 
dahin ausgelegt worden, dass die Germanen nur in Einzelhöfen gewohnt 
hätten. Aber, wenn man auch den ersten Satz, wo eigentlich nur von 
zerstreutem Anbau die Rede ist (vgl. Meitzen, Der Boden und die land- 
wirtschaftlichen Verhältnisse des preussischen Staates, Berlin 1868, 
Bd. I, 346, Anm.), mit einigem Hecht auf Einzel höfe deutet, so beweist 
doch die Nennung des Wortes vicus, öaas es neben dem, sei es nun 
Einzelhofsjstem , sei es truppförmiger Anbau oder beides zusammen, 
auch eigentliche Dörfer gab, die den jetzt sogen, „Haufendörfern" ent- 
sprochen haben werden. Ausserdem hat doch schon Cäsar von deut- 
schen Dörfern berichtet. Im bellum gallicum deutet eine Stelle deut- 
lich darauf hin. Nachdem Cäsar auf der Brücke über den Rhein 
gegangen ist, heisst es üb. IV, c. 19; paucos dies in eorum (d. h. der 
Sigambrer) tinibus moratus omnibus v i c i s aedificüsque incensis fru- 
mentisque succisis se in fines Ubiorum recepit. 

Geschlossener sind die Dörfer desselben Typus im übrigen Deutsch- 
land. Aber auch sie bilden ein ziemlich regelloses Gewirr von Strassen 
und Häusern, wie es dem Typus des urdeutschen „Haufendorfs" zu- 
kommt. 



298 Arthur Gloy. [26 

Ein ganz anderes Bild bietet una der slawische Dorftypus. Sein 
Hauptmerkmal ist nebeu der Geschlossenheit die Regel mässigkeit <Ier 
Anlage, welche deutlich auf einen bestimmten Plan und eine abge- 
grenzte Zahl der bei der Niederlassung beteiligten Menschen hinwei^L 
Letzteres gilt namentlich von dem sogen. , Rundling" ') und seinen 
Neben- und Uebergangsformen. 

Der Erste, welcher sich eingehender mit dieser Art des Slawen- 
dorfea beschäftigt hat, ist Victor Jacobi, in den Alten burgi sehet) Stu- 
dien, Illustrierte Zeitung 1845, und in der kleinen Schrift: Slawsu- 
und Teutscbtum, in kultur- und agrarhistorischen Studien zur Anschauuns 
gebracht, besonders aus Lüneburg und Alt«nburg, Hannover lä56. 
Seine Untersuchungen betreffen besonders das „Lüneburgische Wend- 
land", wobei er gelegentlich auch auf die angrenzenden Gebiete hin- 
übergreift. 

Der zweite, gewöhnlich als , slawisches Strassendorf* *) be- 
zeichnete Haupttypus ist zuerst von A. Meitzen (a. a. 0., Bd. 1. 
S. 361) erwähnt, dann kurz charakterisiert worden in der .Anleitung 
zur Deutschen Landes- und Volksforschung", ed. Kirchhoff, Stutt- 
gart 1889, S. 514, wo auch eine Abbildung gegeben wird. Be- 
achtung scheinen diese Dinge nur in engeren Kreisen gefunden lu 
haben. Bei Ratzel (Anthr. 11, 441, unter; „Die Physiognomie der 
Siedelungen ') ist allerdings von der „Anlage des slawischen Dorfo 
in Parallelreihen längs der Strasse oder im Kreis um Kirche und 
Markt" die Rede ; aber es wird nicht gesagt, dass und wo dieser Dorf- 
typus auch im Deutschen Reich vorkommt, was gerade an dieser Stelle 
sehr am Platze gewesen wäre. Auch in der neuesten, mehr für da 
grosse Publikum bestimmten Darstellung des Deutschen Reiches tou 
0. Richter (Leipzig 1891) wird noch keine Notiz von der Sache ge- 
nommen. Für meine eigenen Untersuchungen haben als Grundlage 
gedient die vom preussischen Generalstab aufgenommenen Messtisch- 
blätter von Schleswig- Holstein, Mecklenburg. Pommern, Westpreussen. 
Posen, Schlesien, Brandenburg, Hannover, Sachsen, soweit sie in der 
geographischen Lehrmittelsammlung der Universität Kiel vorhanden 
waren , eo dass die allgemein gehaltenen Behauptungen auf den fol- 
genden Seiten sich immer nur auf die genannten Provinzen beziehen. 
Die Messtischblätter von Ostpreussen, vom Königreich Sachsen, von 
den Regierungsbezirken Merseburg, Erfurt u. s. w. fehlen der genannten 
Sammlung; leider standen mir für Hannover auch die älteren Papeu- 
schen Karten (1 : 100 000) nicht zur Verfügung. Eine Untersuchnng 
des südlichen Abschnittes der Westgrenze des Slawendorfes könnt« ich 
daher nicht unternehmen. Sie würde indessen von grossem Interesse 
sein, namentlich wenn man sie mit dem Verlauf des Umes Sorabicus 
vergliche. 

Um zunächst eine Charakteristik des Rundlings zu geben, 
führe ich Jacobis Schilderung desselben an. .Der Grundriss dieser 
Dörfer," sagt er, .stellt sich als einen truppförmigen Zusammenbnii 



') Vgl. S. 305 [331, Abbildung. 
») Vgl. S. 306 [34], Äbbüdung. 



27 1 Beiträge zur Siedolungskundt Nordalb ingiens. 299 

der Obdächer dar. Die höchste Äuaprägung seiner regelmässigen Form 
findet man in dem Bilde eines Hufeisens (oder sebr oft auch völligen 
Kreises). Solche regelmässigen Dörfer haben anscheinend stets ur- 
sprünglich Zu- und Ausgang vermittelst einer und derselben Oeäiiung 
(gehabt; stets liegen in der Mitte ein oder mehrere Wasserbehälter. 
Sie sollen zu religiösem Gebrauch gedient haben. Mutmasslich beruht 
ihre Anlegungsweise auf strategischen Rücksichten. Die Zahl der 
Niederlasscr scheint auf die äussere Gestalt dieser Dörfer von EinSuss 
gewesen zu sein. Es drängt sich nämlich die Mutmassung auf, dass 
diese Dörfer ursprünglich von einer sehr geringen Zahl von Familien- 
häuptern, deren wir im Durchschnitt nicht mehr als fttnf annehmen, 
gegründet seien' (lllustr- Ztg. 184ü). 

Diese Bemerkung Jacobis Über die Kleinheit der Rundlinge im 
Lüneburgiscben und Ältenburgischen gilt auch für die mecklenbur- 
gischen. Dagegen beben sich die pommerschen und die märkischen 
Kuodhnge zum grösseren Teil recht vorteilhaft ab durch ihre stattliche 
Grösse und die, oft den Seiten eines Rechtecks sich anschliessende 
Stellung der Gebäude, welche zusammen ein Gehöft bilden (fränkische 
Bauart), gegen die bedeutend kleineren lUneburgischen mit ihren, oft 
in konzentrischen Kreisen hinterein aander liegenden, dichtgedrängten 
Einzelhäusern. V. Jacobi unterscheidet sieben Bestandteile des Rund- 
lings, welche ich hier kurz namhaft mache: 

1. Den Eingang; 

2. den Dorfplatz (böhmisch: nawes = ,auf dem Dorfe"); 

'6. das Vorhaupt (die in Obersachsen gebräuchliche Benennung), 
den Raum zwischen der vorderen Giebelwand des Gebäudes 
und dem Dorfplatz ; 

4. die Hofrheite oder Baustelle; 

5. die Etanzei. den Kreisausschnitt zwischen Hofrhette und 
der umgebenden Hecke; 

6. das Prising, das Äcker- und Wiesenland ausserhalb der 
Hecke ; 

7. den Koreitz ^ Anbau, Vordorf (gleichsam ein sack- 
gassenartiger Auswuchs des Hauptdorfes , der aber nur zu- 
weilen auftritt). 

Was den zweiten Typus, das (nach Meitzen) sogen, slawische 
ätrassendorf betriEft, so liegen hier die Häuser oder Gehöfte entweder 
schnurgerade zu beiden Seiten einer breiten Strasse, oder sie schmiegen 
sich der die Kirche, Schule, Schwemme u. s. w. enthaltenden Ausbuchtung 
der Strasse an. In den erstgenannten liegen die Häuser rechtwinklig 
zur Strasse. Nach hinten hinaus haben sie . der Tiefe nach , gleich 
grosse Gärten, welche durch eine, meist geradlinig verlaufende Hecke 
von dem ausserhalb liegenden Ackerland abgeschlossen werden (vgl. 
Meitzen in der , Anleitung zur deutschen Landes- und Volkskunde"). 
Ist d^egen die Ausbuchtung der Strasse eingetreten, so liegen die 
Gehöfte nicht immer rechtwinklig zur Hauptstrassenlinie , sondern sie 
schliessen sich häufig der entstandenen Rundung der Strasse mit ihrer 
schmalen Vorderseite an, so dass eine fächerförmige Stellung der Häuser 



;00 Arthur Gloy. [ifi 

lad eine gleiche Ausbreitung der Elanzeien nach rückwärts eiDtiitt. 
e stärker die Ausbuchtung der Strasse und je kürzer die letztere 
3t, desto mehr nähert sich der Typus vom Strassendorf dem des ßund- 
ings (vgl. Fig. 3, S. 807 [85]), Man könnte den so geschilderten T.ypas 
1b Mischform zwischen Rund- und Strassendorf bezeichnet]. 
Lusserdem lässt sich aus dem deutschen Reichsgebiet noch eine Reibe 
on Uebei^angs- und Nebenformen beibringen. Zu den charakteristisrh- 
ten gehört das an allen vier Seiten mit einer einfachen Häuser- oder 
^ehöftreibe bebaute Rechteck'). Es findet sich in Pommern, Posen 
nd Schlesien, ist aber nicht gerade häufig. Beispiele sind: Janken- 
orf, Kreis Kolmar, Messtischblatt (abgekUnt: M.B.) Budsin, Regierungn- 
lezirk (abgekürzt: R.B.) Bromberg. — Flukawy, Kr. Obomik, M.B. Bad- 
in, R.B. Posen. — Zitzmar, M.B. Stuchow, R.B. Stettin. - — Muddelmon. 
a.B. Stuchow. — Zizow, Kr. Schlawe, M.B. Rügenwalde, R.B. Kflslin.- 
'rettmin, Kr. Kolberg, M.B. Kolberg, R.B. Köslin. — Alt-Lülfitz, M.B- 
Jelgard, R.B. Köslin. — LObsow, M.B. Gräfenberg, R.B. Stettin. - 
)ro8S- Eoschen, Kr. Hoyerswerda, M.B. Hobenbocka, R.B. Liegnitz. - 
?utzig an der Putziger Wik, der Halbinsel Heia gegenüber. Bei 
iinigen ist die vierte Seite nicht bebaut, bei wieder anderen näbem 
ich die beiden Langseiten an der einen Schmalseite dergestalt, da.« 
uweilen ein regelrechtes Dreieck herauskommt (vgl. M.B. Oarlitz. 
l.B. Potsdam). Auch kommt es vor, dass die eine der beiden Lang- 
eiten gekrümmt ist. In der Anlage des Dorfes Arnsberg, Kr. Greifen- 
lerg, R.B. Stettin, begegnet uns eine vollständig ausgeprägte griechische 
tennbahn, deren gerade Schmalseite offen ist. — Auf die rechteckige 
Anlage werde ich bei der Besprechung der Febmamschen Dörfer noch 
urUckkommen. 

Mit Bezug auf die Verbreitung und Verteilung der slawi- 
chen Dorftypen innerhalb des Deutschen Reichs ist als Haupt- 
noment festzuhalten, dass der Rundling im Westen des ehemals slawi- 
^hen Gebiets sein Hauptverbreitungsgebiet hat, etwa bis zur Oder. 
^.ber auch bis hierher steht er dem Strnssendorf an Zahl nach. Letz- 
eres dagegen ist in den östlichen Provinzen, in Westpreussen, Posen, 
iinterpommern, Schlesien, namentlich in letztgenannter Provinz fe 
>hne Konkurrenz des Rundlings vertreten. In zusammenbängend«! 
Komplexen findet sich der Rundling besonders in der Landdrostei Lflne- 
)urg, dem noch heute sogen, Wendlande, wo um das Jahr 1550 aul 
lern Lande fast ausschliesslich wendisch gesprochen wurde. Noch ITS^' 
prachen dort zehn alte Leute die wendische Sprache. Es ist die^ 
enes Gebiet, welches Jacobi in der bereits angeführten Schrift ein- 
gehend untersucht hat. Durch auffallende Häufung der Runddörfer 
eichnen sich hier aus die Messtischblätter: Breese, Lfichow, Clenu 
ind Schnackenburg. Fast ebenso zahlreich sind sie im R^enugs- 
)ezirk Potsdam auf den Messtischblättern Hülsebek, Schmolde, Linden- 
)erg und Wilsnack (Priegnitz). Pommern hat, soweit die Messtisch- 
dätter vorliegen, nur etwa zehn Rundhnge aufzuweisen, welche ausser 
Karaow (R.B. Köslin) im Regierungbezirk Stettin liegen. Der üorf- 



') Vgl. S. :117 [43], AlWIcIung. 



ifjlj Beiträge zur SiedelunRBkundc Nordalbiagiens. 3( 

[ilatz ist in ihnen ungewöhnlich gross, bei einigen heute bebaut, w 
ursprQnglich nicht der Fäll gewesen ist. In Schlesien ist mir nur 6 
ftundling, nämlich Doranowitz (Kreis Trebnitz) aufgestossen. In Meckle 
bürg endlich iijt der Rundling wieder ziemlich häufig, wenn er au 
dem Strassendorf an Zahl nicht gleichkommt. 

Um auf die Strassendorf er noch einmal zurückzukommen, so w 
ich hier noch eine Schwierigkeit betonen, nämlich die, nach ihrer gege 
bärtigen Gestalt auf dem Messtischblatt ^u unterscheiden, ob die v 
»prüQgliche Anlage slawisch oder deutsch gewesen ist. 

Die ebenfalls entlang den Landstrassen erbauten, langge streckte 
gut deutschen „Hagenhufendörfer", welche namentlich in Schlesi 
stark vertreten sind, aber auch in Posen, Pommern und im R.B. Magd 
bürg vorkommen, sind ja leicht vom slawischen Strassendorf durch d' 
abweichenden Charakter der Vizinalwege zu unterscheiden, obwohl ! 
zum Teil offenbar im Anschluss an einen ursprünglich slawischen Ee 
entstanden sind, welcher sich zuweilen noch erkennen lässt. D' 
slawischen Strassendorf er n sehr ähnlich sind ferner die im ehemt 
slawischen Osten von Deutschen angel^ten neuen Kolon istendörf« 
Da bei diesen, von den Regierungen geregelten systematischen A 
•^iedelungen die Austeilung des Bodens an den Einzelnen in lange 
sthmalen Streifen (Hämischen oder fränkischen Hufen) stattfand, 
war es nur natürlich, dass ein jeder sein Gehöft am ,Kopf" sein 
Streifens anlegte, so dass ganz von selbst eine vor den Gehöften eil 
lang laufende Strasse entstand (vgl. Meitzen, Der Boden etc., I, 55( 

Das Marschendorf wieder zeigt in der Regel nur eine Hause 
oder Gehöftreihe, welche sich dem Verlauf eines Deiches, einer Wett 
rung oder eines Weges anschliesst. Vereinzelt ist dieser Typus au 
im östlichen Deutschland anzutreffen, z. B. in der Kolonie Bnin in dt 
Tbalzuge, den der Bromberger Kanal durchschneidet : die Häuser lieg 
unmittelbar unter dem Abfall des Geestufers, welches hier dem Dei 
entäpricht. Hat man aber zwei Häuserreihen mit eiuer sie trennend 
breiten Strasse, so ist die Verwechselung mit dem slawischen Typ 
nicht angeschlossen, wepn nicht der Name unzweifelhaft deutsch i 
Freilich kann dieser auch wieder jüngeren Datums sein. Auf d 
anderen Seite kann eine rein deutsche Ansiedelung einen slawisch 
Namen filhren, welcher entweder der Gegend oder einem in der Nä 
liegenden Slawendorf entlehnt wurde. Haben solche Namen weni 
Intens den Zusatz: Gross- oder Deutsch -(Dudeschen-) bewahrt, so 
immer ein Fingerzeig gegeben. Fehlen diese Anzeichen, so ist m 
auf die Hilfe der Geschichte (AusthuungsurkunJen u. dgl.) angewiesE 
Typisch slawische Merkmale, die sich indessen, wie gesagt, nie 
bei allen slawischen Strassen dörfern finden, sind: Die Ausbuchtui 
(ler Strasse und die zuweilen damit verbundene fächerförmi] 
Stellung der Gehöfte. 



2 ■ Arthur Gloy, [30 

II. Abschnitt. 

Die Siedelungstypen Nordaibingiens. 

A. Deutsche Sledelungrstypen. 

Von den bisher als im Deutschen Reiche vorkommend besprochenen 
jdelungstjpen sind in Nordalbingien vertreten: der Maradjentypus. 
r Einzelhof, das Gut, das Haufendorf und der slawische Tjpuii. 
IS Verbreitungsgebiet des erstgenannten Typus ist die Marsch tdd 
edel am Eibufer bis nach Ripen hinauf. Dan eben tritt daselb^-t 
er auch schon das Hofsystem und das Haufendorf auf, letzt«r^ 
mentlich in Ditmarschen (vgl. die Karte der Siedelungsdichte). Ueberall. 
) sich in der Marsch eine natürliche Erhöhung (Dünensand oder Ge«st| 
idet, da trägt sie sicher eine Ansiedelung, weiche dann natürlich nicht 
n langgestreckten Marschentypus zeigt, sondern sich der Form und 
■össe der Erhöbung anschmiegt, d. h. eine dem Haufendorf ähnliche 
tuart aufweist. Eine solche Ansiedelung ist z. B. SUderau in der 
bmarsch. Unmittelbar daneben haben wir in Eiskopp den reinen 
arschentypua. Wie die inselartig im Altalluvium (Moor) auftauchenden 
luviumbrocken „Holme' ') genannt werden, eine Name, welcher dann 
der Regel auch auf die, auf diesen „Inseln" liegenden Ortschaften 
■ertragen ist, ao werden die in der Marsch zuweilen anstehenden 
testbrocken als „Horste" bezeichnet, z. B. Hohenhorst an der Elbe, 
i holsteinischen Geestlande aber, wo das Wort allein oder in Zn- 
mmensetzungen als Ortsname mehrfach auftritt, bedeutet es einen 
ald oder zuweilen gar eine Lichtung in demselben. 

Ueber die Verbreitung des Einzelhofsystems ist bereits im 
äten Teil das Wesentliche gesagt. Ausser in Eiderstedt, sowie in 
deren Teilen der Marsch und im nördlichen Schleswig (und in Süd- 
tland) (vgl. Blatt Gramm der Generalstabskarte), wo es am reinsten 
sgepr'agt ist, hat es ein zusammenhängendes Gebiet des Vortommens 
ch im sUd holsteinischen Heideland, in den Kreisen Segeberg und 
nneberg. Vereinzelt sind Höfe in ganz Nordalbingien zu änden, in- 
ssen bedeutend seltener im östlichen Holstein, als anderswo. Auf 
ihmarn ist es schwer, Überhaupt einen wirklichen Einzelhof auf- 
finden. 

Dem Hoftypus verwandt ist der Gutstypus. Beiden gemeins:m 
die vereinzelte Lc^e und zuweilen auch die rechteckige Stellung 
r Wirtschaftsgebäude, welche namentlich ein Merkmal der nord- 
bleswigschen Höfe ist. Hof und Gut unterscheiden sich daher in 
inchen Fällen nur durch ihre Grösse, wozu dann bei grossen adeligen 
item noch das bereits im ersten Teil erwähnte Anhängsel hinza- 
mmt. 

Ueber das Vorkommen der Güter in Nordalbingien vgl. folgende 
jbersicht : 

') Vgl. noch aal. hlora, nsl. holm =^ Hügel. 



31] 



r Siedelungskunde Nordalbingien 
Tabelle IV. 



K„.. 


Zahl der 

Gutsbezirke 


Kreis 


Zahl der 

Gutabezirki 


Husum 

Eiderstedt 

Norderditm 

Siidenütm 

f^fhleawig 

Rendsburg 

Kckernl3rde 

Kiel 

Plön 

Oldenburg 


3 
2 

4 

9 
20 
68 
15 
40 
47 


Haderaleben 

Tondem 

Sonderburg 

Flensburg 

Steinburg 

Pinneberg 

Storraam 

Segeberg 

Laueuburg 


5 
U 
5 
3 
21 
6 
7 
25 
■21 
40 



Was das , Haufendorf betrifft, so ist dieser Typus der i 
Nordalbingien durchaus vorwiegende. Er findet sich überall , sowob 
in der Marsch, als in der Mitte des Landes, als auch im ehemal 
slawischen Osten. 

Ueber die Definition des , Haufendorfes" scheinen sich die For 
scher freilich noch nicht einig zu sein. Es wäre sonst unbegreiflicl 
wie G. H. Schmidt, welcher selbst Schleswig-Holsteiner ist (jets 
Professor in Zürich) in seinem daseibat 1887 erschienenen Buche 
-Zur Agrargeschichte Lübecks und Ostholsteins ', zu der Behauptuni 
koramt: ,Aber fast kein einziges holsteinisches Dorf (soll wohl heissen 
o^tho Istein isch es ; wäre aber auch dann noch nicht richtig) zeigt die bunte 
ungeregelte Haufenform, das truppförmige Dorf der Herminonen." - 
Statt: ,fast kein einziges" hätte er lieber sagen sollen: fast alle (ab 
gesehen natürlich von den bereits namhaft gemachten Typen und de: 
noch zu behandelnden slawischen). Und wenn Schmidt auf das Trupp 
förmige besonderes Gewicht gelegt wissen will, so mag ein Blick z. B 
auf Messtischblatt HSmerkirchen (wo die Kreise Steinburg, Pinneberi 
und Segeberg zusammenstossen), oder auf M.B. Barmstedt oder Stuven 
born (Kr, Pinneberg) zur Widerlegung seiner Aussage genügen. 



B. Slawische Siedelungstypen. 

Das Verdienst, zuerst auf die von der deutschen durchaus ab 
weichende Bauart der Fehmarnschen Dörfer aufmerksam gemacht z 
haben , gebührt Georg Haossen , dem berühmten , noch jetzt in Göt 
tingen lebenden Nationalökonomen, In seiner historisch -statistische 
Darstellung der Insel Fehmarn, Altona 1832, spricht er die Vermutun; 
und in seinen agrarhistorischen Abhandlungen Bd. II die bestimmt 
Versicherung aus , dass hier slawisch gebaute Dörfer vorlägen. • De 
Beweis habe ich durch den Nachweis de.-iselben Dorftypus auch ir 



304 



Arthur Gloy, 



[32 



übrigen, ehemals slawischen Deutschland erbracht (vgl. S. 28 u. 41). 
Viel jüngeren Datums ist die Erwähnung slawisch gebauter Dörfer in 
Ostholstein. G. H. Schmidt, dessen bereits zitiertes Buch mir im Laufe 
der Arbeit bekannt wurde, bemerkt, „dass nach älteren, in verschie- 
denen Archiven aufbewahrten Karten und zum Teil auch noch nach den 
Messtischblättem des preussischen Generalstabes, im Amte Bordesholm, 
im Amfce Reinfeld, bei Segeberg, bei Neumünster, südlich und nördlich 
von Nortorf, um Kiel und überall bis auf den Heiderücken Schleswig- 
Holsteins sich zahlreiche slawische Rundlinge konstatieren liessen.' 
Ich habe im Folgenden den Versuch gemacht, diejenigen, welche noch 
heute auf den Messtischblättern slawische Bauart oder deren Spuren 
zeigen, herauszuheben. 

Da mir die von Schmidt erwähnten, in verschiedenen Archiven 
aufbewahrten älteren Plurkarten nicht zur Verfügung standen, so konnte 
ich in manchen zweifelhaften Fällen die Entscheidung, ob slawisch 
oder deutsch, nicht treffen. Vielleicht würde sich meine Aufzählung 
slawischer Dörfer auf Grund solcher Flurkarten noch bedeutend vermehren 
lassen. Es kam mir indessen hauptsächlich darauf an, erstens, die wirkhch 
typischen Slawendörfer herauszuheben, welche sich auch ohne Berück- 
sichtigung des etwa slawischen Namens oder historischer Ueberliefe- 
rungen als slawisch erkennen Hessen, zweitens aber, die Westgrenze 
dieses Typus festzulegen. Hier war, bei dem allmählichen Uebergehen 
des slawischen Typus in den des deutschen Haufendorfes, die Ent- 
scheidung durch eine blosse Betrachtung der Anlage selbst nicht immer 
zu gewinnen, so dass die Geschichte zur Hilfe herangezogen werden musste. 

Bevor ich jetzt die Frage nach der Westgrenze des slawischen 
Dorftypus entscheide, welche zugleich interessante historische Aufschlüsse 
über das einstige Vordringen der Slawen nach Westen zu liefern ver- 
spricht, werde ich eine Uebersicht geben erstens über die Dörfer mit 
wirklich typisch slawischer Bauart, zweitens über die wahrscheinb'ch 
ehemals slawischen, sowie über die, diese Wahrscheinlichkeit stützenden 
Gründe, um dann an der Hand des so gewonnenen Materials die Lö- 
sung obiger Frage zu versuchen. Was die gelegentlich erklärten slawi- 
schen Ortsnamen betrifft, so sind die lauenburgischen entnommen der 
Arbeit von Dr. G. Hey: „Die slawischen Ortsnamen von Lauenburg% 
im Archiv des Vereins für die Geschichte des Herzogtums Lauenbui^. 
Bd. n, Heft 2, Mölln 1888. Das übrige beruht auf den grundlegenden 
Arbeiten von Franz Miklosich und A.Brückner, die mit mecklen- 
burgischen gleichlautenden Namen zum Teil auf Kühnel: „Die slawischen 
Ortsnamen in Mecklenburg* , Jahrb. d. Vereins für mecklenb. Gesch. 
u. Altertumskunde, Jahrg. 46, Schwerin 1881. — Von weiteren Hilfs- 
mitteln kommen in Betracht: die ürkundensammlung des Vereins für 
Schleswig-Holstein-Lauenburgische Geschichte, das Mecklenburger ür- 
kundenbuch, Levercus' Urkundenb. d. Bist. Lübeck, Urkundenb. d. Stadt 
Lübeck, Langebek scr. rer. Dan. Bd. V u. VII u. s. w. Unentbehr- 
lich war endlich auch die bereits zitierte Topographie der Herzogtümer 
von Schröder und H. Biernatzki (Oldenburg 1855). 

Die auf den nächsten Seiten gegebene Aufzählung der Slawen- 
dörfer ist nach folgenden Gruppen geordnet: 



:l;j1 Beitrüge zur Siede) ungskunde fiordalbing 

I. [{uuctlinge; 
II. Strassendürfer: 
ni. Mischformen zwischen Rundling i 

(S. 300 [28] ; 
IV. Sackgassen. 
, Unter diese Rubrik habe ich, obwoh 

Rundling und manches Strassendorf 
diejenigen DCrfer geordnet, bei dei 
artige Form noch heute undurchb: 
oder sich doch ganz deutlich als < 
durchbrochen darlegt. Sie sind gewiss« 
gangsform roni Rundling zum 1 
von mir bezeichnet wird als 
V, Fehmarnscher Typus. 

I. Bandllnge. 

Collow iu Laaenburg (abgekürzt in Zukunft: i. I 
iüd. 12 km oordweatlicb (d.w.) von Lauenburg. Der Doifp 
Alf. fUcherfOnnige Ausbreitung der Elanzeien deutlich ausg 

GüIeow i. L- e.e. i~ BÜdÖBtlich) von Collow, 9 km 
fin «hemftliger Sundling ; Kirche in der Mitte. 

Brunstorf, vormaU (abgekürzt: vorm.) Barunest^ 
dschblfttt) Hamwarde, 16 km n.tr. Lauenburg (vgl. fig. 1, 
hieniebeD), Tjrpus eines Rundling«; Kirche und Teich in 
Aa HHte. 

Dassendorf i. L., H.fi. Hamberge. 18 km n.w. 
I^uenbarg. 

Grabfto i. L., M.B. Siebeneicheu , 12 km b.w. 
Lauenbarg. Spuren eines Bnndlings sind erkennbar. Der 
-Nunc dcher slawiBch vom a^l. (= altslawischen) grab 
= Hainbuche, WciBsbache. 

Kasseburg i. L., M.B. Schwarzenbek , 30 km 
s.w. Mslln, urkuodl. Kerseborch. Das Meestiechblatt zeigt 
eiGeo etwas in die Länge gezogenen Rundling, w&brend 
iacobi« Zeichnung mehr einem Rechteck nahe kommt. 

Elmenhorst i. L. , M.B. Siebsneichen , 13 km 
«.V. UflUn, Rondliug mit besondere deutlich ausgeprägten 
Kluiieien. 

Grove i. L. zwischen Kaesebarg und Grabau. 

Kankelau, vorm. Kankelowe i. L., M.B. Siebenei( 
bürg; Bsl. Kakoli = Rad«, Lolcb (Unkraut Qberhaupt) 
= .Radelaad". In P<wen liegt ein Dorf «nd Rittergut 
ßemeindeleiikon). 

Kethel, Torm. Eotle, an der oberen Bille, asl. kot 

Eoberg, n.e. KSthel. 

Pfilitz, Kreis Stormam, M.B. Eichede, 3V> Icm 8. 
i«t hente bebaut. Der Name hängt mit poüca, Deminut. 
juuneu (vgl. Dorf und Gut POlitz in Mecklenburg- Seh weri 
Breslau, und ähnliche mehr. 

Sehmadorf, vorm. Sewestorp, Seweneatorp. 3'/' 

Klein-Barnitz (vgL Lev. UTkundeub. d. Bist. LQ 
be^, an der Trave- Niederung, M.B. Oldesloe. 

Willendorf n.fl. Oldesloe. 

Cronsforde. 9 km s. Lübeck, deutlich ausgepd 
Rücbeite durch die Niedemngsn dee Steckenitikanals ged 
FondiiuigeD IDT dentachcn Lmnilea- and Volkskande, VIT. i. 



30Ö 



Arthur Gloy, 



[M 



Ekhorat ia Oldenburg, M.B, Hamberge, tj km n.w. Lübeck. 
Rethwischdorf i. L., M.B. Eichede, 5 km b.ö. Oldesloe, ßcherRmi^t 
Ausbreitung noch deutlich erkennbar; Dorfpliitz heute bebaut. 

Sandenneben. vorm. Zaozegnewe, Kr. Stormam, M.B. Trittau; 14 kui 
n.w. Mölln. 

Alten-GCrs, Kreis Segeberg, 5 km a.ö. Segeberg. ael. gora = B.ig. 
gorica, Gßrtz etc. 

Hflgeradorf, 2'/» km s.w. Segeberg, daa alte, nm Helmold und urkuml- 
lieh mehrmch erwähnte slaw. Cuzalina. 

Arfrade i, 0., M.B. Curau. 8 km n.w. Lübeck. 
Ohernwoblde n.w. Arfrado. 

Klein-Parin n.w. Lübeck i. Oldenburg (vgl. Parin, Meckl.). 
Ratekau i. 0., M.B. Schwartau, 9 km n. Lübeck, vorm, Ratecowe. ein 
jetit mehrfach durchbrochener, durch Anbauten entstellter Rundling. 

Qeescbendorf?, 8 km 6. Segeberg, fächerförmige Stellung der Hlu.^i 
aber ein eigentlicher Dorfplati ist, wenigstens auf dem Mesfitischblätf . nicht /u 
erkennen. 

Stocksee am gleichnamigen See (Ad. v, Bremens Colae?). 
Sarkwitz. vorm. Serkevitze, U km. n. LObeck, M.B. Curau, fiicherßrtpi?- 
Ausbreitung nach rückwärts (vgl. Cronsforde), Dorfplatr jetzt bebaut. 

Zarnekau, 3V> km ö. Eutin, ist in seiner ursprünglichen Anlage, die i'i- 
gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts unverändert blieb, unzweifelhaft tic 
slawischer Rundling gewesen (vgl. Schmidt, Zur Agrargeech., S. 31). 

Fiefbergen und Krummbek, Kreis Plön, M.B. Bentfeld, scheinen verbaute 
Rundlinge zu sein. Noch ums Jahr 121(> wohnten in dieser Gegend Slawen (v^L 
Schleswig- Ho Istein, Urk. I, S. 191). Der Dorfplatz ist heute in beiden bebaot, inn 
mehreren Strassen durchschnitten ; aber die Richtung der in konzentrischen Krei*w 
liegenden Gebäude auf den Mittelpunkt unverkennbar, 

Gross-Harrie, H.B. Brügge, Kreis Kiel. Die Spuren de« ehemalisr^rL 

Rundlings lassen sich in dem Dorfe noch erkennen. Ein freier Dorfplatz ist beulr 

nicht mehr vorbanden , aber es ist olTenbar, daw ein 

... . solcher existiert bat. Der ehemalige Name des Doite- 

"E- '^- war: Harge. Horghe, Groten-Harge. Im Jahre 1141 t. 

statigt Bischof Adelbert die Zehnten des Dorfes dem Neu- 

münsterschen Kloster, Wahrscheinlich ist das Dorf kui: 

vorher (um 113S) den Slawen abgenommen und ronD''iit 

sehen (wohl Holsten) bezogen worden. Die früheren Bi- 

wobner werden zunficbst das nahe gelegene Klein-Harri' 

gegründet haben. Die Thatsache. dasa in der NAbe auct 

noch ein Fief- und ein Negen-Harrie liegen, lefjen die Vrr. 

mutung nahe, dass die .ejectio Slavorum* hier mehrp;- 

Stufen durchgemacht hat. 

Raisdorf , zwischen Kiel und Preetz, auch KMr'.- 
Haisdorf genannt, vormals Ratwardesthorp <d. h. Toi:' 
äiebenbäumsD in Laneu- des Katwardus), wendischen Ratverstorp. Der ^r 
bürg (StraBsendort). räumige Dorfplati ist dreieckig. 

Schmalatede westlich von Bordetbolm '^■■'■•' 
Brügge östlich von B. sind möglicherweise ebenfalls Rundlinge gewesen. Vi'l- 
leicht liesse sich dies auf Grund älterer Flurkarten noch beweisen. 



II. SlrasBendSrfer. 

Schiphorst, vorm. Sciphorft, i. L., MB, Eichede, 21 km w. Ratzeburs. 
Im Norden hat Schiphorst einen Anbau (logen. Koreitz). (Vgl, Meckl. l'rkundenb. I 
Nr. 3T>'>: Scipborst: Slavi sunt, nullum beneficium est.) 

Siebenbiumeni. L., M.B. Cramesse, 18 km n.w. Ratzebnrg (vgl. Fig. 2 
Typus eines slawischen Strasaendorfes. 

Mustin i. L., M.B. Seedorf, "Vs km ö. Ratzebuiv, fScherRirmige .An'- 
breitnng nach rückwärts, zwischen zwei Seeen gelegen, asl. raost = BrOckf 'v^i 



:t.'>] Beiträge zur SiedelungEkunde Nordalbin^ 

Muatin in Mecklenburg-Schwerin, WendUch-Musta, Dorf iir 
Vorwerk zum Rittergut Tribberaz, R.B. Stralsund). 

Moislin g, 3'li km s.w. Lübeck, an der Trave (vgl. 
sien . andere mit Mois zusammengesetzte Ortsnamen häufig 
in Lüneburg, Amt Bleckede. 

Renaefeld, vorm. Ran zi Tel t, Rensvelde i.D., M.B. i 
.\Lisbuchtung der StiMsc mit Kirche und Teich. 

Curao, 10 km n.w. Lübeck, Ausbuchtung der Strf 
^i-nkrecht zur Stnusenlinie, welcher ihrerseits senkrecht EU 
KauptrerkehrBAtraase steht, in welche sie mündet (vgL C u i 
und Stettin). 

Bentfeld, Kreis Pl6n, ziemlich verbaut (Schleswii 

Stakendorf, M.B. Bentfeld, Kreis Pl8n (vgl. 5 
S. 191. 21ti. 219.) 



III. Mischformen iwlicben Band- nnd Stri 

Sa hm«, vorm. Sabeniz, Sabnitze, Sambse i. L. , 1 
dem Durchschnitt einer sehr dicken Linse vergleichbar; Ki: 
ziiba = Frosch, zabinioi — Froschteich, 

1. Havekont i. L., M.B, Schwarzenbek. 17 km n.w. 
kost? i. O., M.B. Ahrensbök.) 

Tramm i. L., vorm. Tramme, Dramme, s.w. HOUn. 

Schmilau, vorm. Smilowe i. L, . M.B. MMln. S 
feld'. dem deutschen Ortsnamen „Rethwisch' entsprechend 

Siek, vorm. Vulensike. Kreis Stormam, 29 km n.ö. 
bui^; die Kirche liegt in der Mitte der Ausbuchtung. D 
winer Längsrichtung durchziehenden , konvex gelegenen 
Strassen, welche die Kirche um schli essen , steaen senk' 
recht zur nahe vorbeiführenden Hauptverkehrsstrasee. 
Die Häuser schlieMeu sich der Rundung der beiden Dorf' 
Strassen an. Die Gärten sind nach hinten geradlinig ab- 
f;eschnitten, so dass das ganze Dorf ein Rechteck bildet. 

Eichede, Kreis Stormam, M.B. Kichede, 11 km 
ron Oldesloe, vorm. Slamerseken, Kkede (vgl. Fig. 3). 

Leezen und Blunk (Bulilunkin), deren Namen 
.sicher slawisch sind, weisen noch Spuren dieser Bau- 
art auf. 

Bissee, vorm. BJstekesse, Bisticse, Groten Byssee. 
Kreis Kiel , am Auafluss der Eider aus dem BothkEunper 
Se<!. Die eine (Qstliche) Hälfte der Rundung ist noch 
sehr deutlich und regelmässig erhalten. 

Meimersdorf, Kreis Kiel, 5 km von Kiel, mit , 
deutlicher Ausbuchtung, an welche die Häuser sich sehr 
i'^K^Imäsaig anBchiiessen. 

Moorsee, vorm. Morse, Kreis Kiel, 2 km s.o. M 



IV. Sack ;b8 Ben. 

Lanze, vorm. Lantsaze i. L., M.B. Lauenburg, 4 ki 
heute mit nur einem Eingang versehen. An der RUcksei 
Fahrwege in die Steckenitz-t^ederung hinein (vgL Lanz, 
Potsdam. Lanze in Lüneburg, Kreis Dannenberg, Lanzen, 
K.B. Köslin). Der Name Lanze kommt indcEj-'^en auch bei I 

Gross-Pampau, vorm. Dudeachen-Pampowe i. 1 
Vt km n. Lauenburg, noch heute eine huffSrmige Sackga 
Klein-Pampau , vorm. Wendisch-Pampow , Slavicum Pampa 
lässt keine deutlichen wendischen Spuren in der Bauart m« 



g Althur Gloj-, |;lii 

»s-Pampau haben wir einen Bichereii Beleg dafür, daaa die einwandemdm 
itBchea Ansiedler den Slawen ihre BQrfer ohne weiterea abnahmen und eeUitt 
sogen. Die Slawen bauben sich dann gewöhnlich in der Nähe ein sweiUi Dori 
:L Über den Namen : Erbpachtbof und Pfarrdorf Pampau (Fampowo) in Hecld«D* 
rg-Schwerin), 

Güster, urkundlich: Gnztrade; Goatirady — ,de* Gastfreund«' (vgL Hejj. 
illeicht hängt dor Name auch mit asl. guäter = Eidechse, nsl. guscer. koicw. 
b. gulter , gusterica u. h. w. znsainmen (Miklosich, Denlischr.). Aehnlict 
itende Namen sind: Güstin, R.B. Stralsund, GOatow, fünfmal in den B.£. Stettin 
i Potsdam, Güatritz in Lüneburg. ~ Das lauenborglsche Güster liegt am Steckenih- 
nai; einseitige Ausbuchtung der Strasse, fäcberrärmige Anordnung der Gebände. 

Grambeh i. L., M.B. Gudow, 5 km s. Mölln, noch heut« eine abge- 
ilossene , in die Niederungen des Steckenitz-Kanales hineinreichende Sadcgise. 
deren Knde die Kirche liegt (asl. grambok = Bauer). 

Techin i. L., M.B. Zarrenin, 18 km s.d. Ratzeburg. Die Rückseite d» 
rfes ist an den Schallsee gelehnt, fUcherffirmige Stellung der Häuser. Für des 
men ist (abgesehen von der Endung: in, welche schon allein snm Beweis ive 
w. Ursprungs genügt) charakteristisch , da^a alle mit Tech- EU8ammengesetzt«ii 
tsnamen nur in den östlichen Provinzen vorkommen. 

Lfichau, vorm. Lnchowe, i. L., M.B. Nnsse, 17 km w. Ratzeburg. Da« Dorf 
gt abseits von der Hanptstrasse. Die Hiiiter«eit« ist ins Dovenseer Moor hinein' 
richtet. Ueber den Namen vgl. russ. lug — Wiese, cecb. lub = feuchter Ort. 
ildwiese, poln. lag = Sumpfboden, aserb, Inh — Hoor, Wieeenbrach, usetft, 
; = Wasüerpfubl; vgl. noch Lüchow, Stadt in Lüneboi^, Kreis Dannenberg; 
■ner: Havelländischea- und Bhin-Lnch im Havelland. 

Duvenaee i. L., M.B. Kusse, 0. LQchan, gleichfalls f&cherfOrmig nachhinUD 
I Moor hin eingebaut. 

Vorrade, 5 km s. Lübeck, am Landgraben, 

Schattin. vorm. Scattyn, 9 km s.S. Itlbeck. 

Eesdorf, vorm. Eersdorf, Eetstorpe i. 0. Die Rückseite ist an die Schwartau 
Lehnt, über welche als zweiter Ausgang eine Brücke fahrt. FicherfSrmige SUl 
lg der Häuser. 

Febrenbötel, n.w. Begebet^- Aach das etwas Östlich davon gelegene 
igembOtel zeigt eine ähnliche ^nart. Eins der beiden DQrfer wird url^il- 
h als Slavica villa botele bezeichnet. 

Faaseudorf i. 0., n. Eesdorf, an der Rtlckseüe fftcherfOnnige Stellnn; 



Ausser den bisher aufgezählten giebt es in Nordalbingien nocb 
rei Slawendörfer, welche sich indeeeen nicht unter die von mir ge- 
Bchten Gruppen einreihen lassen, sondern sich mehr an den noch za 
ihandelnden Fehmamschen Typus anBchliessen. Es sind Qönnebek 
td Kropp. 

Qönnebek Hegt 3'/» fan b.w. Von Bomhövd. Das Dorf gleicht 
aem etwas verschobenen Rechteck oder vielmehr einem Trapez nü 
rei rechten Winkeln. Alle vier Seiten sind mit einer schnu^eraden 
eihe von Häusern besetzt. Der grosse Doriplatz ist unbebaut. Eme 
,ur des Dorfes wird noch heute Wietzig genannt (ein unzweifelhaft 
awischer N^ame, vgl. Putzig u. a.). 

Eropp zwischen Readsburg und Schleswig, in der Heide ge- 
gen, wohl einer jener letzten ZuBuchtsorto der gehetzten, Qberall ton 
im guten Boden vertriebenen Wenden. Das Dorf zeigt in seiner 
nlage ein regelmässiges Rechteck nach Art der S. 300 [28] anf- 
izählten und der Fehmamechen DSifer. Auch der Name Uesae mh 
ohl aus dem Slawischen erklären (vgl. Miklosich, ,Die BlawixAie n Orte' 
men aus Appellativen", Denkschriften der Wiener Akademie, Xiiü. 



■Ji'A Beiträge zur Siedelungskunde Nordalbingiens. 303 

S. 188, unter Kr^p = dichtgedrängt). Ein Kropp giebt es auch in 
Krain, ein Eropien bei Gumbinnen, Dorf und Rittergut Kroppen im 
R.B. Liegnitz, Kolonie Kropusch, R.B. Liegnitz ; daneben giebt es frei- 
lich auch ein Kroppach, EtB. Wiesbaden, welches natürlich deutsch ist. 



Ergebnisse. 

Mit der gegebenen Aufzählung ist die Zahl der schon aus der 
Anlage mit Bestimmtheit als slawisch erkennbaren Dörfer Nord- 
albingiens nahezu erschöpft. (Auf die Fehmarnscben werde ich noch 
za rück kommen.) Nun giebt es aber auf der ganzen Linie von Ham- 
burg über NeumOnster, Nortorf nach Rendsburg eine nicht geringe 
Anzahl von Dörfern mit freien Plätzen in der Mitte, denen aber die 
fächerförmige Stellung der Häuser und die Klanzeien fehlen. Dass 
uDter diesen Dörfern das eine oder das andere wirklich auf slawischer 
Grundlage beruht, wird zur Gewissheit schon durch die Erwägung, 
das9 westlich von der angegebenen Linie Dörfer mit freien Plätzen 
nur noch ganz vereinzelt vorkommen, und man muss auch zugeben, dass 
ostlich von jener Linie die Dorfplätze grösser und deutlicher aus- 
geprägt aind, als es in den vereinzelten Dörfern westlich von der 
Linie der Fall ist. 

Was zunächst das südliche Holstein betrifft, no begegnet uns 
zwischen Bille und Alster, und noch über letztere hinaus, eine ganze 
Reihe solcher Dörfer, bei welchen man, ohne die Hilfe der Geschichte 
in Anspruch zu nehmen, durch blosse Betrachtung der Dorfaulage nicht 
recht wissen kann , ob man sie den Slawen oder den Deutschen zu- 
zuschreiben hat. Als auf slawischer Grundlage beruhend, nehme ich 
hier in Anspruch zunächst Stellau (vormals Stentoghe) und Hois- 
dorf, südlich und nördlich von dem S. ;107 [35] als slawisch nach- 
irewiesenen Siek gelegen. Bei dem ganz in der Nähe gelegenen Stapel- 
told (18 km n.ö. Hamburg) kommt als verdächtigendes, wenn auch 
nicht beweisendes Moment hinzu, dass der Name ursprünglich Olden- 
Stapelvelde lautete und dass ein jetzt verschollenes Neu-Stapelfeld 
(Nien-Stapelvelde, Klein-Stapelfeld) in der Nähe lag. Wir haben be- 
reits erfuhren und werden noch ferner sehen, dass bei solchen gleich- 
lautenden Dörfern das eine in der Regel slawisch ist. Als weiteres 
Moment ist nicht ausser acht zu lassen, dass zwischen Volksdorf und 
ßergstedt (am linken Ufer der Mittleren Alster) der Flurname: Wen- 
•tiwhen- Balken (Weensen-Balken) sich erhalten hat. Man wird daher 
nicht zu weit gehen , wenn man ausser Voiksdorf und Bergstedt auch 
□och Sasel (vormals Zasle) und Ahrensfelde als wahrscheinlich sla- 
wisch bezeichnet und die Westgrenze des slawischen Dorftypus im 
^'lldlichen Holstein bis mindestens an die Alster heranreichen lässt. — 
Latsen doch Wilstedt sUdtich vom Alsterknie, Heunstedt nördlich von 
di?r Alsterquelle und Wakendorf nördlich vom Alsterknie dieselbe 
Bauart erkennen. 

Weiter nördlich mögen noch genannt werden : Tönningstedt, 
^ km nördlich Oldesloe: Fredesdorf, 4 km westlich Leezen: Todes- 



tlO Arthur Gloy, [;i^ 

"elde, 4 km westlich Ktikels ; Wahlstedt zwischen Segeberg uad Fehren- 
}Ötel ; Willingrade zwischen FehrenböteL und NeumQnster, östlich vod 
Trosä-Eummerfeld , wo man auf dem dort gelegenen sogen. Klinken- 
jerg slawische Befestigungen entdeckt hat (vgl, .Zeitschr. d. Ges. für 
Schleswig- Holstein- Lauenburg, Geacli.', IV, 2l), und V, 148). 

Es ergiebt sich also, dass die Westgrenze der Verbrci- 
;ung des slawischen Dorftypus genau mit der des östlichen 
iieschiebelehms abschliesst. Wo weiter westwärts noch ver- 
einzelte Inseln dieser Formation in der üeide vorkommen, da tragen 
lie zum Teil auch Spuren der Slawen. Höchst wahrscheinlich ist das 
» km nordöstlich Bramstedt auf der grossen, bis hierher sich er- 
itreckenden Diluviuminsel gelegene Bimöhlen auch ein Slawendorf 
feweaen. 

Auch zwischen Neuratlnster und Nortorf ist die West^enze des 
Geschieh eleh ms zugleich die ehemalige Slawengrenze gewesen. Von 
ilawisch gebauten Dörfern ist hier allerdings heute kaum noch etwas 
;u finden; es mUssten denn Schönbek nordwestlich vom Einfelder 
iee und Eisendorf nördhch von Nortorf sein. Aeltere Flurkarten aber 
veisen deutliche Rundlinge auf, wie Schmidt: „Zur Agrargesch. Lilbecb 
ind .Ostholsteins'' bezeugt. Dass Slawen in dieser Gegend bis in die 
iweite Hälfte des 12. Jahrhunderts gesessen haben, gebt ausserdem 
lus der „visio Godescalci" hervor (vgl. Langebek, scr. rer. Dan. V, 
i. 3()7 ff.). Hier ist zunächst von der slawischen Räuberbande der 
lakariden die Rede, c. XXII, und im folgenden von der J^d, welche 
lie deutschen Bewohner der Umgegend von Nortorf mit Hilfe der 
Slawen, ,una cum Slavis, quorum tunc maxima pars in parochia ilU 
legebat", auf eben jene Bande machen. 

Von grossem Interesse ist nunmehr ein Vergleich der soeben 
'estgestellten Linie mit dem Verlauf des ehemaligen sogen. 
imes Saxoniae Karls des Grossen. Aber könnte man den Lime^ 
lur festlegen I Einigermassen sieber ist sein Verlauf nur von der Mfln- 
iung der Delvenau in die Elbe bis an die Billequelle (Bilinespringl. 
jiudwinestein deutet der f Prof. Handelmann als das nordwestlich von 
1er Billequelle gelegene Gehege Steinburg (vgl. „Uitteilungen de^ 
Lnthrop. Vereins für Schleswig-Holstein", Heft IV). Wisbircon ist 
»isher ziemlich allgemein als Klein-Wesenberg an der Trave gedeut«^! 
vorden, aber wohl nur auf Grund der (übrigens recht schwachen! 
famensäbnlichkeit. Ich halte diese Auslegung keineswegs für sicher. 
ibwohl ich auf der beigegebenen Karte (Beilage 2) den Limes 
loch bis Wesenberg geleitet habe. Zur Zeit der Anlegung de^ 
jimes ■ bezw. zur Zeit , wo die dem Adam von Bremen vorliegendt 
Jrkunde Über den Verlauf, den der Limes nehmen sollte, ausgestellt 
rurde, dürfte nn der Stelle des heutigen Wesenberg, d. h. nur 10 hm 
Udwestlich Lübeck, also tief im Slawenlande, noch keine deutsche An- 
iedelung bestanden haben. Demnach wäre Wisbircon ein slawischer 
fame. Wesenberg aber ist ein rein deutscher, welcher von den spä- 
eren deutschen Ansiedlem aus dem westlichen Deutschland mitgebracht 
rorden und nicht erst durch Verdrehung eines slawischen entstanden 
ät. Es bliebe nur noch die Möglichkeit, dass Wesenberg zufällig auf 



lilll lieiträge iiir Siedelungskonde Nordalbingiena, 31 

der Stelle des alten Wisbircon entstanden wäre. Uebrigens ist dt 
Xanie Wesenberg mit den deutschen Kolonisten auch bis nach Mecklen 
bürg gedrungen. 

Wir sehen uns also wieder auf Bilineapring oder, wenn man wil 
auf das 6ehege Steiaburg zurückgedrängt. Daa nun in der Beschrei 
bung Adams folgende Birznig ist freilich als die Bissemtz gedeute 
worden (eine Au. welche sich von Süden her in den Warder See ei 
j^'iesstl ; ferner Horbinstenon als Garbeb (nördlich vom Warder See 
.\ljer bewiesen bat dies noch keiner. 

Die weiter folgende silva Travenna ist ja deutlich, giebt ab( 
keinen festen Anhaltspunkt; denn ehemals erstreckte sich ein gewal 
tiger Urwald an beiden Ufern der Trave entlang, wenigstens bereit 
von Barnitz (zwischen Oldesloe und Wesenberg) an (vgl. Levercui 
Urkundenb. d. Bist. Lub. Nr. 20, wo von dem Beginn der Rodun; 
dieses Waldes im Jahre 1200 die Rede ist), bis über Segeberg nörd 
lieh hinaus. 

Ich vermute, da»s dieser Urwald die Stelle eines Limes vertrete 
hat. Ob innerhalb desselben ein Verhau oder der Verlauf der Trav 
auf der in Betracht kommenden Strecke eine bestimmtere Grenze gt 
wesen sind, wird nirgends gesagt. Nun bat Handelmann drei natUi 
liehe Hügel bei Oldesloe, deren Kranz offenbar durch Menschenhan 
v.\i Befestigungzwecken erhöht ist (wie der Klinkenberg bei Grosf 
Kummerfeld), ferner die sogen. Schwedenscbanze bei der Molile vo 
N'Lltschau (nordwestlich Oldesloe), endlich Steinwälle an der , Faule 
Trave* bei Negerabötel (nordwestlich Segeberg} als Reste des ehe 
tnaligen Limes angesehen. Mir scheinen sie vielmehr Reste slawische 
Betestigungen zu sein. Möglich bleibt es ja aber immerbin, dass di 
Slawen den Spiesä umdrehten und die von deutscher Seite befestigte 
Punkte des Limes in ihre Hände brachten. Wir sitzen hier eben mi 
unserer Kenntnis des Limes vollständig auf dem Trockenen. Wen 
ith dennoch auf Beilage 2 durch die punktierte rote Linie (zuc 
l'nterjchiede von der gestrichelten) den Verlauf des Limes auch au 
dieser Strecke angegeben habe, so will ich damit nur andeuter 
dass ich den Westrand der silva Travenna , welcher bis an di 
Grenze des Geschiebelehms herangereicht zu haben scheint, für de 
Westrand des Limes halte, den ich demnach auf der Strecke vo 
Oldesloe nach Segeberg als Grenzstreifen auffasse. Dass die rot 
Linie auf der Karte bestimmte Oertlichkeiten berührt, ist natUrlic 
nur Zufall. 

Die östliche Ausbuchtung der Linie nach Wesenberg erscheir 
freilich unter diesen Umständen als sehr unwahrscheinlich. Aber, wi 
gesagt, steht Wesenberg als Wisbircon keineswegs fest. 

Der nächste gesicherte Punkt des Limes ist jetzt Blunk (Buli 
luiikin) zwischen Segeberg und dem Plöner See. Agrimeswidil is 
wahrscheinlich das heutige Tensfelderau an der gleichnamigen Au. un 
Colse der Plöner- oder auch der Stocksee '). Besondere Befestigunge 



312 



Arthur Gloy, 



[40 



werden an den genannten Seeen und an der Schwentine kaum vor- 
handen gewesen sein. 

Dass der Limes nicht die Westgrenze des slawischen Stamme 
gewesen ist, auch nicht zur Zeit Karls des Ghrossen, wie namentlich 
ausserhalb Holsteins fast allgemein angenommen wird, brauche ich 
nach dem Vorangegangenen wohl kaum noch zu betonen. Die Slawen 
haben bedeutend weiter nach Westen gesessen, wie gesagt, bis an den 
Westrand des Geschiebelehms, wie ein Vergleich der von mir als sla- 
wisch aufgeführten Dörfer mit der geologischen Karte Schleswig- 
Holstein von L. Meyn bestätigen kann. Der Limes ist weiter nichts 
als die Ostgrenze der von Karl dem Grossen gegen die Slawen er- 
richteten Mark, welche indessen nur ganz vorübergehend Bestand ge- 
habt hat. Die eigentliche Grenze zwischen Holsten und Slawen i>t 
wohl schon seit Karls des Grossen Zeiten der holsteinische Heide- 
rücken gewesen. Hätten wir nicht Adam v. Bremens wahrscheicUch 
aus alten Urkunden geschöpfte, gewiss nicht aus persönlicher An- 
schauung stammende Schilderung (invenimus quoque limitem Sa- 
xoniae etc.), so würden wir von einem Limes nördlich von der Trare 
gar nichts wissen. Von dem lauenburgischen Limes aber berichtet 
noch eine Urkunde (vgl. Mecklenb. Urkundenb. I, Nr. 271) vom 
Jahre 10G2. — Heinrich IV. verleiht Herzog Otto von Sachsen ditf 
Burg Ratzeburg etc. „salvo per omnia et intacto Saxonie limite, quem 
quidem ipsi Saxones a tempore primi Ottonis unquam pos^essione 
vel etiam nomine teuere videbantur". 

Es bleibt nun noch übrig, auf die in der Nähe des ehe- 
maligen Limes vorkommenden slawischen Ortsnamen kurz 
hinzuweisen, die jedoch wegen Mangels an Raum nicht alle auf Bei- 
lage 2 aufgenommen werden konnten. £s sind folgende: 

Neritz, s.w. Oldesloe. — Gut Grabau (vorm. Grabouwe), w. 
Oldesloe. — Nütschau, Gut n.w. Oldesloe. — Tralau, Dorf und 
Gut n.w. Oldesloe (vgl. Tralau bei Danzig). — Leezen (vgl. Leetza 
bei Merseburg und Leetze im R.B. Magdeburg, Leezen in Mecklen- 
burg-Schwerin). — Krems, vorm. Crempisz, Kermpetze, s.w. Sege- 
berg. — Schwissel, vorm. Zuizele, Huuezle (vgl. Urkundenb. der 
Stadt Lübeck, I, Nr. 1), s. Segeberg. — Mözen, vorm. Mozinke, s.w. 
Segeberg (vgl. Mötzlich Dorf, im R.B. Merseburg, Mötzow, Gut im 
R.B. Potsdam). — Flurname K ahlin bei Fehrenbötel, s.w. Blunk. — 
Petluise, Gut bei Blunk, vorm. Patluse (vgl. Putgaarden auf Fehmam. 
Putlos, Kreis Oldenburg, Putbus auf Rügen u. a.). — Wietzig, Flor- 
name bei Gönnebek. — Bei au, vorm. Below, n.ö. Bomhövd. In der 
Nähe lag einst ein Schloss Below (vgl. Top. I, 204), „Dorf des Ma' 
(slaw. Personenname). — Calübbe, vorm. Karlubbe (vgl. Kalübbe in 
Mecklenburg, asl. halupa = Hütte). — Perdöhl, vorm. Perdole, Pro- 
dole, sehr altes (Urkunde von 1220) Dorf am hohen Ufer des Sfcolper 
Sees, asl. pr^ = vor, dol = Thal (vgl. P. i. Mecklenb.). — Stolpe. 
vorm. Stholpe, am Stolper See; der Name kommt ungefähr 20mal, aber 
nur im Osten des Deutschen Reiches, vor; asl. stlup, russ. stolp, poln. 
slup = Säule, Fischständer (Vorrichtung zum Fischfang). — Löptin, 
vorm. Lubbetin, s.w. Preetz. — Preetz, vorm. Porez, Parez. Poretze 



41] Beiträge zur Siedvlungskunde Nordalbingien»> SVi 

= ,am Flusse*. Der Name ist im Osten nicht selten. — Lanker See, 
asi. Iflta ^ Sumpf(wiese). — Postsee, vorm. Porse, asl, poro ;= 
Sumpf. — KOhren, vorm. Kuren, Kurne. — Warnau, vorm. Wamow, 
ii. Bissee. — Gross-Barkau, vorm. Boreow, Wendischen Brocowe. 
Dai> n^e gelegene Klein-Barkau hiess ehemals auch Ehid eschen- Brocow. 
— Zum Schluss mögen noch Honigsee (vorm. Honechse), Moorsee 
(vorm. Morse), Drecksee (vorm. Drachse) und Russee (vorm. Rutse), 
welche alle südlich von Kiel liegen, Erwähnung finden. Slawische 
Namen vergangener Dörfer giebt es in der Umgegend von Kiel noch 
mehr. z. B. Cocse, Coccoze und Malugestorp. 

Blicken wir noch einmal auf die unter den vier Gruppen auf- 
gezählten, wirklich typisch slawische Merkmale aufweisenden Dörfer 
zurück, so musB man SE^en, dass das Herzogtum Lauenburg, welches 
ausserdem nahezu die Hälfte der aufgezählten Dörfer enthält, den 
slawischen Typus am reinsten bewahrt hat. Auffallend ist es, dass 
Wt^rien, dieses ehemals ganz von Slawen bevölkerte Land, verhältnis- 
mässig wenige noch heute deutlich erkennbare Wendendörfer aufzu- 
weisen hat. Es sind Fiefbergen, Krummbek, Stiikendorf, Bentfeld 
und Meeschendorf (n,ö. Oldenbui^). 

T. Fekmarn scher Tj|infl. 

Die Fehmamschen Dörfer zeigen ohne Ausnahme einen durchaus 
einheitlichen, von dem des angrenzenden Holsteins aber ganz abweichenden 
Tvpus (vgl. aber S, 308 [3tj]). Der erste Blick lehrt, dass man es mit 
Itechtecken zu thun hat, in denen schon 6. Haussen a. a. 0. eine sla- 
wische Anlage vermutete, Dass dies thatsächlich der Fall ist, beweist. 
at^esehen von einigen später zu erörternden slawischen Namen und 
der Angabe Adam von Bremens (IV), dass die Insel Vemere einst von 
Slawen bewohnt war, eigentlich erst der Vergieich mit den S. 300 [28J 
aufgezählten Rechtecken in Pommern, Posen und Schlesien. In Mecklen- 
burg ist nur ein einziges solches Rechteck zu erwähnen, nämlich Blie- 
venstorf, M.B. Sarenzin, Mecklenburg-Schwerin. — Die folgende all- 
(femeine Charakteristik der Fehmarnschen DiJrfer istG. Haussen, 
.Historisch- statistische Darstellung der Insel Fehmarn", Altona 1S32, 
entlehnt. Dort sagt er S. 102: ,Die Landschaft Fehmarn zählt vierzig 
Dörfer, welche alle eine und dieselbe, auf nationalen, wahrscheinlich 
wendischen Ursprung hindeutende Form und Bauart haben. Es sind 
geschlossene Quadrate oder Oblonge, welche an zwei gegenüberstehenden 
oder an allen vier Seiten mit Häusern besetzt sind. Neben jedem Haus 
liegt die Scheune: vor beiden befindet sich, bis zur Dorfstrasse reichend, 
ein geräumiger gepflasterter Platz, zur Auffahrt und' Miststätte bestimmt. 
Brücke {.Brocken") — in Burg Schild genannt, dem Vorhaupt in den 
Rundlingen entsprechend — : ,in der Mitte des Dorfes befindet sich 
die gemeinsame Viehtränke und der Dingstein, der Versammlungsort 
lier Beuerschaft, mitunter auch noch das Schulhaus. Das ganze Dorf 
ist mit Steinwällen eingefasst und hat zwei Ausgänge nach den gegen- 
überstehenden Himmelsgegenden, welche abends geschlossen werden, 



SU 



Arthur Gloy, 



[42 



damit das Jungvieh frei des Nachts im Dorfe und auf der Dorfstrasse 
weilen kann. Neben den Ausgängen liegt die Wohnung eines Insten. 
welcher zur nächtlichen Thorbewachung verpflichtet ist." 

Fehlte es ganz an historischen Beweisen und könnte man diesen 
Typus aus anderen ehemals slawischen Gegenden nicht belegen, so 
müsste man sich mit der Hervorhebung folgender, echt slawischer Merk- 
male begnügen: 

1. Die geschlossene, rechteckige Anlage; 

2. die Umwallung; 

3. die ursprünglich auf zwei beschränkte Zahl der Aus^nge: 

4. der freie Dorfplatz; 

5. die Brücken (= Vorhaupt). 

In den meisten Fällen sind die Dörfer an allen vier Seiten, zu- 
weilen nur an drei Seiten bebaut. Wo nur zwei Seiten mit Häusern 
besetzt sind, sind gewöhnlich auch die beiden Seiten näher aneinander- 
gerückt, so dass das Dorf mehr einer geradlinig verlaufenden Strassen- 
ansiedelung gleicht. Der innere Dorfplatz ist gleichsam als der ge- 
meinsame Wirtschaftshof anzusehen, über welchen alle Fuhren u. s. w. 
gehen, da den Gebäuden nach hinten hinaus keine Wege oflFen stehen. 
In der Mitte zwischen den Häuserreihen der beiden Längsseiten läuft 
die grosse Dorfstrasse. Sind die Kurzseiten unbebaut, so bilden die 
Endpunkte der Strasse den einzigen Aus- bezw. Eingang des Dorfes, 
sind sie mit Häusern besetzt, so gabelt sich die Strasse dicht vor diesen 
Kurzseiten, um an den Ecken des Rechtecks auszumünden (vgl. Fig. 4. 
S. 815 [43]). 

Von 40 heute bestehenden Ortschaften sind nicht weniger als 37 
mit Sicherheit bereits aus „Kong Waidemars Jordbog** (d. h. aus dem 
Jahre 1231) nachzuweisen. Trotz des Schweigens der gleichzeitigen 
Schriftsteller und der Urkunden wird man annehmen dürfen, dass die 
Insel durch Waldemar I. oder seinen natürlichen Sohn Christoph unter- 
worfen worden ist. Von ihren Kriegszügen gegen ,die Wagern und 
die übrigen Ostseeslawen ** wird uns berichtet. Dass Fehmarn, ein See- 
räubemest, wie kein zweites, nicht auch mit aller Kraft von den Dänen 
bekriegt und früher unterworfen worden wäre, wie die übrigen Slawen, 
würde uns wundern. Aber ausser der durch das „Erdbuch" zu kon- 
statierenden Thatsache sind über die früheren Zustände keine Nach- 
richten überliefert. Aus den Ortsnamen lässt sich entnehmen, dass 
ganze Dörfer an dänische Lehnsträger vergeben worden sind, deren 
Namen dann auf das Dorf übergingen (vgl. villa Cubonis = Kopendorf, 
villa SuUonis = Sülsdorf u. a.). 

In den ausdrücklich als villae Sclavorum bezeichneten Dörfern, 
in denen danach eine kompakte wendische Bevölkerung sitzen geblieben 
sein muss ^), wird ohne Ausnahme nach unci gezählt, in den übrigen 
nach mansi oder hovae, in Klausdorf (villa Nicholai) nach mansi und 
unci. Demnach sind in jenem Dorfe Kolonisten und Wenden neben- 
einander angesiedelt gewesen. Dass diese Kolonisten schon damals 

wenigstens vorläufig. 



ii\ Beiträge zur Siedeluugekunde Nordalbingieaa. ^1,'') 

nicht nur aus Dänen, sondern liauptsächlich aus Deutschen (wohl Frie- 
aen, wofür die noch heute auffallende Körpergrösse der Fehmaraner 
spricht), bestanden hätten, welche im Änschluss an die Kolonisation 
Wagriens auch nach Fehmarn hintib ergewandert wären, ist schon mehr- 
fach und mit Recht angenommen worden. Eine Nachricht aber giebt e.s 
hierüber nicht. 

Eine kurze Uebersicht der Fehmanischen Dörfer möge die bisher 
im allgemeinen angedeuteten Verhältnisse im einzelnen beleuchten. 

An allen vier Seiten bebaute Rechtecke sind: 
Weatermarkelsdorf in Wald. .Krdbuch' (abgekürzt: W.K.) Mar- 

Dänschenaorf. W.E. Daenakaethorp, villa alavica. 

Bisdorf. W.K. villa cpiscopi (vgl. Fig. 4)- 

Todendorf, W.E. Todaenthorp, SchleBwig-HoIateiniBche Urkundensamm- 
lung II, 173. Tödindorp, Thodendorpe (aal. Personenname Tod, ceeh. Toda? vgl. 
Toddin in Mecklenburg). 

Futgaarden, W.E. Potgardae, villa alavica, asl. pod = hinter, aal. 
gnd = hortue, urbs. nal. caatellum, kommt als gorod, grod. 
grütz in vielen slawiachen Ortnamen vor. ^. . 

Stabersdorf, W.E. Stobaerthon> , aal. stobor ''S- *■ 

- ääule, bulg. stobor - Haum vor dem Hause, serb. =Hof. 

An drei Seiten aind bebaut: 

Kopendorf, W.E. Kubbaenthorp, villa Cubonis. 
^\m SQdweetende etwas zusammengebogen , grosser Teich 
in der Mitte. 

Sulsdorf, W.E. Villa Sullonia. wie Kopendorf. 

GoUendorf, W.E. viUa Godeacalci. 

Lemkendorf, W.E. Lymaekaenthorp , villa 
» 1 n V i c a : die Ausgänge liegen an den Enden einer 
IKagonale. 

Wulfen, W.E, Wollwe. 

AU-Jellingsdorf, W.E. Jaldaensthorp. 

Oammendorf, W.E.Gamaenthorp, villa slavica. 

Was den Namen betrifil, so ist es schwer, aus der reichen Auswahl von 
Möglichkeiten daa Richtige herauszufinden. Da das Dorf ausdrücklich als villa 
EJacica bezeichnet wird, ao könnte man an eine Ableitung aus dem Slawischen 
(lenken. Hier stehen zur Auswahl : kamien = Stein und gaba = Schwamm. Da 
die Seiten des Dorfea Wiesengrund einachlies^en, so kannte die Ableitung von Iclz- 
Isrem Wort als nicht ganz ungereimt erscheinen, Kühnel leitet den Namen ,Die 
liiunm", eine muldenförmige Senkung zwischen Brahlstorf und Boizenburg (Mecklen- 
burg), femer den Namen der Insel Werder (vorm. Gammenwerder) im Kölpinsee 
von ^be her, welches er als .Mund* erklärt (bei Miklosich: .Schwamm*). — Im 
R.B. Potsdam , Kreis Oberbamim, giebt es einen .Gam engrund*, ebenfalls eine 
muldenförmige Senkung; im R.B. Oppeln liegt eine Kolonie Gamroth, also eine 
Rodung in einer Game; im R.B. Köln giebt ea einen Weiler Gammersbach (vgl. 
nmh die beiden El bwardcr Alte und Neue Gamrae). Nach alledem halte ich 
fc^ für richtiger, das Wort aus dem Deutschen zu erklären. Viel- 
leicht ist ea identisch mit gam — Gaumen ? Der ^'ergleich einer Mulde mit dem 
Hiiumenbecken liegt nicht gerade so fern. , Eine letitte Möglichkeit wure. daes das 
Wort , wenigstens für Gammendorf auf Fehmarn , von den Dänen mitgebracht 
Kurden wäre. Im Dänischen freilich bedeutet gnmnien die Freude, Lust, womit 
nicht viel anzufangen ist; aber in Lappmarken und Finnmarken werden die Zelte 
der Lappen von den Eingeborenen selbst Gammen genannt. Das Wort scheint in 
dieser Bedeutung also tinniscb üu sein , könnte aber von den Dänen herüber- 
gebracht sein. Ich halte aber diese letzte Erklärung für recht unwahrscheinlich. 

Vadersdorf, W.E. Fathaersthorp. 



316 



Arthur Gloy, BeitrSge zur Siedehmgeknude Nordalbingiena. 



[-W 



Hinrichsdorf, W.E. Haenric-Scaerpingesthorp, «Dorf des Henricu!» 
Scaerpin^*. 

Nientorf, W.E. Nyaenthorp. 

Gahlendorf, W.E. Galaenthorp, villa slavica. 

Vitsdorf, W.E. Davidthorp. 

Zweiseitigbeb autsind: 

Wenkendorf, W.-E. Waenaekaenthorp (Personenname Weneco). 

Bojendorf, W.E. Boyaenthorp, S. H. Urk. II, 173: Bogyndorp. Bogeii- 
dorf kommt dreimal im R.B. Liegnitz vor, mit Bog- zusammengesetzte Ortsnamen 
nur im Osten, sl. Bog = Gott. 

Püttsee, W.E. Pudrae (wohl verschrieben aus Pudsae). An einer Stelle 
des , Erdbuches ** wird auf Fehmam ein Pudzae genannt, welches wohl mit ersterem 
identisch sein wird. 

Albertsdorf, W.E. Elbaemaesthorp. 

Avendorf, W.E. Ouenthorp. Der Name ist, wenn man nicht .Wentorf* 
annehmen will, wohl von dem dänischen Petsonennanien Uwe abzuleiten. Die Notiz 
des Erdbuches: „dominus Ouae et f rater eius habent X mansos**, bezieht sich wsüir- 
scheinlich auf Ouenthorp. 

Blieschendorf, W.E. Blisaekaenthorp , asl. bliz = nahe , oder slawischer 
Personenname Blizek (vgl. Blieschow , ein Vorwerk zum Rittergut Dulnitz , RB. 
Stralsund). 

Teschendorf, W.E. Tessikaenthorp. slawischer Personenname Tesek? 

Mummendorf, W.E. Mummaenthorp. 

Westermarkelsdo rf, S. H. Urk. II, 172: Marlonisthorj) , „Dorf dn 
Mario*. 

Bannesdorf, W.E. Bondemaerthorp. 

Presen, W.E. Praezniz (Puzniz). Nach G. Haussen sollen sich die B^ 
wohner des Dorfes noch damals (1832) von den übrigen Fehmaranem unter- 
schieden haben. 

Meeschendorf, W.E. MizaenÜioi'p (vgl. Meeschendorf n.ö. Oldenburg). 

Klausdorf, W.E. Niclawsthorp o^er villa Nicholai. 

Sahrensdorf, W.E. Ziamaesthorp (vgl. Sahrensdorf bei Harburg). 

Schlagsdorf, W.E. Slawaesthorp, S. H. Urk. Schlagelsd örp. 

Bei Petersdorf, W.E. Pethaersthorp , und Landkirchen, deu 
beiden grössten Kirchdörfern Fehmarns, ist die ursprüngliche Anlage 
bereits etwas verwischt. 

In Waidemars „ Erdbuch *" werden endlich noch genannt eine villa 
Lymeconis, heute Lemkenhafen, und Gel, heute Gold, ein Ladeplatz 
(asl. gol = nackt, kahl, Gola = Blosse, häufiger Dorfname im slawi- 
schen Osten). 

Nicht erwähnt sind Strukkamp und Neu-Jellingsdorf: auch 
Landkirchen ist als damals bestehend nicht sicher nachzuweisen, wenn 
auch eine slawische Ansiedelung dort gelegen haben mag. — Sie zeigen 
aber doch denselben Typus, wie die übrigen Dörfer Fehmams. — Auf 
dem gegenüberliegenden Zipfel des Festlandes weist denselben noch 
auf: Grossenbrode, vormals Brode, ein aQ allen vier Seiten bebautes 
Rechteck. Anlage und Name sind unzweifelhaft slawisch (asl. brod 
= Fürth), der Ort liegt an einer seichten Einbuchtung der Ostsee. 
In der Nähe befindet sich die Fähre, welche den VerJEehr von und 
nach Fehmam vermittelt. Der Ort trägt seinen Namen also keines- 
wegs mit Unrecht. Analog mit Bezug auf Namen und Lage ist 
Stahlbrode in Vorpommern, Rügen gegenüber. 



gligr , Beiträge nur Sigdelmi|«lDntde Xorajnnnj^igti« 



Befla^eg.. 




Vonclin^.sur De\ttaclieii Laxidp«- u.T&Jk»Tnmdn Bd.V][.H.3. 



eeofrafh. Anstalt rrm. ^ntpUBT 1» DeTws. Leifti^ 



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NADELWALDFLORA 



NORDDEUTSCHLANDS. 



EINE 



PFLANZENGEOGEAPHISCHE STUDIE. 



VON 



DK F. HO CR 

IN LUCKENWALDE. 



XT SX3^TSXt ^.A.XtTEL 



STUTTGART. 

VERLAG VON J. ENGELHORN. 

1893. 



1' 



^1 



A. 



Dnek dei DdIos DentscLe VailagageKllialiart In Stattgut. 



Herrn Prof. Dr. V. ASOHERSOX. 



DEH USERMtlDLICHES ERFORSCHER UER FLORA KORDDEIITSCHLAS 



IN DANKBAREB HOCHACHTUNG 



VOM VERFASSEU 



Inhalt 



3«ita 



1. GeoiraphlsohB Verbrelbino der norddeirtaohBii Nadelhülier .... 10 [3S 

2. B«|l«itpflMzen der NadeIhBIzer In HorddeiittchlMd 20 [33 

a) Kieferawftldpflanien 20 [33 

b) Pflanzen der Fichten- und Tannenwälder 40 [35 

3. fitHBMRMhanen Innerhalb der Nadelwaldflora NorddeiteohlHnda . 45 [36 

Sehliu 51 [36 

Anhing : Kurze Uebenicht Ober daa Verbalten der wichtigsten 

Begleitpflanzen der Kiefer in einigen Grenzgebieten des 

BaumCB 52 (36 

EiRlflt BeneriuMien lur Karte 56 [37 



Vorwort 



Angeregt wurde vorliegende TJntersuchiuig hauptsächlich durch 
lie höchst interessantea Arbeiten £. H. L. Krauses über die Verbreitung 
ler Kiefer in Korddeatschland. Verschiedene Arbeiten Drudes ver- 
inlassten mich dann, das Verhalten der Kiefernbegleiter zu den dort 
Hifgestellten Grenzen zu prüfen. Dass dies in eo weitem Masse mir 
üblich wurde, wie die vorliegende Arbeit zeigt, verdanke ich nur der 
jüte des Herrn Prof. Ascbereon, der mich nicht nur mit Litteratur, 
•andern namentlich auch durch Mitteilungen aus dem reichen Schatze 
»iner Erfahrung aufs freundlichste unterstützte. Wenn ich daher mir 
irUnbe, ihm diese Arbeit zu widmen, so ist dies nur ein geringer Be- 
reis des Dankes fUr die vielen Freundlichkeiten , die er mir bei der 
Anfertigung derselben erwies. Dass ich auch noch anderen Forschem 
für Mitteilungen zu Dank verpflichtet bin, ist mehrfach in der Arbeit 
l[esagt. 

Wenn trotz dieser vielfachen Unterstützung die Arbeit noch be- 
lentende Mängel aufweist (namentlich hinsichtlich der Tannen- und 
Pichtenbegleitpflanzen) , so beruht dies wesentlich darauf, dass ich nur 
TerhältmsmSssig geringe Teile des Gebietes aus eigener Anschauung 
kenne. W^en dieser Mängel erbitte ich die Nachsicht der Fach- 



Dass ich die Arbeit, trotzdem sie wesentlich den Botaniker inter- 
essierenden Stoff behandelt, ftlr diese , Forschungen ' bestimmte, ist 
dadurch bedingt, dass Drude gerade Untersuchungen über ganze ,GIe- 



822 F- H6ck. NadelwaiaBora Norddentschlandi. |i, 

nossenschatten' als besonders wertvoll för die Erforschung der Lande*- 
kande bezeichnet , die vorliegende Arbeit aber wesentlich den Zweck 
hat, die Genossen der norddeutschen Nadelhölzer und deren Beziebungec 
zu diesen selbst zu erforschen. Mögen daher auch manche der Eiiii«l- 
heiten die Gec^p^phen wenig interessieren, so glaube ich doch, im 
die Hauptaufgabe der Arbeit durchaus in das Gebiet der Geographie. 
speziell der Vaterlandskunde, ^It. 



Ginleitung. 



Als , Waldgebiet des östlichen Kontinents' bezeichnet 
Grisebach in der einzigen bisher Torliegenden ausführlicheren Be- 
arbeitnnf^ der „Vegetation der Erde' das Florengebiet , dem nosei 
g&Dzes Vaterland angehört; unter dem Kamen , Mitteleuropäisches 
Waldgebiet' gliedert Drude in der , Anleitung zur deutschen Landes- 
und Volksforecbung' den europäischen Anteil dieses Gebietes. Den Wald 
bezeichnen beide hervorragenden Pflanzen geographen als wichtigstes 
Charakteristikum unseres Florengebietes. Seine Grenze nach Norden 
hin bietet die natürlichste Scheide gegen die arktische Oede. Auch dem 
von Sflden her kommenden Fremdling fiel schon vor zwei Jahrtausenden 
die Menge der Wälder in unserem Heimatlande auf. Wenn nun auch 
seit den Zeiten des Tacitus viele unserer Wälder unter der Ast ge- 
fallen sind , so ist doch sicher noch heute keine Vegetationsformation 
fOr Teile unseres Vaterlandes so charakteristisch wie der Wald, der 
einer Landschaft in erster Linie ein besonderes Gepräge verleiht, oft 
daher auch zur Benennung beigetragen hat (Spreewald, Schwarzwald, 
Fichtelgebitge u. a.). Sicher ist auch, dass viele jetzt waldentblösste 
Orte sofort nach Aufhören der Kultur wieder in Wald übergehen 
worden , wie es HofFmann durch den Versuch nachgewiesen hat '). 
Das Studium der Wälder unseres Vaterlandes ist daher unstreitig 
eine Aufgabe, die in den Rahmen der Arbeiten dieser , Forschungen' 
hineingehört. Schon ein Heft derselben beschäftigt sich auch mit den 
Charakterpflanzen dieser Formation, den wichtigeren Waldbäumen 
(Bd. ni, Heft 1). Da dieses sich indes ganz auf die Leitpäanzen der 
Wälder, die Bäume, beschränkt, schien daneben eine Untersuchung 
Ober die gesamte Waldflora wünschenswert, besonders um zu zeigen, 
in welchem Grade die untergeordneten Glieder der Formation von 
ihren Uauptcharakterpflanzen abhängig sind. 

Eine derartige Untersuchung über sämtliche deutsche Wälder 
würde, wenn sie Oberhaupt Über das allgemein Bekannte hinausgehen 
und neue Gesichtspunkte liefern sollte , weit Über den Rahmen einer 



') Vgl. Thomö, Thier- und I'flanaengeographie S. 582 tf. 



324 



F. Hock, 



[S 



Arbeit dieser „Forschungen** hinausgehen. Es war daher eine Be- 
schränkung von vornherein wünschenswert. Bei der üebemahme 
dieser Arbeit habe ich daher sofort nur die Wälder des norddeutBchen 
Tieflandes in Aussicht genommen, zumal da ich nur diese, wenigstens 
in einiger Ausdehnung, aus eigener Anschauung kenne, Mitteldeutsch- 
land nur vorübergehend, Süddeutschland gar nicht besucht habe, aber 
auf alle Fälle von eigener Anschauung auszugehen für geraten hielt 
wenn diese auch natürlich bei weitem nicht allein ausreichen konnte. 
Doch auch in der Beschränkung auf die Wälder Norddeutschlaods 
ergab sich schon bei den Vorarbeiten so viel Material, dass es un- 
möglich war, dasselbe auf dem hier beschränkten engen Räume zu 
bewältigen, es musste eine Teilung eintreten. Mit Einwilligung des 
Herausgebers dieser „Forschungen^ habe ich mich daher vorläufig auf 
eine Gruppe unserer Wälder beschränkt. Für diese weitere Teilung 
hielt ich mich an die von Drude in der „Anleitung zur deutschen 
Landes- und Yolksforschung'* gegebene Formationsabteilung, nach 
welcher immergrüne Nadel- und sommergrüne Laubwälder als Haupt- 
gruppen unterschieden werden. Obwohl ich mir sehr wohl bewusst bin« 
dass die mannigfaltigsten üebergänge zwischen diesen beiden Formations- 
arten bestehen, schien mir für den vorliegenden Zweck einer Unter- 
suchung der gesamten Waldflora Norddeutschlands gerade in ihrem 
geselligen Auftreten dieselbe doch die natürlichste. Wie in der bio- 
logischen Systematik müssen auch hier erst künstliche Trennungen all- 
mählich zur Erkennimg des von Natur Zusammengehörigen führen. 

Die vorliegende Arbeit ist daher ganz auf die „Nadelwaldfiora 
Norddeutschlands'* beschränkt^). Die Abgrenzung des Gebietes nach 
West, Nord und Ost geschah, da natürliche Grenzen fehlen, aus rein 
praktischen Gründen^) durch die politischen Grenzen, was indes kaum 
in Betracht kommt, da, wie sich zeigen wird, nach Nord und West 
von ursprünglichen Nadelwäldern überhaupt nicht die Rede sein kann, 
nach Ost dagegen dieselben ziemlich unverändert sich über die Grenze 
des Gebietes fortzusetzen scheinen. Nach Süd hin wurde die Grenze gegen 
die Mittelgebirge und deren Vorberge angenommen; doch war natür- 
lich eine gelegentliche Berücksichtigung aller Grenzgebiete nicht aus- 
geschlossen ; nur wurden solche Pflanzen fast oder ganz unbeachtet ge- 
lassen, welche wesentlich nur Bewohner der Berge und ihrer Ausläufer 
zu sein schienen. 

Die Untersuchung der Nadelwälder verlangte natürlich zunächst 
eine solche über die Verbreitung der Nadelbäume, bei der aber selbst- 
verständlich die von Borggreve schon erörterten Verhältnisse möglichst 

*) Hoffentlicb ist es mir vergönnt, eine Untersuchung über die Laubwald- 
flora desselben Gebietes später folgen zu lassen, wozu ich schon einige Vorarbeiten 
unternommen. In dieser würde dann auch erst der (vielleicht häufigste) Misch- 
wald nähere Berücksichtigung finden kOnnen, was hier nur gelegentlich geschieht 
Kaum möchte ich mit Krause (Naturw. Wochenschr. 1891) annehmen, dass U'- 
sprflnglich alle Wälder gemischte Wälder waren; gerade hier in Brandenbug 
scheinen mir viele doch ursprünglich wenigstens sehr vorwiegend aus Nadelhölzern 
gebildete Wälder zu sein, wenn auch Birken u. a. Laubbäume wohl nie ganz darin 
fehlten. 

^) Mit Rücksicht auf die mir ausreichend zu Gebote stehende Litteratur. 



<)l Nadelwaldflorn Norddeutschland 9. 32! 

ausser acht gelassen wurden, soweit sie nicht mit Rücksicht auf die wer 
teren UnterBuchiugeD ein genaueres Eingeben verlangten. Ganz uD' 
abhängig von jener Arbeit sind selbstTerständlich die Untersuch ungei 
ober Verbreitung der anderen Pflanzen unserer Nadelwälder und Ubei 
die Abhängigkeit derselben von den Leitpäanzen , welche naturgemäsi 
den üauptteU der Arbeit ausmachen. 

Dass eine Arbeit wie diese grossenteils auf Litteraturstudien be- 
ruhen muss, ist einleuchtend, ebenso dass sie nicht lauter neue Resul- 
tate zu Tage fördern kann , sondern in vielen Fällen nur zusammen- 
stellt. Ist es doch auch eine Hauptaufgabe dieser , Forschungen" 
Material zu sammeln. Es war daher weniger mein Bestreben, Selb- 
ständiges zu liefern , als möglichst zu suchen , das thatsächlicb Fest- 
stehende zusammenzustellen. Daher habe ich mich häufig in zweifel- 
haften Fällen an Spezialforscher gewandt, die dann meist auch bereit- 
willigst mir Auskunft lieferten. Selbstverständlich habe ich in solcher 
Fällen immer gewissenhaft die Quellen genannt ') , während bei aller 
Ei nzelan gaben aus Floren oder ähnlichen Werken dies nicht immei 
möglich war, ohne den Umfang der Arbeit zu sehr auszudehnen. 

') Nar bei den recht zahlreidien Einzelangnben seitens de^ HeiTD Prof 
AschersOD, die oft auf Berichtigung der von mir aufgestellten Uebersicbtei 
und Grenzlinien binaualiefen, war dies nicht in jedem Einzelfall möglich. 



1. Geographisclie Verbreitung der norddeutschen Nadel- 
hölzer. 

Um möglichst genaue Angaben über die Verbreitung der nord- 
deutschen Nadelhölzer zu erlangen, habe ich in einer yorläufigen 
Arbeit (Natur 1892) die in der mir zugänglichen Litteratur vorliegendeD 
Angaben gesammelt und zu ergänzen gesucht ; ich hoffte dadurch, das$ 
ich auf die zweifelhaften Punkte hinwies, zur Lösung derselben bei- 
zutragen. Doch sind mir wenige Ergänzungen seit dem Erscheinen 
jener Arbeit zugegangen. Deshalb mache ich noch einmal hier auf 
die noch zweifelhaften Punkte der Verbreitung innerhalb des Gebiete 
aufmerksam. Da für die Entscheidung der Frage, wie sich die Begleit- 
pflanzen zu den Nadelhölzern, in deren Beständen sie vorkommen, auch 
die Verbreitung ausserhalb unseres Gebiets von Bedeutung ist, mag 
auf diese ebenfalls kurz eingegangen werden. Hierbei kann ich mich 
meist an die ausgezeichnete , Forstliche Flora *" von Willkomm an- 
schliessen, werde ausserhalb des norddeutschen Ebenengebiets kaum 
eine wesentliche Ergänzung zu den dortigen Angaben liefern können. 
daher diese auch nur als Materialsammlung betrachten und demgemäss 
möglichst kurz behandeln ^). Schon in meiner vorläufigen Mitteilung 
über diesen Gegenstand wies ich darauf hin, dass wahrscheinlich nnr 
fünf Nadelhölzer als einheimisch in Wäldern Norddeutschlands zu be- 
trachten seien. Eine sechste Art, die Lärche ^), steigt zwar häufig in 
die Ebene hinab, ist aber wohl nirgends innerhalb derselben als wild 
zu betrachten, während eine andere vereinzelt in Norddeutschland (ob 
wirklich spontan ?) vorkommende Konifere, die Krummholzkiefer (PiDiis 
montana), als Moorpflanze hier bei einer Untersuchung der Wälder gar 
nicht in Betracht kommt. Auch von den übrigen fünf Arten ist eine, 
die Eibe (Taxus baccata), nur sehr sporadisch innerhalb des norddeutschen 
Tieflandes in spontanem Zustande verbreitet;. Für Westpreussen ist die 



') Vorläufig beschränke ich mich ganz auf die thatsächlichen Aogabeo, 
theoretische Erörterungen bis zum letzten Abschnitt verschiebend. 

') Die in der , Natur* gemachte Angabe über Verbreitung der Lärche in 
früheren Erdzeitaltem nach Lauenburg hin beruht nach ,t. Fischer-ßensoo. 
Moore der Provinz Schleswig-Holstein ", auf früherer falscher Bestimmung. 



k 



11] F. H6ck, Nadelwaldflora NorddeutecblandB. ^2 

Verbreitung dieser Art in sorgfältigster Weise neuerdings durch Conwent 
nachgewiesen (Abhandlungen zur Landesiiuitde der Provinz Westpreusset 
Heft in, Danzig 1892). In dieser Arbeit fasst er sämmtliche Vor 
kommnisse der Eibe in Westpreussen in drei grössere Gebiete zu 
sammen: 1. ein kassubisches (westlich von Danzig und Dirschau' 
2. die Tucheier Heide und 3. die Hammersteiner Heide ^). 

CoDwentz erwähnt in jener Arbeit, dass sich nach Durchsicht de 
Herbars im Königlichen Botanischen Garten zu ESnigsberg für Ost 
preussen 20 Standorte des Baums ergeben. Auf meinen Wunsch teilt 
er mir gütigst diese mit, obwohl er ausdrücklich erwähnt, dass e 
keinen derselben aus eigener Anschauung kenne, also nicht Ober dere 
Natur urteilen kdnne. Sie verteilen sich auf die Kreise : 1. Allensteir 
2. Braunsberg, 3. Darkehmen, 4. Friedland, 5. Ooldap, 6. Heilaberg 
7. Labiau, 8. Lyck, 9. Neideoburg, 10. Oletzko, 11. Rössel*). Da 
Hauptgebiet der Eibe in Ostpreussen scheint im Kreis Heilsbei^ z 
liegen, von wo Ausläufer westwärts bis Mehlsack, noch Ost und Nord 
Ost in die Kreise Rössel und Friedland, sowie nach SUden in Allen 
stein und Neidenburg gehen. Ein zweites Hauptf^ebiet scheint nah 
der Oatgrenze, ostwärts von Spirding und Mauersee und sfldwärts to 
der Pissa in den Kreisen Darkehmen, Goldap, Oletzko und Lyck vor 
banden zu sein, während der Fundort im Kreise Labiau isoliert liegt 
Ob indes nicht einige verbindende Standorte sieb finden und wie wei 
diese Gebiete als einheitliche zu betrachten sind, muss eine Unter 
stichung an Ort und Stelle lehren. 

Auch in der westlich an Westpreussen grenzenden Provin 
Pommern sind noch Eiben vorhanden, doch, wie es scheint, nur a: 
wenigen Orten. Marsson nennt die Eibe nur vom Dars und als Irflhe 
verbreitet in der südwestlichen Stubnitz^). Willkomm nennt sie (nacl 
Seebaua) aus Mischwäldern im Osten des Dammschen Sees, des Papen 
waasers und des grossen Haffs (besonders in den Ibenborst genanntei 
Waldorten beim Dorfe Pribbernow und des Rehager Reviers, docl 
ist, wie Herr Professor Ascherson mir sagte, auch im Westen der Ode 
ein solches Vorkommnis vorhanden, das schon 1824 von Rostkoviu 
und Schmidt erwähnt wurde. Andererseits teilte mir Professor Gonwent 
noch als sicheren Eibenstandort einen bei Wamim unweit Gross-Tjchoi 
im Kreise Beigard mit, sowie einen mit dem Rostkowiusschen am Neu 
warperSee wohl identischen bei der Oberförsterei Rieth(KreieUckermUnde] 



') Sicher nacbgewievene Standorte sind: I. Stsinsee. Wyffoda, Miechutschir 
Lnbianen, Sommerbei^ ; II. Eibendamm , Eichwald, Neuhäus, Ciabuach; III. Qc 
orgenbOtte und Ibenwerder. — Bezüglich des Uinfangn der VorkommniMe mus 
aaf die Original arbeit verwiesen werden. 

') Die einzelnen Fundorte lind nach den Kreisen geordnet folgende : 1. Foril 
revier Parden, ferner zwischen Lemkendorf und Derz ; 2. MehUack ; 3. Dombrowkei 
und Kennaschiener Wald; 4. Friachingforst bei Friedland; 5, Golduper Wald 
6- Retacher Wald, Miasberg bei SOsaenberg, Liewenberg, Golm zwischen Neuendoi 
nnd Workeim, Seeberg. Scbwengen; 7. SchSnbruch; 8. Milcbbuder Forst; 9. Hsrtigt 
walder Forst; 10- Wensöwen : 11. LackmUhter Wald bei Bischof^tein und Rösseltch 
Forat, — Aach an dieser Stelle spreche it-h Herrn Prof. Conwentz fllr sein 
Hitteilnns meinen besten Dank aus. 

') Nach Ross (Verh. d. bot. Vereins v. Brandenburg 1884) da noch wild. 



328 F. Hack. [12 

Westwärts von Ponunem ist meines Wissens nur ein Vorkommnia 
in dem Tieflandsgebiet aus der Rostocker Heide bekannt, denn die 
mir nach den Floren bekannt gewordenen Orte westwärts derselben 
gehören, soweit ich deren L^e überhaupt habe feststellen können, 
sämtlich dem Gebirge oder seinen Ausläufern an. 

Wie in Schleswig -Holstein ^), fehlt die Eibe jetzt wohl ganz in 
Brandenburg und Posen'). Von den für das Königreich Sachsen von 
Wünsche angegebenen Fundorten befindet sich keiner (selbst Löbau 
kaum) ausserhalb des Berglandes; ebenso steht es um die Eibenfund- 
orte in Hannover °), welche zum Oebiet der Vorberge zu rechnen sind, 
wie auch die thüringischen Standorte. 

Nur die schlesische Ebene scheint noch einzelne spontane Eiben- 
vorkommnisse aufzuweisen , und zwar sollen diese jetzt auch ganz auf 
Oberschlesien (bei 1. Oppeln, 2. Rosenberg, 3, Lublinitz, 4. Guttentsg, 
5. Tost und 6. Tamowitz *) beschränkt sein, wie mir Dr. Schübe auf aus- 
drückliche Erkundigung hin freundlichst mitteilte; die beglaubigten 
Standorte für Niederschlesien (Thommendorf bei Bunzlau und Harte- 
berg bei Frankenstein) sind jetzt ganz mit Eulturwald bestanden, daher 
nach Schubes Ansicht nicht als spontane zu betrachten. Die Vorkomm- 
nisse in der schlesischen , Ebene" liegen aber teils auf festem Gesteio. 
teils in dessen Nähe, so dass man auch hier die Eibe fast als Gebii^- 
baum betrachten kann. Nur da bei diesem im Aussterben begriffenen 
Baum vereinzelte Vorkommnisse in einem Gebiet, dem er sonst fast 
ganz fehlt , von grösserer Bedeutung sind , mag hier auf diese hinge* 
wiesen werden. Ihrem jetzigen Vorkommen nach ist die Eibe in 
Deutschland eine Gebirgspflanze, die in dem kältesten Teil der Ebene, 
dem Nordosten, noch einmal auftritt, dort aber nach Osten hin etwas 
an Häufigkeit zuzunehmen scheint. Sie zeigt in dieser Beziehung einige 
Aehnlichkeit mit der Buche, deren Hauptgebiete wenigstens im Ge- 
bilde und um die Ostsee herum liegen, die aber umgekehrt im balti- 
schen Gebiet im Westen häufiger ist. Ob sie zu dieser aber weitere 
Beziehungen zeigt, kann hier nicht erörtert werden. Erwähnt werden 
inuss nur noch, dass die Eibe weder selbst bestandbildend auftritt, noch 
auch an einen bestimmten Bestand gebunden zu sein scheint^). 



') Während sie in jQtland, worauf Herr Prof. Aschereou mich anfaeii- 
sani macht«, unweit Veite von Lange »^gegeben ist, 

') Vgl. Conwentz a. a, 0.; Qber frühere Verbreitung vgl. auch Bolle. 
Freiwillige Banm- und Strauchvegetation der Provinz Brandenburg. Doch üfilt 
ABcbergon kein einziges Vorkommen jetzt noch für spontan, vielleicht wbre ein 
solche«! noch bei Stavenow i. d. Priegnitz zu erwarten, wo (wie ihm Prof. Con- 
wents mitteilte) die Eibe noch vor 30 Jahren vorkam. 

') In Oldenburg anscheinend früher vorhanden (vgl. Bot. Jahreaber, IT, 
1876, 8. 1004, R. 82), was Ea^ena auch aue Ortenamen schlieset. 

') Oenaneree vgl. in Pieks Flora. — Auch Herrn Dr. Schübe nirecbe 
ich an dieser Stelle für seine wiederholten Mitteilungen meinen besten Dau am. 

') Im übrigen sei bezüglich dieser Art und ihres allgemeinen Verballeiu 
noch einmal auf die erwähnte, hfichat wertvolle Arbeit von ConwentE verwieeoi. 
die zwar auf Westpreussen beschränkt, dennoch vielerlei allgemein Wichtig« ent- 
hält und verachiedene althergebrachte falecfae Ansichten über die Pflanze beridi- 
tigt. — (Ueber die mutmassliche Grenze dieser Art zur Zeit von Christi Gebnrt 
T^. Krause in Globus Bd. 62. Nr. 10/11.) 



13] NadelwaldSora Nord deutsch lands. 3{ 

Bine zweite Art unserer Nadelhölzer, der Wacholder (Juniperi 
communis), tritt ebenfalls als Bestand bildender Baum wohl kau 
innerhalb Norddeutschlands auf. Baumförmig ist er dort überhau 
nur im Osten, tritt dann aber meist untergeordnet auf, besonders 
Kiefernwäldern '). Bestandbüdend findet er sich gewöhnlich in Strauc 
form innerhalb der Heiden, in Gemeinschaft vieler anderer sonst < 
der Kiefer zugesellter Pflanzen. Dieser Art gleicht er in der Verbri 
tung sehr (so besonders in Russland) ; innerhalb unseres Ebenengebii 
fehlt er nur ini äussersten Nordwesten. Wie schon in der Torläufig 
Mitteilung gesagt, soll nach Beobachtungen Buchenaus er nördlich d 
Linie Harburg— Rotenburg— Achim— Wildeshausen —Papenburg nur seit 
(meist nur in einzelnen Büschen) vorkommen und auch in Ostfriesla 
fast ganz fehlen. Im allgemeinen ist die Zahl seiner Individuen v 
West nach Ost in Zunahme begriffen. 

Nächst dem Wacholder ist innerhalb unseres Gebietes die Kiel 
am weitesten verbreitet, und sie ist als herrschender Baum in der weits 
giössten Zahl unserer Nadelwälder die wichtigste Pflanze ftlr die v( 
hegende Arbeit. Deshalb habe ich ihre Verbreitung auch zunächst g 
nauer studiert und eine Untersuchung darüber, welche sich auf < 
neueste vorli^ende Litteratur^) stützte, schon im Helios 1891 vt 
öffentlicht. 

Um mich kurz zu fassen, beschränke ich mich hier auf Anga 
der Resultate, während ich betreffs der Quellen auf die frühere Arb 
verweise. Einer der schwierigsten Punkte hinsichtlich der Verbreitu 
der Kiefer ist gerade die Angabe der Grenzlinie der spontanen V< 
breitnng dieses Baumes in Norddeutschland. Nicht nur ist dersel 
jetzt durch Anpflanzung weiter über seine natürliche Grenze bins 
verbreitet und gedeiht da wie eine heimische Pflanze, sondern Fun 
aus früheren Zeitaltem unseres Planeten haben gezeigt, dass er 
früheren Jahrtauseoden in Gebieten lebte, wo er jetzt nur durch Kuli 
wieder eingeführt ist. Trotz dieser Verwickelung ist es dem Scha: 
sinn E. H. L. Krauses gelungen, mit ziemlicher Sicherheit die Qrei 
linie der spontanen Verbreitung dieses Nadelholzes in Norddeutschla 
festzustellen, namentlich auf Grund urkundlicher Studien. Wenn au 
hiemach in Bezug auf die Umgebung von Magdeburg, Halbersta 
Quedlinburg, Uansfeld und Halle nur sehr spärliche Nachrichten ül 
Waldbäume vorliegen, in Bezug auf Altmark und Priegnitz das i 
sprOngliche Vorkommen der Kiefer sehr zweifelhaft ist, so kann do 
mindestens sicher die Linie Harz') — Drömling— Wendland — Göhrde 



') Herr Prof. Conwenti teilt mir mit, dua Jnnipema in den Kiefe 
wUden Westprenaaeua nicht selten banmartig sei (Äehnliches gilt fOr OatpreuBsf 
er aU hOchBtes Ekemplar einen 10 m hohes Baum am rechten Weichaelufer 
Belauf Walddorf nflrdlich von Graadenz beobachtete. 

1 BeaonderB Willkomm, Forstl. Flora von Deutschland und Oeaterreii 
KSppen,Holzgew&cIuie Rnsalands; Krause, Zur Verbreitung der Kiefer (in Ei 
lera bot Jahrb. XI u. XIII), sowie verschiedene Einzelreferate aus den neues 
Jahr^ngeu des bot. JahreaberichtH. 

*] Die Verbin dungalinie Harz- DrOmling ist noch unaicher (vgl. Krau 
in Petermanna Mitteilungen 1893, Heft 10, welche Arbeit Referent nur noch z 
Schlnn (namentlich fOr die Karte] verwerten konnte), wie dos apontane V 



330 



F. Hfick, 



[14 



Geesthacht als äusserste Westlinie der Verbreitung der Kiefer in Nord- 
deutschland betrachtet werden, die vielleicht wohl an manchen Orten 
eine Rückwärtsschiebung nach Osten verdiente, sicher aber nicht wesent- 
lich weiter westwärts zu verlegen sein wird. Wie schwierig die genaue 
Feststellung ist, mag das eine Beispiel von Gifhom zeigen, wo es im 
vorigen Jahrhundert ausgedehnte Nadelwälder gab, die aber nachweis- 
lich damals nicht alt, also vermutlich nicht ursprünglich waren. Als 
äusserste Nordgrenze der Kiefer in Norddeutschland muss nach Krauses 
Untersuchungen die Linie Geesthacht— -Batzeburg — (Wesloe bei Lü- 
beck?^) — Wittenburg — Güstrow — Schwann — Rostock betrachtet werden. 
Von hier aus zieht sich die Verbreitungsgrenze des Baumes vermuÜicli 
mit Ausschluss aller dänischen Inseln ') sowohl als Rügens nach Skandi- 
navien hinüber; doch kann man, wenn man ein einheitliches Kiefem- 
gebiet einschliessen will, dieselbe durch Sund, Kattegat^) und Skager- 
rack ziehen, um durch eine westliche Ausbuchtung nach Hochschott- 
land hin diesen nördlichsten Teil der britischen Inseln als einzigen von 
Nadelhölzern ursprünglich bewohnten mit einzuschliessen und sie dann 
in ähnlicher Weise, wie es Drude auf der Florenkarte von Europa zeich- 
net, weiterführen. Auf der Westküste Norwegens reicht die Kiefer 
nordwärts bis Alten (70 ^ n. Br.). Von da erhebt sich die Polargrenze 
tiefer landeinwärts am Parsanger Fjord bis 70^ 20' (wo sie übrigens 
nach Schübeier nur buschförmig auftritt), erscheint bei Enontekis in 



kommen der Kiefer im Harz, üeber die etwaige Verbreitung dieses Baumes, so- 
wie der Tanne und Fichte im Harz und in Tharingen verdanke ich eine Reihe 
von Angaben nach mir nicht zugänglicher Litteratur Herrn Prof. Leimbach, 
wofür ich ihm auch an dieser Stelle bestens danke. Hiernach sprechen sich fSr 
die Heimatsberechtigung der Kiefer im Harz aus: Thal (Sylva Hercjnica 1568)* 
Sporleder (Verzeichn. d. i. d. Grafschaft Wernigerode wildwachs. Phanerog. 1882), 
A. V. Haller (Enumeratio Plantarum horti et agri Gottingensis 1753); für die 
Heimatsberechtigung der Kiefer in Nordwest-Thüringen treten Möller (Flora Ton 
Nordwest-Thüringen 1873) und Schönheit (Taschenbuch der Flora Thüringens) 
ein. Daffegen sprechen der Kiefer die Heimatsberechtigung im Harz ab: Zimmer- 
mann (Das Harzgebirge in besonderer Beziehung auf Natur- und Gewerbskunde 
1834) und Hampe (Flora Hercjnica 1873). Letzt-erer sagt sogar ausdrücklich, 
dass von Nadelhölzern nur Taxus und Juniperus im Harz heimisch seien, die 
anderen yor Jahrhunderten aus dem Voigtlande eingeführt seien, nachdem die 
Laubwälder zu sehr zu Zwecken des Bergbaues abgeholzt waren. Auch Petry 
hält am Kyffhäuser die Kiefer nicht fQr heimisch; ebenso VockeundAngelrodt 
bei Nordhausen. Jedenfalls wird die Frage noch weitere Untersuchung verdienen ; 
doch liegt sie ja eigentlich ausserhalb des Rahmens dieser Arbeit. Dass die Kiefer 
in Thüringen heimisch, bezeugen auch noch Olearius (Von amstädtischen Ge'v^chsen 
1701), Rupp (Flora Jenensis 1745), Alt (Tractatus de arboribus coniferis 1679), wie 
von neueren Autoren u. a.Met8ch (Flora Hennebergica 1845), Nicolai (Verzeichn. 
d. Pflanz, bei Arnstadt 1836 u. 1872), Bogenhard (Taschenbuch der Flora von 
Thüringen 1850), Georges (Flora d. Herzogt. Gotha 1882) und Rottenbacfa 
(Zur Flora von Thüringen 1889), während I r m i s c h (Flora von Sondershausen und 
Frankenhausen 1846) an ihrer ürsprünglichkeit zweifelt. 

') Vgl. dazu Prahls ausführliche Erörterung in seiner kritischen Flora 
von Schleswig-Holstein II, S. 269 ff. 

') Dass ich in diesem einen Falle auch so genau die Grenze ausserhalb des 
Gebietes bespreche, geschieht nur mit Rücksicht auf die zahlreichen, im zweiten 
Abschnitt hiermit zu vergleichenden Pflanzen. 

') Auf Läsö wurde im 17. Jahrhundert der letzte dänische Kiefernwald ver 
nichtet (vgl. Krause in Englers bot. Jahrbüchern XIV, S. 522). 



15] NadelwaldSora Norddeut achlanda. 331 

Lapplaod &uf (58 " 50' herabgedrUckt und verläuft dann gegen Ostnordost 
zum Sodufer des Enaresees und längs des Nendamajokiflusses zum 
PasTigfjord 69 " 30' am Eismeer '). Von da an senkt sich die Linie 
allmählich schwach nach Südost und von der OstkDate Eolas an stärker, 
entspricht eine Zeitlang etwa dem 67." n. Br., schneidet wiederholt den 
Polarkreis, um vielleicht etwas weiter nördlich den Ural zu tlber- 
ächreiten *), doch finden sich noch jenseits dieser Linie, die zusammen- 
hängende Kiefernwälder umgrenzt, vereinzelte Vorkommnisse des Baumes. 
Weiter gebt die Polargrenze durch Sibirien, den Ob etwas nördlich 
von öü" und nach geringer Senkung die Lena etwa unter gleicher 
Breite Oberschreitend , senkt sich dann weiter ostwärts stellenweise, so 
un Ijeiko bis 154 " n. Br. und erreicht den östlichsten Punkt am Sud- 
abhang des Werchojanski sehen Gebirges. Von da beginnt die Ost- 
grenze, die südwärts vom Stanowoigebii^e und von da durchs Qebiet 
der Seja zum oberen Amur hinzieht, an dessen linkem Ufer sie sich 
weit südwärts erstreckt. Die Südgrenze scheint sich am Nordrand des 
ceotralasiatischen Steppengebiets hinzuziehen, da die Kiefer noch in 
dem sibirischen Baikalgebiet und Altai '') nachgewiesen ist. Von da finden 
dich bis zur Kirgisensteppe Kiefern inseln , in denen Birken, Espen, 
Ulmen, Schwarzpappeln und Weiden den Kiefern bei